The Social Question as a
Question of Consciousness
GA 191
17 October 1919, Dornach
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The Social Question as a Question of Consciousness, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Ich möchte Ihnen heute von einigen grundlegenden Erkenntnissen der Initiationswissenschaft sprechen, die uns dann eine Art Unterlage bieten sollen für das, was wir morgen und übermorgen betrachten wollen. Wir werden heute zunächst hinweisen auf etwas, was im Bewußtsein eines jeden Menschen liegt, was nur gewöhnlich nicht klar genug erfaßt wird. Wir reden, indem wir solche Dinge besprechen, immer vom Gesichtspunkt unserer Gegenwart, in dem Stil und Sinn, wie ich das ja öfter hier auseinandergesetzt habe: daß auch Erkenntnisse durchaus nicht gelten für immer und überall, sondern für eine bestimmte Zeit, ja sogar für eine bestimmte Räumlichkeit der Erde. So gelten gewisse Erkenntnis-Gesichtspunkte zum Beispiel für die europäische Zivilisation; andere Gesichtspunkte gelten für, sagen wir, die Erkenntnisse des Orients. Nun weiß wohl jeder Mensch, daß wir uns mit unserer Erkenntnis gewissermaßen zwischen zwei Polen befinden. Es fühlt jeder Mensch, wie auf der einen Seite diejenigen Erkenntnisse stehen, die wir gewinnen durch Sinnesanschauung. Der einfache, naive Mensch lernt durch seine Sinne die Welt kennen, kommt auch bis zu einem gewissen zusammenfassenden Punkt dessen, was er sieht, was er hört, was er überhaupt durch seine Sinne wahrnimmt. Und im Grunde genommen ist dasjenige, was die Wissenschaft bietet, so wie wit diese Wissenschaft jetzt im Abendlande haben, ja auch nichts anderes als eine Zusammenfassung dessen, was sinnlich den Menschen sich darbietet.
[ 1 ] Today I would like to speak to you about some fundamental insights from the science of initiation, which will then serve as a kind of foundation for what we intend to examine tomorrow and the day after tomorrow. Today we will first point out something that lies within the consciousness of every human being, but which is usually not grasped clearly enough. When we discuss such matters, we always speak from the perspective of our present time, in the style and spirit that I have often explained here: that insights are by no means valid forever and everywhere, but rather for a specific time, and even for a specific region of the Earth. Thus, certain perspectives of knowledge apply, for example, to European civilization; other perspectives apply to, let us say, the knowledge of the Orient. Now, every person knows that, with our knowledge, we find ourselves, so to speak, between two poles. Every person senses how, on the one hand, there is the knowledge we gain through sensory perception. The simple, naive person comes to know the world through their senses and even reaches a certain point of synthesis regarding what they see, what they hear, and what they perceive through their senses in general. And fundamentally, what science offers—as we now have it in the West—is nothing other than a synthesis of what presents itself to human beings through the senses.
[ 2 ] Nun fühlt wohl ein jeder, daß es andere Erkenntnisse gibt, daß man unmöglich ein Vollmensch sein kann im gewöhnlichen Sinne des Wortes für die alltägliche Welt, wenn man nicht eine andere Art von Erkenntnissen zu dieser eben charakterisierten hinzufügt. Und das ist die Art von Erkenntnissen, die es mit unserem moralischen Leben zu tun hat. Wir reden nicht nur von den Ideen der Naturerkenntnis, durch die wir uns das eine oder andere in der Natur erklären; wir reden von sittlichen Ideen, von sittlichen Idealen, die wir als Antriebe unseres Handelns empfinden, von denen wir uns beherrschen lassen, wenn wir selbst in unserer gewöhnlichen Welt auftreten wollen. Und es fühlt wohl auch jeder Mensch, daß wir mit dem einen Pol unseres erkennenden Lebens, der Sinneserkenntnis und ihrem Anhang, der Verstandeserkenntnis — denn die Verstandeserkenntnis ist nur ein Anhang der Sinneserkenntnis —, gewöhnlich nicht heraufreichen können bis zu den sittlichen Ideen. Die sittlichen Ideen sind da; aber wir können nicht, indem wir zum Beispiel Naturwissenschaft treiben, aus der Betrachtung der Pflanzenwelt, aus der Betrachtung der mineralischen Welt oder sonst irgendwie mit unserer gegenwärtigen Naturwissenschaft sittliche Ideen finden. Darin besteht ja gerade das Tragische unserer Zeit, daß man zum Beispiel auf sozialem Gebiete Ideen für das Handeln finden will nach naturwissenschaftlicher Methode. Niemals wird man das können, wenn man wirklich sich dem gesunden Menschenverstand hingibt. Wie auf einer anderen Seite des Lebens sind die sittlichen Ideen da. Wirklich steht unser Leben unter dem Einfluß dieser zwei Strömungen: des Naturerkennens auf der einen Seite, des sittlichen Erkennens auf der anderen Seite.
[ 2 ] Now, surely everyone feels that there are other kinds of knowledge, and that it is impossible to be a fully realized human being—in the ordinary sense of the word as it applies to everyday life—unless one adds another kind of knowledge to the one just described. And that is the kind of knowledge that pertains to our moral life. We are not speaking merely of the ideas of natural science, through which we explain one thing or another in nature; we are speaking of moral ideas, of moral ideals that we perceive as the driving forces behind our actions, by which we allow ourselves to be guided when we wish to function in our ordinary world. And surely every person feels that with one pole of our cognitive life—sensory knowledge and its appendage, intellectual knowledge (for intellectual knowledge is merely an appendage of sensory knowledge)—we usually cannot reach up to the moral ideas. Moral ideas are there; but we cannot, for example, by engaging in the natural sciences—through the study of the plant world, the mineral world, or in any other way using our current natural sciences—find moral ideas. This is precisely the tragedy of our time: that people want to find ideas for action in the social sphere, for example, using the methods of the natural sciences. One will never be able to do that if one truly surrenders to common sense. Moral ideas exist on a different plane of life. Indeed, our lives are influenced by these two currents: the understanding of nature on the one hand, and moral understanding on the other.
[ 3 ] Sie wissen aus meiner «Philosophie der Freiheit», daß in der Erfassung der moralischen Intuitionen uns die höchsten sittlichen Ideen, die wir als Menschen brauchen, gegeben sind, und daß diese sittlichen Ideen, wenn wir in ihren Besitz kommen, unsere menschliche Freiheit begründen. Auf der anderen Seite wissen Sie vielleicht auch, daß sich für gewisse Denker immer eine Art von Kluft gezeigt hat zwischen dem, was Naturerkenntnis auf der einen Seite ist, was sittliche Erkenntnis auf der anderen Seite ist. Die Kantsche Philosophie beruht ja auf dieser Kluft, auf diesem Abgrunde, den sie nicht ganz überbrücken kann. Daher gibt es von Kant eine «Kritik» der theoretischen Vernunft, der «reinen Vernunft», wie er sagt, worin er sich nur mit der Naturerkenntnis auseinandersetzt, worin er alles dasjenige sagt, was er zu sagen hat über die Naturerkenntnis. Und auf der anderen Seite gibt es von ihm eine «Kritik der praktischen Vernunft», in welcher er spricht von den sittlichen Ideen. Man möchte sagen: Für ihn entspringt das gesamte menschliche Leben aus zwei voneinander ganz getrennten Wurzeln, die er in seinen zwei Haupt-«Kritiken» beschreibt.
[ 3 ] You know from my *Philosophy of Freedom* that the highest moral ideas we need as human beings are given to us through the grasping of moral intuitions, and that these moral ideas, once we come into possession of them, constitute the foundation of our human freedom. On the other hand, you may also know that for certain thinkers there has always been a kind of gulf between what constitutes knowledge of nature on the one hand and moral knowledge on the other. Kant’s philosophy is, after all, based on this gulf, on this chasm that it cannot quite bridge. Hence, Kant wrote a “Critique” of theoretical reason—or “pure reason,” as he calls it—in which he deals exclusively with knowledge of nature, setting forth everything he has to say on the subject. And on the other hand, he wrote a “Critique of Practical Reason,” in which he discusses moral ideas. One might say: For him, the entirety of human life springs from two entirely separate roots, which he describes in his two main “Critiques.”
[ 4 ] Nun würde es natürlich mißlich um den Menschen stehen, wenn es keine Verbindungsbrücke gäbe zwischen diesen zwei Polen unseres Seelenlebens. Und derjenige, der sich ernstlich mit Geisteswissenschaft beschäftigt auf der einen Seite und andererseits es ernst nimmt mit den Aufgaben gerade unserer Zeit, der muß intensiv fragen: Wo ist die Brücke zwischen den sittlichen Ideen und den Naturideen?
