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Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage
GA 191

11 Oktober 1919, Dornach

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Es ist so spät geworden, daß ich diesen Vortrag heute kurz halten werde, und daß ich die Hauptsache, die ich zu sagen habe in diesen drei Vorträgen, für morgen lassen werde. Morgen wird ja die Eurythmie früher gelegt sein, und dann wird es möglich sein, dem Vortrag die entsprechende Länge zu geben.

[ 2 ] Ich habe das letzte Mal darauf aufmerksam gemacht, wie zur Beherrschung desjenigen, was in unserer gegenwärtigen niedergehenden Zivilisation liegt, nötig ist, über die verschiedenen Völkermassen der Erde hin so zu differenzieren, daß man das Augenmerk wirklich lenkt auf das, was in den einzelnen Völkermassen lebt, und zwar lebt in der anglo-amerikanischen Bevölkerung, in der eigentlich europäischen Bevölkerung und in der Bevölkerung des Ostens. Und wir haben gesehen, daß wir die Anlage, eine neuzeitliche Kosmogonie zu begründen, vor allen Dingen bei der anglo-amerikanischen Bevölkerung finden; die Fähigkeit, den Impuls der Freiheit auszubilden, bei der europäischen Bevölkerung; dann den Impuls des Altruismus auszubilden, den Impuls der Religiosität und desjenigen, was mit Bezug auf die menschliche Brüderlichkeit damit zusammenhängt, bei der Bevölkerung des Ostens. Es kann eine neue Zivilisation nicht anders begründet werden als dadurch, daß ein wirkliches Zusammenarbeiten der Menschen über die ganze Erde hin in der Zukunft möglich gemacht wird. Aber damit dieses möglich werde, damit ein wirkliches Zusammenarbeiten möglich werde, dazu ist verschiedenes nötig. Dazu ist nötig, daß tatsächlich unbefangen eingesehen werde, wieviel der gegenwärtigen Zivilisation fehlt, wieviel vom Niedergangsimpuls in dieser gegenwärtigen Zivilisation ist. Diejenigen Kräfte, die in unserer Zivilisation sind, man darf sie nicht etwa so betrachten, daß man sagt: Alles ist schlecht. — Das wäre erstens unhistorisch, zweitens würde es zu nichts Positivem führen. Diejenigen Impulse, die in unserer Zivilisation liegen, waren zu irgendeiner Zeit und an irgendeinem Orte voll berechtigt. Aber alles das, was im geschichtlichen Werden der Menschheit zum Niedergange führt, das führt aus dem Grunde zum Niedergange, weil das, was eben in der einen Zeit und an dem einen Orte berechtigt ist, sich hinsetzt in eine andere Zeit und an einen anderen Ort; und weil die Menschen aus gewissen ahrimanischen und luziferischen Antrieben heraus beharren bei dem, woran sie sich einmal gewöhnt haben und nicht an dem wirklichen, von der Kosmogonie geforderten Fortschritte der Menschheit teilnehmen wollen.

[ 3 ] Unsere Zeit ist stolz auf ihre Wissenschaftlichkeit. Und doch gehen im Grunde aus dieser Wissenschaftlichkeit hervor auch die großen sozialen Irrtümer und Verkehrtheiten unserer Zeit. Daher muß schon einmal gründlich hineingeleuchtet werden in das Getriebe des Denkens und in das Getriebe des Handelns, insofern dieses Handeln der Gegenwart von dem Denken der Gegenwart ja ganz abhängig ist.

[ 4 ] Wir haben gestern in dem Zusammenhange, den wir betrachten mußten, aufmerksam darauf gemacht, wie die Gesamtkultur der Erde sich zusammenfügt aus der wissenschaftlichen Kultur, aus der politisch-freiheitlichen Kultur und aus der altruistisch-ökonomischen Kultur, die eigentlich doch zurückgeht auf das altruistisch-religiöse Element. Wenn die Menschen heute — ich habe schon darauf hingewiesen — die Kräfte betrachten, die eigentlich in unserer sozialen Struktur wirken, so bleiben sie an der Oberfläche, sie wollen nicht in die Tiefe dringen. Auf unseren Lehrkanzeln lehren die Vortragenden über das, was ökonomische Weisheit sein soll, in einer Weise, die herausgeholt ist aus der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Methode. Allein es wird gewissermaßen wie ein ungenießbarer Brei das betrachtet, was in den Menschen lebt und die Menschengemüter und Menschenwesenheiten bewegt. Es wird nicht auf das eigentlich wahre Sachliche gesehen.

