Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage
GA 191
17 Oktober 1919, Dornach
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Ich möchte Ihnen heute von einigen grundlegenden Erkenntnissen der Initiationswissenschaft sprechen, die uns dann eine Art Unterlage bieten sollen für das, was wir morgen und übermorgen betrachten wollen. Wir werden heute zunächst hinweisen auf etwas, was im Bewußtsein eines jeden Menschen liegt, was nur gewöhnlich nicht klar genug erfaßt wird. Wir reden, indem wir solche Dinge besprechen, immer vom Gesichtspunkt unserer Gegenwart, in dem Stil und Sinn, wie ich das ja öfter hier auseinandergesetzt habe: daß auch Erkenntnisse durchaus nicht gelten für immer und überall, sondern für eine bestimmte Zeit, ja sogar für eine bestimmte Räumlichkeit der Erde. So gelten gewisse Erkenntnis-Gesichtspunkte zum Beispiel für die europäische Zivilisation; andere Gesichtspunkte gelten für, sagen wir, die Erkenntnisse des Orients. Nun weiß wohl jeder Mensch, daß wir uns mit unserer Erkenntnis gewissermaßen zwischen zwei Polen befinden. Es fühlt jeder Mensch, wie auf der einen Seite diejenigen Erkenntnisse stehen, die wir gewinnen durch Sinnesanschauung. Der einfache, naive Mensch lernt durch seine Sinne die Welt kennen, kommt auch bis zu einem gewissen zusammenfassenden Punkt dessen, was er sieht, was er hört, was er überhaupt durch seine Sinne wahrnimmt. Und im Grunde genommen ist dasjenige, was die Wissenschaft bietet, so wie wit diese Wissenschaft jetzt im Abendlande haben, ja auch nichts anderes als eine Zusammenfassung dessen, was sinnlich den Menschen sich darbietet.
[ 2 ] Nun fühlt wohl ein jeder, daß es andere Erkenntnisse gibt, daß man unmöglich ein Vollmensch sein kann im gewöhnlichen Sinne des Wortes für die alltägliche Welt, wenn man nicht eine andere Art von Erkenntnissen zu dieser eben charakterisierten hinzufügt. Und das ist die Art von Erkenntnissen, die es mit unserem moralischen Leben zu tun hat. Wir reden nicht nur von den Ideen der Naturerkenntnis, durch die wir uns das eine oder andere in der Natur erklären; wir reden von sittlichen Ideen, von sittlichen Idealen, die wir als Antriebe unseres Handelns empfinden, von denen wir uns beherrschen lassen, wenn wir selbst in unserer gewöhnlichen Welt auftreten wollen. Und es fühlt wohl auch jeder Mensch, daß wir mit dem einen Pol unseres erkennenden Lebens, der Sinneserkenntnis und ihrem Anhang, der Verstandeserkenntnis — denn die Verstandeserkenntnis ist nur ein Anhang der Sinneserkenntnis —, gewöhnlich nicht heraufreichen können bis zu den sittlichen Ideen. Die sittlichen Ideen sind da; aber wir können nicht, indem wir zum Beispiel Naturwissenschaft treiben, aus der Betrachtung der Pflanzenwelt, aus der Betrachtung der mineralischen Welt oder sonst irgendwie mit unserer gegenwärtigen Naturwissenschaft sittliche Ideen finden. Darin besteht ja gerade das Tragische unserer Zeit, daß man zum Beispiel auf sozialem Gebiete Ideen für das Handeln finden will nach naturwissenschaftlicher Methode. Niemals wird man das können, wenn man wirklich sich dem gesunden Menschenverstand hingibt. Wie auf einer anderen Seite des Lebens sind die sittlichen Ideen da. Wirklich steht unser Leben unter dem Einfluß dieser zwei Strömungen: des Naturerkennens auf der einen Seite, des sittlichen Erkennens auf der anderen Seite.
[ 3 ] Sie wissen aus meiner «Philosophie der Freiheit», daß in der Erfassung der moralischen Intuitionen uns die höchsten sittlichen Ideen, die wir als Menschen brauchen, gegeben sind, und daß diese sittlichen Ideen, wenn wir in ihren Besitz kommen, unsere menschliche Freiheit begründen. Auf der anderen Seite wissen Sie vielleicht auch, daß sich für gewisse Denker immer eine Art von Kluft gezeigt hat zwischen dem, was Naturerkenntnis auf der einen Seite ist, was sittliche Erkenntnis auf der anderen Seite ist. Die Kantsche Philosophie beruht ja auf dieser Kluft, auf diesem Abgrunde, den sie nicht ganz überbrücken kann. Daher gibt es von Kant eine «Kritik» der theoretischen Vernunft, der «reinen Vernunft», wie er sagt, worin er sich nur mit der Naturerkenntnis auseinandersetzt, worin er alles dasjenige sagt, was er zu sagen hat über die Naturerkenntnis. Und auf der anderen Seite gibt es von ihm eine «Kritik der praktischen Vernunft», in welcher er spricht von den sittlichen Ideen. Man möchte sagen: Für ihn entspringt das gesamte menschliche Leben aus zwei voneinander ganz getrennten Wurzeln, die er in seinen zwei Haupt-«Kritiken» beschreibt.
