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The Social Question as a
Question of Consciousness
GA 191

23 October 1919, Dornach

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The Social Question as a Question of Consciousness, tr. SOL
  1. Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage

Zehnter Vortrag

Tenth Lecture

[ 1 ] Wir haben verschiedenes gesprochen über die Beziehungen zwischen geisteswissenschaftlicher Weltanschauung und sozialer Lebensauffassung. Wir besprechen diese Dinge aus dem Grunde, weil es nötig ist, daß heute von verschiedenen Seiten her eingesehen werde, wie eine durchgreifende Gesundung unseres Lebens und eine wirklich fruchtbare Entwickelung gegen die Zukunft hin nur möglich sind, wenn in die Denkweise, in die Vorstellungen der Menschen geisteswissenschaftliche Anschauungen, geisteswissenschaftliche Ideen einziehen.

[ 1 ] We have discussed various aspects of the relationship between a spiritual-scientific worldview and a social conception of life. We are discussing these matters because it is necessary today for people from various perspectives to recognize that a thorough revitalization of our lives and a truly fruitful development toward the future are only possible if spiritual scientific views and ideas find their way into people’s ways of thinking and their conceptions of the world.

[ 2 ] Außer dem, was ich neulich gesagt habe mit Bezug auf die Lebensrückschau, gilt ja von dieser Lebensrückschau noch etwas anderes. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß der Mensch, wenn er auf sein Leben zurückschaut, sich eigentlich bewußt sein müßte, daß er nur diskontinuierliche Glieder seines Lebens mit dem gewöhnlichen Bewußtsein wahrnimmt, und daß zwischen diesen diskontinuierlichen Gliedern, auf die der Mensch zurückschaut, die Schlafzustände sind, die eigentlich herausfallen, hinsichtlich welcher sich der Mensch mit Bezug auf seine Rückschau sogar einer gewissen Täuschung hingibt. Er hält dafür, daß das Leben kontinuierlich ist; aber es ist nicht kontinuierlich. Dieses Leben ist so, daß es uns nur abgerissene Episoden zeigt. Aber aus den geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus sollte man sich klar darüber sein, daß dasjenige, was nicht gewahrt wird von der Lebensrückschau, deshalb doch ein Erlebtes ist, geradeso ein Erlebtes, wie dasjenige erlebt ist, was dem gewöhnlichen Bewußtsein einverleibt wird.

[ 2 ] In addition to what I said recently regarding looking back on one’s life, there is another aspect to this reflection. I have pointed out to you that when a person looks back on their life, they should actually be aware that, with ordinary consciousness, they perceive only discontinuous segments of their life, and that between these discontinuous segments—which a person looks back upon—lie the states of sleep, which are actually omitted; with regard to these, a person even succumbs to a certain delusion in their retrospective view. They believe that life is continuous; but it is not continuous. Life is such that it shows us only fragmented episodes. But from the perspective of spiritual science, one should be clear that what is not perceived in the retrospective view of life is nonetheless an experience—just as much an experience as that which is incorporated into ordinary consciousness.

[ 3 ] Nun, die Erlebnisse, welche die Menschenseele immer durchläuft zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, sind nicht einfach zu schildern, aus dem Grunde, weil der Mensch sich von mancherlei frei machen muß, was zu seiner gewöhnlichen Bewußtseinsauffassung gehört, wenn er sich überhaupt nur einen Begriff machen will von den Erlebnissen, die stattfinden zwischen dem Einschlafen und Aufwachen.

[ 3 ] Well, the experiences that the human soul always goes through between falling asleep and waking up are not easy to describe, for the reason that a person must free themselves from various aspects of their ordinary conception of consciousness if they are to form even the slightest idea of the experiences that take place between falling asleep and waking up.

[ 4 ] Wir leben für das gewöhnliche Leben in Raum und Zeit. Wenn wir vollständig schlafen — vom Standpunkt des gewöhnlichen Bewußtseins jetzt gesprochen —, dann ist es so, daß wir weder in der gewöhnlichen Zeit leben noch in dem gewöhnlichen Raume leben. Wenn erinnert wird an dasjenige, was vorgeht mit uns in der Zeit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, dann ist die Erinnerung selbst eine Art Schattenbild oder, wie man sagt, eine Projektion des im Schlafe Erlebten in den Raum und in die Zeit des wachen Taglebens hinein.

[ 4 ] We live an ordinary life in space and time. When we are fast asleep—speaking from the standpoint of ordinary consciousness—we neither live in ordinary time nor in ordinary space. When we recall what happens to us in the time between falling asleep and waking up, the memory itself is a kind of shadow image or, as they say, a projection of what we experienced in sleep into the space and time of waking daily life.

[ 5 ] Wollen Sie aber in diese Verhältnisse genauer hineinschauen, dann müssen Sie außerdem noch ins Auge fassen, daß der Schlafzustand nicht etwa bloß die Ruhe gegenüber dem Wachzustand ist. Gerade in dieser Beziehung tritt wiederum einer der Fälle ein, in denen die Menschen mehr aus vorgefaßten Meinungen heraus als aus dem wirklichen Sehen urteilen. Man kann fragen, wenn man das gewöhnliche Wachleben den Normalzustand des Menschen nennt: Wann ist die Ruhe eingetreten? — Die Ruhe ist eigentlich nur in zwei Punkten vorhanden, im Momente des Einschlafens und im Momente des Aufwachens. Einschlafen und Aufwachen sind gewissermaßen Null gegenüber dem wachen Tageszustand. Aber der Schlafzustand ist nicht die Null, der Schlafzustand ist das Entgegengesetzte. Man muß da schon den beliebten Vergleich aus der Arithmetik zu Hilfe nehmen. Sie können zum Beispiel irgendwelches Vermögen haben, sagen wir fünfzig Franken; da haben Sie etwas. Wann haben Sie nichts? Nun, eben wenn Sie nichts haben. Wenn Sie aber fünfzig Franken Schulden haben, dann haben Sie weniger als nichts, dann haben Sie das Negative. So ist das Nichts — im Verhältnis zum Wachen — das Einschlafen und Aufwachen; der Schlafzustand selber ist — im Verhältnis zu dem gewöhnlichen Wachzustande — das Negative. Denn da geschehen, während wir schlafen, die dem Wachen entgegengesetzten Vorgänge, Vorgänge ganz anderer Art, Vorgänge, die vor allen Dingen in ihrer Wirklichkeit nicht den Gesetzen des Raumes und der Zeit unterliegen wie die Vorgänge des wachen Tageslebens.

