The Social Question as a
Question of Consciousness
GA 191
18 October 1919, Dornach
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The Social Question as a Question of Consciousness, tr. SOL
Achter Vortrag
Eighth Lecture
[ 1 ] Wir haben eine ganze Reihe von Betrachtungen angestellt, die sich im wesentlichen damit beschäftigt haben, zu zeigen, wie eine Gesundung unserer sozialen und sonstigen Verhältnisse des menschlichen Zusammenlebens nur herbeigeführt werden kann dadurch, daß von innen heraus die Menschen ergriffen werden von anderen Vorstellungsarten, als diejenigen sind, die gewissermaßen groß geworden sind im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte. Unter den Einflüssen, welche sich ganz besonders geltend gemacht haben, um solche Vorstellungsarten, die nicht weiter die Menschen beherrschen dürfen, hervorzubringen, war besonders auch die naturwissenschaftliche Denkungsart. Es ist schwer, ganz unbefangen heute über diese naturwissenschaftliche Denkungsart zu sprechen, aus dem Grunde, weil ja ganz zweifellos die Tatsache vorliegt, daß durch diese naturwissenschaftliche Denkungsart der Menschheit große, gewaltige Fortschritte gefördert worden sind. Man muß sich allerdings darüber klar sein, daß gerade die hierher gehörigen Fortschritte der neueren Zeit solche sind, welche das eigentliche Geistesleben des Menschen heruntergebracht haben. Nach und nach sind die Dinge doch so gekommen, daß vorzugsweise diejenigen Partien des menschlichen Wissens Fortschritte erfahren haben, welche dann verwertet werden konnten in der äußeren Technik. Und auch das übrige Kulturleben hat einen Anstrich bekommen durch diese Tendenz, das menschliche Denken, das menschliche Vorstellen immer hinzuorientieren auf das, wie es verwendet werden kann in der äußeren Technik.
[ 1 ] We have undertaken a whole series of reflections that have essentially focused on showing how a restoration of our social and other conditions of human coexistence can only be brought about when people are moved from within by ways of thinking other than those that have, so to speak, come to prominence over the course of the last three to four centuries. Among the influences that have been particularly significant in bringing about such ways of thinking—which must no longer dominate people—the scientific way of thinking has played a special role. It is difficult to speak entirely impartially today about this scientific way of thinking, for the simple reason that it is an indisputable fact that this scientific way of thinking has fostered great and tremendous progress for humanity. One must, however, be clear that it is precisely these modern advances that have diminished the very spiritual life of human beings. Gradually, things have come to pass in such a way that progress has been made primarily in those areas of human knowledge that could then be applied to external technology. And the rest of cultural life, too, has been shaped by this tendency to constantly orient human thinking and human imagination toward how it can be applied in external technology.
[ 2 ] Es würde durchaus falsch sein, wenn man glauben wollte, daß mit dieser Behauptung nur alles dasjenige getroffen sei, was im modernen Geistesleben abhängig ist von der naturwissenschaftlichen Denkungsweise. Das ist hier nicht so gemeint; sondern hier ist gemeint, daß das ganze Denken der modernen Menschheit, insofern nicht alte Vorstellungen, alte Elemente in diesem Denken sich fortgeerbt haben, so geartet ist, wie es nun im Extremen im naturwissenschaftlichen Denken zum Ausdruck gekommen ist und zum Ausdruck kommt. Nicht etwa nur diejenigen Menschen denken heute naturwissenschaftlich, welche direkt von der Naturwissenschaft beeinflußt sind. Man kann sogar etwas paradox sehr richtig sagen: Diejenigen Menschen, die von der Naturwissenschaft direkt beeinflußt sind, die denken am allerwenigsten in dem Sinne, wie es hier gemeint ist. — Es ist nur das, was allgemeine Denkungsweise der Menschen ist, in einer besonders charakteristischen Form in der Naturwissenschaft zum Ausdrucke gekommen, so daß man gewissermaßen an der Naturwissenschaft am besten sieht, wie diese moderne Menschheit denkt. Also von diesen Einflüssen derjenigen Vorstellungsart, die in der Naturwissenschaft ihre besondere charakteristische Offenbarung gefunden hat, davon haben wir wiederholt gesprochen.
[ 2 ] It would be entirely wrong to believe that this assertion applies only to those aspects of modern intellectual life that are dependent on the scientific way of thinking. That is not the intention here; rather, the point is that the entire way of thinking of modern humanity—insofar as old ideas and elements have not been inherited into this thinking—is of the nature that has been and continues to be expressed, in its most extreme form, in scientific thinking. It is not merely those people who are directly influenced by the natural sciences who think scientifically today. One can even say, somewhat paradoxically, that those people who are directly influenced by the natural sciences are the very ones who think the least in the sense intended here. — It is simply that the general way of thinking among people has found expression in a particularly characteristic form in the natural sciences, so that, in a sense, the natural sciences best reveal how modern humanity thinks. We have spoken repeatedly about these influences of the mode of thought that has found its particular, characteristic manifestation in the natural sciences.
[ 3 ] Nun möchte ich hinweisen auf eine besondere Eigentümlichkeit, die dadurch unserem Denken, unserem ganzen Vorstellen, überhaupt unserem modernen Seelenleben anhaftet, daß so viel von naturwissenschaftlichen Impulsen in diesem Seelenleben vorhanden ist. Diese Eigentümlichkeit besteht darin, daß wir als moderne Menschen in gewissem Sinne verlernt haben, unbefangen die Dinge zu beobachten. Die Menschen glauben, daß sie unbefangen die Dinge beobachten; sie tun das aber nicht. Schon unsere Schulerziehung ist heute so, daß sie in den Menschen hineinimpft eine ganz große Summe von vorgefaßten Vorstellungen, durch welche die reine Anschauung der Dinge gefärbt wird. Eine reine Anschauung der Dinge haben wir eigentlich gegenwärtig nicht.
[ 3 ] Now I would like to point out a particular peculiarity that is inherent in our thinking, our entire way of imagining things, and indeed our modern inner life as a whole, precisely because so much of the scientific impulse is present in this inner life. This peculiarity consists in the fact that we, as modern people, have in a certain sense forgotten how to observe things impartially. People believe that they observe things impartially; but they do not. Even our school education today is such that it instills in people a vast number of preconceived notions, which color our pure perception of things. We do not actually have a pure perception of things at present.
[ 4 ] Sie können die Frage aufwerfen: Müßte denn nicht das besonders Schädliche dieser Tatsache, daß wir eine reine Anschauung der Dinge nicht haben, sich ganz besonders zeigen gerade im naturwissenschaftlichen Forschen, in der Naturwissenschaft? — Glauben sollte man schon, daß es so ist. Aber wenn man genauer zusicht, so bemerkt man doch darüber etwas anderes noch. Die Wissenschaft rettet sich vor dem Verheerenden und Verderblichen dieses Nicht-ordentlich-sehenKönnens der Verhältnisse dadurch, daß sie immer mehr und mehr ihre Aufmerksamkeit bloß auf die äußere Sinnenwelt lenkt, auf das, was den äußeren Sinnen gegeben wird. Die äußeren Sinne richten sich nun nicht nach den vorgefaßten Vorstellungen, und so korrigieren sie fortwährend dasjenige, was aus den vorgefaßten Meinungen und Vorstellungen, namentlich aus den vorgefaßten Anschauungen kommt. Da korrigiert die Beobachtung fortwährend dasjenige, was der Mensch aus sich selber heraus in seine Anschauung der Dinge hineinträgt. Deshalb bemerkt man nicht, wenn naturwissenschaftliche Beobachtungen gemacht werden, daß auch da hineingetragen wird alles mögliche von vorgefaßten Anschauungen. Aber es wird trotzdem hineingetragen. Und wer dann im Zusammenhange das nimmt, was naturwissenschaftlich produziert wird, der findet schon, wie in das gesamte naturwissenschaftliche Anschauen hinein eben die vorgefaßten Anschauungen getragen werden.