[ 4 ] Nun würde es natürlich mißlich um den Menschen stehen, wenn es keine Verbindungsbrücke gäbe zwischen diesen zwei Polen unseres Seelenlebens. Und derjenige, der sich ernstlich mit Geisteswissenschaft beschäftigt auf der einen Seite und andererseits es ernst nimmt mit den Aufgaben gerade unserer Zeit, der muß intensiv fragen: Wo ist die Brücke zwischen den sittlichen Ideen und den Naturideen?
[ 5 ] Wir werden heute zur Erkenntnis dieser Brücke den Standpunkt wählen, den ich als den historischen bezeichnen möchte. Sie wissen ja aus den verschiedenen Betrachtungen, die wir hier angestellt haben, daß die Seelenverfassung der Menschen in älterer Zeit eine wesentlich andere war, als sie in späterer Zeit geworden ist. Die Entstehung des Christentums bildet wirklich einen tiefen Einschnitt in die ganze Entwickelung der Menschheit. Und nur wenn man versteht, was eigentlich mit dem Entstehen des Christentums sich herausgebildet hat in der Entwickelung der Menschheit, kommt man mit dem Verstehen des Menschen überhaupt zurecht.
[ 6 ] Dasjenige, was zeitlich zurückliegt hinter der Entstehung des Christentums, ist, wenn wir von dem Judentum absehen — wir haben es vor kurzem hier erst wiederum erwähnt —, der ganze Umfang der heidnischen Kultur. Das Judentum war ja nur eine Vorbereitung für das Christentum. Dieser ganze Umfang der heidnischen Kultur unterscheidet sich ganz wesenhaft von unserer gegenwärtigen christlichen Kultur. Diese heidnische Kultur war, je weiter wir zurückgehen, eine einheitliche Kultur. Sie war eine Kultur, die vorzugsweise begründet war auf menschliche Weisheit. Ich weiß, dem Menschen der Gegenwart ist es beleidigend, wenn man ihm davon spricht, daß mit Bezug auf die Weisheit die alten Zeiten weiter waren als dieser Mensch der Gegenwart; aber es war so. Es gab über die Erde hin in der alten heidnischen Zeit eine Weisheit, die näher, viel näher war den Urgründen der Dinge als unser heutiges Wissen, namentlich als unsere heutige Naturwissenschaft. Und dieses alte, dieses uralte Wissen, es war ein sehr konkretes Wissen, es war ein Wissen, welches intensiv verbunden war mit der geistigen Wirklichkeit der Dinge. Der Mensch bekam etwas herein in seine Seele, indem er wußte von der Wirklichkeit der Dinge. Aber das besonders Eigentümliche war bei dieser alten heidnischen Weisheit, daß die Menschen, die sie empfingen — Sie wissen, die Menschen empfingen sie aus den Mysterien von den Initiierten —, sie so empfingen, daß in dieser Weisheit zu gleicher Zeit enthalten war Naturerkenntnis und Moralerkenntnis. Man verkennt heute diese für die Entwickelungsgeschichte der Menschheit außerordentlich bedeutungsvolle Wahrheit, die ich eben ausgesprochen habe, nur deswegen, weil man in der äußeren Geschichte nicht zurückgehen kann bis zu den eigentlich charakteristischen Zeiten der alten heidnischen Weisheit. Das historische Wissen reicht nicht so weit zurück, daß man mit ihm die Zeiten erfassen könnte, in denen die Menschen, indem sie zu den Sternen hinaufgeschaut haben, aus den Sternen empfingen diejenige Weisheit, die ihnen in ihrer Art auf der einen Seite erklärte den Sternenlauf, auf der anderen Seite aber auch sagte, wie sich die Menschen verhalten sollen in ihrem Handeln hier auf Erden. Etwas bildlich, aber im Grunde nicht ganz bildlich, sondern bis zu einem gewissen Grade doch gegenständlich gesprochen, könnte man sagen, daß noch die alte ägyptische, die alte chaldäische Kultur so waren, daß die Menschen Naturgesetze lasen im Sternenlaufe, aber auch lasen aus dem Sternenlauf die Vorschriften für dasjenige, was sie auf der Erde tun sollten. Die Kodizes der alten ägyptischen Pharaonen zum Beispiel enthalten Vorschriften über dasjenige, was Gesetz werden sollte. Es war so, daß über weite Jahrhunderte hin prophetisch vorausgesagt war, was in späterer Zeit Gesetz werden sollte. Aber das alles, was da in diesen Kodizes stand, war abgelesen von den Sternenläufen. Also es gab in jenen alten Zeiten nicht eine Astronomie, wie wir sie jetzt haben, die nur mathematische Gesetze der Sternenbewegung oder der Erdenbewegung enthält, sondern es gab eine Wissenschaft vom Kosmos, die zu gleicher Zeit Moralwissenschaft, Ethik war.
