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The Social Question as a
Question of Consciousness
GA 191

11 October 1919, Dornach

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The Social Question as a Question of Consciousness, tr. SOL
  1. Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage

Fünfter Vortrag

Fifth Lecture

[ 1 ] Es ist so spät geworden, daß ich diesen Vortrag heute kurz halten werde, und daß ich die Hauptsache, die ich zu sagen habe in diesen drei Vorträgen, für morgen lassen werde. Morgen wird ja die Eurythmie früher gelegt sein, und dann wird es möglich sein, dem Vortrag die entsprechende Länge zu geben.

[ 1 ] It has gotten so late that I will keep this lecture brief today and save the main point I have to make in these three lectures for tomorrow. Tomorrow, the eurythmy session will end earlier, and then it will be possible to give the lecture the appropriate length.

[ 2 ] Ich habe das letzte Mal darauf aufmerksam gemacht, wie zur Beherrschung desjenigen, was in unserer gegenwärtigen niedergehenden Zivilisation liegt, nötig ist, über die verschiedenen Völkermassen der Erde hin so zu differenzieren, daß man das Augenmerk wirklich lenkt auf das, was in den einzelnen Völkermassen lebt, und zwar lebt in der anglo-amerikanischen Bevölkerung, in der eigentlich europäischen Bevölkerung und in der Bevölkerung des Ostens. Und wir haben gesehen, daß wir die Anlage, eine neuzeitliche Kosmogonie zu begründen, vor allen Dingen bei der anglo-amerikanischen Bevölkerung finden; die Fähigkeit, den Impuls der Freiheit auszubilden, bei der europäischen Bevölkerung; dann den Impuls des Altruismus auszubilden, den Impuls der Religiosität und desjenigen, was mit Bezug auf die menschliche Brüderlichkeit damit zusammenhängt, bei der Bevölkerung des Ostens. Es kann eine neue Zivilisation nicht anders begründet werden als dadurch, daß ein wirkliches Zusammenarbeiten der Menschen über die ganze Erde hin in der Zukunft möglich gemacht wird. Aber damit dieses möglich werde, damit ein wirkliches Zusammenarbeiten möglich werde, dazu ist verschiedenes nötig. Dazu ist nötig, daß tatsächlich unbefangen eingesehen werde, wieviel der gegenwärtigen Zivilisation fehlt, wieviel vom Niedergangsimpuls in dieser gegenwärtigen Zivilisation ist. Diejenigen Kräfte, die in unserer Zivilisation sind, man darf sie nicht etwa so betrachten, daß man sagt: Alles ist schlecht. — Das wäre erstens unhistorisch, zweitens würde es zu nichts Positivem führen. Diejenigen Impulse, die in unserer Zivilisation liegen, waren zu irgendeiner Zeit und an irgendeinem Orte voll berechtigt. Aber alles das, was im geschichtlichen Werden der Menschheit zum Niedergange führt, das führt aus dem Grunde zum Niedergange, weil das, was eben in der einen Zeit und an dem einen Orte berechtigt ist, sich hinsetzt in eine andere Zeit und an einen anderen Ort; und weil die Menschen aus gewissen ahrimanischen und luziferischen Antrieben heraus beharren bei dem, woran sie sich einmal gewöhnt haben und nicht an dem wirklichen, von der Kosmogonie geforderten Fortschritte der Menschheit teilnehmen wollen.

[ 2 ] Last time, I pointed out that in order to grasp what lies at the heart of our present declining civilization, it is necessary to differentiate among the various peoples of the earth in such a way that one truly focuses on what is alive within each of these peoples—namely, what is alive within the Anglo-American population, within the truly European population, and within the population of the East. And we have seen that the potential to establish a modern cosmogony is found above all in the Anglo-American population; the ability to develop the impulse toward freedom in the European population; and the ability to develop the impulse toward altruism, the impulse toward religiosity, and that which is connected to human brotherhood in the populations of the East. A new civilization cannot be founded in any other way than by making genuine cooperation among people across the entire Earth possible in the future. But for this to become possible—for genuine cooperation to become possible—various things are necessary. It is necessary to recognize, with true objectivity, how much is lacking in our present civilization, and how much of a downward impulse is present in it. The forces present in our civilization should not be viewed in such a way that one says: Everything is bad. — That would be, first of all, ahistorical; second, it would lead to nothing positive. The impulses inherent in our civilization were, at some time and in some place, entirely justified. But everything that leads to decline in the historical development of humanity does so fundamentally because what was justified at one time and in one place becomes entrenched in another time and another place; and because, driven by certain Ahrimanic and Luciferic impulses, people cling to what they have once become accustomed to and do not wish to participate in the true progress of humanity demanded by cosmogony.

[ 3 ] Unsere Zeit ist stolz auf ihre Wissenschaftlichkeit. Und doch gehen im Grunde aus dieser Wissenschaftlichkeit hervor auch die großen sozialen Irrtümer und Verkehrtheiten unserer Zeit. Daher muß schon einmal gründlich hineingeleuchtet werden in das Getriebe des Denkens und in das Getriebe des Handelns, insofern dieses Handeln der Gegenwart von dem Denken der Gegenwart ja ganz abhängig ist.

[ 3 ] Our age takes pride in its scientific approach. And yet, fundamentally, it is from this scientific approach that the great social errors and absurdities of our time also arise. Therefore, we must first thoroughly examine the workings of thought and the workings of action, insofar as the actions of the present are entirely dependent on the thinking of the present.

