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Goetheanism
An Impulse for Transformation and a Concept of Resurrection
Human and Social Science
GA 188

31 January 1919, Dornach

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Zehnter Vortrag

Tenth Lecture

[ 1 ] Man kann sagen: Es lagert eine ernste Tragik über der gegenwärtigen Menschheit. Das wird Ihnen ja hervorgehen aus dem Inhalte der mancherlei Betrachtungen, die wir gerade in der letzten Zeit gepflogen haben. Diese Betrachtungen erstreckten sich zum größten Teile weitaus über verschiedene Gesichtspunkte, die mit Bezug auf die Entwickelung des sozialen Problems, des sozialen Rätsels in unserer Zeit in Betracht kommen. Und gerade mit Bezug auf dieses soziale Rätsel können wir sagen, daß eben eine gewisse ernste Tragik über der gegenwärtigen Menschheit lagert. Wir sehen ja, wie die soziale Frage, die mehr oder weniger von vielen Leuten, insbesondere der sogenannten Intelligenz, bisher mehr für eine theoretische Frage angesehen worden ist, eine wahrhaftig recht bedeutungsvolle, praktische Gestalt durch große Territorien der zivilisierten Welt hindurch gewinnt. Und was schon zum Tragischen gehört in bezug auf diese Sache, das ist, daß nun gerade da, wo das soziale Rätsel im praktischen Leben unmittelbar an die Oberfläche des Daseins tritt, die Menschen, man kann sagen, aller Berufsstände und aller sozialen Klassen, in außerordentlich schlechter Weise auf die soziale Situation der Gegenwart vorbereitet sind. Wenn sich die Menschen jetzt so in die Welt gestellt finden, daß sie an zahlreichen Orten sich genötigt sehen, nicht nur, wie dies früher der Fall war, Reden zu halten über die soziale Frage, sondern zu urteilen über das oder jenes in bezug auf die soziale Gestaltung — daß dies eintreten muß, läßt sich leicht einsehen aus den Verhältnissen der Gegenwart —, dann finden die Menschen nicht die Möglichkeit, Ausgangspunkte für solches Urteilen zu gewinnen. Sie finden nicht die Möglichkeit, für solche Urteile, die heute nun einmal brennend notwendig geworden sind, das rechte Denken zu entfalten. Sehen wir doch, daß im Laufe der letzten Jahrhunderte die führenden Menschen des Bürgertums eigentlich angenommen haben für den Tagesgebrauch und auch für den Wochen- und Jahresgebrauch ihres Denkens gewisse Gedankenformen, die, wenn auch das nicht immer ersichtlich ist, aus dem naturwissenschaftlichen Denken der neueren Zeit abstammen. Also Menschen, die überhaupt heute denken, denken eigentlich, wenn sie auch ganz und gar nicht über Naturwissenschaftliches denken, naturwissenschaftlich; sie denken so, wie es gut ist, in der Naturwissenschaft, so wie sich diese heute gestaltet hat, zu denken. Und mit diesem Denken kommt man eben mit Bezug auf alle sozialen Angelegenheiten auch nicht einen wirklichen Schritt weiter. Das wollen sich die Leute aber heute meistens noch nicht gestehen. Sie möchten alle die Wirrnis, die eingetreten ist, allerlei andern Dingen zuschreiben. Sie möchten noch nicht hinblicken darauf, daß sie sich eigentlich sagen müßten: Wir stehen in bezug auf einen groBen Teil der zivilisierten Welt vor einem sozialen Chaos; wir müssen ein Urteil haben, aber wir haben eigentlich keine Anhaltspunkte für dieses Urteil in den Denkgewohnheiten, die wir bisher gepflogen haben.

[ 1 ] One might say: A profound tragedy hangs over humanity today. This will become clear to you from the content of the various reflections we have been engaging in, especially in recent times. For the most part, these reflections have encompassed a wide range of perspectives relevant to the development of the social problem—the social enigma—of our time. And it is precisely in relation to this social enigma that we can say a certain grave tragedy hangs over humanity today. We can see, after all, how the social question—which has hitherto been regarded by many people, especially the so-called intelligentsia, more or less as a theoretical issue—is taking on a truly significant, practical form across vast swaths of the civilized world. And what is already tragic about this matter is that precisely where the social enigma comes to the surface of existence in practical life, people—one might say, of all professions and all social classes—are extraordinarily ill-prepared for the social situation of the present. When people now find themselves in a position where, in numerous places, they are compelled not only—as was previously the case—to give speeches on the social question, but also to pass judgment on this or that aspect of social organization—and it is easy to see from current circumstances that this must happen— yet people cannot find a way to establish a basis for such judgments. They cannot find a way to develop the proper way of thinking for such judgments, which have now become an urgent necessity. Let us consider that, over the course of the last few centuries, the leading figures of the bourgeoisie have in fact adopted, for their daily, weekly, and annual thinking, certain forms of thought which—even if this is not always apparent—stem from modern scientific thinking. So people who think at all today actually think—even when they are not thinking about scientific matters at all—in a scientific way; they think in the way that is appropriate in science, as it has taken shape today. And with this way of thinking, one simply does not make any real progress with regard to social matters either. But most people today are still unwilling to admit this to themselves. They all want to attribute the confusion that has arisen to all sorts of other things. They do not yet want to face the fact that they would actually have to say to themselves: With regard to a large part of the civilized world, we are facing social chaos; we must form a judgment, but we actually have no basis for this judgment in the habits of thought we have cultivated thus far.

[ 2 ] Man muß, wenn man sich die ganze schwere Tragik der hiermit angedeuteten Tatsache vor das Auge rücken will, sich das Folgende klarmachen. Man muß sich bemerklich machen, wie seit dem 16., 17. Jahrhunderte sich langsam vorbereitet hat dasjenige, was heute zum Ausbruch gekommen ist, und wie seit dem 16. und 17. Jahrhundert im Grunde gerade die führende Menschheit nichts getan hat, um sich ein Urteil wirklich zu verschaffen über das, was notwendig ist. Die Wirtschaftsordnungen, die seit dem 16. und 17. Jahrhundert zersprengt worden sind, sie sind heute eben nicht mehr da. Es hat sich an ihre Stelle im Grunde genommen, man kann sagen, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts herein eine Art wirtschaftliches Chaos, oder besser gesagt, eine wirtschaftliche Anarchie gesetzt. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wiederum strebte die Menschheit zu einer solchen Gestaltung der sozialen Körperschaften, wodurch man aus der wirtschaftlichen Anarchie herauskommen sollte. Aber sie strebte dem zu mit unzulänglichen Mitteln. Betrachten wir diese Sachlage einmal ein klein wenig, allerdings nur ein klein wenig genauer.

[ 2 ] If one wishes to fully grasp the gravity and tragedy of the fact alluded to here, one must understand the following. One must take note of how, since the 16th and 17th centuries, the events that have now come to a head have been slowly brewing, and how, since the 16th and 17th centuries, the leading members of society, in essence, have done nothing to truly form a judgment about what is necessary. The economic systems that were shattered since the 16th and 17th centuries no longer exist today. In their place, one might say, a kind of economic chaos—or rather, economic anarchy—prevailed essentially until the middle of the 19th century. Since the mid-19th century, however, humanity has strived to organize social institutions in such a way as to emerge from this economic anarchy. But it has pursued this goal with inadequate means. Let us examine this situation just a little—but only a little—more closely.

[ 3 ] Wir sehen ja, wenn wir in die Zeit vor dem 16. oder 17. Jahrhundert zurückblicken, wirtschaftlich die Menschheit gegliedert in mehr oder weniger feste Berufsverbände, deren inneres Gefüge den Leuten heute noch wenig bekannt ist, die aber so gegliedert, so angeordnet waren, daß sie in einer gewissen Beziehung für das Leben der damaligen Menschheit eine Art Befriedigung bieten konnten. Es war vor allen Dingen in den Berufsorganisationen, die als Zünfte, Gilden und so weiter existiert haben, für den einzelnen Menschen die Möglichkeit vorhanden, mit seinem ganzen Wesen an seiner Berufsorganisation interessiert zu sein. Er war interessiert mit allen seinen Aspirationen, könnte man sagen. Derjenige, welcher einer Berufsorganisation als Lehrling angehörte, konnte hoffen, einmal Geselle, ja Meister zu werden. Er konnte hoffen, auf der sozialen Stufenleiter hinaufzusteigen. Und auch in anderer Richtung, mit der Beziehung auf die Regelung von Produktion und Konsum waren für gewisse Zeitverhältnisse in der Zeitentwickelung der Menschheit diese Organisationen mehr oder weniger dienlich.

[ 3 ] If we look back to the period before the 16th or 17th century, we see that, economically speaking, humanity was organized into more or less fixed professional associations, the inner workings of which are still largely unknown to people today, but which were structured and arranged in such a way that, in a certain sense, they were able to offer a kind of fulfillment for the lives of people at that time. It was above all within these professional organizations—which existed as guilds and the like—that the individual had the opportunity to be fully engaged with his or her professional organization. One might say that the individual was engaged with all his or her aspirations. Those who belonged to a professional organization as apprentices could hope to one day become journeymen, or even masters. They could hope to climb the social ladder. And in another respect as well—with regard to the regulation of production and consumption—these organizations were more or less useful under certain historical conditions in the course of human development.

