Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage
GA 191
19 Oktober 1919, Dornach
Neunter Vortrag
[ 1 ] In diesen Betrachtungen habe ich Ihnen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus davon gesprochen, daß ein Zusammenhang besteht zwischen der Aufnahme geisteswissenschaftlicher Erkenntnis und zwischen dem sozialen Verständnis, welches. sich immer mehr und mehr verbreiten soll unter der Menschheit. Es wird Ihnen wahrscheinlich das Bedürfnis entstanden sein, gründlicher noch die Frage aufzuwerfen: Wie ist denn das innere Verhältnis der Beziehungen der Menschen, die wir sozial nennen, zu dem, was als Empfinden in uns sich ausbilden kann dadurch, daß wir allmählich uns einleben in geisteswissenschaftliche Vorstellungen? — Die geisteswissenschaftlichen Vorstellungen zeigen uns ja zunächst ein gewisses inneres Seelengestimmtsein dadurch, daß sie uns begreiflich machen dasjenige, was man im gewöhnlichen Leben zwar erlebt, aber eigentlich als das Unbegreiflichste empfinden muß: das menschliche Schicksal. Dieses menschliche Schicksal wird von einem gewissen Gesichtspunkte aus begreiflich dadurch, daß man das Gesetz von den wiederholten Erdenleben und ihrem Zusammenhange kennenlernt, das Gesetz vom Karma. Man lernt kennen, wie ein Erdenleben, das wir antreten und absolvieren, abhängig ist von unseren früheren Erdenleben. Wir haben ja auch schon gesprochen von den Kräften, die aus einem Erdenleben in das andere herüberspielen, und haben daraus gesehen, wie gewissermaßen die kosmische Technik des Schicksalsgestaltens ist.
[ 2 ] Nun empfinden Sie es ja alle, daß heute der Mensch, wenn er keine höheren Erkenntnisse erringt, nur dunkel ahnen kann, wie sein Schicksal durch die Gesetze der aufeinanderfolgenden Erdenleben sich gestaltet. Dasjenige, was wir als das Karma bezeichnen, ist ja etwas, was theoretisch verhältnismäßig leicht heute begriffen werden kann. Sie können das ersehen aus der letzten Auflage meiner «Theosophie», in der ja das betreffende Kapitel über das Karma umgestaltet ist. Aber jenes wirkliche Sehen des Lebens, von dem ich gestern gesprochen habe, jenes einfache, durch Vorurteil und Voranschauung nicht getrübte Anschauen des Lebens, welches sofort enthüllen würde das Schicksalsgesetz, das haben ja heute noch die wenigsten Menschen. Würden die Menschen das, was im Leben vorgeht, tatsächlich so sehen, wie ich gestern von dem einfachen, unvoreingenommenen Sehen gesprochen habe, dann würde der gesunde Menschenverstand von dem Schicksalsgesetz sprechen im Sinne der Geisteswissenschaft. Aber das ist eben für die meisten Menschen heute noch nicht der Fall. Vor allen Dingen ist für die meisten Menschen wegen des mangelnden einfachen Sehens nicht durchsichtig, in welcher Art das Ich-Bewußtsein in der Seele lebt. Es gibt ja sogar heute Philosophen, welche von dem Ich-Bewußtsein so sprechen, als ob dieses Ich-Bewußtsein das Allergewisseste wäre, gewissermaßen das Allerrealste wäre. Man kann sagen, das ist ebenso wahr auf der einen Seite, wie es einseitig, ja fast unrichtig auf der anderen Seite ist. Denn, wie nehmen wir eigentlich unser menschliches Ich wahr?
