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The Social Question as a
Question of Consciousness
GA 191

12 October 1919, Dornach

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The Social Question as a Question of Consciousness, tr. SOL
  1. Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage

Sechster Vortrag

Sixth Lecture

[ 1 ] Von den verschiedensten Gesichtspunkten aus habe ich in diesen Betrachtungen hier angedeutet, wie das, was sich so abspielt, daß man es gewöhnlich als Geschichte der Menschheit auffaßt, in vieler Beziehung eine Oberflächenanschauung der Dinge ist. Nun ist es zum Begreifen der Verhältnisse der Gegenwart ganz besonders nötig, sich über die Oberflächenanschauung gegenüber der neuen geschichtlichen Entwickelung der Menschheit keinen Illusionen hinzugeben. Wir dürfen durchaus nicht etwa annehmen, daß dasjenige, was gilt und was ich jetzt verzeichnen möchte als gewissermaßen die letzte Phase geschichtlicher Entwickelung, die, die in den fünften nachatlantischen Zeitraum hineinfällt, für den ganzen Verlauf der menschlichen Geschichte gilt. Das sollen wir uns nicht vorstellen. Aber für die letzte Phase gilt das, was ich nun sagen möchte.

[ 1 ] In these reflections, I have indicated from a wide variety of perspectives how what unfolds—and is usually understood as the history of humanity—is, in many respects, a superficial view of things. Now, in order to understand the circumstances of the present, it is particularly necessary not to harbor any illusions about this superficial view in the face of humanity’s new historical development. We must by no means assume that what applies—and what I would now like to describe as, in a sense, the final phase of historical development, the one that falls within the fifth post-Atlantean epoch—applies to the entire course of human history. We should not imagine that. But what I am about to say applies to this final phase.

[ 2 ] Von sozialistischer Seite aus wird ja darauf hingewiesen, daß der ganze menschliche Geschichtsverlauf seiner Realität nach eigentlich nur zu suchen wäre in den ökonomischen Vorgängen, in den Vorgängen des wirtschaftlichen Lebens, in den Klassenkämpfen, die sich aus den Vorgängen des wirtschaftlichen Lebens ergeben. Auf der Grundlage dieser ökonomischen Tatsachenwelt würde sich gewissermaßen der Überbau herausbilden, den wir sich entwickeln sehen im Recht, in der Sitte, im geistigen Leben überhaupt, also auch in der Kunst, Religion, Wissenschaft und so weiter. Für den ganzen Verlauf der menschlichen Geschichte ist das natürlich ein Unsinn, allein man muß sich fragen: Wodurch ist es zu diesem Unsinn gekommen? — Es ist dadurch zu diesem Unsinn gekommen, daß in der Tat für die gekennzeichnete letzte Phase der menschlichen Entwickelung, für unsere neueste Zeit, der Sache etwas Wahres zugrunde liegt. Wir verzeichnen unter den Ereignissen, welche diese neuere Zeit eingeleitet haben, die schon gestern genannten Umwälzungen in der Erdenentwickelung, die eingetreten sind durch die Entdeckung Amerikas, durch die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien. Aber wir bezeichnen diese neueste Phase der menschlichen Entwickelung auch dadurch, daß wir auf den großen geistigen Umschwung hinweisen, der sich im Beginne der neueren Zeit vollzogen hat und den wir die Reformation nennen.

[ 2 ] Socialists point out that, in reality, the entire course of human history can actually be found only in economic processes, in the processes of economic life, and in the class struggles that arise from these processes. On the basis of this world of economic facts, the superstructure would, so to speak, take shape—a superstructure that we see developing in law, in customs, in intellectual life in general, and thus also in art, religion, science, and so on. Of course, this is nonsense when applied to the entire course of human history, but one must ask: How did this nonsense come about? — It came about because, in fact, there is some truth underlying the described final phase of human development—our most recent era. Among the events that ushered in this modern era, we note the upheavals in the Earth’s development mentioned yesterday—those brought about by the discovery of America and the discovery of the sea route to the East Indies. But we also characterize this latest phase of human development by pointing to the great spiritual upheaval that took place at the beginning of modern times, which we call the Reformation.

[ 3 ] Heute ist es notwendig, sich über dasjenige klar zu werden, was eigentlich diese Reformation war. Und gerade wenn man eingeht auf alles dasjenige, was wir gestern schon vorbereitet haben, und was uns eine tiefere, nicht eine Oberflächenbetrachtung der Geschichte liefert, dann findet man allerdings, daß das, was scheinbar ein geistiger Übergang ist im Beginne der neueren Zeit, die Reformation, eigentlich sehr stark beruht auf etwas, das im Grunde genommen doch wirtschaftlicher Natur ist. Und aus der Einsicht in die wirtschaftliche Grundlage gerade der Reformation hat sich, indem man einseitig die Betrachtung anstellte, für den Sozialismus ergeben, daß alle geschichtliche Entwickelung eigentlich nur das Ergebnis von Klassenkämpfen und ökonomischen Tatsachen sei.

[ 3 ] Today, it is necessary to gain a clear understanding of what this Reformation actually was. And precisely when one examines everything we prepared yesterday—which provides us with a deeper, rather than a superficial, view of history—one does indeed find that what appears to be an intellectual transition at the beginning of the modern era, the Reformation, is in fact very strongly based on something that is, at its core, of an economic nature. And from an understanding of the economic foundation of the Reformation in particular—by adopting a one-sided perspective—socialism concluded that all historical development is in fact merely the result of class struggles and economic realities.

[ 4 ] Untersucht man im Lichte der Wahrheit, nicht im Lichte der Illusion, dasjenige, was geschehen ist und was durch die Reformation im Beginne der neueren geschichtlichen Entwickelung eine Metamorphose erlitten hat, so muß man sagen: Es hat allerdings eine mächtige Umschichtung der Bevölkerung stattgefunden, eine ziemlich rasch vor sich gehende Umschichtung der Bevölkerung im Beginne der neueren Zeit. Diese Umschichtung der Bevölkerung ist dadurch zustande gekommen, daß vor dem Eintritte der Reformation andere Menschen, namentlich in Westeuropa, Grund und Boden innegehabt haben als nach der Reformation. Denn die führenden Menschen, die gewissermaßen für die soziale Struktur vor der Reformation maßgebend waren, die haben ihre Herrschaft durch die Reformation verloren. Weit mehr als man denkt, war aller Grund- und Bodenbesitz vor der Reformation in umfassendstem Sinne abhängig von der Priesterherrschaft. Die Priesterherrschaft war vor der Reformation überhaupt für die ökonomischen Verhältnisse außerordentlich maßgebend. Diejenigen, die Grund und Boden besaßen, besaßen ihn zum großen Teile gewissermaßen im Auftrage und durch Überantwortung von irgendwie mit der Kirche zusammenhängenden Behörden.

[ 4 ] If one examines—in the light of truth, not in the light of illusion—what has happened and what underwent a metamorphosis as a result of the Reformation at the beginning of modern historical development, one must say: There has indeed been a powerful realignment of the population, a rather rapid realignment of the population at the beginning of the modern era. This restructuring of the population came about because, before the advent of the Reformation, different people—particularly in Western Europe—held land than did after the Reformation. For the leading figures, who were, so to speak, decisive for the social structure before the Reformation, lost their dominance as a result of the Reformation. Far more than one might think, all land ownership before the Reformation was, in the broadest sense, dependent on clerical rule. Before the Reformation, clerical rule was, in general, extraordinarily influential on economic conditions. Those who owned land possessed it, for the most part, on behalf of—and by delegation from—authorities connected in some way to the Church.

[ 5 ] Nun, wenn man vielleicht weniger idealistisch, aber dafür mehr wahr den geschichtlichen Hergang prüft, so findet man, daß fast über ganz Europa hin mit der Reformation der alte Kirchen- und Geistlichenbesitz den Inhabern entrissen und übertragen wird auf die weltlichen Herrscher. Das war in hohem Maße in England der Fall; das war auch in hohem Maße im späteren Deutschland der Fall. Im späteren Deutschland ist ja ein großer Teil der Territorialfürsten zur Reformation übergetreten. Aber es war nicht etwa überall — um mich nicht gar zu anzüglich auszudrücken — die Begeisterung für Luther oder für die anderen Reformatoren, sondern es war der Hunger nach den Kirchengütern, die Sehnsucht, die Kirchengüter zu säkularisieren. Unendliches Kirchengut des Mittelalters ging ja an die weltlichen, an die Territotialfürsten über. In England war es so, daß ein großer Teil derjenigen, die im Besitze von Grund und Boden waren, enteignet wurden, expropriiert wurden und auswanderten nach Amerika. Ein großer Teil der Einwanderer nach Amerika — wir haben . gestern von einem anderen Gesichtspunkte auf das hingewiesen, was hier zugrunde liegt — waren die expropriierten Besitzer von Grund und Boden in Europa. Also ökonomische Verhältnisse waren in hohem Grade maßgebend bei jener Metamorphose der neueren geschichtlichen Entwickelung, welche man gewöhnlich als Reformation bezeichnet. An der Oberfläche nimmt sich die Sache etwa so aus, daß man sagt, daß neuer Geist in die menschlichen Seelen einziehen müsse, daß die alte Kirchenverwaltung zu stark das weltliche Element mit dem geistigen Elemente verknüpft habe und daß man überhaupt einen geistlicheren Weg zu dem Christus finden müsse und so weiter. Etwas tiefer, etwas weniger an der Oberfläche betrachtet, findet eine ökonomische Umschichtung statt in dem Übertragen der geistlichen Güter an die weltlichen Menschen.

[ 5 ] Now, if one examines the course of history—perhaps less idealistically, but all the more accurately—one finds that, throughout almost all of Europe, the Reformation led to the old church and clerical properties being wrested from their owners and transferred to the secular rulers. This was very much the case in England; it was also very much the case in later Germany. In later Germany, a large portion of the territorial princes did indeed convert to the Reformation. But it was not everywhere—to put it mildly—a matter of enthusiasm for Luther or the other reformers; rather, it was a hunger for church property, a longing to secularize it. The vast church estates of the Middle Ages were, after all, transferred to the secular, territorial princes. In England, a large portion of those who owned land were dispossessed, expropriated, and emigrated to America. A large proportion of the immigrants to America—we pointed out yesterday, from a different perspective, what lies at the root of this—were the expropriated landowners of Europe. Thus, economic conditions were to a large extent decisive in that metamorphosis of recent historical development which is commonly referred to as the Reformation. On the surface, the matter appears roughly as follows: it is said that a new spirit must enter human souls, that the old church administration had too strongly linked the secular element with the spiritual element, and that, in general, a more spiritual path to Christ must be found, and so on. Looking a little deeper, a little less superficially, an economic realignment is taking place in the transfer of spiritual goods to secular people.