[ 5 ] Bleiben wir zunächst einmal bei der Kultur Europas stehen. Was ist der hauptsächlichste Zug dieser Kultur Europas? Verfolgt man diesen Zug der Kultur Europas, so muß man eigentlich, wenn man ihn verstehen will, ziemlich weit zurückgehen. Man muß sich klar darüber sein, wie aus alten keltischen Urbevölkerungsimpulsen sich dadurch, daß verschiedene spätere Bevölkerungsschichten sich hineingeschoben haben in diese keltische Urbevölkerung, die eigentlich auf dem Grunde des europäischen Daseins noch immer vorhanden ist, wie dadurch diese europäische Bevölkerung mit allen ihren religiösen, politischen und ökonomischen und wissenschaftlichen Antrieben sich herausgebildet hat. In Europa herrschte im Grunde genommen immer, im Gegensatze zu dem amerikanischen Westen und zu dem asiatischen Osten, ein gewisser Intellektualismus. Es hätte gar nicht das so überhandnehmen können, was ich gestern als den eigentlichen Romanismus, als das romanische Element bezeichnet habe, wenn nicht in der europäischen Zivilisation der Grundzug des Intellektualismus wäre. Nun ist dem Intellektualismus zweierlei eigen: Erstens, er kann sich nicht aufraffen, rückhaltlos religiöse Impulse aus sich herauszutreiben. Die religiösen Impulse bekommen immer einen abstrakten Charakter unter dem Einflusse des Intellektualismus. Ebensowenig kann sich der Intellektualismus wirklich zu der Stoßkraft entwickeln, die ins Praktisch-Ökonomische hineingeht. Man wird an den Experimenten, die jetzt in Rußland gemacht werden, sehen, wie unmöglich es dem europäischen Intellektualismus ist, in das ökonomische Leben, in das wirtschaftliche Leben Ordnung hineinzubringen. Das, was der Leninismus ausbildet, ist ja reinster Intellektualismus. Das ist alles gedacht, da ist aus dem Denken heraus eine gesellschaftliche Ordnung konstruiert. Und es wird der Versuch gemacht, dieses aus dem Denken heraus gesponnene gesellschaftliche System aufzupfropfen auf die wirklichen Verhältnisse, die zwischen Menschen bestehen, und es wird sich mit der Zeit in einer fürchterlichen Weise zeigen, wie unmöglich es ist, das intellektualistisch Gedachte der menschlichen sozialen Struktur aufzupfropfen.

[ 6 ] Diese Dinge wollen die heutigen Menschen noch nicht in aller Stärke einsehen. Es ist ja einmal in der europäischen Bevölkerung dieser furchtbare Zug der Schläfrigkeit, dieses Nichtmitkönnen des ganzen Menschen mit dem, was so nötig ist, daß es heute das soziale Leben Europas durchströmte. Das aber, was vor allen Dingen einzusehen ist, das ist: wovon eigentlich diese europäische Zivilisation genährt ist, woher diese europäische Zivilisation im Grunde stammt. Durch sich selber, durch ihre eigene Wesenheit hat diese europäische Zivilisation nur eine intellektualistische, eine Gedankenkultur hervorgebracht. Die Trockenheit und Nüchternheit des Denkens waltet in unserer Wissenschaft; die waltet auch in unseren sozialen Einrichtungen.

