Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage
GA 191
23 Oktober 1919, Dornach
Zehnter Vortrag
[ 1 ] Wir haben verschiedenes gesprochen über die Beziehungen zwischen geisteswissenschaftlicher Weltanschauung und sozialer Lebensauffassung. Wir besprechen diese Dinge aus dem Grunde, weil es nötig ist, daß heute von verschiedenen Seiten her eingesehen werde, wie eine durchgreifende Gesundung unseres Lebens und eine wirklich fruchtbare Entwickelung gegen die Zukunft hin nur möglich sind, wenn in die Denkweise, in die Vorstellungen der Menschen geisteswissenschaftliche Anschauungen, geisteswissenschaftliche Ideen einziehen.
[ 2 ] Außer dem, was ich neulich gesagt habe mit Bezug auf die Lebensrückschau, gilt ja von dieser Lebensrückschau noch etwas anderes. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß der Mensch, wenn er auf sein Leben zurückschaut, sich eigentlich bewußt sein müßte, daß er nur diskontinuierliche Glieder seines Lebens mit dem gewöhnlichen Bewußtsein wahrnimmt, und daß zwischen diesen diskontinuierlichen Gliedern, auf die der Mensch zurückschaut, die Schlafzustände sind, die eigentlich herausfallen, hinsichtlich welcher sich der Mensch mit Bezug auf seine Rückschau sogar einer gewissen Täuschung hingibt. Er hält dafür, daß das Leben kontinuierlich ist; aber es ist nicht kontinuierlich. Dieses Leben ist so, daß es uns nur abgerissene Episoden zeigt. Aber aus den geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus sollte man sich klar darüber sein, daß dasjenige, was nicht gewahrt wird von der Lebensrückschau, deshalb doch ein Erlebtes ist, geradeso ein Erlebtes, wie dasjenige erlebt ist, was dem gewöhnlichen Bewußtsein einverleibt wird.
[ 3 ] Nun, die Erlebnisse, welche die Menschenseele immer durchläuft zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, sind nicht einfach zu schildern, aus dem Grunde, weil der Mensch sich von mancherlei frei machen muß, was zu seiner gewöhnlichen Bewußtseinsauffassung gehört, wenn er sich überhaupt nur einen Begriff machen will von den Erlebnissen, die stattfinden zwischen dem Einschlafen und Aufwachen.
[ 4 ] Wir leben für das gewöhnliche Leben in Raum und Zeit. Wenn wir vollständig schlafen — vom Standpunkt des gewöhnlichen Bewußtseins jetzt gesprochen —, dann ist es so, daß wir weder in der gewöhnlichen Zeit leben noch in dem gewöhnlichen Raume leben. Wenn erinnert wird an dasjenige, was vorgeht mit uns in der Zeit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, dann ist die Erinnerung selbst eine Art Schattenbild oder, wie man sagt, eine Projektion des im Schlafe Erlebten in den Raum und in die Zeit des wachen Taglebens hinein.
[ 5 ] Wollen Sie aber in diese Verhältnisse genauer hineinschauen, dann müssen Sie außerdem noch ins Auge fassen, daß der Schlafzustand nicht etwa bloß die Ruhe gegenüber dem Wachzustand ist. Gerade in dieser Beziehung tritt wiederum einer der Fälle ein, in denen die Menschen mehr aus vorgefaßten Meinungen heraus als aus dem wirklichen Sehen urteilen. Man kann fragen, wenn man das gewöhnliche Wachleben den Normalzustand des Menschen nennt: Wann ist die Ruhe eingetreten? — Die Ruhe ist eigentlich nur in zwei Punkten vorhanden, im Momente des Einschlafens und im Momente des Aufwachens. Einschlafen und Aufwachen sind gewissermaßen Null gegenüber dem wachen Tageszustand. Aber der Schlafzustand ist nicht die Null, der Schlafzustand ist das Entgegengesetzte. Man muß da schon den beliebten Vergleich aus der Arithmetik zu Hilfe nehmen. Sie können zum Beispiel irgendwelches Vermögen haben, sagen wir fünfzig Franken; da haben Sie etwas. Wann haben Sie nichts? Nun, eben wenn Sie nichts haben. Wenn Sie aber fünfzig Franken Schulden haben, dann haben Sie weniger als nichts, dann haben Sie das Negative. So ist das Nichts — im Verhältnis zum Wachen — das Einschlafen und Aufwachen; der Schlafzustand selber ist — im Verhältnis zu dem gewöhnlichen Wachzustande — das Negative. Denn da geschehen, während wir schlafen, die dem Wachen entgegengesetzten Vorgänge, Vorgänge ganz anderer Art, Vorgänge, die vor allen Dingen in ihrer Wirklichkeit nicht den Gesetzen des Raumes und der Zeit unterliegen wie die Vorgänge des wachen Tageslebens.