[ 4 ] Wir haben gestern in dem Zusammenhange, den wir betrachten mußten, aufmerksam darauf gemacht, wie die Gesamtkultur der Erde sich zusammenfügt aus der wissenschaftlichen Kultur, aus der politisch-freiheitlichen Kultur und aus der altruistisch-ökonomischen Kultur, die eigentlich doch zurückgeht auf das altruistisch-religiöse Element. Wenn die Menschen heute — ich habe schon darauf hingewiesen — die Kräfte betrachten, die eigentlich in unserer sozialen Struktur wirken, so bleiben sie an der Oberfläche, sie wollen nicht in die Tiefe dringen. Auf unseren Lehrkanzeln lehren die Vortragenden über das, was ökonomische Weisheit sein soll, in einer Weise, die herausgeholt ist aus der gegenwärtigen naturwissenschaftlichen Methode. Allein es wird gewissermaßen wie ein ungenießbarer Brei das betrachtet, was in den Menschen lebt und die Menschengemüter und Menschenwesenheiten bewegt. Es wird nicht auf das eigentlich wahre Sachliche gesehen.

[ 4 ] Yesterday, in the context we had to consider, we drew attention to how the Earth’s overall culture is composed of scientific culture, political-liberal culture, and altruistic-economic culture, which actually traces back to the altruistic-religious element. When people today—as I have already pointed out—consider the forces that are actually at work in our social structure, they remain on the surface; they do not wish to delve deeper. From our lecterns, speakers teach what is supposed to be economic wisdom in a manner derived from the current scientific method. Yet what lives within people and moves their minds and beings is regarded, as it were, as an indigestible mush. The truly objective reality is not taken into account.

[ 5 ] Bleiben wir zunächst einmal bei der Kultur Europas stehen. Was ist der hauptsächlichste Zug dieser Kultur Europas? Verfolgt man diesen Zug der Kultur Europas, so muß man eigentlich, wenn man ihn verstehen will, ziemlich weit zurückgehen. Man muß sich klar darüber sein, wie aus alten keltischen Urbevölkerungsimpulsen sich dadurch, daß verschiedene spätere Bevölkerungsschichten sich hineingeschoben haben in diese keltische Urbevölkerung, die eigentlich auf dem Grunde des europäischen Daseins noch immer vorhanden ist, wie dadurch diese europäische Bevölkerung mit allen ihren religiösen, politischen und ökonomischen und wissenschaftlichen Antrieben sich herausgebildet hat. In Europa herrschte im Grunde genommen immer, im Gegensatze zu dem amerikanischen Westen und zu dem asiatischen Osten, ein gewisser Intellektualismus. Es hätte gar nicht das so überhandnehmen können, was ich gestern als den eigentlichen Romanismus, als das romanische Element bezeichnet habe, wenn nicht in der europäischen Zivilisation der Grundzug des Intellektualismus wäre. Nun ist dem Intellektualismus zweierlei eigen: Erstens, er kann sich nicht aufraffen, rückhaltlos religiöse Impulse aus sich herauszutreiben. Die religiösen Impulse bekommen immer einen abstrakten Charakter unter dem Einflusse des Intellektualismus. Ebensowenig kann sich der Intellektualismus wirklich zu der Stoßkraft entwickeln, die ins Praktisch-Ökonomische hineingeht. Man wird an den Experimenten, die jetzt in Rußland gemacht werden, sehen, wie unmöglich es dem europäischen Intellektualismus ist, in das ökonomische Leben, in das wirtschaftliche Leben Ordnung hineinzubringen. Das, was der Leninismus ausbildet, ist ja reinster Intellektualismus. Das ist alles gedacht, da ist aus dem Denken heraus eine gesellschaftliche Ordnung konstruiert. Und es wird der Versuch gemacht, dieses aus dem Denken heraus gesponnene gesellschaftliche System aufzupfropfen auf die wirklichen Verhältnisse, die zwischen Menschen bestehen, und es wird sich mit der Zeit in einer fürchterlichen Weise zeigen, wie unmöglich es ist, das intellektualistisch Gedachte der menschlichen sozialen Struktur aufzupfropfen.

[ 5 ] Let us first focus on European culture. What is the most fundamental characteristic of this European culture? If one traces this characteristic of European culture, one must actually go back quite a long way if one wishes to understand it. One must be clear about how, from the impulses of the ancient Celtic indigenous population—and through the fact that various later social strata intermingled with this Celtic indigenous population, which is actually still present at the very foundation of European existence—this European population, with all its religious, political, economic, and scientific drives, came into being. In Europe, in contrast to the American West and the Asian East, a certain intellectualism has essentially always prevailed. What I described yesterday as “true Romanism”—the Romanic element—could never have gained such a foothold if intellectualism were not a fundamental trait of European civilization. Now, intellectualism has two defining characteristics: First, it cannot bring itself to unreservedly expel religious impulses from within itself. Under the influence of intellectualism, religious impulses always take on an abstract character. Nor can intellectualism truly develop into the driving force that penetrates the practical and economic spheres. The experiments currently being conducted in Russia will demonstrate just how impossible it is for European intellectualism to bring order to economic life. What Leninism embodies is, after all, intellectualism in its purest form. It is all conceived in the mind; a social order is constructed from thought alone. And an attempt is being made to graft this social system—spun out of thought—onto the real relationships that exist between people, and in time it will become terribly apparent just how impossible it is to graft intellectualist concepts onto the human social structure.

[ 6 ] Diese Dinge wollen die heutigen Menschen noch nicht in aller Stärke einsehen. Es ist ja einmal in der europäischen Bevölkerung dieser furchtbare Zug der Schläfrigkeit, dieses Nichtmitkönnen des ganzen Menschen mit dem, was so nötig ist, daß es heute das soziale Leben Europas durchströmte. Das aber, was vor allen Dingen einzusehen ist, das ist: wovon eigentlich diese europäische Zivilisation genährt ist, woher diese europäische Zivilisation im Grunde stammt. Durch sich selber, durch ihre eigene Wesenheit hat diese europäische Zivilisation nur eine intellektualistische, eine Gedankenkultur hervorgebracht. Die Trockenheit und Nüchternheit des Denkens waltet in unserer Wissenschaft; die waltet auch in unseren sozialen Einrichtungen.

