Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage
GA 191
18 Oktober 1919, Dornach
Achter Vortrag
[ 1 ] Wir haben eine ganze Reihe von Betrachtungen angestellt, die sich im wesentlichen damit beschäftigt haben, zu zeigen, wie eine Gesundung unserer sozialen und sonstigen Verhältnisse des menschlichen Zusammenlebens nur herbeigeführt werden kann dadurch, daß von innen heraus die Menschen ergriffen werden von anderen Vorstellungsarten, als diejenigen sind, die gewissermaßen groß geworden sind im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte. Unter den Einflüssen, welche sich ganz besonders geltend gemacht haben, um solche Vorstellungsarten, die nicht weiter die Menschen beherrschen dürfen, hervorzubringen, war besonders auch die naturwissenschaftliche Denkungsart. Es ist schwer, ganz unbefangen heute über diese naturwissenschaftliche Denkungsart zu sprechen, aus dem Grunde, weil ja ganz zweifellos die Tatsache vorliegt, daß durch diese naturwissenschaftliche Denkungsart der Menschheit große, gewaltige Fortschritte gefördert worden sind. Man muß sich allerdings darüber klar sein, daß gerade die hierher gehörigen Fortschritte der neueren Zeit solche sind, welche das eigentliche Geistesleben des Menschen heruntergebracht haben. Nach und nach sind die Dinge doch so gekommen, daß vorzugsweise diejenigen Partien des menschlichen Wissens Fortschritte erfahren haben, welche dann verwertet werden konnten in der äußeren Technik. Und auch das übrige Kulturleben hat einen Anstrich bekommen durch diese Tendenz, das menschliche Denken, das menschliche Vorstellen immer hinzuorientieren auf das, wie es verwendet werden kann in der äußeren Technik.
[ 2 ] Es würde durchaus falsch sein, wenn man glauben wollte, daß mit dieser Behauptung nur alles dasjenige getroffen sei, was im modernen Geistesleben abhängig ist von der naturwissenschaftlichen Denkungsweise. Das ist hier nicht so gemeint; sondern hier ist gemeint, daß das ganze Denken der modernen Menschheit, insofern nicht alte Vorstellungen, alte Elemente in diesem Denken sich fortgeerbt haben, so geartet ist, wie es nun im Extremen im naturwissenschaftlichen Denken zum Ausdruck gekommen ist und zum Ausdruck kommt. Nicht etwa nur diejenigen Menschen denken heute naturwissenschaftlich, welche direkt von der Naturwissenschaft beeinflußt sind. Man kann sogar etwas paradox sehr richtig sagen: Diejenigen Menschen, die von der Naturwissenschaft direkt beeinflußt sind, die denken am allerwenigsten in dem Sinne, wie es hier gemeint ist. — Es ist nur das, was allgemeine Denkungsweise der Menschen ist, in einer besonders charakteristischen Form in der Naturwissenschaft zum Ausdrucke gekommen, so daß man gewissermaßen an der Naturwissenschaft am besten sieht, wie diese moderne Menschheit denkt. Also von diesen Einflüssen derjenigen Vorstellungsart, die in der Naturwissenschaft ihre besondere charakteristische Offenbarung gefunden hat, davon haben wir wiederholt gesprochen.
[ 3 ] Nun möchte ich hinweisen auf eine besondere Eigentümlichkeit, die dadurch unserem Denken, unserem ganzen Vorstellen, überhaupt unserem modernen Seelenleben anhaftet, daß so viel von naturwissenschaftlichen Impulsen in diesem Seelenleben vorhanden ist. Diese Eigentümlichkeit besteht darin, daß wir als moderne Menschen in gewissem Sinne verlernt haben, unbefangen die Dinge zu beobachten. Die Menschen glauben, daß sie unbefangen die Dinge beobachten; sie tun das aber nicht. Schon unsere Schulerziehung ist heute so, daß sie in den Menschen hineinimpft eine ganz große Summe von vorgefaßten Vorstellungen, durch welche die reine Anschauung der Dinge gefärbt wird. Eine reine Anschauung der Dinge haben wir eigentlich gegenwärtig nicht.
[ 4 ] Sie können die Frage aufwerfen: Müßte denn nicht das besonders Schädliche dieser Tatsache, daß wir eine reine Anschauung der Dinge nicht haben, sich ganz besonders zeigen gerade im naturwissenschaftlichen Forschen, in der Naturwissenschaft? — Glauben sollte man schon, daß es so ist. Aber wenn man genauer zusicht, so bemerkt man doch darüber etwas anderes noch. Die Wissenschaft rettet sich vor dem Verheerenden und Verderblichen dieses Nicht-ordentlich-sehenKönnens der Verhältnisse dadurch, daß sie immer mehr und mehr ihre Aufmerksamkeit bloß auf die äußere Sinnenwelt lenkt, auf das, was den äußeren Sinnen gegeben wird. Die äußeren Sinne richten sich nun nicht nach den vorgefaßten Vorstellungen, und so korrigieren sie fortwährend dasjenige, was aus den vorgefaßten Meinungen und Vorstellungen, namentlich aus den vorgefaßten Anschauungen kommt. Da korrigiert die Beobachtung fortwährend dasjenige, was der Mensch aus sich selber heraus in seine Anschauung der Dinge hineinträgt. Deshalb bemerkt man nicht, wenn naturwissenschaftliche Beobachtungen gemacht werden, daß auch da hineingetragen wird alles mögliche von vorgefaßten Anschauungen. Aber es wird trotzdem hineingetragen. Und wer dann im Zusammenhange das nimmt, was naturwissenschaftlich produziert wird, der findet schon, wie in das gesamte naturwissenschaftliche Anschauen hinein eben die vorgefaßten Anschauungen getragen werden.