[ 6 ] Aber etwas, das haben Sie schon neulich im Vortrage ahnen können, ist in diesem Schlafzustande eigentlich erst so recht in seinem Elemente, das ist unser wirkliches Ich. Das Ich lebt ja allerdings in unserem Willen, aber schläft auch da, wie wir wissen. Das wirkliche Ich tritt nicht in unser gewöhnliches Gedankenleben ein. Das wirkliche Ich würden wir gar nicht gewahr werden, wenn wir es nicht als eine Art Negativum wahrnehmen würden. Und indem wir zurückblicken auf unsere Erlebnisse, sagen wir uns nicht: Wir haben erlebt Tage und Nächte —, sondern wir blicken nur auf die Tage zurück. Und statt daß wir uns sagen: Wir blicken auf die Nächte zurück —, sagen wir: «Ich» — fühlen wir uns, empfinden wir uns als Ich.
[ 7 ] Solche Wahrheiten müssen die Menschen allmählich durchdringen, sonst werden sie erdrückt von der bloß naturwissenschaftlichen Weltauffassung, die ja auch alles übrige Leben, alle übrige Lebensanschauung bei der Mehrzahl der modernen Menschen ergriffen hat. Man wird sich als Mensch nur vollständig kennenlernen, wenn man sich in jedem Augenblick seines Lebens sagt: Du bist nicht nur ein Mensch in Fleisch und Blut, der ein Bewußtsein hat, wie es den meisten jetzt lebenden Menschen bekannt ist, sondern du bist ein Mensch, der nur aus seinem Leibe herausgeschlüpft ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Du lebst aber dann unter ganz anderen Verhältnissen als im gewöhnlichen Wachleben, und dann erst, zwischen diesem Einschlafen und Aufwachen, ist dein Ich in seinem eigentlichen Elemente; da kann es sich entfalten, da ist es dasjenige, was es beanspruchen kann: substantiell zu sein. — Während des Tagwachens ist unser Ich nur im Wollen anwesend. Im Denken, im Vorstellen und sogar in einem großen Teil des Fühlens, des Empfindens sind nur Bilder des Ich vorhanden.
[ 8 ] Deshalb ist es ein großer Irrtum, wenn von mancher philosophischen Seite behauptet wird, in dem, was der Mensch als sein Ich anspricht, sei eine Realität. Erst wenn der Mensch im höheren Bewußtsein aufwachen würde im Schlafe, würde er gewahr werden sein wirkliches Ich. Oder wenn er durchschauen würde, was der Vorgang des Willens ist, dann würde er im Wollen sein wirkliches Ich erleben.
[ 9 ] Diese Dinge müssen aber beim Menschen eigentlich in die Empfindung, in das Gefühl übergehen, wenn sie die richtige Rolle im Leben spielen sollen. Der Mensch muß gewissermaßen sich sagen können: Du bist ein Wesen, das mit seiner gewöhnlichen Weltenauffassung eigentlich nur seine eine Hälfte wahrnimmt; du bist eingebettet mit der anderen Hälfte dieses Wesens fortdauernd in übersinnliche Erlebnisse, die du nur mit deinem gewöhnlichen Bewußtsein nicht wahrnehmen kannst. — Eine gewisse Ehrfurcht vor den Prinzipien, die schöpferisch hinter dem Menschen stehen, wird der Mensch in richtiger Art nur dann bekommen können, wenn er sich in dieser Weise an das Übersinnliche anknüpfen kann. Deshalb wird in einem materialistischen Zeitalter, wie das unsrige es ist, nicht nur die Anschauung vom Übersinnlichen schwinden, sondern es wird in einem solchen Zeitalter auch schwinden die Ehrfurcht vor den schöpferischen Prinzipien der Welt. Es wird die Ehrfurcht aus den Menschenherzen überhaupt heraus verschwinden. Wenig von Ehrfurcht, wenig von Gefühlen, die das Gemüt wirklich aufschwingen können zum Übersinnlichen, ist in der Gegenwart vorhanden! Und vieles von den Gefühlen, die man versucht, sich noch zu retten, ist ja nichts weiter als eine gewisse Sentimentalität, und Sentimentalität ist zu gleicher Zeit auch unwahr, Sentimentalität ist nie ganz wahr.