[ 4 ] Nun kam die neuere Zeit herauf. Wir wissen ja aus unseren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen, wie diese neuere Zeit eigentlich ihrem Wesen nach innerlich ist. Der Mensch will sich bewußt auf die Spitze seiner eigenen Persönlichkeit stellen. Er will die Bewußtseinsseele entfalten. Das ist doch, wenn es auch maskiert ist durch die verschiedenen Verhältnisse, der innere Impuls desjenigen, was da kämpft, was sich da entwickelt in der neueren Zeit. Für dieses Streben nach der Ausgestaltung des persönlichen, des individuellen Elementes im Menschen waren die alten Berufsverbände, die aus ganz andern menschlichen Aspirationen heraus [entstanden] waren, eben nicht mehr geeignet. So daß wir sehen, wie sich vom 16., 17. Jahrhundert an auch auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens ein gewisser Individualismus entwickelt, wie die alten Verbände, die alten sozialen Gemeinschaften zertrümmert werden. Wir sehen beim Übergange in diese Zertrümmerung gewisse Übergangserscheinungen; wir sehen, wie gerade im 15., 16. Jahrhundert sich vorübergehend dasjenige ausbildet, was man nennen könnte die Monopolisierung verschiedener Produktionszweige. Wir sehen aber dann, wie sich gerade unter dem Einflusse des wirtschaftlichen Individualismus eine Art Antimonopolbewegung entwickelt, die im Grunde genommen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein dauert, und die dann geführt hat zu der neueren kapitalistischen Produktionsweise. Diese neuere kapitalistische Produktionsweise trägt dem Individualismus in einer gewissen Weise Rechnung. Die alten Berufsgemeinschaften wurden zersprengt, die wirtschaftliche Initiative ging an die einzelnen Menschen über, an die Kapitalisten, welche Unternehmer wurden und von deren Risikomut es abhing, ob nun das wirtschaftliche Leben gedieh oder nicht gedieh. Daneben entwickelte sich das moderne technische Wesen, welches ganz und gar umgestaltete das ganze wirtschaftliche Leben, welches eigentlich erst schuf die moderne Proletarierklasse. Und die Folge davon war, daß sich auf der einen Seite der Kapitalismus, auf der andern Seite das Proletariat entwickelte, und daß durch das Leben von der Hand in den Mund, durch die Unaufmerksamkeit und Uninteressiertheit der führenden Menschen an dem wirtschaftlichen Leben, zuletzt ein vollständiges Nichtverstehen zwischen den führenden Kapitalisten und ihrem Anhange und der arbeitenden Proletarierbevölkerung eintrat. Die großen Unterschiede, die über die Erde hin gerade mit Bezug auf die soziale Lage der Menschheit bestehen — wir haben sie betrachtet —, über sie sieht ein großer Teil gerade derer hinweg, die heute an dem sozialen Problem in der einen oder in der andern Weise herumpfuschen wollen. Man muß bedenken, daß die Weststaaten Europas mit ihrem amerikanischen Anhange sich im Laufe der neueren Zeit durchaus zugewandt haben dem, was man nennen kann bürgerliche Demokratie. Diese bürgerliche Demokratie rechnet mit gewissen Freiheits- und Gleichheitsidealen, die sie dann auch auf das wirtschaftliche Leben überträgt. Aber sie, diese bürgerliche Demokratie, ist bis zu einem gewissen Grade rückständig geblieben, rückständig geblieben insofern, als sie die Grundsätze, die Prinzipien, gewissermaßen die Programmpunkte des Bürgertums anwendet, so wie sie sich ergeben haben vor dem eigentlichen modernen Maschinenzeitalter. So daß wir sehen, daß in den Westländern diese bürgerliche Demokratie sich entwickelt, sich ihre Körperschaft, eine gewisse soziale Gestaltung gibt, aber nach und nach durchwirkt wird von dem, was Produkt des modernen Maschinenzeitalters ist, durchwirkt wird von dem Proletariat. Nun wird in diesen Weststaaten noch nicht in radikaler Weise gerechnet mit der proletarischen Bevölkerung. Wir sehen dann, wie in Mitteleuropa gerade die Entwickelung der neueren Zeit in einer erschreckend klaren Weise gezeigt hat, wohin eigentlich der Weg geht. Was ist denn eigentlich das Grundwesen dieser Mittelstaaten gewesen? Ja, das Grundwesen dieser Mittelstaaten war dieses, daß das staatliche Gefüge ein Uralthergebrachtes war. Die Begriffe, nach denen sich die staatlichen Gefüge in Mitteleuropa gebildet haben, auch bis nach Rußland hinein gebildet haben, diese Begriffe waren im Grunde uralt hergebrachte. Man hatte sie so bewahrt — ob nun monarchisch oder nicht monarchisch, das kommt ja dabei weniger in Betracht —, daß man ausgebaut hat die Körperschaften zu sogenannten modernen Staatsgebilden. Diese modernen Staatsgebilde Mitteleuropas und bis nach Rußland hinein sind eigentlich durchaus Reste mittelalterlicher Anschauungs- und Empfindungsweise. Sie sind auch so gefügt, daß ihr Gefüge Mittelalterlichem entspricht. Aber das Leben fügt sich solchen Begriffen nicht. In den Territorien, auf denen sich solche Körperschaften herausgebildet haben, entstand aus einer Notwendigkeit, die eine viel stärkere ist als dasjenige, was da aus dem Mittelalter herauf sich verpflanzt hatte, die Wirtschaft, entstand der Wirtschaftskörper. Und dieser Wirtschaftskörper, der hat seine eigenen Gesetze, der fordert seine eigenen Gesetze.

[ 4 ] Now the modern era dawned. We know from our spiritual scientific observations what the inner nature of this modern era actually is. Human beings want to consciously place themselves at the pinnacle of their own personality. They want to unfold the soul of consciousness. This is, after all—even if it is masked by various circumstances—the inner impulse of that which is struggling and developing in the modern era. The old professional guilds, which had [arisen] out of entirely different human aspirations, were simply no longer suited to this striving for the development of the personal, the individual element in human beings. Thus we see how, from the 16th and 17th centuries onward, a certain individualism developed even in the realm of economic life, and how the old guilds, the old social communities, were shattered. We observe certain transitional phenomena during this process of disintegration; we see how, particularly in the 15th and 16th centuries, what might be called the monopolization of various branches of production temporarily took shape. But we then see how, precisely under the influence of economic individualism, a kind of anti-monopoly movement developed, which essentially lasted well into the mid-19th century and which then led to the newer capitalist mode of production. This newer capitalist mode of production takes individualism into account in a certain way. The old guilds were broken up; economic initiative passed to individuals—to the capitalists, who became entrepreneurs—and it depended on their willingness to take risks whether economic life flourished or not. Alongside this, modern technology developed, which completely transformed the entire economic landscape and, in fact, was what actually created the modern proletarian class. And the result was that, on the one hand, capitalism developed, and on the other, the proletariat; and that, due to a hand-to-mouth existence and the inattention and disinterest of the ruling class in economic life, a complete lack of understanding eventually arose between the ruling capitalists and their followers and the working proletarian population. The vast disparities that exist across the globe—particularly with regard to the social condition of humanity—which we have examined—are overlooked by a large portion of precisely those who today seek to tinker with the social problem in one way or another. One must bear in mind that the Western European states, along with their American allies, have in recent times turned wholeheartedly toward what might be called bourgeois democracy. This bourgeois democracy is based on certain ideals of freedom and equality, which it then applies to economic life as well. But this bourgeois democracy has, to a certain extent, remained backward—backward insofar as it applies the principles, the tenets, and, so to speak, the program points of the bourgeoisie as they emerged before the actual modern age of machinery. Thus we see that in the Western countries this bourgeois democracy is developing, taking on a corporate form and a certain social structure, but is gradually being permeated by what is a product of the modern machine age—it is being permeated by the proletariat. At present, these Western states do not yet deal with the proletarian population in a radical manner. We then see how, in Central Europe, the developments of recent times have shown in a frighteningly clear way where the path is actually leading. What, then, was the fundamental nature of these Central European states? Indeed, the fundamental nature of these Central European states was that their state structures were of ancient origin. The concepts according to which the state structures in Central Europe—and even as far as Russia—were formed were, at their core, time-honored traditions. They had been preserved—whether under a monarchy or not, which is of secondary importance here—in such a way that these entities were developed into so-called modern state structures. These modern state structures of Central Europe, extending all the way to Russia, are in fact nothing more than remnants of medieval ways of thinking and feeling. They are also structured in such a way that their framework corresponds to that of the Middle Ages. But life does not conform to such concepts. In the territories where such entities have developed, the economy—the economic body—arose out of a necessity far stronger than that which had been transplanted from the Middle Ages. And this economic body has its own laws; it demands its own laws.

