Der Goetheanismus
ein Umwandlungsimpuls und Auferstehungsgedanke
Menschenwissenschaft und Sozialwissenschaft
GA 188
31 Januar 1919, Dornach
Zehnter Vortrag
[ 1 ] Man kann sagen: Es lagert eine ernste Tragik über der gegenwärtigen Menschheit. Das wird Ihnen ja hervorgehen aus dem Inhalte der mancherlei Betrachtungen, die wir gerade in der letzten Zeit gepflogen haben. Diese Betrachtungen erstreckten sich zum größten Teile weitaus über verschiedene Gesichtspunkte, die mit Bezug auf die Entwickelung des sozialen Problems, des sozialen Rätsels in unserer Zeit in Betracht kommen. Und gerade mit Bezug auf dieses soziale Rätsel können wir sagen, daß eben eine gewisse ernste Tragik über der gegenwärtigen Menschheit lagert. Wir sehen ja, wie die soziale Frage, die mehr oder weniger von vielen Leuten, insbesondere der sogenannten Intelligenz, bisher mehr für eine theoretische Frage angesehen worden ist, eine wahrhaftig recht bedeutungsvolle, praktische Gestalt durch große Territorien der zivilisierten Welt hindurch gewinnt. Und was schon zum Tragischen gehört in bezug auf diese Sache, das ist, daß nun gerade da, wo das soziale Rätsel im praktischen Leben unmittelbar an die Oberfläche des Daseins tritt, die Menschen, man kann sagen, aller Berufsstände und aller sozialen Klassen, in außerordentlich schlechter Weise auf die soziale Situation der Gegenwart vorbereitet sind. Wenn sich die Menschen jetzt so in die Welt gestellt finden, daß sie an zahlreichen Orten sich genötigt sehen, nicht nur, wie dies früher der Fall war, Reden zu halten über die soziale Frage, sondern zu urteilen über das oder jenes in bezug auf die soziale Gestaltung — daß dies eintreten muß, läßt sich leicht einsehen aus den Verhältnissen der Gegenwart —, dann finden die Menschen nicht die Möglichkeit, Ausgangspunkte für solches Urteilen zu gewinnen. Sie finden nicht die Möglichkeit, für solche Urteile, die heute nun einmal brennend notwendig geworden sind, das rechte Denken zu entfalten. Sehen wir doch, daß im Laufe der letzten Jahrhunderte die führenden Menschen des Bürgertums eigentlich angenommen haben für den Tagesgebrauch und auch für den Wochen- und Jahresgebrauch ihres Denkens gewisse Gedankenformen, die, wenn auch das nicht immer ersichtlich ist, aus dem naturwissenschaftlichen Denken der neueren Zeit abstammen. Also Menschen, die überhaupt heute denken, denken eigentlich, wenn sie auch ganz und gar nicht über Naturwissenschaftliches denken, naturwissenschaftlich; sie denken so, wie es gut ist, in der Naturwissenschaft, so wie sich diese heute gestaltet hat, zu denken. Und mit diesem Denken kommt man eben mit Bezug auf alle sozialen Angelegenheiten auch nicht einen wirklichen Schritt weiter. Das wollen sich die Leute aber heute meistens noch nicht gestehen. Sie möchten alle die Wirrnis, die eingetreten ist, allerlei andern Dingen zuschreiben. Sie möchten noch nicht hinblicken darauf, daß sie sich eigentlich sagen müßten: Wir stehen in bezug auf einen groBen Teil der zivilisierten Welt vor einem sozialen Chaos; wir müssen ein Urteil haben, aber wir haben eigentlich keine Anhaltspunkte für dieses Urteil in den Denkgewohnheiten, die wir bisher gepflogen haben.
[ 2 ] Man muß, wenn man sich die ganze schwere Tragik der hiermit angedeuteten Tatsache vor das Auge rücken will, sich das Folgende klarmachen. Man muß sich bemerklich machen, wie seit dem 16., 17. Jahrhunderte sich langsam vorbereitet hat dasjenige, was heute zum Ausbruch gekommen ist, und wie seit dem 16. und 17. Jahrhundert im Grunde gerade die führende Menschheit nichts getan hat, um sich ein Urteil wirklich zu verschaffen über das, was notwendig ist. Die Wirtschaftsordnungen, die seit dem 16. und 17. Jahrhundert zersprengt worden sind, sie sind heute eben nicht mehr da. Es hat sich an ihre Stelle im Grunde genommen, man kann sagen, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts herein eine Art wirtschaftliches Chaos, oder besser gesagt, eine wirtschaftliche Anarchie gesetzt. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wiederum strebte die Menschheit zu einer solchen Gestaltung der sozialen Körperschaften, wodurch man aus der wirtschaftlichen Anarchie herauskommen sollte. Aber sie strebte dem zu mit unzulänglichen Mitteln. Betrachten wir diese Sachlage einmal ein klein wenig, allerdings nur ein klein wenig genauer.
[ 3 ] Wir sehen ja, wenn wir in die Zeit vor dem 16. oder 17. Jahrhundert zurückblicken, wirtschaftlich die Menschheit gegliedert in mehr oder weniger feste Berufsverbände, deren inneres Gefüge den Leuten heute noch wenig bekannt ist, die aber so gegliedert, so angeordnet waren, daß sie in einer gewissen Beziehung für das Leben der damaligen Menschheit eine Art Befriedigung bieten konnten. Es war vor allen Dingen in den Berufsorganisationen, die als Zünfte, Gilden und so weiter existiert haben, für den einzelnen Menschen die Möglichkeit vorhanden, mit seinem ganzen Wesen an seiner Berufsorganisation interessiert zu sein. Er war interessiert mit allen seinen Aspirationen, könnte man sagen. Derjenige, welcher einer Berufsorganisation als Lehrling angehörte, konnte hoffen, einmal Geselle, ja Meister zu werden. Er konnte hoffen, auf der sozialen Stufenleiter hinaufzusteigen. Und auch in anderer Richtung, mit der Beziehung auf die Regelung von Produktion und Konsum waren für gewisse Zeitverhältnisse in der Zeitentwickelung der Menschheit diese Organisationen mehr oder weniger dienlich.