[ 5 ] But if you want to examine these conditions more closely, you must also bear in mind that the state of sleep is not merely a state of rest in contrast to the waking state. It is precisely in this regard that we again encounter one of those cases in which people judge more on the basis of preconceived notions than on the basis of actual observation. One might ask, if we call ordinary waking life the normal human state: When does rest set in? — Rest actually exists only at two points: at the moment of falling asleep and at the moment of waking up. Falling asleep and waking up are, so to speak, zero compared to the waking state of the day. But the state of sleep is not zero; the state of sleep is the opposite. Here one must resort to the familiar comparison from arithmetic. For example, you may have some amount of money—let’s say fifty francs; in that case, you have something. When do you have nothing? Well, precisely when you have nothing. But if you owe fifty francs, then you have less than nothing; then you have the negative. Thus, in relation to wakefulness, falling asleep and waking up are “nothing”; the state of sleep itself is—in relation to the ordinary waking state—the negative. For while we sleep, processes occur that are the opposite of those in wakefulness—processes of an entirely different kind, processes that, above all, in their reality are not subject to the laws of space and time, unlike the processes of waking daily life.

[ 6 ] Aber etwas, das haben Sie schon neulich im Vortrage ahnen können, ist in diesem Schlafzustande eigentlich erst so recht in seinem Elemente, das ist unser wirkliches Ich. Das Ich lebt ja allerdings in unserem Willen, aber schläft auch da, wie wir wissen. Das wirkliche Ich tritt nicht in unser gewöhnliches Gedankenleben ein. Das wirkliche Ich würden wir gar nicht gewahr werden, wenn wir es nicht als eine Art Negativum wahrnehmen würden. Und indem wir zurückblicken auf unsere Erlebnisse, sagen wir uns nicht: Wir haben erlebt Tage und Nächte —, sondern wir blicken nur auf die Tage zurück. Und statt daß wir uns sagen: Wir blicken auf die Nächte zurück —, sagen wir: «Ich» — fühlen wir uns, empfinden wir uns als Ich.

[ 6 ] But as you may have sensed in my recent lecture, there is something that is truly in its element in this state of sleep—that is, our true self. The self does indeed live in our will, but it also sleeps there, as we know. The true self does not enter into our ordinary thought life. We would not even be aware of the true self if we did not perceive it as a kind of negative. And when we look back on our experiences, we do not say to ourselves, “We have experienced days and nights”—rather, we simply look back on the days. And instead of saying, “We look back on the nights,” we say, “I”—we feel ourselves, we perceive ourselves as the “I.”

[ 7 ] Solche Wahrheiten müssen die Menschen allmählich durchdringen, sonst werden sie erdrückt von der bloß naturwissenschaftlichen Weltauffassung, die ja auch alles übrige Leben, alle übrige Lebensanschauung bei der Mehrzahl der modernen Menschen ergriffen hat. Man wird sich als Mensch nur vollständig kennenlernen, wenn man sich in jedem Augenblick seines Lebens sagt: Du bist nicht nur ein Mensch in Fleisch und Blut, der ein Bewußtsein hat, wie es den meisten jetzt lebenden Menschen bekannt ist, sondern du bist ein Mensch, der nur aus seinem Leibe herausgeschlüpft ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Du lebst aber dann unter ganz anderen Verhältnissen als im gewöhnlichen Wachleben, und dann erst, zwischen diesem Einschlafen und Aufwachen, ist dein Ich in seinem eigentlichen Elemente; da kann es sich entfalten, da ist es dasjenige, was es beanspruchen kann: substantiell zu sein. — Während des Tagwachens ist unser Ich nur im Wollen anwesend. Im Denken, im Vorstellen und sogar in einem großen Teil des Fühlens, des Empfindens sind nur Bilder des Ich vorhanden.

[ 7 ] Such truths must gradually sink in, or else people will be overwhelmed by a purely scientific worldview—a worldview that has, after all, come to dominate every other aspect of life and every other outlook on life for the majority of modern people. One will come to know oneself fully as a human being only if, at every moment of one’s life, one tells oneself: You are not merely a human being of flesh and blood who possesses a consciousness as most people living today understand it, but you are a human being who has merely slipped out of your body from the moment you fall asleep until you wake up. But then you live under conditions entirely different from those of ordinary waking life, and only then—between falling asleep and waking up—is your “I” in its true element; there it can unfold; there it is what it can claim to be: substantial. —During the waking hours of the day, our “I” is present only in volition. In thinking, in imagining, and even in a large part of feeling and sensation, only images of the “I” are present.

[ 8 ] Deshalb ist es ein großer Irrtum, wenn von mancher philosophischen Seite behauptet wird, in dem, was der Mensch als sein Ich anspricht, sei eine Realität. Erst wenn der Mensch im höheren Bewußtsein aufwachen würde im Schlafe, würde er gewahr werden sein wirkliches Ich. Oder wenn er durchschauen würde, was der Vorgang des Willens ist, dann würde er im Wollen sein wirkliches Ich erleben.

[ 8 ] That is why it is a great mistake when certain philosophical schools claim that what humans refer to as their “self” is a reality. Only when a person were to awaken from sleep into a higher state of consciousness would he become aware of his true self. Or if he were to see through the nature of the process of the will, then he would experience his true self in the act of willing.

[ 9 ] Diese Dinge müssen aber beim Menschen eigentlich in die Empfindung, in das Gefühl übergehen, wenn sie die richtige Rolle im Leben spielen sollen. Der Mensch muß gewissermaßen sich sagen können: Du bist ein Wesen, das mit seiner gewöhnlichen Weltenauffassung eigentlich nur seine eine Hälfte wahrnimmt; du bist eingebettet mit der anderen Hälfte dieses Wesens fortdauernd in übersinnliche Erlebnisse, die du nur mit deinem gewöhnlichen Bewußtsein nicht wahrnehmen kannst. — Eine gewisse Ehrfurcht vor den Prinzipien, die schöpferisch hinter dem Menschen stehen, wird der Mensch in richtiger Art nur dann bekommen können, wenn er sich in dieser Weise an das Übersinnliche anknüpfen kann. Deshalb wird in einem materialistischen Zeitalter, wie das unsrige es ist, nicht nur die Anschauung vom Übersinnlichen schwinden, sondern es wird in einem solchen Zeitalter auch schwinden die Ehrfurcht vor den schöpferischen Prinzipien der Welt. Es wird die Ehrfurcht aus den Menschenherzen überhaupt heraus verschwinden. Wenig von Ehrfurcht, wenig von Gefühlen, die das Gemüt wirklich aufschwingen können zum Übersinnlichen, ist in der Gegenwart vorhanden! Und vieles von den Gefühlen, die man versucht, sich noch zu retten, ist ja nichts weiter als eine gewisse Sentimentalität, und Sentimentalität ist zu gleicher Zeit auch unwahr, Sentimentalität ist nie ganz wahr.