[ 10 ] Wenn man — auch bei dieser Gelegenheit muß ich das wieder erwähnen — solche Dinge verstandes- und gefühlsmäßig in sein Bewußtsein aufnimmt, dann tritt einem doch vor das Seelenauge die Tatsache, daß das menschliche und das Weltenleben etwas von dem Charakter eines großen Mysteriums haben. Und ohne diese Anschauung, daß das Leben und die Weltenordnung ein Mysterium seien, läßt sich eigentlich ein wirklicher Fortschritt in der Entwickelung der Menschheit nicht denken. Solche Zeitalter wie das unsrige, in denen kein Mensch eigentlich mehr daran glauben will, daß das Leben Geheimnisse enthält, solche Zeiten können im Grunde nur Episoden sein. Sie können dazu da sein, daß die Menschen sich für eine Weile abschnüren von ihren eigentlichen Urgründen und gerade durch die Reaktion gegen dieses Abschnüren um so mehr wiederum vordringen zu einem wirklichen Erfühlen des Lebensmysteriums. Aber dieses Lebensmysterium kann weder aus Sentimentalität noch aus der Abstraktion heraus sich dem Menschen offenbaren. Es kann sich nur offenbaren, wenn der Mensch geneigt ist, konkret auf die Tatsachen der übersinnlichen Welt einzugehen. Und es wird etwas von einem Anfange eines solchen Eingehens auf übersinnliche Tatsachen sein, wenn man wirklich eine Art heiligen Gefühles entwickeln kann gegenüber dem Hineingehen in den Schlafzustand und ein heiliges Gefühl entwickeln kann mit Bezug auf das Zurückschauen in diesen Schlafzustand, in dem man, man darf es, ohne eigentlich bildlich zu sprechen, so charakterisieren: war in den Wohnungen der Götter.
[ 11 ] Man muß sich schließlich nur darüber klar sein, wieweit die gegenwärtige Lebensauffassung von dieser Idee entfernt ist, wie gedankenlos die gegenwärtige Menschheit diese andere Seite des Lebens erblickt. Wie soll aber durchschaut werden dasjenige, was jenseits von Geburt und Tod liegt, wenn nicht durchschaut wird dasjenige, was jenseits von Einschlafen und Aufwachen liegt? — Jenseits von Geburt und Tod liegt ja dasjenige im Menschen, was auch da ist zwischen Geburt und Tod; nur ist es zwischen Geburt und Tod hinter der leiblichen Hülle verborgen. Aber würde weniger egoistische Religiosität da sein und mehr altruistische Religiosität — ich habe schon davon gesprochen —, so würde in dem, was der Mensch von der Geburt an durchlebt, gesehen werden die Fortsetzung des vorgeburtlichen oder vor der Empfängnis liegenden Lebens in der geistigen Welt. Dann würden uns aber die Erscheinungen am Menschenleben als Wunder erscheinen, denen gegenüber wir fortwährend das Bedürfnis haben, sie zu enträtseln. Wir würden die Sehnsucht haben, durch die menschliche Entwickelung hindurch die Offenbarung desjenigen zu schauen, was sich gestaltet, verkörpert aus übersinnlichen Welten heraus in die sinnliche Welt hinein. Und im Grunde liegt es heute schon so, daß wir auch das nachtodliche Leben nur in der richtigen Weise verstehen können, wenn wir auf das vorgeburtliche Leben hinschauen.