[ 3 ] Sie haben ja gestern in bezug auf das Innenleben erfahren, wie das Gedankenleben eigentlich nur der Abglanz des vorgeburtlichen Lebens ist, wie das Willensleben das Embryonale, das Keimhafte des nachtodlichen Lebens ist, wie also dasjenige, was in unserer Seele spielt, im Grunde genommen durchaus nicht haftet an demjenigen, was uns als Leib umhüllt von der Geburt bis zum Tode, und wie unser außerleibliches, ja außerzeitliches Sein hereinspielt in unser Denken auf der einen Seite, in unser Wollen auf der anderen Seite. Sie wissen aber auch, wie wir auf unser Leben zurückblicken und die Empfindung haben, daß wir den geschlossenen Lebenslauf als Erinnerung hinter uns haben. Wir können sehr leicht als Menschen die Vorstellung bekommen: Wir haben den Lebenslauf bewußt durchmessen und im Gedächtnis aufbewahrt von demjenigen Zeitpunkte an, bis zu dem wir uns zurückerinnern. Es kommt dem Menschen vor, daß, wenn hier (siehe Zeichnung) der Moment der Gegenwart ist, er sich zurückerinnert bis zu dem Moment in der Kindheit, bis zu dem er sich eben erinnert. Sie sehen leicht ein, daß dies ein gewaltiger Irrtum ist. Wenn Sie Ihr Leben zurückverfolgen bis zu dem Moment, bis zu dem Sie sich in Ihrer Kindheit zurückerinnern, und dies ansehen als eine geschlossene Strömung, so ist das natürlich total falsch, denn Sie nehmen ja bei einer solchen Rückerinnerung in Wirklichkeit zunächst nur wahr die 'Tagesereignisse des letzten Tages, an dem Sie die Rückschau anstellen; dann ist die Nacht dazwischen, dann wiederum der vorhergehende Tag, dann wiederum die Nacht, in der Sie nichts wahrnehmen, dann wiederum der vorher gehende Tag und so weiter.
[ 4 ] Also es ist eine gewaltige Lebensillusion, wenn Sie einfach übersehen, daß ja diese Rückerinnerung, diese bewußte Rückerinnerung, Ihnen keine geschlossene Strömung gibt, sondern in Wirklichkeit eine fortwährend unterbrochene Strömung gibt, indem ausgespart sind aus dieser Rückerinnerung alle die Zeiten, die Sie verschlafen haben. Also Sie haben nicht eine kontinuierliche Rückerinnerungslinie, sondern eine diskontinuierliche Rückerinnerungslinie, eine fortwährend unterbrochene Rückerinnerungslinie.
[ 5 ] Nun möchte ich, damit ich Ihnen die Bedeutung dessen, was ich eigentlich hier sagen will, klarmachen kann, Ihnen ein Bild vermitteln. Nehmen Sie einmal an, Sie haben folgendes Bild: eine weiße Scheibe und innerhalb dieser Scheibe einen dunklen Fleck. Sie können nun fragen: Was nehme ich hier wahr? — Die weiße Scheibe. Da, wo kein Weiß ist, da sehen Sie den schwarzen Fleck. Ich will jetzt nicht darüber diskutieren, ob der schwarze Fleck ein Reales ist oder nur das Fehlen des Weißen. Aber Sie sehen diesen schwarzen Fleck. Sie sehen, dieser schwarze Fleck ist dort, wo kein Weiß ist, in der weißen Scheibe drinnen. Nehmen Sie dieses Bild, so können Sie es anwenden auf die Art, wie Sie im gewöhnlichen Leben eigentlich Ihr Ich wahrnehmen. So wenig Sie hier (in der Mitte) etwas wahrnehmen, wo der schwarze Fleck ist, so wenig nehmen Sie eigentlich Ihr Ich wahr. Sie nehmen Ihr Ich gar nicht wahr, sondern Sie nehmen Ihre Erlebnisse wahr, die Sie während Ihrer verschiedenen Tagwachen durchgemacht haben. Und Ihr Ich nehmen Sie überhaupt nicht wahr; bloß dadurch, daß irgendwo, wenn Sie Ihre Erlebnisse überblicken, Ihre Erlebnisse nicht da sind, wie hier im schwarzen Fleck kein Weiß ist, nehmen Sie Ihr Ich wahr. Indem Sie zurückschauen auf Ihr Leben, nehmen Sie die Erlebnisse wahr, und Sie nehmen nicht wahr diese Unterbrechungen. Dafür nehmen Sie Ihr Ich wahr. Es ist also das Fehlen der Tageserlebnisse, das Ihnen in Wirklichkeit die Vorstellung Ihres Ich gibt, das heißt, indem Sie «Ich» sagen, nehmen Sie diejenige Zeit Ihres Lebens wahr, die Sie verschlafen haben.
[ 6 ] In der Tat, das Ausgesparte im Leben, wenn Sie zurückblicken, ist die Veranlassung zu Ihrer Ich-Wahrnehmung. Nehmen Sie an, Sie würden gar nicht schlafen, Sie würden immer wachen, dann würden Sie keine Ich-Wahrnehmung beim Rückblick haben. Sie würden sich vorkommen wie ein Wesen, das ichlos schwimmt in den Ereignissen des Weltendaseins.
[ 7 ] Es ist außerordentlich bedeutsam, diese Dinge einfach zu sehen. Denn jeder Mensch glaubt, die Wahrnehmung des Ich sei ein Erlebnis. Nein, die Wahrnehmung des Ich ist das jeweilige Loch in den Erlebnissen. Das bitte ich Sie zunächst festzuhalten.