[ 6 ] Nun hängt das aber mit einer sehr weit ausgreifenden Tatsache der weltgeschichtlichen Entwickelung zusammen, und man begreift die eben angeführten Einzeltatsachen der neueren Geschichte nur, wenn man auf einen weiteren Umfang der menschlichen Entwickelung zurückblickt. Da brauchen wir nur zu derjenigen Phase menschlicher Entwickelung zurückzublicken, die wir bezeichnen als den ägyptisch-chaldäischen Zeitraum, der ja endete, wie Sie wissen, in der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts, wo dann der griechisch-lateinische Zeitraum beginnt, der bis zu der Mitte des 15. Jahrhunderts ungefähr dauert.

[ 6 ] This, however, is connected to a very far-reaching fact of world historical development, and one can only understand the specific facts of recent history just mentioned by looking back at the broader scope of human development. We need only look back to that phase of human development which we refer to as the Egyptian-Chaldean period—which, as you know, ended in the middle of the 8th century B.C., at which point the Greek-Latin period began, lasting roughly until the middle of the 15th century.

[ 7 ] Wenn wir zurückgehen in die altägyptische, altchaldäische Kultur, da haben wir als die eigentlich herrschenden Mächte etwas ganz anderes, als was später die herrschenden Mächte waren. Die Menschen geben sich heute nur sehr wenig Rechenschaft über die großen Umwälzungen, die im Laufe des geschichtlichen Werdens sich zugetragen haben. Die eigentlich herrschenden Mächte dieser alten Zeit, die ungefähr in der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts geendet hat, das waren Menschen, die man, im alten Stil der Geisteswissenschaft gesprochen, Initiierte, Eingeweihte nennen konnte. Die ägyptischen Pharaonen waren ja bis zu einem gewissen Zeitpunkte durchaus initiierte Menschen. Sie waren eingeweiht in die Geheimnisse der Kosmologie und betrachteten dasjenige, was sie auf Erden zu tun hatten, im Sinne der Kosmologie. Für den heutigen Menschen ergeben sich, wenn man so etwas ausspricht, schon gewisse Schwierigkeiten des Verständnisses, aus dem einfachen Grunde, weil der heutige Mensch aus seinem Bewußtsein heraus sich sagt: Ja, aber die Pharaonen und schließlich auch die chaldäischen sogenannten Eingeweihten haben doch manches getan, was höchst anfechtbar ist! — Nun könnte man ja allerdings einwenden, daß auch moderne, uneingeweihte Herrscher manches tun, was nicht gerade den höchsten moralischen Begriffen entsprechend ist, aber das wäre natürlich hier nur ein ungeeigneter Einwand. Man muß aber darauf hinweisen, daß es jenseits der sinnlichen Welt durchaus nicht bloß gute Götter gibt, sondern daß es auch Götter gibt, welche den Interessen der Menschen, wie man sie so gewöhnlich ansieht, durchaus zuwider handeln. So daß man durchaus nicht glauben darf, daß derjenige, der ein wirklicher Eingeweihter ist, nur aus guten Motiven heraus zu handeln braucht. Wenn man in dem Sinne, wie ich es jetzt tue, darüber spricht, daß die Pharaonen Eingeweihte sind, so muß man sich eben nur klar sein darüber, daß sie aus geistig-spirituellen Impulsen heraus handelten. In ihrem Willen lebten geistig-spirituelle Impulse. Daß das manchmal recht schlechte sein konnten, das wird derjenige nicht bestreiten, der in unserem Sinne kennengelernt hat dasjenige, was da alles an göttlich-geistigen Mächten, Mächten übersinnlicher Natur hinter der sinnlichen Welt lag. Aber der eigentliche Eingeweihte, der in seinen Willen, nicht bloß in sein Bewußtsein, aufnehmen konnte dasjenige, was göttlich-geistige Mächte gaben, der war der eigentlich Herrschende bis in die Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts. Dann begann die Zeit, von der man sagen kann, wenn man sie entkleidet all der verschiedenen Illusionen, die unsere landläufige Geschichte durchtränken, daß der eigentlich Herrschende der Priester war. Die weltlichen Herrscher waren mehr oder weniger, selbst wenn sie Karl der Große waren, abhängig von der Priesterschaft. Viel mehr als man glaubt, war auch noch im Mittelalter der europäischen Zivilisation die Priesterherrschaft das eigentlich Maßgebende. Sie steckte überall drinnen, sie machte sich in allem geltend, und sie war vor allen Dingen dasjenige Element, das auch maßgebend war für die soziale Struktur. Und die Menschen, die Grund und Boden besaßen, hatten sie eigentlich in hohem Maße überantwortet erhalten von der Priesterschaft. Was Soldatentum in alten Zeiten vor der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts war, war Soldatentum im Dienste der Eingeweihten. Was Soldatentum wurde in dem 4. nachatlantischen Zeitraum, in dem griechisch-lateinischen Zeitraum, von der Mitte des 8. vorchristlichen bis in die Mitte des 15. nachchristlichen Jahrhunderts, das war Söldner der Priesterherrschaft. Und im Grunde genommen waren auch solche Unternehmungen wie die Kreuzzüge im wesentlichen militärische Unternehmungen im Auftrage, wenn ich so sprechen darf, der Priesterherrschaft. In irgendeiner Weise hing das, was getan wurde, mit der Priesterherrschaft zusammen.

[ 7 ] If we go back to ancient Egyptian and ancient Chaldean cultures, we find that the actual ruling powers there were quite different from what the ruling powers later became. People today give very little thought to the great upheavals that have taken place in the course of historical development. The true ruling powers of that ancient era—which came to an end around the middle of the 8th century B.C.—were people who, in the old terminology of spiritual science, could be called “initiates.” The Egyptian pharaohs were, after all, thoroughly initiated individuals up to a certain point. They were initiated into the mysteries of cosmology and viewed what they had to do on Earth in the light of cosmology. For people today, when such things are spoken of, certain difficulties of understanding arise, for the simple reason that modern people say to themselves from within their own consciousness: “Yes, but the pharaohs—and ultimately also the so-called Chaldean initiates—did many things that are highly questionable!”—Now, one could certainly object that even modern, uninitiated rulers do many things that do not exactly correspond to the highest moral standards, but that would, of course, be an inappropriate objection here. However, it must be pointed out that beyond the sensory world there are by no means only good gods, but that there are also gods who act in a manner that is entirely contrary to the interests of human beings, as these are usually understood. Thus, one must by no means believe that a true initiate needs to act solely out of good motives. When one speaks, as I am doing now, of the pharaohs as initiates, one must simply be clear that they acted out of spiritual impulses. Spiritual impulses lived within their will. That these could sometimes be quite bad is something that no one who, in our sense, has come to know all that lay behind the sensory world in terms of divine-spiritual powers—powers of a supersensible nature—will dispute. But the true initiate—the one who could take into his will, and not merely into his consciousness, what the divine-spiritual powers bestowed—was the true ruler right up until the middle of the 8th century B.C. Then began the era of which one can say—if one strips it of all the various illusions that permeate our conventional history—that the true ruler was the priest. The secular rulers were, to a greater or lesser extent—even if they were Charlemagne—dependent on the priesthood. Much more than is commonly believed, priestly rule remained the truly decisive factor in European civilization even during the Middle Ages. It permeated everything, asserted itself in all things, and, above all, was the element that determined the social structure. And the people who owned land had, in fact, received it to a large extent as a trust from the priesthood. What soldiering was in ancient times before the middle of the 8th century B.C. was soldiering in the service of the initiated. What soldiering became during the 4th post-Atlantean epoch—the Greco-Latin epoch, from the middle of the 8th century B.C. to the middle of the 15th century A.D.—was that of mercenaries serving the priestly rule. And essentially, even undertakings such as the Crusades were, in essence, military campaigns carried out on behalf of—if I may put it that way—the priestly rule. In one way or another, what was done was connected to the priestly rule.

[ 8 ] Wir dürfen also sagen: Der Initiiertentypus war der herrschende in der ägyptisch-chaldäischen Zeit, der Priestertypus war der herrschende von der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts. Von dieser Zeit an wurde herrschend für das eigentliche geschichtliche Werden der ökonomische Typus Mensch. Auf die Namen kommt es schließlich nicht an. Je weiter man in der Geschichte der Menschen vorrückt, desto weniger kommt es auf Namen an. Aber dasjenige, was eine gewisse Grundlage des Herrschens gab, das war die Möglichkeit, ins Ökonomische sich hineinzumischen. Wie es beim Priester, beim Eingeweihten des Altertums das Wesentliche war, daß sich diese betreffenden herrschenden Typen von Menschen in die ökonomischen Verhältnisse mischen konnten — sie taten es aber von höheren Gesichtspunkten aus —, so konnte sich der ökonomische Typus Mensch in der neueren Zeit im Grunde genommen in alles, was soziale Struktur ist, hineinmischen.

[ 8 ] We may therefore say: The initiate type was dominant during the Egyptian-Chaldean period, while the priestly type was dominant from the middle of the 8th century B.C. through the middle of the 15th century. From that time on, the economic type of human being became dominant in the actual course of historical development. Ultimately, names do not matter. The further one advances in human history, the less names matter. But what provided a certain foundation for dominance was the ability to intervene in economic affairs. Just as it was essential for the priest and the initiate of antiquity that these particular ruling types of people could intervene in economic conditions—though they did so from a higher perspective—so, in more recent times, the economic type of human being has, in essence, been able to intervene in everything that constitutes social structure.

[ 9 ] Das ist aber noch mit etwas anderem verbunden. Für den initiierten Herrschertypus habe ich es Ihnen schon angedeutet. Der initiierte Herrschertypus arbeitet durch seinen Willen, indem er in diesen Willen aufnimmt die spirituellen Antriebe der höheren Welten. Beim Priestertypus ist das nicht mehr so. Der Priestertypus realisiert im Grunde genommen nicht spirituelles Leben; der Priestertypus realisiert intellektuelles Leben. Daher ist auch in derjenigen Zivilisation, wo der Priestertypus der vorherrschende ist, in der europäischen Zivilisation das Intellektuelle das Vorherrschende, Wesentliche.

[ 9 ] But this is also connected to something else. I have already hinted at this to you in relation to the initiated ruler type. The initiated ruler type acts through his will, incorporating into that will the spiritual impulses of the higher worlds. With the priest type, this is no longer the case. The priestly type, in essence, does not live a spiritual life; the priestly type lives an intellectual life. That is why, in a civilization where the priestly type predominates—in European civilization—the intellectual is the dominant, essential element.