[ 4 ] One might ask: Shouldn’t the particularly harmful aspect of the fact that we do not have a clear perception of things be especially evident in scientific research, in the natural sciences? — One would certainly think so. But upon closer inspection, one notices something else as well. Science protects itself from the devastating and pernicious effects of this inability to see relationships clearly by directing its attention more and more solely to the external sensory world—to what is given to the external senses. The external senses, however, are not guided by preconceived notions, and so they continually correct what arises from preconceived opinions and notions—namely, from preconceived views. In this way, observation continually corrects what a person brings from within themselves into their perception of things. That is why, when scientific observations are made, one does not notice that all manner of preconceived views are also brought into the process. But they are brought in nonetheless. And anyone who then considers, in context, what is produced by the natural sciences will find that these very preconceived views are indeed carried into the entire scientific perspective.
[ 5 ] Aber das besonders Schädliche dieses Nicht-mehr-sehen-Könnens, das äußert sich besonders dann, wenn der gegenwärtige Mensch nachdenken soll über soziale Verhältnisse. Da korrigieren die Tatsachen durchaus nicht dasjenige, was der Mensch an vorgefaßten Meinungen in diese Tatsachen hineinträgt. Und so haben wir es denn nach und nach wirklich dahin gebracht, daß man in bezug auf die sozialen Tatsachen des Lebens schließlich alles behaupten kann, was man behaupten will. Sie finden heute tatsächlich alle möglichen Meinungen vertreten. Sie finden auf der einen Seite die Meinung vertreten, daß die wahre soziale Wirklichkeit nur besteht in den ökonomischen Vorgängen, daß alles geistige Leben nur eine Art Überbau, eine Art Rauch ist, der da aufsteigt oder der errichtet ist über den ökonomischen Tatsachen; das ist das eine Extrem. Das andere Extrem ist dieses: Man redet, da man von wirklichen geistigen Mächten, die in der Welt leben, heute nicht viel Begriff hat, von den herrschenden, abstrakten Ideen, Ideen der Dinge und so weiter, und behauptet: diese Ideen gestalten — vielleicht durch Menschen, aber eben sie gestalten — dasjenige, was äußere ökonomische und sonstige Tatsachen sind.
[ 5 ] But the particularly harmful aspect of this inability to see anymore becomes especially apparent when people today are asked to reflect on social conditions. In such cases, the facts do not in the least correct the preconceived notions that people bring to bear on those facts. And so, little by little, we have actually reached a point where, with regard to the social facts of life, one can ultimately claim whatever one wishes. Today, in fact, you will find all manner of opinions represented. On the one hand, you will find the view that true social reality consists solely of economic processes, that all spiritual life is merely a kind of superstructure, a kind of smoke that rises or is erected above the economic facts; that is one extreme. The other extreme is this: Since people today have little concept of the real spiritual forces at work in the world, they speak of the prevailing, abstract ideas—ideas of things and so on—and claim that these ideas shape—perhaps through human beings, but they do shape—what constitutes external economic and other realities.
[ 6 ] Sie sehen, es sind die zwei entgegengesetzten Meinungen. Nun handelt es sich darum, zu beweisen die eine Meinung und die andere Meinung. Sie können ganz richtige Beweisgründe, unanfechtbare Beweisgründe heute anführen sowohl für die eine wie für die andere Meinung, Beweisgründe, die für die eine und für die andere Meinung ganz gleich gut sind. Wenn heute irgendein Mensch auftritt, der behauptet, es sei alles Geschehen tatsächlich vom Geiste aus, von Ideen aus beherrscht, so kann er das beweisen. Und ein anderer kann auftreten und kann sagen: Was du da beweist, das ist die reine Phantasie; in Wirklichkeit sind alle Ideen nur die Spiegelbilder, nur der Überbau desjenigen, was ökonomische Tatsachen sind. — Er kann in der schönsten Weise widerlegen, was der andere sagt; er kann seine Sache beweisen und die andere. Die Beweisgründe sind in beiden Fällen ganz gleich gute.
[ 6 ] As you can see, these are two opposing views. The task now is to prove one view and the other. Today, one can present entirely valid, irrefutable arguments for both views—arguments that are equally sound for one view as for the other. If someone were to come forward today and claim that all events are in fact governed by the spirit, by ideas, they could prove it. And another person can come forward and say: What you are proving there is pure fantasy; in reality, all ideas are merely reflections, merely the superstructure of what are economic facts. — He can refute what the other person says in the most elegant way; he can prove his case and the other’s. The arguments are equally sound in both cases.
[ 7 ] Das ist eine Erscheinung, die eigentlich viel zuwenig gewürdigt wird innerhalb des Geisteslebens unserer Zeit. Die Menschen sondern sich heute in Parteien oder in Gruppen und vertreten irgendeine Maxime, irgendein Programm. Sie sind überzeugt von dieser Maxime, sie sind überzeugt von diesem Programm und können es beweisen. Die anderen vertreten eine ganz andere Maxime, ein ganz anderes Programm; sie können es auch beweisen, und man kann nicht sagen, daß der eine schlechtere oder der andere bessere Gründe für seine Überzeugung hat. Das ist eine Erscheinung des öffentlichen Lebens, die man wirklich bemerken sollte, denn es ist die allercharakteristischste Erscheinung unserer Zeit. Es führt ja diese Erscheinung schließlich zu den allerantisozialsten Tatsachen und Stimmungen. Denn wenn man von irgendeiner Maxime überzeugt ist und man kennt die guten Gründe für diese Maxime, so hält man denjenigen, der eine andere Überzeugung hat, für einen Dummkopf oder für einen Schurken oder für irgendeinen unehrlichen Menschen. Und der andere, der aber dieselben guten Gründe, der die gleich guten Gründe haben kann, hält wieder den ersteren für einen Dummkopf oder für einen Schurken oder für einen unehrlichen Menschen. Daß man dieses Faktum als solches nicht durchschaut, das ist in einem gewissen Sinne die Tragik der gegenwärtigen Zeit. Nur sind die Menschen heute so gestimmt, daß sie glauben, was heute für die menschliche Seele gilt, das habe immer gegolten. Und sobald man auf diese Erscheinung heute jemanden aufmerksam macht, so kann man mit ziemlicher Sicherheit voraussehen, daß der dann kommt und sagt: Ja, was du da ausführst, daß alle Meinungen nebeneinander sich beweisen, das war immer so in der Entwickelung der Menschheit. — Würden die Menschen nur einigermaßen sich unterrichten wollen über die wirkliche Entwickelung der Menschheit, so würden sie eine solche Behauptung nicht tun; denn es war in Wahrheit nicht immer so; es standen nicht so offen die gut bewiesenen Meinungen und Maximen und Programme einander gegenüber wie heute. Denn man kann heute sehr gut beweisen. Man kann heute, wenn man so gescheit ist wie gewisse Sozialisten der Linken, ganz klipp und klar den Marxismus beweisen, und man kann ziemlich klipp und klar, wenn man nur einen anderen Standpunkt einnehmen will, beweisen, daß der Marxismus ein vollständiger Unsinn ist. Man kann heute eben sehr, sehr gut beweisen; darüber sollte man sich ganz klar sein.