[ 5 ] Aber das besonders Schädliche dieses Nicht-mehr-sehen-Könnens, das äußert sich besonders dann, wenn der gegenwärtige Mensch nachdenken soll über soziale Verhältnisse. Da korrigieren die Tatsachen durchaus nicht dasjenige, was der Mensch an vorgefaßten Meinungen in diese Tatsachen hineinträgt. Und so haben wir es denn nach und nach wirklich dahin gebracht, daß man in bezug auf die sozialen Tatsachen des Lebens schließlich alles behaupten kann, was man behaupten will. Sie finden heute tatsächlich alle möglichen Meinungen vertreten. Sie finden auf der einen Seite die Meinung vertreten, daß die wahre soziale Wirklichkeit nur besteht in den ökonomischen Vorgängen, daß alles geistige Leben nur eine Art Überbau, eine Art Rauch ist, der da aufsteigt oder der errichtet ist über den ökonomischen Tatsachen; das ist das eine Extrem. Das andere Extrem ist dieses: Man redet, da man von wirklichen geistigen Mächten, die in der Welt leben, heute nicht viel Begriff hat, von den herrschenden, abstrakten Ideen, Ideen der Dinge und so weiter, und behauptet: diese Ideen gestalten — vielleicht durch Menschen, aber eben sie gestalten — dasjenige, was äußere ökonomische und sonstige Tatsachen sind.
[ 6 ] Sie sehen, es sind die zwei entgegengesetzten Meinungen. Nun handelt es sich darum, zu beweisen die eine Meinung und die andere Meinung. Sie können ganz richtige Beweisgründe, unanfechtbare Beweisgründe heute anführen sowohl für die eine wie für die andere Meinung, Beweisgründe, die für die eine und für die andere Meinung ganz gleich gut sind. Wenn heute irgendein Mensch auftritt, der behauptet, es sei alles Geschehen tatsächlich vom Geiste aus, von Ideen aus beherrscht, so kann er das beweisen. Und ein anderer kann auftreten und kann sagen: Was du da beweist, das ist die reine Phantasie; in Wirklichkeit sind alle Ideen nur die Spiegelbilder, nur der Überbau desjenigen, was ökonomische Tatsachen sind. — Er kann in der schönsten Weise widerlegen, was der andere sagt; er kann seine Sache beweisen und die andere. Die Beweisgründe sind in beiden Fällen ganz gleich gute.
[ 7 ] Das ist eine Erscheinung, die eigentlich viel zuwenig gewürdigt wird innerhalb des Geisteslebens unserer Zeit. Die Menschen sondern sich heute in Parteien oder in Gruppen und vertreten irgendeine Maxime, irgendein Programm. Sie sind überzeugt von dieser Maxime, sie sind überzeugt von diesem Programm und können es beweisen. Die anderen vertreten eine ganz andere Maxime, ein ganz anderes Programm; sie können es auch beweisen, und man kann nicht sagen, daß der eine schlechtere oder der andere bessere Gründe für seine Überzeugung hat. Das ist eine Erscheinung des öffentlichen Lebens, die man wirklich bemerken sollte, denn es ist die allercharakteristischste Erscheinung unserer Zeit. Es führt ja diese Erscheinung schließlich zu den allerantisozialsten Tatsachen und Stimmungen. Denn wenn man von irgendeiner Maxime überzeugt ist und man kennt die guten Gründe für diese Maxime, so hält man denjenigen, der eine andere Überzeugung hat, für einen Dummkopf oder für einen Schurken oder für irgendeinen unehrlichen Menschen. Und der andere, der aber dieselben guten Gründe, der die gleich guten Gründe haben kann, hält wieder den ersteren für einen Dummkopf oder für einen Schurken oder für einen unehrlichen Menschen. Daß man dieses Faktum als solches nicht durchschaut, das ist in einem gewissen Sinne die Tragik der gegenwärtigen Zeit. Nur sind die Menschen heute so gestimmt, daß sie glauben, was heute für die menschliche Seele gilt, das habe immer gegolten. Und sobald man auf diese Erscheinung heute jemanden aufmerksam macht, so kann man mit ziemlicher Sicherheit voraussehen, daß der dann kommt und sagt: Ja, was du da ausführst, daß alle Meinungen nebeneinander sich beweisen, das war immer so in der Entwickelung der Menschheit. — Würden die Menschen nur einigermaßen sich unterrichten wollen über die wirkliche Entwickelung der Menschheit, so würden sie eine solche Behauptung nicht tun; denn es war in Wahrheit nicht immer so; es standen nicht so offen die gut bewiesenen Meinungen und Maximen und Programme einander gegenüber wie heute. Denn man kann heute sehr gut beweisen. Man kann heute, wenn man so gescheit ist wie gewisse Sozialisten der Linken, ganz klipp und klar den Marxismus beweisen, und man kann ziemlich klipp und klar, wenn man nur einen anderen Standpunkt einnehmen will, beweisen, daß der Marxismus ein vollständiger Unsinn ist. Man kann heute eben sehr, sehr gut beweisen; darüber sollte man sich ganz klar sein.
[ 8 ] Diese Schulung, beweisen zu können, die wird heute schon den Kindern eingeimpft. Aber darinnen liegt gerade etwas außerordentlich Trauriges für unsere Gegenwart, daß man alles so klipp und klar, so streng beweisen kann und daher so leicht überzeugt sein kann von einer Sache. Denn von allen Arten, überzeugt zu werden von einer Sache, ist die leichteste diese, im heutigen Sinne diese Sache zu beweisen. Es gibt keine leichtere Art, sich eine Überzeugung heute zu erwerben, als diese Überzeugung zu beweisen. Gerade durch dieses Beweisenkönnen haben die Menschen vollständig ein Gefühl, ein rechtes Gefühl davon verloren, daß Überzeugungen im Leben erkämpft und erworben werden müssen, daß Überwindungen notwendig sind, wenn wirklich Überzeugung in der Seele Platz greifen soll.
[ 9 ] Woher rührt diese Tatsache, diese so tief in unser ganzes Leben einschneidende Tatsache, daß wir so ungemein leicht beweisen können? Sie rührt davon her, daß wir mit unseren Gedanken gewöhnt sind, so hart nur an der Oberfläche zu denken. Die Menschen denken heute hart an der Oberfläche der Dinge, bemühen sich nicht, sehr tief in die Dinge einzudringen. Und je oberflächlicher man denkt, desto besser kann man beweisen. Das ist außerordentlich wichtig einzusehen. Je dünner die Begriffe sind — und an der Oberfläche der Dinge werden alle Begriffe dünn und abstrakt —, desto besser scheinen diese Begriffe Beweisgründe abzugeben für dasjenige, was man aus ganz anderen Untergründen heraus, aus sehr unbewußten Untergründen heraus glauben und annehmen will, glauben und annehmen will aus Gefühlen, aus Willensrichtungen und dergleichen heraus. Unser ganzes Parteileben sollte einmal von dem Gesichtspunkt studiert und beschrieben werden, der jetzt eben vor Ihnen hier entwickelt worden ist.