[ 6 ] People today are not yet willing to fully grasp these things. After all, there is this terrible tendency toward lethargy among the European population—this inability of the whole person to engage with what is so necessary—that it has permeated European social life today. But what must be understood above all else is this: what actually nourishes this European civilization, and where this European civilization fundamentally originates. Through itself, through its own essence, this European civilization has produced only an intellectual, a culture of thought. The dryness and sobriety of thought reign in our science; they also reign in our social institutions.

[ 7 ] Wir haben ja durch viele, viele Jahrzente diesen Intellektualismus in den europäischen Parlamenten erlebt. Könnte man nur fühlen, wie durch alle diese europäischen Parlamente durchgegangen ist der intellektualistische Nützlichkeitsstandpunkt, das schwunglose Element, das keine Stoßkraft hat zu religiösen Impulsen, und das keine Stoßkraft hat zu irgendwelchen ökonomischen Impulsen! Bedenken Sie nur, wie wir unser religiöses Leben bekommen haben. Wir haben es so bekommen, daß man an der ganzen historischen Ausbreitung dieses religiösen Lebens sieht, daß Europa in sich selber keine religiösen Impulse hatte. Bedenken Sie, wie nüchtern, wie unendlich nüchtern die Welt war, als das Römische Reich sich ausgebreitet hatte, prosaisch nüchtern bis zum Exzeß. Und das war ja alles erst im Anfange. Denken Sie nur einmal, was Europa geworden wäre, wenn die romanische Kultur mit ihrer Prosanüchternheit die Fortsetzung gefunden hätte ohne den Impuls, der vom asiatischen Osten herüberkam und der ein religiöser Impuls war: ohne den christlichen Impuls. Was aus dem Schoße des Orients entsprungen ist, was nur aus dem Schoße des Orients, niemals aus europäischem Schoß entspringen konnte, der religiöse Impuls, ist als eine Kultur-, als eine Zivilisationswelle aus dem Osten herübergekommen. Europa hat ja nichts anderes getan, als zuerst römische Rechtsbegriffe hineingestopft in diesen religiösen Impuls, der vom Osten herübergekommen ist, hat durchzogen diesen östlichen Impuls mit nüchtern, abstrakt-intellektualistischen, juristischen Formen.

[ 7 ] We have, after all, witnessed this intellectualism in European parliaments for many, many decades. If only one could sense how this intellectualist, utilitarian perspective—that lifeless element lacking any driving force toward religious impulses or any economic impulses—has permeated all these European parliaments! Just consider how our religious life came about. We acquired it in such a way that, as can be seen from the entire historical spread of this religious life, Europe had no religious impulses of its own. Consider how sober, how infinitely sober the world was when the Roman Empire had expanded—prosaically sober to the point of excess. And that was all just the beginning. Just think for a moment what Europe would have become if Roman culture, with its prosaic sobriety, had continued without the impulse that came from the Asian East—an impulse that was religious in nature: without the Christian impulse. What sprang from the bosom of the Orient—what could only spring from the bosom of the Orient, never from the European bosom—the religious impulse, came over from the East as a wave of culture, as a wave of civilization. Europe, after all, did nothing other than first cram Roman legal concepts into this religious impulse that came from the East, permeating this Eastern impulse with sober, abstract-intellectualistic, legal forms.

[ 8 ] Dem europäischen Leben war im Grunde genommen der östliche religiöse Impuls etwas Fremdes; er ist ihm etwas Fremdes geblieben. Er hat sich niemals ganz amalgamiert mit dem europäischen Wesen. Und er ist, ich möchte sagen, im Protestantismus in einer merkwürdigen Weise wie in einem Reagenzglase ausgeschieden worden. Wie wenn man in einem Reagenzglase beobachtet, wie sich Substanzen voneinander trennen, so ist es geschehen mit der europäischen Zivilisation in bezug auf ihren religiösen Charakter. Es war im 6., 7., 8., 9., 10. Jahrhundert etwas wie ein Versuch, eine innere Einheit zu gestalten aus dem religiösen Fühlen und Empfinden und aus dem wissenschaftlichen und ökonomischen Denken. Aber dann traten, wirklich wie in einem Reagenzglas zwei Substanzen auseinandertreten, die beiden — das nüchterne Denken des Intellektualismus und der religiöse Impuls — auseinander, und endlich kam der Protestantismus, das Luthertum. Wissenschaft auf der einen Seite, eine Wahrheit; Glaube auf der anderen Seite, die andere Wahrheit. Die beiden sollen sich ja nicht weiter vermischen! Es wird geradezu als ein Sakrileg angesehen, wenn der Versuch unternommen wird, den Glaubensinhalt zu durchtränken mit dem Gedankeninhalt, den Gedankeninhalt zu erwärmen mit dem Glaubensinhalt. Und dann kam noch das Nüchternste, das Königsbergsche, der Kantianismus, der neben der Kritik der reinen Vernunft die Kritik der praktischen Vernunft, das Sittliche neben dem Wissenschaftlichen hinstellte, wodurch der furchtbarste Abgrund aufgerichtet ward zwischen demjenigen, was als einheitlich erfühlt und erlebt werden muß in der Menschennatur. Und unter diesen Verhältnissen lebt eigentlich die europäische Zivilisation noch immer. Unter diesen Verhältnissen wird auch die europäische Zivilisation immer mehr und mehr in ihren Niedergang hineinkommen. Wie etwas Fremdes aus dem Osten ist aufgenommen worden der religiöse Impuls, hat sich nicht organisch verbunden mit dem übrigen geistigen und physischen Leben Europas. Das ist mit Bezug auf das Geistesleben Europas zu sagen.