[ 5 ] Nun trat das durch und durch Krankhafte ein, daß die Erfordernisse des modernen Wirtschaftslebens sich wandten an die alten Staatsgebilde und daß man glaubte, dieses Wirtschaftsleben mit den alten Staatsgebilden durchdringen zu können. In einer gewissen Weise sollte dasjenige, was ganz neues Element war oder ist, das Wirtschaftsleben, eingefügt werden in den Staatskörper, der aus ganz andern Bedingungen heraus gewachsen ist. Da geschah die moderne Katastrophe, diese furchtbare Katastrophe der letzten Jahre. Und innerhalb dieser Katastrophe zeigte sich — denn das gehört zum Verständnis des Verlaufs dieser Katastrophe, was ich jetzt sagen werde —, daß es unmöglich ist, das moderne Wirtschaftsleben mit den alten Staatsbegriffen zu vereinigen. Es zeigt sich nunmehr, nachdem diese Katastrophe einen Krisencharakter angenommen hat in den letzten Monaten, das dadurch, daß ja diese mitteleuropäischen Staatsgebilde nun hinweggefegt sind. Die Staatsgebilde sind fort, der soziale Wirtschaftskörper auch, und es kann im weiteren Verlaufe — das könnte heute schon jeder Einsichtige einsehen — gar nicht mehr eine Zusammenkoppelung der neuen Wirtschaftsforderungen mit den alten Staatskörperschaften stattfinden, aus dem Grunde, weil diese alten Staatskörperschaften, statt daß sie sich modernisiert hätten im Sinne des modernen Lebens, sich haben hinwegfegen lassen.

[ 5 ] Now came the thoroughly pathological situation in which the demands of modern economic life were directed at the old state structures, and it was believed that this economic life could be integrated into those old state structures. In a certain sense, what was—or is—an entirely new element, namely economic life, was to be incorporated into the body of the state, which had grown out of entirely different conditions. That is when the modern catastrophe occurred—this terrible catastrophe of recent years. And within this catastrophe it became apparent—for what I am about to say is essential to understanding the course of this catastrophe—that it is impossible to reconcile modern economic life with the old concepts of the state. This has now become evident, as this catastrophe has taken on the character of a crisis in recent months, as evidenced by the fact that these Central European state structures have now been swept away. The state structures are gone, as is the social economic body, and as things progress—as any discerning person can already see today—there can no longer be any coupling of the new economic demands with the old state structures, for the reason that these old state structures, instead of modernizing themselves in the spirit of modern life, have allowed themselves to be swept away.

[ 6 ] Man steht da vor einer eigentümlichen Perspektive. In den Weststaaten ist vorläufig aufgehalten die Bewegung, welche über die ganze moderne Menschheit kommen muß. Sie kann nur aufgehalten werden so lange, als die alten, noch nicht mit dem modernen Wirtschaftsleben rechnenden bürgerlich-demokratischen Impulse so stark sind, daß sie das proletarische Leben unterdrücken können. In dem Augenblicke, wo dieses proletarische Leben in den Weststaaten nicht mehr unterdrückt werden kann, wird die kurzsichtige Menschheit dieser Weststaaten schon auch einsehen, daß sie heute eigentlich mit dem Leben ein Hasardspiel treibt. Das wollen sich ja die Menschen durchaus niemals zur rechten Zeit sagen lassen. Für die Mittel- und Oststaaten Europas ist aber der Funke bereits ins Pulverfaß gefallen. Es ist nur ein Anachronismus, wenn da aus reiner Denkfaulheit noch geredet wird von Begriffen, die es gar nicht mehr gibt, die gar nicht mehr da sind. Statt zu dem Bewußtsein zu kommen, daß man sich wirklich an neue Begriffe zu wenden hat, redet man in gewissen Kreisen noch immer von Rußland, von Deutschland, sogar von Österreich, das es selbst äußerlich nicht mehr gibt. Einzelne reden immer noch so, während es sich auf diesen Gebieten schon durchaus zeigt, daß dasjenige, was von altersher überliefert ist, einfach aufgegeben werden müßte auch in den Denkformen. Das wollen die Menschen so schwer begreifen, daß sie nicht nur irgendwie Urteile fällen sollen über das, was unmittelbar an ihre Nase stößt — denn diese Urteile werden niemals zutreffend sein —, sondern daß sie mit ihrem Denken umzulernen haben. Das wollen die Menschen der Gegenwart recht schwer begreifen.

[ 6 ] We are faced with a peculiar situation. In the Western nations, the movement that is bound to sweep over all of modern humanity has been temporarily halted. It can only be held back as long as the old bourgeois-democratic impulses—which have not yet come to terms with modern economic life—remain strong enough to suppress proletarian life. The moment this proletarian life can no longer be suppressed in the Western states, the short-sighted people of those Western states will also come to realize that they are, in fact, gambling with life today. People simply never want to hear this told to them at the right time. For the Central and Eastern European states, however, the spark has already fallen into the powder keg. It is nothing but an anachronism when, out of sheer intellectual laziness, people still speak of concepts that no longer exist, that are no longer there. Instead of coming to the realization that we truly must turn to new concepts, certain circles still speak of Russia, of Germany, and even of Austria—a country that no longer exists even in a physical sense. Some people still speak this way, even though it is already abundantly clear in these regions that what has been handed down from time immemorial must simply be abandoned, even in our ways of thinking. People find this so difficult to grasp—not merely that they should refrain from passing arbitrary judgments on what immediately presents itself to them—for such judgments will never be accurate—but that they must relearn how to think. People today find this quite difficult to grasp.

[ 7 ] Nun, dieses Nichtbegreifenwollen der Notwendigkeit des Umlernens, das beruht hauptsächlich darauf, daß die Menschen so felsenfest überzeugt sind, daß die Art des Denkens, wie sie sich in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat und wie sie für die naturwissenschaftlichen Berufe so außerordentlich gut paßt, für die Lösung der sozialen Frage absolut ungeeignet ist. Das wollen die Menschen nicht begreifen. Sie wollen nicht einsehen, daß sie ein gewisses Denken entwickelt haben, und daß die Außenwelt ein gewisses Leben entwickelt hat, das ganz anderes Denken fordert als dasjenige, welches sie selbst entwickelt haben. Das ist, was die Menschen schwer einsehen wollen, obwohl die Tatsachen, die da in Betracht kommen, eine außerordentlich bedeutsame Sprache sprechen.

[ 7 ] Well, this refusal to understand the necessity of rethinking is based mainly on the fact that people are so firmly convinced that the way of thinking—as it has developed over the last few centuries and as it is so exceptionally well suited to the natural sciences—is absolutely unsuitable for solving social problems. People do not want to understand this. They do not want to acknowledge that they have developed a certain way of thinking, and that the outside world has developed a certain way of life that demands a way of thinking entirely different from the one they themselves have developed. This is what people find so difficult to accept, even though the facts at hand speak with extraordinary clarity.

[ 8 ] Ich möchte auf eine Tatsache hinweisen, die eine in eminentestem Sinne lehrreiche wäre, wenn sie richtig ins Auge gefaßt würde. Diejenigen Menschen, die sich unbefangener interessierten für die Entwickelung des modernen Lebens, die haben im Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in einer gewissen Weise eine Art, man könnte sagen, theoretische Überraschung erleben können, als die deutsche Sozialdemokratie, die ja die fortgeschrittenste Richtung in der Sozialdemokratie immer war, von ihrem früheren Ideal zu dem Ideal des sogenannten «Erfurter Programmes» — ausgearbeitet im Anfange der neunziger Jahre am Erfurter Parteitage übergegangen war. In diesen früheren Idealen, wenn ich den Ausdruck einfach für gewisse propagandistische Ziele gebrauchen darf, da lebt noch etwas, man möchte sagen, von unnaturwissenschaftlichem Denken. Mit dem Erfurter Programm mündet die moderne Arbeiterbewegung ganz und gar ein in den Aberglauben gegenüber dem naturwissenschaftlichen Denken. Von da ab will man eigentlich erst die ganze soziale Frage innerhalb des Proletariats so bewältigen, daß man zu dieser Bewältigung nur naturwissenschaftlich geschultes Denken verwendet. Man kann sagen: In zwei Programmpunkten, in zwei Idealen lief zusammen alles dasjenige, was sozialdemokratische Ideale der Arbeiterschaft vor dem Erfurter Programm waren. Diese zwei Punkte waren erstens die Abschaffung des Systems der Lohnarbeit, zweitens die Beseitigung aller sozialpolitischen Ungleichheit. So haben Sie diesen zwei Programmpunkten zugrunde liegend, ich möchte sagen, ein viel allgemeineres Denken noch, ein Denken, das aus Urteilen der Menschheit stammt, das gefühlsmäßig, instinktiv war und bewußt geworden ist in den letzten Jahrhunderten, und das im Grunde genommen mit dem Menschen als dem Mittelpunkt des sozialen Strebens rechnet. Man will also die Lohnarbeit, das System der Lohnarbeit abschaffen. Das heißt, man will dem Menschen ein menschenwürdiges Dasein geben dadurch — es war ja das immer unklar in den Köpfen, was wir nun aus der Geisteswissenschaft heraus klar darstellen —, daß man nicht mehr die Arbeit eines Menschen der Sache gleichstellt, die als Ware verkauft wird, daß man die Arbeitskraft nicht als Ware behandelt. Man will das System der Lohnarbeit abschaffen und will ein anderes System, das den Menschen nicht mehr nötigt zum Verkauf seiner persönlichen Arbeit, aufstellen. Das ist also etwas, was noch mit dem Allgemein-Menschlichen rechnet. Ebenso die Beseitigung der sozialen und politischen Ungleichheit.

