Goetheanism
An Impulse for Transformation and a Concept of Resurrection
Human and Social Science
GA 188
10 January 1919, Dornach
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Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Als gesprochen worden ist von dem, was die Menschen der Gegenwart abhält, sich zur Anerkennung der geistigen Welt zu finden, wie sie durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gemeint sein muß, so ist hingewiesen worden auf zwei Dinge in der menschlichen Seelenverfassung, die diese Abhaltung in der menschlichen Seele bewirken. Das ist auf die Mutlosigkeit, Kraftlosigkeit gegenüber der Anerkennung des Geistes, und auf die Interesselosigkeit gegenüber der wirklichen Gestalt des geistigen Lebens. Nun möchte ich gerade heute auf diese Dinge von einem Gesichtspunkte aus eingehen, von dem aus ich bisher noch weniger auf sie hingewiesen habe. Wenn solche Dinge besprochen werden, so muß immer berücksichtigt werden, daß der gewöhnliche, gesunde Menschenverstand — ich habe es oft gesagt — ausreicht, um alle Dinge der Geisteswissenschaft zu verstehen, um alle Dinge der Geisteswissenschaft vorurteilslos in sich aufzunehmen. Man hat, wenn ich so sagen darf, in unserer Gegenwart durch diese Tatsache, daß der richtig angewandte gesunde Menschenverstand ausreicht, um die Dinge der geistigen Welt zu verstehen, in einem gewissen Sinne dutch dieses bloße Verstehen, durch das vorurteilslose Aufnehmen alles dasjenige, was der untersuchende Geisteswissenschafter selbst von der geistigen Welt hat. Und man hat, wenn man nur den Mut und das Interesse hat, diese Dinge durch den gesunden Menschenverstand aufzunehmen, dann selbst die Möglichkeit, langsam und allmählich, je nachdem es das eigene Karma gestattet, in diese geistige Welt aufzusteigen. Das ist schon heute notwendig und wird immer mehr allen Menschen notwendig sein, die geistige Welt einfach im gesunden Menschenverstande so verstehen zu lernen, wie von der geistigen Welt in der Geisteswissenschaft gesprochen wird. Wie weit der Mensch sich reif machen kann, selbst in die geistige Welt hineinzuschauen, das ist eine ganz andere Frage, das ist eine Frage, welche auch nur abgemacht werden kann in jedem einzelnen intimsten Seeleninneren, und die auch jeder in diesem Seeleninneren richtig abmachen wird, wenn er einfach durch den gesunden, nicht durch naturwissenschaftliche oder andere Dinge beeinträchtigten Menschenverstand die Dinge der geistigen Welt zu verstehen sucht.
[ 1 ] When discussing what prevents people today from coming to terms with the spiritual world—as it must be understood by anthroposophically oriented spiritual science—reference has been made to two aspects of the human soul’s constitution that give rise to this resistance within the human soul. These are a sense of despondency and lack of strength in the face of recognizing the spirit, and a lack of interest in the true nature of spiritual life. Today, I would like to address these matters from a perspective that I have so far touched upon even less. When such matters are discussed, one must always bear in mind that ordinary, sound common sense—as I have often said—is sufficient to understand all aspects of spiritual science and to take them in without prejudice. One has, if I may put it this way, in our time—through the fact that properly applied common sense is sufficient to understand the things of the spiritual world—in a certain sense, through this mere understanding, through this unbiased acceptance, everything that the investigating spiritual scientist himself has from the spiritual world. And if one has the courage and interest to take in these things through common sense, then one has the opportunity oneself to ascend into this spiritual world slowly and gradually, as one’s own karma permits. It is already necessary today—and will become increasingly necessary for all people—to learn to understand the spiritual world simply through common sense, in the way that spiritual science speaks of it. To what extent a person can prepare themselves to look into the spiritual world is an entirely different question—one that can only be resolved in the innermost depths of each individual’s soul, and which everyone will correctly resolve within that innermost part of their soul if they simply seek to understand the things of the spiritual world through sound human reason, unclouded by natural science or other influences.
[ 2 ] Nun handelt es sich vor allen Dingen darum: Warum vermeiden es so viele Menschen, diesen gesunden Menschenverstand heute so walten zu lassen, daß er dasjenige verstehen kann, oder bereit ist, es aufzunehmen, was aus der Geisteswissenschaft kommt? Nun, über diese Frage kann man sich etwas unterrichten, wenn man hört, wie es eigentlich mit den Dingen und Wesen der geistigen Welt aussieht, wenn der Geistesforscher in diese Welt eintritt. Ältere Zeiten haben ihre Eingeweihten über vieles anders sprechen lassen in bezug auf die geistige Welt, als heute gesprochen werden muß. Aber es gibt selbstverständlich auch vieles, was in älteren Zeiten ähnlich gesagt werden konnte, wie es heute noch gesagt werden kann. So namentlich ist immer in einer Weise, die heute noch richtig ist, ausgesprochen worden, was eigentlich geschieht, wenn ein Mensch in einem seelisch unreifen Zustande in die geistige Welt eintreten will. Heute kann ja das so geschehen, daß der Mensch sich sagt: Ach was, gesunder Menschenverstand! — Den muß man aber mindestens anstrengen, wenn man die geistige Welt erfassen will! Diese Anstrengung lieben die Menschen nicht; sie lieben es mehr, auf Autoritätsglauben hin das oder jenes anzuerkennen. Gesunden Menschenverstand lieben heute die Menschen wirklich viel weniger, als sie glauben, und da möchten sie gewissermaßen diesen Gebrauch des gesunden Menschenverstandes umgehen und möchten, was ihnen leichter dünkt, wenn auch vielleicht das Urteil unbewußt gefällt wird, durch allerlei Brüten, das sie dann Meditation nennen und dergleichen, in die geistige Welt direkt eindringen. Gerade das ist sehr verbreitet, daß man eigentlich in die geistige Welt eindringen möchte mit Umgehung des gesunden Menschenverstandes. Da haben aber schon ältere in diese Dinge Eingeweihte das Richtige gesagt und wiederholen es heute immer wiederum. Wenn jemand unreif in seiner ganzen Seelenverfassung eindringen will in die geistige Welt, dann kommt es nur allzuleicht vor, daß er nach einiger Zeit seinen ganzen Versuch scheitern läßt; so ungefähr scheitern läßt, daß ihm ein Gefühl zurückbleibt, welches ähnlich ist dem, wenn man eine heißglühende Kohle anfaßt und in dem Zwischenzustand ist, sich zu verbrennen oder abzulassen. Diese Empfindung ist eine solche, die sehr häufig auftritt bei Meditanten. Sie versuchen nicht, in demselben Maße ihren gesunden Menschenverstand walten zu lassen wie den Eifer bei den sogenannten Übungen, die ja an sich selbstverständlich sehr berechtigt sind. Aber es ist immer betont worden: Der gesunde Menschenverstand darf nicht ausgeschlossen werden, und er muß aktiv, emsig angewendet werden. Wenn man versucht, eine Zeitlang so zu üben, daß man den gesunden Menschenverstand ausschließt, namentlich auch eine gewisse moralische Selbstzucht ausschließt, die man sich eben noch nicht erworben hat, dann tritt eben dieses Eigentümliche ein, daß man das Ganze so empfindet, wie wenn man mit den Fingern glühende Kohlen berührt, oder vielmehr nicht ganz berührt, sondern zurückzuckt. So zucken die Menschen vor der geistigen Welt zurück. Wie gesagt, es ist das immer betont worden. Es ist betont worden, weil es eine Erfahrung ist, die unzählige Lehrer der Geisteswissenschaft in früheren Zeiten, als sie atavistisch betrieben worden ist, gemacht haben, eine Erfahrung, die auch in der Gegenwart sehr vielfach gemacht werden kann. Es wird das betont, aber wir müssen heute einmal darauf sehen, was der Grund ist, warum diese Empfindung des Anrührens und Zurückzuckens wie vor glühender Kohle eigentlich eintritt.
[ 2 ] The main question is this: Why do so many people today avoid applying their common sense in such a way that they can understand—or are willing to accept—what comes from spiritual science? Well, one can gain some insight into this question by hearing what the things and beings of the spiritual world are actually like when the spiritual researcher enters that world. In earlier times, initiates spoke about many aspects of the spiritual world differently than we must speak of them today. But of course there is also much that could be said in earlier times in a similar way to how it can still be said today. In particular, it has always been expressed—in a way that is still true today—what actually happens when a person in a spiritually immature state wishes to enter the spiritual world. Today, this can happen when a person says to themselves: “Oh, come on, common sense!” — But one must at least exert that common sense if one wants to grasp the spiritual world! People do not like this effort; they prefer to accept this or that based on blind faith in authority. People today really value common sense far less than they think, and so they would like, as it were, to bypass the use of common sense and, through all sorts of brooding—which they then call meditation and the like—penetrate directly into the spiritual world, even if the judgment is perhaps made unconsciously. This is precisely what is very widespread: the desire to penetrate the spiritual world while bypassing common sense. Yet those who have long been initiated into these matters have already spoken the truth and continue to repeat it again and again today. If someone whose entire soul is still immature attempts to enter the spiritual world, it is all too easy for them to see their entire endeavor fail after some time—to fail in such a way that they are left with a feeling similar to that of touching a red-hot coal and being in that liminal state between burning oneself and pulling away. This sensation is one that occurs very frequently among meditators. They do not try to exercise their common sense to the same extent as their zeal in the so-called exercises, which are, of course, very justified in themselves. But it has always been emphasized: Common sense must not be excluded, and it must be applied actively and diligently. If one tries to practice in this way for a while—excluding common sense, and in particular excluding a certain moral self-discipline that one has not yet acquired—then this peculiar phenomenon occurs: one experiences the whole thing as if one were touching glowing coals with one’s fingers, or rather, not quite touching them, but recoiling. This is how people recoil from the spiritual world. As I said, this has always been emphasized. It has been emphasized because it is an experience that countless teachers of spiritual science had in earlier times, when it was practiced in an atavistic manner—an experience that can still be had very frequently today. This is emphasized, but today we must examine the reason why this sensation of touching and recoiling—as if before a glowing coal—actually occurs.