[ 4 ] Nun kam die neuere Zeit herauf. Wir wissen ja aus unseren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, wie diese neuere Zeit eigentlich ihrem Wesen nach innerlich ist. Der Mensch will sich bewußt auf die Spitze seiner eigenen Persönlichkeit stellen. Er will die Bewußtseinsseele entfalten. Das ist doch, wenn es auch maskiert ist durch die verschiedenen Verhältnisse, der innere Impuls desjenigen, was da kämpft, was sich da entwickelt in der neueren Zeit. Für dieses Streben nach der Ausgestaltung des persönlichen, des individuellen Elementes im Menschen waren die alten Berufsverbände, die aus ganz andern menschlichen Aspirationen heraus [entstanden] waren, eben nicht mehr geeignet. So daß wir sehen, wie sich vom 16., 17. Jahrhundert an auch auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens ein gewisser Individualismus entwickelt, wie die alten Verbände, die alten sozialen Gemeinschaften zertrümmert werden. Wir sehen beim Übergange in diese Zertrümmerung gewisse Übergangserscheinungen; wir sehen, wie gerade im 15., 16. Jahrhundert sich vorübergehend dasjenige ausbildet, was man nennen könnte die Monopolisierung verschiedener Produktionszweige. Wir sehen aber dann, wie sich gerade unter dem Einflusse des wirtschaftlichen Individualismus eine Art Antimonopolbewegung entwickelt, die im Grunde genommen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein dauert, und die dann geführt hat zu der neueren kapitalistischen Produktionsweise. Diese neuere kapitalistische Produktionsweise trägt dem Individualismus in einer gewissen Weise Rechnung. Die alten Berufsgemeinschaften wurden zersprengt, die wirtschaftliche Initiative ging an die einzelnen Menschen über, an die Kapitalisten, welche Unternehmer wurden und von deren Risikomut es abhing, ob nun das wirtschaftliche Leben gedieh oder nicht gedieh. Daneben entwickelte sich das moderne technische Wesen, welches ganz und gar umgestaltete das ganze wirtschaftliche Leben, welches eigentlich erst schuf die moderne Proletarierklasse. Und die Folge davon war, daß sich auf der einen Seite der Kapitalismus, auf der andern Seite das Proletariat entwickelte, und daß durch das Leben von der Hand in den Mund, durch die Unaufmerksamkeit und Uninteressiertheit der führenden Menschen an dem wirtschaftlichen Leben, zuletzt ein vollständiges Nichtverstehen zwischen den führenden Kapitalisten und ihrem Anhange und der arbeitenden Proletarierbevölkerung eintrat. Die großen Unterschiede, die über die Erde hin gerade mit Bezug auf die soziale Lage der Menschheit bestehen — wir haben sie betrachtet —, über sie sieht ein großer Teil gerade derer hinweg, die heute an dem sozialen Problem in der einen oder in der andern Weise herumpfuschen wollen. Man muß bedenken, daß die Weststaaten Europas mit ihrem amerikanischen Anhange sich im Laufe der neueren Zeit durchaus zugewandt haben dem, was man nennen kann bürgerliche Demokratie. Diese bürgerliche Demokratie rechnet mit gewissen Freiheits- und Gleichheitsidealen, die sie dann auch auf das wirtschaftliche Leben überträgt. Aber sie, diese bürgerliche Demokratie, ist bis zu einem gewissen Grade rückständig geblieben, rückständig geblieben insofern, als sie die Grundsätze, die Prinzipien, gewissermaßen die Programmpunkte des Bürgertums anwendet, so wie sie sich ergeben haben vor dem eigentlichen modernen Maschinenzeitalter. So daß wir sehen, daß in den Westländern diese bürgerliche Demokratie sich entwickelt, sich ihre Körperschaft, eine gewisse soziale Gestaltung gibt, aber nach und nach durchwirkt wird von dem, was Produkt des modernen Maschinenzeitalters ist, durchwirkt wird von dem Proletariat. Nun wird in diesen Weststaaten noch nicht in radikaler Weise gerechnet mit der proletarischen Bevölkerung. Wir sehen dann, wie in Mitteleuropa gerade die Entwickelung der neueren Zeit in einer erschreckend klaren Weise gezeigt hat, wohin eigentlich der Weg geht. Was ist denn eigentlich das Grundwesen dieser Mittelstaaten gewesen? Ja, das Grundwesen dieser Mittelstaaten war dieses, daß das staatliche Gefüge ein Uralthergebrachtes war. Die Begriffe, nach denen sich die staatlichen Gefüge in Mitteleuropa gebildet haben, auch bis nach Rußland hinein gebildet haben, diese Begriffe waren im Grunde uralt hergebrachte. Man hatte sie so bewahrt — ob nun monarchisch oder nicht monarchisch, das kommt ja dabei weniger in Betracht —, daß man ausgebaut hat die Körperschaften zu sogenannten modernen Staatsgebilden. Diese modernen Staatsgebilde Mitteleuropas und bis nach Rußland hinein sind eigentlich durchaus Reste mittelalterlicher Anschauungs- und Empfindungsweise. Sie sind auch so gefügt, daß ihr Gefüge Mittelalterlichem entspricht. Aber das Leben fügt sich solchen Begriffen nicht. In den Territorien, auf denen sich solche Körperschaften herausgebildet haben, entstand aus einer Notwendigkeit, die eine viel stärkere ist als dasjenige, was da aus dem Mittelalter herauf sich verpflanzt hatte, die Wirtschaft, entstand der Wirtschaftskörper. Und dieser Wirtschaftskörper, der hat seine eigenen Gesetze, der fordert seine eigenen Gesetze.