[ 8 ] I would like to point out a fact that would be highly instructive in the truest sense of the word if it were properly taken into account. Those who took an unbiased interest in the development of modern life may have experienced, in a certain sense, a sort of—one might say—theoretical surprise in the early 1890s, when German social democracy—which had always been the most progressive wing of social democracy—had shifted from its earlier ideal to the ideal of the so-called “Erfurt Program” —drafted in the early 1890s at the Erfurt Party Congress. In these earlier ideals—if I may use the term simply for certain propagandistic purposes—there still lives, one might say, a remnant of non-scientific thinking. With the Erfurt Program, the modern labor movement has completely succumbed to a superstitious belief in scientific thinking. From that point on, the aim has been to resolve the entire social question within the proletariat exclusively through thinking grounded in the natural sciences. One could say: Everything that constituted the social-democratic ideals of the working class prior to the Erfurt Program converged in two program points, in two ideals. These two points were, first, the abolition of the system of wage labor, and second, the elimination of all sociopolitical inequality. Thus, underlying these two program points—I would say—was an even more general way of thinking, a way of thinking that stems from humanity’s judgments, that was emotional and instinctive and has become conscious over the last few centuries, and that, fundamentally, regards the human being as the center of social endeavor. So the aim is to abolish wage labor, the system of wage labor. This means that the goal is to provide human beings with a dignified existence—something that was always unclear in people’s minds, but which we are now clearly articulating through spiritual science—by no longer equating a person’s labor with a commodity sold on the market, and by no longer treating labor power as a commodity. The aim is to abolish the system of wage labor and to establish a different system that no longer compels people to sell their personal labor. This, then, is something that still takes into account what is universally human. The same applies to the elimination of social and political inequality.

[ 9 ] Diese eigentliche Grundidee des sozialistischen Ideales früherer Zeiten wurde aufgegeben mit dem Beginne der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mit dem sogenannten Erfurter Programm. Und da wurden nun zwei andere Punkte geradezu die Zielpunkte. Diese zwei andern Punkte sind erstens die Verwandlung des kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln in gesellschaftliches Eigentum, also die Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Maschinen, Grund und Boden und so weiter, die sollen aus dem Privateigentum in das gesellschaftliche Eigentum übergehen. Das war der erste Punkt. Der zweite Punkt war Umwandlung der Warenproduktion in sozialistische Produktion, die durch und für den gesellschaftlichen Körper geleistet wird. Diese zwei Programmpunkte, die sind in der Denkform, die in ihnen herrschend ist, ganz und gar angepaßt dem rein naturwissenschaftlichen Denken der neueren Zeit. Da ist nicht mehr die Rede davon, daß sich der Mensch irgend etwas erwerben oder erobern soll. Da ist nicht die Rede davon, daß das System der Lohnarbeit abgeschafft werden soll. Da ist nicht die Rede von irgendeiner Beseitigung von sozialer oder politischer Ungleichheit, sondern da ist die Rede von einem ganz vom Menschen absehenden äußeren Prozeß, der sich vollziehen soll, von etwas, das sich so unter dem Gange von Ursache und Wirkung vollziehen soll, wie sich die Naturereignisse selbst in ihrem Gange beherrscht von Ursache und Wirkung zeigen. Es soll einfach, ganz gleichgültig, was der Mensch dadurch für eine Umwandlung erleidet, das Privateigentum an Produktionsmitteln in Gemeineigentum an Produktionsmitteln verwandelt werden. Und es soll die Wirtschaftsordnung nicht mehr die der Warenproduktion sein, sondern die sozialistische Produktion: Die Gemeinschaft selbst soll produzieren, und das, was produziert ist, soll auch für die Gemeinschaft da sein. Warenproduktion, das heißt Produktion, die der einzelne aus seiner Privatinitiative heraus fördert und die dann auf den Markt geliefert wird, um auf dem Markt wiederum von den andern gekauft zu werden, die unterscheidet sich von der sozialistischen Produktion dadurch, daß die sozialistische Produktion gewissermaßen das Prinzip der Eigenproduktion, wo derjenige, der etwas produziert, es auch wiederum selbst verbraucht, auf die ganze Gemeinschaft überträgt. Die Warenproduktion rechnet mit dem individuellen Menschen. Der eine individuelle Mensch produziert etwas, gibt es auf den Markt; der andere individuelle Mensch nimmt es vom Markt durch Kauf weg. Die sozialistische Produktion kehrt wiederum zurück zur Urproduktion, wo der einzelne dasjenige selbst produziert, was er verbraucht — wenigstens bilden sich die Leute ein, daß es das einmal gegeben hat —, aber jetzt soll nicht der einzelne es machen, sondern die Gemeinschaft. Der Markt hört auf, es produziert irgendeine Gemeinschaft dasjenige, was zu produzieren ist. Das Produzierte wird nicht Ware, sondern es wird verteilt auf diejenigen, die der Gemeinschaft angehören; die es fabrizieren, die konsumieren es auch.

[ 9 ] This fundamental idea of the socialist ideal of earlier times was abandoned at the beginning of the 1890s with the so-called Erfurt Program. And from then on, two other points became the central objectives. These two other points are, first, the transformation of capitalist private ownership of the means of production into social ownership—that is, the socialization of the means of production. Machinery, land, and so on are to be transferred from private ownership to social ownership. That was the first point. The second point was the transformation of commodity production into socialist production, carried out by and for the body of society. These two program points, in the mode of thought that prevails within them, are entirely adapted to the purely scientific thinking of modern times. There is no longer any talk of humans having to acquire or conquer anything. There is no talk of abolishing the system of wage labor. There is no mention of any elimination of social or political inequality; rather, there is talk of an external process entirely independent of human agency that is to take place—of something that is to unfold through the course of cause and effect, just as natural phenomena themselves, in their course, are governed by cause and effect. Regardless of whatever transformation human beings may undergo as a result, private ownership of the means of production is simply to be transformed into communal ownership of the means of production. And the economic order is no longer to be that of commodity production, but rather socialist production: the community itself is to produce, and what is produced is also to be available to the community. Commodity production—that is, production that the individual promotes through his own private initiative and which is then supplied to the market to be purchased there by others—differs from socialist production in that socialist production, so to speak, extends the principle of self-production—where the person who produces something also consumes it himself—to the entire community. Commodity production is based on the individual. One individual produces something and puts it on the market; another individual takes it off the market by purchasing it. Socialist production, in turn, returns to primitive production, where the individual produces what he consumes himself—at least people imagine that this once existed—but now it is not the individual who is to do this, but the community. The market ceases to exist; some community produces whatever needs to be produced. What is produced does not become a commodity, but is distributed among those who belong to the community; those who produce it are also the ones who consume it.

[ 10 ] Da handelt es sich also darum, die rein naturwissenschaftlichen Begriffe auf den sozialen Organismus zu übertragen. Auf solche Unterschiede, wie einer hervortritt in dem sozialistischen Programm vor dem Erfurter Parteitag und in dem sozialistischen Programm nach dem Erfurter Parteitag, lassen sich die Leute heute gar nicht gerne ein, weil die Leute heute überhaupt gar nicht gern denken, trotzdem sie sich auf ihr Denken so ungeheuer viel einbilden.

[ 10 ] The point here, then, is to apply purely scientific concepts to the social organism. People today are very reluctant to engage with such differences—such as the one evident between the socialist program before the Erfurt Party Congress and the socialist program after the Erfurt Party Congress—because people today do not like to think at all, even though they pride themselves so immensely on their thinking.