[ 9 ] However, these things must actually become part of a person’s perception and feelings if they are to play the proper role in life. A person must, so to speak, be able to say to themselves: You are a being who, with your ordinary view of the world, actually perceives only one half of yourself; you are constantly immersed, along with the other half of this being, in supersensible experiences that you cannot perceive with your ordinary consciousness alone.” — Human beings will only be able to develop a proper sense of reverence for the creative principles that underlie them if they can connect with the supersensible in this way. Therefore, in a materialistic age such as ours, not only will the belief in the supersensible fade away, but in such an age reverence for the creative principles of the world will also fade. Reverence will disappear from human hearts altogether. There is little reverence today, and few feelings that can truly lift the spirit toward the supersensible! And much of the sentimentality that people still try to cling to is nothing more than a certain sentimentality—and sentimentality is, at the same time, untrue; sentimentality is never entirely true.

[ 10 ] Wenn man — auch bei dieser Gelegenheit muß ich das wieder erwähnen — solche Dinge verstandes- und gefühlsmäßig in sein Bewußtsein aufnimmt, dann tritt einem doch vor das Seelenauge die Tatsache, daß das menschliche und das Weltenleben etwas von dem Charakter eines großen Mysteriums haben. Und ohne diese Anschauung, daß das Leben und die Weltenordnung ein Mysterium seien, läßt sich eigentlich ein wirklicher Fortschritt in der Entwickelung der Menschheit nicht denken. Solche Zeitalter wie das unsrige, in denen kein Mensch eigentlich mehr daran glauben will, daß das Leben Geheimnisse enthält, solche Zeiten können im Grunde nur Episoden sein. Sie können dazu da sein, daß die Menschen sich für eine Weile abschnüren von ihren eigentlichen Urgründen und gerade durch die Reaktion gegen dieses Abschnüren um so mehr wiederum vordringen zu einem wirklichen Erfühlen des Lebensmysteriums. Aber dieses Lebensmysterium kann weder aus Sentimentalität noch aus der Abstraktion heraus sich dem Menschen offenbaren. Es kann sich nur offenbaren, wenn der Mensch geneigt ist, konkret auf die Tatsachen der übersinnlichen Welt einzugehen. Und es wird etwas von einem Anfange eines solchen Eingehens auf übersinnliche Tatsachen sein, wenn man wirklich eine Art heiligen Gefühles entwickeln kann gegenüber dem Hineingehen in den Schlafzustand und ein heiliges Gefühl entwickeln kann mit Bezug auf das Zurückschauen in diesen Schlafzustand, in dem man, man darf es, ohne eigentlich bildlich zu sprechen, so charakterisieren: war in den Wohnungen der Götter.

[ 10 ] If one—and I must mention this again on this occasion—takes such things into one’s consciousness both intellectually and emotionally, then the fact that human life and the life of the world have something of the character of a great mystery really does appear before the eye of the soul. And without this view—that life and the order of the world are a mystery—it is actually impossible to conceive of real progress in the development of humanity. Epochs such as ours, in which no one really wants to believe anymore that life contains mysteries, can essentially be nothing more than episodes. They may serve to cause people to cut themselves off for a while from their very foundations, and precisely through the reaction against this severance, to advance all the more toward a genuine sense of the mystery of life. But this mystery of life can reveal itself to human beings neither through sentimentality nor through abstraction. It can reveal itself only when a person is inclined to engage concretely with the realities of the supersensible world. And it will be something of a beginning of such engagement with supersensible facts if one can truly develop a kind of sacred feeling toward entering the state of sleep and can develop a sacred feeling in relation to looking back on this state of sleep, in which one—without speaking figuratively—might be said to have been in the abodes of the gods.

[ 11 ] Man muß sich schließlich nur darüber klar sein, wieweit die gegenwärtige Lebensauffassung von dieser Idee entfernt ist, wie gedankenlos die gegenwärtige Menschheit diese andere Seite des Lebens erblickt. Wie soll aber durchschaut werden dasjenige, was jenseits von Geburt und Tod liegt, wenn nicht durchschaut wird dasjenige, was jenseits von Einschlafen und Aufwachen liegt? — Jenseits von Geburt und Tod liegt ja dasjenige im Menschen, was auch da ist zwischen Geburt und Tod; nur ist es zwischen Geburt und Tod hinter der leiblichen Hülle verborgen. Aber würde weniger egoistische Religiosität da sein und mehr altruistische Religiosität — ich habe schon davon gesprochen —, so würde in dem, was der Mensch von der Geburt an durchlebt, gesehen werden die Fortsetzung des vorgeburtlichen oder vor der Empfängnis liegenden Lebens in der geistigen Welt. Dann würden uns aber die Erscheinungen am Menschenleben als Wunder erscheinen, denen gegenüber wir fortwährend das Bedürfnis haben, sie zu enträtseln. Wir würden die Sehnsucht haben, durch die menschliche Entwickelung hindurch die Offenbarung desjenigen zu schauen, was sich gestaltet, verkörpert aus übersinnlichen Welten heraus in die sinnliche Welt hinein. Und im Grunde liegt es heute schon so, daß wir auch das nachtodliche Leben nur in der richtigen Weise verstehen können, wenn wir auf das vorgeburtliche Leben hinschauen.

[ 11 ] After all, one need only realize how far our current view of life is removed from this idea, and how thoughtlessly humanity today perceives this other side of life. But how can one perceive what lies beyond birth and death if one does not perceive what lies beyond falling asleep and waking up? — For what lies beyond birth and death is, after all, that which is also present within the human being between birth and death; it is merely hidden behind the physical shell during that time. But if there were less egoistic religiosity and more altruistic religiosity—as I have already spoken of—then what a person experiences from birth onward would be seen as the continuation of the pre-birth life, or the life prior to conception, in the spiritual world. Then, however, the phenomena of human life would appear to us as miracles, and we would constantly feel the need to unravel them. We would have a longing to see, through human development, the revelation of that which takes shape and incarnates from the supersensible worlds into the sensory world. And fundamentally, it is already the case today that we can only understand life after death in the right way if we look to prenatal life.