[ 10 ] In Asien, im Orient, ist nicht das Intellektuelle, sondern das spirituelle Leben das Wesentliche. Denn auch dasjenige, was dort heute noch Zivilisation ist, ist stark in die Dekadenz gekommen, aber immerhin, es ist der Überrest desjenigen, was einstmals Inititertenkultur war, was spirituelle Kultur war. Als nach Europa übertragen wurde der religiöse Impuls des Orients, ging er über in die intellektualistische Betrachtung des Priestertums. Aus der Einweihung in die wirklichen Tatsachen, in die geistige Welt, wurde die intellektuelle Verarbeitung der Tatsachen der geistigen Welt die Theologie. Die Theologie ist intellektualistische Verarbeitung der Tatsachen der geistigen Welt. Aber dieser Priestertypus, der intellektualistisch verarbeitete die Tatsachen der geistigen Welt und sie in intellektueller Form verkündete, so daß die Menschen eigentlich nur ein intellektualistisches religiöses Element bekamen, der wurde auch abgelöst in seiner eigentlichen Bedeutung im Beginne der neueren Zeit durch den ökonomischen Typus Mensch. Man kann in einzelnen Erscheinungen geradezu nachweisen, wie dieser ökonomische Typus Mensch heraufkommt. Davon wollen wir gleich noch sprechen.

[ 10 ] In Asia, in the Orient, it is not intellectual life but spiritual life that is essential. For even what is still considered civilization there today has fallen into a state of decadence; yet, at the very least, it is the remnant of what was once an initiated culture—a spiritual culture. When the religious impulse of the Orient was transmitted to Europe, it gave way to an intellectualistic approach on the part of the priesthood. The initiation into the true realities of the spiritual world gave way to the intellectual processing of the realities of the spiritual world—theology. Theology is the intellectual processing of the realities of the spiritual world. But this type of priest—who intellectually processed the realities of the spiritual world and proclaimed them in intellectual form, so that people actually received only an intellectual religious element—was also superseded in its true significance at the beginning of the modern era by the economic type of human being. One can actually trace, in specific phenomena, how this economic type of human being is emerging. We will speak more about this shortly.

[ 11 ] Nun muß man sich aber natürlich zunächst fragen: Wie kommt es denn, daß solche beträchtlichen Umwandlungen im Laufe der geschichtlichen Entwickelung sich abspielen? Da liegt etwas zugrunde, was wiederum notwendig macht, daß man nicht bei Oberflächenbetrachtungen des geschichtlichen Lebens stehenbleibt, sondern tiefer dringt. Wenn man heute sich ein wenig ergeht in dem, was man Geschichte nennt, dann stellt sich heraus, daß die Geschichtsschreiber eigentlich annehmen, daß in der seelischen Entwickelung des Menschen im Grunde eine große Veränderung im Laufe der Geschichte gar nicht vorgegangen sei. Die materialistischen Denker meinen: Da ist einmal auf der Erde herumgewandelt der Affe, so ein affenartiges Wesen; dann ist aus diesem affenartigen Wesen durch allerlei Vorgänge, wenn auch recht langsam — aber mit Langsamkeit macht es ja die Wissenschaft heute —, hervorgegangen der Mensch. Sobald einmal der Mensch da war, hat er sich in bezug auf seine Bewußtseinszustände, in bezug auf seine Seelenverfassung nicht besonders geändert. Der heutige Mensch stellt sich den alten Ägypter vielleicht etwas kindlicher vor, weil der noch nicht so «gescheit» war, noch nicht so viel gewußt hat wie der heutige Mensch; aber im allgemeinen stellt sich der heutige Mensch beim alten Ägypter die Seelenverfassung schon so vor, wie bei sich selber. Dennoch, wenn wir zurückgehen in die Zeit, die vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert liegt, so ist diese Seelenverfassung des Menschen eine ganz, ganz andere, als sie auch später, nach der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts war.

[ 11 ] But of course, one must first ask: How is it that such significant transformations take place in the course of historical development? There is something underlying this that, in turn, makes it necessary not to stop at superficial observations of historical life, but to delve deeper. If one delves a little into what is called history today, it becomes apparent that historians actually assume that, in the spiritual development of humankind, no major change has really taken place over the course of history. Materialist thinkers believe: First, an ape—or an ape-like being—roamed the Earth; then, through all sorts of processes, albeit quite slowly—but slowness is, after all, the hallmark of modern science—this ape-like being evolved into a human being. Once the human being came into existence, he did not change significantly in terms of his states of consciousness or his spiritual constitution. Modern people perhaps imagine the ancient Egyptians as somewhat more childlike, because they were not yet as “clever,” did not yet know as much as modern people do; but in general, modern people imagine the mental state of the ancient Egyptians to be much the same as their own. Nevertheless, if we go back to the time before the 8th century B.C., this state of mind was quite, quite different from what it was later, after the middle of the 8th century B.C.

[ 12 ] Wenn man die Seelenkonfiguration des heutigen Menschen nimmt und nur diese kennt, so kann man sich eigentlich gar keine Vorstellung machen, was in der Seele eines solchen Menschen lebte, der vor dem 8. vorchristlichen Jahrhundert gelebt hat. Diese Menschen waren so, daß sie noch einen lebendigen Zusammenhang hatten mit ihrer vorhergehenden Inkarnation. Wenn sie nicht gerade zu den hebräischen Sprachstämmen gehörten — da war es etwas anders —, aber wenn sie zu dem weiten Kreise der sogenannten heidnischen Völker gehörten, so war es so, daß dasjenige, was sie in ihrer Seele erlebten, durchaus für sie das Ergebnis war vorhergehender Inkarnationen, vorhergehender Erdenleben, und daß ihnen deutlich bewußt war, daß, was sie in ihrer Seele erlebten, das spirituelle Erlebnis geistiger Welten war. Für solche Menschen war kein Zweifel darüber, daß der größte Teil dessen, was sie waren, nicht vererbt war von Vater und Mutter, sondern heruntergestiegen war aus geistigen Welten und sich mit dem vereinigt hatte, was von Vater und Mutter stammte. Es war eine durchaus auf spiritueller Kultur berubende Seelenverfassung in diesen Menschen. Daher konnte auch das, was bei ihnen soziales Leben war, dirigiert und orientiert werden von denjenigen, die Initiierte waren, die in gewissem Grade in die geistigen Tatsachen real, nicht intellektualistisch, nicht durch Gedanken eingeweiht waren. Man sprach dazumal zu dem Menschen, wenn man von spirituellen Tatsachen sprach, als von etwas, was ihm durchaus bekannt war. Eigentlich stellten alle Menschen sich als Kentauren vor. Das, was ihr physischer Leib war, das stellten sie sich vor, sei ja allerdings aus fleischlicher Vererbung entstanden; aber da hatte sich darüber gestülpt dasjenige, was heruntergestiegen war aus der geistigen Welt. Das wußte jeder; jeder stellte sich als eine Art Kentaur vor.

[ 12 ] If one takes the soul configuration of people today and knows only that, one cannot really imagine what lived in the soul of a person who lived before the 8th century B.C. These people were such that they still had a living connection to their previous incarnation. Unless they belonged to the Hebrew-speaking tribes—in which case it was somewhat different— but if they belonged to the broad circle of the so-called pagan peoples, what they experienced in their souls was indeed the result of previous incarnations, previous earthly lives, and they were clearly aware that what they experienced in their souls was a spiritual experience of the spiritual worlds. For such people, there was no doubt that the greatest part of who they were had not been inherited from their father and mother, but had descended from spiritual worlds and had united with what came from their father and mother. These people possessed a state of soul that was entirely grounded in spiritual culture. Consequently, their social life could also be guided and directed by those who were initiates—people who, to a certain degree, had been initiated into spiritual realities in a genuine, non-intellectual way, not merely through abstract thought. In those days, when people spoke of spiritual realities, they addressed others as if these were things with which they were thoroughly familiar. In fact, all people imagined themselves as centaurs. They imagined that their physical body had indeed arisen from physical heredity; but overlaid upon it was that which had descended from the spiritual world. Everyone knew this; everyone imagined themselves as a kind of centaur.

[ 13 ] Dann kam die Zeit, die da beginnt mit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert, ungefähr mit der Begründung Roms. In dieser Zeit ging verloren — wir haben dieselbe Tatsache von anderen Gesichtspunkten aus ja schon betrachtet — der realspirituelle Zusammenhang. Aber es blieb noch immer für die Intelligenz des Menschen ein gewisser spiritueller Zusammenhang mit den geistigen Welten. Nicht mehr als eigentlicher Kentaur stellte sich der Mensch vor, nicht mehr so, daß wirklich eine spirituelle obere Wesenheit sich niedergesenkt hatte auf das, was durch die Blutsvererbung gekommen war; aber der Mensch hatte ein deutliches Bewußtsein, daß seine Intelligenz, seine Gedankenwelt, nicht an seinem Blute hing, nicht an seiner physischen Leiblichkeit hing, sondern daß sie geistigen Ursprungs war.

[ 13 ] Then came the period that begins with the 8th century B.C., roughly coinciding with the founding of Rome. During this time, the genuine spiritual connection was lost—we have, in fact, already considered this same fact from other perspectives. But a certain spiritual connection to the spiritual worlds still remained for human intelligence. Human beings no longer imagined themselves as actual centaurs, no longer in the sense that a higher spiritual being had actually descended into what had come through heredity; but human beings had a clear awareness that their intelligence, their world of thought, was not bound to their blood, was not bound to their physical body, but that it was of spiritual origin.

[ 14 ] Man versteht den großen Philosophen Arzstoteles schlecht, wenn man nicht weiß, daß Aristoteles, indem er den höchsten Teil der me schlichen Seele Dianoetikon nannte, sich klar bewußt ist: dieser höchste Teil der menschlichen Seele, der ein intellektueller ist, der ist heruntergeträufelt aus geistig-seelischen Welten. Das wußte Aristoteles genau. Ja, das wußten die Menschen auch noch in den ersten Zeiten des Christentums genau. Dieses Bewußtsein, daß die menschliche Intelligenz göttlichen, geistigen Ursprungs ist, ging erst im 4. nachchristlichen Jahrhundert verloren. Im 4. nachchristlichen Jahrhundert fingen die Menschen eigentlich erst an, nicht mehr zu glauben, daß das, was sie als Gedankenkraft in sich haben, von oben, aus den geistig-seelischen Welten bei ihrer Geburt auf sie herunterträufelt. Im Inneren der Seele der Menschen war da ein großer Umschwung. Wenn wir in das 1., 2., 3. christliche Jahrhundert zurücksehen, so finden wir durchaus die Menschen so, daß sie sich sagten: Gewiß, ich bin von Vater und Mutter geboren, aber so, wie ich weiß und es nicht bloß ergrübelt habe, daß mein Auge ein Licht sieht, so weiß ich, daß meine Intelligenz von den Göttern kommt. — Das war ein unmittelbares Bewußtsein, das die Menschen hatten, wie das Bewußtsein, das von einer Wahrnehmung herrührt. Erst seit dem 4. Jahrhundert hatte man immer mehr und mehr das Gefühl: Da oben, in diesem knöchernen Hohlraum — denn ein Hohlraum ist es ja, wie ich Ihnen in verschiedenen Betrachtungen auseinandergesetzt habe —, da sind die Organe für die Intelligenz, und diese Intelligenz hat etwas zu tun mit der Vererbung, mit der Blutsverwandtschaft. Nur in diesem Zeitalter, in dem dieser Übergang sich vollzog von dem Glauben an die Göttlichkeit der Intelligenz zu der Vererbung der Intelligenz auf physischem Wege, konnte sich das vollziehen, was man nennen möchte Intellektualisierung des religiösen Impulses durch die Priesterherrschaft. Und als die Intellektualisierung sehr weit fortgeschritten war und man über die Intelligenz nur die Anschauung hatte, daß sie an der menschlichen Leiblichkeit haftet, da war es auch aus mit der Priesterherrschaft. Die Priesterherrschaft konnte nur so lange bestehen, als man die alten Traditionen von der Göttlichkeit der Intelligenz dem Menschen klarmachen konnte. Der ökonomische Typus Mensch kam in dem weltgeschichtlichen Augenblicke herauf, als der Glaube geschwunden war an die Göttlichkeit der Intelligenz, als der Mensch immer mehr und mehr gefühlsmäßig überging zu dem Glauben, der physische Mensch sei im wesentlichen der Träger, das Organ für die Gedankenentwickelung.