[ 8 ] Und nun bitte ich Sie, sich daran zu erinnern, wie ich Ihnen immer und immer wiederum gesagt habe, daß der Mensch nicht nur schläft, wenn er schläft, sondern daß der Mensch auch schläft, wenn er wacht. Der Mensch wacht ja eigentlich nur mit Bezug auf seine Sinnes- und Vorstellungswelt. Nur in seinen Sinneswahrnehmungen und in seinen Vorstellungen ist der Mensch wirklich wach. In bezug auf sein Wollen schläft er. Geradesowenig wie der Mensch hineinsieht in das, was er vollbringt vom Einschlafen bis zum Aufwachen, so wenig sieht er in die inneren Impulse seines Wollens hinein. Ich habe gestern davon gesprochen, wie der «Kerl» oder die «Kerlin» sich anschauen in ihren Handlungen, aber das Wollen nicht sehen. Mit Bezug auf das Wollen schläft der Mensch. Er schläft auch bei Tage, indem er ein wollender Mensch ist. Er wacht nur, indem er ein sinnlich wahrnehmender und verstandesmäßig Begriffe, Vorstellungen bildender Mensch ist. Er ist nur halb wach; für den anderen, für den wollenden Teil seines Wesens schläft der Mensch auch wachend.
[ 9 ] Und nun werden Sie begreifen, wie es sich eigentlich mit dem Ich verhält. Das geht gar nicht herein als ein reales Wesen in Ihre Sinneswahrnehmungen und in Ihre Vorstellungen, sondern das bleibt im Wollen unten und schläft da weiter auch vom Aufwachen bis zum Einschlafen. Deshalb können Sie es als ein reales Wesen nie sehen, sondern nur als den ausgesparten Kreis in der Mitte. Sie können das dunkle Gefühl haben, daß Sie ein Ich haben, indem aus dem Wollen heraus Ihnen etwas erklingt von dem, was Sie wie ein Loch in Ihren Seelenerlebnissen haben. Aber die Wahrnehmung des Ich ist eben eine durchaus negative. Das ist außerordentlich wichtig einzusehen. Es ist notwendig, daß jene oberflächliche Ich-Vorstellung, die auch in vielen Philosophien der Neuzeit figuriert, in ihrer Nichtigkeit erkannt werde. Denn erst, wenn man diesen ganzen Tatbestand, den ich hier Ihnen auseinandergesetzt habe, durchschaut, wird man verstehen, innerlich verstehen das Verhältnis von Mensch zu Mensch im Leben.
[ 10 ] Ich habe dieses Verhältnis von Mensch zu Mensch im Leben in der neuen Auflage meiner «Philosophie der Freiheit» geschildert in einer jener Erweiterungen, die ich dem Buche in der neuen Auflage eingefügt habe. Wir nehmen nicht nur, wie ich eben jetzt auseinandergesetzt habe, unser eigenes Ich, allerdings negativ, wahr, sondern wir nehmen auch das Ich des anderen Menschen wahr. Wir könnten es nicht wahrnehmen, wenn das Ich in unserem eigenen Bewußtsein wäre. Wäre das Ich in unserem eigenen Bewußtsein, dann wäre das Verhältnis von Mensch zu Mensch ein recht fatales; dann würden wit durch die Welt gehen und nur immer in unserem Bewußtsein innerhalb unserer Sinnes- und Vorstellungswelt Ich, Ich, Ich haben. Wir würden an den anderen Menschen vorbeigehen und sie nur als Schatten empfinden, und würden uns wundern, wenn wir die Hand ausstrecken, daß diese Schatten unsere Hand aufhalten. Wir würden uns das gar nicht erklären können, woher das kommt, daß wir nicht durch einen Menschen durchgreifen können. Das alles würde bewirken die Tatsache, daß wir das Ich substantiell, nicht bloß als Vorstellung eines Negativums in unseren Vorstellungen und in unserem Sinnesleben darinnen hätten. Wir haben es nicht darin. Wir haben es nur in unserem Wollen und in dem Gefühl, das aus dem Wollen ausstrahlt. Da ist das Ich eigentlich darin, aber nicht im Vorstellungs- und nicht im Sinnesleben unmittelbar.