[ 8 ] The Eastern religious impulse was, in essence, something foreign to European life; it has remained foreign to it. It has never fully amalgamated with the European spirit. And it has, I would say, been isolated in Protestantism in a peculiar way, as if in a test tube. Just as one observes substances separating from one another in a test tube, so it happened with European civilization in regard to its religious character. In the 6th, 7th, 8th, 9th, and 10th centuries, there was something of an attempt to forge an inner unity out of religious feeling and sensibility and out of scientific and economic thought. But then—just as two substances separate in a test tube—the two—the sober thinking of intellectualism and the religious impulse—drifted apart, and finally Protestantism, Lutheranism, emerged. Science on the one hand, one truth; faith on the other hand, the other truth. The two are not supposed to mix any further! It is regarded as nothing short of sacrilege to attempt to imbue the content of faith with the content of thought, or to warm the content of thought with the content of faith. And then came the most sober of all, the Königsberg school—Kantianism—which, alongside the Critique of Pure Reason, set forth the Critique of Practical Reason, placing the moral alongside the scientific, thereby creating the most terrible chasm between what must be felt and experienced as a unity within human nature. And European civilization actually still lives under these conditions. Under these conditions, European civilization will also slip further and further into decline. The religious impulse has been absorbed as something foreign from the East and has not organically connected with the rest of Europe’s spiritual and physical life. This must be said with regard to the spiritual life of Europe.

[ 9 ] Sehen Sie, gelobhudelt wurde über den Fortschritt der neueren Zivilisation genug. Es ist so lange gelobhudelt worden, bis Millionen von Menschen innerhalb dieser Zivilisation totgeschlagen und dreimal soviel zu Krüppeln gemacht worden sind. So lange ist von allen Kirchenkanzeln die salbungsvolle Rede ertönt, bis unendliches Blut geflossen ist. So lange ist von allen Lehrkanzeln verkündet worden der gepriesene Fortschritt, bis dieser Fortschritt in seine Nullität hineingeführt hat. Nicht eher wird ein Heil kommen, bis man diesen Dingen unbefangen ins Antlitz schaut. Und heute kommen die Menschen Leninscher und anderer Prägung und denken nach über Sozialismus, über Ökonomismus, und es soll aus denjenigen Begriffen, die längst sich als unzulänglich erwiesen haben zur Führung der europäischen Zivilisation, ohne daß man zu neuen Begriffen, zu einem Umdenken kommt, unsere ökonomische Ordnung, unsere soziale Ordnung reformiert werden.

[ 9 ] Look, enough has been sung the praises of the progress of modern civilization. It has been praised for so long that millions of people within this civilization have been beaten to death and three times as many have been maimed. For so long have unctuous sermons resounded from every church pulpit until endless blood has been shed. For so long has this much-praised progress been proclaimed from every lectern until that progress has led us into nothingness. Salvation will not come until we look these things squarely in the face. And today, people of Leninist and other persuasions are reflecting on socialism and economism, and they seek to reform our economic and social order based on concepts that have long since proven inadequate for guiding European civilization—without arriving at new concepts or a change in thinking.

[ 10 ] Ich habe, glaube ich, schon einmal auch hier gesagt, zu welchen schönen Begriffen unsere gelehrten Herren zum Beispiel auf diesem Gebiete kommen. Es ist zu schön, daher möchte ich diese Sache noch einmal hier besprechen. Da ist ein berühmter Nationalökonom, Lujo Brentano. Von ihm ist ein Artikel erschienen vor einiger Zeit, «Der Unternehmer». Brentano versucht den Begriff des kapitalistischen Unternehmers zu konstruieren. Er holt die Merkmale für den kapitalistischen Unternehmer zusammen. Das dritte Merkmal, das Lujo Brentano anführt, besteht darin, daß der Unternehmer die Produktionsmittel auf eigenes Risiko, auf eigene Gefahr im Dienste der Menschheit verwendet. Nun untersucht der gute Lujo Brentano die Funktion des gewöhnlichen Handarbeiters im sozialen Leben und sagt: Die körperliche Arbeitskraft des Handarbeiters, das ist sein Produktionsmittel; er verwendet es im Dienst der Gesellschaft auf eigenes Risiko und auf eigene Gefahr. Also ist der Arbeiter ein Unternehmer. Es ist gar kein Unterschied zwischen einem Unternehmer und einem Arbeiter, es ist beides eins und dasselbe! — Sehen Sie, so verworren ist das, was man heute wissenschaftliches Denken nennt, schon geworden, daß, wenn die Leute Begriffe bilden, sie nicht mehr unterscheiden können zwischen den zwei entgegengesetzten Polen.

[ 10 ] I believe I have already mentioned here on one occasion the wonderful concepts our learned gentlemen come up with in this field, for example. It is simply too wonderful, so I would like to discuss this matter once again here. There is a famous economist, Lujo Brentano. He published an article some time ago titled “The Entrepreneur.” Brentano attempts to define the concept of the capitalist entrepreneur. He compiles the characteristics of the capitalist entrepreneur. The third characteristic that Lujo Brentano cites is that the entrepreneur uses the means of production at his own risk, at his own peril, in the service of humanity. Now, good old Lujo Brentano examines the role of the ordinary manual laborer in social life and says: The manual laborer’s physical labor—that is his means of production; he uses it in the service of society at his own risk and at his own peril. So the worker is an entrepreneur. There is absolutely no difference between an entrepreneur and a worker; they are one and the same! — You see, what is called scientific thinking today has already become so confused that when people form concepts, they can no longer distinguish between the two opposing poles.