[ 5 ] Nun trat das durch und durch Krankhafte ein, daß die Erfordernisse des modernen Wirtschaftslebens sich wandten an die alten Staatsgebilde und daß man glaubte, dieses Wirtschaftsleben mit den alten Staatsgebilden durchdringen zu können. In einer gewissen Weise sollte dasjenige, was ganz neues Element war oder ist, das Wirtschaftsleben, eingefügt werden in den Staatskörper, der aus ganz andern Bedingungen heraus gewachsen ist. Da geschah die moderne Katastrophe, diese furchtbare Katastrophe der letzten Jahre. Und innerhalb dieser Katastrophe zeigte sich — denn das gehört zum Verständnis des Verlaufs dieser Katastrophe, was ich jetzt sagen werde —, daß es unmöglich ist, das moderne Wirtschaftsleben mit den alten Staatsbegriffen zu vereinigen. Es zeigt sich nunmehr, nachdem diese Katastrophe einen Krisencharakter angenommen hat in den letzten Monaten, das dadurch, daß ja diese mitteleuropäischen Staatsgebilde nun hinweggefegt sind. Die Staatsgebilde sind fort, der soziale Wirtschaftskörper auch, und es kann im weiteren Verlaufe — das könnte heute schon jeder Einsichtige einsehen — gar nicht mehr eine Zusammenkoppelung der neuen Wirtschaftsforderungen mit den alten Staatskörperschaften stattfinden, aus dem Grunde, weil diese alten Staatskörperschaften, statt daß sie sich modernisiert hätten im Sinne des modernen Lebens, sich haben hinwegfegen lassen.
[ 6 ] Man steht da vor einer eigentümlichen Perspektive. In den Weststaaten ist vorläufig aufgehalten die Bewegung, welche über die ganze moderne Menschheit kommen muß. Sie kann nur aufgehalten werden so lange, als die alten, noch nicht mit dem modernen Wirtschaftsleben rechnenden bürgerlich-demokratischen Impulse so stark sind, daß sie das proletarische Leben unterdrücken können. In dem Augenblicke, wo dieses proletarische Leben in den Weststaaten nicht mehr unterdrückt werden kann, wird die kurzsichtige Menschheit dieser Weststaaten schon auch einsehen, daß sie heute eigentlich mit dem Leben ein Hasardspiel treibt. Das wollen sich ja die Menschen durchaus niemals zur rechten Zeit sagen lassen. Für die Mittel- und Oststaaten Europas ist aber der Funke bereits ins Pulverfaß gefallen. Es ist nur ein Anachronismus, wenn da aus reiner Denkfaulheit noch geredet wird von Begriffen, die es gar nicht mehr gibt, die gar nicht mehr da sind. Statt zu dem Bewußtsein zu kommen, daß man sich wirklich an neue Begriffe zu wenden hat, redet man in gewissen Kreisen noch immer von Rußland, von Deutschland, sogar von Österreich, das es selbst äußerlich nicht mehr gibt. Einzelne reden immer noch so, während es sich auf diesen Gebieten schon durchaus zeigt, daß dasjenige, was von altersher überliefert ist, einfach aufgegeben werden müßte auch in den Denkformen. Das wollen die Menschen so schwer begreifen, daß sie nicht nur irgendwie Urteile fällen sollen über das, was unmittelbar an ihre Nase stößt — denn diese Urteile werden niemals zutreffend sein —, sondern daß sie mit ihrem Denken umzulernen haben. Das wollen die Menschen der Gegenwart recht schwer begreifen.
[ 7 ] Nun, dieses Nichtbegreifenwollen der Notwendigkeit des Umlernens, das beruht hauptsächlich darauf, daß die Menschen so felsenfest überzeugt sind, daß die Art des Denkens, wie sie sich in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat und wie sie für die naturwissenschaftlichen Berufe so außerordentlich gut paßt, für die Lösung der sozialen Frage absolut ungeeignet ist. Das wollen die Menschen nicht begreifen. Sie wollen nicht einsehen, daß sie ein gewisses Denken entwickelt haben, und daß die Außenwelt ein gewisses Leben entwickelt hat, das ganz anderes Denken fordert als dasjenige, welches sie selbst entwickelt haben. Das ist, was die Menschen schwer einsehen wollen, obwohl die Tatsachen, die da in Betracht kommen, eine außerordentlich bedeutsame Sprache sprechen.