[ 10 ] Was nun am wenigsten unter dem Einfluß dieser Oberflächenrichtung erreicht werden kann, das ist eine wirkliche Erkenntnis des Menschen. Daher fordern so viele Leute heute, daß nun endlich einmal eine Vertiefung unserer Vorstellung in der Richtung eintreten sollte, daß der Mensch etwas zur Selbsterkenntnis, das heißt, zur Erkenntnis seines Wesens vordringe. In wieviel Schriften und Vorträgen und Belehrungen und Agitationsreden wird heute schon von dieser notwendigen Erkenntnis des Menschen gesprochen! Aber man muß ja erst die Grundlage für eine solche mögliche Menschenerkenntnis herbeiführen! Sie kann nicht von jedem beliebigen Ausgangspunkte aus gewonnen werden. Und was da notwendig ist, um wiederum über die Misere des Beweisens hinauszukommen, das ist, unbefangen sehen zu lernen, die Dinge wirklich einfach sehen zu lernen, wie sie im äußeren Leben sind. Für eine gesunde Empfindung und für eine gesunde Anschauung ist das ganz besonders nötig, daß wir lernen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind; denn das ist es, was wir am meisten verlernt haben. Wir beweisen, wie die Dinge sein sollen; aber wir schauen sie nicht in Wirklichkeit an, wie sie sind, weil das Anschauen allerdings unbequemer ist als das Beweisen, daß die Dinge so oder so seien. Man kann zu gewissen Behauptungen, die heute zum Beispiel auf sozialem Gebiete gemacht werden, nur kommen, wenn man beweist. Wenn man sich aber einen unbefangenen Blick für die Wirklichkeit sichert, so kann man nicht zu solchen Behauptungen kommen. Also auf ein wirkliches Anschauen, auf ein wirkliches Sehen der Dinge, wie sie sind, kommt es vor allen Dingen an.
[ 11 ] Wenn Sie Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, auch seine Kunstschriften lesen, so werden Sie sehen, wie er schon in seiner Zeit auf ein unbefangenes Sehen mit aller Kraft hinzuweisen versucht hat. Er hat gesehen, wie die Wissenschaften alle aus zu beweisenden Begriffen heraus arbeiten. Er hat das als etwas befunden, was vor allen Dingen überwunden werden muß, und er wollte vor allen Dingen erreichen, daß man die Phänomene, die Erscheinungen, die Tatsachen in ihrer Urbedeutung wirklich kennenlernt, sie so kennenlernt, wie sie sind. Es hat so wenig genützt, daß der Boden, auf dem Goethe ganz besonders versucht hat, die Tatsachen sprechen zu lassen, der Boden der Farbenlehre, heute noch immer ein solcher ist, auf dem man Goethes Recht, über die Sache mitzusprechen, ganz bestreitet. Insbesondere aber ist es für die Erkenntnis des Menschen notwendig, zu einem wirklichen Sehen der Tatsachen des Lebens, des subjektiven Lebens zu kommen. Die Menschen reden heute zum Beispiel viel davon, was äußerlich ist für den Menschen, und was innerlich ist. Ich glaube, wenn Sie heute viele Menschen fragen: Du siehst eine rote Farbe, du hörst den oder jenen Ton, du nimmst dies oder jenes in der Außenwelt sonst wahr — ist das Inneres oder Äußeres? —, daß ihnen dann der Betreffende sagt: Was die Sinne wahrnehmen, das ist das Äußere! — Dann weist er auf sein Inneres hin: das sei ein Gegensatz zu dem Äußeren. Nun fragen Sie den Menschen, ob er sich klar ist darüber, was da für ein Gegensatz ist zwischen dem Äußeren und dem Inneren. Er wird Ihnen mit einer ziemlichen Sicherheit sagen: Ja, darüber bin ich mir ganz klar; ich weiß ganz genau: Was die Sinne wahrnehmen, das ist das Äußere, und was da drinnen ist, was dem Menschen selbst angehört, das ist das Innere. Wenn Sie nun aber weitergehen in Ihrem Fragen und ihm sagen: Sieh einmal, du sagst über das Äußere: das Gras ist grün, der Himmel ist blau, die Sonne geht auf, und so weiter, du sagst, was du beobachtest und zählst es im einzelnen auf, schön. Aber schildere mir auch geradeso im einzelnen, was du im Inneren hast, was du dein Inneres nennst! — Versuchen Sie einmal, bei der Mehrzahl der Menschen heute irgendeine klare Antwort zu bekommen, eine Antwort, bei der man es mit konkreten Tatsachen zu tun hat, durch die Ihnen der Mensch sein Inneres schildert. Er gibt sich der Illusion hin, dieses Innere ganz gut im Gegensatz zu dem Äußeren zu kennen; aber wenn Sie ein wenig in ihn dringen und ihm sagen: Schildere mir einmal das Innere so, wie du mir das Äußere schilderst! — dann werden Sie sehen, daß es mit dieser Erkenntnis des Inneren nicht viel auf sich haben wird. Und wenn der Mensch schon wirklich einmal dazu kommt, dieses Innere zu schildern, so zeigt sich: Es ist nichts anderes als das gespiegelte Äußere, dasjenige, was sich an dem Äußeren entwickelt hat, im Gedächtnis, in der Erinnerung bewahrt höchstens, in der Erinnerung abgeblaßt. Aber es ist nicht viel anderes als das Äußere, was Ihnen der Mensch schildert. Er kann Ihnen schließlich meistens als heutiger Mensch über sein Inneres auch nichts anderes sagen, als daß das Gras grün und der Himmel blau ist; er wird Ihnen höchstens erzählen, daß er beim blauen Himmel das empfindet, beim grünen Gras das empfindet und so weiter, aber einen wirklichen Gegensatz und ein Verhältnis zwischen Äußerem und Innerem wird Ihnen der Mensch heute nicht leicht schildern.