[ 12 ] Sehen Sie, es gibt Lebensgeheimnisse. Eine Anzahl von Lebensgeheimnissen muß in unserer Zeit wegen der Entwickelungsforderungen der Menschheit offenbar werden. Der Mensch kann nicht zur Bewußtheit über sein vollständiges Menschenwesen kommen, wenn er nicht erweitert die Anschauung von sich selbst auf das vorgeburtliche und nachtodliche Leben. Denn wir wissen eben nur von einem Teil von unserem Wesen, wenn wir nicht das Hereinscheinen des Vorgeburtlichen und Nachtodlichen in dieses leibliche Dasein uns offenbaren lassen. Es ist heute noch außerordentlich schwierig, vor Menschen, wenn sie nicht gerade schon etwas vorgebildet sind durch Anthroposophie, von diesen Dingen zu reden; denn entweder ist das allerhöchste Interesse da, über diese Dinge nicht die Wahrheit unter die Menschen kommen zu lassen, oder es ist kein rechtes Verständnis da. Sie brauchen sich ja nur im Leben umzuschen, dann werden Sie finden, daß um das vorgeburtliche Leben sich die gebräuchlichen Weltanschauungen heute sehr, sehr wenig kümmern. Um das Nachtodliche kümmern sie sich aus Egoismus heraus, weil sie verlangen, nicht mit ihrem physischen Leibe zugrunde zu gehen. Und auf diesen Egoismus rechnen die Religionsbekenntnisse, indem sie im Grunde genommen nur sprechen von dem nachtodlichen Leben, nicht von dem vorgeburtlichen Leben.
[ 13 ] Nun ist die Sache aber nicht bloß so, sondern es ist heute deshalb noch schwierig, über diese Dinge zu sprechen, weil es ja ein Dogma der katholischen Kirche ist, nicht an ein vorgeburtliches Leben zu glauben, ein Dogma, das auch andere christliche Bekenntnisse angenommen haben. So daß so ziemlich die meisten christlichen Bekenntnisse heute es als eine Ketzerei ansehen, von dem vorgeburtlichen Leben zu sprechen. Es ist aber etwas außerordentlich tief in die geistige Entwickelung der Menschheit Eingreifendes, wenn man dogmatisch verwehrt, auf das vorgeburtliche Leben hinzuschauen. Man kann sich wirklich kaum denken — wobei ich nicht von bewußten Dingen immer spreche, sondern mehr von unbewußten der Menschheitsentwickelung —, daß durch etwas es mehr gelingen könnte, den Menschen in Illusionen einzuwiegen über seine eigentliche Wesenheit, als wenn man ihm Anschauungen vorenthält über das vorgeburtliche Leben. Denn die ganze Lebensanschauung über den Menschen wird dadurch verfälscht, daß man den Menschen vortäuscht das Irrtümliche, mit der bloßen Entstehung aus Vater und Mutter sei der Mensch überhaupt auf die Erde hingestellt. Die Kirche hat sich damit ein ungeheures Machtmittel geschaffen, daß sie den Menschen die Einsicht in das vorgeburtliche Leben vorenthalten hat. Deshalb wird die Kirche als solche in der furchtbarsten Weise kämpfen gegen alle jene Lehren, welche sich über das vorgeburtliche Leben ergehen. Die Kirche wird das nicht vertragen. Darüber sollte man sich auch keinen Illusionen hingeben; aber auch darüber nicht, daß das Leben einfach nicht zu verstehen ist, wenn man auf das vorgeburtliche Leben keine Rücksicht nimmt.