[ 7 ] Das Bedenkliche der ja nunmehr bis zum Dilettantismus hinreichenden neueren Astrologie besteht darin, daß man in ihr nicht mehr fühlt, daß das, was in ihr gegeben ist, nur dann ein Ganzes ist, wenn mit den Gesetzen, die man in ihr verzeichnet, zugleich Moralgesetze für die Menschen gegeben sind. Das ist etwas sehr Bedeutsames, außerordentlich Bedeutsames. |
[ 8 ] Nun war es im Menschheitsverlaufe so, daß jene Urwissenschaft der Menschen, jene Urweisheit der Menschen im wesentlichen verlorenging. Und es liegt ja das der Tatsache zugrunde, daß gewisse Geheimschulen, die aber in ihrer ernsten Form eigentlich schon aufgehört haben mit dem Ende des 18. Jahrhunderts, auch gewisse Geheimschulen des Abendlandes immer wieder und wiederum auf die verlorene Wissenschaft, das «verlorene Wort» zurückwiesen. Gewöhnlich wußten die Späteren gar nicht mehr, was sie unter dem Wort «Wort» dabei verstehen sollten. Aber es liegt dem eine gewisse Tatsache zugrunde. Und bei Saint-Martin kann man noch die Nachklänge davon lesen, wie man bis ins 18. Jahrhundert sehr genau gefühlt hat, daß in alten Zeiten die Menschen ein ihnen mit dem Naturwissen zugleich zukommendes Geisteswissen besessen haben, das auch ihre Moralwissenschaft enthielt und das verlorengegangen ist, verlorengegangen im Grunde schon in den acht Jahrhunderten, die der Entstehung des Christentums vorangegangen sind. Man kann sogar sagen: Die ältere griechische Geschichte ist im wesentlichen das allmähliche Verlieren der Urweisheit.
[ 9 ] Wenn man die vorsokratischen Philosophen studiert, die Nietzsche die Philosophen des tragischen Zeitalters der Griechen genannt hat: Heraklit, Thales, Anaximenes, Anaxagoras — ich habe sie behandelt in meinen «Rätseln der Philosophie», so gut man sie für die Menschheit heute äußerlich behandeln kann, es ist ja nur wenig von ihnen in äußerer Schrift vorhanden —, dann findet man in diesen Sätzen, die da geblieben sind wie Oasen in einer Wüste, immer wieder, wie wenn nachklingen würde ein großes, umfassendes Wissen und Erkennen, das in der alten Menschheitszeit vorhanden war. Was Heraklit sagt, was Thales, Anaxagoras, Anaximenes sagen, das alles ist so, möchte man sagen, wie wenn die Menschheit vergessen hätte ihre Urweisheit und sich an einzelne fragmentarische Sätze da oder dort erinnert. Wie fragmentarische Erinnerungen kommen die paar Sätze heraus, die überliefert sind von Thales, Anaxagotas, von den sieben griechischen Weisen.
[ 10 ] Und dann finden wir bei PJato noch eine Art deutlichen Bewußtseins von dieser Urweisheit, bei Aristoteles schon alles umgesetzt in äußere menschliche Weisheit. Bei den Stoikern und Epikureern verschwindet dann die Sache immer mehr und mehr. Es bleibt das alte Urwissen nur wie eine Sage zurück. So war es bei den Griechen.
[ 11 ] Bei den Römern — die Römer waren ja von Naturanlage aus ein prosaisches, nüchternes Volk — war es gar so, daß sie jeden Sinn verleugneten für das Urwissen, daß sie alles in Abstraktionen umsetzten. Für die Entwickelung der Menschheit war es notwendig, daß der Gang ein solcher war, wie ich es Ihnen eben beschrieben habe mit Bezug auf die Urweisheit. Die Menschen hätten niemals zur Entwikkelung der Freiheit kommen können, wenn die Urweisheit, die ihnen ja auf dem Wege eines atavistischen Hellsehens zugekommen ist, in ihrer ursprünglichen Intensität und Bedeutung für den Menschen geblieben wäre. Aber mit dieser Urweisheit war doch verbunden alles, was an moralischen Impulsen, ich möchte sagen, von Götterhöhen herunter, den Menschen hat zukommen können. Das mußte gerettet werden. Es mußte den Menschen der moralische Impuls gerettet werden.
[ 12 ] Und unter den mancherlei Dingen, die wir schon zu sagen hatten über das Mysterium von Golgatha, ist dieses, daß durch jenes göttliche Prinzip, das durch den Menschen Jesus von Nazareth auf die Erde hinuntergestiegen ist, getragen war die moralische Kraft, die allmählich natürlich auch zerstoben, zerklüftetr war mit dem Herabdämmern und allmählichen Ersterben der alten Urweisheit. Es ist wirklich so, wenn es auch dem heutigen Menschen paradox erscheint, daß man sagen kann: Es war eine alte Urweisheit vorhanden (siehe Zeichnung Seite 130, weiß). Mit dieser alten Urweisheit war verbunden die moralische Kraft, moralische Weisheit des Menschen. Die war als ein integrierender Bestandteil darin (rot). Nun ist die alte Urweisheit abgelähmt worden. Sie konnte nicht mehr der Träger sein des moralischen Impulses.
[ 13 ] Dieser moralische Impuls mußte gewissermaßen in Schutz und Schirm genommen werden von dem Mysterium von Golgatha (siehe Zeichnung Seite 132, gelb), und seine weitere Fortpflanzung für die abendländische Zivilisation war dasjenige, was aus dem Mysterium von Golgatha entsprungen ist als Christus-Impuls, in den hineingetragen wurde dasjenige, was als moralischer Extrakt gewissermaßen von der alten Urweisheit geblieben ist.