[ 7 ] Wir haben ja durch viele, viele Jahrzente diesen Intellektualismus in den europäischen Parlamenten erlebt. Könnte man nur fühlen, wie durch alle diese europäischen Parlamente durchgegangen ist der intellektualistische Nützlichkeitsstandpunkt, das schwunglose Element, das keine Stoßkraft hat zu religiösen Impulsen, und das keine Stoßkraft hat zu irgendwelchen ökonomischen Impulsen! Bedenken Sie nur, wie wir unser religiöses Leben bekommen haben. Wir haben es so bekommen, daß man an der ganzen historischen Ausbreitung dieses religiösen Lebens sieht, daß Europa in sich selber keine religiösen Impulse hatte. Bedenken Sie, wie nüchtern, wie unendlich nüchtern die Welt war, als das Römische Reich sich ausgebreitet hatte, prosaisch nüchtern bis zum Exzeß. Und das war ja alles erst im Anfange. Denken Sie nur einmal, was Europa geworden wäre, wenn die romanische Kultur mit ihrer Prosanüchternheit die Fortsetzung gefunden hätte ohne den Impuls, der vom asiatischen Osten herüberkam und der ein religiöser Impuls war: ohne den christlichen Impuls. Was aus dem Schoße des Orients entsprungen ist, was nur aus dem Schoße des Orients, niemals aus europäischem Schoß entspringen konnte, der religiöse Impuls, ist als eine Kultur-, als eine Zivilisationswelle aus dem Osten herübergekommen. Europa hat ja nichts anderes getan, als zuerst römische Rechtsbegriffe hineingestopft in diesen religiösen Impuls, der vom Osten herübergekommen ist, hat durchzogen diesen östlichen Impuls mit nüchtern, abstrakt-intellektualistischen, juristischen Formen.

[ 8 ] Dem europäischen Leben war im Grunde genommen der östliche religiöse Impuls etwas Fremdes; er ist ihm etwas Fremdes geblieben. Er hat sich niemals ganz amalgamiert mit dem europäischen Wesen. Und er ist, ich möchte sagen, im Protestantismus in einer merkwürdigen Weise wie in einem Reagenzglase ausgeschieden worden. Wie wenn man in einem Reagenzglase beobachtet, wie sich Substanzen voneinander trennen, so ist es geschehen mit der europäischen Zivilisation in bezug auf ihren religiösen Charakter. Es war im 6., 7., 8., 9., 10. Jahrhundert etwas wie ein Versuch, eine innere Einheit zu gestalten aus dem religiösen Fühlen und Empfinden und aus dem wissenschaftlichen und ökonomischen Denken. Aber dann traten, wirklich wie in einem Reagenzglas zwei Substanzen auseinandertreten, die beiden — das nüchterne Denken des Intellektualismus und der religiöse Impuls — auseinander, und endlich kam der Protestantismus, das Luthertum. Wissenschaft auf der einen Seite, eine Wahrheit; Glaube auf der anderen Seite, die andere Wahrheit. Die beiden sollen sich ja nicht weiter vermischen! Es wird geradezu als ein Sakrileg angesehen, wenn der Versuch unternommen wird, den Glaubensinhalt zu durchtränken mit dem Gedankeninhalt, den Gedankeninhalt zu erwärmen mit dem Glaubensinhalt. Und dann kam noch das Nüchternste, das Königsbergsche, der Kantianismus, der neben der Kritik der reinen Vernunft die Kritik der praktischen Vernunft, das Sittliche neben dem Wissenschaftlichen hinstellte, wodurch der furchtbarste Abgrund aufgerichtet ward zwischen demjenigen, was als einheitlich erfühlt und erlebt werden muß in der Menschennatur. Und unter diesen Verhältnissen lebt eigentlich die europäische Zivilisation noch immer. Unter diesen Verhältnissen wird auch die europäische Zivilisation immer mehr und mehr in ihren Niedergang hineinkommen. Wie etwas Fremdes aus dem Osten ist aufgenommen worden der religiöse Impuls, hat sich nicht organisch verbunden mit dem übrigen geistigen und physischen Leben Europas. Das ist mit Bezug auf das Geistesleben Europas zu sagen.