[ 8 ] Ich möchte auf eine Tatsache hinweisen, die eine in eminentestem Sinne lehrreiche wäre, wenn sie richtig ins Auge gefaßt würde. Diejenigen Menschen, die sich unbefangener interessierten für die Entwickelung des modernen Lebens, die haben im Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in einer gewissen Weise eine Art, man könnte sagen, theoretische Überraschung erleben können, als die deutsche Sozialdemokratie, die ja die fortgeschrittenste Richtung in der Sozialdemokratie immer war, von ihrem früheren Ideal zu dem Ideal des sogenannten «Erfurter Programmes» — ausgearbeitet im Anfange der neunziger Jahre am Erfurter Parteitage übergegangen war. In diesen früheren Idealen, wenn ich den Ausdruck einfach für gewisse propagandistische Ziele gebrauchen darf, da lebt noch etwas, man möchte sagen, von unnaturwissenschaftlichem Denken. Mit dem Erfurter Programm mündet die moderne Arbeiterbewegung ganz und gar ein in den Aberglauben gegenüber dem naturwissenschaftlichen Denken. Von da ab will man eigentlich erst die ganze soziale Frage innerhalb des Proletariats so bewältigen, daß man zu dieser Bewältigung nur naturwissenschaftlich geschultes Denken verwendet. Man kann sagen: In zwei Programmpunkten, in zwei Idealen lief zusammen alles dasjenige, was sozialdemokratische Ideale der Arbeiterschaft vor dem Erfurter Programm waren. Diese zwei Punkte waren erstens die Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, zweitens die Beseitigung aller sozialpolitischen Ungleichheit. So haben Sie diesen zwei Programmpunkten zugrunde liegend, ich möchte sagen, ein viel allgemeineres Denken noch, ein Denken, das aus Urteilen der Menschheit stammt, das gefühlsmäßig, instinktiv war und bewußt geworden ist in den letzten Jahrhunderten, und das im Grunde genommen mit dem Menschen als dem Mittelpunkt des sozialen Strebens rechnet. Man will also die Lohnarbeit, das System der Lohnarbeit abschaffen. Das heißt, man will dem Menschen ein menschenwürdiges Dasein geben dadurch — es war ja das immer unklar in den Köpfen, was wir nun aus der Geisteswissenschaft heraus klar darstellen —, daß man nicht mehr die Arbeit eines Menschen der Sache gleichstellt, die als Ware verkauft wird, daß man die Arbeitskraft nicht als Ware behandelt. Man will das System der Lohnarbeit abschaffen und will ein anderes System, das den Menschen nicht mehr nötigt zum Verkauf seiner persönlichen Arbeit, aufstellen. Das ist also etwas, was noch mit dem Allgemein-Menschlichen rechnet. Ebenso die Beseitigung der sozialen und politischen Ungleichheit.
[ 9 ] Diese eigentliche Grundidee des sozialistischen Ideales früherer Zeiten wurde aufgegeben mit dem Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mit dem sogenannten Erfurter Programm. Und da wurden nun zwei andere Punkte geradezu die Zielpunkte. Diese zwei andern Punkte sind erstens die Verwandlung des kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln in gesellschaftliches Eigentum, also die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Maschinen, Grund und Boden und so weiter, die sollen aus dem Privateigentum in das gesellschaftliche Eigentum übergehen. Das war der erste Punkt. Der zweite Punkt war Umwandlung der Warenproduktion in sozialistische Produktion, die durch und für den gesellschaftlichen Körper geleistet wird. Diese zwei Programmpunkte, die sind in der Denkform, die in ihnen herrschend ist, ganz und gar angepaßt dem rein naturwissenschaftlichen Denken der neueren Zeit. Da ist nicht mehr die Rede davon, daß sich der Mensch irgend etwas erwerben oder erobern soll. Da ist nicht die Rede davon, daß das System der Lohnarbeit abgeschafft werden soll. Da ist nicht die Rede von irgendeiner Beseitigung von sozialer oder politischer Ungleichheit, sondern da ist die Rede von einem ganz vom Menschen absehenden äußeren Prozeß, der sich vollziehen soll, von etwas, das sich so unter dem Gange von Ursache und Wirkung vollziehen soll, wie sich die Naturereignisse selbst in ihrem Gange beherrscht von Ursache und Wirkung zeigen. Es soll einfach, ganz gleichgültig, was der Mensch dadurch für eine Umwandlung erleidet, das Privateigentum an Produktionsmitteln in Gemeineigentum an Produktionsmitteln verwandelt werden. Und es soll die Wirtschaftsordnung nicht mehr die der Warenproduktion sein, sondern die sozialistische Produktion: Die Gemeinschaft selbst soll produzieren, und das, was produziert ist, soll auch für die Gemeinschaft da sein. Warenproduktion, das heißt Produktion, die der einzelne aus seiner Privatinitiative heraus fördert und die dann auf den Markt geliefert wird, um auf dem Markt wiederum von den andern gekauft zu werden, die unterscheidet sich von der sozialistischen Produktion dadurch, daß die sozialistische Produktion gewissermaßen das Prinzip der Eigenproduktion, wo derjenige, der etwas produziert, es auch wiederum selbst verbraucht, auf die ganze Gemeinschaft überträgt. Die Warenproduktion rechnet mit dem individuellen Menschen. Der eine individuelle Mensch produziert etwas, gibt es auf den Markt; der andere individuelle Mensch nimmt es vom Markt durch Kauf weg. Die sozialistische Produktion kehrt wiederum zurück zur Urproduktion, wo der einzelne dasjenige selbst produziert, was er verbraucht — wenigstens bilden sich die Leute ein, daß es das einmal gegeben hat —, aber jetzt soll nicht der einzelne es machen, sondern die Gemeinschaft. Der Markt hört auf, es produziert irgendeine Gemeinschaft dasjenige, was zu produzieren ist. Das Produzierte wird nicht Ware, sondern es wird verteilt auf diejenigen, die der Gemeinschaft angehören; die es fabrizieren, die konsumieren es auch.
[ 10 ] Da handelt es sich also darum, die rein naturwissenschaftlichen Begriffe auf den sozialen Organismus zu übertragen. Auf solche Unterschiede, wie einer hervortritt in dem sozialistischen Programm vor dem Erfurter Parteitag und in dem sozialistischen Programm nach dem Erfurter Parteitag, lassen sich die Leute heute gar nicht gerne ein, weil die Leute heute überhaupt gar nicht gern denken, trotzdem sie sich auf ihr Denken so ungeheuer viel einbilden.