[ 4 ] Of course, humanity would be in a difficult situation if there were no bridge connecting these two poles of our spiritual life. And anyone who is seriously engaged in spiritual science on the one hand, and who takes the tasks of our time seriously on the other, must ask earnestly: Where is the bridge between moral ideas and ideas about nature?
[ 5 ] Wir werden heute zur Erkenntnis dieser Brücke den Standpunkt wählen, den ich als den historischen bezeichnen möchte. Sie wissen ja aus den verschiedenen Betrachtungen, die wir hier angestellt haben, daß die Seelenverfassung der Menschen in älterer Zeit eine wesentlich andere war, als sie in späterer Zeit geworden ist. Die Entstehung des Christentums bildet wirklich einen tiefen Einschnitt in die ganze Entwickelung der Menschheit. Und nur wenn man versteht, was eigentlich mit dem Entstehen des Christentums sich herausgebildet hat in der Entwickelung der Menschheit, kommt man mit dem Verstehen des Menschen überhaupt zurecht.
[ 5 ] Today, in order to understand this bridge, we will adopt what I would like to call the historical perspective. As you know from the various observations we have made here, the spiritual constitution of human beings in earlier times was fundamentally different from what it became in later times. The emergence of Christianity truly marks a profound turning point in the entire development of humanity. And only by understanding what actually took shape in the development of humanity with the emergence of Christianity can one truly come to terms with the nature of human beings.
[ 6 ] Dasjenige, was zeitlich zurückliegt hinter der Entstehung des Christentums, ist, wenn wir von dem Judentum absehen — wir haben es vor kurzem hier erst wiederum erwähnt —, der ganze Umfang der heidnischen Kultur. Das Judentum war ja nur eine Vorbereitung für das Christentum. Dieser ganze Umfang der heidnischen Kultur unterscheidet sich ganz wesenhaft von unserer gegenwärtigen christlichen Kultur. Diese heidnische Kultur war, je weiter wir zurückgehen, eine einheitliche Kultur. Sie war eine Kultur, die vorzugsweise begründet war auf menschliche Weisheit. Ich weiß, dem Menschen der Gegenwart ist es beleidigend, wenn man ihm davon spricht, daß mit Bezug auf die Weisheit die alten Zeiten weiter waren als dieser Mensch der Gegenwart; aber es war so. Es gab über die Erde hin in der alten heidnischen Zeit eine Weisheit, die näher, viel näher war den Urgründen der Dinge als unser heutiges Wissen, namentlich als unsere heutige Naturwissenschaft. Und dieses alte, dieses uralte Wissen, es war ein sehr konkretes Wissen, es war ein Wissen, welches intensiv verbunden war mit der geistigen Wirklichkeit der Dinge. Der Mensch bekam etwas herein in seine Seele, indem er wußte von der Wirklichkeit der Dinge. Aber das besonders Eigentümliche war bei dieser alten heidnischen Weisheit, daß die Menschen, die sie empfingen — Sie wissen, die Menschen empfingen sie aus den Mysterien von den Initiierten —, sie so empfingen, daß in dieser Weisheit zu gleicher Zeit enthalten war Naturerkenntnis und Moralerkenntnis. Man verkennt heute diese für die Entwickelungsgeschichte der Menschheit außerordentlich bedeutungsvolle Wahrheit, die ich eben ausgesprochen habe, nur deswegen, weil man in der äußeren Geschichte nicht zurückgehen kann bis zu den eigentlich charakteristischen Zeiten der alten heidnischen Weisheit. Das historische Wissen reicht nicht so weit zurück, daß man mit ihm die Zeiten erfassen könnte, in denen die Menschen, indem sie zu den Sternen hinaufgeschaut haben, aus den Sternen empfingen diejenige Weisheit, die ihnen in ihrer Art auf der einen Seite erklärte den Sternenlauf, auf der anderen Seite aber auch sagte, wie sich die Menschen verhalten sollen in ihrem Handeln hier auf Erden. Etwas bildlich, aber im Grunde nicht ganz bildlich, sondern bis zu einem gewissen Grade doch gegenständlich gesprochen, könnte man sagen, daß noch die alte ägyptische, die alte chaldäische Kultur so waren, daß die Menschen Naturgesetze lasen im Sternenlaufe, aber auch lasen aus dem Sternenlauf die Vorschriften für dasjenige, was sie auf der Erde tun sollten. Die Kodizes der alten ägyptischen Pharaonen zum Beispiel enthalten Vorschriften über dasjenige, was Gesetz werden sollte. Es war so, daß über weite Jahrhunderte hin prophetisch vorausgesagt war, was in späterer Zeit Gesetz werden sollte. Aber das alles, was da in diesen Kodizes stand, war abgelesen von den Sternenläufen. Also es gab in jenen alten Zeiten nicht eine Astronomie, wie wir sie jetzt haben, die nur mathematische Gesetze der Sternenbewegung oder der Erdenbewegung enthält, sondern es gab eine Wissenschaft vom Kosmos, die zu gleicher Zeit Moralwissenschaft, Ethik war.
[ 6 ] What lies in the past, prior to the emergence of Christianity—if we set Judaism aside, as we mentioned here just recently—is the entire scope of pagan culture. Judaism was, after all, merely a preparation for Christianity. This entire scope of pagan culture differs fundamentally from our present-day Christian culture. The further back we go, the more this pagan culture was a unified culture. It was a culture founded primarily on human wisdom. I know it is offensive to people today to be told that, in terms of wisdom, the ancients were more advanced than we are today; but that is how it was. In the ancient pagan era, there was a wisdom spread across the earth that was closer—much closer—to the very foundations of things than our knowledge today, particularly our modern natural science. And this ancient, this primeval knowledge was a very concrete knowledge; it was a knowledge that was intensely connected to the spiritual reality of things. People received something into their souls through their knowledge of the reality of things. But what was particularly distinctive about this ancient pagan wisdom was that the people who received it—as you know, people received it from the initiates through the mysteries—received it in such a way that this wisdom contained both knowledge of nature and knowledge of morality at the same time. Today, this truth—which I have just expressed and which is of extraordinary significance for the history of human development—is misunderstood simply because one cannot go back far enough in external history to the truly characteristic periods of ancient pagan wisdom. Historical knowledge does not extend far enough back to encompass the times when people, by gazing up at the stars, received from the stars that wisdom which, in its own way, on the one hand explained the course of the stars to them, but on the other hand also told them how they should conduct themselves in their actions here on Earth. Speaking somewhat figuratively—though not entirely so, but to a certain extent concretely—one could say that even the ancient Egyptian and ancient Chaldean cultures were such that people read the laws of nature in the movement of the stars, but also derived from that movement the guidelines for what they should do on Earth. The codes of the ancient Egyptian pharaohs, for example, contain regulations regarding what was to become law. It was the case that, over many centuries, it had been prophetically foretold what would later become law. But everything contained in these codes was derived from the movements of the stars. So in those ancient times, there was not an astronomy as we know it today—which consists solely of mathematical laws governing the motion of the stars or the Earth—but rather there was a science of the cosmos that was at the same time a science of morality and ethics.
[ 7 ] Das Bedenkliche der ja nunmehr bis zum Dilettantismus hinreichenden neueren Astrologie besteht darin, daß man in ihr nicht mehr fühlt, daß das, was in ihr gegeben ist, nur dann ein Ganzes ist, wenn mit den Gesetzen, die man in ihr verzeichnet, zugleich Moralgesetze für die Menschen gegeben sind. Das ist etwas sehr Bedeutsames, außerordentlich Bedeutsames. |
[ 7 ] What is troubling about modern astrology—which has now descended to the level of amateurism—is that one no longer senses that what it presents constitutes a whole only when the laws it sets forth are accompanied by moral laws for humanity. This is something very significant, extraordinarily significant. |
[ 8 ] Nun war es im Menschheitsverlaufe so, daß jene Urwissenschaft der Menschen, jene Urweisheit der Menschen im wesentlichen verlorenging. Und es liegt ja das der Tatsache zugrunde, daß gewisse Geheimschulen, die aber in ihrer ernsten Form eigentlich schon aufgehört haben mit dem Ende des 18. Jahrhunderts, auch gewisse Geheimschulen des Abendlandes immer wieder und wiederum auf die verlorene Wissenschaft, das «verlorene Wort» zurückwiesen. Gewöhnlich wußten die Späteren gar nicht mehr, was sie unter dem Wort «Wort» dabei verstehen sollten. Aber es liegt dem eine gewisse Tatsache zugrunde. Und bei Saint-Martin kann man noch die Nachklänge davon lesen, wie man bis ins 18. Jahrhundert sehr genau gefühlt hat, daß in alten Zeiten die Menschen ein ihnen mit dem Naturwissen zugleich zukommendes Geisteswissen besessen haben, das auch ihre Moralwissenschaft enthielt und das verlorengegangen ist, verlorengegangen im Grunde schon in den acht Jahrhunderten, die der Entstehung des Christentums vorangegangen sind. Man kann sogar sagen: Die ältere griechische Geschichte ist im wesentlichen das allmähliche Verlieren der Urweisheit.