[ 12 ] Nun hat das aber eine große Folge. Das hat die Folge, daß die Menschen heute nicht dazu kommen, auch nur äußerlich den Gegensatz des Äußeren und des Inneren in bezug auf den Menschen in irgendeiner richtigen Weise zu fassen. Denn sehen Sie, die Naturwissenschaft bemüht sich von ihrem heutigen Gesichtspunkte aus, die Organe zu untersuchen, welche Träger sein sollen der inneren Vorgänge. Und man wird, wenn man dasjenige, was man da beweist, aber durchaus nicht wirklich sieht, vom heutigen Gesichtspunkte aus ins Auge faßt, sagen: Nun ja, der Tisch ist draußen, drinnen ist das Seelenleben. — Und da weist man auf sein eigenes Innere hin und meint, zum Beispiel gerade in der Naturwissenschaft, das Innere des Schädels, das sei das Innere des Menschen. Man überträgt die Vorstellungen, die unklar am Sehen gewonnen sind, nun auch auf den menschlichen Leib und sagt: Da drinnen irgendwo hinter dem Auge, da ist das Innere (siehe Zeichnung). — Wenn vielleicht auch mancher, wenn er genauere Begriffe fassen will, anfängt, die Dinge ein bißchen zu beknuspern, die da als Begriffe ihm gegeben werden, unbewußt denkt der Mensch doch: Da, an der Spitze meines Fingers, da ist außen, und da drinnen, hinter dem Auge, da ist drinnen. — Aber daß man so sagt, und namentlich daß man für die körperlichen Organe diese Folgerung zieht, das rührt nur von einem ungenauen Sehen her. Denn in der Tat, alles dasjenige, was Sie berechtigt sind, Ihr Inneres zu nennen, das ist dasjenige, was Sie in der Außenwelt, in der sogenannten Außenwelt erleben. Sie sind fortwährend mit der Außenwelt zusammen, und was Sie scheinbar innerlich erleben, das erleben Sie mit der ganzen weiten Außenwelt.
[ 13 ] Ich habe in der einen der «Acht Meditationen» — Sie können es dort nachlesen — darauf hingewiesen, wie der Mensch eigentlich, indem er die Außenwelt beobachtet, mit dieser Außenwelt fortwährend zusammenwächst, und daß es ganz unberechtigt ist, mit Bezug auf dasjenige, was wir da an der Außenwelt erleben, zu unterscheiden zwischen dem Äußeren und dem Inneren. Dasjenige, was für unser Bewußtsein in unserem Umkreise ist, das könnten wir in Wahrheit nur als unser Inneres bezeichnen, wenn wir wirklich das aussprechen würden, was wir sehen. Das ist aber gerade unser Inneres. Das ist allerdings eine unangenehme Sache für manche Mystiker, denn die legen sehr großen Wert darauf, daß man sich innerlich vertieft. Aber diese innerliche Vertiefung ist meistens nichts anderes, als daß man gewisse leibliche Vorstellungen der äußeren Welt innerlich nennt und sie sogar zum göttlichen Inneren umtauft und dergleichen. Es sind Lieblingsvorstellungen, die man sich aus der äußeren Welt entlehnt. Dasjenige, was man unbefangen sehen kann und was man gewöhnlich als Äußeres beschreibt, das müßte man eigentlich als Inneres bezeichnen. Der Mensch ist gewissermaßen vor seinem Gesicht in seinem Inneren drinnen. Wir sind ja auch schließlich wirklich viel mehr zu Hause, sagen wir, in dem Augenblicke, wo Sie alle hier sitzen, in diesem Saal, als in Ihrem sogenannten Inneren, insbesondere wenn Sie das, was da im Hirnschädel drinnen ist hinter dem Auge, als dieses Innere bezeichnen. Denn Sie mögen denken über dieses Innere, wie Sie wollen, außer den paar Begriffen, die wirklich recht spärlich sind, die Sie aus der Anatomie oder Physiologie aufgenommen haben, wissen Sie furchtbar wenig über dasjenige, was da hinter Ihrem Auge oder Ihrem Hirnschädel ist. Und wenn Sie sich fragen: Was ist mir innerlicher, dasjenige, was da in diesem Saale um mich herum ist, oder dasjenige, was hinter meinem Hirnschädel ist? — so werden Sie sich sagen: Innerlicher ist mir ganz zweifellos dasjenige, was im Saale um mich herum ist, als dasjenige, was hinter meinem Hirnschädel ist. — Jedenfalls wird Ihr innerliches Leben in diesem Augenblicke viel mehr durch dasjenige berührt, was ja scheinbar Außenwelt in diesem Saale ist, als durch dasjenige, was in Ihrem Hirnschädel drinnen vorgeht. Das ist Ihnen sehr äußerlich, was in Ihrem Hirnschädel vorgeht, das ist etwas, was gar nicht wirklich in Ihrem Inneren drinnen ist. Und wenn Sie dasjenige, was Sie sehen, sachlich wiedergeben, so müssen Sie sagen: Das Äußere ist eigentlich das Innere, und das Innere, das ist für das menschliche Bewußtsein gar sehr ein Äußeres.
[ 14 ] Nun können Sie sagen: Das sind ausspintisierte Begriffe. — Zunächst ist es nicht so, daß es ausspintisierte Begriffe sind, sondern es sind Begriffe, die herrühren von dem Konstatieren des wirklich Wahrgenommenen gegenüber dem, was theoretisch erwiesen wird, bewiesen wird. Es ist das wirklich Wahrgenommene, wirklich Gesehene. Es ist dasjenige, was dem Bewußtsein unmittelbar vorliegt, und was man als das Richtige ansehen würde, wenn man nur dasjenige konstatieren würde, was wirklich vorliegt dem Bewußtsein, und wenn man sich nicht durch vorgefaßte Anschauungen die Sache konstruierte. Das ist zunächst dasjenige, was gesagt werden muß. Aber die Sache hat eine bedeutsame Folge. Solange Sie den Glauben hegen, daß dasjenige, was da draußen ist, ein Äußeres ist, und was da drinnen ist, ein Inneres ist, so lange können Sie gar nicht zu dem kommen, was ich immer nenne: durch den gesunden Menschenverstand die geisteswissenschaftlichen Tatsachen einsehen; denn die geisteswissenschaftlichen Tatsachen kann man nur einsehen, wenn man zugrunde legt ein unbefangenes Anschauen. Dann kann man sie aber einsehen, kann sie einsehen, lange bevor man irgendwie zu hellseherischen Anschauungen aufsteigt. Aber mit den vertrackten Begriffen des heutigen Alltagslebens ist es natürlich sehr schwierig, dasjenige, was die Wahrheit ist, einzusehen.