[ 3 ] Nun können wir, wenn wir Verständnis suchen für diese Tatsache, uns an eine Grundwahrheit unserer Geisteswissenschaft erinnern, die uns völlig geläufig ist, nämlich daran, wie wir uns als Menschen verhalten, wenn wir unser volles Leben, das zwischen Wachen und Schlafen wechselt, ins Auge fassen. Wenn wir die alten Ausdrücke beibehalten, so können wir sagen, daß wir, während wir schlafen, den physischen Leib und den ätherischen Leib im Bette liegen lassen und mit dem Ich und dem astralischen Leib in der Welt, die uns sonst umgibt, ausgeflossen sind, wenn ich mich so ausdrücken darf. Wir sind dann nicht in dem Gehäuse unseres Leibes, wenn wir schlafen, wir sind in der Welt ringsumher ausgegossen. Unser Bewußtsein als das eines Menschen ist dann, wenn wir schlafen, so gering. Wenn der Schlafzustand nicht durch Träume unterbrochen wird, was eine gewisse Erhöhung der Intensität des Bewußtseins bedeutet, sondern wenn wir den traumlosen Schlaf ins Auge fassen, dann ist unser Bewußtsein so gering, daß wir nicht die unendlich bedeutsame Summe von Erlebnissen gewahr werden, die wir durchmachen, wenn wir in dem Zustande zwischen Einschlafen und Aufwachen sind. Nun ist gerade das, was wir wirklich ins Auge fassen sollen, nicht das abstrakte Wort: Im Schlafe sind wir im Ich und im astralischen Leib außer dem physischen Leibe —, sondern das sollen wir ins Auge fassen, daß unser Leben ein ungeheuer reiches ist zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Wir wissen es nur nicht, weil unser Bewußtsein dann geschwächt ist, weil unser Schlafbewußtsein noch nicht so stark ist wie dasjenige Bewußtsein, das wir mit dem Werkzeuge des physischen Leibes verbinden können. In der Tat, ein ungeheuer intensives Erleben findet statt vom Ich und vom astralischen Leib innerhalb der Welt, in der wir sonst auch drinnen sind, ein intensives Erleben. Nur wird der Mensch durch seinen gewöhnlichen Erdenzustand behütet davor, dieses Leben unmittelbar wahrzunehmen, dieses Leben, das man entfaltet, indem man sich, wenn ich mich so ausdrücken darf, als Ich und astralischer Leib hindurchzwängt durch dieselben Dinge zunächst, in denen wir auch dann sind, wenn wir im Wachzustande uns unseres physischen Leibes und seiner Werkzeuge bedienen. Das Leben im Schlafzustand ist ein ungeheuer reiches. Aber dieses Leben hört nicht auf, wenn wir aufwachen und in unseren physischen Leib und Ätherleib untertauchen. Wir sind auch dann durch unser Ich und durch unseren astralischen Leib mit unserer Umwelt verbunden in einer Weise, von der das gewöhnliche Bewußtsein keine Ahnung hat. Nur wird es eben nicht bemerkt. Man kann nun dieses Verhältnis gerade genauer ins Auge fassen. Man kann sich fragen: Wie ist denn das nun eigentlich, was da als Verhältnis unseres Seelisch-Geistigen zu unserem Physisch-Leiblichen sich ergibt?
[ 3 ] Now, if we seek to understand this fact, we can recall a fundamental truth of our spiritual science with which we are thoroughly familiar—namely, how we, as human beings, behave when we contemplate our full life, which alternates between waking and sleeping. If we stick to the old terms, we can say that while we sleep, we leave the physical body and the etheric body in bed and, if I may put it that way, have flowed out into the world that otherwise surrounds us with the “I” and the astral body. We are not then within the shell of our body when we sleep; we are poured out into the world around us. Our consciousness as that of a human being is so diminished when we sleep. If the state of sleep is not interrupted by dreams—which signifies a certain increase in the intensity of consciousness—but rather if we consider dreamless sleep, then our consciousness is so limited that we do not perceive the infinitely significant sum of experiences we go through when we are in the state between falling asleep and waking up. Now, what we should really take into account is not the abstract statement—“In sleep, we are in the ‘I’ and in the astral body, outside the physical body”—but rather the fact that our life is immensely rich in the period between falling asleep and waking up. We simply do not know this because our consciousness is weakened at that time; our sleeping consciousness is not yet as strong as the consciousness we can connect to through the instrument of the physical body. In fact, an immensely intense experience takes place for the “I” and the astral body within the world in which we are otherwise also present—an intense experience. It is only that human beings are shielded by their ordinary earthly state from directly perceiving this life—this life that one unfolds by, if I may put it this way, forcing oneself through as the “I” and the astral body, initially through the very same things in which we also find ourselves when, in the waking state, we make use of our physical body and its instruments. Life in the sleeping state is immensely rich. But this life does not cease when we wake up and immerse ourselves in our physical and etheric bodies. Even then, through our “I” and our astral body, we remain connected to our surroundings in a way of which ordinary consciousness has no inkling. It is simply not noticed. We can now examine this relationship more closely. We can ask ourselves: What exactly is this relationship that arises between our soul-spiritual nature and our physical-bodily nature?
[ 4 ] Es wäre für unseren gegenwärtigen Erlebniszustand eine sehr schlimme Sache, wenn wir immerfort — was wir gar nicht tun, aber wenn wir es täten, müßten wir es immerfort tun, wir könnten gar nicht anders — wahrnehmen müßten, was wir schlafend mit den Dingen draußen im Raum und in der Zeit erleben. Unser Leib nämlich hat eine gewisse Eigentümlichkeit gegenüber diesen Erlebnissen. Er schwächt, so kann man sagen, diese Erlebnisse ab. Alles das, was wir eigentlich in Wahrheit erleben mit unserer Umwelt, das schwächt unser Leib ab, und wir nehmen nur die Abschwächung unseres Leibes wahr, nicht unsere wirklichen Erlebnisse. Unsere wirklichen Erlebnisse verhalten sich zu dem, was wir durch unseren Leib von unserer Umgebung wahrnehmen — und das ist ein sehr, sehr treffendes Bild, weil es eigentlich nicht bloß ein Bild ist, sondern einer okkulten Wirklichkeit entspricht —, unser Leib oder die Erlebnisse unseres Leibes verhalten sich zu unseren wirklichen Erlebnissen, wie sich das Sonnenlicht, das auf den Stein scheint und vom Stein so zurückkommt, so daß wir den Stein sehen können, zu dem wirklichen Sonnenlichte verhält, das uns oben von der Sonne entgegenschaut. Sehen Sie auf den Stein, auf den das Sonnenlicht fällt: Sie können den Stein anschauen, das reflektierte, das zurückgeworfene Licht können Sie mit Ihren Augen vertragen. Wenden Sie sich vom Stein zur Sonne und schauen starr in die Sonne, werden Sie geblendet. So ist es ungefähr mit dem Verhältnis unserer wirklichen Erlebnisse gegenüber unserer Umwelt zu dem, was wir durch die Werkzeuge unseres Leibes erleben. Das, was wir wirklich mit der Umgebung erleben, hat die Stärke des Sonnenlichtes, und dasjenige, was wir durch die Werkzeuge des Leibes erleben, hat von dieser Stärke bloß jene Abschwächung, welche das abgeschwächte Licht, das uns irgendein Gegenstand zurückwirft, von der Stärke des Sonnenlichtes hat. Wir sind Sonnenwesen in unserem innersten Menschen; aber wir können es jetzt noch nicht ertragen, Sonnenwesen zu sein. Daher müssen wir, so wie wir mit unseren äußeren physischen Augen sehen müssen auf das abgeschwächte Sonnenlicht, weil uns das direkte Sonnenlicht blendet, unsere Umgebung wahrnehmen durch das abgeschwächte Erlebnis unseres Leibes und seiner Werkzeuge, weil wir nicht unmittelbar uns entgegenstellen können dem, was wir wirklich von unserer Umgebung erleben. Wir sind tatsächlich so als Menschen, wie wenn wir geblendet wären vom Sonnenstrahl, und das, was wir von uns und von der Welt wissen, ist nicht unseres Wesens, ist nicht, als wenn es unmittelbar erlebt würde im strrömenden Sonnenstrahl, sondern ist so wie das Licht, das uns zurückgeworfen wird von den Gegenständen und das unsere Augen nicht mehr blendet. Daraus können Sie aber entnehmen, daß wenn Sie nun aufwachen in der Welt, die das gewöhnliche Bewußtsein nicht ertragen kann, Sie das Gefühl haben, wie wenn Sie im Sonnenstrahl drinnen wären, wie wenn Sie wirklich mit dem Sonnenstrahl leben würden. Und in der wirklichen Erfahrung, im wirklichen Erlebnis ist es sogar der sehr konzentrierte Sonnenstrahl.
[ 4 ] It would be a very bad thing for our present state of experience if we were constantly—which we are not, but if we were, we would have to do it constantly; we could not do otherwise—forced to perceive what we experience while asleep with the things out there in space and time. For our body has a certain peculiarity with regard to these experiences. It attenuates, so to speak, these experiences. Everything that we actually experience in reality with our environment is attenuated by our body, and we perceive only the attenuation caused by our body, not our actual experiences. Our actual experiences stand in relation to what we perceive of our surroundings through our body—and this is a very, very apt image, because it is not merely an image but corresponds to an occult reality— our body—or the experiences of our body—relates to our actual experiences in the same way that sunlight shining on a stone and reflecting back from it—so that we can see the stone—relates to the actual sunlight shining down on us from the sun above. Look at the stone onto which the sunlight falls: you can look at the stone; your eyes can tolerate the reflected, the cast-back light. If you turn away from the stone toward the sun and stare directly into the sun, you will be blinded. This is roughly how the relationship between our actual experiences of our surroundings and what we experience through the instruments of our body compares. What we truly experience in our surroundings has the intensity of sunlight, and what we experience through the senses of our body is merely as much attenuated as the diffused light reflected back to us by any object is compared to the intensity of sunlight. We are solar beings in our innermost being; but we cannot yet bear to be solar beings. Therefore, just as we must look at the dimmed sunlight with our outer physical eyes because direct sunlight dazzles us, we must perceive our surroundings through the dimmed experience of our body and its senses, because we cannot directly confront what we truly experience of our surroundings. As human beings, we are in fact like people who are dazzled by a ray of sunlight, and what we know about ourselves and the world is not of our true nature; it is not as if it were experienced directly in the streaming ray of sunlight, but rather like the light that is reflected back to us from objects and no longer dazzles our eyes. From this, however, you can deduce that when you now awaken into the world—which ordinary consciousness cannot bear—you have the feeling of being inside the sunbeam, as if you were truly living within the sunbeam. And in the actual experience, in the real lived experience, it is even the highly concentrated sunbeam.