[ 8 ] Now, in the course of human history, that primordial science of humankind, that primordial wisdom of humankind, was essentially lost. And this is based on the fact that certain secret schools—which, in their serious form, had actually already ceased to exist by the end of the 18th century—including certain secret schools of the West, repeatedly and time and again referred back to the lost science, the “lost Word.” Usually, later generations no longer even knew what they were supposed to understand by the term “Word” in this context. But there is a certain fact underlying this. And in Saint-Martin one can still read echoes of how, right up into the 18th century, people felt very keenly that in ancient times human beings possessed a spiritual knowledge that came to them along with their knowledge of nature—a knowledge that also encompassed their moral science—and that this had been lost, lost essentially already during the eight centuries preceding the emergence of Christianity. One might even say: Ancient Greek history is, in essence, the gradual loss of primordial wisdom.
[ 9 ] Wenn man die vorsokratischen Philosophen studiert, die Nietzsche die Philosophen des tragischen Zeitalters der Griechen genannt hat: Heraklit, Thales, Anaximenes, Anaxagoras — ich habe sie behandelt in meinen «Rätseln der Philosophie», so gut man sie für die Menschheit heute äußerlich behandeln kann, es ist ja nur wenig von ihnen in äußerer Schrift vorhanden —, dann findet man in diesen Sätzen, die da geblieben sind wie Oasen in einer Wüste, immer wieder, wie wenn nachklingen würde ein großes, umfassendes Wissen und Erkennen, das in der alten Menschheitszeit vorhanden war. Was Heraklit sagt, was Thales, Anaxagoras, Anaximenes sagen, das alles ist so, möchte man sagen, wie wenn die Menschheit vergessen hätte ihre Urweisheit und sich an einzelne fragmentarische Sätze da oder dort erinnert. Wie fragmentarische Erinnerungen kommen die paar Sätze heraus, die überliefert sind von Thales, Anaxagotas, von den sieben griechischen Weisen.
[ 9 ] When one studies the presocratic philosophers—whom Nietzsche called the philosophers of the tragic age of the Greeks: Heraclitus, Thales, Anaximenes, Anaxagoras—I have discussed them in my *Riddles of Philosophy*, as thoroughly as one can externally address them for humanity today, since so little of their work survives in written form—one finds in these sentences, which have remained like oases in a desert, time and again, as if echoing, a great, all-encompassing knowledge and insight that existed in the ancient era of humanity. What Heraclitus says, what Thales, Anaxagoras, and Anaximenes say—all of it is, one might say, as if humanity had forgotten its primordial wisdom and were recalling individual, fragmentary statements here and there. Like fragmentary memories, these few sentences that have been handed down from Thales, Anaxagoras, and the seven Greek sages emerge.
[ 10 ] Und dann finden wir bei PJato noch eine Art deutlichen Bewußtseins von dieser Urweisheit, bei Aristoteles schon alles umgesetzt in äußere menschliche Weisheit. Bei den Stoikern und Epikureern verschwindet dann die Sache immer mehr und mehr. Es bleibt das alte Urwissen nur wie eine Sage zurück. So war es bei den Griechen.
[ 10 ] And then, in PJato, we find a kind of clear awareness of this primordial wisdom, which Aristotle had already fully transformed into external human wisdom. Among the Stoics and Epicureans, this wisdom then disappears more and more. All that remains of this ancient primordial knowledge is a legend. That was the case with the Greeks.
[ 11 ] Bei den Römern — die Römer waren ja von Naturanlage aus ein prosaisches, nüchternes Volk — war es gar so, daß sie jeden Sinn verleugneten für das Urwissen, daß sie alles in Abstraktionen umsetzten. Für die Entwickelung der Menschheit war es notwendig, daß der Gang ein solcher war, wie ich es Ihnen eben beschrieben habe mit Bezug auf die Urweisheit. Die Menschen hätten niemals zur Entwikkelung der Freiheit kommen können, wenn die Urweisheit, die ihnen ja auf dem Wege eines atavistischen Hellsehens zugekommen ist, in ihrer ursprünglichen Intensität und Bedeutung für den Menschen geblieben wäre. Aber mit dieser Urweisheit war doch verbunden alles, was an moralischen Impulsen, ich möchte sagen, von Götterhöhen herunter, den Menschen hat zukommen können. Das mußte gerettet werden. Es mußte den Menschen der moralische Impuls gerettet werden.
[ 11 ] Among the Romans—who, by nature, were a prosaic, sober people—it was even the case that they denied any sense of primordial wisdom, reducing everything to abstractions. For the development of humanity, it was necessary that the course of events be as I have just described to you with regard to primordial wisdom. Human beings could never have arrived at the development of freedom if primordial wisdom—which came to them through a form of atavistic clairvoyance—had remained in its original intensity and significance for humanity. But connected to this primordial wisdom was everything in the way of moral impulses—I would say, coming down from the heights of the gods—that could have reached humanity. That had to be preserved. The moral impulse had to be preserved for humanity.
[ 12 ] Und unter den mancherlei Dingen, die wir schon zu sagen hatten über das Mysterium von Golgatha, ist dieses, daß durch jenes göttliche Prinzip, das durch den Menschen Jesus von Nazareth auf die Erde hinuntergestiegen ist, getragen war die moralische Kraft, die allmählich natürlich auch zerstoben, zerklüftetr war mit dem Herabdämmern und allmählichen Ersterben der alten Urweisheit. Es ist wirklich so, wenn es auch dem heutigen Menschen paradox erscheint, daß man sagen kann: Es war eine alte Urweisheit vorhanden (siehe Zeichnung Seite 130, weiß). Mit dieser alten Urweisheit war verbunden die moralische Kraft, moralische Weisheit des Menschen. Die war als ein integrierender Bestandteil darin (rot). Nun ist die alte Urweisheit abgelähmt worden. Sie konnte nicht mehr der Träger sein des moralischen Impulses.
[ 12 ] And among the many things we have already had to say about the Mystery of Golgotha is this: that the divine principle which descended to Earth through the man Jesus of Nazareth carried within it the moral force that, naturally, gradually dissipated and fractured with the waning and gradual demise of the ancient primordial wisdom. It is indeed true—even if it seems paradoxical to people today—that one can say: There was an ancient primordial wisdom (see illustration on page 130, white). Connected to this ancient primordial wisdom was the moral power, the moral wisdom of humankind. This was an integral part of it (red). Now, this ancient primordial wisdom has been paralysed. It could no longer serve as the bearer of the moral impulse.
[ 13 ] Dieser moralische Impuls mußte gewissermaßen in Schutz und Schirm genommen werden von dem Mysterium von Golgatha (siehe Zeichnung Seite 132, gelb), und seine weitere Fortpflanzung für die abendländische Zivilisation war dasjenige, was aus dem Mysterium von Golgatha entsprungen ist als Christus-Impuls, in den hineingetragen wurde dasjenige, was als moralischer Extrakt gewissermaßen von der alten Urweisheit geblieben ist.
[ 13 ] This moral impulse had to be, so to speak, taken under the protection and shelter of the Mystery of Golgotha (see illustration on page 132, yellow), and its further propagation within Western civilization was that which sprang from the Mystery of Golgotha as the Christ impulse, into which was carried that which, as it were, remained as a moral essence from the ancient primordial wisdom.