[ 15 ] Daß wir die Außenwelt — was wir also gewöhnlich Außenwelt nennen — so sehen, wie wir sie sehen, und wie sie auch unser richtig gesehenes und definiertes Innere enthält, das rührt von unseren Sinnen her, das hat zu tun mit der Einrichtung unserer Sinne. Durch die Sinne leben wir in der unmittelbaren Gegenwart. Und wir erleben dasjenige, was in der Gegenwart sich um uns herum abspielt, durch unsere Sinne mit. Unsere Sinne machen uns im wesentlichen zu Miterlebenden der Gegenwart. Aus unseren Sinneswahrnehmungen entstehen aber, während wir an die Außenwelt hingegeben sind, unsere Vorstellungen, die wir dann im Gedächtnis weitertragen. Wir erinnern uns an dasjenige, was wir als Miterlebende der Gegenwart erfahren haben, hinterher. Wir tragen das mit. Und das sind ja im wesentlichen unsere Begriffe. Die Begriffe der Menschen sind Erinnerungsvorstellungen zumeist von dem, was sie sich aus der sogenannten Außenwelt geholt haben. Aber diese Vorstellungen, diese Begriffe und Ideen werden doch durch dieses, was man sonst Inneres nennt, was wit jetzt als das Äußere kennengelernt haben, vermittelt, nicht erzeugt, aber vermittelt. Durch dasjenige — wovon Sie also eigentlich nichts wissen —, was da hinter Ihrem Auge liegt, durch das werden vermittelt Vorstellungen und Begriffe. Gewiß, das ist durchaus der Fall. Diese Vorstellungen und Begriffe werden dadurch vermittelt. Aber, was geht da eigentlich vor in diesem menschlichen Haupte?
[ 16 ] Wenn man dasjenige beobachtet, was da eigentlich vorgeht in diesem menschlichen Haupte, dann kann man nicht sagen: Insofern der Mensch denkt, insofern der Mensch vorstellt, ist er ebenso, wie wenn er mit den Sinnen wahrnimmt, ein Miterlebender der Vorgänge der Gegenwart. — Das ist er nämlich als Denker nicht, sondern indem wir denken, wirkt in unserem Haupte nach dasjenige, was wir als Tätigkeit getrieben haben vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis. Das heißt, dasjenige, was da drinnen vorgeht (siehe Zeichnung), indem Sie vorstellen, das ist keine Tätigkeit, die Sie ausüben dadurch, daß Sie ein gegenwärtiger Mensch sind, sondern diese Tätigkeit üben Sie dadurch aus, daß nachschwingt die Tätigkeit, die Sie zwischen Tod und neuer Geburt beziehungsweise Empfängnis in der übersinnlichen Welt ausgeführt haben.
[ 17 ] Gegenwartsmensch sind Sie nur dadurch, daß Sie durch Ihre Sinne wahrnehmen; indem Sie die Sinne der Außenwelt öffnen, nehmen Sie die Gegenwart wahr und leben als gegenwärtiger Mensch mit der äußeren Gegenwart. Aber in dem Augenblicke, wo Sie anfangen zu denken, da spielt in Ihren Hirnschädel herein nicht das, was Sie gegenwärtig als Mensch sind, da spielt in Ihren Hirnschädel herein der Nachklang von dem, was Sie waren in der geistigen Welt, in der übersinnlichen Welt vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis. Sie können, wenn Sie bildhaft vorstellen wollen, ganz gut so vorstellen, daß Sie sich denken: Ich schlage einen Ton an; dieser Ton klingt noch fort, wenn ich schon lange aufgehört habe, ihn anzuschlagen. Nun stellen Sie sich vor, Sie haben die ganze Zeit über zwischen Ihrem letzten Tode und dieser Geburt irgendwelche Tätigkeit in der geistigen Welt, die ich schematisch so bezeichne (siehe Zeichnung, rot). Diese Tätigkeit schwingt nach; und diese nachschwingende Tätigkeit, die üben Sie aus, indem Sie als gegenwärtiger Mensch denken. Sie üben nicht eine Tätigkeit des gegenwärtigen Menschen aus, indem Sie jetzt denken, sondern es schwingt noch nach die Tätigkeit, die Sie zwischen dem letzten Tode und der jetzigen Geburt in der übersinnlichen Welt ausgeübt haben.
[ 18 ] Nur als sinnlicher Mensch sind Sie Gegenwartsmensch. Als denkender Mensch üben Sie eine Tätigkeit aus, die das Nachschwingen ist desjenigen, was Sie ausgeübt haben vor Ihrer Geburt in der übersinnlichen Welt. Es ist eben einfach nicht wahr, daß wir, indem wir denken, eine "Tätigkeit ausüben, die aus der Gegenwart herrührt. Wenn Sie das Gegenwärtige untersuchen naturwissenschaftlich, was da in Ihrem Hirnschädel drinnen ist, so finden Sie natürlich nur Materielles, weil dasjenige, was außer dem Materiellen in Ihrem Hirnschädel drinnen wirkt, ein Vorgeburtliches ist und nur nachschwingt. Der lebendige Beweis für den, der richtig sehen kann, ist die Tatsache, daß der Mensch nicht nur aus der übersinnlichen Welt herauskommt, sondern jetzt noch, indem er hier lebt, nachlebt dasjenige, was er in der übersinnlichen Welt ausgeübt hat.
[ 19 ] Wenn Sie sich vorstellen, Sie haben hier in dieser physischen Welt einen starken Schmerz erlebt, der in Ihnen nachklingt, so ist das der Nachklang des nicht mehr in Tatsachen sich verursachenden Schmerzes. So ist Ihr Denken in der Gegenwart der Nachklang, das Nachklingen desjenigen, was Sie in viel intensiverer Weise erlebt haben, bevor Sie konzipiert wurden hier für die sinnliche Welt.
[ 20 ] Also nur indem wir sinnlich auffassen, sind wir Gegenwartsmenschen. Wären wir nur Gegenwartsmenschen, so würden wir niemals denken, denn das Denken ist uns nicht beschieden dadurch, daß wir hier in die physische Welt hereingeboren sind, sondern das Denken ist uns beschieden dadurch, daß wir nachschwingen lassen können diejenige Tätigkeit, die wir vor der Geburt beziehungsweise der Empfängnis in der geistigen Welt ausgeübt haben, und daß wir diese Tätigkeit anwenden auf dasjenige, was hier sinnlich um uns sich ausbreitet.