[ 11 ] Dabei ist es bei Brentano gar nicht so leicht bemerkbar, wie etwa bei einem Philosophieprofessor in Bern, der unter anderem die Eigenschaft hat, so furchtbar viele Bücher zu schreiben, und der so schnell schreiben mußte, daß er sich nicht genau überlegen konnte, was er schrieb. Aber er trug Philosophie an der Universität Bern vor. Und siehe da, in einem der Bücher dieses Philosophieprofessors aus Bern fand sich auch der Satz: Die Zivilisation kann sich nur entwickeln in der gemäßigten Zone, denn sie kann sich nicht entwickeln auf dem Nordpol — da würde sie erfrieren —, und sie kann sich auch nicht entwickeln auf dem Südpol, denn da ist es heiß, im Gegensatz zum Nordpol, da würde die Zivilisation verbrennen! — Es ist tatsächlich so, daß einmal ein regelrechter Philosophieprofessor in einem Buch schreibt, daß es auf dem Nordpol kalt und auf dem Südpol heiß ist, weil er so schnell schrieb, daß er es sich nicht gut überlegen konnte!

[ 11 ] Yet with Brentano, this is not nearly as obvious as it is, for example, with a philosophy professor in Bern who, among other things, has a habit of writing an awful lot of books and who had to write so quickly that he could not think carefully about what he was writing. But he taught philosophy at the University of Bern. And lo and behold, in one of this philosophy professor’s books from Bern, the following sentence was also found: “Civilization can only develop in the temperate zone, for it cannot develop at the North Pole—where it would freeze to death—nor can it develop at the South Pole, for there it is hot, in contrast to the North Pole, where civilization would burn up!” — It’s actually true that a real philosophy professor once wrote in a book that it’s cold at the North Pole and hot at the South Pole, because he was writing so quickly that he didn’t have time to think it through properly!

[ 12 ] Die nationalökonomischen Fehler des guten Brentano sind im Grunde genommen aus derselben Oberflächenanschauung heraus geboren, wie vieles in Europa. Denn man betrachtet das, was da ist, eben als das Gegebene und knüpft seine Begriffsschemen an das an, was gerade da ist. Das lernt man von der naturwissenschaftlichen Methode, das treibt man an den naturwissenschaftlichen Anstalten, und das sprechen die Menschen heute in unserer Zeit — in der selbstverständlich nichts auf Autoritäten gegeben wird! — gläubig nach. Denn wenn man hört, daß irgendeiner heute eine Autorität ist, dann ist das ein Grund, anzunehmen, daß er die Wahrheit sagt! Nicht aus Einsicht nimmt man es an, zu seiner Wahrheit, sondern weil er eine Autorität ist. Und so betrachtet man auch die ökonomischen Tatsachen so, als ob sie nebeneinander die gleiche Bedeutung hätten, während sie in der Tat ineinandergeschobene Elemente sind, die gesondert betrachtet werden müssen.

[ 12 ] The economic errors of the good Brentano stem, in essence, from the same superficial perspective as so much else in Europe. For people regard what is there as simply a given and base their conceptual frameworks on what happens to be there at the moment. This is what one learns from the scientific method; this is what is practiced in scientific institutions; and this is what people today—in an age when, of course, no credence is given to authorities!—repeat with blind faith. For when one hears that someone is an authority today, that is reason enough to assume that he is speaking the truth! People accept it as their truth not out of insight, but simply because he is an authority. And so economic facts are also viewed as if they were all equally significant when considered side by side, whereas in reality they are interlocking elements that must be examined separately.

[ 13 ] Geradeso wie die europäische Zivilisation von Osten her die Strömung des religiösen Impulses gehabt hat, so war für die ökonomische Struktur Europas wieder etwas anderes notwendig. Als der fünfte nachatlantische Zeitraum, die Mitte des 15. Jahrhunderts, herannahte, war auch die Zeit, wo jene Ereignisse eintraten, die der ganzen neuzeitlichen Zivilisation ihr Grundgepräge, ihre Physiognomie gaben: Entdeckung Amerikas, die Auffindung des Seeweges über das Kap der Guten Hoffnung nach Ostindien; das gab der neuzeitlichen Zivilisation das Gepräge. Und die ganze ökonomische Entwickelung Europas kann nicht aus sich selber studiert werden. Es ist ein Unsinn, zu glauben, daß man dadurch, daß man die ökonomischen Tatsachen studiert, auf die ökonomischen Gesetze kommt, die in der europäischen Gesellschaft walten. Man kommt auf diese Gesetze nur, wenn man fortdauernd berücksichtigt, daß von Europa Unzähliges abgeschoben werden konnte nach Amerika. Und die ganze soziale Struktur Tafel 4

[ 13 ] Just as European civilization received its religious impetus from the East, so too was something else necessary for Europe’s economic structure. As the fifth post-Atlantic period—the mid-15th century—approached, so too did the time when those events occurred that gave the entire modern civilization its fundamental character, its physiognomy: the discovery of America, the discovery of the sea route around the Cape of Good Hope to the East Indies; these events shaped modern civilization. And the entire economic development of Europe cannot be studied in isolation. It is nonsense to believe that by studying economic facts one can arrive at the economic laws that govern European society. One can only arrive at these laws by constantly bearing in mind that countless resources could be transferred from Europe to America. And the entire social structure Table 4

[ 14 ] Europas ist nur entstanden dadurch, daß fortwährend in Amerika drüben Neuland war und in dieses Neuland abfloß das, was Europa nach dem Westen schickte. Wie es vom Osten bekommen hat den religiösen Impuls, so schickte es seinen ökonomischen Impuls nach dem Westen. Unter dem Regime dieser Strömung entwickelte sich seine eigene Ökonomie, wie sich sein Geistesleben unter dem Einströmen der religiösen Impulse vom Osten entwickelte. Das europäische Leben, der ganze Hergang im Zustandekommen der europäischen Zivilisation entwickelte sich in den bisherigen Jahrhunderten der neueren Zeit unter diesen zwei Strömungen. Da war die europäische Zivilisation in der Mitte, da kam vom Osten herüber wie ein Zufluß der religiöse Impuls (siehe Zeichnung violett), da strömte nach dem Westen hinüber wie ein Abfluß der ökonomische Impuls (rot). Einströmen des religiösen Impulses aus dem Osten, Abfließen des ökonomischen Impulses nach dem Westen, das war das, was im Hergang der europäischen Zivilisation lebte.