[ 5 ] Da haben Sie die Tatsache für dasjenige, was oftmals gesagt wird, daß die Leute wie heißglühende Kohlen das geisteswissenschaftliche Erlebnis wegwerfen. Sie kommen in eine Region des Erlebens hinein, in der so erlebt wird, wie das seelische Erlebnis ist, wenn Sie sich physisch den Finger verbrennen: da zucken Sie zunächst zurück, wollen ihn nicht verbrennen. Sie dürfen nur das, was ich sage, natürlich nicht umkehren: Niemand kann dadurch, daß er sich physisch den Finger verbrennt, zum geistigen Erlebnisse kommen. Deshalb sagte ich — in der Geisteswissenschaft muß immer genau gesprochen werden —, wie das seelische Erlebnis, wenn man sich den Finger verbrennt.
[ 5 ] There you have the evidence for what is often said: that people cast aside the spiritual-scientific experience as if it were red-hot coals. You enter a realm of experience where the experience is similar to the psychological experience of physically burning your finger: at first you flinch, not wanting to burn it. Of course, you must not reverse what I am saying: No one can arrive at a spiritual experience simply by physically burning their finger. That is why I said—in spiritual science, one must always speak precisely—that it is like the psychological experience of burning one’s finger.
[ 6 ] Tatsächlich ist es so, daß der Eintritt in die geistige Welt zunächst durchaus nicht dasjenige ist, was im Menschen eitel Seligkeit bewirkt, sondern dieser Eintritt in die geistige Welt ist ein solcher, daß er — es gibt natürlich viele andere solche Erlebnisse — erkauft werden muß mit jener inneren, man könnte schon sagen Unseligkeit, welche man erlebt, wenn man sich zum Beispiel durch Feuer verbrennt. Geistig erlebt man zunächst genau dasselbe mit den Dingen und Wesenheiten und Vorgängen der geistigen Welt, wie wenn man sich zum Beispiel verbrennt. Die wirklichen Erfahrungen der geistigen Welt müssen durch solche leidvollen Erlebnisse erworben werden. Dasjenige, was von diesen Erfahrungen der geistigen Welt Seligkeit bereitet, was Befriedigung dem Leben gibt, das ist der Gedankennachglanz. Das kann derjenige, der durch Mitteilung diese Erlebnisse bekommt und durch den gesunden Menschenverstand sie auffaßt, ebenso haben wie derjenige, der eintritt in die geistige Welt. Nur müssen natürlich einzelne Menschen in die geistige Welt eintreten, sonst würde niemals irgend etwas erfahren werden können von der geistigen Welt.
[ 6 ] In fact, entering the spiritual world is by no means, at first, something that brings about pure bliss in a person; rather, this entry into the spiritual world is such that—and there are, of course, many other such experiences—it must be paid for with that inner, one might even say, misery that one experiences when, for example, one burns oneself with fire. Spiritually, one initially experiences exactly the same thing with the things, beings, and processes of the spiritual world as one does, for example, when one burns oneself. The true experiences of the spiritual world must be acquired through such painful experiences. What brings bliss from these experiences of the spiritual world—what gives satisfaction to life—is the afterglow of thought. Those who receive these experiences through communication and comprehend them using common sense can have this just as much as those who enter the spiritual world. Of course, some individuals must enter the spiritual world; otherwise, nothing could ever be learned about the spiritual world.
[ 7 ] Diese Tatsache, die ich angeführt habe, die muß berücksichtigt werden. Es ist im Grunde genommen nicht so schwierig, schon aus äußeren Tatsachen das zu entnehmen, was ich jetzt auseinandergesetzt habe. Sie werden überall finden, da wo im Ernste, nicht scharlatanhaft, von der geistigen Welt gesprochen wird, daß immer gesprochen wird von dem Durchgang nicht durch freudige, sondern durch leidvolle Erlebnisse. Und Sie wissen, wie oft ich es besprochen habe, daß derjenige, der sich ein wenig wirkliche Erkenntnisse der geistigen Welt im Leben erworben hat, auf die Schmerzen seines Lebens, auf das Leid seines Lebens nicht unwirsch zurückblickt. Denn ein solcher sagt sich: Die Freuden, die erhebenden Momente des Lebens nehme ich gewiß als eine göttliche Gabe dankbar hin und juble über mein Schicksal, daß mir solche freudvolle, erhebende Momente zuteil geworden sind; aber meine Erkenntnisse habe ich von meinen Schmerzen, meine Erkenntnisse habe ich von meinen. Leiden. — Das wird jeder sagen, der wirkliche Erkenntnisse der geistigen Welt erworben hat. Hier auf der physischen Erde lassen sich Erkenntnisse der geistigen Welt nicht anders als auf diese Weise erwerben.
[ 7 ] This fact, which I have cited, must be taken into account. It is, in fact, not that difficult to deduce from external facts alone what I have just explained. You will find everywhere—wherever the spiritual world is discussed seriously, not in a charlatanish manner—that there is always talk of a journey not through joyful, but through painful experiences. And you know how often I have discussed this: that anyone who has gained even a little genuine insight into the spiritual world in life does not look back on the pains of their life, on the suffering of their life, with resentment. For such a person says to himself: I certainly accept the joys, the uplifting moments of life, gratefully as a divine gift, and I rejoice in my fate that such joyful, uplifting moments have been granted to me; but I have gained my insights from my pains, I have gained my insights from my. sufferings.” — This is what everyone who has gained genuine insights into the spiritual world will say. Here on the physical Earth, insights into the spiritual world cannot be gained in any other way.
[ 8 ] Und nun können Sie es verstehen, warum die Leute zurückzucken vor dem Verständnisse der geistigen Welt, trotzdem dieses Verständnis mit dem gesunden Menschenverstand zu erwerben ist. Man zuckt ja gewöhnlich nur vor dem nicht zurück im Verstehen, vor dem man auch nicht zurückzuckt im äußeren Leben. Nun wären Sie natürlich höchst unvernünftig und närrisch, wenn Sie sich willkürlich die Finger verbrennen wollten, um einmal auch zu wissen, wie das ist. Und wiederum, wenn Sie sich die Finger verbrennen, so geben Sie so wenig auf das seelische Erlebnis dabei acht, daß Sie auch da nicht eine eigentliche Erfahrung erwerben, wie es ist, wenn man sich die Finger verbrennt. Ja es gibt sogar eine psychologische Tatsache, welche richtig nur aufgefaßt wird, wenn man sie in dem Lichte sieht, das aus diesen Erkenntnissen fließt. Sie werden vielleicht schon bemerkt haben — ich spreche das nicht zu einem einzelnen von Ihnen, denn jedem einzelnen mute ich das natürlich nicht zu, sondern ich glaube selbstverständlich nur, daß er von diesen Dingen gehört hat —, aber Sie werden es von andern gehört und an andern gemerkt haben, daß sie, wenn sie sich die Finger verbrennen, schreien. Nun, warum schreien manche Menschen, wenn sie sich die Finger verbrennen? Aus dem einfachen Grunde, weil man durch dieses Schreien das seelische Erlebnis dabei übertönt. Die Menschen schreien und jammern überhaupt bei Schmerzen, um sie sich zu erleichtern. Und so können sie auch nicht den vollen Inhalt des Schmerzes im vollen Bewußtsein dann erleben, wenn sie schreien; das ist wirklich ein Übertönen des Leides, die Äußerung des Leides. Kurz, der Mensch hat im gewöhnlichen Leben nicht viel Erfahrung über diejenigen Dinge, die in der geistigen Welt erfahren werden. Dennoch liegt das vor, daß man durch den gesunden Menschenverstand die Dinge begreifen kann, weil sie überall Analogien haben in der äußeren physischen Welt, in der wir unsere Erfahrungen machen. Unverständlich sind die Dinge des geistigen Lebens eben durchaus nicht, aber man muß sich dazu entschließen, gewisse Seeleneigenschaften zu steigern, zum Beispiel den Mut. Man muß einfach den Mut haben, den man gewöhnlich nicht hat, wenn man etwas tut, wovor man zurückzuckt, weil es weh tut. Diesen Mut muß man haben, denn in die geistige Welt einzudringen, tut immer weh. Also man muß gewisse Seelenkräfte steigern. Das ist notwendig, das wollen aber sehr viele Menschen in der Gegenwart nicht, Seeleneigenschaften steigern in der systematischen Weise, wie es angegeben ist zum Beispiel in meinem Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Würden sie sie steigern, dann würde auch in ihrem Begriffsvermögen, in ihrem gesunden Menschenverstand leicht walten dasjenige, was notwendig ist, um durch diesen gesunden Menschenverstand die Erlebnisse des Fingers in der geistigen Welt, das in diesem Sinne nun, wie ich es geschildert habe, ein leidvolles ist, zu verstehen. Wir leben einmal in einer Epoche, in der eine solche Steigerung der menschlichen Seelenverfassung notwendig ist, weil sonst die Menschheit ihr Erdenziel nicht erreichen kann, weil sonst Katastrophe über Katastrophe eintreten müßte und endlich das Chaos kommen würde.
[ 8 ] And now you can understand why people shy away from understanding the spiritual world, even though this understanding can be acquired through common sense. After all, one usually only shies away from understanding things that one does not shy away from in everyday life. Now, of course, you would be utterly unreasonable and foolish if you were to deliberately burn your fingers just to find out what it feels like. And yet, if you do burn your fingers, you pay so little attention to the emotional experience involved that you do not actually gain a true sense of what it is like to burn your fingers. Indeed, there is even a psychological fact that can only be properly understood when viewed in the light that flows from these insights. You may have already noticed—I’m not addressing this to any one of you in particular, for I certainly don’t expect this of any individual, but I naturally assume that you’ve heard of these things—but you’ve heard it from others and observed it in others: when they burn their fingers, they scream. Now, why do some people scream when they burn their fingers? For the simple reason that by screaming, they drown out the spiritual experience involved. People scream and wail whenever they are in pain, in order to relieve it. And so, when they scream, they cannot fully experience the full nature of the pain with full consciousness; this is truly a drowning out of the suffering, the expression of the suffering. In short, in everyday life, people do not have much experience with the things that are experienced in the spiritual world. Nevertheless, it is true that one can understand these things through common sense, because they have analogies everywhere in the outer physical world, where we have our experiences. The things of spiritual life are by no means incomprehensible, but one must resolve to develop certain qualities of the soul, such as courage. One must simply have the courage that one usually lacks when doing something one shrinks from because it hurts. One must have this courage, for entering the spiritual world always hurts. So one must develop certain soul powers. This is necessary, but very many people today do not want to develop these soul qualities in the systematic way described, for example, in my book How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?. If they were to develop these qualities, then what is necessary to understand—through their common sense—the experiences of the finger in the spiritual world—which, in this sense, as I have described, is a painful one—would easily prevail in their cognitive faculties and in their common sense. We are living in an epoch in which such an elevation of the human soul’s condition is necessary, because otherwise humanity cannot achieve its earthly goal; otherwise, catastrophe would follow catastrophe, and ultimately chaos would ensue.