[ 11 ] Wenn wir nun den anderen Menschen wahrnehmen, so nehmen wir ihn eigentlich durch unser Wollen wahr. Es ist ja die hirnverbrannte Vorstellung heute gar nicht so selten unter solchen Menschen, die sich als Philosophen dünken, die da sagt: Wenn wir einem Menschen gegenüberstehen, so finden wir so ein Formgebilde: oben sind Haare, dann kommt eine Stirne, dann ist da eine Nase, ein Mund und so weiter. Wir haben uns öfter im Spiegel gesehen; da schauen wir geradeso aus wie der, der vor uns steht. Und da wir ein Ich haben, schließen wir durch Analogie, daß der andere auch ein Ich hat. — Das ist eine hirnverbrannte Vorstellung, ein wirklicher, richtiger Unsinn! Denn wir nehmen das Ich des anderen tatsächlich ebenso wahr wie unser eigenes Ich, wenn auch als Negativum. Und gerade deshalb, weil unser Ich nicht in unserem Bewußtsein, sondern außerhalb unseres Bewußtseins ist, wie das Wollen auch, deshalb können wir uns in das Ich des anderen versetzen. Wäre das Ich in unserem Bewußtsein, so würden wir uns nicht in das Ich des anderen versetzen können und würden ihn nur wie in einem Schattendasein wahrnehmen. Und wie geschieht diese Wahrnehmung des anderen? Da findet etwas wie ein sehr komplizierter Prozeß statt, wenn wir den anderen wahrnehmen. Wir stehen ihm gegenüber: er nimmt gewissermaßen unsere Aufmerksamkeit in Anspruch und schläfert uns für einen ganz kurzen Augenblick ein. Er hypnotisiert uns, er schläfert uns ein für einen Augenblick. Unser Menschheitsgefühl wird dadurch tatsächlich für einen ganz kurzen Augenblick wie in Schlaf versetzt. Wir wehren uns dagegen und machen unsere Persönlichkeit geltend. Das ist nun wie der Pendelausschlag: Schlafen in dem anderen, Aufwachen in uns selbst, wiederum dadurch Schlafen in dem anderen, Aufwachen in uns selbst. Und dieser komplizierte Prozeß des Hin- und Herpendelns zwischen dem Einschlafen in dem anderen und Aufwachen in uns selbst, der findet in uns statt, wenn wir dem anderen gegenüberstehen. Das ist ein Vorgang in unserem Wollen. Wir nehmen ihn nur nicht wahr, weil wir unser Wollen gar nicht wahrnehmen. Aber dieses fortwährende Hin- und Hervibtieren, das findet statt, wie es in meiner «Philosophie der Freiheit» beschrieben ist.
[ 12 ] Sehen Sie, in diesem Vibrieren zwischen dem Einschlafen in dem anderen und Aufwachen in uns selbst haben Sie das Urelement, gewissermaßen das Atom des sozialen Zusammenlebens der Menschen. Das ist das Urelement desjenigen, was soziales Leben von Mensch zu Mensch ist. Es ruhen also dieses Urelement und damit auch alle komplizierten Gebilde des sozialen Lebens eigentlich in demjenigen Teile unseres Wesens, der schläft, auch wenn wir wachend sind. Das soziale Leben ist im wesentlichen höchstens ein träumendes Wesen des wachenden Menschen; es ist nicht ein völlig waches Leben, das der Mensch lebt im sozialen Leben. Daher ist das Soziale so schwer für das gewöhnliche Leben faßbar, weil es eigentlich gar nicht ein völlig waches Leben ist, weil es ein träumerisches Leben ist, und weil wir uns eigentlich immer, um uns selbst in uns aufrechtzuerhalten, wehren müssen gegen das soziale Empfinden, gegen das Empfinden in dem anderen.
[ 13 ] Nun denken Sie einmal, wie kompliziert das unser Leben macht, daß wir mit den verschiedenen Menschen solche Verhältnisse eingehen, die in einem fortwährenden Einschlafen und Aufwachen bestehen. Der eine Mensch ist so, der andere Mensch ist so. Wir schlafen in ihn hinein. Dieses Hineinschlafen ist so, wie der andere Mensch ist. Wir gehen da im Einschlafen in ihm auf. Erinnern Sie sich nur einmal an folgendes: Denken Sie sich, Sie haben jetzt, meinetwillen in der Zwischenpause oder sonst hier irgendwie im Saale, mit so und so vielen Menschen gesprochen. In die haben Sie sich alle hineingeschlafen, und das ist, nachdem Sie aufwachen aus ihnen, immer wiederum in Ihnen da. Damit nehmen Sie herüber etwas von der Wesenheit dieser Menschen. Das alles vibriert von Mensch zu Mensch, das wellt von Mensch zu Mensch. Es ist im Grunde genommen ein dämmeriges, dunkles Element, das in diesem sozialen Zusammenleben der Menschen waltet. Und das Gegenwartsbewußtsein des Menschen hat nicht viel von diesem sozialen Empfinden, das da dunkel, dämmerig von Mensch zu Mensch wellt und webt.