[ 14 ] Es ist sehr merkwürdig, wenn man verfolgt, sagen wir dasjenige, was in der abendländischen Zivilisation an eigentlicher Wissenschaft, an eigentlicher Weisheit lebt so bis in das 8., 9. nachchristliche Jahrhundert hinein. Lesen Sie einmal nach die Beschreibung des abendländischen Wissens in der Zeit bis in das 8., 9. nachchristliche Jahrhundert, wie ich es angedeutet habe in meinen «Rätseln der Philosophie». Sie werden sehen: es ist im Grunde genommen nichts da in dieser Entwickelung, was man in unserem heutigen Sinne als Wissen bezeichnen kann. Das kommt ja erst seit der Mitte des 15. Jahrhunderts herauf, seit der Galilei-Zeit. Was da vorhanden ist an Wissen, das ist eigentlich alles Überlieferung aus der alten Urweisheit, nicht mehr innerlich intuitierte Urweisheit, nicht mehr innerlich erlebte Urweisheit, aber äußerlich überlieferte Weisheit. Ich habe Ihnen ja oft jene Geschichte erzählt von Galei, die keine Anekdote ist, wie Galilei Mühe hatte, einen Freund zu überzeugen von der Wahrheit desjenigen, was er behauptete. Der Freund war gewöhnt, so wie die anderen Leute des Mittelalters, die sich der Pflege der Weisheit widmeten, zu nehmen, was in den Büchern des Aristoteles stand oder in den anderen überlieferten Büchern. Es war ja alles, was man so lernte in jener Zeit, Überlieferung. Man tradierte dasjenige, was in den Büchern des Aristoteles stand. Und dieser gelehrte Freund des Galilei sagte mit Aristoteles, daß die Nerven vom Herzen ausgehen. Galilei bemühte sich, ihm klarzumachen, daß er nach der Wissenschaft der Erfahrung an der Leiche etwas anderes sagen müsse: daß die Nerven vom Kopf, vom Gehirn ausgehen beim Menschen. Das glaubte der aristotelische Mann, dieser aristotelische Denker nicht. Da führte ihn Galilei an die Leiche, zeigte ihm die Tatsache, daß die Nerven vom Gehirn ausgehen und nicht vom Herzen und meinte, der müsse doch jetzt das glauben, was er mit seinen eigenen Augen sähe. Da sagte der Betreffende: Das scheint zwar so zu sein; der Augenschein lehrt, daß die Nerven vom Gehirn ausgehen, aber der Aristoteles sagt das Gegenteil. Wenn es sich für mich darum handelt, zu entscheiden zwischen dem Augenschein der Natur und dem, was Aristoteles sagt, dann glaube ich dem Aristoteles und nicht der Natur! — Es ist keine Anekdote, es ist eine wahre Begebenheit. Wir erleben im Grunde genommen das gleiche, nur umgekehrt auch in unserer Zeit.
[ 14 ] It is very curious to trace, let us say, what actually constitutes science and true wisdom in Western civilization well into the 8th and 9th centuries A.D. Take a look at the description of Western knowledge up through the 8th and 9th centuries A.D., as I have indicated in my *Riddles of Philosophy*. You will see: there is essentially nothing in this development that can be called knowledge in our modern sense. That only began to emerge in the mid-15th century, during the time of Galileo. What exists there in terms of knowledge is actually all tradition handed down from ancient primordial wisdom—no longer primordial wisdom intuitively grasped from within, no longer primordial wisdom experienced from within, but wisdom transmitted from the outside. I have often told you that story about Galileo—which is not an anecdote—about how Galileo struggled to convince a friend of the truth of what he claimed. The friend was accustomed, like other people of the Middle Ages who devoted themselves to the study of wisdom, to accepting what was written in Aristotle’s books or in other traditional texts. After all, everything one learned in those days was based on tradition. People passed down what was written in Aristotle’s books. And this learned friend of Galileo’s, following Aristotle, claimed that the nerves originate in the heart. Galileo tried to make it clear to him that, according to the science of empirical observation on a corpse, he had to say something else: that in humans, the nerves originate in the head, in the brain. The Aristotelian man—this Aristotelian thinker—did not believe this. So Galileo led him to the cadaver, showed him the fact that the nerves originate in the brain and not in the heart, and said that he must now believe what he saw with his own eyes. Then the man replied: “That does indeed seem to be the case; what I see with my own eyes shows that the nerves originate in the brain, but Aristotle says the opposite.” “If I have to choose between what nature shows me and what Aristotle says, then I believe Aristotle and not nature!”—This is not an anecdote; it is a true story. We are essentially experiencing the same thing, only in reverse, in our own time.
[ 15 ] Sehen Sie, es war alles Überlieferung, was an Wissen da war. Ein neues Wissen kam erst wiederum mit der Galilei-Zeit herauf, mit Kopernikus und so weiter. Aber es war durch den christlichen Impuls getragen der moralische Antrieb durch diese Jahrhunderte. Er war verbunden im wesentlichen mit dem religiösen Elemente. Das war nicht so in der heidnischen Kultur. In der heidnischen Kultur war eben der Mensch sich bewußt: Wenn er Weltenweisheit empfing, empfing er damit auch den moralischen Antrieb.
[ 15 ] You see, all the knowledge that existed was based on tradition. New knowledge didn’t emerge until the time of Galileo, with Copernicus and so on. But the moral impetus throughout those centuries was carried by the Christian impulse. It was essentially linked to religious elements. That was not the case in pagan culture. In pagan culture, people were simply aware that when they received worldly wisdom, they also received the moral impetus.
[ 16 ] Nun kam mit der Mitte des 15. Jahrhunderts ein neuer Antrieb herauf, welcher nun gründlich brach mit alledem, was alte Weisheit war, wenn sie auch jetzt nur noch durch Überlieferung vorhanden war. Es ist außerordentlich interessant zu sehen, mit welcher Rage diejenigen, die das neue Wissen herauftrugen, zum Beispiel Giordano Bruno, man darf schon sagen: schimpfen auf alles dasjenige, was alte Weisheitsüberlieferung war. Auch Bruno ist ja geradezu rasend, wenn er ins Schimpfen kommt über die alte Weisheitserinnerung. Es kommt eben etwas ganz Neues herauf. Und man geht wirklich weit weg von dem, was Verständnis der Menschheitsentwickelung ist, wenn man dieses Neue, das da heraufkommt, nicht anzusehen vermag als einen Anfang.
[ 16 ] By the middle of the 15th century, a new movement had emerged that broke completely with all that constituted ancient wisdom, even though it now existed only through tradition. It is extraordinarily interesting to see the fury with which those who brought forth this new knowledge—Giordano Bruno, for example—one might even say, railed against everything that constituted the old tradition of wisdom. Bruno, too, is downright frenzied when he launches into his tirade against the old memory of wisdom. Something entirely new is emerging. And one truly strays far from an understanding of human development if one is unable to view this new thing that is emerging as a beginning.


[ 17 ] Sehen Sie, wir können sagen, wenn wir hier andeuten das Mysterium von Golgatha (siehe Zeichnung, gelb), daß sich der moralische Antrieb fortsetzt (rot). Was war es denn, was durch das Mysterium von Golgatha getragen wurde aus einer älteren Zeit in eine neuere Zeit, indem es in dieser Richtung (Pfeil nach rechts) getragen wurde? Es war ein Ende. Und je mehr wir immer weiter und weiter heraufkommen, desto mehr verschwindet die alte Weisheit, selbst in ihrer Überlieferung. Wir können sagen: sie perlt noch fort wie in Wellen als Überlieferung (weiß); aber mit dem 15. Jahrhundert kommt das Neue herauf, ein Anfang.
[ 17 ] You see, when we refer here to the Mystery of Golgotha (see diagram, yellow), we can say that the moral impulse continues (red). What, then, was it that was carried through the Mystery of Golgotha from an earlier time into a later time, as it was carried in this direction (arrow to the right)? It was an end. And the further and further we ascend, the more the old wisdom disappears, even in its tradition. We can say: it still ripples on like waves as tradition (white); but with the 15th century, the new emerges—a beginning.
[ 18 ] Wir sind wahrhaftig in diesem Anfang noch nicht sehr weit drinnen. Die paar Jahrhunderte, die wir verlebt haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, haben uns einige Naturwissenschaft gebracht; aber wir sind doch in diesem Anfange nicht sehr weit drinnen.
[ 18 ] We are truly still in the very early stages of this process. The few centuries that have passed since the mid-15th century have brought us some scientific knowledge; but we are still in the very early stages of this process.
[ 19 ] Doch, was ist das für eine Weisheit? Ja, sehen Sie, das ist eine Weisheit, die zunächst so, wie sie aufgetreten ist, gerade das Eigentümliche hat, daß sie entgegengesetzt der alten heidnischen Weisheit gar keinen moralischen Impuls in sich enthält. Wir können noch so viel im Sinne dieser neuen Weisheit, dieser Galilei-Weisheit Mineralogie, Geologie, Physik, Chemie, Biologie und so weiter studieren, wir werden niemals heraussaugen aus unserer Naturerkenntnis irgendeinen moralischen Antrieb.
[ 19 ] But what kind of wisdom is this? Well, you see, this is a wisdom that, as it first appeared, has the peculiar characteristic that—in contrast to the old pagan wisdom—it contains no moral impulse whatsoever. No matter how much we study mineralogy, geology, physics, chemistry, biology, and so on in the spirit of this new wisdom—this “Galilean wisdom”—we will never be able to extract any moral impetus from our knowledge of nature.