[ 11 ] Nun kommt aber eine andere Misere dazu. Diese Misere können wir insbesondere dann gut studieren, wenn wir, ich möchte sagen, einen der klassischen Schriftsteller betrachten, die sich betätigt haben innerhalb des sozialen Rätsels, als dieses noch eine mehr theoretische Frage war, zum Beispiel Karl Kautsky. Kautsky sagt in einer seiner Schriften, indem er nachzuweisen versucht, daß die kapitalistische Wirtschaftsordnung in die sozialistische übergehen müsse, daß bei diesem Übergang die Warenproduktion als solche aufhören müsse und daß an ihre Stelle treten müsse der Eigenkonsum, so daß also der Konsument zu gleicher Zeit der Produzent ist, das heißt eine Gemeinschaft. Aber nun wirft er zu gleicher Zeit die Frage auf: Welches kann diese Gemeinschaft sein? Und da gibt er die Antwort: Das kann natürlich nur der moderne Staat sein. — Das heißt, er gibt die Antwort, die er jedenfalls nicht hätte geben dürfen. Er hat nicht eingesehen, und die Leute von seiner Art sehen es bis heute nicht ein, daß der Staat, den sie den modernen Staat nennen, durchaus kein modernes Gebilde war. Jene Staaten, die für Mittel- und Osteuropa hinweggefegt sind, sind keine modernen Gebilde gewesen, sondern sie sind aus ganz andern Bedingungen, als sie im modernen Wirtschaftsleben enthalten sind, von alters her dagewesen, und es war einfach keine Verbindung zu sehen — in solcher Weise, wie sich diese Menschen das dachten zwischen dem modernen Wirtschaftsleben und diesen Staatsgebilden. Daher sehen wir, daß da diese Staatsgebilde weggefegt sind. Dasjenige, was von ihnen noch zurückgeblieben ist, sind ja eigentlich Gespenster, die in den Köpfen der Menschen spuken, und es wird auch das noch hinweggefegt werden. Es wird nichts zurückbleiben, was nicht eine Frage wäre auf allen Gebieten des praktischen Lebens; es werden nur Fragen zurückbleiben. Und zur Beantwortung dieser Fragen, die nicht theoretisch sind, sondern die Tatsachen sind, wird man eben ein durch und durch neues Denken brauchen. Dieses neue Denken waltet ja, wie ich Ihnen gezeigt habe in unseren Betrachtungen, die wir die letzten Wochen gepflogen haben, dieses neuere Denken waltet ja darinnen, daß man einsehen wird, man müsse die Grundgesetze einer Menschheitsorganisation so studieren, wie man geisteswissenschaftlich studiert die Grundgesetze der einzelnen menschlichen individuellen Organisation.
[ 12 ] Wenn wir die Grundgesetze der einzelnen menschlichen Organisation studieren, so wissen Sie, wir kommen auf die Dreiheit von SinnesNervensystem, von rhythmischem System und von Stoffwechselsystem. Und nur wenn man das Ineinandergreifen dieser drei Systeme im Organismus versteht, versteht man dasjenige, was der Mensch in der Zeit ist. Dem entspricht auf dem Gebiete des äußeren Lebens das Verständnis für die drei Glieder des sozialen Organismus, der zerfallen muß in ein geistiges System, in ein wirtschaftliches System und — wenn wir so sagen dürfen — in ein Rechtssystem, in dem nur das äußere Rechtssystem, das politische Rechtssystem enthalten ist, von dem aber ausgeschlossen ist das Privatrecht oder Strafrecht.
[ 13 ] Geradeso wie die moderne Naturwissenschaft nichts wissen will von dieser Dreigliederung des Menschen und alles, was im Menschen ist, über einen Leisten schlägt, so will das moderne soziale Denken nichts wissen von dieser Dreigliederung des sozialen Körpers. Und weil sie nichts wissen will von dieser Dreigliederung des sozialen Körpers, steht sie so ratlos und wird ratlos stehen, solange sie nichts wissen will von dem, was zu geschehen hat gegenüber den großen praktischen Anforderungen, die eigentlich heute jeder Tag bringt. Es ist eben eine Regeneration des Denkens notwendig. Es ist notwendig, einzusehen, daß man mit den modernen naturwissenschaftlichen Begriffen, die auf einem gewissen Gebiete ihren großen Dienst tun, gerade auf dem Gebiete des sozialen Lebens eben auch nicht einen einzigen Schritt wirklich vorwärtskommen kann.
[ 14 ] Und so sehen wir ganz merkwürdige Erscheinungen eintreten. Man kann sagen, es ist ja eigentlich wahrhaftig keine absonderliche Erscheinung mehr, daß die Leute anfangen, mehr oder weniger sozial zu denken, und es war auch schon keine absonderliche Erscheinung, daß gewisse Menschen sozial dachten, bevor diese furchtbare Katastrophe der letzten Jahre, die ja zum Teil gerade das soziale Rätsel in seiner Urgestalt zeigt, eingetreten ist. Aber wir gewahren dann, gerade wenn wir die führenden Volkswirtschaftslehrer in ihren Anschauungen, in ihren Hauptgedanken betrachten, wie ratlos vor den Erscheinungen diese Leute eigentlich dastehen. Ich will Ihnen zum Beispiel eine Definition vorlesen, welche ein in gewissen Kreisen angesehener Volkswirtschaftslehrer, nämlich Jafe, gegeben hat von dem, was er sich denkt als den wünschenswerten idealen Zustand eines sozialen Organismus. Jaffe schildert in einer Weise, die durchaus den Begriffen entspricht, zu denen es einmal die moderne Menschheit auf diesem Gebiete gebracht hat, was er glaubt schildern zu müssen, und faßt dann zusammen, wie er sich denkt, daß der soziale Zustand sein müsse, der den Forderungen der modernen Menschheit, den Forderungen auch der modernen industriellen und sonstigen Entwickelung entspricht. Sehen Sie auf diese, ich möchte sagen, grundgescheite Definition, die wahrhaftig nicht eines der unbedeutendsten Produkte modernen volkswirtschaftlichen Denkens bedeutet. Also ich will ganz langsam lesen, was Jaffe als den Idealzustand für den sozialen Organismus, der da kommen soll, angibt. Es sei das «jener Zustand der wirtschaftlichen Organisation, in dem alle Glieder des Volkes verwachsen sind zu einer organischen Einheit, jeder an seinen Platz eingeordnet als dienendes Glied einer Gemeinschaft, die zuletzt ihm selber dient, die ihm nicht nur äußerlich ein menschenwürdiges Dasein sichert, sondern auch seiner Arbeit die letzte Würde verleiht, weil sie nicht individuelle Zwecke verfolgt, sondern Dienst ist für die Allgemeinheit».