[ 12 ] Sehen Sie, es gibt Lebensgeheimnisse. Eine Anzahl von Lebensgeheimnissen muß in unserer Zeit wegen der Entwickelungsforderungen der Menschheit offenbar werden. Der Mensch kann nicht zur Bewußtheit über sein vollständiges Menschenwesen kommen, wenn er nicht erweitert die Anschauung von sich selbst auf das vorgeburtliche und nachtodliche Leben. Denn wir wissen eben nur von einem Teil von unserem Wesen, wenn wir nicht das Hereinscheinen des Vorgeburtlichen und Nachtodlichen in dieses leibliche Dasein uns offenbaren lassen. Es ist heute noch außerordentlich schwierig, vor Menschen, wenn sie nicht gerade schon etwas vorgebildet sind durch Anthroposophie, von diesen Dingen zu reden; denn entweder ist das allerhöchste Interesse da, über diese Dinge nicht die Wahrheit unter die Menschen kommen zu lassen, oder es ist kein rechtes Verständnis da. Sie brauchen sich ja nur im Leben umzuschen, dann werden Sie finden, daß um das vorgeburtliche Leben sich die gebräuchlichen Weltanschauungen heute sehr, sehr wenig kümmern. Um das Nachtodliche kümmern sie sich aus Egoismus heraus, weil sie verlangen, nicht mit ihrem physischen Leibe zugrunde zu gehen. Und auf diesen Egoismus rechnen die Religionsbekenntnisse, indem sie im Grunde genommen nur sprechen von dem nachtodlichen Leben, nicht von dem vorgeburtlichen Leben.

[ 12 ] You see, there are mysteries of life. A number of these mysteries must be revealed in our time because of the demands of humanity’s evolution. Human beings cannot attain full awareness of their complete human nature unless they expand their view of themselves to include life before birth and after death. For we know only a part of our being if we do not allow the pre-birth and post-death realms to shine into and reveal themselves to us within this physical existence. It is still extraordinarily difficult today to speak of these things to people who have not already been somewhat prepared through anthroposophy; for either there is a profound interest in preventing the truth about these matters from reaching people, or there is a lack of proper understanding. You need only look around in life to find that today’s prevailing worldviews pay very, very little attention to pre-birth life. They concern themselves with the afterlife out of selfishness, because they demand not to perish along with their physical bodies. And religious denominations capitalize on this selfishness by, in essence, speaking only of life after death, not of prenatal life.

[ 13 ] Nun ist die Sache aber nicht bloß so, sondern es ist heute deshalb noch schwierig, über diese Dinge zu sprechen, weil es ja ein Dogma der katholischen Kirche ist, nicht an ein vorgeburtliches Leben zu glauben, ein Dogma, das auch andere christliche Bekenntnisse angenommen haben. So daß so ziemlich die meisten christlichen Bekenntnisse heute es als eine Ketzerei ansehen, von dem vorgeburtlichen Leben zu sprechen. Es ist aber etwas außerordentlich tief in die geistige Entwickelung der Menschheit Eingreifendes, wenn man dogmatisch verwehrt, auf das vorgeburtliche Leben hinzuschauen. Man kann sich wirklich kaum denken — wobei ich nicht von bewußten Dingen immer spreche, sondern mehr von unbewußten der Menschheitsentwickelung —, daß durch etwas es mehr gelingen könnte, den Menschen in Illusionen einzuwiegen über seine eigentliche Wesenheit, als wenn man ihm Anschauungen vorenthält über das vorgeburtliche Leben. Denn die ganze Lebensanschauung über den Menschen wird dadurch verfälscht, daß man den Menschen vortäuscht das Irrtümliche, mit der bloßen Entstehung aus Vater und Mutter sei der Mensch überhaupt auf die Erde hingestellt. Die Kirche hat sich damit ein ungeheures Machtmittel geschaffen, daß sie den Menschen die Einsicht in das vorgeburtliche Leben vorenthalten hat. Deshalb wird die Kirche als solche in der furchtbarsten Weise kämpfen gegen alle jene Lehren, welche sich über das vorgeburtliche Leben ergehen. Die Kirche wird das nicht vertragen. Darüber sollte man sich auch keinen Illusionen hingeben; aber auch darüber nicht, daß das Leben einfach nicht zu verstehen ist, wenn man auf das vorgeburtliche Leben keine Rücksicht nimmt.

[ 13 ] However, the matter is not simply that; rather, it is still difficult to speak about these things today because it is, after all, a dogma of the Catholic Church not to believe in prenatal life—a dogma that other Christian denominations have also adopted. As a result, virtually all Christian denominations today regard it as heresy to speak of prenatal life. Yet it has an extraordinarily profound impact on the spiritual development of humanity when one is dogmatically forbidden to consider prenatal life. It is truly hard to imagine—and here I am not always speaking of conscious matters, but rather of unconscious aspects of human development—that anything could be more successful in lulling people into illusions about their true nature than withholding from them insights into prenatal life. For the entire view of human life is distorted by deceiving people into believing the fallacy that human beings are placed on Earth merely through their origin from a father and a mother. The Church has thereby created an immense means of power for itself by withholding from people insight into prenatal life. That is why the Church, as such, will fight in the most fierce manner against all those teachings that address prenatal life. The Church will not tolerate this. One should harbor no illusions about this; nor, however, should one be under the illusion that life simply cannot be understood if one does not take prenatal life into account.