[ 20 ] Wenn die Leute heute glauben, Sozialwissenschaft auf Grundlage der Naturwissenschaft begründen zu können, so ist das eben eine gewaltige Illusion. Denn niemals läßt sich herauspressen aus dem Naturwissen dasjenige Wissen, das Ideal sein könnte für das menschliche Handeln so, wie wir dieses Naturwissen heute haben. Dieses Naturwissen steht eben durchaus im Anfange, und wir können nur hoffen, daß dieses Naturwissen, indem es sich immer weiter und weiter entwickelt, soweit kommt, daß es auch wiederum als solches moralische Impulse in sich enthalten kann. Aber wenn es sich in seiner Art nur weiterentwickeln würde, so würde es durch seine eigene Art nicht moralische Impulse aus sich hervortreiben können. Dazu ist notwendig, daß sich neben diesem Naturwissen nunmehr entwickelt ein neues übersinnliches Wissen (blau). Dann wird dieses übersinnliche Wissen auch wiederum die Strahlen moralischen Wollens in sich enthalten können (rot). Und wenn der Anfang, der mit der Mitte des 15. Jahrhunderts gemacht ist, am Erdenende selbst an seinem Ende sein wird, dann wird zusammenfließen können dasjenige, was übersinnliches Wissen ist, mit dem sinnlichen Wissen (weiß), und es wird aus diesem eine Einheit entstehen können (Pfeile).
[ 20 ] If people today believe they can ground the social sciences on the basis of the natural sciences, that is simply a colossal illusion. For the knowledge of nature, as we possess it today, can never yield the kind of knowledge that could serve as an ideal for human action. This knowledge of nature is still very much in its infancy, and we can only hope that, as it continues to develop further and further, it will reach a point where it, in turn, can contain moral impulses within itself. But if it were to develop only in its own way, it would not, by its very nature, be able to generate moral impulses from within itself. For this to happen, it is necessary that, alongside this natural knowledge, a new supersensible knowledge (blue) now develop. Then this supersensible knowledge will in turn be able to contain within itself the rays of moral will (red). And when the process that began in the mid-15th century comes to an end at the very end of the Earth’s existence, then that which is supersensible knowledge will be able to merge with sensory knowledge (white), and a unity will be able to emerge from this (arrows).
[ 21 ] Sie sehen, wenn der alte heidnische Weise oder auch der Bekenner der alten heidnischen Weisheit von seinen Mysterien-Initiierten die heidnische Weisheit empfangen hat, so hat er in einem empfangen von diesen Initiierten: Naturwissen, kosmisches Wissen, Anthropogenesis und Moralwissenschaft, die ihm zu gleicher Zeit moralischer Antrieb war. Es war eins.
[ 21 ] You see, when the ancient pagan sage—or even the adherent of ancient pagan wisdom—received pagan wisdom from his initiates into the mysteries, he received from these initiates: knowledge of nature, cosmic knowledge, anthropogenesis, and moral science, which at the same time served as his moral impetus. It was one.
[ 22 ] Heute ist notwendig, daß der Mensch sich zu dem Bekenntnis aufschwingt: Er bekommt auf der einen Seite das Naturwissen, auf der anderen Seite das übersinnliche Wissen. Das Naturwissen für sich wird bar sein der moralischen Antriebe. Die moralischen Antriebe werden durch ein übersinnliches Wissen gewonnen werden müssen. Und da schließlich auch die sozialen Antriebe letzten Endes moralische Antriebe sein müssen, so ist eine wirkliche Sozialerkenntnis, ja nicht einmal eine Summe von Sozialimpulsen denkbar, ohne daß sich die Menschen zu übersinnlicher Erkenntnis erheben.
[ 22 ] Today, it is necessary for human beings to rise to the following recognition: On the one hand, they acquire knowledge of nature; on the other, they acquire supersensible knowledge. Knowledge of nature, taken by itself, will be devoid of moral impulses. Moral impulses will have to be derived from supersensible knowledge. And since social impulses, too, must ultimately be moral impulses, true social understanding—indeed, not even a sum of social impulses—is inconceivable unless human beings rise to supersensible knowledge.
[ 23 ] Das ist wichtig für den gegenwärtigen Menschen, einzusehen, daß er einen anderen Weg einschlagen muß für das soziale Wissen, als ihm die Methode des Naturwissens geben kann. Aber indem ich dieses ausspreche, liegt zugleich die Notwendigkeit nahe, Sie auf ein merkwürdiges Paradoxon aufmerksam zu machen. Ich habe ja öfter gerade an diesem Orte hier es ausgesprochen, daß die tiefsten Wahrheiten der Initiationswissenschaft dem gewöhnlichen Alltagsbewußtsein paradox erscheinen, sonderbar erscheinen, dem groben Materialisten sogar hirnverbrannt erscheinen. Aber es ist notwendig in unserer Zeit, daß man sich bekanntmacht mit diesen vielfach heute paradox erscheinenden Weistümern. Denn auch für unsere Zeit gilt es, daß manches, was den Menschen als Torheit erscheint, Weisheit ist vor Gott. Es könnte nichts schaden, wenn dieses Bibelwort ein wenig berücksichtigt würde von denjenigen, die heute Anthroposophie entweder lächelnd in Hochmut aburteilen oder wüst kritisieren. Denn sie könnten bedenken, daß vielleicht dasjenige, was sie für Torheit anschauen, Weisheit sein könnte vor den Göttern. Es würde einigen Menschen — und das «einige» sind hier sehr viele — eigentlich recht gut tun, namentlich auch manchen, die mit ihrem Gebetbuch in die Kirche gehen und über Anthroposophie wettern, weniger auf ihr Hochmutsbekenntnis zu pochen, als mehr hineinzuschauen in dasjenige, was das Bekenntnis des Christentums wirklich enthält. In unserer Zeit ist es eben notwendig, sich mit einigem paradox Erscheinendem bekanntzumachen.
[ 23 ] It is important for people today to realize that they must take a different path toward social knowledge than the one offered by the methods of the natural sciences. But in saying this, I am also compelled to draw your attention to a curious paradox. I have, in fact, often stated right here that the deepest truths of initiatory science appear paradoxical to ordinary everyday consciousness, seem strange, and even appear preposterous to the crude materialist. But it is necessary in our time to become acquainted with these truths, which today often seem paradoxical. For even in our time, it remains true that what seems like folly to human beings is wisdom before God. It could do no harm if this biblical saying were given a little consideration by those who today either dismiss anthroposophy with a smirk of arrogance or harshly criticize it. For they might consider that perhaps what they regard as folly could be wisdom before the gods. It would actually do some people—and “some” here means a great many—a world of good, especially those who go to church with their prayer books and rail against anthroposophy, to focus less on their arrogant creed and more on looking into what the Christian creed truly contains. In our time, it is indeed necessary to familiarize oneself with certain things that appear paradoxical.
[ 24 ] Es ist zum Beispiel zweierlei heute möglich. Es kann einer sich heute bekanntmachen mit der Naturwissenschaft unserer Zeit, ich will heute etwas schroff diese zwei Dinge hinstellen, die ich jetzt zu charakterisieren habe. Er kann zum Beispiel in sich aufnehmen, was heute die Wissenschaft der Chemie, der Physik bietet, was die Wissenschaft der Biologie bietet. Er kann fleißig und emsig studieren, was sich aus dem sogenannten Darwinismus heraus ergeben hat als Entwickelungsgeschichte. Er wird, indem er das alles studiert, Materialist werden können in bezug auf seine Erkenntnisanschauung. Er wird materialistisch werden können, gewiß, das ist nicht zu leugnen. Und weil die Menschen heute, ich möchte sagen, so schnell fertig sind mit dem Urteil, so werden sie eben materialistisch, wenn sie ganz aufgehen nach den Intentionen mancher ihrer Zeitgenossen in dem äußeren Naturwissen. Aber man kann auch noch etwas anderes tun. Man kann seine Aufmerksamkeit außer auf das, was Physik, Chemie, Mineralogie, Botanik, Zoologie, Biologie bieten, was diese Wissenschaften lehren, hinlenken auf das, was man im physikalischen Kabinett, im Experimentieren macht. Man kann achtgeben darauf, wie man sich im chemischen Laboratorium verhält, was man da tut; man kann achtgeben darauf, wie man Pflanzen untersucht, Tiere untersucht in ihrer Entwickelung.