[ 14 ] Aber etwas wird Ihnen daraus folgen, was Sie eigentlich tief und gründlich beachten sollten. Bedenken Sie doch: es lag also im Interesse der Kirchenbekenntnisse, dem Menschen wichtige Aufklärung über sich selbst vorzuenthalten. Die Kirchenbekenntnisse haben es geradezu zu ihrer Mission gemacht, dem Menschen wichtigste Wahrheiten über sich selbst vorzuenthalten. Diese kirchlichen Bekenntnisse haben damit ihr Mittel gefunden, die Menschen einzuhüllen in Dumpfheit, in Ilusion. Und es ist heute notwendig, in diesem Punkte sich keinen Täuschungen hinzugeben, nicht aus irgendeiner Nachsicht heraus kompromisseln zu wollen mit allerlei kirchenbekenntlichen Anschauungen. Es läßt sich damit nicht kompromisseln. Und beachtet sollte werden, daß es nichts fruchtet, wenn Sie irgendwo geltend machen: Die Anthroposophie beschäftigt sich ja mit dem Christus, sie ist nicht atheistisch, sie ist auch nicht pantheistisch und so weiter. — Das wird Ihnen nie etwas helfen, denn die Kirchenbekenntnisse werden sich nicht darüber ärgern, daß Sie sich nicht mit dem Christus befassen, daran liegt ihnen nicht viel, aber sie werden sich gerade darüber ärgern, daß Sie sich mit dem Christus befassen. Denn es liegt ihnen daran, daß sie das Monopol haben, allein über Christus etwas zu sagen. In diesen Dingen darf man keine innere Nachsicht üben, sonst wird man immer versucht sein, die wichtigsten Dinge des Lebens in Dämmerung und Nebel und Ilusion zu hüllen. Die Menschheit hat es gegenwärtig notwendig, den geistigen Erkenntnissen entgegenzugehen. Den geistigen Erkenntnissen widerstreben aber am meisten die dogmatischen Kirchenbekenntnisse, namentlich jene dogmatischen Kirchenbekenntnisse, die sich im Abendlande allmählich herausgebildet haben. Die Kirche als solche kann eigentlich nicht feindlich sein den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen; das ist ganz unmöglich, denn die Kirche als solche sollte es eigentlich nur zu tun haben mit dem Fühlen des Menschen, mit den Zeremonien, mit dem Kultus, aber nicht mit dem Gedankenleben. Der gebildete Orientale begreift die abendländischen Kirchenbekenntnisse überhaupt nicht, denn der gebildete Orientale weiß genau: er ist gebunden an den äußeren Kultus; denjenigen Zeremonien sich hinzugeben, denen man sich in seinem Bekenntnisse hingibt, das obliegt ihm. Denken kann er, was er will. Im orientalischen Bekenntnisse weiß man noch etwas von Gedankenfreiheit. Diese Gedankenfreiheit ist den Europäern ganz und gar verlorengegangen. Sie sind erzogen in Gedankenknechtung, ganz besonders seit dem 8. oder 9. nachchristlichen Jahrhundert. Deshalb wird es den Menschen der abendländischen Kultur so schwer, sich hineinzufinden in die Dinge, die ich neulich angeführt habe: daß das Beweisen irgendeiner Meinung leicht ist. Man kann die eine Meinung beweisen und kann ihr Gegenteil beweisen. Denn daß man etwas beweisen kann, das ist kein Beweis für die Wahrheit desjenigen, was man behauptet. Um zur Wahrheit zu kommen, muß man in viel tiefere Schichten des Erlebens hineingehen, als diejenigen sind, in denen unsere gewöhnlichen Beweise liegen. Aber das Erleben haben gewisse Kirchenbekenntnisse nicht an die Oberfläche heraufbringen wollen; deshalb haben sie den Menschen getrennt von solchen Wahrheiten wie diese: Da stehst du, O Mensch! Indem dein Organismus sich von Kleinkind auf entwickelt, entwickelt sich in dir nach und nach dasjenige, was du durchlebt hast im vorgeburtlichen Leben.
[ 15 ] Und was entwickelt sich denn hauptsächlich aus dem vorgeburtlichen Leben heraus im einzelnen menschlichen Leben zwischen Geburt und Tod?
[ 16 ] Nun, wir unterscheiden im Menschen ein individuelles Leben und ein soziales Leben. Ohne daß Sie diese zwei Pole des menschlichen Erlebens auseinanderhalten, können Sie überhaupt zu keinem Begriff vom Menschen kommen: Individuelles Leben — dasjenige, was wir gewissermaßen als unser urpersönlichstes Eigentumserlebnis an jedem Tage, in jeder Stunde haben; soziales Leben — dasjenige, was wir nicht haben könnten, wenn wir nicht fortwährend in Gedankenaustausch, in sonstigen Verkehr mit anderen Menschen treten würden. Individuales und Soziales spielen in das menschliche Leben herein. Alles, was in uns individuell ist, ist im Grunde die Nachwirkung des vorgeburtlichen Lebens. Alles, was wir im sozialen Leben entwickeln, ist der Keim zu dem nachtodlichen Leben. Wir haben sogar neulich gesehen, daß es der Keim zu dem Karma ist. So daß wir sagen können: Im Menschen ist Individuelles und Soziales. Das Individuelle ist die Nachwirkung des Vorgeburtlichen. Das Soziale ist das Keimhafte des Nachtodlichen.