[ 9 ] Nun habe ich aber, indem ich diese Dinge erörtert habe, gerade in dieser Zeit, in der es ganz besonders notwendig ist, ein anderes stark betont. Das ist, daß man mit jener Abschwächung der Seelenverfassung, die nun schon einmal vorhanden ist beim gegenwärtigen Menschen, vorzüglicher Naturforscher im gegenwärtigen Sinne des Wortes sein kann, und man kann auch mit diesem Verstande, der nicht der gesunde Menschenverstand ist, sondern der durch naturwissenschaftliche Autorität hochgetragene Menschenverstand ist, dasjenige, was die Außenseite unserer physischen Umgebung ist, gerade gut verstehen; man kann es nicht innerlich geistig verstehen, aber man kann die Außenseite gerade gut verstehen. Was man aber nicht kann mit den Begriffen, welche die Naturwissenschaft gibt, nicht kann mit dem, was gerade an Aufwendung des Denkens die heutige Menschheit gewöhnt ist, das ist: Ordnung bringen in die nach und nach chaotisch werdende soziale Struktur des menschlichen Zusammenlebens. Mit andern Worten: Die sozialen Forderungen der Gegenwart und der nächsten Zukunft, sie werden niemals lösbar sein durch dasjenige, was das Denken über die Natur und Naturerscheinungen genannt werden kann. Gerade in diesem Punkte müssen unsere Zeitgenossen noch ungeheuer viel lernen. Gerade in diesem Punkte gehen einmal unsere Zeitgenossen nicht mit dem, was Geisteswissenschaft aus dem innersten Verständnis des Wesens unserer Welt heraus sagen muß. Geisteswissenschaft muß ja trotz aller Einwände, die immer mehr und mehr heute gemacht werden, gerade in diesem Punkte sagen: Wie auch herumgepfuscht und herumgedoktert wird auf dem Gebiete der sozialen Fragen, all dieses Herumpfuschen und Herumdoktern wird zu nichts führen, ja im Gegenteil, es wird zu noch gröBerer sozialer Verwirrung führen, als es in einzelnen Gebieten des Erdendaseins schon da ist, wenn nicht anerkannt wird, daß die Einsichten in die sozialen Fragen nur aus der geistigen Erfassung des Weltendaseins kommen können. Die sozialen Fragen müssen geisteswissenschaftlich gelöst werden. Alles übrige ist auf diesen Gebieten Dilettantismus.
[ 9 ] However, in discussing these matters—especially at this time, when it is particularly necessary—I have placed strong emphasis on something else. That is, with the weakened state of mind that is already present in people today, one can be an excellent natural scientist in the current sense of the word, and with this kind of intellect—which is not common sense, but rather human reason elevated by the authority of natural science—one can understand the external aspects of our physical environment quite well; one cannot understand it inwardly and spiritually, but one can understand the external aspects quite well. What one cannot do, however, with the concepts provided by the natural sciences—nor with the kind of mental effort to which modern humanity is accustomed—is to bring order to the social structure of human coexistence, which is gradually becoming chaotic. In other words: The social demands of the present and the near future will never be resolvable through what can be called thinking about nature and natural phenomena. It is precisely on this point that our contemporaries still have an immense amount to learn. It is precisely on this point that our contemporaries do not align with what spiritual science must say, based on the innermost understanding of the nature of our world. Despite all the objections that are being raised more and more today, spiritual science must say precisely this: No matter how much tinkering and tinkering goes on in the realm of social issues, all this tinkering and tinkering will lead to nothing; on the contrary, it will lead to even greater social confusion than already exists in certain areas of earthly life, unless it is recognized that insights into social issues can come only from a spiritual grasp of the nature of the world. Social issues must be resolved through spiritual science. Everything else in these areas is mere amateurism.
[ 10 ] Da müssen wir, um von einem gewissen Gesichtspunkte aus über die Dinge zu sprechen, uns an das andere wenden. Was die Menschen gegenwärtig so sehr abhält, an das Geisteswissenschaftliche heranzudringen, das ist die Interesselosigkeit gegenüber dem geistigen Leben. Diese Interesselosigkeit gegenüber dem geistigen Leben haben ja fast alle Naturforscher der Gegenwart. Sie sind gleichgültig gegenüber dem geistigen Leben. Sie negieren es oder bringen in Gesetze, was sie mit den physischen Sinnen beobachten, was sich durch das Mikroskop oder Teleskop beobachten läßt; aber sie haben kein Interesse an dem, was jeder Blick, jeder wirkliche Blick in die Natur verrät: daß hinter den Naturerscheinungen und Naturtatsachen Geistiges waltet. Aber insbesondere ist diese Interesselosigkeit gegenüber dem Geiste heute vorhanden bei denen, die in den sozialen Fragen herumpfuschen und herumdoktern wollen. Und da liegt noch ein besonderer Grund vor.
[ 10 ] In order to speak about these things from a certain perspective, we must turn to the other side. What currently prevents people so much from engaging with spiritual science is their lack of interest in spiritual life. Almost all natural scientists today share this lack of interest in spiritual life. They are indifferent to spiritual life. They deny it or reduce to laws what they observe with their physical senses—what can be observed through a microscope or telescope—but they have no interest in what every glance, every true glance into nature reveals: that behind natural phenomena and facts, the spiritual reigns. But this lack of interest in the spiritual is particularly prevalent today among those who want to tinker and meddle with social issues. And there is another specific reason for this.
[ 11 ] Aus mancherlei Dingen, die ich in der letzten Zeit besprochen habe, werden Sie entnehmen können, daß wir in einem ganz besonderen inneren Seelenleben sind, wenn wir als Mensch dem Menschen gegenüberstehen. Ich habe es radikal ausgedrückt, in welcher Seelenverfassung wir da sind, wenn wir als Mensch dem Menschen gegenüberstehen. Ich habe Ihnen gesagt: Eigentlich hat das einander Gegenüberstehen von Mensch zu Mensch auf uns immer etwas Einschläferndes. Wir schlafen mit Bezug auf die innersten Eigentümlichkeiten unseres Menschenwesens eigentlich ein durch die Gegenwart des andern Menschen. Daß wir durch unser äußeres Verhalten über dieses Einschlafen getäuscht werden, das ist nicht zu verwundern. Denn gewiß, wir sehen mit Augen den andern Menschen, wir reichen ihm sogar die Hand und betasten ihn, aber das hindert doch nicht, daß unser tieferes menschliches Wesen durch den andern Menschen eingeschläfert wird. So wie wir abends mit Bezug auf die äußere Natur einschlafen, so schläft etwas in uns ein durch die Gegenwart des andern Menschen. Aber wenn es einschläft, hört es deshalb nicht auf, wirksam zu sein. Und so finden immerfort Wirkungen von Mensch zu Mensch statt im sozialen Leben, über die die Menschen gerade dadurch, daß sie mit Menschen zusammen sind, kein klares Bewußtsein haben können. Gerade das Wichtigste im sozialen Leben entgeht den Menschen in bezug auf das gewöhnliche Bewußtsein, weil für dieses Wichtigste im sozialen Leben eigentlich gerade das Vorstellungsvermögen eingeschläfert wird und der Mensch instinktiv handelt. Kein Wunder, daß im sozialen Leben heute, wo im Bildvorstellen der Intellekt am leichtesten einzuschläfern ist, die wüstesten Instinkte walten und sogar als wüsteste Instinkte für ganz berechtigt erklärt werden, weil das klare Denken über diese Dinge einfach durch das Zusammensein von Mensch und Mensch eingeschläfert wird. Aber in dem Augenblicke, wo der Mensch in die geistige Welt eintritt, da wacht das auf, was eingeschläfert wird, da wird klar, was zwischen Mensch und Menschen waltet. Da können daher auch gefunden werden die Lösungen der sogenannten sozialen Fragen und sozialen Forderungen. Die können also nur gefunden werden, wie ich schon einmal hier sagte, jenseits der Schwelle des sinnlichen Bewußtseins. Und was die Menschheit wird haben wollen in der Zukunft von sogenannten Lösungen der sozialen Fragen, das wird, wenn es wahre Lösungen der sozialen Fragen sein sollen, nur gewonnen werden können auf dem Wege der Geisteswissenschaft, das heißt, der Wissenschaft vom Übersinnlichen, weil alles Zusammenleben der Menschen in seinen intimeren Unterlagen übersinnlicher Natur ist.
[ 11 ] From various things I have discussed recently, you will be able to gather that we are in a very special inner state of mind when we stand face to face with another human being. I have expressed quite radically the state of mind we are in when we stand face to face with another human being. I have told you: In truth, this face-to-face encounter between human beings always has a somewhat soporific effect on us. We actually fall asleep—in terms of the innermost characteristics of our human nature—in the presence of another human being. It is not surprising that our outward behavior deceives us about this falling asleep. For certainly, we see the other person with our eyes, we even shake their hand and touch them, but that does not prevent our deeper human being from being lulled to sleep by the other person. Just as we fall asleep in the evening in relation to the external natural world, so something within us falls asleep through the presence of the other person. But when it falls asleep, it does not cease to be effective. And so, in social life, interactions between people are constantly taking place of which people, precisely because they are together with others, cannot have a clear awareness. It is precisely the most important aspect of social life that escapes people in terms of ordinary consciousness, because, with regard to this most important aspect of social life, the power of imagination is actually lulled to sleep, and people act instinctively. No wonder that in social life today—where the intellect is most easily lulled to sleep in the realm of imagery—the most savage instincts reign supreme and are even declared to be entirely justified as such, because clear thinking about these matters is simply lulled to sleep by the mere fact of human interaction. But the moment a person enters the spiritual world, what has been lulled to sleep awakens, and it becomes clear what prevails between people. There, therefore, the solutions to the so-called social questions and social demands can also be found. As I have said here before, these can only be found beyond the threshold of sensory consciousness. And whatever humanity will seek in the future in the way of so-called solutions to social issues—if these are to be true solutions to social issues—can only be attained through spiritual science, that is, the science of the supersensible, because all human coexistence is, in its innermost foundations, of a supersensible nature.