[ 14 ] In unserer Zeit ist es nun so, daß es eben unsere Aufgabe ist als Menschen der Gegenwart — das können Sie aus den verschiedenen : Betrachtungen, die wir angestellt haben, ersehen —, uns allmählich aus den alten Blutsverhältnissen heraus aufzuschwingen zu einem Verständnis desjenigen, was so dämmerig, dunkel unter uns sozial webt und wellt. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart, sich Verständnis für dieses Weben und Wellen zu erwerben. Dasjenige, was ich nenne die «Dreigliederung des sozialen Organismus», ist im Grunde genommen nur eine solche Struktur des menschlichen Zusammenlebens, daß der Mensch nach und nach, nach einer Anzahl von Generationen in die Möglichkeit kommen könne, dieses Weben und Wesen von Mensch zu Mensch, das man als das soziale Element bezeichnen kann, wirklich verständnisvoll in sich aufzunehmen. Dieses Verständnis kann nur kommen dadurch, daß selbständig neben das wirtschaftliche Leben treten das rechtliche Leben und das geistige Leben, namentlich daß das geistige Leben in völlig freier Weise den anderen beiden Lebensgebieten gegenübersteht.
[ 15 ] Es ist die wichtigste öffentliche Aufgabe der gegenwärtigen und der nächst zukünftigen Menschheit, diese Dreigliederung vorzunehmen, damit die Menschheit überhaupt weiterbestehen könne, damit sie zu wirklich sozialem innerem Erfühlen des Menschenlebens kommen könne. Die Menschheit hat in der neueren Zeit, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, den Gang zu diesem Verständnis angetreten. Schwierig ist es in der Gegenwart nur aus dem Grunde, weil zum erstenmal in der ganzen Menschheitsentwickelung der Erde appelliert wird von den göttlich-geistigen Mächten der Welt an das Bewußtsein der Menschen. Alles, was bisher an Fortschritten bewirkt worden ist, ist mehr oder weniger unbewußt bewirkt worden. Das, was zunächst zu tun ist, ist, daß in bewußter Weise eine soziale Struktur angestrebt werde. Alte soziale Strukturen sind hervorgegangen aus Blutsverbänden, aus der kleinen und großen Familie, aus der Sippe, den Klassen und so weiter. Die haben sich dann erweitert zu Volkszusammenhängen. Heute zappelt die Menschheit, indem sie in einer verlogenen Weise glaubt, sich an solche Zusammenhänge halten zu können, in Volkszusammenhängen, während sie im Grunde genommen längst überwunden hat, was Volkszusammenhänge sind, während längst die Notwendigkeit da ist, zu anderen sozialen Zusammengehörigkeiten zu kommen, als sie die Blutsverwandtschaft durch die Völker darstellt.
[ 16 ] Ich habe Ihnen gesagt, daß gewissermaßen die erste Etappe auf diesem Wege zu einem solchen Verständnis, wie es für die Gegenwart und für die nächste Zukunft notwendig ist, diese war, daß sich mit der Reformation heraufentwickelt hat die Herrschaft des ökonomischen Menschen. Ich habe Sie darauf verwiesen, wie in alten Zeiten der Eingeweihte, der Initiierte geherrscht hat, wie dann der Priester geherrscht hat, und wie dann seit der Mitte des 15. Jahrhunderts der ökonomische Mensch zu dem Herrschenden geworden ist. Seit der Reformation mußten diejenigen, die sonst Purpurmantel trugen und Herrscher votstellten, die Puppen werden der ökonomischen Menschen, wenn sie herrschen wollten. In Wahrheit haben immer mehr und mehr seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die ökonomischen Menschen geherrscht, diejenigen Menschen, die die Ökonomie der verschiedenen Territorien der Erde besorgten. Wenn dem Namen nach andere herrschten, so war das nur eben dem Namen nach, und die Regierungen wurden im Grunde genommen ganz durchdrungen von den ökonomischen Prinzipien. Man redet natürlich nicht gerne davon, daß man alles dasjenige, was man tut seit der Reformation, unter wirtschaftlichem Gesichtspunkte tut. Man redet von Idealen und so weiter. Aber das sind für den Vertreter der wirklichen Geschichte nur Masken. Um nicht gar zu sehr den Schleier zu lüften, wurden auch seit der Reformation noch Kultusminister, Unterrichtsminister, Justizminister und so weiter bestellt. Aber die alle waren eigentlich nur etwas schwächer nuancierte Wirtschaftsminister. Wer auf die Realitäten geht, der kann das schon sehen, höchstens daß sie alte Überlieferungen übertrugen, aber im wesentlichen doch unter wirtschaftlichen Rücksichten.