[ 14 ] Es ist sehr merkwürdig, wenn man verfolgt, sagen wir dasjenige, was in der abendländischen Zivilisation an eigentlicher Wissenschaft, an eigentlicher Weisheit lebt so bis in das 8., 9. nachchristliche Jahrhundert hinein. Lesen Sie einmal nach die Beschreibung des abendländischen Wissens in der Zeit bis in das 8., 9. nachchristliche Jahrhundert, wie ich es angedeutet habe in meinen «Rätseln der Philosophie». Sie werden sehen: es ist im Grunde genommen nichts da in dieser Entwickelung, was man in unserem heutigen Sinne als Wissen bezeichnen kann. Das kommt ja erst seit der Mitte des 15. Jahrhunderts herauf, seit der Galilei-Zeit. Was da vorhanden ist an Wissen, das ist eigentlich alles Überlieferung aus der alten Urweisheit, nicht mehr innerlich intuitierte Urweisheit, nicht mehr innerlich erlebte Urweisheit, aber äußerlich überlieferte Weisheit. Ich habe Ihnen ja oft jene Geschichte erzählt von Galei, die keine Anekdote ist, wie Galilei Mühe hatte, einen Freund zu überzeugen von der Wahrheit desjenigen, was er behauptete. Der Freund war gewöhnt, so wie die anderen Leute des Mittelalters, die sich der Pflege der Weisheit widmeten, zu nehmen, was in den Büchern des Aristoteles stand oder in den anderen überlieferten Büchern. Es war ja alles, was man so lernte in jener Zeit, Überlieferung. Man tradierte dasjenige, was in den Büchern des Aristoteles stand. Und dieser gelehrte Freund des Galilei sagte mit Aristoteles, daß die Nerven vom Herzen ausgehen. Galilei bemühte sich, ihm klarzumachen, daß er nach der Wissenschaft der Erfahrung an der Leiche etwas anderes sagen müsse: daß die Nerven vom Kopf, vom Gehirn ausgehen beim Menschen. Das glaubte der aristotelische Mann, dieser aristotelische Denker nicht. Da führte ihn Galilei an die Leiche, zeigte ihm die Tatsache, daß die Nerven vom Gehirn ausgehen und nicht vom Herzen und meinte, der müsse doch jetzt das glauben, was er mit seinen eigenen Augen sähe. Da sagte der Betreffende: Das scheint zwar so zu sein; der Augenschein lehrt, daß die Nerven vom Gehirn ausgehen, aber der Aristoteles sagt das Gegenteil. Wenn es sich für mich darum handelt, zu entscheiden zwischen dem Augenschein der Natur und dem, was Aristoteles sagt, dann glaube ich dem Aristoteles und nicht der Natur! — Es ist keine Anekdote, es ist eine wahre Begebenheit. Wir erleben im Grunde genommen das gleiche, nur umgekehrt auch in unserer Zeit.
[ 15 ] Sehen Sie, es war alles Überlieferung, was an Wissen da war. Ein neues Wissen kam erst wiederum mit der Galilei-Zeit herauf, mit Kopernikus und so weiter. Aber es war durch den christlichen Impuls getragen der moralische Antrieb durch diese Jahrhunderte. Er war verbunden im wesentlichen mit dem religiösen Elemente. Das war nicht so in der heidnischen Kultur. In der heidnischen Kultur war eben der Mensch sich bewußt: Wenn er Weltenweisheit empfing, empfing er damit auch den moralischen Antrieb.
[ 16 ] Nun kam mit der Mitte des 15. Jahrhunderts ein neuer Antrieb herauf, welcher nun gründlich brach mit alledem, was alte Weisheit war, wenn sie auch jetzt nur noch durch Überlieferung vorhanden war. Es ist außerordentlich interessant zu sehen, mit welcher Rage diejenigen, die das neue Wissen herauftrugen, zum Beispiel Giordano Bruno, man darf schon sagen: schimpfen auf alles dasjenige, was alte Weisheitsüberlieferung war. Auch Bruno ist ja geradezu rasend, wenn er ins Schimpfen kommt über die alte Weisheitserinnerung. Es kommt eben etwas ganz Neues herauf. Und man geht wirklich weit weg von dem, was Verständnis der Menschheitsentwickelung ist, wenn man dieses Neue, das da heraufkommt, nicht anzusehen vermag als einen Anfang.
[ 17 ] Sehen Sie, wir können sagen, wenn wir hier andeuten das Mysterium von Golgatha (siehe Zeichnung, gelb), daß sich der moralische Antrieb fortsetzt (rot). Was war es denn, was durch das Mysterium von Golgatha getragen wurde aus einer älteren Zeit in eine neuere Zeit, indem es in dieser Richtung (Pfeil nach rechts) getragen wurde? Es war ein Ende. Und je mehr wir immer weiter und weiter heraufkommen, desto mehr verschwindet die alte Weisheit, selbst in ihrer Überlieferung. Wir können sagen: sie perlt noch fort wie in Wellen als Überlieferung (weiß); aber mit dem 15. Jahrhundert kommt das Neue herauf, ein Anfang.
[ 18 ] Wir sind wahrhaftig in diesem Anfang noch nicht sehr weit drinnen. Die paar Jahrhunderte, die wir verlebt haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, haben uns einige Naturwissenschaft gebracht; aber wir sind doch in diesem Anfange nicht sehr weit drinnen.
[ 19 ] Doch, was ist das für eine Weisheit? Ja, sehen Sie, das ist eine Weisheit, die zunächst so, wie sie aufgetreten ist, gerade das Eigentümliche hat, daß sie entgegengesetzt der alten heidnischen Weisheit gar keinen moralischen Impuls in sich enthält. Wir können noch so viel im Sinne dieser neuen Weisheit, dieser Galilei-Weisheit Mineralogie, Geologie, Physik, Chemie, Biologie und so weiter studieren, wir werden niemals heraussaugen aus unserer Naturerkenntnis irgendeinen moralischen Antrieb.