[ 12 ] Wenn man aber diejenigen Dinge geistig erleben will, die sich auf Mensch und Menschheit beziehen, die sich auf die menschliche soziale Struktur beziehen, da muß man in sein ganzes Vorstellungsvermögen, in alles das, was man erlebt, etwas hineinbringen, wovon Sie gleich sehen werden, daß es heute im gewöhnlichen Bewußtsein kaum vorhanden ist. Es gibt nur eines hier in der physischen Welt an Empfindungen, an Gefühlen, welche gleich sind mit den Empfindungen und Gefühlen, die jemand haben muß, wenn er nicht wesenlos, sondern wesentlich die sozialen Gesetze, die sozialen Impulse erforschen will. Das gibt es nur eingeschränkt hier in der physischen Welt, und zwar dann, wenn ein vollständig gesundes, ein vollständig richtiges Verhältnis vorhanden ist zwischen Vater, Mutter und Kind, im Heranziehen von Vater, Mutter und Kind. In aller, was sonst erlebt werden kann im Umkreis der Welt zwischen Mensch und Mensch, gibt es das nicht zunächst für das gewöhnliche Bewußtsein.
[ 12 ] But if one wishes to experience spiritually those things that relate to the individual and to humanity—that relate to the human social structure—one must bring into one’s entire power of imagination, into everything one experiences, something of which you will soon see that it is scarcely present in ordinary consciousness today. There is only one thing here in the physical world—in terms of sensations and feelings—that corresponds to the sensations and feelings one must have if one wishes to explore social laws and social impulses not superficially but in a substantive way. This exists only to a limited extent here in the physical world, namely when a completely healthy, completely proper relationship exists between father, mother, and child—in the upbringing of father, mother, and child. In everything else that can be experienced in the sphere of human interaction, this does not initially exist for ordinary consciousness.
[ 13 ] Nun versuchen Sie, diese Mutterliebe sich klarzumachen, jene Liebe, welche die Mutter entfaltet, wenn sie ein Kind unmittelbar geboren hat, diese ganz selbstverständlich aus der Natur quellende Mutterliebe zum Kinde — Sie können es schon in diesem Radikalismus tun —, und fragen Sie jetzt, ob in all den wissenschaftlichen Untersuchungen, welche Gelehrte gewöhnlich pflegen — auch solche Gelehrte, welche sozialwissenschaftliche Untersuchungen machen —, diese Mutterliebe waltet? Diese Mutterliebe muß man haben zu den Gedanken, die man über die soziale Struktur entfaltet, wenn diese Gedanken wesentlich sein sollen und nicht wesenlos. Es gibt im menschlichen Leben nichts anderes, was sozial richtig gedacht sein könnte, als dasjenige, welches mit Mutterliebe sozial gedacht ist.
[ 13 ] Now try to understand this maternal love—the love a mother feels immediately after giving birth to a child, this maternal love for the child that springs quite naturally from nature — you can already do so in this radical sense — and ask yourself now: Does this maternal love prevail in all the scientific investigations that scholars typically conduct—including those scholars who conduct social science research? One must have this maternal love for the ideas one develops regarding social structure if these ideas are to be substantial and not insubstantial. There is nothing else in human life that can be thought of in a socially correct way other than that which is conceived socially with motherly love.
[ 14 ] Und nun nehmen Sie die verschiedenen sozialen Reformatoren und sozialen Denker. Versuchen Sie zum Beispiel so etwas auf sich wirken zu lassen, wie die Schriften von Karl Marx, Schmoller oder Roscher, oder wen Sie wollen, und fragen Sie sich, ob diese, indem sie ihre sogenannten sozialpolitischen Gesetze ausdenken, in diesem Ausdenken der sozialpolitischen Gesetze dasselbe walten lassen, was sonst in der Mutterliebe zu dem Kinde lebt, wenn sich diese Mutterliebe gesund entfaltet? Aber auf das muß man hinweisen: Eine gesunde Lösung der sogenannten sozialen Frage ist nicht anders möglich, als wenn diese Lösung kommt von Denkern, welche — Sie werden verstehen, was ich meine, wenn ich mich jetzt so ausdrücke — Mutterliebe entfalten können beim Lösen ihrer Probleme. Es ist eine sehr menschliche Sache, von der die Lösung der sozialen Forderungen in der Gegenwart abhängt. Es ist nicht eine Sache des Scharfsinns oder der gewöhnlichen Klugheit oder des Gelehrtenglaubens, sondern es ist eine Sache der Erhöhung der Liebefähigkeit bis zu dem Grade, wie sich Mutterliebe entfaltet, oder wir können auch sagen, die unmittelbare, intime Liebe in dem Zusammenleben von Vater, Mutter und Kind.
[ 14 ] And now consider the various social reformers and social thinkers. Try, for example, to let something like the writings of Karl Marx, Schmoller, or Roscher—or whoever you like—sink in, and ask yourself whether these thinkers, in devising their so-called sociopolitical laws, allow the same principle to govern this process of devising sociopolitical laws as that which otherwise lives in a mother’s love for her child when that motherly love unfolds in a healthy way? But this must be pointed out: A healthy solution to the so-called social question is possible only if that solution comes from thinkers who—you will understand what I mean when I put it this way—are capable of cultivating a mother’s love in solving their problems. It is a very human quality upon which the solution to today’s social demands depends. It is not a matter of acumen or ordinary cleverness or scholarly belief, but rather a matter of elevating one’s capacity for love to the degree to which maternal love unfolds—or, we might also say, the immediate, intimate love found in the shared life of father, mother, and child.
[ 15 ] Nun werden Sie mit Recht einen Einwand machen. Sie werden sagen: Nun, auf der Erde ist die Sache schon einmal so eingerichtet, daß die soziale Struktur gewissermaßen zu ihrer engsten Kleinheit die Familie hat, und auf der Erde ist diese Familie als solche selbstverständlich voll berechtigt, und es kann doch nicht die ganze Menschheit eine Familie werden! — Das ist ein Einwand, der natürlich sofort kommen wird. Aber wenn man ausdenken soll soziale Gesetze mit Mutterliebe, so müßte eigentlich daraus folgen, daß die ganze Menschheit eine Familie wird. Das kann natürlich nicht sein. Nur derjenige, der sich Rechenschaft davon gibt, was ein wahrer Gedanke und kein scharlatanhaft abstrakter Gedanke ist, der wird sich gestehen müssen, daß natürlich so unmittelbar der Mensch sich nicht zu jedem Kinde so verhalten kann wie zu seinem Kinde, daß nicht jedes Kind sich zu jeder andern Frau, zu jedem andern Mann so verhalten kann, wie es sich zum Vater, zur Mutter verhält und so weiter. Also kann nicht die ganze Menschheit eine Familie werden. Das ist ganz richtig, aber eben weil das richtig ist, liegt eine andere Notwendigkeit vor. Wir können so, wie wir als physische Menschen hier auf der physischen Erde leben, ganz und gar nicht aus der ganzen Menschheit eine Familie gründen, und wer das wollte, der würde natürlich einen Unsinn wollen. Aber wir können es in anderem Sinne doch. Und in anderem Sinne muß es sogar geschehen. Zum physischen Menschen können wir nicht so stehen, wie Vater, Mutter und Kind stehen. Aber wenn in der Menschheit Platz greifen wird die Erkenntnis, daß in jedem Menschen ein Geistig-Seelisches lebt, daß in jedem Menschen durch die Augen herausleuchtet ein göttlich-geistiges Wesen, aus seinen Worten erklingt die Botschaft eines göttlich-geistigen Wesens, wenn mit andern Worten nicht mehr bloß in abstracto anerkannt wird, daß der Mensch eine unsterbliche Seele hat, sondern in unmittelbarer Empfindung im Gegenübertreten von Mensch zu Mensch es anerkannt wird: Schaue ich dem Menschen ins Auge, so leuchtet mir heraus eine Unendlichkeit, höre ich den Menschen sprechen, so spricht nicht bloß der physische Ton, sondern es erklingt das göttlich-geistige Wesen seiner Seele —, wird das unmittelbare Empfindung, so wie wir irgendeine Fläche blau oder rot empfinden, werden wir empfinden können, daß der Mensch, indem er sich äußert, göttlich-geistiger Natur ist, lernen wir nicht bloß glaubensgemäß anerkennen, daß der Mensch eine unsterbliche Seele hat, sondern nehmen wir diese unsterbliche Seele in der Äußerung des Menschen, unmittelbar wahr: dann ist der Moment eingetreten, wo wir zwar nicht in bezug auf den physischen Menschen, aber mit Bezug auf dasjenige, was der Mensch intim in seinem Inneren birgt als geistig-seelischer Mensch, uns so verhalten können, wie wenn die ganze Menschheit eine große Familie wäre. Denn zu dem Geistig-Seelischen eines jeden Menschen können wir in diese Beziehung treten. Das ist dasjenige, was aber allein möglich machen wird, all einzig, die Lösung der sogenannten sozialen Frage. Daher ist diese Lösung der sozialen Frage einfach gegeben in der Anerkennung der göttlich-geistigen Natur des Menschen, in der Anerkennung dessen, daß dasjenige, was vom Menschen hier als physischer Leib auf der Erde herumgeht, nur der äußere Ausdruck ist für etwas, was in jedem Menschen aus der Ewigkeit hereinleuchtet. Zu dem, was uns da im Menschen aus der Ewigkeit hereinleuchtet, können wir uns verhalten in demselben Sinne, wie wir uns im richtigen Verhältnis der engsten Familie verhalten. Das können wir, können wir in jeder Richtung. Wir können dann, wenn wir dies anerkennen, jene Menschenliebe aufbringen, die so groß ist wie die Familienliebe.
[ 15 ] Now you will rightly raise an objection. You will say: Well, on Earth things are already arranged in such a way that the social structure has, so to speak, the family as its smallest unit, and on Earth this family as such is, of course, fully justified—but surely all of humanity cannot become one family! — That is an objection that will, of course, arise immediately. But if one were to devise social laws based on a mother’s love, it would actually follow that all of humanity would become one family. That, of course, cannot be. Only those who reflect on what constitutes a true thought—as opposed to a charlatan-like abstract thought—will have to admit that, naturally, a person cannot immediately treat every child as they would their own child, nor can every child relate to every other woman or every other man in the same way they relate to their father, mother, and so on. So all of humanity cannot become one family. That is quite true, but precisely because it is true, another necessity arises. As physical human beings living here on the physical Earth, we cannot possibly form a single family out of all of humanity, and anyone who wanted that would, of course, be seeking nonsense. But we can do so in another sense. And in that other sense, it must even happen. We cannot relate to physical human beings in the same way that a father, mother, and child relate to one another. But when the realization takes hold within humanity that a spiritual-soul element lives within every human being—that a divine-spiritual being shines forth through every person’s eyes, and that the message of a divine spiritual being—in other words, when it is no longer merely acknowledged in the abstract that a human being has an immortal soul, but is recognized through immediate experience in the face-to-face encounter between human beings: When I look into a person’s eyes, an infinity shines out to me; when I hear a person speak, it is not merely the physical sound that speaks, but the divine-spiritual being of their soul resounds— becomes an immediate sensation, just as we perceive a surface as blue or red; we will be able to sense that, in expressing themselves, human beings are of a divine-spiritual nature; we will not merely acknowledge, based on faith, that human beings have an immortal soul, but will perceive this immortal soul directly in their expression: then the moment has arrived when—though not with regard to the physical human being, but with regard to what the human being intimately holds within as a spiritual-soul being—we can relate to one another as if all of humanity were one great family. For we can enter into this relationship with the spiritual-soul aspect of every human being. This is the very thing that alone will make possible the solution to the so-called social question. Therefore, this solution to the social question is simply found in the recognition of the divine-spiritual nature of the human being, in the recognition that what walks here on Earth as the human physical body is merely the outward expression of something that shines into every human being from eternity. We can relate to what shines into us from eternity within the human being in the same way that we relate to our immediate family. We can do this—we can do it in every respect. When we recognize this, we can then muster that love for humanity that is as great as love for one’s family.