[ 11 ] Nun kommt aber eine andere Misere dazu. Diese Misere können wir insbesondere dann gut studieren, wenn wir, ich möchte sagen, einen der klassischen Schriftsteller betrachten, die sich betätigt haben innerhalb des sozialen Rätsels, als dieses noch eine mehr theoretische Frage war, zum Beispiel Karl Kautsky. Kautsky sagt in einer seiner Schriften, indem er nachzuweisen versucht, daß die kapitalistische Wirtschaftsordnung in die sozialistische übergehen müsse, daß bei diesem Übergang die Warenproduktion als solche aufhören müsse und daß an ihre Stelle treten müsse der Eigenkonsum, so daß also der Konsument zu gleicher Zeit der Produzent ist, das heißt eine Gemeinschaft. Aber nun wirft er zu gleicher Zeit die Frage auf: Welches kann diese Gemeinschaft sein? Und da gibt er die Antwort: Das kann natürlich nur der moderne Staat sein. — Das heißt, er gibt die Antwort, die er jedenfalls nicht hätte geben dürfen. Er hat nicht eingesehen, und die Leute von seiner Art sehen es bis heute nicht ein, daß der Staat, den sie den modernen Staat nennen, durchaus kein modernes Gebilde war. Jene Staaten, die für Mittel- und Osteuropa hinweggefegt sind, sind keine modernen Gebilde gewesen, sondern sie sind aus ganz andern Bedingungen, als sie im modernen Wirtschaftsleben enthalten sind, von alters her dagewesen, und es war einfach keine Verbindung zu sehen — in solcher Weise, wie sich diese Menschen das dachten zwischen dem modernen Wirtschaftsleben und diesen Staatsgebilden. Daher sehen wir, daß da diese Staatsgebilde weggefegt sind. Dasjenige, was von ihnen noch zurückgeblieben ist, sind ja eigentlich Gespenster, die in den Köpfen der Menschen spuken, und es wird auch das noch hinweggefegt werden. Es wird nichts zurückbleiben, was nicht eine Frage wäre auf allen Gebieten des praktischen Lebens; es werden nur Fragen zurückbleiben. Und zur Beantwortung dieser Fragen, die nicht theoretisch sind, sondern die Tatsachen sind, wird man eben ein durch und durch neues Denken brauchen. Dieses neue Denken waltet ja, wie ich Ihnen gezeigt habe in unseren Betrachtungen, die wir die letzten Wochen gepflogen haben, dieses neuere Denken waltet ja darinnen, daß man einsehen wird, man müsse die Grundgesetze einer Menschheitsorganisation so studieren, wie man geisteswissenschaftlich studiert die Grundgesetze der einzelnen menschlichen individuellen Organisation.

[ 11 ] But now another problem arises. We can study this problem particularly well when we consider—I would say—one of the classical writers who engaged with the social enigma when it was still a more theoretical question, for example, Karl Kautsky. In one of his writings, Kautsky—in an attempt to demonstrate that the capitalist economic order must give way to the socialist one—states that during this transition, commodity production as such must cease and be replaced by self-consumption, so that the consumer is simultaneously the producer—that is, a community. But at the same time, he raises the question: What could this community be? And there he gives the answer: It can, of course, only be the modern state. — That is to say, he gives the answer that he certainly should not have given. He failed to realize—and people of his ilk still fail to realize to this day—that the state they call the modern state was by no means a modern entity. Those states that have been swept away in Central and Eastern Europe were not modern entities; rather, they had existed since time immemorial under conditions entirely different from those found in modern economic life, and there was simply no connection to be seen—in the way these people imagined it—between modern economic life and these state structures. That is why we see that these state structures have been swept away. What remains of them are, in fact, ghosts haunting people’s minds, and even that will eventually be swept away. Nothing will remain that is not a question in all areas of practical life; only questions will remain. And to answer these questions—which are not theoretical but are facts—we will need a thoroughly new way of thinking. This new way of thinking prevails—as I have shown you in our reflections over the past few weeks—this newer way of thinking prevails in the realization that one must study the fundamental laws of human organization in the same way that one studies, from a spiritual-scientific perspective, the fundamental laws of the individual human organism.

[ 12 ] Wenn wir die Grundgesetze der einzelnen menschlichen Organisation studieren, so wissen Sie, wir kommen auf die Dreiheit von SinnesNervensystem, von rhythmischem System und von Stoffwechselsystem. Und nur wenn man das Ineinandergreifen dieser drei Systeme im Organismus versteht, versteht man dasjenige, was der Mensch in der Zeit ist. Dem entspricht auf dem Gebiete des äußeren Lebens das Verständnis für die drei Glieder des sozialen Organismus, der zerfallen muß in ein geistiges System, in ein wirtschaftliches System und — wenn wir so sagen dürfen — in ein Rechtssystem, in dem nur das äußere Rechtssystem, das politische Rechtssystem enthalten ist, von dem aber ausgeschlossen ist das Privatrecht oder Strafrecht.

[ 12 ] When we study the fundamental laws of the individual human organism, as you know, we arrive at the triad of the sensory-nervous system, the rhythmic system, and the metabolic system. And only by understanding the interplay of these three systems within the organism can one understand what a human being is in time. This corresponds, in the realm of external life, to an understanding of the three members of the social organism, which must be divided into a spiritual system, an economic system, and—if we may put it that way—a legal system, which includes only the external legal system, the political legal system, but excludes private law and criminal law.

[ 13 ] Geradeso wie die moderne Naturwissenschaft nichts wissen will von dieser Dreigliederung des Menschen und alles, was im Menschen ist, über einen Leisten schlägt, so will das moderne soziale Denken nichts wissen von dieser Dreigliederung des sozialen Körpers. Und weil sie nichts wissen will von dieser Dreigliederung des sozialen Körpers, steht sie so ratlos und wird ratlos stehen, solange sie nichts wissen will von dem, was zu geschehen hat gegenüber den großen praktischen Anforderungen, die eigentlich heute jeder Tag bringt. Es ist eben eine Regeneration des Denkens notwendig. Es ist notwendig, einzusehen, daß man mit den modernen naturwissenschaftlichen Begriffen, die auf einem gewissen Gebiete ihren großen Dienst tun, gerade auf dem Gebiete des sozialen Lebens eben auch nicht einen einzigen Schritt wirklich vorwärtskommen kann.

[ 13 ] Just as modern natural science wants nothing to do with this threefold division of the human being and treats everything within the human being as if it were all the same, so modern social thought wants nothing to do with this threefold division of the social body. And because it refuses to acknowledge this threefold structure of the social body, it stands so helpless—and will continue to stand helpless—as long as it refuses to acknowledge what must be done in the face of the great practical demands that every day actually brings. A regeneration of thought is simply necessary. It is necessary to realize that with modern scientific concepts—which render great service in certain fields—one cannot truly take a single step forward, particularly in the realm of social life.

[ 14 ] Und so sehen wir ganz merkwürdige Erscheinungen eintreten. Man kann sagen, es ist ja eigentlich wahrhaftig keine absonderliche Erscheinung mehr, daß die Leute anfangen, mehr oder weniger sozial zu denken, und es war auch schon keine absonderliche Erscheinung, daß gewisse Menschen sozial dachten, bevor diese furchtbare Katastrophe der letzten Jahre, die ja zum Teil gerade das soziale Rätsel in seiner Urgestalt zeigt, eingetreten ist. Aber wir gewahren dann, gerade wenn wir die führenden Volkswirtschaftslehrer in ihren Anschauungen, in ihren Hauptgedanken betrachten, wie ratlos vor den Erscheinungen diese Leute eigentlich dastehen. Ich will Ihnen zum Beispiel eine Definition vorlesen, welche ein in gewissen Kreisen angesehener Volkswirtschaftslehrer, nämlich Jafe, gegeben hat von dem, was er sich denkt als den wünschenswerten idealen Zustand eines sozialen Organismus. Jaffe schildert in einer Weise, die durchaus den Begriffen entspricht, zu denen es einmal die moderne Menschheit auf diesem Gebiete gebracht hat, was er glaubt schildern zu müssen, und faßt dann zusammen, wie er sich denkt, daß der soziale Zustand sein müsse, der den Forderungen der modernen Menschheit, den Forderungen auch der modernen industriellen und sonstigen Entwickelung entspricht. Sehen Sie auf diese, ich möchte sagen, grundgescheite Definition, die wahrhaftig nicht eines der unbedeutendsten Produkte modernen volkswirtschaftlichen Denkens bedeutet. Also ich will ganz langsam lesen, was Jaffe als den Idealzustand für den sozialen Organismus, der da kommen soll, angibt. Es sei das «jener Zustand der wirtschaftlichen Organisation, in dem alle Glieder des Volkes verwachsen sind zu einer organischen Einheit, jeder an seinen Platz eingeordnet als dienendes Glied einer Gemeinschaft, die zuletzt ihm selber dient, die ihm nicht nur äußerlich ein menschenwürdiges Dasein sichert, sondern auch seiner Arbeit die letzte Würde verleiht, weil sie nicht individuelle Zwecke verfolgt, sondern Dienst ist für die Allgemeinheit».