[ 20 ] Wenn die Leute heute glauben, Sozialwissenschaft auf Grundlage der Naturwissenschaft begründen zu können, so ist das eben eine gewaltige Illusion. Denn niemals läßt sich herauspressen aus dem Naturwissen dasjenige Wissen, das Ideal sein könnte für das menschliche Handeln so, wie wir dieses Naturwissen heute haben. Dieses Naturwissen steht eben durchaus im Anfange, und wir können nur hoffen, daß dieses Naturwissen, indem es sich immer weiter und weiter entwickelt, soweit kommt, daß es auch wiederum als solches moralische Impulse in sich enthalten kann. Aber wenn es sich in seiner Art nur weiterentwickeln würde, so würde es durch seine eigene Art nicht moralische Impulse aus sich hervortreiben können. Dazu ist notwendig, daß sich neben diesem Naturwissen nunmehr entwickelt ein neues übersinnliches Wissen (blau). Dann wird dieses übersinnliche Wissen auch wiederum die Strahlen moralischen Wollens in sich enthalten können (rot). Und wenn der Anfang, der mit der Mitte des 15. Jahrhunderts gemacht ist, am Erdenende selbst an seinem Ende sein wird, dann wird zusammenfließen können dasjenige, was übersinnliches Wissen ist, mit dem sinnlichen Wissen (weiß), und es wird aus diesem eine Einheit entstehen können (Pfeile).
[ 21 ] Sie sehen, wenn der alte heidnische Weise oder auch der Bekenner der alten heidnischen Weisheit von seinen Mysterien-Initiierten die heidnische Weisheit empfangen hat, so hat er in einem empfangen von diesen Initiierten: Naturwissen, kosmisches Wissen, Anthropogenesis und Moralwissenschaft, die ihm zu gleicher Zeit moralischer Antrieb war. Es war eins.
[ 22 ] Heute ist notwendig, daß der Mensch sich zu dem Bekenntnis aufschwingt: Er bekommt auf der einen Seite das Naturwissen, auf der anderen Seite das übersinnliche Wissen. Das Naturwissen für sich wird bar sein der moralischen Antriebe. Die moralischen Antriebe werden durch ein übersinnliches Wissen gewonnen werden müssen. Und da schließlich auch die sozialen Antriebe letzten Endes moralische Antriebe sein müssen, so ist eine wirkliche Sozialerkenntnis, ja nicht einmal eine Summe von Sozialimpulsen denkbar, ohne daß sich die Menschen zu übersinnlicher Erkenntnis erheben.
[ 23 ] Das ist wichtig für den gegenwärtigen Menschen, einzusehen, daß er einen anderen Weg einschlagen muß für das soziale Wissen, als ihm die Methode des Naturwissens geben kann. Aber indem ich dieses ausspreche, liegt zugleich die Notwendigkeit nahe, Sie auf ein merkwürdiges Paradoxon aufmerksam zu machen. Ich habe ja öfter gerade an diesem Orte hier es ausgesprochen, daß die tiefsten Wahrheiten der Initiationswissenschaft dem gewöhnlichen Alltagsbewußtsein paradox erscheinen, sonderbar erscheinen, dem groben Materialisten sogar hirnverbrannt erscheinen. Aber es ist notwendig in unserer Zeit, daß man sich bekanntmacht mit diesen vielfach heute paradox erscheinenden Weistümern. Denn auch für unsere Zeit gilt es, daß manches, was den Menschen als Torheit erscheint, Weisheit ist vor Gott. Es könnte nichts schaden, wenn dieses Bibelwort ein wenig berücksichtigt würde von denjenigen, die heute Anthroposophie entweder lächelnd in Hochmut aburteilen oder wüst kritisieren. Denn sie könnten bedenken, daß vielleicht dasjenige, was sie für Torheit anschauen, Weisheit sein könnte vor den Göttern. Es würde einigen Menschen — und das «einige» sind hier sehr viele — eigentlich recht gut tun, namentlich auch manchen, die mit ihrem Gebetbuch in die Kirche gehen und über Anthroposophie wettern, weniger auf ihr Hochmutsbekenntnis zu pochen, als mehr hineinzuschauen in dasjenige, was das Bekenntnis des Christentums wirklich enthält. In unserer Zeit ist es eben notwendig, sich mit einigem paradox Erscheinendem bekanntzumachen.
[ 24 ] Es ist zum Beispiel zweierlei heute möglich. Es kann einer sich heute bekanntmachen mit der Naturwissenschaft unserer Zeit, ich will heute etwas schroff diese zwei Dinge hinstellen, die ich jetzt zu charakterisieren habe. Er kann zum Beispiel in sich aufnehmen, was heute die Wissenschaft der Chemie, der Physik bietet, was die Wissenschaft der Biologie bietet. Er kann fleißig und emsig studieren, was sich aus dem sogenannten Darwinismus heraus ergeben hat als Entwickelungsgeschichte. Er wird, indem er das alles studiert, Materialist werden können in bezug auf seine Erkenntnisanschauung. Er wird materialistisch werden können, gewiß, das ist nicht zu leugnen. Und weil die Menschen heute, ich möchte sagen, so schnell fertig sind mit dem Urteil, so werden sie eben materialistisch, wenn sie ganz aufgehen nach den Intentionen mancher ihrer Zeitgenossen in dem äußeren Naturwissen. Aber man kann auch noch etwas anderes tun. Man kann seine Aufmerksamkeit außer auf das, was Physik, Chemie, Mineralogie, Botanik, Zoologie, Biologie bieten, was diese Wissenschaften lehren, hinlenken auf das, was man im physikalischen Kabinett, im Experimentieren macht. Man kann achtgeben darauf, wie man sich im chemischen Laboratorium verhält, was man da tut; man kann achtgeben darauf, wie man Pflanzen untersucht, Tiere untersucht in ihrer Entwickelung.