[ 17 ] Der erste Teil dieser Wahrheit, daß das Individuelle gewissermaßen die Nachwirkung ist des vorgeburtlichen Lebens, der kann ganz besonders ersehen werden, wenn man Menschen mit besonderen Begabungen studiert. Sagen wir einmal, weil es gut ist, in solchen Fällen auf das Radikale zu sehen, man studiere menschliche Genies. Woher kommt die geniale Kraft, das Genie? Das Genie bringt sich der Mensch durch seine Geburt in dieses Leben herein. Es ist immer das Ergebnis des vorgeburtlichen Lebens. Und da begreiflicherweise das vorgeburtliche Leben besonders in der Kindheit zum Ausdrucke kommt — später paßt sich der Mensch dem Leben zwischen Geburt und Tod an, aber in der Kindheit kommt alles das heraus, was der Mensch vor der Geburt erlebt hat —, deshalb zeigt sich beim Genie das Kindliche während des ganzen Lebens. Es ist geradezu die Eigenschaft des Genies, das Kindhafte durch das ganze Leben zu bewahren. Und es gehört sogar zum Genie, bis in die spätesten Tage sich die Jugendlichkeit, Kindlichkeit zu erhalten, weil alles Genie zusammenhängt mit dem vorgeburtlichen Leben. Aber nicht nur das Genie, alle Begabungen, alles dasjenige, wodurch ein Mensch eine Individualität ist, hängt mit dem vorgeburtlichen Leben zusammen. Wenn man dem Menschen daher das Dogma gibt, es gebe kein vorgeburtliches Leben, es gebe keine Präexistenz, was tut man denn implicite damit? Man verbreitet die Lehre: Es gibt keinen Grund für besondere individuelle Begabungen. — Sie wissen, daß die eigentlichen Kirchenbekenntnisse, wenn sie ganz aufrichtig und ehrlich sind, sich dazu bekennen: Es gibt keine Gründe für persönliche Begabungen. — Es geht ja nicht an, die persönlichen Begabungen selber abzuleugnen; aber man leugnet ihre Gründe ab, dann kann man die persönlichen Begabungen für ziemlich bedeutungslos halten.
[ 18 ] Damit hängt es zusammen, daß aus den Kirchenbekenntnissen heraus, wie sie durch Jahrhunderte gewaltet haben, eine Erziehung der europäischen Menschheit hervorgegangen ist, die letzten Endes zu dem modernen Menschennivellement geführt hat. Was sind heute im Grunde den Menschen individuelle Begabungen? Und was würden individuelle Begabungen sein, wenn die gewöhnliche sozialistische Lehre durchgeführt würde? In diesen Dingen kommt es darauf an, weniger auf den äußeren Namen einer Sache zu sehen als auf die inneren Zusammenhänge. Wer auf der einen Seite ein dogmengläubiger Katholik ist und auf der anderen Seite ein Hasser sozialdemokratischer Lehren, der ist in einer sehr merkwürdigen Inkonsequenz drinnen. Er ist in derselben Inkonsequenz drinnen wie einer, der sagt: Ich habe im Jahre 1875 einen kleinen Jungen kennengelernt, den habe ich sehr gern, habe ihn heute noch sehr gern, diesen kleinen Jungen. — Aber nun sagt man ihm: Aber sieh einmal, aus dem kleinen Jungen von 1875 ist der Kerl geworden, der jetzt als Sozialdemokrat vor dir steht. — Ja —, so wird dann geantwortet —, den kleinen Jungen von 1875, den habe ich in seinem Leben von damals auch heute noch gern, aber den, der da aus ihm geworden ist, den mag ich nicht, den hasse ich. — Die Sozialdemokratie ist aber aus dem Katholizismus geworden! Der Katholizismus ist nur der kleine Junge, der sich ausgewachsen hat zur Sozialdemokratie. Weder möchte die letztere sich das eingestehen, noch möchte der erstere das zugestehen, aber nur aus dem Grunde, weil die Menschen im äußerlich Sozialen keine Lebendigkeit sehen wollen, sondern eigentlich nur etwas sehen wollen wie aus Papiermache. Wenn man etwas aus Papiermache macht, dann bleibt es steif und behält seine Form, solange es sich hält; aber dasjenige, was im sozialen Leben drinnensteht, das wächst und lebt eben und es kann ja daneben auch konserviert werden. Aber da muß man zwischen 'Täuschung und Wirklichkeit unterscheiden. Sehen Sie, zwischen Täuschung und Wirklichkeit unterscheiden Sie, wenn Sie etwa zu folgender Idee sich aufschwingen. 8. Jahrhundert: Katholizismus; 20. Jahrhundert: Aus dem wirklichen Katholizismus des 8. Jahrhunderts ist die Sozialdemokratie geworden! Und dasjenige, was daneben als Katholizismus da ist, das ist nicht der wirkliche Katholizismus vom 8. Jahrhundert, sondern dessen Imitation, das ist der nachgemachte Katholizismus; denn der wirkliche Katholizismus ist mittlerweile zur Sozialdemokratie ausgewachsen.