[ 14 ] Europe came into being only because there was constantly new land over in America, and everything that Europe sent westward flowed into that new land. Just as it received its religious impulse from the East, so it sent its economic impulse westward. Under the influence of this current, its own economy developed, just as its spiritual life developed under the inflow of religious impulses from the East. European life—the entire process of the emergence of European civilization—developed over the past centuries of modern times under the influence of these two currents. European civilization was at the center; the religious impulse flowed in from the East like an inflow (see diagram, violet); the economic impulse flowed out toward the West like an outflow (red). The inflow of the religious impulse from the East and the outflow of the economic impulse toward the West—that was what animated the development of European civilization.

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[ 15 ] Und das erreichte um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert eine gewisse Krisis. Das fing an zu stocken. Das fing an, nicht mehr so zu gehen, wie es durch vier Jahrhunderte gegangen war. Und unter dem Einflusse dieser Stockung stehen wir und leben wir heute. Wie etwas Fremdes hat sich der religiöse Impuls hereingeschoben und hat das geistige Leben bei uns erzeugt. Und unser ökonomisches Leben ist dadurch entstanden, daß es fortwährend Verdünnungen erlebte. Wäre nicht Amerika dagewesen und hätte unsere Ökonomie entstehen sollen aus ihren eigenen Gesetzen heraus, hätte sie nicht fortwährend aus sich ausspritzen können das, was sie nicht brauchen konnte, so hätte sie sich nicht entwickeln können in Europa. Das stockt jetzt. Daher muß ein innerer Ausweg gefunden werden. Von innen heraus muß die Möglichkeit gefunden werden, das in das richtige Fahrwasser zu bringen, was nicht mehr räumlich von außen geht.

[ 15 ] And around the turn of the 19th to the 20th century, this reached a certain crisis. Things began to stall. They began to no longer proceed as they had for four centuries. And we stand and live today under the influence of this stagnation. The religious impulse has crept in like something foreign and has given rise to our spiritual life. And our economic life has arisen because it has continually undergone a process of dilution. Had America not existed, and had our economy been required to develop according to its own laws—had it not been able to continually expel what it could not use—it would not have been able to develop in Europe. That process has now stalled. Therefore, an internal solution must be found. From within, we must find a way to steer what can no longer be achieved spatially from the outside back onto the right course.

[ 16 ] Das soll durch die Dreigliederung geschehen. Das soll dadurch geschehen, daß das, was sich unorganisch ineinandergeschoben hat, nun wirklich organisch gegliedert wird. Für die Annahme der Dreigliederung des sozialen Organismus liegt nicht ein Grund vor, sondern da liegen alle möglichen Gründe vor; da liegen wissenschaftliche, da liegen ökonomische Gründe, da liegen historische Gründe vor, und erst derjenige kann vollständig über die Berechtigung der Dreigliederung des sozialen Organismus urteilen, der in der Lage ist, alle diese verschiedenen Begründungen zu überschauen.

[ 16 ] This is to be achieved through the threefold social order. It is to be achieved by ensuring that what has been haphazardly intertwined is now truly organized in an organic manner. There is not just one reason for accepting the threefold structure of the social organism, but rather all manner of reasons: there are scientific reasons, economic reasons, and historical reasons; and only those who are able to survey all these different justifications can fully judge the validity of the threefold structure of the social organism.

[ 17 ] Das möchte man so gern den Menschen der Gegenwart sagen; denn diese Menschen der Gegenwart leiden an einer Begriffsarmut, die eben nach und nach fürchterlich geworden ist. Diese Begriffsarmut ist wirklich so geworden, daß derjenige, der heute einen Sinn hat für Ideen, findet, daß eigentlich in unserem Geistesleben eine ganz kleine Summe Ideen nur herrscht, die man überall findet. Wer nach Ideen gräbt, dem geht es so: Er studiert ein physikalisches Werk; in dem Werk ist eine bestimmte Summe von Ideen. Dann studiert er meinetwillen ein geologisches Werk; er findet andere Tatsachen, aber er findet genau dieselben Ideen. Dann studiert er ein biologisches Werk, er findet andere 'Tatsachen, aber er findet dieselben Ideen. Er studiert ein psychologisches Buch, das über das Seelenleben handelt: er findet andere Tatsachen, die aber eigentlich nur in Worten bestehen, denn die Seele kennt man ja eigentlich nur als eine Summe von Worten. Spricht man vom Wollen, so ist ein Wort da; man weiß nichts vom wirklichen Wollen. Spricht man von Denken — man weiß nichts vom wirklichen Denken, denn die Leute denken nur noch in Worten. Man weiß auch nichts vom Fühlen. Das ganze psychologische Gebiet ist ja heute ein Spiel mit Worten, die man in der verschiedensten Weise durcheinanderkugelt: So wie im Kaleidoskop die Steine andere Gruppierungen erleiden, so ist es mit unseren Begriffen. Sie werden anders durcheinandergeschmissen in unseren verschiedenen Wissenschaften, aber es ist nur eine ganz geringe Summe von Ideen da, die einem immer wieder und wieder entgegentreten, die den Tatsachen übergestülpt werden. Und die Menschen drängen sich nicht dazu, für die Sache die entsprechenden Begriffe zu finden, für die Sache die entsprechenden Ideen zu erforschen! Man bemerkt die Dinge nur nicht.