[ 14 ] And so we see some very strange phenomena occurring. One could say that it is, in fact, no longer a strange phenomenon at all that people are beginning to think more or less socially, and it was not a strange phenomenon even before this terrible catastrophe of recent years—which, in part, reveals the social enigma in its primordial form—occurred. But we then notice—precisely when we examine the leading economists in their views and their central ideas—just how at a loss these people actually are in the face of these phenomena. For example, I would like to read you a definition given by an economist respected in certain circles—namely Jaffe—of what he conceives as the desirable ideal state of a social organism. Jaffe describes—in a manner that is entirely consistent with the concepts that modern humanity has developed in this field—what he feels compelled to describe, and then summarizes what he believes the social condition must be like in order to meet the demands of modern humanity, as well as the demands of modern industrial and other developments. Consider this—I would say—fundamentally sound definition, which truly is not one of the least significant products of modern economic thought. So I will read very slowly what Jaffe describes as the ideal state for the social organism that is to come. It is “that state of economic organization in which all members of the people are fused into an organic unity, each assigned to his or her place as a serving member of a community that ultimately serves the individual himself or herself—a community that not only ensures a dignified existence for the individual externally but also bestows ultimate dignity upon his or her work, because it does not pursue individual ends but is service to the common good.”

[ 15 ] Ich glaube, daß ein großer Teil derjenigen Menschen, die so recht im Sinne der Denkgewohnheiten der Gegenwart ihr Denken entfalten, diese Definition außerordentlich treffend und geistreich finden, daß sie sogar sagen werden, sie sei alles, was ja eigentlich nur wünschenswert sein kann. Man solle anstreben einen Zustand wirtschaftlicher Organisation, in dem jeder einzelne richtig eingegliedert ist, an seinen Platz gestellt ist, seine Arbeit verrichtet, die ihm nicht nur ein menschenwürdiges Dasein zusichert, sondern die ihm auch dadurch dient, daß er selber wiederum mit dieser Arbeit den entsprechenden Dienst der Gemeinschaft liefert. Solch eine Definition errungen zu haben, wird auf manchen, der heute glaubt, richtig denken zu können, so den Eindruck machen: Gott, wie bin ich gescheit, denn ich hab es endlich gefunden, wie das sein muß, wie eigentlich die Sache sein muß! — Und dennoch: «Die Armut kommt von der Pauvrete!» Jenes ist auch eine Definition der Arbeit, und jene Definitionen unterscheiden sich von der Definition, daß die Armut von der Pauvrete kommt, durchaus nicht. Denn diese Definition ist so, daß sie eigentlich ebenso gut paßt auf die gegenwärtige soziale Organisation, die wir haben, oder wenigstens bis zum Kriege gehabt haben, oder welche einzelne Staaten, wie zum Beispiel Deutschland, während des Krieges gehabt hat. Aber man kann auch sagen: Gar kein Staat der Gegenwart paßt auf diese Definition. Es ist solch eine Definition das Musterbild abstraktesten Nichtssagens. Und so kann man es heute erleben, daß die Leute Gescheitheiten an Systemen entfalten, die zuletzt eigentlich im Grunde genommen mit dem, was sie als ihre gescheiten Definitionen herausbringen, aber auch gar nicht einmal leise an die Wirklichkeit herantippen. Denn nehmen wir doch einmal diese Jaffe-Definition. Er will schildern einen idealen wirtschaftlichen Zustand der Zukunft. Das soll jener Zustand wirtschaftlicher Organisation sein, in dem alle Glieder des Volkes verwachsen sind zu einer organischen Einheit. Das ist nun wirklich der Fall, sobald irgendein Staat, und zwar auch der schlechteste, da ist! Alle Glieder des Volkes sind trotzdem irgendwie zu einer organischen Einheit verwachsen. Wenn der Mensch den Aussatz über alle seine Glieder verbreitet hat, sind auch alle Glieder mit einer Aussätzigkeit behaftet, sind zu einer organischen Einheit verwachsen! Sie können einen aussätzigen Körper und einen gesunden Körper nämlich mit genau derselben Definition treffen, wenn Sie nur diese Definition in entsprechender Weise allgemein halten. Solange Sie bei der Theorie bleiben, merkt es keiner. Wenn aber die Lage so ist wie jetzt, daß die Krankheit ausgebrochen ist und geheilt werden soll, da erweisen sich die Begriffe, die dann die Leute haben, das Urteilsvermögen, das dann die Leute haben, eben als absolut ungeeignet.

[ 15 ] I believe that a large proportion of those who develop their thinking in a manner consistent with contemporary ways of thinking will find this definition extraordinarily apt and insightful, so much so that they will even say it is everything that could possibly be desirable. One should strive for a state of economic organization in which every individual is properly integrated, placed in his or her rightful place, and performs work that not only ensures a dignified existence but also serves the community by enabling the individual, through this work, to render the corresponding service to society. Having arrived at such a definition will give some who today believe they are capable of thinking correctly the impression: “My goodness, how clever I am, for I have finally figured out how it must be, how things actually ought to be!” — And yet: “Poverty stems from pauvrete!” That, too, is a definition of work, and those definitions do not differ in the least from the definition that poverty stems from pauvrete. For this definition is such that it actually fits just as well with the current social organization we have—or at least had until the war—or with the one that individual states, such as Germany, had during the war. But one could also say: Not a single state today fits this definition. Such a definition is the very epitome of the most abstract non-statement. And so we see today that people come up with clever ideas about systems that, in the end, do not even come close to reality, despite what they present as their clever definitions. Take, for example, this definition by Jaffe. He seeks to describe an ideal economic state of the future. This is supposed to be a state of economic organization in which all members of the people have grown together into an organic unity. This is, in fact, already the case as soon as any state—even the worst one—exists! All members of the people are, after all, somehow fused into an organic unity. If a person has spread leprosy throughout all his limbs, then all those limbs are also afflicted with leprosy—they are fused into an organic unity! You can apply exactly the same definition to a leprous body and a healthy body, provided you keep that definition sufficiently general. As long as you stick to theory, no one notices. But when the situation is as it is now—that the disease has broken out and must be cured—the concepts people hold and the judgment they exercise prove to be utterly unsuitable.

[ 16 ] Dann weiter sagt er «...wo jeder an seinem Platze eingeordnet als dienendes Glied einer Gemeinschaft ist...» Nun, das ist ja nun wirklich zum Beispiel innerhalb des Deutschen Reiches, mit Ausnahme der paar wenigen Leute, die absolut nichts mit einem Staate zu tun haben wollten, doch eigentlich für die meisten Menschen so der Fall gewesen, daß jeder irgendein dienendes Glied im Ganzen ist, nicht wahr. Mindestens gibt er ja den Stimmzettel ab. «Dienendes Glied einer Gemeinschaft, die zuletzt ihm selber dient», stimmt auch, stimmt für das schlechteste staatliche Gebilde. «Die ihm nicht nur äußerlich ein Dasein sichert», da tritt so ein bißchen etwas hervor, aber es bleibt ein Phrasenhaftes, Angehängtes, denn es ist so ein unter der übrigen Phraseologie Gesagtes. Bei «sondern auch seiner Arbeit die letzte Würde verleiht», kommt es darauf an, was man unter dieser Würde versteht. «Weil sie nicht individuelle Zwecke verfolgt, sondern Dienst ist für die Allgemeinheit», das kann auch beim schlechtesten Staate der Fall sein!

[ 16 ] He goes on to say, “...where everyone is assigned their place as a serving member of a community...” Well, within the German Empire, for example—with the exception of the very few people who wanted absolutely nothing to do with the state—that was actually the case for most people: everyone is some kind of serving member of the whole, isn’t it? At the very least, they cast a ballot. “A serving member of a community that ultimately serves him,” is also true—true even for the worst form of government. “Which not only secures his existence externally”—here something does come to the fore a little, but it remains a cliché, an afterthought, because it is said amidst the rest of the rhetoric. As for “but also bestows ultimate dignity upon his work,” it depends on what one understands by this dignity. “Because it does not pursue individual ends, but is service to the common good”—that can also be the case even in the worst state!

[ 17 ] Eine gescheite Definition von einem angesehenen Volkswirtschaftslehrer ist nichts anderes als: Armut kommt von der Pauvrete. — An dieser Eigenschaft der wesenlosen Abstraktheit leidet ein großer Teil der Menschheit heute praktisch. Kaum dämmert den Leuten auf, was als Wirklichkeit hinter den Erscheinungen webt und west. Man bedenke doch nur, wie weit die Menschen entfernt sind, so etwas wie die Dreigliederung, die wir hier als das Grundwesentliche anführen, auch nur praktisch ins Auge zu fassen! Die Menschen denken sich heute noch immer, sie könnten irgendeine Formel finden, durch welche, sagen wir zum Beispiel — es ist Schlagwort jetzt geworden «sozialisiert» werden könnte. Ja, es ist das nicht viel besser, wenn auch der Vergleich ein wenig hinkt, als wenn jemand eine Wissenschaft finden sollte, durch welche verdaut werden kann. Verdauen muß der menschliche Organismus in seinem wirklichen Leben. Dazu muß er in seinem wirklichen Leben dreigeteilt sein; dann wird er schon durch das rechte Zusammenwirken der drei Glieder die Lebensfunktion in Realität entsprechend unterhalten. Gliedern Sie die Gemeinschaft wirklich nach der Dreiheit, dann brauchen Sie keine Formel für Sozialisierung, dann sozialisiert sich das, was sich sozialisieren will, von selbst.