[ 14 ] Aber etwas wird Ihnen daraus folgen, was Sie eigentlich tief und gründlich beachten sollten. Bedenken Sie doch: es lag also im Interesse der Kirchenbekenntnisse, dem Menschen wichtige Aufklärung über sich selbst vorzuenthalten. Die Kirchenbekenntnisse haben es geradezu zu ihrer Mission gemacht, dem Menschen wichtigste Wahrheiten über sich selbst vorzuenthalten. Diese kirchlichen Bekenntnisse haben damit ihr Mittel gefunden, die Menschen einzuhüllen in Dumpfheit, in Ilusion. Und es ist heute notwendig, in diesem Punkte sich keinen Täuschungen hinzugeben, nicht aus irgendeiner Nachsicht heraus kompromisseln zu wollen mit allerlei kirchenbekenntlichen Anschauungen. Es läßt sich damit nicht kompromisseln. Und beachtet sollte werden, daß es nichts fruchtet, wenn Sie irgendwo geltend machen: Die Anthroposophie beschäftigt sich ja mit dem Christus, sie ist nicht atheistisch, sie ist auch nicht pantheistisch und so weiter. — Das wird Ihnen nie etwas helfen, denn die Kirchenbekenntnisse werden sich nicht darüber ärgern, daß Sie sich nicht mit dem Christus befassen, daran liegt ihnen nicht viel, aber sie werden sich gerade darüber ärgern, daß Sie sich mit dem Christus befassen. Denn es liegt ihnen daran, daß sie das Monopol haben, allein über Christus etwas zu sagen. In diesen Dingen darf man keine innere Nachsicht üben, sonst wird man immer versucht sein, die wichtigsten Dinge des Lebens in Dämmerung und Nebel und Ilusion zu hüllen. Die Menschheit hat es gegenwärtig notwendig, den geistigen Erkenntnissen entgegenzugehen. Den geistigen Erkenntnissen widerstreben aber am meisten die dogmatischen Kirchenbekenntnisse, namentlich jene dogmatischen Kirchenbekenntnisse, die sich im Abendlande allmählich herausgebildet haben. Die Kirche als solche kann eigentlich nicht feindlich sein den geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen; das ist ganz unmöglich, denn die Kirche als solche sollte es eigentlich nur zu tun haben mit dem Fühlen des Menschen, mit den Zeremonien, mit dem Kultus, aber nicht mit dem Gedankenleben. Der gebildete Orientale begreift die abendländischen Kirchenbekenntnisse überhaupt nicht, denn der gebildete Orientale weiß genau: er ist gebunden an den äußeren Kultus; denjenigen Zeremonien sich hinzugeben, denen man sich in seinem Bekenntnisse hingibt, das obliegt ihm. Denken kann er, was er will. Im orientalischen Bekenntnisse weiß man noch etwas von Gedankenfreiheit. Diese Gedankenfreiheit ist den Europäern ganz und gar verlorengegangen. Sie sind erzogen in Gedankenknechtung, ganz besonders seit dem 8. oder 9. nachchristlichen Jahrhundert. Deshalb wird es den Menschen der abendländischen Kultur so schwer, sich hineinzufinden in die Dinge, die ich neulich angeführt habe: daß das Beweisen irgendeiner Meinung leicht ist. Man kann die eine Meinung beweisen und kann ihr Gegenteil beweisen. Denn daß man etwas beweisen kann, das ist kein Beweis für die Wahrheit desjenigen, was man behauptet. Um zur Wahrheit zu kommen, muß man in viel tiefere Schichten des Erlebens hineingehen, als diejenigen sind, in denen unsere gewöhnlichen Beweise liegen. Aber das Erleben haben gewisse Kirchenbekenntnisse nicht an die Oberfläche heraufbringen wollen; deshalb haben sie den Menschen getrennt von solchen Wahrheiten wie diese: Da stehst du, O Mensch! Indem dein Organismus sich von Kleinkind auf entwickelt, entwickelt sich in dir nach und nach dasjenige, was du durchlebt hast im vorgeburtlichen Leben.

[ 14 ] But there is something to be learned from this that you should really take to heart. Just consider this: it was, after all, in the interest of the church creeds to withhold important insights about themselves from people. The church creeds have virtually made it their mission to withhold the most important truths about themselves from human beings. These church creeds have thus found a way to envelop people in dullness and illusion. And today it is necessary not to succumb to any delusions on this point, nor to seek compromise—out of any kind of leniency—with all manner of views espoused by the church creeds. There can be no compromise on this. And it should be noted that it is of no use if you argue anywhere that “Anthroposophy does, after all, deal with Christ; it is not atheistic, nor is it pantheistic,” and so on. — That will never help you, because the church creeds will not take offense at the fact that you do not concern yourself with Christ—they do not care much about that—but they will take offense precisely because you do concern yourself with Christ. For it is important to them that they have the monopoly on speaking about Christ. In these matters, one must not be lenient with oneself; otherwise, one will always be tempted to shroud the most important things in life in twilight, fog, and illusion. Humanity currently needs to move toward spiritual insights. But it is the dogmatic church creeds—namely those that have gradually developed in the West—that resist spiritual insights the most. The Church as such cannot actually be hostile to spiritual-scientific insights; that is quite impossible, for the Church as such should really concern itself only with human feeling, with ceremonies, with worship, but not with intellectual life. The educated Oriental does not understand Western creeds at all, for the educated Oriental knows full well: he is bound to external worship; it is his duty to devote himself to the ceremonies prescribed by his creed. He is free to think whatever he wishes. In Eastern creeds, one still knows something of freedom of thought. This freedom of thought has been completely lost to Europeans. They have been raised in intellectual bondage, especially since the 8th or 9th century A.D. That is why it is so difficult for people of Western culture to come to terms with the things I mentioned recently: that proving any opinion is easy. One can prove one opinion and can prove its opposite. For the fact that one can prove something is no proof of the truth of what one asserts. To arrive at the truth, one must delve into much deeper layers of experience than those in which our ordinary proofs lie. But certain church creeds have not wanted to bring this experience to the surface; that is why they have separated people from truths such as this: “There you stand, O human being! As your organism develops from infancy onward, what you experienced in your prenatal life gradually develops within you.”

[ 15 ] Und was entwickelt sich denn hauptsächlich aus dem vorgeburtlichen Leben heraus im einzelnen menschlichen Leben zwischen Geburt und Tod?

[ 15 ] And what, specifically, develops from prenatal life into an individual human life between birth and death?

[ 16 ] Nun, wir unterscheiden im Menschen ein individuelles Leben und ein soziales Leben. Ohne daß Sie diese zwei Pole des menschlichen Erlebens auseinanderhalten, können Sie überhaupt zu keinem Begriff vom Menschen kommen: Individuelles Leben — dasjenige, was wir gewissermaßen als unser urpersönlichstes Eigentumserlebnis an jedem Tage, in jeder Stunde haben; soziales Leben — dasjenige, was wir nicht haben könnten, wenn wir nicht fortwährend in Gedankenaustausch, in sonstigen Verkehr mit anderen Menschen treten würden. Individuales und Soziales spielen in das menschliche Leben herein. Alles, was in uns individuell ist, ist im Grunde die Nachwirkung des vorgeburtlichen Lebens. Alles, was wir im sozialen Leben entwickeln, ist der Keim zu dem nachtodlichen Leben. Wir haben sogar neulich gesehen, daß es der Keim zu dem Karma ist. So daß wir sagen können: Im Menschen ist Individuelles und Soziales. Das Individuelle ist die Nachwirkung des Vorgeburtlichen. Das Soziale ist das Keimhafte des Nachtodlichen.

[ 16 ] Well, we distinguish between an individual life and a social life in human beings. Unless you distinguish between these two poles of human experience, you cannot form any conception of the human being at all: individual life—that which we experience, so to speak, as our most deeply personal sense of ownership every day, every hour; social life—that which we could not have if we did not continually engage in the exchange of ideas and other forms of interaction with other people. The individual and the social both play a role in human life. Everything that is individual within us is, at its core, the aftereffect of prenatal life. Everything we develop in social life is the seed of life after death. We have even seen recently that it is the seed of karma. So we can say: There is the individual and the social within the human being. The individual is the aftereffect of prenatal life. The social is the seed of life after death.