[ 9 ] Sehen Sie, gelobhudelt wurde über den Fortschritt der neueren Zivilisation genug. Es ist so lange gelobhudelt worden, bis Millionen von Menschen innerhalb dieser Zivilisation totgeschlagen und dreimal soviel zu Krüppeln gemacht worden sind. So lange ist von allen Kirchenkanzeln die salbungsvolle Rede ertönt, bis unendliches Blut geflossen ist. So lange ist von allen Lehrkanzeln verkündet worden der gepriesene Fortschritt, bis dieser Fortschritt in seine Nullität hineingeführt hat. Nicht eher wird ein Heil kommen, bis man diesen Dingen unbefangen ins Antlitz schaut. Und heute kommen die Menschen Leninscher und anderer Prägung und denken nach über Sozialismus, über Ökonomismus, und es soll aus denjenigen Begriffen, die längst sich als unzulänglich erwiesen haben zur Führung der europäischen Zivilisation, ohne daß man zu neuen Begriffen, zu einem Umdenken kommt, unsere ökonomische Ordnung, unsere soziale Ordnung reformiert werden.

[ 10 ] Ich habe, glaube ich, schon einmal auch hier gesagt, zu welchen schönen Begriffen unsere gelehrten Herren zum Beispiel auf diesem Gebiete kommen. Es ist zu schön, daher möchte ich diese Sache noch einmal hier besprechen. Da ist ein berühmter Nationalökonom, Lujo Brentano. Von ihm ist ein Artikel erschienen vor einiger Zeit, «Der Unternehmer». Brentano versucht den Begriff des kapitalistischen Unternehmers zu konstruieren. Er holt die Merkmale für den kapitalistischen Unternehmer zusammen. Das dritte Merkmal, das Lujo Brentano anführt, besteht darin, daß der Unternehmer die Produktionsmittel auf eigenes Risiko, auf eigene Gefahr im Dienste der Menschheit verwendet. Nun untersucht der gute Lujo Brentano die Funktion des gewöhnlichen Handarbeiters im sozialen Leben und sagt: Die körperliche Arbeitskraft des Handarbeiters, das ist sein Produktionsmittel; er verwendet es im Dienst der Gesellschaft auf eigenes Risiko und auf eigene Gefahr. Also ist der Arbeiter ein Unternehmer. Es ist gar kein Unterschied zwischen einem Unternehmer und einem Arbeiter, es ist beides eins und dasselbe! — Sehen Sie, so verworren ist das, was man heute wissenschaftliches Denken nennt, schon geworden, daß, wenn die Leute Begriffe bilden, sie nicht mehr unterscheiden können zwischen den zwei entgegengesetzten Polen.

[ 11 ] Dabei ist es bei Brentano gar nicht so leicht bemerkbar, wie etwa bei einem Philosophieprofessor in Bern, der unter anderem die Eigenschaft hat, so furchtbar viele Bücher zu schreiben, und der so schnell schreiben mußte, daß er sich nicht genau überlegen konnte, was er schrieb. Aber er trug Philosophie an der Universität Bern vor. Und siehe da, in einem der Bücher dieses Philosophieprofessors aus Bern fand sich auch der Satz: Die Zivilisation kann sich nur entwickeln in der gemäßigten Zone, denn sie kann sich nicht entwickeln auf dem Nordpol — da würde sie erfrieren —, und sie kann sich auch nicht entwickeln auf dem Südpol, denn da ist es heiß, im Gegensatz zum Nordpol, da würde die Zivilisation verbrennen! — Es ist tatsächlich so, daß einmal ein regelrechter Philosophieprofessor in einem Buch schreibt, daß es auf dem Nordpol kalt und auf dem Südpol heiß ist, weil er so schnell schrieb, daß er es sich nicht gut überlegen konnte!

[ 12 ] Die nationalökonomischen Fehler des guten Brentano sind im Grunde genommen aus derselben Oberflächenanschauung heraus geboren, wie vieles in Europa. Denn man betrachtet das, was da ist, eben als das Gegebene und knüpft seine Begriffsschemen an das an, was gerade da ist. Das lernt man von der naturwissenschaftlichen Methode, das treibt man an den naturwissenschaftlichen Anstalten, und das sprechen die Menschen heute in unserer Zeit — in der selbstverständlich nichts auf Autoritäten gegeben wird! — gläubig nach. Denn wenn man hört, daß irgendeiner heute eine Autorität ist, dann ist das ein Grund, anzunehmen, daß er die Wahrheit sagt! Nicht aus Einsicht nimmt man es an, zu seiner Wahrheit, sondern weil er eine Autorität ist. Und so betrachtet man auch die ökonomischen Tatsachen so, als ob sie nebeneinander die gleiche Bedeutung hätten, während sie in der Tat ineinandergeschobene Elemente sind, die gesondert betrachtet werden müssen.