[ 19 ] Das ist im allgemeinen nicht anerkannt, weil eben die Menschen sich nicht bequemen wollen, Wirklichkeiten zu sehen, sondern weil sie sich Illusionen, Täuschungen hinstellen vor die Wirklichkeiten. Und das können sie ja leicht tun. Denn man gibt einfach dem, was längst nicht mehr es selbst ist, denselben Namen. Aber wenn man heute dem, was von Rom aus in Europa vertreten wird — ich muß es umschreiben —, in demselben Sinne den Namen Katholizismus gibt, wie dem, was im 8. Jahrhundert von Rom aus vertreten worden ist, so ist das gerade so, wie wenn ich von einem sechzigjährigen alten Mann sage: Das ist ja das achtjährige Kerlchen! — Es war einmal das achtjährige Kerlchen, aber heute ist es nicht mehr das achtjährige Kerlchen.
[ 20 ] Ich mache Sie hier auf etwas aufmerksam, was nötig ist zu beachten, weil auch das soziale Leben als etwas Lebendiges und nicht als etwas Unlebendiges, Totes angesehen werden darf. Und ehe nicht solche Dinge durchschaut werden, wird die gegenwärtige Menschheit nicht aufsteigen zu einem Verständnis des wirklich sozialen Lebens. Das soziale Leben hat in solchen Sphären seine Wurzeln, die wir heute gewöhnlich mit unseren veräußerlichten Namen in keiner Sprache mehr fassen, am ehesten noch in den orientalischen Sprachen, schon wenig in den europäischen Sprachen, am wenigsten in der englischen oder amerikanischen Sprache, die ja sehr weit entfernt ist von der Wirklichkeit. Also unsere Sprachen sind Hindernisse für das Verständnis des Sozialen. Daher wird die Menschheit nur zum Verständnis des Sozialen aufrücken, wenn sie sich emanzipiert von dem bloßen Sprachverständnis. Aber es wird sehr stark heute perhorresziert alles dasjenige, was über das bloße Sprachverständnis hinausgeht. Und was man am allerhäufigsten findet, ist heute, daß einem, wenn irgend etwas erklärt werden soll, irgendeine Worterklärung zunächst vorgesetzt wird. Aber es ist ja ganz gleichgültig, wie man eine Sache benennt, welches Wort man dafür anwendet; es handelt sich darum, daß man vor allen Dingen den Menschen zur Sache hinführt und nicht zum Worte. Also wir müssen vor allen Dingen überwinden das Gebundensein in den Sprachen, wenn wir zum sozialen Verständnis vordtingen wollen. Aber das Gebundensein in den Sprachen wird ja nur überwunden, wenn die größten Vorurteile unserer Zeit überwunden werden. In den Schreckensjahren, die wir durchgemacht haben, hallte es durch die Welt: Freiheit den einzelnen Nationen! — und die kleinsten Nationen wollen heute sich eigene soziale Strukturen schaffen. Eine Leidenschaft, ein Paroxysmus des Nationalen ist über die Menschheit gekommen, und der ist für das soziale Leben der Erde gerade so schädlich wie der Materialismus für das Gedankenleben. Und ebenso wie der Mensch aus dem Materialismus sich herausarbeiten muß zur Freiheit und zur Geistigkeit, so muß sich die Menschheit herausarbeiten aus allem Nationalismus, in welcher Form immer er auftreten mag, zum allgemeinen Menschtum. Ohne das ist nicht vorwärtszukommen.