[ 7 ] This is a phenomenon that is actually far too little appreciated in the intellectual life of our time. People today divide themselves into parties or groups and advocate some maxim or program. They are convinced of this maxim, they are convinced of this program, and they can prove it. The others advocate a completely different maxim, a completely different program; they, too, can prove it, and one cannot say that one side has worse reasons or the other better reasons for its conviction. This is a phenomenon of public life that really ought to be noted, for it is the most characteristic phenomenon of our time. After all, this phenomenon ultimately leads to the most antisocial facts and sentiments. For if one is convinced of a certain maxim and knows the good reasons for it, one regards anyone with a different conviction as a fool, a scoundrel, or some kind of dishonest person. And the other person—who may have the same good reasons, or equally good reasons—in turn regards the first as a fool, a scoundrel, or a dishonest person. The fact that people fail to see this reality for what it is is, in a certain sense, the tragedy of our times. But people today are so inclined that they believe what applies to the human soul today has always been true. And as soon as you draw someone’s attention to this phenomenon today, you can foresee with considerable certainty that they will then come and say: “Yes, what you’re saying—that all opinions prove themselves alongside one another—has always been the case in the development of humanity.” —If only people were willing to educate themselves even a little about the actual development of humanity, they would not make such a claim; for in truth, it has not always been so; well-proven opinions, maxims, and programs have not stood in such open opposition to one another as they do today. For today it is very easy to prove things. Today, if one is as clever as certain left-wing socialists, one can prove Marxism quite clearly and unambiguously; and one can prove, quite clearly and unambiguously—if one is merely willing to take a different standpoint—that Marxism is utter nonsense. Today, it is simply very, very easy to prove things; one should be perfectly clear about that.
[ 8 ] Diese Schulung, beweisen zu können, die wird heute schon den Kindern eingeimpft. Aber darinnen liegt gerade etwas außerordentlich Trauriges für unsere Gegenwart, daß man alles so klipp und klar, so streng beweisen kann und daher so leicht überzeugt sein kann von einer Sache. Denn von allen Arten, überzeugt zu werden von einer Sache, ist die leichteste diese, im heutigen Sinne diese Sache zu beweisen. Es gibt keine leichtere Art, sich eine Überzeugung heute zu erwerben, als diese Überzeugung zu beweisen. Gerade durch dieses Beweisenkönnen haben die Menschen vollständig ein Gefühl, ein rechtes Gefühl davon verloren, daß Überzeugungen im Leben erkämpft und erworben werden müssen, daß Überwindungen notwendig sind, wenn wirklich Überzeugung in der Seele Platz greifen soll.
[ 8 ] This ability to prove things is already being instilled in children today. But therein lies something extraordinarily sad for our present age: that everything can be proven so clearly and strictly, and that one can therefore be so easily convinced of a matter. For of all the ways to be convinced of something, the easiest is to prove it in the modern sense. There is no easier way to acquire a conviction today than to prove that conviction. It is precisely through this ability to prove that people have completely lost the sense—the true sense—that convictions must be fought for and earned in life, that overcoming obstacles is necessary if conviction is to truly take root in the soul.
[ 9 ] Woher rührt diese Tatsache, diese so tief in unser ganzes Leben einschneidende Tatsache, daß wir so ungemein leicht beweisen können? Sie rührt davon her, daß wir mit unseren Gedanken gewöhnt sind, so hart nur an der Oberfläche zu denken. Die Menschen denken heute hart an der Oberfläche der Dinge, bemühen sich nicht, sehr tief in die Dinge einzudringen. Und je oberflächlicher man denkt, desto besser kann man beweisen. Das ist außerordentlich wichtig einzusehen. Je dünner die Begriffe sind — und an der Oberfläche der Dinge werden alle Begriffe dünn und abstrakt —, desto besser scheinen diese Begriffe Beweisgründe abzugeben für dasjenige, was man aus ganz anderen Untergründen heraus, aus sehr unbewußten Untergründen heraus glauben und annehmen will, glauben und annehmen will aus Gefühlen, aus Willensrichtungen und dergleichen heraus. Unser ganzes Parteileben sollte einmal von dem Gesichtspunkt studiert und beschrieben werden, der jetzt eben vor Ihnen hier entwickelt worden ist.
[ 9 ] Where does this fact come from—this fact that has such a profound impact on our entire lives, yet which we can prove so easily? It stems from the fact that we are accustomed to thinking only very superficially. People today think only at the surface of things; they make no effort to penetrate very deeply into them. And the more superficially one thinks, the easier it is to prove things. It is extremely important to realize this. The more superficial the concepts are—and on the surface of things, all concepts become superficial and abstract—the better these concepts seem to serve as grounds for proving what one wishes to believe and accept from entirely different, deeply unconscious underlying motives—motives arising from feelings, volitional impulses, and the like. Our entire party life should one day be studied and described from the perspective that has just been outlined here before you.
[ 10 ] Was nun am wenigsten unter dem Einfluß dieser Oberflächenrichtung erreicht werden kann, das ist eine wirkliche Erkenntnis des Menschen. Daher fordern so viele Leute heute, daß nun endlich einmal eine Vertiefung unserer Vorstellung in der Richtung eintreten sollte, daß der Mensch etwas zur Selbsterkenntnis, das heißt, zur Erkenntnis seines Wesens vordringe. In wieviel Schriften und Vorträgen und Belehrungen und Agitationsreden wird heute schon von dieser notwendigen Erkenntnis des Menschen gesprochen! Aber man muß ja erst die Grundlage für eine solche mögliche Menschenerkenntnis herbeiführen! Sie kann nicht von jedem beliebigen Ausgangspunkte aus gewonnen werden. Und was da notwendig ist, um wiederum über die Misere des Beweisens hinauszukommen, das ist, unbefangen sehen zu lernen, die Dinge wirklich einfach sehen zu lernen, wie sie im äußeren Leben sind. Für eine gesunde Empfindung und für eine gesunde Anschauung ist das ganz besonders nötig, daß wir lernen, die Dinge so zu sehen, wie sie sind; denn das ist es, was wir am meisten verlernt haben. Wir beweisen, wie die Dinge sein sollen; aber wir schauen sie nicht in Wirklichkeit an, wie sie sind, weil das Anschauen allerdings unbequemer ist als das Beweisen, daß die Dinge so oder so seien. Man kann zu gewissen Behauptungen, die heute zum Beispiel auf sozialem Gebiete gemacht werden, nur kommen, wenn man beweist. Wenn man sich aber einen unbefangenen Blick für die Wirklichkeit sichert, so kann man nicht zu solchen Behauptungen kommen. Also auf ein wirkliches Anschauen, auf ein wirkliches Sehen der Dinge, wie sie sind, kommt es vor allen Dingen an.