[ 17 ] In dieser Beziehung hat die katholische Kirche eigentlich verstanden, gerade im Zeitalter der Reformation recht zeitgemäß zu sein. Die katholische Kirche hat im Grunde genommen in dem Aufgange des Reformationszeitalters am besten verstanden, den Fortschritt ganz im Sinne des neueren ökonomischen Prinzips zu besorgen. Man braucht ja nur eine "Tatsache aus den anderen Tatsachen herauszugreifen. Bis zu dieser Zeit hatte es die Kirche dahin gebracht, nahe aneinanderzurücken höchste geistige Angelegenheiten und trivialste weltliche Angelegenheiten. Man konnte in alten Zeiten Sünden abbüßen durch allerlei Taten. Nach und nach ist es dahin gekommen, daß man Sünden abbüßen konnte dadurch, daß man bezahlte. Und der Papst hat es, schneller eigentlich als die anderen, die weltlichen Mächte, sehr gut verstanden, mit dem Fortschritt der neueren Zeit zu rechnen. Er hat vorausgenommen seine Einkünfte der späteren Zeit aus dem Abbüßen der Sünden. Wenn man die Macht hat, daß einem bezahlt werden die von den Menschen begangenen Sünden dafür, daß sie erlassen werden, so bedeutet das eine ganz gewaltige zukünftige Einnahme. Und wenn diese so gesichert ist, wie etwas gesichert sein kann durch den Glauben der Menschen, dann bedeutet es eine sehr sichere Einnahme. Das größte Bankhaus der Sieneser hat es deshalb als ein sicheres Geschäft angesehen, dem Papst so und so viel von den künftigen Sündenabbüßungen der Menschheit abzukaufen. Der Papst bezog, während er diese Gelder schon gut verwendete, von einem Sieneser Bankhaus Riesensummen. Und das Bankhaus stellte sich den Tetzel an zum Eintreiben dieser Summen. Der zog dann in den Ländern Mitteleuropas herum und trieb die Summen wieder ein für das Sieneser Bankhaus.
[ 18 ] Sie sehen, die Kirche hat es außerordentlich gut verstanden, mit den Verhältnissen der neueren Zeit zu rechnen. Das ist auch Geschichte! Diese Geschichte muß durchaus ins Auge gefaßt werden.
[ 19 ] Der ökonomische Mensch kam herauf. Die Kirche war da. Aber schließlich ist ja die Verwaltung der geistlichen Angelegenheiten mit Hilfe des Sieneser Bankhauses und seines Eintreibers, seines Agenten, für das eigentlich Geistliche doch nur eine Maske. Und wenn Sie die neuere Geschichte studieren, so werden Sie schon finden, daß es eine tiefe Bedeutung hat, wenn man davon spricht, daß der ökonomische Mensch der herrschende wurde. Der Papst ist nur dadurch ein so starker Herrscher geblieben, daß er im rechten Moment verstanden hat, auch ein ökonomischer Mensch zu werden, daß er sich dem ökonomischen Typus anbequente.
[ 20 ] Ja, der ökonomische Typus herrschte seit der Reformation. Er löste ab den alten Priestertypus. Im 19. Jahrhundert war die allgemeine Menschheit erst so weit, wie die Kirche, die viel besser den Fortschritt verstand, schon zur Zeit der Reformation war. Aber der ökonomische Typus Mensch herrschte nur bis ins 19. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert wurde wiederum ein anderer Typus herrschend. Wenn man davon spricht, daß er herrschend wurde, dieser Typus, so bedeutet das, daß die maßgeblichen Einflüsse in der sozialen Struktur von diesem Typus abhängen. Im 19. Jahrhundert, in dem ersten, zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wurde dann maßgebend der Wucherer, will sagen: der Bankier. Wenn Sie nämlich eine sachgemäße Definition suchen würden des Bankiers, dann wird die Geschichte außerordentlich brenzlig. Wenn man nämlich aus wirklich sozial-ökonomischen Untergründen heraus eine Definition aufstellt — man vermeidet das sehr gern — des Bankiers, des großen und des kleinen, dann soll man nur ja nicht gleichzeitig suchen nach einer Definition des Wucherers. Denn diese beiden Definitionen werden einander gleichen; sie können nur sich einander gleichen. Aber das ist etwas, was die neuere Menschheit ebenso sorgfältig als ein Geheimnis gehütet hat, wie gewisse Geheimgesellschaften ihre «Zeichen» und «Worte» gehütet haben. Man hat das nicht so unter die allgemeine Menschheit hinausgestreut. Das ist ein Geheimnis im sozialen Leben geblieben.