[ 25 ] Goethes Naturwissen beruht namentlich darauf, daß er sich viel damit beschäftigt hat, wie die anderen zu ihrem Wissen gekommen sind. Darauf beruht gerade die Größe Goethes, daß er sich viel mit der Art, wie die anderen zu ihrem Wissen kommen, beschäftigt hat. Und es ist sehr, sehr bedeutsam, einmal den wirklichen Geist einer solchen Abhandlung Goethes wie die vom «Versuch als Vermittler zwischen Objekt und Subjekt» wirklich zu studieren. Da sieht man, wie Goethe das Hantieren mit den Naturerscheinungen aufmerksam verfolgt hat. Was man Methode des Forschens nennen kann, das hat er aufmerksam, recht aufmerksam verfolgt. Wenn Sie nachlesen in meinen «Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften», so werden Sie sehen, zu welch großartigen Resultaten Goethe durch dieses Verfolgen der naturwissenschaftlichen Methode gekommen ist. Man kann in einer gewissen Beziehung das, was Goethe getan hat, dann weiter fortsetzen für die Errungenschaften der Naturwissenschaft im 19. Jahrhundert und bis ins 20. Jahrhundert hinein, was Goethe ja nicht mehr tun konnte.
[ 26 ] Also ich sage: zweierlei ist möglich. Halten wir das zunächst fest. Man bleibt stehen bei dem, was die Naturwissenschaften an Resultaten geben, oder aber man beschäftigt sich damit, nachzusehen, wie man sich verhält, um zu diesen naturwissenschaftlichen Resultaten zu kommen. Halten wir das fest, was wir so in bezug auf das Naturerkennen gesagt haben. Betrachten wir jetzt das menschliche Erkenntnisstreben von einem anderen Gesichtspunkte aus. Sie wissen, daß es außer der Naturwissenschaft noch ein geistiges Wissen gibt, daß man zum Beispiel Kosmologie, Anthropologie als Anthroposophie, Erkenntnis vom Menschen so betreiben kann, daß es zu Ergebnissen führt, wie ich sie verzeichnet habe, sagen wir in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß». Da hat man positive Erkenntnisse, die auf die geistige Welt hindeuten. So wie man in der Naturwissenschaft in Mineralogie, Geologie und so weiter positive Erkenntnisse erhält, so haben wir da positive Erkenntnisse, die sich auf die geistige Welt beziehen. Es war mir ganz besonders wichtig im Laufe unserer anthroposophischen Bewegung, in den verschiedenen von mir geschriebenen Büchern auch solche positiven Erkenntnisse der geistigen Welt zu verbreiten. Nun kann man es aber auch so machen, daß man auch da hauptsächlich darauf sieht, nicht zu diesen Erkenntnissen bloß zu kommen, sondern darauf zu sehen, auf welche Art der Mensch sie macht; in welcher Weise es der Mensch schildert, wie der Mensch von der äußeren Beobachtung zu der inneren Beobachtung kommt, wie er nicht nur naturforscherisch im Laboratorium, im physikalischen Kabinett, in der Klinik, auf der Sternwarte, sondern wie er durch seine innere Seelenentwickelung auf mystischem Wege zu höherer geistiger Anschauung kommt. Das würde parallel sein dem Hinschauen auf die naturwissenschaftliche Methode, auf das Hantieren, auf die Art, wie man es macht. Also auch da gibt es dieses Zwiefache: das Hinschauen auf die Ergebnisse und das Hinschauen auf die Art, wie man seelisch zu diesen Ergebnissen kommt.
[ 27 ] Nun nehmen wir einmal etwas, was schon durch seine Annahme etwas paradox wirkt, hypothetisch an. Nehmen wir einmal an, jemand würde sich in der Naturwissenschaft hauptsächlich wie Goethe beschäftigen mit der Verfolgung der naturwissenschaftlichen Methoden — der wird sicher nicht Materialist, der wird sicher zu einer spirituellen Weltanschauung sich bekennen. In der neueren Zeit ist es ein sicherer Weg, den Materialismus zu überwinden, die Art des Forschens in der Naturwissenschaft zu durchschauen. Und Materialisten auf naturwissenschaftlichem Gebiete werden die Menschen eben nur deshalb, weil sie sich entweder gar nicht oder zu wenig befassen mit der Art ihres Forschens. Sie bleiben bei den Ergebnissen stehen, bei dem, was die Klinik, das Kabinett, die Sternwarte bringt. Sie gehen nicht über zum Goetheanismus, zu der Betrachtung der Art des Forschens; denn wer die naturwissenschaftliche Art, die Welt anzuschauen, zu operieren mit den Dingen, um zu Erkenntnissen zu kommen, auf sich wirken läßt, der wird zum mindesten Idealist, aber wahrscheinlich Spiritualist, wenn er nur weit genug vordringt.