[ 10 ] What can least be achieved under the influence of this superficial orientation is a true understanding of the human being. That is why so many people today are calling for our thinking to finally deepen in such a way that humanity can advance toward self-knowledge—that is, toward an understanding of its very nature. How many writings, lectures, teachings, and campaign speeches already speak today of this necessary self-knowledge! But one must first lay the foundation for such a possible self-knowledge! It cannot be attained from just any starting point. And what is necessary to move beyond the misery of proving things is to learn to see impartially, to learn to see things truly and simply as they are in external life. For a healthy sensibility and a healthy perspective, it is especially necessary that we learn to see things as they are; for that is what we have forgotten most of all. We prove how things ought to be; but we do not look at them in reality as they are, because observing them is, of course, more inconvenient than proving that things are this way or that way. One can only arrive at certain assertions—made today, for example, in the social sphere—by proving them. But if one maintains an unbiased view of reality, one cannot arrive at such assertions. Thus, what matters above all else is genuine observation—truly seeing things as they are.
[ 11 ] Wenn Sie Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, auch seine Kunstschriften lesen, so werden Sie sehen, wie er schon in seiner Zeit auf ein unbefangenes Sehen mit aller Kraft hinzuweisen versucht hat. Er hat gesehen, wie die Wissenschaften alle aus zu beweisenden Begriffen heraus arbeiten. Er hat das als etwas befunden, was vor allen Dingen überwunden werden muß, und er wollte vor allen Dingen erreichen, daß man die Phänomene, die Erscheinungen, die Tatsachen in ihrer Urbedeutung wirklich kennenlernt, sie so kennenlernt, wie sie sind. Es hat so wenig genützt, daß der Boden, auf dem Goethe ganz besonders versucht hat, die Tatsachen sprechen zu lassen, der Boden der Farbenlehre, heute noch immer ein solcher ist, auf dem man Goethes Recht, über die Sache mitzusprechen, ganz bestreitet. Insbesondere aber ist es für die Erkenntnis des Menschen notwendig, zu einem wirklichen Sehen der Tatsachen des Lebens, des subjektiven Lebens zu kommen. Die Menschen reden heute zum Beispiel viel davon, was äußerlich ist für den Menschen, und was innerlich ist. Ich glaube, wenn Sie heute viele Menschen fragen: Du siehst eine rote Farbe, du hörst den oder jenen Ton, du nimmst dies oder jenes in der Außenwelt sonst wahr — ist das Inneres oder Äußeres? —, daß ihnen dann der Betreffende sagt: Was die Sinne wahrnehmen, das ist das Äußere! — Dann weist er auf sein Inneres hin: das sei ein Gegensatz zu dem Äußeren. Nun fragen Sie den Menschen, ob er sich klar ist darüber, was da für ein Gegensatz ist zwischen dem Äußeren und dem Inneren. Er wird Ihnen mit einer ziemlichen Sicherheit sagen: Ja, darüber bin ich mir ganz klar; ich weiß ganz genau: Was die Sinne wahrnehmen, das ist das Äußere, und was da drinnen ist, was dem Menschen selbst angehört, das ist das Innere. Wenn Sie nun aber weitergehen in Ihrem Fragen und ihm sagen: Sieh einmal, du sagst über das Äußere: das Gras ist grün, der Himmel ist blau, die Sonne geht auf, und so weiter, du sagst, was du beobachtest und zählst es im einzelnen auf, schön. Aber schildere mir auch geradeso im einzelnen, was du im Inneren hast, was du dein Inneres nennst! — Versuchen Sie einmal, bei der Mehrzahl der Menschen heute irgendeine klare Antwort zu bekommen, eine Antwort, bei der man es mit konkreten Tatsachen zu tun hat, durch die Ihnen der Mensch sein Inneres schildert. Er gibt sich der Illusion hin, dieses Innere ganz gut im Gegensatz zu dem Äußeren zu kennen; aber wenn Sie ein wenig in ihn dringen und ihm sagen: Schildere mir einmal das Innere so, wie du mir das Äußere schilderst! — dann werden Sie sehen, daß es mit dieser Erkenntnis des Inneren nicht viel auf sich haben wird. Und wenn der Mensch schon wirklich einmal dazu kommt, dieses Innere zu schildern, so zeigt sich: Es ist nichts anderes als das gespiegelte Äußere, dasjenige, was sich an dem Äußeren entwickelt hat, im Gedächtnis, in der Erinnerung bewahrt höchstens, in der Erinnerung abgeblaßt. Aber es ist nicht viel anderes als das Äußere, was Ihnen der Mensch schildert. Er kann Ihnen schließlich meistens als heutiger Mensch über sein Inneres auch nichts anderes sagen, als daß das Gras grün und der Himmel blau ist; er wird Ihnen höchstens erzählen, daß er beim blauen Himmel das empfindet, beim grünen Gras das empfindet und so weiter, aber einen wirklichen Gegensatz und ein Verhältnis zwischen Äußerem und Innerem wird Ihnen der Mensch heute nicht leicht schildern.
[ 11 ] If you read Goethe’s scientific writings, as well as his writings on art, you will see how, even in his own time, he tried with all his might to emphasize the importance of unbiased observation. He saw how all the sciences operate on the basis of concepts that must be proven. He regarded this as something that must be overcome above all else, and his primary goal was to ensure that people truly come to know phenomena, appearances, and facts in their original meaning—to know them as they are. It has been of so little use that the very field in which Goethe made a special effort to let the facts speak for themselves—the field of color theory—remains to this day one in which Goethe’s right to have a say on the matter is entirely disputed. In particular, however, it is necessary for human understanding to arrive at a true seeing of the facts of life, of subjective life. People today, for example, talk a great deal about what is external to a person and what is internal. I believe that if you were to ask many people today: “You see the color red, you hear this or that sound, you perceive this or that in the external world—is that internal or external?”—they would reply: “What the senses perceive is the external!” —Then they’ll point to their inner self: that, they’ll say, is the opposite of the external. Now ask the person if they’re clear about what kind of contrast there is between the external and the internal. They’ll almost certainly tell you: “Yes, I’m perfectly clear on that; I know exactly: What the senses perceive is the external, and what is inside, what belongs to the person themselves, that is the internal.” But if you then press further with your questions and say to them: “Look, you say about the external: ‘The grass is green, the sky is blue, the sun is rising,’ and so on—you describe what you observe and list it in detail—fine. But describe to me just as specifically what you have inside, what you call your inner self!”—Try, just once, to get any clear answer from the majority of people today—an answer based on concrete facts through which a person describes their inner self to you. They delude themselves into thinking they know this inner world quite well in contrast to the outer world; but if you probe a little deeper and say to them: “Describe your inner world to me just as you describe the outer world!”—then you’ll see that there isn’t much substance to this understanding of the inner world. And even if a person does actually get around to describing this inner world, it turns out to be nothing other than a reflection of the outer world—that which has developed from the outer world, preserved at most in memory, faded in memory. But what the person describes to you is not much different from the outer world. After all, as a person of today, they can usually tell you nothing more about their inner world than that the grass is green and the sky is blue; at most, they will tell you what they feel when they see the blue sky, what they feel when they see the green grass, and so on, but a person today will not easily describe to you a real contrast and a relationship between the external and the internal.