[ 13 ] Geradeso wie die europäische Zivilisation von Osten her die Strömung des religiösen Impulses gehabt hat, so war für die ökonomische Struktur Europas wieder etwas anderes notwendig. Als der fünfte nachatlantische Zeitraum, die Mitte des 15. Jahrhunderts, herannahte, war auch die Zeit, wo jene Ereignisse eintraten, die der ganzen neuzeitlichen Zivilisation ihr Grundgepräge, ihre Physiognomie gaben: Entdeckung Amerikas, die Auffindung des Seeweges über das Kap der Guten Hoffnung nach Ostindien; das gab der neuzeitlichen Zivilisation das Gepräge. Und die ganze ökonomische Entwickelung Europas kann nicht aus sich selber studiert werden. Es ist ein Unsinn, zu glauben, daß man dadurch, daß man die ökonomischen Tatsachen studiert, auf die ökonomischen Gesetze kommt, die in der europäischen Gesellschaft walten. Man kommt auf diese Gesetze nur, wenn man fortdauernd berücksichtigt, daß von Europa Unzähliges abgeschoben werden konnte nach Amerika. Und die ganze soziale Struktur Tafel 4

[ 14 ] Europas ist nur entstanden dadurch, daß fortwährend in Amerika drüben Neuland war und in dieses Neuland abfloß das, was Europa nach dem Westen schickte. Wie es vom Osten bekommen hat den religiösen Impuls, so schickte es seinen ökonomischen Impuls nach dem Westen. Unter dem Regime dieser Strömung entwickelte sich seine eigene Ökonomie, wie sich sein Geistesleben unter dem Einströmen der religiösen Impulse vom Osten entwickelte. Das europäische Leben, der ganze Hergang im Zustandekommen der europäischen Zivilisation entwickelte sich in den bisherigen Jahrhunderten der neueren Zeit unter diesen zwei Strömungen. Da war die europäische Zivilisation in der Mitte, da kam vom Osten herüber wie ein Zufluß der religiöse Impuls (siehe Zeichnung violett), da strömte nach dem Westen hinüber wie ein Abfluß der ökonomische Impuls (rot). Einströmen des religiösen Impulses aus dem Osten, Abfließen des ökonomischen Impulses nach dem Westen, das war das, was im Hergang der europäischen Zivilisation lebte.

AltName

[ 15 ] Und das erreichte um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert eine gewisse Krisis. Das fing an zu stocken. Das fing an, nicht mehr so zu gehen, wie es durch vier Jahrhunderte gegangen war. Und unter dem Einflusse dieser Stockung stehen wir und leben wir heute. Wie etwas Fremdes hat sich der religiöse Impuls hereingeschoben und hat das geistige Leben bei uns erzeugt. Und unser ökonomisches Leben ist dadurch entstanden, daß es fortwährend Verdünnungen erlebte. Wäre nicht Amerika dagewesen und hätte unsere Ökonomie entstehen sollen aus ihren eigenen Gesetzen heraus, hätte sie nicht fortwährend aus sich ausspritzen können das, was sie nicht brauchen konnte, so hätte sie sich nicht entwickeln können in Europa. Das stockt jetzt. Daher muß ein innerer Ausweg gefunden werden. Von innen heraus muß die Möglichkeit gefunden werden, das in das richtige Fahrwasser zu bringen, was nicht mehr räumlich von außen geht.

[ 16 ] Das soll durch die Dreigliederung geschehen. Das soll dadurch geschehen, daß das, was sich unorganisch ineinandergeschoben hat, nun wirklich organisch gegliedert wird. Für die Annahme der Dreigliederung des sozialen Organismus liegt nicht ein Grund vor, sondern da liegen alle möglichen Gründe vor; da liegen wissenschaftliche, da liegen ökonomische Gründe, da liegen historische Gründe vor, und erst derjenige kann vollständig über die Berechtigung der Dreigliederung des sozialen Organismus urteilen, der in der Lage ist, alle diese verschiedenen Begründungen zu überschauen.