[ 14 ] It is difficult to understand the great philosopher Aristotle if one does not know that, in calling the highest part of the human soul the “Dianoetikon,” Aristotle was clearly aware that this highest part of the human soul—which is an intellectual one—has trickled down from spiritual-soul worlds. Aristotle knew this very well. Yes, people knew this very well even in the early days of Christianity. This awareness—that human intelligence is of divine, spiritual origin—was not lost until the 4th century A.D. It was not until the 4th century A.D. that people actually began to stop believing that the power of thought they possess within themselves trickles down from above—from the spiritual-soul worlds—at the moment of their birth. A great shift took place within the human soul. If we look back to the 1st, 2nd, and 3rd centuries A.D., we find that people indeed said to themselves: “Certainly, I was born of a father and mother, but just as I know—and have not merely pondered—that my eye sees light, so I know that my intelligence comes from the gods.” — This was a direct awareness that people possessed, like the awareness that arises from a perception. It was not until the 4th century that people increasingly came to feel: Up there, in that bony cavity—for it is indeed a cavity, as I have explained to you in various reflections—there lie the organs of intelligence, and this intelligence has something to do with heredity, with blood kinship. Only in this era, in which this transition took place from the belief in the divinity of intelligence to the physical inheritance of intelligence, could what might be called the intellectualization of the religious impulse through the priestly rule come to pass. And once intellectualization had progressed far enough, and the only view one held of intelligence was that it is bound to human physicality, the priestly rule came to an end. The priestly rule could only endure as long as people could be made to understand the old traditions regarding the divinity of intelligence. The economic type of human being emerged at that moment in world history when faith in the divinity of intelligence had faded, when people increasingly came to believe, on an emotional level, that the physical human being was essentially the bearer, the organ for the development of thought.

[ 15 ] Man muß nur wissen, wie die Priesterherrschaft immer kämpfte, ja bis heute noch kämpft. Wer zum Beispiel die katholisch-theologische Literatur kennt, der weiß, wie die Priesterherrschaft heute immer noch mit allen möglichen philosophischen Beweggründen kämpft dafür, daß die Intelligenz, die im Menschen sitzt, etwas ist, was hinzukommt zum Menschen. Lesen Sie etwas Beliebiges, was Sie gerade auffangen können aus der katholisch-theologischen Literatur, so werden Sie finden, wie das ja nicht mehr geleugnet wird, was für den gegenwärtigen Menschen sich gar nicht mehr wird verleugnen lassen: daß die übrigen Verrichtungen an dem menschlichen Leiblichen haften. Man will aber retten dasjenige, was die Intelligenz ist, als etwas Göttlich-Geistiges, das nichts zu tun hat mit dem Menschlich-Leiblichen. Für das allgemeine Menschheitsbewußtsein ist es aber nicht so. Für das allgemeine Menschheitsbewußtsein ist es so, daß immer mehr und mehr das Gefühl, die Empfindung entstanden ist: Der Leib ist dasjenige, was einen auch befähigt zu denken, was die Grundlage ist auch der Intelligenz. Und so ist immer mehr und mehr der Mensch zu dem Bewußtsein gekommen, daß er eigentlich nur ein physisches Wesen sei. Und nur unter dem Einfluß einer solchen Geistigkeit, die davon ausgeht, daß man nur ein physisches Wesen sei, konnte der ökonomische Typus Mensch an die Oberfläche dringen.

[ 15 ] One need only know how the priestly establishment has always fought—and indeed continues to fight to this day. Anyone familiar with Catholic theological literature, for example, knows how the priestly hierarchy still fights today—using all manner of philosophical justifications—to assert that the intellect, which resides within human beings, is something that is added to the human being. Read any random text you can get your hands on from Catholic theological literature, and you will find that this is no longer denied—something that modern people can no longer deny at all: that the other functions are bound up with the human physical body. But they want to preserve intelligence as something divine and spiritual that has nothing to do with the human and physical. For the general human consciousness, however, this is not the case. For the general human consciousness, the feeling and sense have arisen more and more that: The body is what enables one to think; it is also the foundation of intelligence. And so, more and more, human beings have come to the realization that they are, in fact, merely physical beings. And it was only under the influence of such a spiritual outlook—one based on the assumption that one is merely a physical being—that the economic type of human being could come to the fore.

[ 16 ] Es hat also schon tiefere geistige Gründe, daß der ökonomische Typus Mensch an die Oberfläche gekommen ist. Aber er ist eben an die Oberfläche gekommen, und das wurde einseitig in sozialistischen Theorien dann ausgedeutet und ausgebeutet. Aber herrschend ist seit der Reformation der ökonomische Typus Mensch. Daher sehen Sie auch, welcher Geist in den Glaubensbekenntnissen, die seit der Reformation heraufgekommen sind, eigentlich herrscht. Machen Sie ihn sich nur unbefangen klar, diesen Geist: Auf der einen Seite die weltliche Wissenschaft, die durch ihre Technik eindringen soll in das äußere Leben des Alltags, die durchaus nicht abhängig sein will von dem Glauben: Man störe ja nicht die Kreise dieser äußeren Wissenschaft durch allerlei religiöse Dinge. Der Glaube, der soll hübsch in einem Extrakästchen bewahrt bleiben, möglichst fern den äußeren Tatsachen des Lebens! Wissenschaft: eine Sache für sich, Extrakassenbuch; Glaube: eine Sache für sich, Extrakassenbuch. Ja nicht die beiden miteinander verquicken! Wir wollen den Glauben, wir wollen sogar fromme Leute sein — so sagt der ökonomische Typus Mensch — je frömmer, desto besser. — Man sieht ihn des Sonntags möglichst sichtbar mit dem Gebetbuch nach der Kirche wandeln, gewiß; aber in das Kassenbuch, da darf die Religion nicht hineinspielen, da hat sie nichts zu tun, höchstens daß auf der ersten Seite «Mit Gott» steht, aber das ist ja nur eine Gotteslästerung, nicht wahr! — Man störe uns nicht unsere Kreise! Man könnte sonst darauf kommen, daß die Reformation eigentlich in vieler Beziehung nur ein Umweg war, die Kirchengüter zu säkularisieren und zu konfiszieren und für die weltlichen Herrscher in Anspruch zu nehmen. Ein deutscher Territorialfürst oder ein englischer Lord konnte doch nicht sagen: Wir machen eine neue weltgeschichtliche Epoche dadurch, daß wir denjenigen, die früher Grund und Boden besessen haben, den Grund und Boden abnehmen! Das sagen die modernen Sozialisten: Wir expropriieren die Besitzer von Grund und Boden! — Aber das sagten die Menschen am Beginne der modernen Zeit nicht. Die taten das und schoben über das ganze den Nebel: Wir begründen ein neues religiöses Bekenntnis. Die Menschen wissen dann nicht, warum sie eigentlich fromm sind. Aber das tut ihnen gut, diese Illusion, die sie ausbreiten über die eigentlichen Gründe dessen, warum sie eigentlich fromm sind. So ist der ökonomische Typus Mensch heraufgekommen.

[ 16 ] There are, therefore, deeper spiritual reasons why the economic type of human being has come to the fore. But it has indeed come to the fore, and this was then interpreted and exploited in a one-sided manner in socialist theories. Yet the economic type of human being has been dominant since the Reformation. That is why you can also see what spirit actually prevails in the creeds that have emerged since the Reformation. Just take an unbiased look at this spirit: On the one hand, there is secular science, which, through its technology, is meant to penetrate the external life of everyday existence and which does not want to be dependent on faith at all—after all, one must not disturb the spheres of this external science with all sorts of religious matters. Faith, on the other hand, is to be neatly kept in a separate box, as far removed as possible from the external realities of life! Science: a thing unto itself, a separate ledger; faith: a thing unto itself, a separate ledger. By no means should the two be mixed together! We want faith; we even want to be pious people—so says the economic type of person—the more pious, the better. - On Sundays, you see him walking to church as conspicuously as possible with his prayer book, certainly; but in the ledger, religion must not come into play—it has no business there, except perhaps that the first page says “With God,” but that’s just blasphemy, isn’t it! -— Don’t disturb our circles! Otherwise, one might come to realize that the Reformation was, in many respects, merely a detour to secularize and confiscate church property and claim it for the secular rulers. A German territorial prince or an English lord could not very well say: “We are ushering in a new epoch in world history by taking land away from those who previously owned it!” That is what modern socialists say: “We are expropriating the landowners!” — But people at the dawn of the modern era did not say that. They did that and shrouded the whole thing in a fog: “We are establishing a new religious creed.” People then do not know why they are actually devout. But this illusion—which they spread over the actual reasons why they are devout—does them good. This is how the economic type of human being has emerged.

[ 17 ] Sehen Sie, das Bewußtsein, ein Geistiges in sich zu erleben, das ist allmählich verlorengegangen. Das ist der tiefere geistige Grund der Sache. Gehen wir weiter zurück, vor den dritten nachatlantischen Zeitraum, der also in der Mitte des 8. vorchristlichen Jahrhunderts schließt und im 3., 4. Jahrtausend beginnt, so kommen wir noch zu einer ganz anderen Struktur. So paradox es den heutigen Menschen erscheint, im 4. Jahrtausend oder gar im 5. Jahrtausend gab es keinen Erdenmenschen, der glaubte, das sei das Wesentliche, was an ihm von Vater und Mutter abstammt. Damals glaubten die Menschen durchaus noch, daß sie in bezug auf ihr Wesentliches vom Himmel heruntergestiegen seien, wenn ich mich so ausdrücken darf. Das war fester Glaube der Menschen. Sie sahen sich nicht als irdischen Ursprungs an, sie sahen sich als geistigen, als spirituellen Ursprungs an. Und die Juden verzeichnen denjenigen Zeitraum, wo die Menschen angefangen haben, sich als physische Menschen zu fühlen, als Menschen im Fleische zu fühlen, als den Sündenfall, als den Beginn, wo den Menschen die Erbsünde ergriffen hat. Aber eigentlich hat diese Erbsünde den Menschen mehrmals ergriffen. Zunächst hat sie ihn ergriffen im Beginne des dritten nachatlantischen Zeitraumes, als er einen Teil von sich auf Vater und Mutter, auf das Blut zurückgeführt hat und nur geglaubt hat, ein Spirituelles stülpe sich über ihn drüber. Das zweite Mal hat sie ihn ergriffen, als er begonnen hat, das Intellektuelle nurmehr als Erbliches anzusehen. Das war ungefähr im 4. nachchristlichen Jahrhundert, der zweite Sündenfall, denn von da an wurde die Intellektualität als etwas Erbliches angesehen, als etwas mit der Leiblichkeit Verknüpftes. Und in der Zukunft kommen noch andere Sündenfälle.