[ 28 ] Wenn man nun versucht, es zu vermeiden, zu positiven Ergebnissen der Geisteswissenschaft zu kommen, wenn man langweilig findet, sich mit den Einzelheiten der Geisteswissenschaft abzugeben, und nur immer und immer beschrieben haben will, wie die Seele des Menschen mystisch wird, wenn man also da auf die Methoden, zum Geistigen zu kommen, sein Hauptaugenmerk richtet, so ist das in Wirklichkeit die größte Versuchung, materialistisch zu werden. Die größte Versuchung, materialistisch zu werden, ist, sich nicht befassen zu wollen mit den konkreten Ergebnissen der Geisteswissenschaft und nur immer und immer zu betonen das mystische Forschen, das mystische Seelenvertiefen, die Methode, in die geistige Welt hineinzukommen.
[ 29 ] Sehen Sie, das ist eine paradoxe Sache. Wer das Naturwissen, das Naturforschen beobachtet, wird Spiritualist; wer verschmäht, zu wirklichen geistigen Erkenntnissen zu kommen und nur von Mystik redet, das heißt, wie man es macht, um zu geistigen Erkenntnissen zu kommen, der ist der großen Versuchung ausgesetzt, erst recht ein Materialist zu werden. Solche Dinge muß man heute wissen. Ohne das Wissen solcher Dinge kommt man nicht aus. Denn, schen Sie, heute gibt es Monistenbünde; da verbreiten die Menschen, die sich als Führer aufspielen in solchen Monistenbünden, eine oberflächliche Weltanschauung. Sie fassen zusammen die äußeren materialistischen Resultate der Naturwissenschaft zu einer oberflächlichen Weltanschauung. Die leuchten den Menschen der heutigen Zeit ein, die sich nicht viel anstrengen wollen, die lieber ins Kino gehen als zu irgend etwas anderem und daher lieber eine Art Kinowissenschaft — denn das ist ja der Materialismus — nehmen, als dasjenige, was innerlich erarbeitet werden muß. Diese Führer der Monistenbünde, die liefern also einen oberflächlichen Materialismus. Gewiß, sie sind Schädlinge, denn sie verbreiten Irrtümer. Es ist nicht gut, daß man sie hochkommen läßt, denn sie verdrehen den Leuten materialistisch die Köpfe. Aber sie sind die weniger Gefährlichen, denn sie sind zum großen Teil ehrlich. Diese Ehrlichkeit schützt sie zwar nicht davor, Irrtümer zu verbreiten, aber immerhin, sie sind meistens schlicht ehrlich, und ihre Irrtümer werden überwunden werden. Sie werden nur eine temporäre Bedeutung haben.
[ 30 ] Aber es gibt andere Menschen, die lehnen es ab — systematisch, wissentlich —, zu den konkreten positiven Ergebnissen der Geisteswissenschaft die Menschen zu führen. Ja, sie schüren die heute bestehende, aus einer gewissen Bequemlichkeit heraus bestehende Abneigung der Menschen, sich einzulassen auf positive konkrete Ergebnisse der Geisteswissenschaft. Sie wissen, solche Dinge, wie sie in meiner «Geheimwissenschaft» stehen, die man ein paar Jahre lang studieren muß, wenn man sich hineinfinden will, die sind nicht bequem für den heutigen Menschen, der zwar seinen Sohn auf die Universität schickt oder auf die Hochschule, wenn dieser ein Chemiker werden soll, der aber voraussetzt, wenn er Himmel und Erde erkennen und geistig erobern soll, daß er das im Handumdrehen an einem Abend mindestens machen muß, und der von jedem Vortrag über die übersinnlichen Welten verlangt, daß er ihm die ganze Summe der Weltenweisheit gibt. Konkrete Ergebnisse positiver geistiger Forschung finden die Menschen unbequem. Und diese Neigung der Menschen benützen einzelne in der Gegenwart vorhandene Persönlichkeiten und reden dann den Menschen ein, daß man solche Dinge nicht braucht, daß es nicht nötig ist, sich mit positiven einzelnen konkreten geistigen Tatsachen zu befassen. Sie sagen: Ach, was reden da die Menschen von höheren Hierarchien, die man erst kennenlernen müsse? Was reden die Menschen von Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan und so weiter? Das alles braucht man nicht! — Man erzählt den Menschen: Wenn ihr nur recht euch innerlich vertieft, wenn ihr recht mystisch die Seele macht, dann dringt ihr zu dem Gotte in eurer eigenen Wesenheit vor. — Man erzählt das den Menschen, gibt ihnen so allgemeine Andeutungen über dasjenige, was Beziehung der materiellen Welt zur übersinnlichen Welt ist. Man schürt an die Abneigung der Menschen, in konkrete geistige Welten einzudringen. Und warum tut man das? Weil man scheinbar verbreiten will spirituelle Gesinnung; aber in Wirklichkeit will man etwas anderes: Man will erst recht auf diesem Wege den Materialismus erzeugen. Deshalb sind die Führer der Monistenbünde die am wenigsten schädlichen. Diejenigen, die heute Mystik verbreiten und den Menschen immer von allerlei Mystik reden, die sind oftmals die eigentlichen Pfleger, die raffinierten Pfleger des Materialismus. Sie reden auf die Menschen ein von irgendeinem Wege, der in die geistigen Welten führt, vermeiden es, im Konkreten zu sprechen, reden hauptsächlich in allgemeinen Redensarten und erreichen ganz sicher, daß in der dritten Generation die Welt durchmaterialisiert ist, wenn sie zum Siege gelangen. Der sicherere und raffiniertere Weg in den Materialismus hinein ist heute vielfach, Mystik zu tradieren den Leuten, die es verschmähen, auf positive, geisteswissenschaftliche Resultate einzugehen. Und manches, was heute erscheint auf dem Boden sogenannter geistiger Literatur, das ist viel stärker ein Pfleger des Materialismus als zum Beispiel die Ernst Haeckelschen Bücher.