[ 17 ] Das möchte man so gern den Menschen der Gegenwart sagen; denn diese Menschen der Gegenwart leiden an einer Begriffsarmut, die eben nach und nach fürchterlich geworden ist. Diese Begriffsarmut ist wirklich so geworden, daß derjenige, der heute einen Sinn hat für Ideen, findet, daß eigentlich in unserem Geistesleben eine ganz kleine Summe Ideen nur herrscht, die man überall findet. Wer nach Ideen gräbt, dem geht es so: Er studiert ein physikalisches Werk; in dem Werk ist eine bestimmte Summe von Ideen. Dann studiert er meinetwillen ein geologisches Werk; er findet andere Tatsachen, aber er findet genau dieselben Ideen. Dann studiert er ein biologisches Werk, er findet andere 'Tatsachen, aber er findet dieselben Ideen. Er studiert ein psychologisches Buch, das über das Seelenleben handelt: er findet andere Tatsachen, die aber eigentlich nur in Worten bestehen, denn die Seele kennt man ja eigentlich nur als eine Summe von Worten. Spricht man vom Wollen, so ist ein Wort da; man weiß nichts vom wirklichen Wollen. Spricht man von Denken — man weiß nichts vom wirklichen Denken, denn die Leute denken nur noch in Worten. Man weiß auch nichts vom Fühlen. Das ganze psychologische Gebiet ist ja heute ein Spiel mit Worten, die man in der verschiedensten Weise durcheinanderkugelt: So wie im Kaleidoskop die Steine andere Gruppierungen erleiden, so ist es mit unseren Begriffen. Sie werden anders durcheinandergeschmissen in unseren verschiedenen Wissenschaften, aber es ist nur eine ganz geringe Summe von Ideen da, die einem immer wieder und wieder entgegentreten, die den Tatsachen übergestülpt werden. Und die Menschen drängen sich nicht dazu, für die Sache die entsprechenden Begriffe zu finden, für die Sache die entsprechenden Ideen zu erforschen! Man bemerkt die Dinge nur nicht.

[ 18 ] Vor einiger Zeit hat in einer Stadt Mitteleuropas ein Kongreß radikaler Sozialisten stattgefunden. Diese radikalen Sozialisten beschäftigten sich damit, eine soziale Struktur auszudenken, wie sie Europa bekommen soll. Es ist ungefähr dieselbe soziale Struktur, wie Sie sie jetzt in einer Reihe von Artikeln im Basler «Vorwärts» lesen können. Was ist das Eigentümliche dieser sozialen Struktur? Die Leute finden sie sehr geistvoll, sie finden, daß sie gar nicht anders sein kann. Aber sie ist so geworden, wie sie geworden ist, nur aus dem Grunde, weil sie von Menschen gemacht worden ist, die eigentlich nie etwas Wirkliches mit dem Wirtschaftsleben zu tun gehabt haben, die niemals die wirklichen Quellen und Triebkräfte des Wirtschaftslebens kennengelernt haben. Sie ist von Menschen gemacht, die teilgenommen haben am politischen Leben der letzten Jahrzehnte. Wie hat man am politischen Leben der letzten Jahrzehnte teilgenommen? Nun, man war entweder Wähler oder Gewählter. Als Kandidat wurde man entweder gewählt in der elementaren Wahl oder in der Stichwahl. Man wurde, sagen wir, in der elementaren Wahl noch nicht gewählt; da hatte man aber seine riesigen Wahlgelder aufgebraucht. Man hatte Sammlungen gemacht, die Riesensumme war aufgebracht worden, damit man genügend Wähler gehabt hätte, um gewählt zu werden. Diese Summen waren ausgegeben. Man hatte fürchterlich losgezogen über seinen Parteigegner; der war ein Lump und ein Schurke und ein Betrüger, wenn nicht etwas noch Schlimmeres. Jetzt kam die Stichwahl. Bis jetzt hatte noch keine Partei eine Majorität gehabt, jetzt handelte es sich darum, irgendeinen zu wählen von denen, die die relative Majorität hatten. Da kam das andere Verfahren: Da ließ man sich ein Drittel von den ausgegebenen Wahlgeldern durch den Gegner, der bisher ein Schurke, ein Lump, ein Betrüger war, zurückzahlen! Man ließ es sich zurückzahlen, verwandelte sich plötzlich in einen Redner, der sagte: Es ist immerhin notwendig, daß der Mann gewählt wird! — Der früher ein Schurke, ein Lump, ein Betrüger wat, der mußte nunmehr gewählt werden. Nicht wahr, man hatte ja das Drittel der Wahlgelder zurückbekommen, und man verwandelte sich allmählich unter diesem Interesse, das Drittel der Wahlgelder wieder bekommen zu haben, in einen solchen, der nun für jenen eintrat. Denn einer von beiden mußte ja gewählt werden, der andere hatte keine Aussicht; es war höchstens noch das Drittel der Wahlgelder hereinzubekommen.