[ 17 ] A clever definition by a renowned professor of economics is nothing other than: Poverty stems from “pauvrete.” — A large part of humanity today suffers in practice from this quality of insubstantial abstractness. People are barely beginning to realize what reality lies behind the phenomena. Just consider how far people are from even practically conceiving of something like the threefold social order, which we present here as the fundamental essence! People today still imagine they could find some formula through which—let’s say, for example—they could be “socialized” (a term that has now become a buzzword). Yes, even if the comparison is a bit of a stretch, this is not much better than if someone were to discover a science through which digestion could be achieved. The human organism must digest in its real life. To do so, it must be tripartite in its real life; then, through the proper interaction of the three members, it will sustain its life functions in reality accordingly. If you truly structure the community according to the triad, then you will not need a formula for socialization; then that which wishes to be socialized will socialize itself.

[ 18 ] Bedenken Sie nur einmal, wie unendlich kompliziert das, was sich im menschlichen Organismus abspielt, ist. Denken Sie einmal, wenn Sie alles das ausdenken müßten, was in den zwei Stunden nach Ihrem Mittagsmahl geschieht! Sie haben gegessen, das Gegessene wird verdaut: das ist ein ungeheuer komplizierter Prozeß, der in unzählige Einzelheiten zerfällt. Denken Sie einmal, Sie sollten das durchdenken: Sie könnten es natürlich durchaus nicht durchdenken! Und wenn jedermanns Verdauung davon abhinge, daß man sie durchdächte, dann könnten Sie nicht einen Tag leben; nicht einen einzigen Tag könnten Sie leben. Heute möchten sich da oder dort Komitees zusarnmensetzen, um die Formen zu finden, wie man sozialisiert. Nun ist aber das, was öffentliches Leben der Menschheit ist, auch ein durch und durch komplizierter Prozeß, der ebensowenig in seinen Einzelheiten abgefangen werden kann, wie der Verdauungsprozeß zum Beispiel oder der Denkprozeß selbst, oder der Atmungsprozeß in seinen Einzelheiten abgefangen werden kann. Aber wenn man die dreigliedrigen Impulse hat und zusammenwirken läßt, dann geschieht das Richtige. Nehmen Sie ein Beispiel. Man kann heute kaum einen sozialistischen oder sozialen Schriftsteller lesen, ohne daß man staunen wird über seine außerordentlich reichen Kenntnisse. Weniger die bürgerlichen, aber insbesondere die sozialistischen Schriftsteller haben eine Unsumme von allem möglichen statistischem und anderem historischem Material zusammengetragen, bis in die neueste Zeit herein, um den notwendigen Werdegang der Menschheit bis in die Gegenwart zu studieren. An dem, was sich entwickelt hat, wollen sie nun die Notwendigkeiten erkennen, wie man, sagen wir, sozialisieren soll. Aber bei diesem Prozesse, der sich innerhalb der menschlichen Gemeinschaft abspielt, da geht es eigentümlich zu. Sie packen eine Erscheinung an irgendeinem Zipfel, und sie entschlüpft ihnen sogleich arm andern Zipfel! Sozialisieren sie dann, so wie es ihnen zu sozialisieren notwendig erscheint, indem sie beim einen Zipfel anfassen, entschlüpft ihnen die ganze Geschichte nach der andern Seite.

[ 18 ] Just consider for a moment how infinitely complex the processes taking place within the human body are. Just imagine if you had to figure out everything that happens in the two hours after your lunch! You’ve eaten, and what you’ve eaten is being digested: that’s an incredibly complex process, broken down into countless details. Just imagine having to think all that through: of course, you could never possibly think it all through! And if everyone’s digestion depended on thinking it through, then you couldn’t live a single day; not a single day could you live. Today, committees here and there want to get together to find ways to organize society. But what constitutes humanity’s public life is also a thoroughly complex process that cannot be grasped in its details any more than, for example, the digestive process, the thought process itself, or the respiratory process can be grasped in their details. But when one has these threefold impulses and allows them to work together, then the right thing happens. Take an example. Today, one can hardly read a socialist or social writer without being amazed by their extraordinarily rich knowledge. Not so much the bourgeois writers, but especially the socialist writers have amassed a vast amount of all kinds of statistical and other historical material, right up to the present day, in order to study the necessary course of human development up to the present. From what has developed, they now seek to discern the necessities of, let’s say, how to socialize society. But this process, which takes place within human society, is a peculiar one. They grab hold of a phenomenon at one end, and it immediately slips away from them at the other end! If they then attempt to socialize things as they deem necessary—by grasping one end—the whole of history slips away from them on the other side.

[ 19 ] Betrachten wir das einmal etwas beispielsweise. Nehmen wir nur die eine Tatsache: Im Jahre 1910 konnten von einem amerikanischen Werke, in welchem Eisenbahnschienen fabriziert werden, in zweieinhalb Tagen ebensoviel Eisenbahnschienen hergestellt werden, als noch zehn Jahre vorher in einer ganzen Woche. Aber die ganze Woche wurden doch wiederum die Arbeiter beschäftigt! Nun kann man sagen, um zu einer Anschauung zu kommen über das Verhältnis von Unternehmer und Arbeiter: Diese Arbeiter produzieren in der Woche das Doppelte von dem, was 1900 produziert wurde. Natürlich arbeitet jeder Arbeiter das Doppelte für den Markt! Das merkt an verschiedenen Verhältnissen der Arbeiter. Was durch den Arbeiter zustande gebracht wird, kommt natürlich in der proletarischen Frage zum Ausdruck. Der Arbeiter weiß natürlich ganz gut, daß der Unternehmer das Doppelte, mehr als das Doppelte verdient, und es ergeben sich Faktoren, wodurch der Arbeiter vom Unternehmer das Doppelte verlangt. Aber wenn man jetzt theoretisiert und sagt: Nun ja, es kann ja dem Arbeiter, wenn auch vielleicht nicht das Doppelte, aber es kann mehr bezahlt werden, denn der Unternehmer verdient natürlich um so und so viel mehr —, so hat man die Sache erst bei dem einen Zipfel erfaßt. Bei dem andern Zipfel rutscht sie einem wieder aus der Hand, denn die Schienen werden um so und so viel billiger. Und dieses Billigerwerden der Schienen, das kommt an andern Erscheinungen des sozialen Lebens wiederum zum Vorschein und korrigiert das, was als proletarische Frage auf der einen Seite erscheint. Man kann sagen: Die Verhältnisse sind im sozialen Organismus so kompliziert, daß, wenn man eben von einem Gesichtspunkte aus irgendeine Frage in Angriff nimmt, gleich andere Gesichtspunkte das, was man zu sagen hat, paralysieren.

[ 19 ] Let’s take a closer look at this, for example. Let’s consider just this one fact: In 1910, an American factory that manufactured railroad tracks could produce as many tracks in two and a half days as had been produced in an entire week just ten years earlier. But the workers were, after all, employed for the entire week! Now, to gain some perspective on the relationship between the entrepreneur and the worker, one might say: These workers produce twice as much in a week as was produced in 1900. Of course, every worker produces twice as much for the market! This is evident in various aspects of the workers’ situation. What the worker accomplishes is, of course, reflected in the proletarian question. The worker, of course, knows full well that the entrepreneur earns twice as much—more than twice as much—and this gives rise to factors that lead the worker to demand twice as much from the entrepreneur. But if one now theorizes and says: Well, the worker could be paid more—even if perhaps not twice as much—because the entrepreneur naturally earns so much more—then one has only grasped one end of the matter. At the other end, it slips out of one’s grasp again, because the rails are becoming so much cheaper. And this decrease in the cost of the rails, in turn, manifests itself in other aspects of social life and corrects what appears, on the one hand, to be a proletarian issue. One might say: The relationships within the social organism are so complex that, the moment one tackles any issue from a single perspective, other perspectives immediately paralyze what one has to say.

[ 20 ] Nehmen Sie ein anderes Beispiel. Nehmen Sie die deutsche Volkswirtschaft. Ich habe Ihnen ja in früheren Betrachtungen ausgeführt, wie die Maschinen gewissermaßen den Menschen menschliche Arbeitskraft abnehmen. Man kann gerade von der deutschen Volkswirtschaft sagen, daß in den letzten Jahrzehnten — sie hat ja da einen ungeheueren Aufschwung erlebt —, wenn man sogar von den Leistungen der Lokomotiven absieht, die Maschinen so viel geleistet haben, wie siebzig, achtzig Millionen Menschen leisten, das heißt mehr als die Bevölkerung Deutschlands. Von der Bevölkerung Deutschlands ist wiederum nur ein Teil Arbeiter, woraus folgt, daß in Deutschland bei der neueren Volkswirtschaft in den letzten Jahren vor dem Kriege ein Arbeiter dasjenige geleistet hat, was vier bis fünf Arbeiter vor der Einführung der Maschine geleistet haben. Denken Sie sich, welcher Umschwung das für das allgemeine Leben bedeutet! Aber das, was da auftritt, tritt an so vielen Punkten des Lebens auf, daß, wenn Sie irgendwie sozialisieren wollen mit Bezug auf einen Gesichtspunkt, Sie die schlimmsten Dinge mit Bezug auf andere Gesichtspunkte anrichten. Denn dieses soziale Leben ist ebenso kompliziert wie das Leben irgendeines organischen Wesens. Und nicht das kann die Aufgabe sein, in irgendeine Formel zu bringen, wie die Dinge zu geschehen haben, sondern dem sozialen Organismus diejenige Gliederung zu geben, durch die er von selbst arbeitet und die Dinge so in Ordnung bringt, wie der menschliche Organismus seine Funktionen in Ordnung bringt. Darum kann es sich nur handeln.