[ 12 ] Nun hat das aber eine große Folge. Das hat die Folge, daß die Menschen heute nicht dazu kommen, auch nur äußerlich den Gegensatz des Äußeren und des Inneren in bezug auf den Menschen in irgendeiner richtigen Weise zu fassen. Denn sehen Sie, die Naturwissenschaft bemüht sich von ihrem heutigen Gesichtspunkte aus, die Organe zu untersuchen, welche Träger sein sollen der inneren Vorgänge. Und man wird, wenn man dasjenige, was man da beweist, aber durchaus nicht wirklich sieht, vom heutigen Gesichtspunkte aus ins Auge faßt, sagen: Nun ja, der Tisch ist draußen, drinnen ist das Seelenleben. — Und da weist man auf sein eigenes Innere hin und meint, zum Beispiel gerade in der Naturwissenschaft, das Innere des Schädels, das sei das Innere des Menschen. Man überträgt die Vorstellungen, die unklar am Sehen gewonnen sind, nun auch auf den menschlichen Leib und sagt: Da drinnen irgendwo hinter dem Auge, da ist das Innere (siehe Zeichnung). — Wenn vielleicht auch mancher, wenn er genauere Begriffe fassen will, anfängt, die Dinge ein bißchen zu beknuspern, die da als Begriffe ihm gegeben werden, unbewußt denkt der Mensch doch: Da, an der Spitze meines Fingers, da ist außen, und da drinnen, hinter dem Auge, da ist drinnen. — Aber daß man so sagt, und namentlich daß man für die körperlichen Organe diese Folgerung zieht, das rührt nur von einem ungenauen Sehen her. Denn in der Tat, alles dasjenige, was Sie berechtigt sind, Ihr Inneres zu nennen, das ist dasjenige, was Sie in der Außenwelt, in der sogenannten Außenwelt erleben. Sie sind fortwährend mit der Außenwelt zusammen, und was Sie scheinbar innerlich erleben, das erleben Sie mit der ganzen weiten Außenwelt.
[ 12 ] But this has a major consequence. It means that people today are unable to grasp—even superficially—the contrast between the external and the internal as it relates to human beings in any meaningful way. For you see, from its current perspective, natural science endeavors to examine the organs that are supposed to be the vehicles of inner processes. And when one considers what is being demonstrated—without actually seeing it at all—from today’s perspective, one will say: Well, the table is on the outside; the inner life is on the inside. — And so one points to one’s own inner being and thinks, for example, particularly in the natural sciences, that the interior of the skull is the inner being of the human being. One now transfers the ideas—gained vaguely through sight—to the human body as well and says: Somewhere in there, behind the eye, that is the inner being (see drawing). — Even if some people, when they want to grasp more precise concepts, begin to pick apart the ideas presented to them, unconsciously they still think: There, at the tip of my finger, that is the outside, and in there, behind the eye, that is the inside. — But the fact that people speak this way—and especially that they draw this conclusion regarding the physical organs—stems solely from imprecise perception. For in fact, everything that you are justified in calling your “inner self” is precisely what you experience in the outer world, in the so-called outer world. You are constantly in contact with the external world, and what you seem to experience internally, you experience together with the entire vast external world.


[ 13 ] Ich habe in der einen der «Acht Meditationen» — Sie können es dort nachlesen — darauf hingewiesen, wie der Mensch eigentlich, indem er die Außenwelt beobachtet, mit dieser Außenwelt fortwährend zusammenwächst, und daß es ganz unberechtigt ist, mit Bezug auf dasjenige, was wir da an der Außenwelt erleben, zu unterscheiden zwischen dem Äußeren und dem Inneren. Dasjenige, was für unser Bewußtsein in unserem Umkreise ist, das könnten wir in Wahrheit nur als unser Inneres bezeichnen, wenn wir wirklich das aussprechen würden, was wir sehen. Das ist aber gerade unser Inneres. Das ist allerdings eine unangenehme Sache für manche Mystiker, denn die legen sehr großen Wert darauf, daß man sich innerlich vertieft. Aber diese innerliche Vertiefung ist meistens nichts anderes, als daß man gewisse leibliche Vorstellungen der äußeren Welt innerlich nennt und sie sogar zum göttlichen Inneren umtauft und dergleichen. Es sind Lieblingsvorstellungen, die man sich aus der äußeren Welt entlehnt. Dasjenige, was man unbefangen sehen kann und was man gewöhnlich als Äußeres beschreibt, das müßte man eigentlich als Inneres bezeichnen. Der Mensch ist gewissermaßen vor seinem Gesicht in seinem Inneren drinnen. Wir sind ja auch schließlich wirklich viel mehr zu Hause, sagen wir, in dem Augenblicke, wo Sie alle hier sitzen, in diesem Saal, als in Ihrem sogenannten Inneren, insbesondere wenn Sie das, was da im Hirnschädel drinnen ist hinter dem Auge, als dieses Innere bezeichnen. Denn Sie mögen denken über dieses Innere, wie Sie wollen, außer den paar Begriffen, die wirklich recht spärlich sind, die Sie aus der Anatomie oder Physiologie aufgenommen haben, wissen Sie furchtbar wenig über dasjenige, was da hinter Ihrem Auge oder Ihrem Hirnschädel ist. Und wenn Sie sich fragen: Was ist mir innerlicher, dasjenige, was da in diesem Saale um mich herum ist, oder dasjenige, was hinter meinem Hirnschädel ist? — so werden Sie sich sagen: Innerlicher ist mir ganz zweifellos dasjenige, was im Saale um mich herum ist, als dasjenige, was hinter meinem Hirnschädel ist. — Jedenfalls wird Ihr innerliches Leben in diesem Augenblicke viel mehr durch dasjenige berührt, was ja scheinbar Außenwelt in diesem Saale ist, als durch dasjenige, was in Ihrem Hirnschädel drinnen vorgeht. Das ist Ihnen sehr äußerlich, was in Ihrem Hirnschädel vorgeht, das ist etwas, was gar nicht wirklich in Ihrem Inneren drinnen ist. Und wenn Sie dasjenige, was Sie sehen, sachlich wiedergeben, so müssen Sie sagen: Das Äußere ist eigentlich das Innere, und das Innere, das ist für das menschliche Bewußtsein gar sehr ein Äußeres.