[ 17 ] You see, the awareness of experiencing something spiritual within oneself has gradually been lost. That is the deeper spiritual reason behind it. If we go back even further, to before the third post-Atlantean epoch—which thus ends in the middle of the 8th century B.C. and begins in the 3rd or 4th millennium—we encounter an entirely different structure. As paradoxical as it may seem to people today, in the 4th millennium—or even the 5th millennium—there was no human being on Earth who believed that what was essential about them came from their father and mother. Back then, people still firmly believed that, in terms of their essential nature, they had descended from heaven, if I may put it that way. That was the firm belief of people. They did not see themselves as being of earthly origin; they saw themselves as being of a spiritual origin. And the Jews record the period when people began to feel themselves as physical beings, as human beings in the flesh, as the Fall, as the beginning when original sin took hold of humanity. But in reality, this original sin has overtaken humanity on several occasions. It first overtook them at the beginning of the third post-Atlantean epoch, when they attributed part of themselves to their father and mother, to their blood, and merely believed that a spiritual essence was superimposed upon them. The second time it took hold of them was when they began to regard the intellectual as merely hereditary. That was around the 4th century A.D.—the second Fall—for from then on, intellectuality was regarded as something hereditary, as something linked to physicality. And in the future, there will be other Falls.

[ 18 ] Uns obliegt es in der Gegenwart, in anderer Weise wiederum zur Spiritualität zurückzukehren. Dazu müssen wir die Möglichkeit haben, zuerst zu einer spirituellen Intellektualität zurückzugelangen. Wir müssen die Möglichkeit haben, mit dem Erdenleben einen solchen Sinn zu verbinden, daß sich in diesem Sinne selber wiederum ein Spirituelles enthüllt. Wenn wir zum Beispiel die Dinge nehmen, die in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» stehen, so kann man nicht sagen, daß die Intellektualität, mit der das aufgefaßt wird, leiblichen Ursprungs ist, denn man kommt nicht durch den Leibesverstand auf dasjenige, was da über den Kosmos und über den Menschen gesagt wird. Das ist wiederum die Zurückerziehung des Menschen zur Auffassung von der Intellektualität, die spirituell ist. Dazu muß die gegenwärtige Menschheit sich bequemen: zunächst die Intellektualität selber wiederum als etwas Göttlich-Geistiges ansehen zu können. Dann wird der Rückweg zur Spiritualität überhaupt eingeschlagen werden können. Das ist eine Aufgabe, die bewußt von der Menschheit ergriffen werden muß: wiederum zur Spiritualität zurückzukehren, zunächst zu einer Spiritualisierung der Intelligenz. Die Menschen müssen lernen, wiederum so zu denken, daß dieses Denken durchdrungen ist von Spiritualität. Man kann den Anfang am besten dadurch machen, daß man auf das Ethische sieht und das Ethische zurückführt auf die moralische Phantasie, auf die moralischen Intuitionen, wie ich es in meiner «Philosophie der Freiheit» getan habe. Wenn man in dem Moralischen etwas sieht, was — wie ich in der «Philosophie der Freiheit» es ausgedrückt habe — seine Impulse unmittelbar aus der geistigen Welt heraus nimmt, dann ist das der Anfang dazu, den Intellekt zu spiritualisieren. Ich habe das behutsam und leise zuerst getan in meiner «Philosophie der Freiheit», weil ja dem 19. Jahrhundert wahrhaftig in bezug auf die Spiritualisierung nicht viel zuzumuten war. Aber es ist dieses der Weg, der eingeschlagen werden muß.

[ 18 ] It is our task in the present to return to spirituality in a different way. To do this, we must first be able to return to a spiritual intellectuality. We must be able to connect such meaning to earthly life that, within this meaning itself, something spiritual is once again revealed. If we take, for example, the ideas presented in my *Outline of Esoteric Science*, one cannot say that the intellectuality with which they are grasped is of physical origin, for one cannot arrive at what is said there about the cosmos and about the human being through the physical intellect. This, in turn, is the re-education of humanity toward a conception of intellectuality that is spiritual. To this end, present-day humanity must be willing, first of all, to regard intellectuality itself once again as something divine and spiritual. Only then will it be possible to embark on the path back to spirituality at all. This is a task that humanity must consciously undertake: to return once more to spirituality, beginning with a spiritualization of the intellect. People must learn to think once again in such a way that this thinking is permeated by spirituality. The best way to begin is by focusing on the ethical and tracing the ethical back to moral imagination and moral intuitions, as I did in my *Philosophy of Freedom*. If one sees in morality something that—as I expressed it in *The Philosophy of Freedom*—derives its impulses directly from the spiritual world, then that is the beginning of spiritualizing the intellect. I did this cautiously and gently at first in my *Philosophy of Freedom*, because, after all, one could not really expect much from the 19th century in terms of spiritualization. But this is the path that must be taken.

[ 19 ] Der ökonomische Typus Mensch, der mit der Reformation heraufgekommen ist, der sah eigentlich seine Aufgabe darin, alle Intellektualität zu einer bloßen Leibessache zu machen. Dieser ökonomische Typus Mensch, der riß sich eigentlich in der Zeit der Reformation rasch los von der spirituellen Grundlage des Menschenwesens auf Erden. Man kann das geradezu an einzelnen Beispielen zeigen. Im Beginne und in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebte in England ein Mann, Thomas Cromwell — zum Unterschiede von Oliver Cromwell —, Thomas Cromwell, der eine große Bedeutung hat für die Einführung des reformatorischen Prinzips in England. Jakob I. war ja diejenige Persönlichkeit, die noch retten wollte die alte Priesterherrschaft, und man versteht Jakob I. am besten, wenn man ihn als den Konservator, als den, der konservieren wollte die alte Priesterherrschaft, auffaßt. Aber diese Pläne wurden ja durchkreuzt von anderen. Und unter denjenigen, die da heraufkamen, die sozusagen die ersten Typen waren des ökonomischen Menschen, ist Thomas Cromwell. Thomas Cromwell kann nun nur verstanden werden, wenn man weiß: er gehört zu denjenigen Menschen, welche nach sehr kurzem Leben zwischen Tod und neuer Geburt wiederum auf der Erde hier verkörpert werden. Die Menschen sind gerade unter den Herrschertypen, die da heraufkommen in der neueren Zeit, außerordentlich häufig, die vor ihrem jetzigen Erdenleben nur ein kurzes Leben in der geistigen Welt gehabt haben. Sie wissen ja, ich habe oftmals hier davon gesprochen, daß eine der bedeutsamsten Erscheinungen in der neueren Geschichte die ist, daß für die Herrschertypen die Auslese der Schlechtesten nach oben sich vollzogen hat. Durch Jahre hindurch habe ich Ihnen das immer wieder bei verschiedenen Anlässen gesagt. Diejenigen, die eigentlich die Herrschenden, die Regierenden sind, sind eine Auslese nicht der Besten; die Zeiten bringen es so mit sich, daß die Besten gerade in der neueren Zeit unten geblieben sind, die nach oben ausgelesenen, namentlich die in Führerstellung, sind eben vielfach nicht die Besten. Es ist die Selektion oftmals der Minderwertigen gewesen. Und diese Selektion der Minderwertigen beruhte ihrer menschlichen Wesenheit nach darauf, daß sie ein Erdenleben entfalteten, das nur eine sehr kurze vorhergehende Zeit zwischen dem letzten Erdenleben und diesem Erdenleben hatte. Bei vielen führenden Persönlichkeiten der neueren Zeit findet man eben diese Tatsache ausgeprägt, daß sie nach kurzem geistigem Leben schon wiederum auf die Erde zurückkehren. Dadurch sind sie wenig imprägniert vom Geistigen. Sie haben wenig geistige Impulse in sich aufgenommen in ihrem vorhergehenden Leben zwischen Tod und einer neuen Geburt. Sie sind aber um so mehr imprägniert mit alldem, was nur von der Erde hier gegeben werden kann.

[ 19 ] The economic type of human being that emerged with the Reformation actually saw its task as reducing all intellectuality to a mere matter of the body. This economic type of human being rapidly broke away, during the Reformation, from the spiritual foundation of human existence on earth. This can be clearly demonstrated by specific examples. In the early and first half of the 16th century, a man named Thomas Cromwell—to be distinguished from Oliver Cromwell—lived in England; Thomas Cromwell played a major role in introducing the principles of the Reformation to England. James I was, after all, the figure who still sought to preserve the old priestly rule, and one understands James I best when one views him as the conservative—the one who sought to preserve the old priestly rule. But these plans were, of course, thwarted by others. And among those who emerged—who were, so to speak, the first examples of the economic human being—is Thomas Cromwell. Thomas Cromwell can only be understood if one knows that he belongs to those people who, after a very short life, are reincarnated here on Earth between death and a new birth. Among the types of rulers who have emerged in more recent times, it is exceptionally common for people to have lived only a brief life in the spiritual world prior to their current earthly existence. As you know, I have often spoken here about the fact that one of the most significant phenomena in recent history is that, among the types of rulers, a selection of the worst has risen to the top. Over the years, I have told you this time and again on various occasions. Those who are actually the rulers, the governing ones, are not a selection of the best; the times have brought it about that, especially in recent times, the best have remained at the bottom, while those selected to rise to the top—namely, those in leadership positions—are in many cases not the best. It has often been a selection of the inferior. And this selection of the inferior was based, in terms of their human nature, on the fact that they lived an earthly life that was preceded by only a very short interval between their last earthly life and this one. Among many leading figures of recent times, one finds this very fact pronounced: that after a brief spiritual life, they return to Earth once again. As a result, they are scarcely imbued with the spiritual. They have absorbed few spiritual impulses in their previous life between death and a new birth. Instead, they are all the more imbued with everything that can be offered here on Earth.

[ 20 ] Das waren insbesondere die ökonomischen Menschentypen, jene mit kurzen vorhergehenden geistigen Leben, die ganz durchdrungen waren von dem, was nur die Erde als solche geben kann. Nicht, als ob es nicht auch Menschen in der neueren Zeit gegeben hätte, die längere Zeiträume durchgemacht haben zwischen dem Tod und der Geburt, die für die neuere Zeit in Betracht kamen; aber sie wurden zurückgedrängt. Das brachte so das Schicksal der historischen Entwickelung der Menschheit mit sich, das allgemeine Menschheitskarma.