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[ 17 ] Der erste Teil dieser Wahrheit, daß das Individuelle gewissermaßen die Nachwirkung ist des vorgeburtlichen Lebens, der kann ganz besonders ersehen werden, wenn man Menschen mit besonderen Begabungen studiert. Sagen wir einmal, weil es gut ist, in solchen Fällen auf das Radikale zu sehen, man studiere menschliche Genies. Woher kommt die geniale Kraft, das Genie? Das Genie bringt sich der Mensch durch seine Geburt in dieses Leben herein. Es ist immer das Ergebnis des vorgeburtlichen Lebens. Und da begreiflicherweise das vorgeburtliche Leben besonders in der Kindheit zum Ausdrucke kommt — später paßt sich der Mensch dem Leben zwischen Geburt und Tod an, aber in der Kindheit kommt alles das heraus, was der Mensch vor der Geburt erlebt hat —, deshalb zeigt sich beim Genie das Kindliche während des ganzen Lebens. Es ist geradezu die Eigenschaft des Genies, das Kindhafte durch das ganze Leben zu bewahren. Und es gehört sogar zum Genie, bis in die spätesten Tage sich die Jugendlichkeit, Kindlichkeit zu erhalten, weil alles Genie zusammenhängt mit dem vorgeburtlichen Leben. Aber nicht nur das Genie, alle Begabungen, alles dasjenige, wodurch ein Mensch eine Individualität ist, hängt mit dem vorgeburtlichen Leben zusammen. Wenn man dem Menschen daher das Dogma gibt, es gebe kein vorgeburtliches Leben, es gebe keine Präexistenz, was tut man denn implicite damit? Man verbreitet die Lehre: Es gibt keinen Grund für besondere individuelle Begabungen. — Sie wissen, daß die eigentlichen Kirchenbekenntnisse, wenn sie ganz aufrichtig und ehrlich sind, sich dazu bekennen: Es gibt keine Gründe für persönliche Begabungen. — Es geht ja nicht an, die persönlichen Begabungen selber abzuleugnen; aber man leugnet ihre Gründe ab, dann kann man die persönlichen Begabungen für ziemlich bedeutungslos halten.

[ 17 ] The first part of this truth—that the individual is, in a sense, the aftereffect of prenatal life—can be seen particularly clearly when one studies people with special gifts. Let us say, since it is good to look at the extremes in such cases, that one studies human geniuses. Where does the power of genius, the genius itself, come from? A person brings their genius into this life through their birth. It is always the result of prenatal life. And since, understandably, prenatal life finds particular expression in childhood—later, a person adapts to life between birth and death, but in childhood everything that a person experienced before birth comes to the surface— that is why the childlike quality is evident in a genius throughout their entire life. It is, in fact, the very nature of genius to preserve this childlike quality throughout one’s entire life. And it is even part of genius to retain youthfulness and childlikeness right up to the very end of one’s days, because all genius is connected to prenatal life. But it is not only genius; all talents, everything that makes a person an individual, is connected to prenatal life. If, therefore, one imposes on people the dogma that there is no prenatal life, that there is no pre-existence, what does one implicitly do by doing so? One spreads the doctrine: There is no reason for special individual talents. — You know that the actual church creeds, if they are entirely sincere and honest, profess this: There are no reasons for personal talents. — It is, of course, not possible to deny personal talents themselves; but by denying their reasons, one can then regard personal talents as quite meaningless.

[ 18 ] Damit hängt es zusammen, daß aus den Kirchenbekenntnissen heraus, wie sie durch Jahrhunderte gewaltet haben, eine Erziehung der europäischen Menschheit hervorgegangen ist, die letzten Endes zu dem modernen Menschennivellement geführt hat. Was sind heute im Grunde den Menschen individuelle Begabungen? Und was würden individuelle Begabungen sein, wenn die gewöhnliche sozialistische Lehre durchgeführt würde? In diesen Dingen kommt es darauf an, weniger auf den äußeren Namen einer Sache zu sehen als auf die inneren Zusammenhänge. Wer auf der einen Seite ein dogmengläubiger Katholik ist und auf der anderen Seite ein Hasser sozialdemokratischer Lehren, der ist in einer sehr merkwürdigen Inkonsequenz drinnen. Er ist in derselben Inkonsequenz drinnen wie einer, der sagt: Ich habe im Jahre 1875 einen kleinen Jungen kennengelernt, den habe ich sehr gern, habe ihn heute noch sehr gern, diesen kleinen Jungen. — Aber nun sagt man ihm: Aber sieh einmal, aus dem kleinen Jungen von 1875 ist der Kerl geworden, der jetzt als Sozialdemokrat vor dir steht. — Ja —, so wird dann geantwortet —, den kleinen Jungen von 1875, den habe ich in seinem Leben von damals auch heute noch gern, aber den, der da aus ihm geworden ist, den mag ich nicht, den hasse ich. — Die Sozialdemokratie ist aber aus dem Katholizismus geworden! Der Katholizismus ist nur der kleine Junge, der sich ausgewachsen hat zur Sozialdemokratie. Weder möchte die letztere sich das eingestehen, noch möchte der erstere das zugestehen, aber nur aus dem Grunde, weil die Menschen im äußerlich Sozialen keine Lebendigkeit sehen wollen, sondern eigentlich nur etwas sehen wollen wie aus Papiermache. Wenn man etwas aus Papiermache macht, dann bleibt es steif und behält seine Form, solange es sich hält; aber dasjenige, was im sozialen Leben drinnensteht, das wächst und lebt eben und es kann ja daneben auch konserviert werden. Aber da muß man zwischen 'Täuschung und Wirklichkeit unterscheiden. Sehen Sie, zwischen Täuschung und Wirklichkeit unterscheiden Sie, wenn Sie etwa zu folgender Idee sich aufschwingen. 8. Jahrhundert: Katholizismus; 20. Jahrhundert: Aus dem wirklichen Katholizismus des 8. Jahrhunderts ist die Sozialdemokratie geworden! Und dasjenige, was daneben als Katholizismus da ist, das ist nicht der wirkliche Katholizismus vom 8. Jahrhundert, sondern dessen Imitation, das ist der nachgemachte Katholizismus; denn der wirkliche Katholizismus ist mittlerweile zur Sozialdemokratie ausgewachsen.