[ 17 ] One would so much like to tell the people of today this; for these people of today suffer from a poverty of concepts that has, little by little, become truly dreadful. This poverty of concepts has truly reached the point where anyone today who has a sense for ideas finds that, in fact, only a very small set of ideas prevails in our intellectual life—ideas that can be found everywhere. Anyone who searches for ideas experiences this: He studies a work on physics; that work contains a certain set of ideas. Then, let’s say, he studies a work on geology; they find different facts, but they find exactly the same ideas. Then they study a work on biology; they find different “facts,” but they find the same ideas. They study a book on psychology that deals with the life of the soul: they find different facts, but these actually consist only of words, for the soul is, after all, known only as a collection of words. When one speaks of “will,” there is a word; we know nothing of real volition. When we speak of thinking—we know nothing of real thinking, for people think only in words these days. Nor do we know anything of feeling. The entire field of psychology today is, after all, a play on words that are jumbled together in the most varied ways: just as the stones in a kaleidoscope form different patterns, so it is with our concepts. They are jumbled together differently in our various sciences, but there is only a very small set of ideas that keep cropping up again and again, ideas that are imposed on the facts. And people do not make the effort to find the appropriate concepts for the matter at hand, to explore the appropriate ideas for the matter at hand! They simply fail to notice these things.

[ 18 ] Vor einiger Zeit hat in einer Stadt Mitteleuropas ein Kongreß radikaler Sozialisten stattgefunden. Diese radikalen Sozialisten beschäftigten sich damit, eine soziale Struktur auszudenken, wie sie Europa bekommen soll. Es ist ungefähr dieselbe soziale Struktur, wie Sie sie jetzt in einer Reihe von Artikeln im Basler «Vorwärts» lesen können. Was ist das Eigentümliche dieser sozialen Struktur? Die Leute finden sie sehr geistvoll, sie finden, daß sie gar nicht anders sein kann. Aber sie ist so geworden, wie sie geworden ist, nur aus dem Grunde, weil sie von Menschen gemacht worden ist, die eigentlich nie etwas Wirkliches mit dem Wirtschaftsleben zu tun gehabt haben, die niemals die wirklichen Quellen und Triebkräfte des Wirtschaftslebens kennengelernt haben. Sie ist von Menschen gemacht, die teilgenommen haben am politischen Leben der letzten Jahrzehnte. Wie hat man am politischen Leben der letzten Jahrzehnte teilgenommen? Nun, man war entweder Wähler oder Gewählter. Als Kandidat wurde man entweder gewählt in der elementaren Wahl oder in der Stichwahl. Man wurde, sagen wir, in der elementaren Wahl noch nicht gewählt; da hatte man aber seine riesigen Wahlgelder aufgebraucht. Man hatte Sammlungen gemacht, die Riesensumme war aufgebracht worden, damit man genügend Wähler gehabt hätte, um gewählt zu werden. Diese Summen waren ausgegeben. Man hatte fürchterlich losgezogen über seinen Parteigegner; der war ein Lump und ein Schurke und ein Betrüger, wenn nicht etwas noch Schlimmeres. Jetzt kam die Stichwahl. Bis jetzt hatte noch keine Partei eine Majorität gehabt, jetzt handelte es sich darum, irgendeinen zu wählen von denen, die die relative Majorität hatten. Da kam das andere Verfahren: Da ließ man sich ein Drittel von den ausgegebenen Wahlgeldern durch den Gegner, der bisher ein Schurke, ein Lump, ein Betrüger war, zurückzahlen! Man ließ es sich zurückzahlen, verwandelte sich plötzlich in einen Redner, der sagte: Es ist immerhin notwendig, daß der Mann gewählt wird! — Der früher ein Schurke, ein Lump, ein Betrüger wat, der mußte nunmehr gewählt werden. Nicht wahr, man hatte ja das Drittel der Wahlgelder zurückbekommen, und man verwandelte sich allmählich unter diesem Interesse, das Drittel der Wahlgelder wieder bekommen zu haben, in einen solchen, der nun für jenen eintrat. Denn einer von beiden mußte ja gewählt werden, der andere hatte keine Aussicht; es war höchstens noch das Drittel der Wahlgelder hereinzubekommen.

[ 18 ] Some time ago, a congress of radical socialists took place in a city in Central Europe. These radical socialists set out to devise a social structure for Europe. It is roughly the same social structure that you can now read about in a series of articles in the Basel-based *Vorwärts*. What is so peculiar about this social structure? People find it very ingenious; they believe it simply cannot be any other way. But it has turned out the way it has for the sole reason that it was created by people who have actually never had anything to do with real economic life, who have never come to know the true sources and driving forces of economic life. It was created by people who participated in the political life of the past decades. How did people participate in the political life of the past decades? Well, one was either a voter or an elected official. As a candidate, one was either elected in the primary election or in the runoff election. Let’s say one wasn’t elected in the primary election; by then, however, one had already spent one’s enormous campaign funds. You had organized fundraisers; that enormous sum had been raised so that you would have enough voters to get elected. Those sums had been spent. You had launched a fierce attack on your party opponent; he was a scoundrel, a villain, and a fraud—if not something even worse. Now came the runoff election. Up to this point, no party had secured a majority; now the task was to elect one of those who held a relative majority. That’s when the other tactic came into play: they had their opponent—who until then had been a scoundrel, a rascal, and a fraud—repay a third of the campaign funds they’d spent! They had it repaid, and suddenly transformed into an orator who declared: “After all, it is necessary that this man be elected!”—The one who had previously been a scoundrel, a rascal, a swindler—he now had to be elected. Isn’t that right? After all, they had gotten back a third of the campaign funds, and, driven by this interest in having recovered that third, they gradually transformed into someone who now advocated for him. For one of the two had to be elected—the other had no chance; at best, there was still the prospect of recovering that third of the campaign funds.