[ 15 ] Ich glaube, daß ein großer Teil derjenigen Menschen, die so recht im Sinne der Denkgewohnheiten der Gegenwart ihr Denken entfalten, diese Definition außerordentlich treffend und geistreich finden, daß sie sogar sagen werden, sie sei alles, was ja eigentlich nur wünschenswert sein kann. Man solle anstreben einen Zustand wirtschaftlicher Organisation, in dem jeder einzelne richtig eingegliedert ist, an seinen Platz gestellt ist, seine Arbeit verrichtet, die ihm nicht nur ein menschenwürdiges Dasein zusichert, sondern die ihm auch dadurch dient, daß er selber wiederum mit dieser Arbeit den entsprechenden Dienst der Gemeinschaft liefert. Solch eine Definition errungen zu haben, wird auf manchen, der heute glaubt, richtig denken zu können, so den Eindruck machen: Gott, wie bin ich gescheit, denn ich hab es endlich gefunden, wie das sein muß, wie eigentlich die Sache sein muß! — Und dennoch: «Die Armut kommt von der Pauvrete!» Jenes ist auch eine Definition der Arbeit, und jene Definitionen unterscheiden sich von der Definition, daß die Armut von der Pauvrete kommt, durchaus nicht. Denn diese Definition ist so, daß sie eigentlich ebenso gut paßt auf die gegenwärtige soziale Organisation, die wir haben, oder wenigstens bis zum Kriege gehabt haben, oder welche einzelne Staaten, wie zum Beispiel Deutschland, während des Krieges gehabt hat. Aber man kann auch sagen: Gar kein Staat der Gegenwart paßt auf diese Definition. Es ist solch eine Definition das Musterbild abstraktesten Nichtssagens. Und so kann man es heute erleben, daß die Leute Gescheitheiten an Systemen entfalten, die zuletzt eigentlich im Grunde genommen mit dem, was sie als ihre gescheiten Definitionen herausbringen, aber auch gar nicht einmal leise an die Wirklichkeit herantippen. Denn nehmen wir doch einmal diese Jaffe-Definition. Er will schildern einen idealen wirtschaftlichen Zustand der Zukunft. Das soll jener Zustand wirtschaftlicher Organisation sein, in dem alle Glieder des Volkes verwachsen sind zu einer organischen Einheit. Das ist nun wirklich der Fall, sobald irgendein Staat, und zwar auch der schlechteste, da ist! Alle Glieder des Volkes sind trotzdem irgendwie zu einer organischen Einheit verwachsen. Wenn der Mensch den Aussatz über alle seine Glieder verbreitet hat, sind auch alle Glieder mit einer Aussätzigkeit behaftet, sind zu einer organischen Einheit verwachsen! Sie können einen aussätzigen Körper und einen gesunden Körper nämlich mit genau derselben Definition treffen, wenn Sie nur diese Definition in entsprechender Weise allgemein halten. Solange Sie bei der Theorie bleiben, merkt es keiner. Wenn aber die Lage so ist wie jetzt, daß die Krankheit ausgebrochen ist und geheilt werden soll, da erweisen sich die Begriffe, die dann die Leute haben, das Urteilsvermögen, das dann die Leute haben, eben als absolut ungeeignet.
[ 16 ] Dann weiter sagt er «...wo jeder an seinem Platze eingeordnet als dienendes Glied einer Gemeinschaft ist...» Nun, das ist ja nun wirklich zum Beispiel innerhalb des Deutschen Reiches, mit Ausnahme der paar wenigen Leute, die absolut nichts mit einem Staate zu tun haben wollten, doch eigentlich für die meisten Menschen so der Fall gewesen, daß jeder irgendein dienendes Glied im Ganzen ist, nicht wahr. Mindestens gibt er ja den Stimmzettel ab. «Dienendes Glied einer Gemeinschaft, die zuletzt ihm selber dient», stimmt auch, stimmt für das schlechteste staatliche Gebilde. «Die ihm nicht nur äußerlich ein Dasein sichert», da tritt so ein bißchen etwas hervor, aber es bleibt ein Phrasenhaftes, Angehängtes, denn es ist so ein unter der übrigen Phraseologie Gesagtes. Bei «sondern auch seiner Arbeit die letzte Würde verleiht», kommt es darauf an, was man unter dieser Würde versteht. «Weil sie nicht individuelle Zwecke verfolgt, sondern Dienst ist für die Allgemeinheit», das kann auch beim schlechtesten Staate der Fall sein!
[ 17 ] Eine gescheite Definition von einem angesehenen Volkswirtschaftslehrer ist nichts anderes als: Armut kommt von der Pauvrete. — An dieser Eigenschaft der wesenlosen Abstraktheit leidet ein großer Teil der Menschheit heute praktisch. Kaum dämmert den Leuten auf, was als Wirklichkeit hinter den Erscheinungen webt und west. Man bedenke doch nur, wie weit die Menschen entfernt sind, so etwas wie die Dreigliederung, die wir hier als das Grundwesentliche anführen, auch nur praktisch ins Auge zu fassen! Die Menschen denken sich heute noch immer, sie könnten irgendeine Formel finden, durch welche, sagen wir zum Beispiel — es ist Schlagwort jetzt geworden «sozialisiert» werden könnte. Ja, es ist das nicht viel besser, wenn auch der Vergleich ein wenig hinkt, als wenn jemand eine Wissenschaft finden sollte, durch welche verdaut werden kann. Verdauen muß der menschliche Organismus in seinem wirklichen Leben. Dazu muß er in seinem wirklichen Leben dreigeteilt sein; dann wird er schon durch das rechte Zusammenwirken der drei Glieder die Lebensfunktion in Realität entsprechend unterhalten. Gliedern Sie die Gemeinschaft wirklich nach der Dreiheit, dann brauchen Sie keine Formel für Sozialisierung, dann sozialisiert sich das, was sich sozialisieren will, von selbst.