[ 18 ] This is why the church creeds, as they have prevailed for centuries, have given rise to a system of education for the European people that has ultimately led to the modern leveling of humanity. What, fundamentally, are individual talents to people today? And what would individual talents be if the standard socialist doctrine were put into practice? In these matters, it is important to look less at the outward label of a thing than at its inner connections. Anyone who, on the one hand, is a dogmatic Catholic and, on the other, hates social democratic doctrines, is caught up in a very strange inconsistency. He is caught in the same inconsistency as someone who says: “In 1875, I met a little boy whom I liked very much; I still like him very much today, this little boy.” — But then someone says to him: “But look, that little boy from 1875 has grown into the man who now stands before you as a Social Democrat.” — “Yes,” comes the reply, “I still like the little boy from 1875, just as I did back then, but the person he has become—I don’t like him; I hate him.” — But Social Democracy has emerged from Catholicism! Catholicism is merely the little boy who has grown into Social Democracy. Neither the latter is willing to admit this, nor is the former willing to concede it—but only because people do not want to see any vitality in the outwardly social realm; rather, they really only want to see something like papier-mâché. When you make something out of papier-mâché, it remains stiff and retains its shape as long as it holds together; but what lies at the heart of social life grows and lives, and it can, of course, be preserved alongside it. But here one must distinguish between illusion and reality. You see, you distinguish between illusion and reality when you, for example, rise to the following idea: 8th century: Catholicism; 20th century: The real Catholicism of the 8th century has become social democracy! And what exists alongside it as “Catholicism” is not the real Catholicism of the 8th century, but rather an imitation of it—that is, a counterfeit Catholicism; for the real Catholicism has since grown into social democracy.

[ 19 ] Das ist im allgemeinen nicht anerkannt, weil eben die Menschen sich nicht bequemen wollen, Wirklichkeiten zu sehen, sondern weil sie sich Illusionen, Täuschungen hinstellen vor die Wirklichkeiten. Und das können sie ja leicht tun. Denn man gibt einfach dem, was längst nicht mehr es selbst ist, denselben Namen. Aber wenn man heute dem, was von Rom aus in Europa vertreten wird — ich muß es umschreiben —, in demselben Sinne den Namen Katholizismus gibt, wie dem, was im 8. Jahrhundert von Rom aus vertreten worden ist, so ist das gerade so, wie wenn ich von einem sechzigjährigen alten Mann sage: Das ist ja das achtjährige Kerlchen! — Es war einmal das achtjährige Kerlchen, aber heute ist es nicht mehr das achtjährige Kerlchen.

[ 19 ] This is generally not recognized, not because people are unwilling to face reality, but because they substitute illusions and deceptions for reality. And they can easily do so. For one simply gives the same name to something that has long since ceased to be what it once was. But if today one were to give the name “Catholicism”—I must rephrase this—to what is represented in Europe from Rome in the same sense as what was represented from Rome in the 8th century, it would be just as if I were to say of a sixty-year-old man: “That’s the eight-year-old boy!” — Once upon a time, there was the eight-year-old boy, but today he is no longer the eight-year-old boy.

[ 20 ] Ich mache Sie hier auf etwas aufmerksam, was nötig ist zu beachten, weil auch das soziale Leben als etwas Lebendiges und nicht als etwas Unlebendiges, Totes angesehen werden darf. Und ehe nicht solche Dinge durchschaut werden, wird die gegenwärtige Menschheit nicht aufsteigen zu einem Verständnis des wirklich sozialen Lebens. Das soziale Leben hat in solchen Sphären seine Wurzeln, die wir heute gewöhnlich mit unseren veräußerlichten Namen in keiner Sprache mehr fassen, am ehesten noch in den orientalischen Sprachen, schon wenig in den europäischen Sprachen, am wenigsten in der englischen oder amerikanischen Sprache, die ja sehr weit entfernt ist von der Wirklichkeit. Also unsere Sprachen sind Hindernisse für das Verständnis des Sozialen. Daher wird die Menschheit nur zum Verständnis des Sozialen aufrücken, wenn sie sich emanzipiert von dem bloßen Sprachverständnis. Aber es wird sehr stark heute perhorresziert alles dasjenige, was über das bloße Sprachverständnis hinausgeht. Und was man am allerhäufigsten findet, ist heute, daß einem, wenn irgend etwas erklärt werden soll, irgendeine Worterklärung zunächst vorgesetzt wird. Aber es ist ja ganz gleichgültig, wie man eine Sache benennt, welches Wort man dafür anwendet; es handelt sich darum, daß man vor allen Dingen den Menschen zur Sache hinführt und nicht zum Worte. Also wir müssen vor allen Dingen überwinden das Gebundensein in den Sprachen, wenn wir zum sozialen Verständnis vordtingen wollen. Aber das Gebundensein in den Sprachen wird ja nur überwunden, wenn die größten Vorurteile unserer Zeit überwunden werden. In den Schreckensjahren, die wir durchgemacht haben, hallte es durch die Welt: Freiheit den einzelnen Nationen! — und die kleinsten Nationen wollen heute sich eigene soziale Strukturen schaffen. Eine Leidenschaft, ein Paroxysmus des Nationalen ist über die Menschheit gekommen, und der ist für das soziale Leben der Erde gerade so schädlich wie der Materialismus für das Gedankenleben. Und ebenso wie der Mensch aus dem Materialismus sich herausarbeiten muß zur Freiheit und zur Geistigkeit, so muß sich die Menschheit herausarbeiten aus allem Nationalismus, in welcher Form immer er auftreten mag, zum allgemeinen Menschtum. Ohne das ist nicht vorwärtszukommen.

[ 20 ] I would like to draw your attention here to something that must be taken into account, because social life, too, may be regarded as something living and not as something lifeless and dead. And until such things are understood, humanity today will not rise to an understanding of true social life. Social life has its roots in spheres that we today can no longer grasp with our abstract terms in any language—perhaps most readily in the Oriental languages, to a lesser extent in the European languages, and least of all in English or American, which are, after all, very far removed from reality. Thus, our languages are obstacles to understanding the social. Therefore, humanity will only advance toward an understanding of the social when it emancipates itself from mere linguistic understanding. But today, anything that goes beyond mere linguistic understanding is strongly shunned. And what one finds most frequently today is that, when something is to be explained, some definition of a word is presented first. But it really doesn’t matter how one names a thing, which word one uses for it; the point is, above all, to lead people to the thing itself and not to the word. So, above all, we must overcome our bondage to language if we wish to advance toward social understanding. But this bondage to language can only be overcome if the greatest prejudices of our time are overcome. During the terrible years we have endured, the cry rang out across the world: “Freedom for the individual nations!”—and today even the smallest nations want to create their own social structures. A passion, a paroxysm of nationalism has swept over humanity, and it is just as harmful to the social life of the earth as materialism is to intellectual life. And just as the individual must work his way out of materialism toward freedom and spirituality, so must humanity work its way out of all nationalism, in whatever form it may appear, toward universal humanity. Without this, there can be no progress.