[ 13 ] In one of the “Eight Meditations,” — you can read about it there — I pointed out how human beings, by observing the external world, actually grow ever closer to that external world, and that it is entirely unjustified to distinguish between the external and the internal with regard to what we experience in the external world. What lies within our sphere of consciousness—we could, in truth, only describe it as our inner self if we were truly expressing what we see. But that is precisely our inner self. This is, of course, an uncomfortable notion for some mystics, for they place great emphasis on deepening one’s inner life. But this inward immersion is usually nothing more than labeling certain physical perceptions of the external world as “inner” and even renaming them the “divine inner self” and the like. These are favorite notions borrowed from the external world. What one can see impartially—and what is usually described as the “external”—should actually be called the “inner.” In a sense, a person is inside their own inner self right in front of their face. After all, we are actually much more at home—let’s say—at this very moment, as you all sit here in this hall, than in your so-called “inner self,” especially if you refer to what is inside the skull behind the eye as this “inner self.” For no matter how you may think about this “inner self,” apart from the few terms—which are actually quite sparse—that you have picked up from anatomy or physiology, you know terribly little about what lies behind your eyes or inside your skull. And if you ask yourself: What is more “inner” to me—what is here in this hall around me, or what is behind my skull?—you will tell yourself: Without a doubt, what is in the hall around me is more “inner” to me than what is behind my skull. — In any case, your inner life at this very moment is much more affected by what appears to be the external world in this hall than by what is going on inside your skull. What is going on inside your skull is very external to you; it is something that is not really inside you at all. And if you describe what you see objectively, you must say: The external is actually the internal, and the internal is, for human consciousness, very much an external.
[ 14 ] Nun können Sie sagen: Das sind ausspintisierte Begriffe. — Zunächst ist es nicht so, daß es ausspintisierte Begriffe sind, sondern es sind Begriffe, die herrühren von dem Konstatieren des wirklich Wahrgenommenen gegenüber dem, was theoretisch erwiesen wird, bewiesen wird. Es ist das wirklich Wahrgenommene, wirklich Gesehene. Es ist dasjenige, was dem Bewußtsein unmittelbar vorliegt, und was man als das Richtige ansehen würde, wenn man nur dasjenige konstatieren würde, was wirklich vorliegt dem Bewußtsein, und wenn man sich nicht durch vorgefaßte Anschauungen die Sache konstruierte. Das ist zunächst dasjenige, was gesagt werden muß. Aber die Sache hat eine bedeutsame Folge. Solange Sie den Glauben hegen, daß dasjenige, was da draußen ist, ein Äußeres ist, und was da drinnen ist, ein Inneres ist, so lange können Sie gar nicht zu dem kommen, was ich immer nenne: durch den gesunden Menschenverstand die geisteswissenschaftlichen Tatsachen einsehen; denn die geisteswissenschaftlichen Tatsachen kann man nur einsehen, wenn man zugrunde legt ein unbefangenes Anschauen. Dann kann man sie aber einsehen, kann sie einsehen, lange bevor man irgendwie zu hellseherischen Anschauungen aufsteigt. Aber mit den vertrackten Begriffen des heutigen Alltagslebens ist es natürlich sehr schwierig, dasjenige, was die Wahrheit ist, einzusehen.
[ 14 ] Now you might say: These are far-fetched concepts. — First of all, it is not the case that they are far-fetched concepts; rather, they are concepts that arise from the observation of what is actually perceived, as opposed to what is theoretically demonstrated or proven. It is what is actually perceived, what is actually seen. It is that which is immediately present to consciousness, and which one would regard as correct if one were to simply ascertain what is actually present to consciousness, and if one did not construct the matter through preconceived notions. That is, first of all, what must be said. But this has a significant consequence. As long as you hold the belief that what is out there is “external” and what is inside is “internal,” you cannot possibly arrive at what I always call “understanding the facts of spiritual science through common sense”; for the facts of spiritual science can only be understood if one takes an unbiased perspective as a starting point. Then, however, one can grasp them—one can grasp them long before one ascends in any way to clairvoyant perceptions. But with the convoluted concepts of everyday life today, it is of course very difficult to grasp what the truth is.
[ 15 ] Daß wir die Außenwelt — was wir also gewöhnlich Außenwelt nennen — so sehen, wie wir sie sehen, und wie sie auch unser richtig gesehenes und definiertes Innere enthält, das rührt von unseren Sinnen her, das hat zu tun mit der Einrichtung unserer Sinne. Durch die Sinne leben wir in der unmittelbaren Gegenwart. Und wir erleben dasjenige, was in der Gegenwart sich um uns herum abspielt, durch unsere Sinne mit. Unsere Sinne machen uns im wesentlichen zu Miterlebenden der Gegenwart. Aus unseren Sinneswahrnehmungen entstehen aber, während wir an die Außenwelt hingegeben sind, unsere Vorstellungen, die wir dann im Gedächtnis weitertragen. Wir erinnern uns an dasjenige, was wir als Miterlebende der Gegenwart erfahren haben, hinterher. Wir tragen das mit. Und das sind ja im wesentlichen unsere Begriffe. Die Begriffe der Menschen sind Erinnerungsvorstellungen zumeist von dem, was sie sich aus der sogenannten Außenwelt geholt haben. Aber diese Vorstellungen, diese Begriffe und Ideen werden doch durch dieses, was man sonst Inneres nennt, was wit jetzt als das Äußere kennengelernt haben, vermittelt, nicht erzeugt, aber vermittelt. Durch dasjenige — wovon Sie also eigentlich nichts wissen —, was da hinter Ihrem Auge liegt, durch das werden vermittelt Vorstellungen und Begriffe. Gewiß, das ist durchaus der Fall. Diese Vorstellungen und Begriffe werden dadurch vermittelt. Aber, was geht da eigentlich vor in diesem menschlichen Haupte?
[ 15 ] The fact that we see the external world—what we usually call the external world—the way we do, and that it also encompasses our correctly perceived and defined inner world, stems from our senses; it has to do with the nature of our senses. Through our senses, we live in the immediate present. And we experience what is happening around us in the present through our senses. Our senses essentially make us participants in the present. But while we are absorbed in the external world, our sensory perceptions give rise to our concepts, which we then carry forward in our memory. We remember afterward what we have experienced as participants in the present. We carry that with us. And these are, in essence, our concepts. People’s concepts are mostly memories of what they have taken from the so-called external world. But these perceptions, these concepts, and these ideas are conveyed—not generated, but conveyed—by what is otherwise called the inner world, which we have now come to know as the external world. Through that—which you actually know nothing about—which lies behind your eye, through that, perceptions and concepts are conveyed. Certainly, that is definitely the case. These perceptions and concepts are conveyed through it. But what is actually going on inside this human head?
[ 16 ] Wenn man dasjenige beobachtet, was da eigentlich vorgeht in diesem menschlichen Haupte, dann kann man nicht sagen: Insofern der Mensch denkt, insofern der Mensch vorstellt, ist er ebenso, wie wenn er mit den Sinnen wahrnimmt, ein Miterlebender der Vorgänge der Gegenwart. — Das ist er nämlich als Denker nicht, sondern indem wir denken, wirkt in unserem Haupte nach dasjenige, was wir als Tätigkeit getrieben haben vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis. Das heißt, dasjenige, was da drinnen vorgeht (siehe Zeichnung), indem Sie vorstellen, das ist keine Tätigkeit, die Sie ausüben dadurch, daß Sie ein gegenwärtiger Mensch sind, sondern diese Tätigkeit üben Sie dadurch aus, daß nachschwingt die Tätigkeit, die Sie zwischen Tod und neuer Geburt beziehungsweise Empfängnis in der übersinnlichen Welt ausgeführt haben.