[ 21 ] Man wird niemals diese Tatsache verstehen, wenn man von den gewöhnlichen Begriffen «Äußeres» und «Inneres» ausgeht, und man wird am allerwenigsten den wahren Tatbestand verstehen, der sich ausdrückt in der menschlichen Wesenheit, wenn man von jener blöden Mystik ausgeht, die heute so viele Gemüter beherrscht und die redet: Da im Inneren, da ist irgend etwas zu suchen, was menschliches Übersinnliches ist. — Was gesucht werden soll, das ist das Vorgeburtliche: Du sollst nicht in dein Inneres hineinweisen, indem du über die äußere Sinneswelt hinausweisest, du sollst hinweisen auf die Zeit, die du durchlebt hast vor deiner Konzeption und vor deiner Geburt, du sollst aus diesem Gegenwartsmenschen hinausgehen in den Vorgegenwartsmenschen, dann gehst du in das wirkliche Übersinnliche hinein. — Das ist das, worauf es ankommt. Weil man sich nicht zu diesem gesunden Begriff durcharbeiten will, deshalb redet man in Worten, die eigentlich keinen Inhalt haben, von allem möglichen göttlichen Inneren oder dergleichen. Das Innere, das man so sucht im Gegenwartsmenschen, das sollte man suchen in dem, was da war, bevor wir für dieses Leben konzipiert waren.
[ 22 ] Und wenn wir handeln, wenn das Wollen in unser Handeln übergeht? Nehmen wir das einfachste Handeln: Wir gehen im Zimmer herum; das ist ein Handeln, nicht wahr? Zunächst sehen wir uns herumgehen. Wie das Wollen mit unserem Gehen zusammenhängt, davon ist kein Bewußtsein beim Menschen vorhanden, ebensowenig wie ein Bewußtsein beim Menschen im gewöhnlichen Leben vorhanden ist von dem, was er im Schlafe erlebt. Der Mensch erlebt sich wohl schlafend. Er sieht äußerlich so, wie er die blaue Farbe oder den Baum oder die Sterne sieht, auch dasjenige, was dieses Fleischesindividuum tut, das da herumgeht. Er beobachtet sich selber. Wie er wıll, davon weiß er nichts. Er weiß nur, daß da einer herumgeht, der er selber ist. Und weil er genötigt ist, bei dem, der da herumgeht, sich selber zu denken, so sagt er: Ich »zJ herumgehen. Aber wie dieses Wollen zusammenhängt mit diesem Herumgehen — es kann gar keine Rede davon sein, daß der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein irgend etwas darüber weiß.
[ 23 ] Nun, das ist ja wiederum sehr verwandt mit dem, was man gewöhnlich ein «Äußeres» nennt, und was eigentlich ein «Inneres» ist. Wenn Sie herumgehen, also Ihre Beine bewegen, so sehen Sie, wie Sie die Beine bewegen (siehe Zeichnung Seite 158). Sie sehen da den Kerl herumgehen und konstatieren ja, was er will. Sie sehen diesen! äußeren Vorgang. Aber hier können Sie eigentlich noch viel mehr einsehen, daß es eigentlich ein menschliches Inneres ist, denn Sie legen, wenn Sie es auch nicht sehen können, wie das zusammenhängt, Ihren Willen in dieses Herumgehen hinein. Das ist eigentlich ein Stück von ihm, dieses Herumgehen. Das können Sie hier leichter einsehen als bei der Sinneswelt; so daß Sie das, was da Herumgehen ist, leichter ein Inneres nennen können als bei dem Inhalt der Sinneswelt. Bei dem, was vom Wollen ins Handeln geht, sehen Sie es leichter ein, daß das ein Inneres ist.
[ 24 ] Selbstverständlich paßt das auch wiederum nicht den Gegenwartsmystikern, die das äußere Handeln für eine äußere Sache erklären und die sagen, man müsse vordringen zum göttlichen Menschen im Inneren, der der eigentlich wahre Mensch ist und so weiter. Aber ebenso wie wir hier (siehe Zeichnung Seite 158, oben) ein Inneres haben in der Sinneswahrnehmung und ein Äußeres im sogenannten Inneren des menschlichen Hauptes, so haben wir diesem Inneren (Zeichnung unten) gegenüber dasjenige, was der Gliedmaßenmensch ist.
[ 25 ] Und jetzt kommen wir zu dieser merkwürdigen Vorstellung, die ja mit dem, was man heute beweisen kann, recht schlecht übereinstimmt, die aber merkwürdigerweise, wenn man unbefangen die Sache ansieht, das Richtige ist. Ich glaube allerdings, daß die gegenwärtige Menschenseelenstimmung so geartet ist — verzeihen Sie, ich muß auf diese Dinge auch zu sprechen kommen —, daß zahlreiche der gegenwärtigen Philisternaturen, und das sind nicht wenige, glauben, daß jene Region des Kosmos, die sich ausbreitet unterhalb ihres Zwerchfells, gerade sehr viel zu tun habe mit ihrem Inneren. Das nennen die Leute etwas, was mit ihrem Inneren etwas zu tun hat. Nun, das ist in Wahrheit für das menschliche Bewußtsein im Menschen das Alleräußerlichste. Wir können sagen, wenn wir dieses (Zeichnung oben) ein Äußeres nennen, so können wir dasjenige, was unterhalb des Zwerchfelles liegt, das Äußerlichste im Menschen nennen (Zeichnung unten). Was unterhalb des Zwerchfelles liegt, was Unterleib des Menschen ist, es ist das Alleralleräußerlichste des Menschen. Jeder Baum, jeder Stein, den wir mit unseren Augen sehen, ist uns innerlich näher als dasjenige, was unser Unterleib ist. Der ist das Alleralleräußerlichste. Unser wahrhaftiges Innere sind die Sinneswahrnehmungen, dasjenige, was wir wahrnehmen als unsere Handlungen. Äußerlich ist schon der Kopfinhalt, und am alleräußerlichsten ist dasjenige, was unterhalb der menschlichen Brust liegt. Das ist das wirkliche Konstatieren desjenigen, was gesehen werden kann. Und es kann gesehen werden.