[ 21 ] In den Sprachen aber werden wir nicht die Möglichkeit finden, ganz herauszukommen aus dem Nationalismus, wenn diese Sprachen sich nicht anlehnen an tiefere Ausdrucksformen für das Geistige. Sehen Sie, ich möchte diese Betrachtungen mehr oder weniger mit einem Bilde beschließen. Wenn Sie nachdenken über dieses Bild, das ich gebrauchen werde, werden Sie auf mancherlei kommen können, was Ihnen gerade für das Verständnis der gegenwärtigen Zeit wichtig sein kann. Schauen Sie sich heute irgendein Schriftstück an. Diese kleinen Teufel, die auf dem weißen Papier stehen, man nennt diese kleinen Teufel Buchstaben, die man so nebeneinandersetzt. Sie haben groteske Formen und in ihrem Nebeneinander bedeuten sie dann die Laute unserer Sprachen. Das geht zurück auf andere ausdrucksvollere Schriftformen. Und wenn wir das ganz weit zurückverfolgen, dann kommen wir zu den Schriftformen, sagen wir, wie sie die Ägypter gehabt haben, oder wie das ursprüngliche Sanskrit war, das mehr oder weniger ganz in seinen Formen aus dem Schlangencharakter sich herausentwickelt hat. Die Sanskritzeichen sind umgewandelte Schlangenformen mit allerlei daran. Die ägyptischen Schriftformen waren noch gemalte, gezeichnete Schriftformen, waren noch Bilder, waren in ihren ältesten Zeiten sogar die Imagination für dasjenige, was dargestellt wurde. Die Schrift war unmittelbar aus dem Geistigen heraus. Dann wurde die Schrift immer abstrakter und abstrakter, bis sie zu dem wurde, was schon mehr oder weniger schlimm genug war: zu unserer gewöhnlichen Schrift, die nur noch dadurch, daß man ihre Formen lernt, zusammenhängt mit dem, was sie darstellt.

[ 21 ] But we will not find a way to fully escape nationalism through languages unless those languages draw upon deeper forms of expression for the spiritual. You see, I would like to conclude these reflections, more or less, with an image. If you reflect on this image I am about to use, you will be able to arrive at various insights that may be particularly important for understanding the present age. Take a look at any written document today. These little devils standing on the white paper—we call these little devils “letters,” which are arranged side by side. They have grotesque shapes, and when placed side by side, they represent the sounds of our languages. This goes back to other, more expressive forms of writing. And if we trace this back very far, we arrive at forms of writing—let’s say, like those used by the Egyptians—or like the original Sanskrit, which, in its forms, developed more or less entirely from serpentine motifs. The Sanskrit characters are transformed serpentine forms with all sorts of additions. The Egyptian forms of writing were still painted, drawn forms; they were still images; in their earliest times, they were even the very imagination of what was being depicted. Writing sprang directly from the spiritual realm. Then writing became more and more abstract, until it became what was already more or less bad enough: our ordinary writing, which is connected to what it represents only through the fact that one learns its forms.

[ 22 ] Dann kam etwas noch Fürchterlicheres, die Stenographie, die nun völlig der Tod des ganzen Systems ist, welches sich da entwickelt hat aus der alten Bilderschrift heraus. Diese absteigende Entwickelung muß wiederum einem Aufstieg weichen; wir müssen wiederum zu einer Entwickelung zurückkommen, welche uns herausführt aus alldem, in das wir namentlich mit der Schrift hineingetrieben worden sind. Und damit wurde versucht, einen Anfang zu machen. Hier auf diesem Dornacher Hügel steht er. Was auch Mannigfaltiges fehlt an dem Dornacher Bau, was auch Mannigfaltiges unvollkommen ist, er ist in seinen Formen etwas, was ausdrückt in jetziger Art die übersinnliche Wesenheit, zu der der Mensch heute hinsehen soll. Er ist, möchte ich sagen, auch als eine Welthieroglyphe gemeint. Wenn Sie seine einzelnen Formen wirklich studieren, werden Sie in ihnen lesen können viel mehr, als Sie durch Beschreibungen des Geistigen aufnehmen können, wenigstens ist das beabsichtigt. Beabsichtigt ist, in ihm eine Weltenschrift zu verwirklichen. Aus der Kunst ist die Schrift hervorgegangen, zur Kunst muß die Schrift wieder zurückkehren. Sie muß über den Symbolismus hinauskommen, unmittelbar das Geistige in sich leben lassen, indem sie in neuer Art wiederum zur Hieroglyphe wird.

[ 22 ] Then came something even more dreadful: shorthand, which now spells the complete demise of the entire system that had developed from the ancient pictographic script. This downward development must in turn give way to an ascent; we must return to a form of development that leads us out of all that into which we have been driven, particularly by writing. And an attempt has been made to make a start on this. Here on this hill in Dornach it stands. Whatever may be lacking in the Dornach building, whatever may be imperfect, in its forms it is something that expresses, in a contemporary way, the supersensible essence toward which people today are meant to look. It is, I would say, also intended as a world hieroglyph. If you truly study its individual forms, you will be able to read much more in them than you can grasp through descriptions of the spiritual; at least, that is the intention. The intention is to realize a universal script within it. Script emerged from art; it must return to art. It must transcend symbolism and allow the spiritual to live directly within it by once again becoming a hieroglyph in a new way.

[ 23 ] Was hier steht auf diesem Hügel, wird nur dann richtig begriffen werden, wenn man sich sagt: Es liegen mancherlei Menschheitsforderungen in der gegenwärtigen Zeit vor, die eine Antwort haben sollen. Es ist im Grunde genommen das Wort der Sprache heute durchaus nicht hinreichend, um darauf Antwort zu geben. Eine solche Antwort ist versucht mit den Formen dieses Baues. Vieles ist an ihm unvollkommen; aber der Versuch mit einer solchen Antwort ist durch diesen Bau gemacht worden. Und wenn man ihn von diesem Gesichtspunkte aus anschauen wird, dann wird man ihn in der richtigen Weise anschauen.

[ 23 ] What stands here on this hill will only be truly understood if one realizes: There are many demands facing humanity in the present age that require an answer. Fundamentally, the language of today is by no means sufficient to provide such an answer. An attempt at such an answer has been made through the forms of this building. Much about it is imperfect; but this building represents an attempt to provide such an answer. And if one views it from this perspective, then one will view it in the proper way.

[ 24 ] Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute zu den vorigen Betrachtungen noch hinzufügen wollte.

[ 24 ] That is what I wanted to add today to my previous reflections.