[ 16 ] If one observes what is actually taking place within the human mind, one cannot say: To the extent that a person thinks, to the extent that a person imagines, he is—just as when he perceives with his senses—a participant in the events of the present. — For as a thinker, he is not; rather, as we think, what we did as an activity before birth—or rather, before conception—continues to have an effect within our minds. That is to say, what is happening inside there (see drawing)—when you imagine—is not an activity you perform by virtue of being a present-day human being; rather, you perform this activity because the activity you carried out in the supersensible world between death and a new birth—or conception—continues to resonate within you.
[ 17 ] Gegenwartsmensch sind Sie nur dadurch, daß Sie durch Ihre Sinne wahrnehmen; indem Sie die Sinne der Außenwelt öffnen, nehmen Sie die Gegenwart wahr und leben als gegenwärtiger Mensch mit der äußeren Gegenwart. Aber in dem Augenblicke, wo Sie anfangen zu denken, da spielt in Ihren Hirnschädel herein nicht das, was Sie gegenwärtig als Mensch sind, da spielt in Ihren Hirnschädel herein der Nachklang von dem, was Sie waren in der geistigen Welt, in der übersinnlichen Welt vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis. Sie können, wenn Sie bildhaft vorstellen wollen, ganz gut so vorstellen, daß Sie sich denken: Ich schlage einen Ton an; dieser Ton klingt noch fort, wenn ich schon lange aufgehört habe, ihn anzuschlagen. Nun stellen Sie sich vor, Sie haben die ganze Zeit über zwischen Ihrem letzten Tode und dieser Geburt irgendwelche Tätigkeit in der geistigen Welt, die ich schematisch so bezeichne (siehe Zeichnung, rot). Diese Tätigkeit schwingt nach; und diese nachschwingende Tätigkeit, die üben Sie aus, indem Sie als gegenwärtiger Mensch denken. Sie üben nicht eine Tätigkeit des gegenwärtigen Menschen aus, indem Sie jetzt denken, sondern es schwingt noch nach die Tätigkeit, die Sie zwischen dem letzten Tode und der jetzigen Geburt in der übersinnlichen Welt ausgeübt haben.
[ 17 ] You are a person of the present only insofar as you perceive through your senses; by opening your senses to the external world, you perceive the present and live as a person of the present in relation to the external present. But the moment you begin to think, what enters your skull is not what you are as a human being in the present; rather, what enters your skull is the echo of what you were in the spiritual world, in the supersensible world, before birth or, more precisely, before conception. If you want to visualize this, you can quite easily imagine it this way: I strike a note; this note continues to ring out long after I have stopped striking it. Now imagine that, throughout the entire period between your last death and this birth, you have been engaged in some activity in the spiritual world, which I schematically denote as shown here (see diagram, red). This activity continues to resonate; and you carry out this resonating activity by thinking as a present-day human being. You are not carrying out an activity of the present-day human being simply by thinking now, but rather the activity you carried out in the supersensible world between your last death and your present birth continues to resonate.
[ 18 ] Nur als sinnlicher Mensch sind Sie Gegenwartsmensch. Als denkender Mensch üben Sie eine Tätigkeit aus, die das Nachschwingen ist desjenigen, was Sie ausgeübt haben vor Ihrer Geburt in der übersinnlichen Welt. Es ist eben einfach nicht wahr, daß wir, indem wir denken, eine "Tätigkeit ausüben, die aus der Gegenwart herrührt. Wenn Sie das Gegenwärtige untersuchen naturwissenschaftlich, was da in Ihrem Hirnschädel drinnen ist, so finden Sie natürlich nur Materielles, weil dasjenige, was außer dem Materiellen in Ihrem Hirnschädel drinnen wirkt, ein Vorgeburtliches ist und nur nachschwingt. Der lebendige Beweis für den, der richtig sehen kann, ist die Tatsache, daß der Mensch nicht nur aus der übersinnlichen Welt herauskommt, sondern jetzt noch, indem er hier lebt, nachlebt dasjenige, was er in der übersinnlichen Welt ausgeübt hat.
[ 18 ] Only as a sensory being are you a being of the present. As a thinking being, you engage in an activity that is the reverberation of what you did before your birth in the supersensory world. It is simply not true that, by thinking, we “engage in an activity that originates in the present.” If you examine the present—what is inside your skull—scientifically, you will of course find only material things, because what is at work inside your skull besides the material is pre-birth and merely resonates. The living proof for those who can see clearly is the fact that human beings not only come from the supersensible world, but even now, while living here, continue to live out what they have done in the supersensible world.
[ 19 ] Wenn Sie sich vorstellen, Sie haben hier in dieser physischen Welt einen starken Schmerz erlebt, der in Ihnen nachklingt, so ist das der Nachklang des nicht mehr in Tatsachen sich verursachenden Schmerzes. So ist Ihr Denken in der Gegenwart der Nachklang, das Nachklingen desjenigen, was Sie in viel intensiverer Weise erlebt haben, bevor Sie konzipiert wurden hier für die sinnliche Welt.
[ 19 ] If you imagine that you have experienced intense pain here in this physical world, a pain that continues to resonate within you, that is the aftereffect of pain that is no longer caused by actual events. Thus, your thinking in the present is the echo, the lingering resonance of what you experienced in a much more intense way before you were conceived here for the sensory world.
[ 20 ] Also nur indem wir sinnlich auffassen, sind wir Gegenwartsmenschen. Wären wir nur Gegenwartsmenschen, so würden wir niemals denken, denn das Denken ist uns nicht beschieden dadurch, daß wir hier in die physische Welt hereingeboren sind, sondern das Denken ist uns beschieden dadurch, daß wir nachschwingen lassen können diejenige Tätigkeit, die wir vor der Geburt beziehungsweise der Empfängnis in der geistigen Welt ausgeübt haben, und daß wir diese Tätigkeit anwenden auf dasjenige, was hier sinnlich um uns sich ausbreitet.
[ 20 ] Thus, it is only through sensory perception that we are people of the present. If we were merely people of the present, we would never think, for thinking is not granted to us simply because we were born into the physical world, but rather because we are able to let the activity we exercised in the spiritual world before birth—or rather, before conception—resonate within us, and because we apply this activity to what unfolds around us here through our senses.
[ 21 ] Man wird niemals diese Tatsache verstehen, wenn man von den gewöhnlichen Begriffen «Äußeres» und «Inneres» ausgeht, und man wird am allerwenigsten den wahren Tatbestand verstehen, der sich ausdrückt in der menschlichen Wesenheit, wenn man von jener blöden Mystik ausgeht, die heute so viele Gemüter beherrscht und die redet: Da im Inneren, da ist irgend etwas zu suchen, was menschliches Übersinnliches ist. — Was gesucht werden soll, das ist das Vorgeburtliche: Du sollst nicht in dein Inneres hineinweisen, indem du über die äußere Sinneswelt hinausweisest, du sollst hinweisen auf die Zeit, die du durchlebt hast vor deiner Konzeption und vor deiner Geburt, du sollst aus diesem Gegenwartsmenschen hinausgehen in den Vorgegenwartsmenschen, dann gehst du in das wirkliche Übersinnliche hinein. — Das ist das, worauf es ankommt. Weil man sich nicht zu diesem gesunden Begriff durcharbeiten will, deshalb redet man in Worten, die eigentlich keinen Inhalt haben, von allem möglichen göttlichen Inneren oder dergleichen. Das Innere, das man so sucht im Gegenwartsmenschen, das sollte man suchen in dem, was da war, bevor wir für dieses Leben konzipiert waren.