[ 20 ] These were, in particular, the “economic” types of people—those with short previous spiritual lives who were completely imbued with what only the Earth as such can provide. Not that there haven’t also been people in more recent times who have gone through longer periods between death and birth—people who were relevant to the modern era—but they were pushed aside. This was the result of the fate of humanity’s historical development, the general karma of humanity.

[ 21 ] Und unter diesen Tatsachen spielte sich das neuere Leben der Menschheit ab. Es ist ja eigentlich jammervoll, wenn man sieht, wie zahlreich die Erscheinung in der neueren Zeit ist, daß eigentlich ihrem inneren Wesen nach viel, viel bessere Menschen wie zu besonderen Autoritäten hinaufschauen zu viel, viel schlechteren. Das ist eine allgemeine Erscheinung. Die verehrten Autoritäten sind wahrhaft nicht diejenigen, die eine Auslese der besseren Menschentypen darstellen. Es ist eben einmal heute die Zeit gekommen, wo in unbefangener Art aufgehört werden muß, die Lobhudelei der neueren Zivilisation zu betreiben, wo ungeschminkt eingegangen werden muß auf die wirklichen Tatsachen. Denn die Menschen müssen sich angewöhnen, nach und nach das Leben nicht nur nach dem äußeren Oberflächenaperçu zu betrachten, sondern es zu betrachten nach der inneren Konfiguration der Seelen. Und eine der Tatsachen, die dabei in Betracht kommt, ist eben diese, daß man unterscheiden muß zwischen solchen Menschen, die ein längeres Geistesleben zwischen Tod und Geburt und solchen, die ein kürzeres Geistesleben hinter sich haben.

[ 21 ] And it was against this backdrop that the recent history of humanity unfolded. It is truly lamentable to see how common it has become in recent times for people who, in terms of their inner nature, are actually much, much better to look up to far, far worse individuals as if they were special authorities. This is a widespread phenomenon. The revered authorities are truly not those who represent a selection of the better types of people. The time has simply come when we must, in an unbiased manner, cease the adulation of modern civilization and instead address the real facts without embellishment. For people must gradually accustom themselves to viewing life not only according to its outward, superficial appearance, but according to the inner configuration of the soul. And one of the facts that must be taken into account here is precisely this: that one must distinguish between those who have had a longer spiritual life between death and birth and those who have had a shorter one.

[ 22 ] Man muß die Menschen vom geistigen Gesichtspunkte aus betrachten. Erst diese Betrachtung der Menschen vom geistigen Gesichtspunkte aus, die wird es möglich machen, in bewußter Art die soziale Struktur in Ordnung zu bringen. Tieferes Verständnis für das, was notwendig ist in sozialer Beziehung heute, wird man nur gewinnen, wenn man dieses Verständnis auf Grund von spirituellen Erkenntnissen sucht.

[ 22 ] One must view people from a spiritual perspective. Only this view of people from a spiritual perspective will make it possible to consciously put the social structure in order. A deeper understanding of what is necessary in social relations today can only be gained by seeking this understanding on the basis of spiritual insights.

[ 23 ] Es war gerade meine Aufgabe in diesen drei Tagen, Sie darauf hinzuweisen, wie die Zivilisation der Gegenwart angesehen werden muß mit Bezug auf die mögliche Weiterentwickelung der Menschen. Sehen Sie, unsere Erde als Erde mit alldem, was darauf ist, ist bereits in ihre Verfallsperiode, in ihre Dekadenzperiode eingetreten. Ich habe das auch schon öfters erwähnt, daß selbst einsichtige Geologen dies ja schon verzeichnen. Man kann schon rein äußerlich, physisch nachweisen mit ganz strenger, exakter Geologie, daß die Erde bereits am Zerbrechen ist, daß die aufsteigende Entwickelung der Erde aufgehört hat, daß wir wirklich auf den zerbrechenden Erdschollen herumgehen. So ist aber nicht nur das mineralische Erdreich im Zerbrechen, so ist auch alles das, was organisch auf der Erde herumläuft, schon im Zerbrechen, schon im Zerfall. Auch die Leiber der Pflanzen, der Tiere, der Menschen, sind nicht mehr in aufsteigender Entwickelung, sind im Zerfall. Wir haben nicht mehr die Organisation, die man hatte bis zum 4. nachchristlichen Jahrhundert, oder die man hatte in der Zeit des alten Griechentums. Wir haben eine verfallende Organisation, und mit uns ist die Erde in der Dekadenz. Das Physische der Erde ist in der Dekadenz. Ich habe zum ersten Mal auf diese Erscheinung schon vor vielen Jahren bei einem Vortrag in Bonn aufmerksam gemacht, aber diese Dinge werden gewöhnlich nicht mit dem nötigen Gewichte genommen. Wir sind in brüchigen Leibern, aber das Gegenstück dazu müssen wir auch betrachten: Wir sind zwar in brüchigen Leibern, aber gerade aus unseren brüchigen Leibern entwickelt sich um so mehr die Geistigkeit, wenn wir uns ihr nur hingeben.

[ 23 ] It was precisely my task during these three days to point out to you how contemporary civilization must be viewed in relation to the possible future development of humankind. You see, our Earth—as a planet with everything on it—has already entered its period of decline, its period of decadence. I have mentioned this many times before: even discerning geologists are already documenting this. One can already demonstrate purely externally, physically, through very rigorous and precise geology, that the Earth is already breaking apart, that the Earth’s upward development has ceased, that we are truly walking on crumbling fragments of the Earth. But it is not only the mineral soil that is breaking apart; everything that moves organically on the Earth is also already breaking apart, already in a state of decay. The bodies of plants, animals, and human beings, too, are no longer in a state of upward development; they are in a state of decay. We no longer possess the kind of organization that existed up until the 4th century A.D., or that existed in the time of ancient Greece. We have a decaying organization, and along with us, the Earth is in a state of decadence. The physical realm of the Earth is in a state of decadence. I first drew attention to this phenomenon many years ago during a lecture in Bonn, but these matters are usually not taken with the necessary seriousness. We are in frail bodies, but we must also consider the other side of this: Although we are in frail bodies, it is precisely from our frail bodies that spirituality develops all the more, if only we surrender ourselves to it.

[ 24 ] Bei den alten Leibern war es so, wenn ich schematisch zeichnen darf, daß der Leib (Zeichnung links, weiß) überall durchdrungen wurde von seiner Geistigkeit (rot), der Leib sog überall die Geistigkeit auf. Heute ist es so, daß unser Leib vielfach brüchig ist. Er ist brüchig, er ist in der Dekadenz, und die Geistigkeit (Zeichnung rechts, rot) spritzt überall heraus, sie wird überall frei vom Leibe. Wenn wir nur eingehen darauf, so können wir innerlich in der Seele überall die Geistigkeit gerade wegen der Brüchigkeit unserer Leiber erfassen.

[ 24 ] In the case of the ancient bodies—if I may draw a schematic illustration—the body (drawing on the left, white) was permeated everywhere by its spirituality (red); the body absorbed the spirituality everywhere. Today, our bodies are often fragile. They are fragile, they are in a state of decay, and the spiritual essence (right drawing, red) bursts forth everywhere; it is liberated from the body everywhere. If we only open ourselves to this, we can grasp the spiritual essence everywhere within our souls, precisely because of the fragility of our bodies.

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[ 25 ] Aber es ist nötig, daß wir uns nicht auf das Physische verlassen, sondern es ist notwendig, daß wir uns zum Geistigen wenden wegen unserer Brüchigkeit. Alles Physische wird brüchig, alles Physische auf der Erde ist schon im Verfall, und man darf nicht mehr auf die Physis hoffen, sondern man kann nur etwas erwarten von dem, was gerade dadurch — wenn ich mich trivial ausdrücken darf — zum Ausspritzen kommt, weil das Physische in Verfall ist: vom GeistigSeelischen.

[ 25 ] But we must not rely on the physical; rather, because of our fragility, we must turn to the spiritual. Everything physical becomes fragile; everything physical on earth is already in a state of decay, and we can no longer place our hope in the physical; rather, we can only expect something from that which—if I may put it trivially—springs forth precisely because the physical is in a state of decay: from the spiritual-soul aspect.

[ 26 ] Daraus sehen Sie eines ein. Wir hängen durch unsere Leiber zusammen mit den physischen Verhältnissen der Erde, und die Verhältnisse der Erde drücken sich sozial in den Wirtschaftsverhältnissen aus; indem alles brüchig ist, alles in der Dekadenz ist, sind auch in einer gewissen Beziehung die Wirtschaftsverhältnisse in der Dekadenz. Und ein Tor ist heute derjenige, der glaubt, daß man die Wirtschaftsverhältnisse ohne weiteres durch die Wirtschaftsverhältnisse regenerieren kann. Im Grunde genommen ist derjenige, der heute von einem Wirtschaftsparadies auf der Erde träumt durch rein wirtschaftliche Maßnahmen, wie einer, der einen Leichnam vor sich hätte und ihn’ galvanisieren wollte, ihn wiedererwecken wollte. Nehmen Sie daher all das, was heute an rein wirtschaftlichen Theorien existiert, lassen Sie sich erzählen von den Leuten, wie man das Wirtschaftsleben durch das Wirtschaftsleben einrichten soll nach seinen eigenen Gesetzen, lassen Sie sich erzählen von ihnen, wie man die Produktionsverhältnisse gestalten soll, wie man übergehen soll vom Privateigentum zum Gemeineigentum und so weiter: das alles beruht auf dem falschen Glauben, daß man das Wirtschaftsleben regenerieren könne aus dem Wirtschaftsleben selbst heraus, während die Wahrheit die ist, daß alles Physische auch im Wirtschaftsleben im Verfall ist durch sich selbst. Wenn etwas in Verfall ist durch sich selbst, dann kann es nur immer wieder periodenweise geheilt werden, das heißt, wir brauchen ein Heilmittel für das fortwährend in sich selbst zerfallende Wirtschaftsleben. Das Wirtschaftsleben würde, wenn es sich selbst überlassen wäre, wenn man das aus ihm machte, was Lenin und Trotzkij aus ihm machen wollen, fortwährend zerfallen, fortwährend krank werden. Daher muß auch fortwährend als Gegenpol des Wirtschaftslebens das Heilende da sein: Das ist das ihm gegenüberstehende selbständige Geistesleben. Haben Sie einen Kranken, oder den, der fortwährend krank werden kann, so müssen Sie daneben fortwährend den Arzt haben. Haben Sie das Wirtschaftsleben, das wegen der Erdenentwickelung durch sich selbst fortwährend für den Verfall reif ist, so brauchen Sie dagegen das fortwährende heilende innere Geistesleben. Das ist der innere Zusammenhang. Es hängt mit einer gesunden Kosmogonie zusammen, daß wir ein selbständiges Geistesleben bekommen. Und ohne selbständiges Geistesleben, das eine fortwährende Heilweisheit ist neben dem fortwährend mit der Tendenz zum Verfall ausgerüsteten Wirtschaftsleben, kommt die Menschheit nicht vorwärts. Denn Torheit ist es, das Wirtschaftsleben aus sich selber regenerieren zu wollen. Man muß die Heilkraft in einem selbständigen Geistesleben neben dieses Wirtschaftsleben hinstellen, und beide müssen überbrückt werden durch das neutrale Rechtsleben. Wir kommen gar nicht zum entsprechenden Verständnisse desjenigen, was notwendig ist für die Gegenwart, wenn wir nicht imstande sind, einzusehen, daß das physische Leben der Erde bereits im Verfall ist. Deshalb, weil man das nicht einsieht, gibt es so viele Menschen heute, die glauben, man könne aus dem Wirtschaftsleben selbst allerlei Regenerationsmittel dieses Wirtschaftslebens herauszaubern. Die gibt es nicht. Es gibt allein die Möglichkeit, fortdauernd das Wirtschaftsleben im Gang zu erhalten durch das selbständig danebengestellte Geistesleben. Ganz durchschauen wird diesen geheimnisvollen Zusammenhang unseres Lebens nur derjenige, der ihn eben vom Standpunkte einer wirklich modernen Kosmogonie durchschauen kann.