[ 31 ] Solche Dinge sind den Menschen heute unbequem zu hören, weil, indem man so etwas vor die Menschen hinstellt, man in starkem Maße appelliert an ihr Unterscheidungsvermögen. Aber die Menschen möchten heute nicht den Appell empfangen an ihr Unterscheidungsvermögen. Die Menschen möchten viel lieber innerliche seelische Wollust erregt haben mit allerlei mystischem Zeug. Deshalb ist es auch, daß so viel Gegnerschaft erwächst gerade denjenigen Bestrebungen, die es heute ehrlich meinen mit dem geistigen Leben, indem sie es verschmähen, in allgemeinem «Mysteln» an die Menschen heranzukommen. Wer wirkliche Geisteswissenschaft bringt, erfährt Gegnerschaften. Denn es gibt eben zahlreiche Menschen und Menschengemeinschaften in der Gegenwart, die auf keinen Fall möchten, daß wahre geistige Erhebung in die Menschheit kommt, und die die Tatsache benützen, daß, wenn man im allgemeinen dem Menschen mystisch herumredet, man den Materialismus ganz sicher pflegt. Diese Tatsache benützen sie. Deshalb bekämpfen sie bis aufs Messer die ehrlichen Wege, die in die Geisteswissenschaft hineinführen sollen.
[ 32 ] Eine reiche Literatur, die es heute gibt, habe ich Ihnen damit gekennzeichnet. Eigentlich stehen heute die Dinge so, daß jeder, der ein mystisches Buch in die Hand nimmt, welcher Art immer es ist, stark an sein eigenes Unterscheidungsvermögen appellieren muß. Das ist sehr notwendig. Daher darf man sich auch nicht beirren lassen davon, daß vieles mystelnde Geschreibsel, das in der Gegenwart erscheint, leicht verständlich ist. Selbstverständlich ist es für den Menschen leicht verständlich, wenn man ihm zum Beispiel sagt: Du brauchst nur in dein Inneres ganz tief hineinzuschauen; dann lebt ein Gott in dir, dein Gott, den du nur findest, indem du deinen eigenen Weg gehst. Kein anderer kann dir diesen Weg vermitteln; denn jeder andere spricht von einem anderen Gotte. — Sie finden es heute in vielen Büchern außerordentlich versucherisch, verführerisch dargestellt. Diese Dinge, die bitte ich Sie, recht eindringlich sich zu Gemüte: zu führen. Denn dasjenige, was durch unsere anthroposophische Bewegung erreicht werden soll, erreichen Sie nur dadurch, daß Sie wenigstens eine kleine Schar sind, welche sich aufringen will zu dem charakterisierten Unterscheidungsvermögen. Es wäre schlimm für die Menschheit, wenn man sich nicht aufraffen würde zu diesem Unterscheidungsvermögen. Man muß schon heute sich stark auf die Füße stellen, wenn man in der heutigen Verwirrung und in dem heutigen Chaos feststehen will. Man kann heute sich oftmals fragen, worin denn eigentlich die Ursachen so vieler Verwirrung in der Menschheit bestehen. Aber man kann sie ja fast greifen, diese Ursachen. Sie liegen in kleinen Tatsachen. Man muß nur diese kleinen Tatsachen richtig beurteilen können.
[ 33 ] Ich möchte Ihnen zum Schluß eine kleine Tatsache mitteilen, die mir gerade vor ein paar Stunden vor Augen getreten ist, und die ganz geeignet ist, auf die Seelenstimmung der Menschen in der Gegenwart einiges Licht zu werfen. Mein Leipziger Verleger, Altmann, schrieb mir — ich habe den Brief vor ein paar Stunden erhalten, ich weiß nicht, wie sich sonst die Sache verhält —, daß ein scharfer, angreifender Artikel — das ist ja sicher auch gestattet, nicht wahr! — in einer theosophischen Zeitschrift in Leipzig erschienen ist gegen meine Anthroposophie, ein vernichtender Artikel in demselben Heft, wo abgedruckt sind mein Seelenkalender und mein Aufruf an die Kulturmenschheit, so daß also nebeneinander stehen die Verse des Seelenkalenders «nach Rudolf Steiner», mein «Aufruf an das deutsche Volk und die Kulturwelt» und hinterher ein Angriffsartikel: «Rudolf Steiners Appell an den Instinkt der Mittelmäßigkeit» — zur Charakteristik der gegenwärtigen Anthroposophie.
[ 34 ] Sehen Sie, in solchen Dingen zeigt sich immerhin einiges von der Konstitution einer gegenwärtigen Menschenseele. Da tritt es nur in grotesker Form zu Tage. Aber es ist unbequem, in den vielen Gestalten gleich zu sehen, wo es überall vorhanden ist. Mancherlei groteske Widersprüche, die sind nicht etwa nur an solchen etwas unreinlichen Orten vorhanden, sondern sie sind auch im heutigen Menschheitsleben durchaus vorhanden. Und es ist nötig heute, sich wirklich zur Klarheit, zur, ich möchte sagen, messerscharfen Klarheit durchzuringen, wenn man fest stehen will. Das ist es, worauf es ankommt.