[ 18 ] Bedenken Sie nur einmal, wie unendlich kompliziert das, was sich im menschlichen Organismus abspielt, ist. Denken Sie einmal, wenn Sie alles das ausdenken müßten, was in den zwei Stunden nach Ihrem Mittagsmahl geschieht! Sie haben gegessen, das Gegessene wird verdaut: das ist ein ungeheuer komplizierter Prozeß, der in unzählige Einzelheiten zerfällt. Denken Sie einmal, Sie sollten das durchdenken: Sie könnten es natürlich durchaus nicht durchdenken! Und wenn jedermanns Verdauung davon abhinge, daß man sie durchdächte, dann könnten Sie nicht einen Tag leben; nicht einen einzigen Tag könnten Sie leben. Heute möchten sich da oder dort Komitees zusarnmensetzen, um die Formen zu finden, wie man sozialisiert. Nun ist aber das, was öffentliches Leben der Menschheit ist, auch ein durch und durch komplizierter Prozeß, der ebensowenig in seinen Einzelheiten abgefangen werden kann, wie der Verdauungsprozeß zum Beispiel oder der Denkprozeß selbst, oder der Atmungsprozeß in seinen Einzelheiten abgefangen werden kann. Aber wenn man die dreigliedrigen Impulse hat und zusammenwirken läßt, dann geschieht das Richtige. Nehmen Sie ein Beispiel. Man kann heute kaum einen sozialistischen oder sozialen Schriftsteller lesen, ohne daß man staunen wird über seine außerordentlich reichen Kenntnisse. Weniger die bürgerlichen, aber insbesondere die sozialistischen Schriftsteller haben eine Unsumme von allem möglichen statistischem und anderem historischem Material zusammengetragen, bis in die neueste Zeit herein, um den notwendigen Werdegang der Menschheit bis in die Gegenwart zu studieren. An dem, was sich entwickelt hat, wollen sie nun die Notwendigkeiten erkennen, wie man, sagen wir, sozialisieren soll. Aber bei diesem Prozesse, der sich innerhalb der menschlichen Gemeinschaft abspielt, da geht es eigentümlich zu. Sie packen eine Erscheinung an irgendeinem Zipfel, und sie entschlüpft ihnen sogleich arm andern Zipfel! Sozialisieren sie dann, so wie es ihnen zu sozialisieren notwendig erscheint, indem sie beim einen Zipfel anfassen, entschlüpft ihnen die ganze Geschichte nach der andern Seite.
[ 19 ] Betrachten wir das einmal etwas beispielsweise. Nehmen wir nur die eine Tatsache: Im Jahre 1910 konnten von einem amerikanischen Werke, in welchem Eisenbahnschienen fabriziert werden, in zweieinhalb Tagen ebensoviel Eisenbahnschienen hergestellt werden, als noch zehn Jahre vorher in einer ganzen Woche. Aber die ganze Woche wurden doch wiederum die Arbeiter beschäftigt! Nun kann man sagen, um zu einer Anschauung zu kommen über das Verhältnis von Unternehmer und Arbeiter: Diese Arbeiter produzieren in der Woche das Doppelte von dem, was 1900 produziert wurde. Natürlich arbeitet jeder Arbeiter das Doppelte für den Markt! Das merkt an verschiedenen Verhältnissen der Arbeiter. Was durch den Arbeiter zustande gebracht wird, kommt natürlich in der proletarischen Frage zum Ausdruck. Der Arbeiter weiß natürlich ganz gut, daß der Unternehmer das Doppelte, mehr als das Doppelte verdient, und es ergeben sich Faktoren, wodurch der Arbeiter vom Unternehmer das Doppelte verlangt. Aber wenn man jetzt theoretisiert und sagt: Nun ja, es kann ja dem Arbeiter, wenn auch vielleicht nicht das Doppelte, aber es kann mehr bezahlt werden, denn der Unternehmer verdient natürlich um so und so viel mehr —, so hat man die Sache erst bei dem einen Zipfel erfaßt. Bei dem andern Zipfel rutscht sie einem wieder aus der Hand, denn die Schienen werden um so und so viel billiger. Und dieses Billigerwerden der Schienen, das kommt an andern Erscheinungen des sozialen Lebens wiederum zum Vorschein und korrigiert das, was als proletarische Frage auf der einen Seite erscheint. Man kann sagen: Die Verhältnisse sind im sozialen Organismus so kompliziert, daß, wenn man eben von einem Gesichtspunkte aus irgendeine Frage in Angriff nimmt, gleich andere Gesichtspunkte das, was man zu sagen hat, paralysieren.