[ 26 ] From this you can see one thing: Through our bodies, we are bound to the physical conditions of the Earth, and the conditions of the Earth are expressed socially in economic conditions; since everything is fragile, everything is in a state of decadence, economic conditions, too, are in a state of decadence in a certain sense. And anyone today who believes that economic conditions can be regenerated simply through economic measures is a fool. Basically, anyone who dreams today of an economic paradise on Earth through purely economic measures is like someone who has a corpse in front of them and wants to galvanize it, to bring it back to life. So take all the purely economic theories that exist today; let people tell you how economic life should be organized through economic life itself according to its own laws; let them tell you how to shape the relations of production, how to transition from private property to common property, and so on: all of this is based on the false belief that economic life can be regenerated from within economic life itself, whereas the truth is that everything physical—including economic life—is decaying from within. If something is decaying from within, then it can only be healed periodically; that is to say, we need a remedy for economic life, which is constantly disintegrating from within. If economic life were left to its own devices—if it were turned into what Lenin and Trotsky want to make of it—it would continually disintegrate, continually fall ill. Therefore, the healing force must also be constantly present as the counterpole to economic life: this is the independent spiritual life that stands opposite it. If you have a sick person, or someone who is constantly at risk of becoming ill, you must have a doctor constantly at their side. If you have economic life, which—due to the development of the Earth—is constantly ripe for decay through its own nature, then you need, as a counterbalance, the constant, healing inner spiritual life. That is the inner connection. It is connected to a healthy cosmogony that we develop an independent spiritual life. And without an independent spiritual life—which is a constant healing wisdom alongside economic life, which is perpetually prone to decay—humanity cannot move forward. For it is folly to want economic life to regenerate itself. One must place the healing power of an independent spiritual life alongside this economic life, and both must be bridged by a neutral legal life. We cannot possibly arrive at a proper understanding of what is necessary for the present if we are unable to recognize that the physical life of the Earth is already in decline. It is precisely because people fail to recognize this that there are so many people today who believe that all manner of means of regeneration for economic life can be conjured up from within economic life itself. Such means do not exist. The only possibility is to keep economic life continuously in motion through the spiritual life that stands independently alongside it. Only those who can perceive this mysterious connection in our lives from the standpoint of a truly modern cosmogony will fully comprehend it.

[ 27 ] Bedenken Sie, wie ernst die Dinge liegen, wie man einsehen muß, daß die Menschen ins Verderben hineinrennen, wenn sie heute noch glauben, das Wirtschaftsleben aus sich selber regenerieren zu können, wenn sie sich nicht bekennen zu dem, was aus dem brüchig-physischen Leben ausspritzt und selbständig werden kann und als fortwährende Heilkraft da sein kann. Die Menschen fragen: Welches sind die Mittel gegen Revolutionen? — Ja, wenn sich so viel in Krisen zusammengehäuft hat an Untergangsimpulsen, als zu einer Revolution notwendig ist, dann kommt die Revolution. Denn Revolutionen kann man nur dadurch entgegenarbeiten, daß man die Kraft, die der Revolution entgegenarbeitet, kontinuierlich, fortwährend anwendet. Wenn man dem Wirtschaftsleben nicht entgegenstellt ein fortwährend gesundendes Geistesleben, dann ballt sich das Wirtschaftsleben zu den Revolutionen zusammen.

[ 27 ] Consider how serious the situation is, how one must realize that people are rushing toward ruin if they still believe today that economic life can regenerate itself, if they do not acknowledge what springs forth from fragile physical life, can become independent, and can be present as a continuous healing force. People ask: What are the remedies against revolutions? — Yes, when crises have accumulated so many impulses of destruction that they reach the threshold necessary for a revolution, then the revolution comes. For revolutions can only be counteracted by continuously and persistently applying the force that works against them. If economic life is not counterbalanced by a spiritual life that is constantly healing, then economic life will coalesce into revolutions.

[ 28 ] Es ist schon notwendig, daß die Dinge, um die es sich hier handelt, in ihrer vollen Schwere, in ihrem ganzen Gewicht genommen werden, daß man nicht glaubt, man kann mit Geisteswissenschaft spielen. Man kann damit nicht spielen. Eine Sonntagnachmittag-Predigt läßt sich aus wirklicher Geisteswissenschaft nicht herauszimmern. Dasjenige, was sich die Menschen an Gewohnheiten aus den alten religiösen Bekenntnissen angeeignet haben, wo sie nur eine innere Seelenwollust entwickeln wollen durch allerlei Lehren von Reinkarnationen und Karma, das läßt sich aus diesen Lehren, wenn man sie ernst nimmt, nicht herausentwickeln. Diese Lehren wollen ins Leben eingreifen; diese Lehren wollen zu Taten werden durch das, was sie selber sind. Deshalb ist es nicht irgendeiner subjektiven Laune entsprechend, daß dasjenige, was in der Geisteswissenschaft lebt, auch sich in allerlei sozialen Ideen nunmehr ausgestalten muß, sondern es ist im Grunde genommen eine Selbstverständlichkeit. Es gehört zu dem allem. Wer freilich im modernen naturwissenschaftlichen Sinne von Entwickelung und Evolution redet und eigentlich keine Ahnung davon hat, daß in Evolution zuerst ein Aufstieg da ist und dann ein Verfall, der wird auch nicht verstehen wollen, daß wir in bezug auf die Erdenentwickelung schon in einem Verfall drinnen leben, und der wird aus dem, was verfällt, Kräfte herausarbeiten wollen zu einer Regeneration. Das ist nicht mehr möglich.

[ 28 ] It is indeed necessary that the matters at hand here be taken in all their gravity, in all their weight, so that one does not believe one can play around with spiritual science. One cannot play with it. A Sunday afternoon sermon cannot be cobbled together from genuine spiritual science. The habits that people have acquired from the old religious creeds—where they seek only to cultivate an inner spiritual indulgence through all manner of teachings on reincarnation and karma—cannot be derived from these teachings if one takes them seriously. These teachings seek to intervene in life; these teachings seek to become deeds through what they themselves are. Therefore, it is not a matter of some subjective whim that what lives in spiritual science must now also take shape in all manner of social ideas; rather, it is, in essence, a matter of course. It is part of the whole. Of course, anyone who speaks of development and evolution in the modern scientific sense—and has no real idea that evolution involves first an ascent and then a decline—will not want to understand that, with regard to the Earth’s development, we are already living in a state of decline, and will seek to extract forces from what is decaying in order to bring about regeneration. That is no longer possible.

[ 29 ] Das, was ich vor allen Dingen Ihnen durch diese drei Vorträge nahegelegt haben wollte, das ist, daß wirklich voll eingesehen werde der tiefe Ernst desjenigen, was das Geisteswissenschaftliche ist. Mit dem Geisteswissenschaftlichen läßt sich nicht spielen; höchstens wenn man es verwässert zu allerlei mystischem Sektierertum, aber die Menschen tun sehr schlecht, die da glauben, es lasse sich doch damit spielen. Es läßt sich eben nicht spielen mit dem Geisteswissenschaftlichen. Es gibt viele Gegnerschaften für dasjenige, was in dieser anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft vertreten wird. Fast alle diejenigen Menschen werden Gegnerschaft üben, die spielen möchten — «mysteln», möchte ich es nennen — mit dem geisteswissenschaftlichen Leben. Mystik: mysteln. Diejenigen, die mysteln wollen, die werden zuletzt mit der Geisteswissenschaft nicht zurecht kommen, weil sie den Ernst des Lebens nicht eigentlich verspüren möchten. Daher gibt es so viele Gegner der Geisteswissenschaft, und insbesondere gibt es viele Gegner, welche aus allerlei Löchern des Mystelos heraus zu Gegnern werden. Neuerdings soll wieder ein Vorstoß losgehen gegen die Geisteswissenschaft, weil man sagt, sie trüge einen wissenschaftlichen Charakter, und dasjenige, was wirkliches Geisteswelten-Erleben ist, das müsse herauskommen aus unmittelbarem Erfahren des Geistigen, da dürfe nicht irgend etwas Wissenschaftliches hineinspielen und dergleichen. Ein neuerlicher Vorstoß kommt soeben aus der Ecke heraus, in der wir ja viel gearbeitet haben, wo aber nach und nach immer mehr mystelndes, schleimiges Zeug herauskommt, gerade nach dieser Richtung hin. Wiederum ist jetzt, wenn auch vielleicht in einem anderen Verlage, aus der Münchner Ecke ein Buch erschienen, das im Grunde einen solchen Vorstoß darstellen will und das sich nennt «Vom lebendigen Gotte», ein mystisches Buch.

[ 29 ] What I wanted above all to convey to you through these three lectures is that the profound seriousness of spiritual science be fully understood. Spiritual science is not something to be toyed with; at most, one might water it down into all sorts of mystical sectarianism, but people are very much mistaken if they believe it is something to be toyed with. Spiritual science simply is not something to be toyed with. There is a great deal of opposition to what is advocated in this anthroposophically oriented spiritual science. Almost all those who wish to play around—I would call it “mystifying”—with the life of spiritual science will oppose it. Mysticism: mystifying. Those who want to “mystle” will ultimately not be able to come to terms with spiritual science, because they do not really want to feel the seriousness of life. That is why there are so many opponents of spiritual science, and in particular, there are many opponents who emerge from all sorts of nooks and crannies of “mystle” to become adversaries. Recently, a new offensive is said to be launching against spiritual science, because it is claimed that it has a scientific character, and that what is truly an experience of the spiritual world must arise from direct experience of the spiritual; nothing scientific, or the like, should play a role in it. A new offensive is just emerging from the very corner where we have done so much work, but from which, little by little, more and more mystical, slimy stuff is coming out, precisely in this direction. Once again, a book has now been published—albeit perhaps by a different publisher—from the Munich scene that essentially aims to represent such an initiative and is titled *Vom lebendigen Gotte* (*On the Living God*), a mystical book.