[ 21 ] In den Sprachen aber werden wir nicht die Möglichkeit finden, ganz herauszukommen aus dem Nationalismus, wenn diese Sprachen sich nicht anlehnen an tiefere Ausdrucksformen für das Geistige. Sehen Sie, ich möchte diese Betrachtungen mehr oder weniger mit einem Bilde beschließen. Wenn Sie nachdenken über dieses Bild, das ich gebrauchen werde, werden Sie auf mancherlei kommen können, was Ihnen gerade für das Verständnis der gegenwärtigen Zeit wichtig sein kann. Schauen Sie sich heute irgendein Schriftstück an. Diese kleinen Teufel, die auf dem weißen Papier stehen, man nennt diese kleinen Teufel Buchstaben, die man so nebeneinandersetzt. Sie haben groteske Formen und in ihrem Nebeneinander bedeuten sie dann die Laute unserer Sprachen. Das geht zurück auf andere ausdrucksvollere Schriftformen. Und wenn wir das ganz weit zurückverfolgen, dann kommen wir zu den Schriftformen, sagen wir, wie sie die Ägypter gehabt haben, oder wie das ursprüngliche Sanskrit war, das mehr oder weniger ganz in seinen Formen aus dem Schlangencharakter sich herausentwickelt hat. Die Sanskritzeichen sind umgewandelte Schlangenformen mit allerlei daran. Die ägyptischen Schriftformen waren noch gemalte, gezeichnete Schriftformen, waren noch Bilder, waren in ihren ältesten Zeiten sogar die Imagination für dasjenige, was dargestellt wurde. Die Schrift war unmittelbar aus dem Geistigen heraus. Dann wurde die Schrift immer abstrakter und abstrakter, bis sie zu dem wurde, was schon mehr oder weniger schlimm genug war: zu unserer gewöhnlichen Schrift, die nur noch dadurch, daß man ihre Formen lernt, zusammenhängt mit dem, was sie darstellt.
[ 22 ] Dann kam etwas noch Fürchterlicheres, die Stenographie, die nun völlig der Tod des ganzen Systems ist, welches sich da entwickelt hat aus der alten Bilderschrift heraus. Diese absteigende Entwickelung muß wiederum einem Aufstieg weichen; wir müssen wiederum zu einer Entwickelung zurückkommen, welche uns herausführt aus alldem, in das wir namentlich mit der Schrift hineingetrieben worden sind. Und damit wurde versucht, einen Anfang zu machen. Hier auf diesem Dornacher Hügel steht er. Was auch Mannigfaltiges fehlt an dem Dornacher Bau, was auch Mannigfaltiges unvollkommen ist, er ist in seinen Formen etwas, was ausdrückt in jetziger Art die übersinnliche Wesenheit, zu der der Mensch heute hinsehen soll. Er ist, möchte ich sagen, auch als eine Welthieroglyphe gemeint. Wenn Sie seine einzelnen Formen wirklich studieren, werden Sie in ihnen lesen können viel mehr, als Sie durch Beschreibungen des Geistigen aufnehmen können, wenigstens ist das beabsichtigt. Beabsichtigt ist, in ihm eine Weltenschrift zu verwirklichen. Aus der Kunst ist die Schrift hervorgegangen, zur Kunst muß die Schrift wieder zurückkehren. Sie muß über den Symbolismus hinauskommen, unmittelbar das Geistige in sich leben lassen, indem sie in neuer Art wiederum zur Hieroglyphe wird.
[ 23 ] Was hier steht auf diesem Hügel, wird nur dann richtig begriffen werden, wenn man sich sagt: Es liegen mancherlei Menschheitsforderungen in der gegenwärtigen Zeit vor, die eine Antwort haben sollen. Es ist im Grunde genommen das Wort der Sprache heute durchaus nicht hinreichend, um darauf Antwort zu geben. Eine solche Antwort ist versucht mit den Formen dieses Baues. Vieles ist an ihm unvollkommen; aber der Versuch mit einer solchen Antwort ist durch diesen Bau gemacht worden. Und wenn man ihn von diesem Gesichtspunkte aus anschauen wird, dann wird man ihn in der richtigen Weise anschauen.
[ 24 ] Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute zu den vorigen Betrachtungen noch hinzufügen wollte.