[ 19 ] Also, nicht wahr, man hatte an diesem politischen Leben teilgenommen; man hatte teilgenommen daran, wie hineingeredet worden ist in die politische Verwaltung. Man hatte ja gelernt, wie man von Ämtern aus dirigiert und so weiter, kurz, man hatte die ganze politische Maschinerie kennengelernt, aber keinen blauen Dunst vom Wirtschaftsleben. Das, was man nun an politischen Begriffen bekommen hat — Begriffen, die ja natürlich sehr korrumpiert worden waren, aber immerhin, sie waren politische Begriffe —, das wollte man einfach über das Wirtschaftsleben drüberstülpen. Und so würde man, wenn man das ausführte, um was es sich da handelte, ein Wirtschaftsleben bekommen mit rein politischer Struktur. Man verwechselt heute schon die Struktur des Wirtschaftslebens mit der politischen Struktur, so wenig können die Leute noch auseinanderhalten, was sich allmählich ineinandergedrängt hat, ineinandergeschoben hat. Aber es wäre heute schon notwendig, daß an vielen, vielen Orten Einsicht verbreitet würde über dasjenige, was wirklich ist. Auf das wollen die Menschen heute nicht eingehen.

[ 19 ] So, you see, one had participated in this political life; one had been involved in how political administration was shaped. One had, after all, learned how to direct things from within government offices and so on—in short, one had become familiar with the entire political machinery, but didn’t have the faintest clue about economic life. The political concepts one had acquired—concepts that had, of course, become highly corrupted, but were, after all, political concepts—one simply wanted to impose them on economic life. And so, if one were to carry this out, the result would be an economic life with a purely political structure. Even today, people confuse the structure of economic life with the political structure; they are so unable to distinguish between the two, which have gradually become intertwined and merged. But it is already necessary today for an understanding of what is really the case to be spread in many, many places. People today do not want to engage with that.

[ 20 ] Nun soll man nur ja nicht glauben, daß man unter dem Einflusse der Zivilisation, welche die äußere Wirklichkeit nicht anschaut, sondern sie mit ein paar hingepfahlten Begriffen tyrannisiert, daß man mit einer solchen Summe von Begriffen sich nähern kann jener wahren Wirklichkeit, die durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft aufgesucht werden soll. Denn durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft soll eben die wahre Wirklichkeit aufgesucht werden. Daher muß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht nach dem Muster von dem genommen werden, was man früher oftmals religiöse Bekenntnisse genannt hat.

[ 20 ] Now, one must certainly not believe that, under the influence of a civilization that does not observe external reality but instead tyrannizes it with a few rigidly fixed concepts, one can approach—with such a collection of concepts—that true reality which is to be sought through anthroposophically oriented spiritual science. For it is precisely through anthroposophically oriented spiritual science that true reality is to be sought. Therefore, anthroposophically oriented spiritual science must not be modeled after what was often called religious creeds in the past.

[ 21 ] Sehen Sie, darunter hat man geradezu ungeheuerlich gelitten bei der alten theosophischen Bewegung. Was war diese alte theosophische Bewegung anderes, als daß man eine Art Extrareligion haben wollte! Die bestand nicht in einem neuen Impuls, der aus der Zivilisation Europas selber hervorgegangen wäre, sondern die bestand nur aus Gefühlen, die man im alten religiösen Element auch’ hatte. Nur waren einem diese alten religiösen Begriffe und Ideen und Empfindungen langweilig geworden, und so hatte man sich anderem zugewendet. Aber sie wurden von derselben Atmosphäre durchströmt, von denen die alten Bekenntnisse durchströmt waren. Man wollte geradeso fromm sein, wie man evangelisch fromm gewesen ist, wenn man evangelisch war, wie man katholisch fromm gewesen ist, wenn man Katholik war; aber man wollte im Grunde genommen nicht dasjenige, was man brauchte: Einen wirklichen neuen religiösen Impuls neben anderen Impulsen -, weil sich die europäische Bevölkerung hineingewöhnt hat in das Leben durch einen fremden, durch den asiatisch-religiösen Impuls. Das ist dasjenige, worauf es ankommt. Und ehe nicht organisch ineinanderverwoben werden diejenigen Dinge, die nur unorganisch ineinandergeschoben waren, ehedem gibt es keinen Aufstieg der europäischen Zivilisation. Das muß man durchaus ernst nehmen, und das muß durchdringen dasjenige, was zu leben hat in Wissenschaft, in Ökonomie, in Religiosität und im politischen Leben.

[ 21 ] You see, people suffered tremendously because of the old Theosophical Movement. What was this old Theosophical Movement, if not a desire to have a kind of “extra” religion! It did not consist of a new impulse that had emerged from European civilization itself, but consisted solely of feelings that people had also “had” in the old religious tradition. It was just that these old religious concepts, ideas, and feelings had become boring to them, and so they had turned to something else. But they were permeated by the same atmosphere that had permeated the old creeds. People wanted to be just as devout as they had been as Protestants, if they were Protestants, or as Catholics, if they were Catholics; but deep down, they did not want what they actually needed: a truly new religious impulse alongside other impulses—because the European population had become accustomed to living through a foreign, Asian-religious impulse. That is what matters. And until those things that were merely inorganically crammed together are organically interwoven, there will be no advancement of European civilization. This must be taken very seriously, and it must permeate everything that is alive in science, in economics, in religiosity, and in political life.