[ 16 ] Der Einwand gilt ja selbstverständlich nicht, und es wäre auch sehr oberflächlich, wenn man die Dinge so betrachtete: Ja, aber es gibt doch auch schlechte Menschen! — Meine lieben Freunde, es gibt auch schlechte Kinder, die wir eben strafen müssen; aber wir bestrafen sie mit Liebe! In dem Augenblicke, wo wir in den Menschen hereinleuchten sehen das Göttlich-Geistige, werden wit, wo es notwendig ist, bestrafen, aber wir werden mit Liebe bestrafen. Wir werden vor allen Dingen eines lernen, was wir nur, ich möchte sagen, instinktiv üben, wenn wir familienhaft einem andern Menschen gegenüberstehen: Wenn wir familienhaft einem andern Menschen gegenüberstehen, dann strafen wir, aber wir hassen nicht den Menschen. Wir hassen nicht den Menschen, der unser Sohn ist, auch wenn wir ihn strafen, aber wir hassen das Laster, das er hat. Den Menschen lieben wir; seine Untaten und seine Ungezogenheit, die hassen wir, da wissen wir zu trennen zwischen dem Menschen und etwas, was ihn angefallen hat. Wenn die Menschen einmal jenen großen, gewaltigen Unterschied verstehen werden, der da besteht zwischen Menschenliebe und Haß auf die Untaten, die den Menschen anfallen, dann wird ein richtiges Verhältnis von Mensch zu Mensch sich einstellen. Wir haben, wenn wir unserer innersten menschlichen Natur folgen, niemals die Möglichkeit, einen Menschen zu hassen. Wir haben selbstverständlich viele Veranlassung, menschliche Verbrechen, Untaten, menschliche Charakterschwäche, menschliche Charakterlosigkeit zu hassen. Der große Irrtum, den wir im sozialen Verhalten begehen, besteht dann in der Regel darin, daß wir dasjenige, was wir der Untat und dem Verbrechen entgegenbringen sollen, auf den Menschen übertragen. Wir tun es heute instinktiv, müssen uns aber dessen bewußt sein, daß die neuere Entwickelung der Menschheit in der Linie liegt, zu trennen zwischen dem Haß gegenüber der Untat, und der Liebe, die man zu dem Menschen trotzdem empfindet.
[ 16 ] Of course, this objection doesn’t hold water, and it would also be very superficial to view things this way: “Yes, but there are bad people, too!” — My dear friends, there are also bad children whom we simply must punish; but we punish them with love! The moment we see the divine-spiritual shining within a person, we will punish where necessary, but we will punish with love. Above all, we will learn one thing that we practice—I would say—instinctively when we relate to another person as family: When we relate to another person as family, we discipline, but we do not hate the person. We do not hate the person who is our son, even when we discipline him, but we hate the vice he possesses. We love the person; we hate his misdeeds and his bad behavior—we know how to distinguish between the person and what has befallen him. Once people come to understand that great, immense difference that exists between love for humanity and hatred for the misdeeds that befall people, then a proper relationship between one person and another will be established. When we follow our innermost human nature, we never have the capacity to hate a person. Of course, we have many reasons to hate human crimes, misdeeds, human weakness of character, and human lack of character. The great error we commit in our social behavior usually consists in projecting onto the person what we should be directing toward the misdeed and the crime. We do this instinctively today, but we must be aware that the recent development of humanity is moving in the direction of distinguishing between hatred toward the misdeed and the love one nevertheless feels for the person.
[ 17 ] Mit der Anerkennung solcher Wahrheiten würde mehr getan sein für die Lösung der heute brennenden sozialen Forderungen als mit manchem andern, was heute als sozialistische Pfuscherei oder sozialistischer Doktrinarismus durch die Welt geht. Es ist gegenüber dem Materialismus, der überall das derb Materielle braucht, schwierig, von solchen Dingen wirkungsvoll zu sprechen, aus dem einfachen Grunde, weil die Menschen heute — was schädlicher ist als die materialistischen Theorien — in ihren Instinkten vielfach materialistisch sind. Das Verbrechen, die Charakterlosigkeit, die kann man nicht sehen, die sind nicht materiell vorhanden; weil man aber das Materielle hassen will, hält man sich an den materiellen Menschen mit seinem Haß. Daraus entstehen unzählige Mißverständnisse.
[ 17 ] Recognizing such truths would do more to resolve today’s pressing social issues than many other things currently circulating around the world as socialist bungling or socialist doctrinarism. It is difficult to speak effectively about such things in the face of materialism, which everywhere demands the crude and material, for the simple reason that people today—which is more harmful than materialist theories—are in many ways materialistic in their instincts. Crime and moral bankruptcy cannot be seen; they do not exist in a material sense; but because people want to hate what is material, they fixate on the materialistic person and their hatred. This gives rise to countless misunderstandings.
[ 18 ] Was auch als ein schlimmes Mißverständnis daraus entsteht, ist, daß man manchmal aus irgendwelchen mißverstandenen Empfindungen und Gefühlen heraus auch nach der andern Richtung den Menschen mit dem verwechselt, was er tut. Man wird lässig in der Beurteilung desjenigen, was die Menschen tun, indem man sagt: Ach, wir wollen doch dem Menschen nicht weh tun; Menschenliebe zwingt mich, da oder dort ein Auge zuzudrücken. — Geschieht die Beurteilung der Sache nur so, daß man das Auge richtet auf dasjenige, was als Untat getan wird, und nicht den Menschen in seinem innersten Seelenleben mit der Untat verwechselt, dann wird schon das richtige Urteil erfließen. Bequemer ist es auf der einen Seite, wenn man ohnedies jemanden nicht mag, gegen ihn, wie man oftmals sagt, gerecht zu sein; bequem ist es aber auch, Fehler, durch die ein Mensch schädlich wirken kann in der äußeren Welt, zu entschuldigen, weil einem das so paßt. Im Gesamtzusammenhang der Menschheit kommt ungeheuer vieles darauf an, daß wir trennen können dasjenige, worauf wirklich unsere Antipathie gehen darf, und dasjenige, was der Mensch als solcher unmittelbar ist.
[ 18 ] Another serious misunderstanding that arises from this is that, driven by some misguided sentiments and feelings, people sometimes—in the opposite direction—confuse a person with what he does. People become casual in their judgment of what others do, saying: “Oh, we don’t want to hurt the person; love for humanity compels me to turn a blind eye here and there.” — If the assessment of the matter is made solely by focusing on the wrongdoing itself, without confusing the person—in the innermost life of their soul—with that wrongdoing, then the correct judgment will naturally follow. On the one hand, it is more convenient—if one dislikes someone anyway—to be “fair” toward them, as is often said; but it is also convenient to excuse faults through which a person can cause harm in the outer world, simply because it suits one’s own purposes. In the broader context of humanity, it is of immense importance that we be able to distinguish between that which may rightly be the object of our antipathy and that which constitutes the person as such.
[ 19 ] Ich habe oft betont: Nicht eine Kritik der Kultur und Zeitverhältnisse soll das sein, was in solchen Zusammenhängen von diesem Orte aus ausgesprochen wird, sondern eine einfache Charakteristik. Daher werden Sie es auch verstehen, wenn ich sage: Die sogenannte abendländische zivilisierte Menschheit, die Menschheit Europas mit ihrem amerikanischen Anhang, die mußte eine Zeitlang durchgehen durch dieses Stadium, nicht nur die Dinge naturwissenschaftlich materialistisch zu nehmen, sondern auch. das Leben materialistisch zu nehmen, indem man die Menschen verwechselt mit ihren Taten in dem angedeuteten Sinne. Das lag in der Erziehung: damit sich die andern Eigenschaften richtig entwickeln können, mußten die Menschen durchgehen durch das Stadium des Materialismus auch auf diesem Gebiete. Aber Menschen, die zurückgeblieben sind auf früheren Kulturstufen, die haben Mannigfaltiges sich bewahrt von früheren Kulturstufen, in denen es noch atavistisches Hellsehen gab. Und atavistisches Hellsehen hat dann im Gefolge ganz bestimmte Empfindungsrichtungen und Seelenverfassungen. Wir Europäer können erst gewachsen werden dem, was von gewissen Seiten auf uns anstürmt, wenn wir dies bedenken, was heute ausgeführt worden ist. Denn vergessen wir zum Beispiel folgendes nicht: Denker, die als sehr erleuchtet angesehen werden, wie zum Beispiel Immanuel Kant, sprechen — und das ist ja nur aus gewissen Untergründen nicht des Christentums, sondern des Kirchentums heraus — von dem radikal Bösen in der menschlichen Natur. Und wie verbreitet ist dieser Irrtum — wir können es schon so nennen-, daß die menschliche Natur eigentlich in ihrem Inneren böse ist! In der zivilisierten Welt Europas und ihrem amerikanischen Anhang sagt man: Wenn die menschliche Natur nicht gebändigt wird, so ist sie böse. — Das ist eigentlich eine europäische Ansicht, das ist eine Ansicht des europäischen Kirchentums.