[ 21 ] Der Bankier wurde der Herrschende. Und wenn man untersucht, wie sich die soziale Struktur im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelt hat, dann findet man, daß mit dem ersten, zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts der Bankier, dieser spezielle ökonomische Typus, der nur ökonomisiert mit dem Gelde, es ist, der nun, geradeso wie früher der ökonomische Mensch, im weiteren Umfange auf alles, was als soziale Struktur sich herausstellt, auf alle Gesetze der Länder und so weiter seinen maßgebenden Einfluß ausübt. Es ist sehr wichtig, diese Verhältnisse zu durchschauen, es ist sehr wichtig, zu durchschauen, daß der ökonomische Typus Mensch herrschend wird seit der Reformation, daß der Bankier herrschend wird seit dem Beginne des 19. Jahrhunderts. Und man kann nicht die öffentlichen Angelegenheiten der zivilisierten Welt in der neuesten Zeit verstehen, wenn man nicht in ihnen eine Geschichte der Herrschaft des Bankierwesens sieht. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist dann das eingetreten, was ich 1908 in meinem Nürnberger Vortragszyklus bereits angeführt habe: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und noch etwas hinein in die zweite Hälfte war individuell der Träger des Geldes der Herrschende; dann aber verwandelte sich dieses Herrscherprinzip so, daß das Geld als solches herrschend wurde. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war aber der einzelne individuelle Mensch als Bankier noch Herrscher. Ich habe das durch ein Beispiel illustriert, wenn Sie sich erinnern. Ich habe Ihnen erzählt, wie der Pariser Rothschild einmal «angepumpt» werden sollte, nun ja, von dem König von Frankreich. Nicht wahr, wenn der Pariser Rothschild von dem König von Frankreich angepumpt werden sollte, so verrät das schon ein bißchen, wer eigentlich der Herrschende ist. Nun, Könige pumpen nicht direkt, nicht wahr. Während der König also seinen Minister hinschickte — «Finanzminister» nennt man ja diese Art von Wirtschaftsminister —, hatte der Rothschild gerade mit einem Lederhändler zu tun. Der Diener sagte dem abgesandten Minister des Königs von Frankreich, er solle im Vorzimmer warten. Das erschien natürlich wiederum dem Minister des Königs von Frankreich als etwas höchst Ungewöhnliches, daß er warten solle, während der Rothschild mit einem Lederhändler verhandelt. Er soll warten? Er wartet nicht, sondern reißt die Türe auf: Ich komme zu Ihnen im Auftrage des Königs von Frankreich. — Bitte, nehmen Sie sich einen Stuhl —, sagte Rothschild. Das war dem Minister natürlich völlig unbegreiflich, Ja, aber ich bin der Abgesandte des Königs von Frankreich! Nehmen Sie zwei Stühle und setzen Sie sich!
[ 22 ] Sehen Sie, da war noch der einzelne individuelle Bankier der Herrschende. Das ging allmählich über in die Herrschaft der Aktien, der Geldnoten als solcher. Und wir sind ja allmählich hineingesegelt in die Zeit, in der der einzelne Geldbesitzer nicht mehr das Wesentliche ist, sondern das abstrakte, zusammengehäufte Kapital. Es kann einer einmal heute reich sein, morgen arm. Der Mensch selber kugelt hinauf und kugelt hinunter. Die Aktiengesellschaft, die abstrakte — ich habe das dazumal 1908 in Nürnberg ausgeführt —, ist dasjenige, was hertschend geworden ist.