[ 24 ] For example, two things are possible today. One can familiarize oneself with the natural sciences of our time—I want to present these two things rather bluntly today, as I am about to characterize them. One can, for example, absorb what the sciences of chemistry and physics have to offer today, as well as what the science of biology has to offer. One can study diligently and assiduously what has emerged from so-called Darwinism as a history of evolution. By studying all of this, one will be able to become a materialist in terms of one’s epistemological outlook. One will be able to become a materialist—certainly, that cannot be denied. And because people today, I would say, are so quick to pass judgment, they simply become materialistic when they are completely absorbed, in accordance with the intentions of some of their contemporaries, in the external natural sciences. But one can also do something else. One can direct one’s attention not only to what physics, chemistry, mineralogy, botany, zoology, and biology offer—what these sciences teach—but also to what one does in the physics lab and in experimentation. One can pay attention to how one behaves in the chemistry lab and what one does there; one can pay attention to how one examines plants and studies animals in their development.
[ 25 ] Goethes Naturwissen beruht namentlich darauf, daß er sich viel damit beschäftigt hat, wie die anderen zu ihrem Wissen gekommen sind. Darauf beruht gerade die Größe Goethes, daß er sich viel mit der Art, wie die anderen zu ihrem Wissen kommen, beschäftigt hat. Und es ist sehr, sehr bedeutsam, einmal den wirklichen Geist einer solchen Abhandlung Goethes wie die vom «Versuch als Vermittler zwischen Objekt und Subjekt» wirklich zu studieren. Da sieht man, wie Goethe das Hantieren mit den Naturerscheinungen aufmerksam verfolgt hat. Was man Methode des Forschens nennen kann, das hat er aufmerksam, recht aufmerksam verfolgt. Wenn Sie nachlesen in meinen «Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften», so werden Sie sehen, zu welch großartigen Resultaten Goethe durch dieses Verfolgen der naturwissenschaftlichen Methode gekommen ist. Man kann in einer gewissen Beziehung das, was Goethe getan hat, dann weiter fortsetzen für die Errungenschaften der Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert und bis ins 20. Jahrhundert hinein, was Goethe ja nicht mehr tun konnte.
[ 25 ] Goethe’s knowledge of nature is based, in particular, on the fact that he devoted a great deal of attention to how others arrived at their knowledge. It is precisely this—his deep engagement with the way others arrive at their knowledge—that constitutes the greatness of Goethe. And it is very, very significant to truly study the real spirit of one of Goethe’s treatises, such as “The Experiment as Mediator Between Object and Subject.” There one sees how attentively Goethe followed the handling of natural phenomena. What one might call the method of research, he followed attentively—very attentively indeed. If you read my “Introductions to Goethe’s Scientific Writings,” you will see what magnificent results Goethe achieved through this pursuit of the scientific method. In a certain sense, one can then build upon what Goethe did to advance the achievements of natural science in the 19th century and into the 20th century—something Goethe himself was no longer able to do.
[ 26 ] Also ich sage: zweierlei ist möglich. Halten wir das zunächst fest. Man bleibt stehen bei dem, was die Naturwissenschaften an Resultaten geben, oder aber man beschäftigt sich damit, nachzusehen, wie man sich verhält, um zu diesen naturwissenschaftlichen Resultaten zu kommen. Halten wir das fest, was wir so in bezug auf das Naturerkennen gesagt haben. Betrachten wir jetzt das menschliche Erkenntnisstreben von einem anderen Gesichtspunkte aus. Sie wissen, daß es außer der Naturwissenschaft noch ein geistiges Wissen gibt, daß man zum Beispiel Kosmologie, Anthropologie als Anthroposophie, Erkenntnis vom Menschen so betreiben kann, daß es zu Ergebnissen führt, wie ich sie verzeichnet habe, sagen wir in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß». Da hat man positive Erkenntnisse, die auf die geistige Welt hindeuten. So wie man in der Naturwissenschaft in Mineralogie, Geologie und so weiter positive Erkenntnisse erhält, so haben wir da positive Erkenntnisse, die sich auf die geistige Welt beziehen. Es war mir ganz besonders wichtig im Laufe unserer anthroposophischen Bewegung, in den verschiedenen von mir geschriebenen Büchern auch solche positiven Erkenntnisse der geistigen Welt zu verbreiten. Nun kann man es aber auch so machen, daß man auch da hauptsächlich darauf sieht, nicht zu diesen Erkenntnissen bloß zu kommen, sondern darauf zu sehen, auf welche Art der Mensch sie macht; in welcher Weise es der Mensch schildert, wie der Mensch von der äußeren Beobachtung zu der inneren Beobachtung kommt, wie er nicht nur naturforscherisch im Laboratorium, im physikalischen Kabinett, in der Klinik, auf der Sternwarte, sondern wie er durch seine innere Seelenentwickelung auf mystischem Wege zu höherer geistiger Anschauung kommt. Das würde parallel sein dem Hinschauen auf die naturwissenschaftliche Methode, auf das Hantieren, auf die Art, wie man es macht. Also auch da gibt es dieses Zwiefache: das Hinschauen auf die Ergebnisse und das Hinschauen auf die Art, wie man seelisch zu diesen Ergebnissen kommt.
[ 26 ] So I say: two things are possible. Let’s establish that first. One can either stop at the results provided by the natural sciences, or one can examine how one behaves in order to arrive at these scientific results. Let us keep in mind what we have said regarding the understanding of nature. Let us now consider the human quest for knowledge from a different perspective. You know that, in addition to the natural sciences, there is also spiritual knowledge—that, for example, one can pursue cosmology, anthropology (as anthroposophy), and the study of the human being in such a way that it leads to results like those I have described, say, in my *Outline of Esoteric Science*. There we have positive insights that point to the spiritual world. Just as one gains positive insights in the natural sciences—in mineralogy, geology, and so on—so too do we have positive insights that relate to the spiritual world. It was particularly important to me, in the course of our anthroposophical movement, to disseminate such positive insights into the spiritual world in the various books I have written. However, one can also approach this in such a way that one focuses primarily not merely on arriving at these insights, but on examining the manner in which human beings arrive at them; how a person describes them, how a person moves from external observation to internal observation, and how they arrive at higher spiritual insight not only through scientific research in the laboratory, the physics laboratory, the clinic, or the observatory, but also through their inner spiritual development along a mystical path. This would be analogous to examining the scientific method, the procedures, and the way in which things are done. So here, too, there is this twofold aspect: looking at the results and looking at the way in which one arrives at these results through one’s inner spiritual development.
[ 27 ] Nun nehmen wir einmal etwas, was schon durch seine Annahme etwas paradox wirkt, hypothetisch an. Nehmen wir einmal an, jemand würde sich in der Naturwissenschaft hauptsächlich wie Goethe beschäftigen mit der Verfolgung der naturwissenschaftlichen Methoden — der wird sicher nicht Materialist, der wird sicher zu einer spirituellen Weltanschauung sich bekennen. In der neueren Zeit ist es ein sicherer Weg, den Materialismus zu überwinden, die Art des Forschens in der Naturwissenschaft zu durchschauen. Und Materialisten auf naturwissenschaftlichem Gebiete werden die Menschen eben nur deshalb, weil sie sich entweder gar nicht oder zu wenig befassen mit der Art ihres Forschens. Sie bleiben bei den Ergebnissen stehen, bei dem, was die Klinik, das Kabinett, die Sternwarte bringt. Sie gehen nicht über zum Goetheanismus, zu der Betrachtung der Art des Forschens; denn wer die naturwissenschaftliche Art, die Welt anzuschauen, zu operieren mit den Dingen, um zu Erkenntnissen zu kommen, auf sich wirken läßt, der wird zum mindesten Idealist, aber wahrscheinlich Spiritualist, wenn er nur weit genug vordringt.
[ 27 ] Now let us hypothetically consider something that seems somewhat paradoxical simply by virtue of its assumption. Let us suppose that someone in the natural sciences were to engage, much like Goethe, primarily in the pursuit of scientific methods—that person would certainly not become a materialist; rather, they would surely embrace a spiritual worldview. In more recent times, a sure way to overcome materialism is to gain insight into the nature of scientific research. And people become materialists in the field of natural science precisely because they either do not concern themselves at all with the nature of their research, or do so only to a limited extent. They stop at the results—at what the clinic, the laboratory, or the observatory yields. They do not move on to Goetheanism, to the examination of the nature of scientific inquiry; for whoever allows the scientific way of viewing the world—of working with things to arrive at knowledge—to take effect upon them will, at the very least, become an idealist, but probably a spiritualist, if they only go far enough.