[ 19 ] I have often emphasized: What is expressed here in such contexts is not meant to be a critique of culture and contemporary conditions, but rather a simple characterization. Therefore, you will understand when I say: So-called Western civilized humanity—the people of Europe with their American appendage—had to pass through this stage for a time, not only viewing things from a natural-scientific, materialistic perspective, but also viewing life materialistically, by confusing people with their actions in the sense I have indicated. This was inherent in their upbringing: in order for other qualities to develop properly, people had to pass through the stage of materialism in this realm as well. But people who have remained at earlier stages of culture have preserved many elements from those earlier stages, in which atavistic clairvoyance still existed. And atavistic clairvoyance is accompanied by very specific sensibilities and states of mind. We Europeans can only grow to meet what is rushing toward us from certain quarters if we bear in mind what has been explained today. For let us not forget, for example, the following: Thinkers who are regarded as highly enlightened, such as Immanuel Kant, speak—and this stems not from Christianity per se, but from certain underlying currents within the institutional church—of the radically evil in human nature. And how widespread is this error—we might as well call it that—that human nature is, in its very core, evil! In the civilized world of Europe and its American offshoot, it is said: If human nature is not restrained, it is evil. — This is, in fact, a European view; it is a view of the European church establishment.
[ 20 ] Es gibt eine Menschheit, die hat diese Ansicht nicht, die hat sich aus früheren Zeiten eine andere Ansicht bewahrt. Das ist zum Beispiel die chinesische Menschheit. In der chinesischen Weltanschauung als solcher herrscht der Satz, herrscht das Prinzip: Der Mensch ist von Natur aus gut! — Es ist ein gewaltiger Unterschied, der eine viel gröBere Rolle spielt, als man meint, in jenem Konflikte der Menschheit, der sich ausbilden wird. Freilich, wenn man heute von diesen Dingen redet, glauben einem die Leute das ebensowenig, wie wenn man im Jahre 1900 von dem Krieg gesprochen hätte, in dem wir jetzt drinnenstehen. Aber wahr ist es deshalb doch, daß ein Konflikt sich vorbereitet auch zwischen der asiatischen und der europäischen Menschheit. Und da werden noch ganz andere Dinge eine Rolle spielen, als sie gespielt haben, oder noch spielen und weiter spielen werden in dem katastrophalen Konflikt, in dem wir drinnenstehen.
[ 20 ] There is a people who do not share this view; they have preserved a different view from earlier times. This is, for example, the Chinese people. In the Chinese worldview as such, the following statement, the following principle, prevails: Human beings are good by nature! — It is a tremendous difference that plays a much greater role than one might think in the conflict among humanity that is about to unfold. Of course, when one speaks of these things today, people are just as unlikely to believe it as they would have been in 1900 if one had spoken of the war in which we now find ourselves. But it is nonetheless true that a conflict is also brewing between the peoples of Asia and Europe. And there, entirely different factors will come into play than those that have played a role—or are still playing a role and will continue to do so—in the catastrophic conflict in which we are currently embroiled.
[ 21 ] Das ist schon in der ganzen Empfindungsweise ein großer Unterschied, ob man wie der Chinese davon überzeugt ist: Der Mensch ist von Natur aus gut — oder wie der Europäer: Der Mensch ist von Natur aus mit dem radikal Bösen behaftet —, das ist schon ein großer Unterschied, ob ein Mensch so oder so denkt, vom völkermäßigen Weltanschauungsstandpunkte aus. Daß der eine Mensch so und der andere so denkt, das äußert sich in dem ganzen Lebenstemperament, in der ganzen Lebensseelenverfassung. Die Menschen bleiben ja zumeist an den Äußerlichkeiten der Lebenskonflikte hängen; was in den innersten Naturen zugrunde liegt, darauf nehmen sie gewöhnlich doch wenig Rücksicht.
[ 21 ] There is a huge difference in one’s entire way of perceiving things depending on whether, like the Chinese, one is convinced that human beings are inherently good—or, like the Europeans: human beings are inherently tainted by radical evil—that is indeed a major difference, whether a person thinks one way or the other, from the standpoint of a people’s worldview. The fact that one person thinks one way and another thinks the other is expressed in their entire temperament, in their entire spiritual disposition. People, after all, tend to get caught up in the outward manifestations of life’s conflicts; they usually pay little attention to what lies at the very core of their innermost natures.
[ 22 ] Ich will nur eines erwähnen. Sehen Sie, dieser Umstand, daß der europäische Mensch, wenn er es sich auch gewöhnlich nicht gesteht, im Grunde genommen immer überzeugt ist, daß der Mensch eigentlich schlecht ist und daß er erst brav werden muß durch Erziehung und durch Bändigung, Staats- oder sonstige Bändigung, diese Tatsache hängt historisch-notwendig innig zusammen mit etwas anderem: sie hängt damit zusammen — nicht die Tatsache selbst, aber die Empfindungsqualitäten, die ihr zugrunde liegen —, daß der europäische Mensch ein gewisses Leben in der Seele ausgebildet hat in der Form, die man mit Logik und Wissenschaft bezeichnet. Daher werden Sie es begreiflich finden, daß wirkliche Kenner des Chinesischen, das heißt nicht europäische Kenner, sondern Chinesen selber, Kenner des Chinesischen, die auch Europa kennengelernt haben, wie zum Beispiel der Ihnen hier öfter erwähnte Ku Flung-Ming, daß die betonen, es gäbe in der chinesischen Sprache keine Gegenworte für Logik und Wissenschaft. Was wir europäische Wissenschaft nennen, was wir europäische Logik nennen, dafür hat also der Chinese überhaupt kein Wort, weil er die Sache nicht hat, weil dasjenige, wovon die Europäer glauben, daß es chinesische Wissenschaft ist, etwas ganz anderes ist, als was wir Wissenschaft nennen, und was wir Logik nennen, etwas ganz anderes, als wovon wir Europäer glauben, es sei Logik in der Seele der Chinesen. So verschieden sind die Menschen auf der Erde! Darauf muß man den Blick richten. Ohne daß man den Blick darauf richtet, ist ein fruchtbares Reden über das soziale Problem ja nicht möglich. Wenn man aber auf solches den Blick richtet, dann erweitert sich der geistige Horizont. Und diese Erweiterung des geistigen Horizontes, die ist es namentlich, welche für das gesunde Verständnis von Geisteswissenschaft notwendig ist.
[ 22 ] I just want to mention one thing. You see, this fact—that Europeans, even if they do not usually admit it to themselves, are deep down always convinced that human beings are essentially bad and that they must first be made good through education and through restraint, whether by the state or otherwise—is historically and necessarily intimately connected with something else: it is connected—not the fact itself, but the emotional qualities underlying it—to the fact that Europeans have developed a certain inner life in the form we call logic and science. You will therefore find it understandable that true connoisseurs of Chinese—that is, not European connoisseurs, but Chinese people themselves, connoisseurs of Chinese who have also come to know Europe, such as Ku Flung-Ming, whom I have mentioned here on several occasions—emphasize that there are no corresponding terms in the Chinese language for “logic” and “science.” What we call European science, what we call European logic—the Chinese have no word for these at all, because they do not possess these concepts; because what Europeans believe to be Chinese science is something entirely different from what we call science, and what we call logic is something entirely different from what we Europeans believe to be logic in the souls of the Chinese. That is how different people on Earth are! We must focus our attention on this. Without focusing on this, a fruitful discussion of the social problem is simply not possible. But when we do focus on this, our spiritual horizon expands. And it is precisely this expansion of the spiritual horizon that is necessary for a sound understanding of spiritual science.
[ 23 ] Und wenn man nach den mancherlei Dingen frägt — wir haben ja heute schon zwei Dinge berührt, können noch ein drittes berühren —, wenn man frägt, warum die Menschen sich gewohnheitsmäßig heute noch so fernhalten von den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, so ist unter anderem auch der Grund vorliegend, daß die Horizonte, der geistige Horizont der gegenwärtigen Menschheit ein sehr enger ist. Wie sich der Mensch auch hervortut, groß tut mit seinem geistigen Horizont in der Gegenwart, der geistige Horizont der gegenwärtigen Menschen ist ein sehr enger. Er zeigt sich in seiner Enge namentlich dadurch, daß der Mensch in der Regel es in der Gegenwart außerordentlich schwierig hat, mit Bezug auf gewisse Dinge aus sich selber herauszugehen. Und das beeinflußt nicht nur sein Verständnis, das beeinflußt auch sein ganzes Sympathie- und Antipathieleben.
[ 23 ] And if one asks about various matters—we have already touched on two today and could touch on a third—if one asks why people today still habitually keep such a distance from spiritual scientific insights, one reason, among others, is that the horizons—the spiritual horizons—of present-day humanity are very narrow. No matter how much people may boast or make a show of their spiritual horizons today, the spiritual horizon of contemporary humanity is very narrow. This narrowness is evident, in particular, in the fact that people today generally find it extremely difficult to step outside themselves with regard to certain things. And this affects not only their understanding, but also their entire life of sympathies and antipathies.
[ 24 ] Ich möchte Ihnen eine Tatsache, die einer ganzen Anzahl von Ihnen ja als Tatsache bekannt ist — das heißt, die Wirkung dieser Tatsache ist einer ganzen Anzahl von Ihnen bekannt —, die ich schon einmal erwähnt habe, noch einmal erwähnen. Sie wissen, daß ein gewisses Verhältnis bestanden hat vor Jahren zwischen der sogenannten Theosophischen Gesellschaft und denjenigen Menschen, die heute die Anthroposophische Gesellschaft bilden. Nun habe ich gerade von hervorragenden Mitgliedern der 'Theosophischen Gesellschaft Merk würdiges erlebt. Ich habe ja schon im Anfange dieses Jahrhunderts, wie Sie wissen, Mitteilungen aus der sogenannten Akasha-Chronik veröffentlicht, Mitteilungen, von denen ich sagen darf, ebenso wie von allem übrigen, das ich aus der geistigen Welt mitteile, daß es auf persönlicher Erfahrung beruht. Als diese Mitteilungen gelesen wurden von einem hervorragenden Mitgliede der Theosophischen Gesellschaft, konnte man gar nicht verstehen, daß es so etwas gibt. Man fragte mich: Wie kommen diese Mitteilungen zustande? — Und es war gar nicht möglich, sich überhaupt zu verständigen, weil die wirklich der heutigen Zeit angemessene Methode geisteswissenschaftlicher Forschung in jenem Kreise überhaupt ganz unbekannt war. Da forschte man auf mehr mediale Weise. Man wollte eigentlich im Grunde das Medium oder die mediumähnliche Person genannt haben, durch welche diese Akasha-Chronik-Mitteilungen zustande gekommen sind. Daß sie wirklich durch eine gewisse, ins Übersinnliche hineinragende menschliche Seelenverfassung in unmittelbarer Beobachtung sich ergeben, das hielt man für unmöglich. In solchen Dingen spricht sich menschliche Engherzigkeit aus. Man hält, selbst auf einem so wichtigen Gebiete, nur das für möglich, was einem geläufig ist, was einem nahe liegt.