[ 26 ] Sehen Sie, das hat wiederum eine ganz bestimmte Bedeutung. Denken Sie doch nur, seit wir Anthroposophie treiben, sagen wir immer: Wenn der Mensch wachend ist, so ist sein Ich und sein astralischer Leib im physischen und im Ätherleib. — Das ist richtig. Aber wenn der Mensch schläft, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da ist sein Ich und sein astralischer Leib außerhalb des physischen und des Ätherleibes. Ich habe aber öfter schon darauf aufmerksam gemacht, worin dieses Äußere hauptsächlich besteht. Dieses Äußere besteht datin, daß ja das, was sonst vom Ich und vom Astralleib im Kopfe ist, untertaucht in das, was unterhalb des Zwerchfelles ist. Sie können sogar, ich möchte sagen, einen empirischen Beweis davon haben: Sie träumen von den schönsten Schlangen, weil Sie eben aufgewacht sind von Ihrem Aufenthalt in Ihrem eigenen Unterleib, wo Sie die Gedärme wahrgenommen haben. Diese Erinnerung an das Gedärmwahrnehmen träumen Sie als den schönsten Schlangentraum. — So also bekommen Äußeres und Inneres, wenn wir von den menschlichen Verhältnissen aus sprechen, eigentlich erst Hand und Fuß, wenn wir wissen, was im Menschen wirklich Äußeres und Inneres ist.
[ 27 ] Aber nur wiederum wenn man sich aneignen kann solche gesehenen Vorstellungen, nicht solche, die man «beweisen» kann, sondern solche gesehenen Vorstellungen, dann bekommt man wiederum die Möglichkeit, durch gesunden Menschenverstand die geisteswissenschaftlichen Errungenschaften zu begreifen. Denn dasjenige, was wir wollen, das entspringt in einer gewissen Weise aus dem Äußerlichsten.
[ 28 ] Nun denken Sie einmal, welche gesunde Vorstellung da gerückt werden muß an die Stelle einer recht krankhaften. Der Mensch glaubt nämlich, wenn er etwas will, so entspringe das aus seinem Inneren. Es entspringt aus seinem alleräußerlichsten Teile, es entspringt aus demjenigen, worin er bei dem Tagwachen schon ganz und gar nicht drinnen ist, worin er höchstens, wenn er schläft, drinnen ist. Wenn wir etwas wollen, so sind wir gar nicht in uns. Wir sind im Kosmos. Wir vollziehen etwas, was kosmisches Ereignis ist, was gar nicht unser subjektives Ereignis bloß ist.
[ 29 ] Ich habe mich, ich möchte sagen, mein ganzes schriftstellerisches Leben hindurch bemüht, der Gegenwart solche Begriffe beizubringen, die von diesem Gesichtspunkte aus gesunde Begriffe sind. Sie können anfangen bei meinen «Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften», in denen ich versuchte, aus Goethes Weltanschauung heraus gesunde Begriffe an die Stelle der kranken Begriffe der Gegenwart zu setzen, in denen ich darauf aufmerksam gemacht habe, daß man gewisse Dinge, die im Menschen vorgehen, nur dann richtig betrachten kann, wenn man nicht sagt: Das geht ja da drinnen bloß vor, und der Mensch tut es —, sondern wenn man dieses menschliche sogenannte Innere als den Schauplatz für menschliche Handlungen betrachtet, die vom Kosmos aus auf diesem Schauplatz ausgeführt werden, wenn man das sogenannte menschliche Innere als den Schauplatz für Kosmisches betrachtet. Mein ganzes Entwickeln erkenntnistheoretischer Begriffe in meinem Büchlein «Wahrheit und Wissenschaft» klingt zuletzt, auf der letzten und vorletzten Seite, aus in dieses, daß der Mensch ein Schauplatz ist für dasjenige, was eigentlich der Kosmos in ihm tut, und daß er es in Verbindung mit dem Kosmos tut, von außen herein, nicht von innen hinaus tut. Es ist der wichtigste Teil, diese letzte und vorletzte Seite an meinem Schriftchen «Wahrheit und Wissenschaft». Und weil diese zwei Seiten am wichtigsten und bedeutsamsten sind, weil sie am intensivsten hineingreifen in das, was anders werden müßte an dem Vorstellen der Gegenwart, deshalb habe ich dieses Schriftchen, das damals auch meine Doktordissertation war, erst so gestalten können, nachdem die Doktordissertation vorbei war. In der Form, in der es vorgelegt worden ist als Dissertation, fehlten diese letzten zwei Seiten; denn das konnte man der Wissenschaft nicht zumuten, daß aus diesen Dingen die Folgerungen gezogen werden, die eine gewisse Bedeutung haben für das Umgestalten der gesamten Weltanschauung. Dasjenige, was erkenntnistheotetisch vorbereitet, das war verhältnismäßig harmlos in der Dissertation; denn das ist eine objektive philosophische Entwickelung. Aber das, worauf es hinauslief, das konnte erst im späteren Druck hinzugefügt werden. Erst dann, wenn man die Dinge so ansieht, daß man wirklich betreibt dieses genaue Sehen, daß man sich nicht mehr den Illusionen hingibt, die hervorgerufen werden durch vorgefaßte Anschauungen, erst dann ist man in gesunder Weise in der Lage, auch über das Wollen entsprechende Anschauungen zu gewinnen. Denn das, was wir draußen sehen, wenn der «Kerl» oder die «Kerlin» herumgeht, wenn wir uns so selber beobachten beim einfachsten Handeln, wenn wir da unsere Beine vorwärtsbewegen, das ist ja nur die Innenseite unseres Wollens. Die äußerlichste Seite, die für den Kosmos eine Bedeutung hat, die ist ja scheinbar in unserem Inneren verborgen. Aber in unserem Äußerlichsten verborgen ist ja ein Geistiges, das dem allerdings für die Menschen nicht gern genannten Inneren zugrunde liegt. Und was da drinnen vorgeht, das Geistige — selbstverständlich nicht dasjenige, was physisch vorgeht, sondern was als Geistiges parallel geht diesem Physischen —, das ist nun wiederum nicht ein Gegenwärtiges. Gegenwärtig ist dasjenige, was man ja äußerlich an dem Kerl oder der Kerlin beobachtet. Was da innerlich vorgeht, das ist ein andetes, das ist etwas, was jetzt eigentlich nur im Keime erst geschieht, embryonal geschieht. Während Sie herumgehen, oder während Sie eine andere Handlung durch Ihre Gliedmaßen ausführen, geht in Ihrem Äußerlichen etwas vor, was erst eine reale Bedeutung hat nach Ihrem Tode, was ebenso der Vorklang ist von den Vorgängen vom Tode bis zur nächsten Geburt, wie dasjenige, was in Ihrem Denken ist, der Nachklang ist desjenigen, was Sie in der geistigen Welt waren von dem letzten Tode bis zu dieser Geburt beziehungsweise Empfängnis. Dasjenige, was in Ihrem Äußerlichsten, was die Menschen das Innerlichste nennen, mitklingt, das ist der Embryo der Vorgänge, die Sie betreiben zwischen Ihrem nächsten Tode und Ihrer nächsten Geburt. Derjenige sieht erst das menschliche Wollen, der nun wiederum nicht auf den gegenwärtigen Menschen sieht, sondern der in dem, was im Menschen, scheinbar im Menschen, aber im Äußersten des Menschen lebt, das Korrelat, das Zugehörige sieht zu dem Handeln, und in dem Handeln das Zugehörige sieht desjenigen, was durch die Todespforte hinaustritt, Tätigkeit wird zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und sich da auch so ausbildet, daß es wiederum hereinkommen kann und jetzt hier in dem Äußeren weiterschwingt.