[ 23 ] Damit aber ist die menschliche Entwickelung angelangt an einem Extrem, an einem Äußersten. Denn sobald das Geld als solches herrscht, sobald das Geld der eigentlich treibende Motor ist, ist die Zeit erfüllt, in der abgelöst werden muß, ich möchte sagen, die bloße bare Ziffer im Gelde durch Realitäten. Nun ist das Geld das Allergeistigste der Wirtschaft. Es ist dasjenige von der Wirtschaft, was nur geistig erfaßt werden kann. Es hat ja auch nur einen geistigen Wert, das Geld, nur einen Wert in der menschlichen Anerkennung. Essen kann man zwar Brot und Fleisch, aber Geld kann man nicht essen. Man kann wirklich für die Menschen Brauchbares erwerben durch Geld, wenn das Geld anerkannt ist. Es hat bloß einen seelischen, einen geistigen Wert, einen Begriffswert, einen Vorstellungswert. Es ist eben die Zeit erfüllt; es muß eintreten das, daß umschlägt die Entwickelung von dem rein wirtschaftlich Geistigen des Geldes zu dem wirklich im Geiste Erfaßten. Und das, was durch die Dreigliederung als soziales Verständnis gefordert werden soll, das ist dasjenige, was sich unmittelbar anschließen muß an die Herrschaft des allerabstraktesten Wirtschaftlichen, des Geldes. Denn so dunkel, so dämmerig das soziale Verständnis, wie ich geschildert habe, unter den Menschen lebt, so heil muß es eigentlich werden. Denn denken Sie sich einmal, dieses (siehe Zeichnung) wäre ein Menschenleben der Gegenwart von der Geburt bis zum Tode. Dieses Leben würde so durchlebt, daß der Mensch sich soziales Verständnis drinnen erwirbt, daß wirklich das soziale Leben, die soziale Struktur nicht gebaut wäre auf die Geldgeltung, die er hat, sondern auf soziales Verständnis. Dann würde der Mensch durch die Pforte des Todes gehen, durchleben die Zeit bis zur nächsten Geburt und dann wiederum sein Leben von der Geburt bis zum Tode durchleben. Dasjenige, was sich der Mensch hier zwischen Geburt und Tod aneignet an sozialem Verständnis, das liegt ja auch innerlich in ihm. Das geht vor allen Dingen in das schiafende Wollen hinein, von dem ich gestern gesprochen habe; das wird durch die Todespforte getragen. So daß der Mensch sein soziales Verständnis durch die Todespforte trägt bis zur Weltenmitternacht und es dann wiederum durch die Geburt ins nächste Erdenleben hineinträgt.
[ 24 ] Was wird nun dieses Verständnis, das man sich durch soziales Verständnis erwirbt, in dem nächsten Erdenleben ? — Das ist die große Frage, die heute schon aufgeworfen werden muß. Das wird das Verständnis für das Karma. Das heißt, wir haben im weltgeschichtlichen Verlauf der Menschheitsentwickelung gegenwärtig die Zeitepoche erreicht, in welcher die Menschheit sich soziales Verständnis erwerben muß; denn dieses soziale Verständnis liefert für die nächste Inkarnation das Verständnis für das Karma. Aber es kann sich kein Mensch soziales Verständnis erwerben anders, als daß er sich Verständnis für das Geistige erwirbt.
[ 25 ] Sie sehen, wie die Dinge zusammenhängen, Sie sehen, wie das soziale Verständnis hängt an dem geistigen Verständnis, an einer spirituellen Welterfassung und Weltanschauung, und wie davon abhängt dasjenige, was als ein bewußtes Erkennen des Schicksals im Laufe der Menschheitsentwickelung für die Menschen eintreten muß, die dann mit sozialem Verständnis durch die Pforte des Todes gehen, wiedergeboren werden und nach der Wiedergeburt verstehen werden ihr Schicksal.
[ 26 ] Das ist es, worauf es ankommt, daß man so recht einsieht, wie die Dinge in der Menschheitsentwickelung im Erdenlauf zusammenhängen. Wir leben in der Epoche der Notwendigkeit des sozialen Verständnisses. Wir werden wiedergeboten werden in der Epoche des Schicksalsverständnisses der einzelnen Menschen. Es ist wahrhaftig nicht aus einem bloßen abstrakten Impuls heraus, daß man heute von der Notwendigkeit des sozialen Verständnisses spricht, sondern es hängt das zusammen mit den innersten Entwickelungsimpulsen der Erdenmenschheit überhaupt.
[ 27 ] Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute einmal nahelegen wollte, meine lieben Freunde. Wir werden das nächstemal von diesen Dingen weiter sprechen.
[ 28 ] Die Vorträge in Zürich — Sie wissen, morgen ist der öffentliche Vortrag in Basel — müssen, weil ein anderer Saal als der zunächst in Aussicht genommene gewählt werden mußte, um zwei Tage verschoben werden, so daß der erste Vortrag am 24. Oktober stattfindet, dann sind Vorträge am 25., 26., 28., 29, und 30. Oktober, und am 31. Oktober ist eine eurythmische Darstellung in Zürich. Dadurch ist es mit natürlich nicht möglich, am nächsten Sonnabend und Sonntag hier vorzutragen, und ich werde daher für diejenigen Freunde, die Zeit und Lust haben, am nächsten Donnerstag um halb acht hier zu erscheinen, am Donnerstag fortsetzen.