[ 20 ] Nehmen Sie ein anderes Beispiel. Nehmen Sie die deutsche Volkswirtschaft. Ich habe Ihnen ja in früheren Betrachtungen ausgeführt, wie die Maschinen gewissermaßen den Menschen menschliche Arbeitskraft abnehmen. Man kann gerade von der deutschen Volkswirtschaft sagen, daß in den letzten Jahrzehnten — sie hat ja da einen ungeheueren Aufschwung erlebt —, wenn man sogar von den Leistungen der Lokomotiven absieht, die Maschinen so viel geleistet haben, wie siebzig, achtzig Millionen Menschen leisten, das heißt mehr als die Bevölkerung Deutschlands. Von der Bevölkerung Deutschlands ist wiederum nur ein Teil Arbeiter, woraus folgt, daß in Deutschland bei der neueren Volkswirtschaft in den letzten Jahren vor dem Kriege ein Arbeiter dasjenige geleistet hat, was vier bis fünf Arbeiter vor der Einführung der Maschine geleistet haben. Denken Sie sich, welcher Umschwung das für das allgemeine Leben bedeutet! Aber das, was da auftritt, tritt an so vielen Punkten des Lebens auf, daß, wenn Sie irgendwie sozialisieren wollen mit Bezug auf einen Gesichtspunkt, Sie die schlimmsten Dinge mit Bezug auf andere Gesichtspunkte anrichten. Denn dieses soziale Leben ist ebenso kompliziert wie das Leben irgendeines organischen Wesens. Und nicht das kann die Aufgabe sein, in irgendeine Formel zu bringen, wie die Dinge zu geschehen haben, sondern dem sozialen Organismus diejenige Gliederung zu geben, durch die er von selbst arbeitet und die Dinge so in Ordnung bringt, wie der menschliche Organismus seine Funktionen in Ordnung bringt. Darum kann es sich nur handeln.
[ 21 ] Also Sie sehen, es muß die Sache von einer ganz andern Seite aufgefaßt werden. Sie muß von der Seite aufgefaßt werden, in das wirkliche Wesen des sozialen Organismus wirklich einzudringen. Das ist es, was wichtiger ist als alles Reden von Gemeinschaft und Gemeinschaftsbildung. Es wird eine außerordentlich gute Schule für die mitteleuropäischen und osteuropäischen Länder sein, daß sie bald einsehen müssen, wie sie nicht mehr von Verstaatlichung der Produktionsmittel im gewöhnlichen Sinne reden können. Vorläufig reden die Leute nach alten Denkgewohnheiten noch von diesen Dingen und bedenken nicht, daß die Staaten ja nicht mehr da sind, daß sie fort sind, daß an ihrer Stelle etwas ganz Neues geschaffen werden muß, was noch nicht da ist. Man wird zunächst einmal Leute wählen, die noch die alten Begriffe im Kopfe haben. Die werden nach diesen alten Begriffen irgend etwas tun, was aber so wenig ein Mensch sein wird, wie der Homunkulus in der Wagnerschen .Retorte. Dann wird man sehen, daß es so nicht geht und wird sich erst durch das praktische Leben überzeugen müssen, daß wirklich alle die konfusen Begriffe, welche die letzten Jahrzehnte auf die Oberfläche gebracht haben, unmöglich sind gegenüber den praktischen Situationen, vor welche die Menschheit heute gestellt ist.
[ 22 ] Das wird Sie aufmerksam darauf machen, daß es ja vor allen Dingen sich darum handelt, erst einmal die Wirklichkeit so zu prüfen, daß man aus dieser Wirklichkeit herausbekommt: welche Gestalt können überhaupt diese sozialen Forderungen in der Gegenwart haben? Auf eines habe ich ja hier immer wieder und wiederum’ hingewiesen. Mögen die Proletarier heute sagen, was sie wollen; was heute ein Mensch sagt, ist überhaupt zumeist gleichgültig, weil das, was er sagt, in seinem Oberbewußtsein existiert, während das, was er fordert, das, worum es ihm zu tun ist, in seinem Unterbewußtsein enthalten ist. Man lernt heute die Menschen fast gar nicht durch das kennen, was sie reden. Durch das, was aus ihrem Unterbewußtsein heraufdämmert, durch die Art und Weise, wie die Menschen reden, lernt man sie viel mehr kennen als durch den Inhalt dessen, was sie reden. Denn der Inhalt dessen, was sie reden, ist zumeist nur der fortgepflanzte Inhalt einer absterbenden oder schon abgestorbenen Zeit. Das, was in dem Unterseelischen der Menschen sitzt, das ist dasjenige, was neu ist.
[ 23 ] Und so sehen wir denn, daß die proletarische Bevölkerung überall hinstreut kategorische Begriffe, Worte, die ihr eingetrichtert sind aus dem Marxismus oder aus sonstigen Quellen. Und in Wahrheit ist unter den Impulsen — was ist nicht alles unter den Impulsen! —, vor allen Dingen der Impuls, die menschliche Arbeitskraft nicht mehr Ware sein zu lassen. Fragt man heute den modernen Proletarier: Was willst du eigentlich? — antwortet er: Ich will Verstaatlichung oder Vergesellschaftung der Produktionsmittel, ich will Sozialisierung und so weiter. — Würde er unter den verschiedenen Punkten, die man ja alle in ihrer wahren Gestalt kennenlernen kann, besonders Gewicht legen auf den Punkt: Ich will, daß meine Arbeitskraft fernerhin nicht Ware sei, sondern etwas ganz anderes —, dann würde er die Wahrheit sagen.
[ 24 ] So ist in diesem modernen Denken das Allerallerälteste untermischt mit demjenigen, was unbewußt als die neueste, als die modernste Forderung in den Menschenseelen enthalten ist. Und dessen sind sich die Menschen wiederum nicht bewußt. Daher sehen wir eine Forderung auftreten, die also wirklich schon für einen großen Teil der gebildeten Welt gegenstandslos geworden ist: die Forderung, die alten Gemeinschaften an die Stelle der Privatunternehmer zu setzen. Es ist eigentlich grotesk für diejenigen Staaten, die verschwunden sind, daß der Staat nun Unternehmer werden soll an Stelle der Privatunternehmer. Einer, der gar nicht mehr da ist, soll der Unternehmer werden! Dennoch pfuschen die Leute an dieser Frage herum. Daran sieht man eben, wie in eine Sackgasse hineingemündet ist dieses moderne Denken und Empfinden. Und gerade darüber, inwiefern der Staat oder irgendeine bestehende Gemeinschaft direkt an die Stelle des Privatunternehmens treten kann oder nicht treten kann, über diese Frage wollen wir dann morgen noch genauer sprechen.