[ 30 ] Wenn man das menschliche Wollen untersucht und in dem gegenwärtigen Menschen mystisch tief den Urgrund dieses Wollens, den göttlichen Urgrund dieses Wollens suchen will, dann finden gewöhnlich die Wortmystiker, daß sie das nicht just im Bauch tun sollen, denn das ist nicht vornehm genug für die Wortmystiker; ihnen handelt es sich ja nicht um die Wahrheit, sondern um besondere, salbungsvolle Redensarten. Aber wenn man auf die Wahrheit geht, so handelt es sich darum, daß allerdings an demjenigen, was mit Bezug auf die sinnlich-physische Tatsache, nun, sagen wir, das Unappetitlichste ist, ein Korrelat da ist, welches durch die Todespforte hinausgeht in die spätere Welt; da müssen wir den Zukunftsmenschen suchen. Und so gewinnen wir die Beweisstücke aus dem Denken des vorgeburtlichen Menschen und aus dem Wollen des nachtodlichen Menschen, wie ich schon öfter hier und wie ich auch sogar in öffentlichen Vorträgen da oder dort ausgeführt habe. Aber es sind das Wahrheiten, die man sich unbedingt heute zum Bewußtsein bringen muß. Unbedingt muß man sich heute zum Bewußtsein bringen, daß des Menschen Denken etwas ist, was gar nicht durch den Menschen hervorgebracht werden kann, der mit seinem Fleisch und mit seinem Blut und mit seinen Knochen und seinen Nerven in der Gegenwart lebt, sondern was nachklingt aus dem vorgeburtlichen Leben, und daß das Wollen gar nicht etwas ist, was durch den gegenwärtigen Menschen in seiner Totalität hervorgebracht werden kann, sondern daß das Wollen eine Seite hat, die dableibt über den Tod hinaus. Lernt man dasjenige, was im gegenwärtigen Menschen nicht durch den leiblich-fleischlichen Menschen hervorgebracht werden kann, wirklich kennen, so ist in dem Menschen, der vor uns steht, der ewige Mensch, der immer vor uns steht. Aber nicht indem man über das Ewige spekuliert, erlangt man diese Wahrheiten, sondern dadurch, daß man wirklich positiv einzugehen vermag auf das, was Denken auf der einen Seite, Wollen auf der anderen Seite ist. Dadurch gelangt man zu solcher Erkenntnis.
[ 31 ] Es ist wirklich notwendig: Will man im Sinne der heutigen Geisteswissenschaft höhere Erkenntnisse treiben, so muß man vor allen Dingen als das Schädlichste betrachten die Wortmystik, die vielfach heute getrieben wird.
[ 32 ] Darum ist es so, daß gewisse Dinge, die man heute vom Standpunkte einer ehrlichen Geisteswissenschaft niederzuschreiben hat, hingenommen werden sollten. Und sie werden ja auch vielfach hingenommen. Aber dann, wenn das kommt, um was es sich eigentlich handelt, um das Eingreifen der konkreten Tatsachen des Menschenlebens, dann gehen die Leute nicht mehr mit, denn dann hören sie lieber das Geschwätz der mystelnden Menschen an, die aus Worten heraus eine innere Welt zaubern wollen. Die Gegenwart ist aber in ihrem Leben zu ernst, als daß man sich einem solchen Vergnügen Mystik ist heute für die meisten Menschen nur ein Vergnügen — hingeben könnte. Dasjenige, was heute zu treiben ist, ist etwas, was den Menschen seelisch so formt, daß er wirklich nur mit diesen angeeigneten Begriffen auch das, was im sozialen Leben lebt, begreifen kann. Soll denn ein Mensch zu sozialen Begriffen kommen, wenn er nicht sehen kann, wenn er lernt von der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart aus, mit lauter Vorurteilen, Voranschauungen an die Wirklichkeit heranzutreten? Das reinliche Anschauen der Wirklichkeit, wie wir es heute brauchen, ist ja nur zu gewinnen, wenn wir uns frei machen durch geisteswissenschaftliche Ideen von dem Gestrüpp von Vorstellungen, dem wir uns hingeben und das eine letzte, äußerste Konsequenz in manchen mystischen Verirrungen unserer Zeit erfährt. Die mystischen Verirrungen unserer Zeit sind nicht das Zeichen eines ersten Aufschwunges zu Besserem; oftmals sind sie das letzte des Niederganges, des Alleräußersten an Aufbringung von bloßen Worthülsen statt wirklicher Erkenntnisse.
[ 33 ] Wirkliche Erkenntnisse liefern so etwas wie: Das Denken ist ein Nachklang des vorgeburtlichen Lebens; das Wollen ist ein Vorklang des nachtodlichen Lebens. — Das sind konkrete Erkenntnisse. Da redet man ganz anders, wenn man von solchen konkreten Dingen spricht, als diejenigen reden, die da sagen: Im zeitlichen Menschen lebt Ewiges, da lebt das göttliche Ich; wenn man sich in dem erlebt, so hat man sich in dem Göttlichen ergriffen, das ist das wahre Ich; das andere ist das unwahre Ich und so weiter. — Mit spielerischen Begriffen kann man den ganzen Tag verwirtschaften. Es kann ein großes Wohlgefühl innerlich erzeugen, aber zu wirklichen Erkenntnissen kommt man nicht damit.