[ 19 ] Also, nicht wahr, man hatte an diesem politischen Leben teilgenommen; man hatte teilgenommen daran, wie hineingeredet worden ist in die politische Verwaltung. Man hatte ja gelernt, wie man von Ämtern aus dirigiert und so weiter, kurz, man hatte die ganze politische Maschinerie kennengelernt, aber keinen blauen Dunst vom Wirtschaftsleben. Das, was man nun an politischen Begriffen bekommen hat — Begriffen, die ja natürlich sehr korrumpiert worden waren, aber immerhin, sie waren politische Begriffe —, das wollte man einfach über das Wirtschaftsleben drüberstülpen. Und so würde man, wenn man das ausführte, um was es sich da handelte, ein Wirtschaftsleben bekommen mit rein politischer Struktur. Man verwechselt heute schon die Struktur des Wirtschaftslebens mit der politischen Struktur, so wenig können die Leute noch auseinanderhalten, was sich allmählich ineinandergedrängt hat, ineinandergeschoben hat. Aber es wäre heute schon notwendig, daß an vielen, vielen Orten Einsicht verbreitet würde über dasjenige, was wirklich ist. Auf das wollen die Menschen heute nicht eingehen.

[ 20 ] Nun soll man nur ja nicht glauben, daß man unter dem Einflusse der Zivilisation, welche die äußere Wirklichkeit nicht anschaut, sondern sie mit ein paar hingepfahlten Begriffen tyrannisiert, daß man mit einer solchen Summe von Begriffen sich nähern kann jener wahren Wirklichkeit, die durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft aufgesucht werden soll. Denn durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft soll eben die wahre Wirklichkeit aufgesucht werden. Daher muß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht nach dem Muster von dem genommen werden, was man früher oftmals religiöse Bekenntnisse genannt hat.

[ 21 ] Sehen Sie, darunter hat man geradezu ungeheuerlich gelitten bei der alten theosophischen Bewegung. Was war diese alte theosophische Bewegung anderes, als daß man eine Art Extrareligion haben wollte! Die bestand nicht in einem neuen Impuls, der aus der Zivilisation Europas selber hervorgegangen wäre, sondern die bestand nur aus Gefühlen, die man im alten religiösen Element auch’ hatte. Nur waren einem diese alten religiösen Begriffe und Ideen und Empfindungen langweilig geworden, und so hatte man sich anderem zugewendet. Aber sie wurden von derselben Atmosphäre durchströmt, von denen die alten Bekenntnisse durchströmt waren. Man wollte geradeso fromm sein, wie man evangelisch fromm gewesen ist, wenn man evangelisch war, wie man katholisch fromm gewesen ist, wenn man Katholik war; aber man wollte im Grunde genommen nicht dasjenige, was man brauchte: Einen wirklichen neuen religiösen Impuls neben anderen Impulsen -, weil sich die europäische Bevölkerung hineingewöhnt hat in das Leben durch einen fremden, durch den asiatisch-religiösen Impuls. Das ist dasjenige, worauf es ankommt. Und ehe nicht organisch ineinanderverwoben werden diejenigen Dinge, die nur unorganisch ineinandergeschoben waren, ehedem gibt es keinen Aufstieg der europäischen Zivilisation. Das muß man durchaus ernst nehmen, und das muß durchdringen dasjenige, was zu leben hat in Wissenschaft, in Ökonomie, in Religiosität und im politischen Leben.