[ 20 ] Take another example. Take the German economy. As I have explained to you in earlier discussions, machines, in a sense, relieve people of the need to perform manual labor. One can say specifically of the German economy that in recent decades—during which it has experienced a tremendous upswing—even if one disregards the output of locomotives, machines have produced as much as seventy or eighty million people, that is, more than the population of Germany. Of Germany’s population, in turn, only a portion are workers, from which it follows that in Germany’s modern economy in the years leading up to the war, one worker produced what four to five workers had produced before the introduction of machinery. Just imagine what a transformation this represents for everyday life! But what is happening here occurs in so many areas of life that, if you try to implement social reforms from one perspective, you end up causing the worst possible consequences from other perspectives. For social life is just as complex as the life of any organic being. And the task cannot be to reduce things to some formula dictating how they must happen, but rather to give the social organism the structure through which it functions on its own and puts things in order, just as the human organism regulates its own functions. That is the only way forward.

[ 21 ] Also Sie sehen, es muß die Sache von einer ganz andern Seite aufgefaßt werden. Sie muß von der Seite aufgefaßt werden, in das wirkliche Wesen des sozialen Organismus wirklich einzudringen. Das ist es, was wichtiger ist als alles Reden von Gemeinschaft und Gemeinschaftsbildung. Es wird eine außerordentlich gute Schule für die mitteleuropäischen und osteuropäischen Länder sein, daß sie bald einsehen müssen, wie sie nicht mehr von Verstaatlichung der Produktionsmittel im gewöhnlichen Sinne reden können. Vorläufig reden die Leute nach alten Denkgewohnheiten noch von diesen Dingen und bedenken nicht, daß die Staaten ja nicht mehr da sind, daß sie fort sind, daß an ihrer Stelle etwas ganz Neues geschaffen werden muß, was noch nicht da ist. Man wird zunächst einmal Leute wählen, die noch die alten Begriffe im Kopfe haben. Die werden nach diesen alten Begriffen irgend etwas tun, was aber so wenig ein Mensch sein wird, wie der Homunkulus in der Wagnerschen .Retorte. Dann wird man sehen, daß es so nicht geht und wird sich erst durch das praktische Leben überzeugen müssen, daß wirklich alle die konfusen Begriffe, welche die letzten Jahrzehnte auf die Oberfläche gebracht haben, unmöglich sind gegenüber den praktischen Situationen, vor welche die Menschheit heute gestellt ist.

[ 21 ] So you see, the matter must be approached from an entirely different angle. It must be approached in a way that truly penetrates the real nature of the social organism. That is what is more important than all the talk of community and community-building. It will be an exceptionally good lesson for the countries of Central and Eastern Europe when they soon realize that they can no longer speak of the nationalization of the means of production in the conventional sense. For the time being, people are still talking about these things according to old ways of thinking and do not consider that the states are no longer there, that they are gone, and that something entirely new—which does not yet exist—must be created in their place. At first, people will elect those who still have the old concepts in their minds. They will do something based on these old concepts, but it will be as far from being human as the homunculus in Wagner’s retort. Then people will see that this won’t work and will have to learn through practical experience that all the confused concepts that have come to the surface in recent decades are indeed impossible in the face of the practical situations humanity faces today.

[ 22 ] Das wird Sie aufmerksam darauf machen, daß es ja vor allen Dingen sich darum handelt, erst einmal die Wirklichkeit so zu prüfen, daß man aus dieser Wirklichkeit herausbekommt: welche Gestalt können überhaupt diese sozialen Forderungen in der Gegenwart haben? Auf eines habe ich ja hier immer wieder und wiederum’ hingewiesen. Mögen die Proletarier heute sagen, was sie wollen; was heute ein Mensch sagt, ist überhaupt zumeist gleichgültig, weil das, was er sagt, in seinem Oberbewußtsein existiert, während das, was er fordert, das, worum es ihm zu tun ist, in seinem Unterbewußtsein enthalten ist. Man lernt heute die Menschen fast gar nicht durch das kennen, was sie reden. Durch das, was aus ihrem Unterbewußtsein heraufdämmert, durch die Art und Weise, wie die Menschen reden, lernt man sie viel mehr kennen als durch den Inhalt dessen, was sie reden. Denn der Inhalt dessen, was sie reden, ist zumeist nur der fortgepflanzte Inhalt einer absterbenden oder schon abgestorbenen Zeit. Das, was in dem Unterseelischen der Menschen sitzt, das ist dasjenige, was neu ist.

[ 22 ] This will make you realize that, above all, the task is first to examine reality in such a way as to determine, based on that reality: what form can these social demands actually take in the present? There is one point I have emphasized here time and again. No matter what the proletarians may say today, what a person says today is, for the most part, irrelevant, because what they say exists in their conscious mind, whereas what they demand—what truly matters to them—is contained in their subconscious. Today, one hardly gets to know people at all through what they say. One gets to know them much better through what dawns from their subconscious—through the way people speak—than through the content of what they say. For the content of what they say is, for the most part, merely the perpetuated content of a dying or already dead era. What lies in the depths of people’s souls—that is what is new.

[ 23 ] Und so sehen wir denn, daß die proletarische Bevölkerung überall hinstreut kategorische Begriffe, Worte, die ihr eingetrichtert sind aus dem Marxismus oder aus sonstigen Quellen. Und in Wahrheit ist unter den Impulsen — was ist nicht alles unter den Impulsen! —, vor allen Dingen der Impuls, die menschliche Arbeitskraft nicht mehr Ware sein zu lassen. Fragt man heute den modernen Proletarier: Was willst du eigentlich? — antwortet er: Ich will Verstaatlichung oder Vergesellschaftung der Produktionsmittel, ich will Sozialisierung und so weiter. — Würde er unter den verschiedenen Punkten, die man ja alle in ihrer wahren Gestalt kennenlernen kann, besonders Gewicht legen auf den Punkt: Ich will, daß meine Arbeitskraft fernerhin nicht Ware sei, sondern etwas ganz anderes —, dann würde er die Wahrheit sagen.

[ 23 ] And so we see that the proletarian population is scattering categorical terms everywhere—words that have been drummed into them by Marxism or other sources. And in truth, among these impulses—what is not included among these impulses!—the foremost is the impulse to ensure that human labor power is no longer a commodity. If one asks the modern proletarian today, “What do you actually want?”—he answers, “I want the nationalization or socialization of the means of production; I want socialization, and so on.” — If, among the various points—all of which can, of course, be understood in their true form—he were to place particular emphasis on the point: “I want my labor power to cease being a commodity and to become something entirely different”—then he would be speaking the truth.

[ 24 ] So ist in diesem modernen Denken das Allerallerälteste untermischt mit demjenigen, was unbewußt als die neueste, als die modernste Forderung in den Menschenseelen enthalten ist. Und dessen sind sich die Menschen wiederum nicht bewußt. Daher sehen wir eine Forderung auftreten, die also wirklich schon für einen großen Teil der gebildeten Welt gegenstandslos geworden ist: die Forderung, die alten Gemeinschaften an die Stelle der Privatunternehmer zu setzen. Es ist eigentlich grotesk für diejenigen Staaten, die verschwunden sind, daß der Staat nun Unternehmer werden soll an Stelle der Privatunternehmer. Einer, der gar nicht mehr da ist, soll der Unternehmer werden! Dennoch pfuschen die Leute an dieser Frage herum. Daran sieht man eben, wie in eine Sackgasse hineingemündet ist dieses moderne Denken und Empfinden. Und gerade darüber, inwiefern der Staat oder irgendeine bestehende Gemeinschaft direkt an die Stelle des Privatunternehmens treten kann oder nicht treten kann, über diese Frage wollen wir dann morgen noch genauer sprechen.

[ 24 ] Thus, in this modern way of thinking, the very, very oldest elements are intermingled with what is unconsciously contained in the human soul as the newest, the most modern demand. And people, in turn, are not aware of this. That is why we see a demand emerging that has, in fact, already become irrelevant for a large part of the educated world: the demand to replace private entrepreneurs with the old communities. It is actually grotesque for those states that have disappeared that the state should now become the entrepreneur in place of private entrepreneurs. Something that no longer exists at all is supposed to become the entrepreneur! Yet people continue to dither over this issue. This clearly shows just how this modern way of thinking and feeling has led to a dead end. And it is precisely this question—to what extent the state or any existing community can or cannot directly take the place of private enterprise—that we will discuss in greater detail tomorrow.