[ 28 ] Wenn man nun versucht, es zu vermeiden, zu positiven Ergebnissen der Geisteswissenschaft zu kommen, wenn man langweilig findet, sich mit den Einzelheiten der Geisteswissenschaft abzugeben, und nur immer und immer beschrieben haben will, wie die Seele des Menschen mystisch wird, wenn man also da auf die Methoden, zum Geistigen zu kommen, sein Hauptaugenmerk richtet, so ist das in Wirklichkeit die größte Versuchung, materialistisch zu werden. Die größte Versuchung, materialistisch zu werden, ist, sich nicht befassen zu wollen mit den konkreten Ergebnissen der Geisteswissenschaft und nur immer und immer zu betonen das mystische Forschen, das mystische Seelenvertiefen, die Methode, in die geistige Welt hineinzukommen.
[ 28 ] If one now tries to avoid arriving at positive results in spiritual science, if one finds it tedious to deal with the details of spiritual science and wants only to have described over and over again how the human soul becomes mystical—in other words, if one focuses one’s attention primarily on the methods for attaining the spiritual—then this is in reality the greatest temptation to become materialistic. The greatest temptation to become materialistic is to refuse to engage with the concrete findings of spiritual science and to emphasize, over and over again, only mystical inquiry, mystical deepening of the soul, and the method of entering the spiritual world.
[ 29 ] Sehen Sie, das ist eine paradoxe Sache. Wer das Naturwissen, das Naturforschen beobachtet, wird Spiritualist; wer verschmäht, zu wirklichen geistigen Erkenntnissen zu kommen und nur von Mystik redet, das heißt, wie man es macht, um zu geistigen Erkenntnissen zu kommen, der ist der großen Versuchung ausgesetzt, erst recht ein Materialist zu werden. Solche Dinge muß man heute wissen. Ohne das Wissen solcher Dinge kommt man nicht aus. Denn, schen Sie, heute gibt es Monistenbünde; da verbreiten die Menschen, die sich als Führer aufspielen in solchen Monistenbünden, eine oberflächliche Weltanschauung. Sie fassen zusammen die äußeren materialistischen Resultate der Naturwissenschaft zu einer oberflächlichen Weltanschauung. Die leuchten den Menschen der heutigen Zeit ein, die sich nicht viel anstrengen wollen, die lieber ins Kino gehen als zu irgend etwas anderem und daher lieber eine Art Kinowissenschaft — denn das ist ja der Materialismus — nehmen, als dasjenige, was innerlich erarbeitet werden muß. Diese Führer der Monistenbünde, die liefern also einen oberflächlichen Materialismus. Gewiß, sie sind Schädlinge, denn sie verbreiten Irrtümer. Es ist nicht gut, daß man sie hochkommen läßt, denn sie verdrehen den Leuten materialistisch die Köpfe. Aber sie sind die weniger Gefährlichen, denn sie sind zum großen Teil ehrlich. Diese Ehrlichkeit schützt sie zwar nicht davor, Irrtümer zu verbreiten, aber immerhin, sie sind meistens schlicht ehrlich, und ihre Irrtümer werden überwunden werden. Sie werden nur eine temporäre Bedeutung haben.
[ 29 ] You see, this is a paradoxical situation. Anyone who observes the natural sciences and scientific research becomes a spiritualist; anyone who spurns the pursuit of true spiritual insights and speaks only of mysticism—that is, of the methods used to attain spiritual insights—is exposed to the great temptation of becoming, all the more so, a materialist. These are things one must know today. One cannot do without this knowledge. For, you see, today there are monist societies; there, the people who set themselves up as leaders in such societies propagate a superficial worldview. They condense the external, materialistic findings of natural science into a superficial worldview. This appeals to people of today who do not want to exert much effort, who would rather go to the movies than do anything else, and who therefore prefer a kind of “movie science”—for that is what materialism is—rather than what must be worked out inwardly. These leaders of the monist associations thus offer a superficial form of materialism. Certainly, they are a nuisance, for they spread errors. It is not good to let them rise to prominence, for they fill people’s heads with materialistic nonsense. But they are the less dangerous ones, for they are, for the most part, honest. This honesty does not, of course, protect them from spreading errors, but at least they are mostly simply honest, and their errors will be overcome. They will have only temporary significance.
[ 30 ] Aber es gibt andere Menschen, die lehnen es ab — systematisch, wissentlich —, zu den konkreten positiven Ergebnissen der Geisteswissenschaft die Menschen zu führen. Ja, sie schüren die heute bestehende, aus einer gewissen Bequemlichkeit heraus bestehende Abneigung der Menschen, sich einzulassen auf positive konkrete Ergebnisse der Geisteswissenschaft. Sie wissen, solche Dinge, wie sie in meiner «Geheimwissenschaft» stehen, die man ein paar Jahre lang studieren muß, wenn man sich hineinfinden will, die sind nicht bequem für den heutigen Menschen, der zwar seinen Sohn auf die Universität schickt oder auf die Hochschule, wenn dieser ein Chemiker werden soll, der aber voraussetzt, wenn er Himmel und Erde erkennen und geistig erobern soll, daß er das im Handumdrehen an einem Abend mindestens machen muß, und der von jedem Vortrag über die übersinnlichen Welten verlangt, daß er ihm die ganze Summe der Weltenweisheit gibt. Konkrete Ergebnisse positiver geistiger Forschung finden die Menschen unbequem. Und diese Neigung der Menschen benützen einzelne in der Gegenwart vorhandene Persönlichkeiten und reden dann den Menschen ein, daß man solche Dinge nicht braucht, daß es nicht nötig ist, sich mit positiven einzelnen konkreten geistigen Tatsachen zu befassen. Sie sagen: Ach, was reden da die Menschen von höheren Hierarchien, die man erst kennenlernen müsse? Was reden die Menschen von Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan und so weiter? Das alles braucht man nicht! — Man erzählt den Menschen: Wenn ihr nur recht euch innerlich vertieft, wenn ihr recht mystisch die Seele macht, dann dringt ihr zu dem Gotte in eurer eigenen Wesenheit vor. — Man erzählt das den Menschen, gibt ihnen so allgemeine Andeutungen über dasjenige, was Beziehung der materiellen Welt zur übersinnlichen Welt ist. Man schürt an die Abneigung der Menschen, in konkrete geistige Welten einzudringen. Und warum tut man das? Weil man scheinbar verbreiten will spirituelle Gesinnung; aber in Wirklichkeit will man etwas anderes: Man will erst recht auf diesem Wege den Materialismus erzeugen. Deshalb sind die Führer der Monistenbünde die am wenigsten schädlichen. Diejenigen, die heute Mystik verbreiten und den Menschen immer von allerlei Mystik reden, die sind oftmals die eigentlichen Pfleger, die raffinierten Pfleger des Materialismus. Sie reden auf die Menschen ein von irgendeinem Wege, der in die geistigen Welten führt, vermeiden es, im Konkreten zu sprechen, reden hauptsächlich in allgemeinen Redensarten und erreichen ganz sicher, daß in der dritten Generation die Welt durchmaterialisiert ist, wenn sie zum Siege gelangen. Der sicherere und raffiniertere Weg in den Materialismus hinein ist heute vielfach, Mystik zu tradieren den Leuten, die es verschmähen, auf positive, geisteswissenschaftliche Resultate einzugehen. Und manches, was heute erscheint auf dem Boden sogenannter geistiger Literatur, das ist viel stärker ein Pfleger des Materialismus als zum Beispiel die Ernst Haeckelschen Bücher.
[ 30 ] But there are others who refuse—systematically and knowingly—to guide people toward the concrete, positive results of spiritual science. Indeed, they stoke the aversion that exists today—an aversion born of a certain complacency—among people to engage with the concrete, positive results of spiritual science. They know that things like those found in my *Secret Science*—which one must study for a few years to truly grasp—are not convenient for people today, who, while they send their son to university or college if he is to become a chemist, but who assumes that, if he is to understand heaven and earth and conquer them spiritually, he must do so in the blink of an eye—at least in a single evening—and who demands that every lecture on the supersensible worlds provide him with the entire sum of worldly wisdom. People find the concrete results of positive spiritual research inconvenient. And certain individuals living today exploit this human tendency, convincing people that such things are unnecessary, that there is no need to concern oneself with specific, concrete spiritual facts. They say: “Oh, what are people talking about—higher hierarchies that one must first get to know? What are they talking about—Saturn, the Sun, the Moon, Earth, Jupiter, Venus, Vulcan, and so on?” You don’t need any of that! — People are told: If you just delve deeply enough within yourselves, if you cultivate your soul in a truly mystical way, then you will reach God within your own being. — People are told this, and given such general hints about the relationship between the material world and the supersensible world. They stoke people’s aversion to penetrating into concrete spiritual worlds. And why do they do this? Because they ostensibly want to spread a spiritual mindset; but in reality, they want something else: they want, above all, to foster materialism in this way. That is why the leaders of the monist societies are the least harmful. Those who promote mysticism today and constantly speak to people about all manner of mysticism are often the true, the subtle cultivators of materialism. They persuade people of some path that leads into the spiritual worlds, avoid speaking in concrete terms, speak mainly in generalities, and will certainly ensure that, by the third generation, the world will be thoroughly materialized if they succeed. The surer and more subtle path into materialism today is often to pass on mysticism to people who refuse to engage with positive, spiritual-scientific findings. And much of what appears today in the realm of so-called spiritual literature is a far greater promoter of materialism than, for example, Ernst Haeckel’s books.