[ 24 ] I would like to mention once again a fact that many of you are already aware of—that is, the effect of this fact is known to many of you—which I have mentioned before. You know that a certain relationship existed years ago between the so-called Theosophical Society and those people who today make up the Anthroposophical Society. Now, I have had remarkable experiences precisely with outstanding members of the Theosophical Society. As you know, I published communications from the so-called Akashic Records as early as the beginning of this century—communications about which I may say, just as I do about everything else I convey from the spiritual world, that they are based on personal experience. When these communications were read by a distinguished member of the Theosophical Society, it was simply impossible to comprehend that such a thing could exist. I was asked: How do these messages come about? — And it was simply impossible to reach any understanding at all, because the method of spiritual scientific research truly appropriate to the present day was completely unknown in that circle. There, research was conducted in a more mediumistic manner. Essentially, they wanted to know the name of the medium—or medium-like person—through whom these Akashic Records messages had come about. They considered it impossible that they could truly arise through direct observation of a certain state of the human soul that extends into the supersensible realm. Such matters reveal human narrow-mindedness. Even in such an important field, people consider possible only what is familiar to them, what lies close at hand.
[ 25 ] Nun, ich habe gerade ‚dieses Beispiel angeführt, weil man ja gar nicht in die Geisteswissenschaft eindringen kann, wenn man engherzig ist. Aber im gewöhnlichen Leben ist diese Engherzigkeit heute das übliche: alles immer auf den persönlichen, gerade gewohnten Standpunkt zurückzubeziehen. Das ist es, was jene bedenken müßten vor allen Dingen, die sich gerade zu unserer geisteswissenschaftlichen Bewegung bekennen. Ich werde jetzt etwas sagen, was ja, wenn man die Dinge nur innerlich systematisch sagen würde, vielleicht nicht so gesagt zu werden brauchte, was aber im äußeren Lebenszusammenhange zu sagen schon notwendig ist. Diejenigen, die sich genauer um unsere Bewegung bekümmern, wissen ja, wie sehr die Quellen dieser Bewegung angegriffen werden, angefeindet werden, gehaßt werden von manchen, die vorerst gute Anhänger waren. Ich habe schon das letzte Mal von verschiedenen Gesichtspunkten über diese Dinge gesprochen. Nun, es ist nicht überflüssig, sich die Gründe solcher Gegnerschaften von gewissen Seiten klarzumachen. Über die Gründe solcher Gegnerschaften da oder dort habe ich ja das letzte Mal gesprochen. Aber besonders intensiv werden solche Gegnerschaften sehr häufig dann, wenn sie auftreten bei Leuten, welche diesen oder jenen, sagen wir okkulten Gesellschaften angehören. Der Haß mancher der oder jener Gesellschaft Angehörigen, der sich entwickelt gegenüber dem, was hier als Geisteswissenschaft vertreten wird, der ist manchmal ein wirklich stark hervorstechender, und er nimmt manchmal groteske Formen an, und es ist nicht unnötig, diese Dinge ins Auge zu fassen, denn wir sollen alles ins Auge fassen, was uns gerade dazu bringen kann, mit völligem Ernste dieser Bewegung anzugehören. Es ist ja wahr, mit nichts wird in der Welt mehr Scharlatanerie getrieben als mit der Vertretung von geistigen Angelegenheiten durch allerlei Gesellschaften. Daher ist es so leicht, dasjenige zu verdächtigen, was als geisteswissenschaftliche Bewegung auftritt, weil ja wirklich so viel Scharlatanerie in der Welt getrieben wird. Derjenige, der es dann will, kann leicht Zustimmung finden, wenn er sagt: Ja, da ist einmal eine Gesellschaft aufgetreten, die hat behauptet, daß sie die Weisheit aller Welt vertreibt; es hat sich nachher als Scharlatanerie enthüllt. Und dann ist dort eine andere aufgetreten: wieder hat es sich als Scharlatanerie enthüllt! — Das muß zugegeben werden, solche Scharlatanerien gibt es unendlich viel in der Welt. Da muß man schon Unterscheidungsvermögen haben, um das Wahre von dem Scharlatanhaften zu unterscheiden.
[ 25 ] Well, I just cited “this example” because one simply cannot penetrate the humanities if one is narrow-minded. But in everyday life, this narrow-mindedness is the norm today: always reducing everything to one’s own personal, habitual point of view. This is what those who profess allegiance to our spiritual science movement, in particular, ought to bear in mind above all else. I am now going to say something that—if one were to express these things systematically and inwardly—might not need to be said in this way, but which is necessary to state in the context of external life. Those who take a closer interest in our movement know, of course, how much the sources of this movement are attacked, opposed, and hated by some who were initially good followers. I already spoke about these matters from various perspectives last time. Well, it is not superfluous to clarify the reasons for such opposition from certain quarters. I did, after all, speak last time about the reasons for such opposition here and there. But such opposition very often becomes particularly intense when it arises among people who belong to this or that—let us say—occult society. The hatred felt by some members of this or that society toward what is represented here as spiritual science is sometimes truly striking, and it sometimes takes on grotesque forms; and it is not unnecessary to take these things into account, for we should take into account everything that can lead us to belong to this movement with complete seriousness. It is indeed true that nothing in the world is the subject of more charlatanism than the promotion of spiritual matters by all manner of societies. That is why it is so easy to be suspicious of what presents itself as a spiritual science movement, because there really is so much charlatanism in the world. Anyone who so desires can easily find support by saying: “Yes, there was once a society that claimed to spread the wisdom of the whole world; it later turned out to be charlatanism. And then another one appeared: once again, it turned out to be charlatanism!” — It must be admitted that there is an endless amount of such charlatanism in the world. One really must have discernment to distinguish the true from the charlatanish.
[ 26 ] Aber es kann ein anderer Fall eintreten. Es kann zum Beispiel eine gewisse Unsicherheit in der Seele eintreten. Solche Unsicherheit kann in folgendem bestehen: Ein solcher Mensch kann dann bekanntwerden mit dem, was hier getrieben wird. Wenn er nun nicht einen offenen Sinn hat, wenn er Persönliches verfolgt, dann kann er in folgende zwiespältige Seelenstimmung kommen. Er kann auf alle Gefahren hinweisen, er kann sich sagen: Ach, wie ist das nun? Ich habe ja so oft gehört von geheimen oder sonstigen Gesellschaften; etwas von Erkenntnis, wirklicher Erkenntnis habe ich da nicht erlebt! Man redet zwar von allem Möglichen, es steht in den Büchern, es wird in den Ritualen verzapft, aber so lebendige Erkenntnis fließt da nicht. Ist nun dasjenige, was sich da Anthroposophie nennt, von derselben Art, oder ist es etwas anderes? — Da kann er in zwiespältige Seelenstimmung kommen. Wenn man nicht eingehen kann auf dasjenige, was hier wirklich lebt, ist es so, daß man sich, trivial übersetzt, sagen kann: Ist das derselbe Schwindel wie der Schwindel, der mir eigentlich angenehmer ist, weil er nicht so große Anforderungen stellt?
[ 26 ] But another situation may arise. For example, a certain uncertainty may arise in the soul. Such uncertainty may consist of the following: Such a person may then become familiar with what is being done here. If they do not have an open mind, if they are pursuing personal agendas, they may fall into the following conflicted state of mind. They may point out all the dangers; they may say to themselves: Oh, what is this all about? I have heard so often about secret societies and other such groups; yet I have not experienced any real insight there! People talk about all sorts of things, it’s written in the books, it’s rattled off in the rituals, but no such living insight flows from it. Is what is called Anthroposophy here of the same kind, or is it something else? — This can leave him in a conflicted state of mind. If one cannot engage with what is truly alive here, one might—to put it bluntly—ask oneself: Is this the same charade as the one I actually find more pleasant, because it doesn’t make such high demands?
[ 27 ] Die Dinge, die ich hiermit ausspreche, sind nicht so irreal. Und sie sind vor allen Dingen aus dem Grunde ausgesprochen, weil ich darauf hinweisen will, daß schon eben Ernst und Würde — was ich oft gesagt habe — und Unterscheidungsvermögen notwendig ist, damit nicht das Unangenehme eintritt, was sehr häufig eintritt, daß wirkliches Geistesleben um einem herum ist, während man eigentlich lieber das Gerede über das geistige Leben haben möchte, denn das ist bequemer. Gerade der Umstand, daß hier das wahr ist, was ich in meinem Buche «Theosophie» betont habe, daß nur von geistigen Erfahrungen geredet wird, gerade das ist, was so viel Gegnerschaften hervorruft. Die Gegnerschaft der Theosophischen Gesellschaft ist auch eigentlich erst in dem Momente gekommen, als dort bemerkt worden ist, daß hier Anspruch darauf erhoben wird, daß wirkliche geistige Erfahrungen besprochen werden. Das konnte man nicht vertragen. Man wollte zwar gern Leute haben, die nachsprechen dasjenige, was dort vorgetragen wird, die mit einem gewissen Eifer das nachsprechen; aber selbständige geistige Forschung, das war doch im Grunde genommen die große Sünde wider den heiligen Geist der Theosophischen Gesellschaft. Und diese selbständige Geistesforschung, die hat es heute noch nicht gar so leicht in der Welt. Darauf wollte ich auch neulich am Schluß in meiner Betrachtung hindeuten. Und es wird Ihnen schon nötig sein, gerade diese Dinge mit gesundem Sinn, aber auch mit vollem Ernst ins Auge zu fassen. Die Zeit ist ernst, und das muß ernst sein, was wir als das Heilmittel der Zeit aus der geistigen Welt heraus empfangen wollen.
[ 27 ] The things I am saying here are not so unrealistic. And they are stated, above all, because I want to point out that—as I have often said—seriousness, dignity, and discernment are necessary to prevent the unpleasant situation that occurs all too often: that there is genuine spiritual life all around us, while we would actually prefer to merely talk about spiritual life, because that is more convenient. It is precisely the fact that what I emphasized in my book Theosophy—that we speak only of spiritual experiences—is true here; this, in particular, is what provokes so much opposition. The opposition from the Theosophical Society actually began only at the moment when it was realized there that a claim is being made here to discuss genuine spiritual experiences. They could not tolerate that. They were certainly happy to have people who parroted what was presented there—who repeated it with a certain zeal—but independent spiritual research was, after all, the great sin against the Holy Spirit of the Theosophical Society. And this independent spiritual research still does not have it all that easy in the world today. I also wanted to allude to this recently at the end of my reflection. And you will certainly need to face precisely these things with sound judgment, but also with complete seriousness. The times are serious, and what we wish to receive from the spiritual world as the remedy for our times must be serious as well.
[ 28 ] Davon wollen wir dann morgen weiterreden.
[ 28 ] Let's talk more about that tomorrow.