[ 30 ] Diese Dinge in unserer heutigen sozial ernsten Zeit zu sehen, das zeigt, wieviel geistige Frivolität und Zynismus geistiger Art in unserem Leben ist. Das muß heraus. Und ernst genommen werden muß Heraussaugung des geistigen Lebens aus der verfallenden Zeit. Man muß sich kühn und unbefangen entgegenstellen können dem Verfallen der Erde, denn dasjenige, was physisch stirbt, gebärt das geistig Lebendige. Aber jedes Spiel mit geistigen Dingen müßte gerade von dem wirklich das Geistige empfindenden anthroposophisch orientierten Geisteswissenschafter fein erfühlt werden, und nichts dürfte weniger unter uns Sympathie haben als irgendeine Art Sektierertum, irgendeine Art Mysteln. Denn das dringt nicht in die geistigen Welten hinein; im Gegenteil, es verlegt die Wege in die geistige Welt. Wir brauchen aber gerade die Wege in die geistigen Welten hinein, wenn wir auch sozial wirklich weiterkommen wollen. Deshalb ist heute die Zeit, wo wir ganz ernsthaftig uns die wichtigste Frage des Lebens vorlegen sollten und fragen sollten: Was können wir tun, tatkräftig tun, um aufzufangen die wirklich zeitgemäßen Impulse?

[ 30 ] To see these things in our current era of social gravity shows just how much intellectual frivolity and intellectual cynicism there is in our lives. This must be eliminated. And we must take seriously the task of drawing spiritual life out of this decaying age. We must be able to stand up boldly and impartially against the decay of the earth, for that which dies physically gives birth to what is spiritually alive. But any frivolous treatment of spiritual matters must be sensitively discerned precisely by the anthroposophically oriented spiritual scientist who truly perceives the spiritual, and nothing should find less sympathy among us than any kind of sectarianism or mysticism. For that does not penetrate into the spiritual worlds; on the contrary, it obstructs the paths to the spiritual world. But we need precisely these paths into the spiritual worlds if we are to make real progress socially as well. That is why now is the time when we should very seriously consider the most important question of life and ask: What can we do—actively do—to embrace the impulses that are truly in keeping with our times?

[ 31 ] Sehen Sie, dieser Bau steht nun hier. Er steht und wartet, daß er von der Welt ernst genommen werde, so von der Welt ernst genommen werde, daß man wirklich sieht: Er ist mit Bewußtsein hineingebaut in eine verfallende Zeit, aber um aus dieser verfallenden Zeit das Geistige aufzufangen. Kein Glaube sollte hier walten, daß man das Alte, das zum Verfalle, zur Dekadenz reif ist, halten könne. Der Glaube soll hier herrschen, daß aus dem hinrollenden Verfall das Geistige, das ganz unähnlich sein muß dem Alten, herausgeholt werde. Es ist nicht mit kleinen Kulturmetamorphosen zu machen. Es handelt sich darum, daß wir uns ernst der notwendigen Erkenntnis gegenüberstellen sollten, daß nur mit großen Kulturimpulsen dasjenige zu machen ist, was notwendiger Menschheitsfortschritt gegen die Zukunft ist. Mit uns sollten wir zu Rate gehen, um stark zu werden, die neuen Impulse wirklich aufzunehmen. Wir müssen den Mut haben, so viel wir können, den Menschen klarzumachen, was es heißt: Die Erde ist in der Dekadenz, und dasjenige, was sich als Zivilisation bis in unsere Tage herein erhalten hat, worin wir eingewöhnt sind, das geht mit dem Verfall. Man soll aber aus dem Verfall heraus eine neue Geistigkeit retten, die hinübergenommen werden kann in andere Welten, wenn die Erde völlig ihrem Untergange entgegengegangen ist.

[ 31 ] Look, this building now stands here. It stands and waits to be taken seriously by the world—taken so seriously that people truly see: It has been consciously built into a time of decay, but in order to capture the spiritual from this decaying time. There should be no belief here that one can hold on to the old, which is ripe for decay and decadence. The belief that must prevail here is that the spiritual—which must be entirely unlike the old—will be drawn out of the rolling decay. This cannot be achieved through minor cultural transformations. The point is that we must seriously confront the necessary realization that only through great cultural impulses can we achieve what is necessary for humanity’s progress toward the future. We should consult with one another to gain the strength to truly absorb these new impulses. We must have the courage, as much as we can, to make it clear to people what it means: The Earth is in a state of decadence, and that which has survived as civilization down to the present day—to which we have become accustomed—is perishing along with it. Yet we must rescue from this decline a new spirituality that can be carried over into other worlds once the Earth has completely met its demise.

[ 32 ] Mit vollem Bewußtsein nach einer Erneuerung von Kunst, Wissenschaft und Freiheit hinzuarbeiten, das ist es, was sich gerade an diesen Bau knüpfen sollte. Man hat versucht, mit diesem Bau etwas hinzustellen, was in seinen Formen in einer gewissen Weise Hohn spricht aller Vergangenheit. So sollte man auch tatsächlich den Mut haben dazu, zu erfassen, was herausgeholt werden sollte aus der Tatsache, daß dieser Bau da steht. Wir kommen nicht zurecht, wenn wir uns auch ferner nur an kleine Mittel halten, wenn wir nicht daran arbeiten, mit Bewußtsein vor die Menschheit die Notwendigkeit einer neuen Geisteskultur hinzustellen. Denn die allein wird der wahre Ausgangspunkt sein für eine neue soziale Kultur. Das Soziale wird nicht mehr aus dem Wirtschaftlichen herausgeholt, sondern allein aus dem Geistigen in das Wirtschaftliche hineingesenkt werden können. Und wir müssen uns bewußt werden, daß der ökonomische Typus Mensch ausgespielt hat, daß ein anderer Typus Mensch kommen muß, der Weltmensch ist, der sich bewußt ist, nicht nur dasjenige lebe in ihm, was Erdenvererbung ist, sondern der sich bewußt ist, dasjenige lebe in ihm, was Kräfte der Sonne und des Mondes und des Sternenhimmels sind, was Kräfte der übersinnlichen Welt sind. In den Formen, in denen es die Menschen verstehen können, sollten wir ihnen das zum Bewußtsein bringen, dann allein können wir etwas zum wirklichen Fortschritt der Menschheit beitragen. Durch bloßes Übertragen von mystischen Lehren nützen wir gar nichts. Dasjenige, was unsere Mystik ist, muß wirkliches Geistesleben sein, tätiges Geistesleben.

[ 32 ] To work with full awareness toward a renewal of art, science, and freedom—that is precisely what should be associated with this building. With this building, an attempt has been made to create something whose forms, in a certain way, mock the entire past. So we should indeed have the courage to grasp what should be drawn from the fact that this building stands here. We will not succeed if we continue to rely only on limited means, if we do not work to consciously present to humanity the necessity of a new spiritual culture. For that alone will be the true starting point for a new social culture. The social will no longer be derived from the economic, but will instead be able to be infused into the economic solely from the spiritual. And we must become aware that the economic type of human being has run its course, that a different type of human being must emerge— who is a world-human, who is aware that living within him is not only what is inherited from the Earth, but also what are the forces of the Sun, the Moon, and the starry heavens—the forces of the supersensible world. We should bring this to people’s awareness in forms they can understand; only then can we contribute to the true progress of humanity. Merely imparting mystical teachings serves no purpose at all. What our mysticism is must be a true spiritual life, an active spiritual life.

[ 33 ] Das ist es, was ich Ihnen heute zum Bewußtsein habe bringen wollen. Es müßte eigentlich dieser Dornacher Bau so angesehen werden, daß man ihn, ohne unbescheiden zu werden, wirklich als den Ausgangspunkt nimmt für eine große Weltbewegung, die völlig international ist, und die alle Gebiete des geistigen Lebens umfaßt. Es müßte dieser Dornacher Bau der Ausgangspunkt dafür sein, abzustreifen alle Vorliebe für das Untergehende und aufzunehmen den Impuls von etwas, das nach einer wirklichen Erneuerung des Menschheitsbewußtseins hinzielt. Könnten wir so etwas in die Welt setzen, was den Ausgangspunkt bilden würde für ein Auffangen des Geistigen aus dem Verfall der physischen Erde, und könnten wir sagen: Wir wollten das Monument für diesen Ausgangspunkt mit diesem Dornacher Bau hingestellt haben, wir wollten aufmerksam machen die Menschen, sie müssen sehen nach dem, was gewollt wird —, könnten wir so etwas schaffen, dann würden wir dasjenige erfüllen, was eigentlich in den Impulsen anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft liegt. Aber wir müssen uns aufraffen, etwas zu schaffen, was tatsächlich so zur Menschheit spricht, daß wir sie aufmerksam machen darauf: Seht, hier wird das gewollt, was im Sinne einer wirklichen Weiterentwickelung sowohl des wissenschaftlichen, wie des künstlerischen, wie des religiösen Bewußtseins liegt. Sind wir imstande, von diesem Positiven zu reden, werden wir viel mehr wirken, als wenn wir versuchen, uns in alles mögliche unterzuducken, was andere auch wollen. Wir sollten das Bewußtsein haben, daß etwas Neues zu wollen ist. Können wir das, dann werden wir eine würdige Aufgabe erfüllen. Aber wir sollten in dieser Beziehung einmal mit unseren Seelen sprechen, sollten versuchen, die Aufgabe der Anthroposophie in diesem Sinne gerade richtig in Angriff zu nehmen.

[ 33 ] That is what I wanted to bring to your attention today. This building in Dornach should actually be viewed in such a way that, without being immodest, we truly take it as the starting point for a great global movement that is entirely international and encompasses all areas of spiritual life. This building in Dornach should be the starting point for casting off all attachment to what is passing away and embracing the impulse of something that aims toward a true renewal of human consciousness. If we could bring something like this into the world—something that would serve as the starting point for receiving the spiritual from the decay of the physical earth—and if we could say: “We wanted to erect this monument to that starting point with this building in Dornach; we wanted to draw people’s attention to the fact that they must look toward what is intended”—if we could create something like this, then we would be fulfilling what actually lies at the heart of the impulses of anthroposophically oriented spiritual science. But we must rouse ourselves to create something that truly speaks to humanity in such a way that we draw its attention to the fact: ‘Look, what is intended here is what lies in the spirit of a genuine further development of scientific, artistic, and religious consciousness.’ If we are able to speak of this positive aspect, we will have a far greater impact than if we try to conform to everything else that others also want. We should be conscious of the need to strive for something new. If we can do that, then we will fulfill a worthy task. But in this regard, we should first speak to our souls and try to tackle the task of anthroposophy in this sense in just the right way.