[ 31 ] Solche Dinge sind den Menschen heute unbequem zu hören, weil, indem man so etwas vor die Menschen hinstellt, man in starkem Maße appelliert an ihr Unterscheidungsvermögen. Aber die Menschen möchten heute nicht den Appell empfangen an ihr Unterscheidungsvermögen. Die Menschen möchten viel lieber innerliche seelische Wollust erregt haben mit allerlei mystischem Zeug. Deshalb ist es auch, daß so viel Gegnerschaft erwächst gerade denjenigen Bestrebungen, die es heute ehrlich meinen mit dem geistigen Leben, indem sie es verschmähen, in allgemeinem «Mysteln» an die Menschen heranzukommen. Wer wirkliche Geisteswissenschaft bringt, erfährt Gegnerschaften. Denn es gibt eben zahlreiche Menschen und Menschengemeinschaften in der Gegenwart, die auf keinen Fall möchten, daß wahre geistige Erhebung in die Menschheit kommt, und die die Tatsache benützen, daß, wenn man im allgemeinen dem Menschen mystisch herumredet, man den Materialismus ganz sicher pflegt. Diese Tatsache benützen sie. Deshalb bekämpfen sie bis aufs Messer die ehrlichen Wege, die in die Geisteswissenschaft hineinführen sollen.
[ 31 ] People today find such things uncomfortable to hear because, by presenting them with such ideas, one is appealing strongly to their power of discernment. But people today do not want to have their power of discernment challenged. People would much rather have their inner souls aroused by all sorts of mystical nonsense. That is why so much opposition arises precisely against those endeavors that are sincere about spiritual life today, as they refuse to approach people through general “mysticism.” Anyone who brings true spiritual science encounters opposition. For there are indeed numerous people and communities today who under no circumstances want true spiritual elevation to come to humanity, and who exploit the fact that, when one generally speaks to people in mystical terms, one is quite certainly fostering materialism. They exploit this fact. That is why they fight tooth and nail against the honest paths that are meant to lead into spiritual science.
[ 32 ] Eine reiche Literatur, die es heute gibt, habe ich Ihnen damit gekennzeichnet. Eigentlich stehen heute die Dinge so, daß jeder, der ein mystisches Buch in die Hand nimmt, welcher Art immer es ist, stark an sein eigenes Unterscheidungsvermögen appellieren muß. Das ist sehr notwendig. Daher darf man sich auch nicht beirren lassen davon, daß vieles mystelnde Geschreibsel, das in der Gegenwart erscheint, leicht verständlich ist. Selbstverständlich ist es für den Menschen leicht verständlich, wenn man ihm zum Beispiel sagt: Du brauchst nur in dein Inneres ganz tief hineinzuschauen; dann lebt ein Gott in dir, dein Gott, den du nur findest, indem du deinen eigenen Weg gehst. Kein anderer kann dir diesen Weg vermitteln; denn jeder andere spricht von einem anderen Gotte. — Sie finden es heute in vielen Büchern außerordentlich versucherisch, verführerisch dargestellt. Diese Dinge, die bitte ich Sie, recht eindringlich sich zu Gemüte: zu führen. Denn dasjenige, was durch unsere anthroposophische Bewegung erreicht werden soll, erreichen Sie nur dadurch, daß Sie wenigstens eine kleine Schar sind, welche sich aufringen will zu dem charakterisierten Unterscheidungsvermögen. Es wäre schlimm für die Menschheit, wenn man sich nicht aufraffen würde zu diesem Unterscheidungsvermögen. Man muß schon heute sich stark auf die Füße stellen, wenn man in der heutigen Verwirrung und in dem heutigen Chaos feststehen will. Man kann heute sich oftmals fragen, worin denn eigentlich die Ursachen so vieler Verwirrung in der Menschheit bestehen. Aber man kann sie ja fast greifen, diese Ursachen. Sie liegen in kleinen Tatsachen. Man muß nur diese kleinen Tatsachen richtig beurteilen können.
[ 32 ] I have thus pointed out to you the rich body of literature that exists today. In fact, the situation today is such that anyone who picks up a mystical book, whatever its nature, must rely heavily on their own power of discernment. This is absolutely necessary. Therefore, one must not be misled by the fact that much of the mystical writing appearing today is easy to understand. Of course, it is easy for people to understand when, for example, they are told: You need only look very deeply within yourself; then a God lives within you—your God—whom you can find only by following your own path. No one else can show you this path, for everyone else speaks of a different God. — You will find this presented in an extraordinarily alluring and seductive way in many books today. I urge you most earnestly to take these things to heart. For what our anthroposophical movement aims to achieve can only be attained if you form at least a small group willing to strive for the discernment I have described. It would be disastrous for humanity if people did not summon the will to develop this discernment. One must stand firm even today if one wishes to remain steadfast amid the confusion and chaos of our times. One may often ask oneself today what the actual causes of so much confusion among humanity are. But one can almost grasp these causes. They lie in small facts. One must simply be able to judge these small facts correctly.
[ 33 ] Ich möchte Ihnen zum Schluß eine kleine Tatsache mitteilen, die mir gerade vor ein paar Stunden vor Augen getreten ist, und die ganz geeignet ist, auf die Seelenstimmung der Menschen in der Gegenwart einiges Licht zu werfen. Mein Leipziger Verleger, Altmann, schrieb mir — ich habe den Brief vor ein paar Stunden erhalten, ich weiß nicht, wie sich sonst die Sache verhält —, daß ein scharfer, angreifender Artikel — das ist ja sicher auch gestattet, nicht wahr! — in einer theosophischen Zeitschrift in Leipzig erschienen ist gegen meine Anthroposophie, ein vernichtender Artikel in demselben Heft, wo abgedruckt sind mein Seelenkalender und mein Aufruf an die Kulturmenschheit, so daß also nebeneinander stehen die Verse des Seelenkalenders «nach Rudolf Steiner», mein «Aufruf an das deutsche Volk und die Kulturwelt» und hinterher ein Angriffsartikel: «Rudolf Steiners Appell an den Instinkt der Mittelmäßigkeit» — zur Charakteristik der gegenwärtigen Anthroposophie.
[ 33 ] I would like to conclude by sharing a small fact with you that came to my attention just a few hours ago, and which is quite apt for shedding some light on the state of mind of people today. My publisher in Leipzig, Altmann, wrote to me—I received the letter a few hours ago; I don’t know what the situation is otherwise—that a sharp, critical article—which is certainly permitted, isn’t it! — has appeared in a theosophical journal in Leipzig directed against my anthroposophy; a scathing article in the very same issue that also contains my *Soul Calendar* and my *Appeal to Civilized Humanity*, so that the verses of the *Soul Calendar* “by Rudolf Steiner” my “Appeal to the German People and the Civilized World,” and following that, an attack article: “Rudolf Steiner’s Appeal to the Instinct of Mediocrity”—as a characterization of contemporary anthroposophy.
[ 34 ] Sehen Sie, in solchen Dingen zeigt sich immerhin einiges von der Konstitution einer gegenwärtigen Menschenseele. Da tritt es nur in grotesker Form zu Tage. Aber es ist unbequem, in den vielen Gestalten gleich zu sehen, wo es überall vorhanden ist. Mancherlei groteske Widersprüche, die sind nicht etwa nur an solchen etwas unreinlichen Orten vorhanden, sondern sie sind auch im heutigen Menschheitsleben durchaus vorhanden. Und es ist nötig heute, sich wirklich zur Klarheit, zur, ich möchte sagen, messerscharfen Klarheit durchzuringen, wenn man fest stehen will. Das ist es, worauf es ankommt.
[ 34 ] You see, in such things, at least some aspect of the constitution of the modern human soul becomes apparent. There, it only comes to light in a grotesque form. But it is difficult to see immediately, in its many guises, where it is present everywhere. All sorts of grotesque contradictions—these are not limited to such somewhat unsanitary places, but are also very much present in human life today. And today it is necessary to truly force oneself to clarity—to, I would say, razor-sharp clarity—if one wants to stand firm. That is what matters.