[ 21 ] One will never understand this fact if one proceeds from the ordinary concepts of “exterior” and “interior,” and one will least of all understand the true reality expressed in the human being if one proceeds from that foolish mysticism that dominates so many minds today and which says: “There, within, there is something to be sought that is the human supersensible.” — What is to be sought is the pre-birth stage: You must not point inward by pointing beyond the external sensory world; you must point to the time you lived through before your conception and before your birth; you must step out of this present human being into the pre-present human being—then you enter into the true supersensible. — That is what matters. Because people are unwilling to work their way toward this sound concept, they speak in words that actually have no content—about all sorts of divine inner life or the like. The inner life that people seek in this present human being should instead be sought in what existed before we were conceived for this life.
[ 22 ] Und wenn wir handeln, wenn das Wollen in unser Handeln übergeht? Nehmen wir das einfachste Handeln: Wir gehen im Zimmer herum; das ist ein Handeln, nicht wahr? Zunächst sehen wir uns herumgehen. Wie das Wollen mit unserem Gehen zusammenhängt, davon ist kein Bewußtsein beim Menschen vorhanden, ebensowenig wie ein Bewußtsein beim Menschen im gewöhnlichen Leben vorhanden ist von dem, was er im Schlafe erlebt. Der Mensch erlebt sich wohl schlafend. Er sieht äußerlich so, wie er die blaue Farbe oder den Baum oder die Sterne sieht, auch dasjenige, was dieses Fleischesindividuum tut, das da herumgeht. Er beobachtet sich selber. Wie er wıll, davon weiß er nichts. Er weiß nur, daß da einer herumgeht, der er selber ist. Und weil er genötigt ist, bei dem, der da herumgeht, sich selber zu denken, so sagt er: Ich »zJ herumgehen. Aber wie dieses Wollen zusammenhängt mit diesem Herumgehen — es kann gar keine Rede davon sein, daß der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein irgend etwas darüber weiß.
[ 22 ] And when we act—when our will is translated into action? Let’s take the simplest action: we walk around the room; that is an action, isn’t it? At first, we see ourselves walking around. Humans have no awareness of how the will is connected to our walking, just as they have no awareness in ordinary life of what they experience while asleep. A person does indeed experience themselves as sleeping. Outwardly, they see themselves just as they see the color blue, or a tree, or the stars—including what this physical individual is doing as it walks around. They observe themselves. They know nothing of how they will. They only know that there is someone walking around who is themselves. And because they are compelled to identify themselves with the one walking around, they say: “I am walking around.” But how this volition is connected to this walking around—there can be no question of a person in ordinary consciousness knowing anything about it at all.
[ 23 ] Nun, das ist ja wiederum sehr verwandt mit dem, was man gewöhnlich ein «Äußeres» nennt, und was eigentlich ein «Inneres» ist. Wenn Sie herumgehen, also Ihre Beine bewegen, so sehen Sie, wie Sie die Beine bewegen (siehe Zeichnung Seite 158). Sie sehen da den Kerl herumgehen und konstatieren ja, was er will. Sie sehen diesen! äußeren Vorgang. Aber hier können Sie eigentlich noch viel mehr einsehen, daß es eigentlich ein menschliches Inneres ist, denn Sie legen, wenn Sie es auch nicht sehen können, wie das zusammenhängt, Ihren Willen in dieses Herumgehen hinein. Das ist eigentlich ein Stück von ihm, dieses Herumgehen. Das können Sie hier leichter einsehen als bei der Sinneswelt; so daß Sie das, was da Herumgehen ist, leichter ein Inneres nennen können als bei dem Inhalt der Sinneswelt. Bei dem, was vom Wollen ins Handeln geht, sehen Sie es leichter ein, daß das ein Inneres ist.
[ 23 ] Well, this, in turn, is very closely related to what is usually called an “exterior,” and what is actually an “interior.” When you walk around—that is, when you move your legs—you see how you move your legs (see drawing on page 158). You see the guy walking around and can tell what he wants. You see this! external process. But here you can actually see much more clearly that it is in fact a human inner process, because—even if you cannot see how it’s connected—you are putting your will into this walking around. This walking around is actually a part of him. You can see this more clearly here than in the sensory world; so that you can more easily call this walking an inner process than you can with the content of the sensory world. When it comes to what moves from willing to action, you can more easily see that it is an inner process.
[ 24 ] Selbstverständlich paßt das auch wiederum nicht den Gegenwartsmystikern, die das äußere Handeln für eine äußere Sache erklären und die sagen, man müsse vordringen zum göttlichen Menschen im Inneren, der der eigentlich wahre Mensch ist und so weiter. Aber ebenso wie wir hier (siehe Zeichnung Seite 158, oben) ein Inneres haben in der Sinneswahrnehmung und ein Äußeres im sogenannten Inneren des menschlichen Hauptes, so haben wir diesem Inneren (Zeichnung unten) gegenüber dasjenige, was der Gliedmaßenmensch ist.
[ 24 ] Of course, this, in turn, does not sit well with contemporary mystics, who declare external action to be an external matter and who say that one must penetrate to the divine human being within, who is the truly real human being, and so on. But just as we have here (see illustration on page 158, top) an “inner” aspect in sensory perception and an “outer” aspect in the so-called “interior” of the human head, so too do we have, in contrast to this “inner” aspect (illustration below), that which constitutes the “limb-human.”
[ 25 ] Und jetzt kommen wir zu dieser merkwürdigen Vorstellung, die ja mit dem, was man heute beweisen kann, recht schlecht übereinstimmt, die aber merkwürdigerweise, wenn man unbefangen die Sache ansieht, das Richtige ist. Ich glaube allerdings, daß die gegenwärtige Menschenseelenstimmung so geartet ist — verzeihen Sie, ich muß auf diese Dinge auch zu sprechen kommen —, daß zahlreiche der gegenwärtigen Philisternaturen, und das sind nicht wenige, glauben, daß jene Region des Kosmos, die sich ausbreitet unterhalb ihres Zwerchfells, gerade sehr viel zu tun habe mit ihrem Inneren. Das nennen die Leute etwas, was mit ihrem Inneren etwas zu tun hat. Nun, das ist in Wahrheit für das menschliche Bewußtsein im Menschen das Alleräußerlichste. Wir können sagen, wenn wir dieses (Zeichnung oben) ein Äußeres nennen, so können wir dasjenige, was unterhalb des Zwerchfelles liegt, das Äußerlichste im Menschen nennen (Zeichnung unten). Was unterhalb des Zwerchfelles liegt, was Unterleib des Menschen ist, es ist das Alleralleräußerlichste des Menschen. Jeder Baum, jeder Stein, den wir mit unseren Augen sehen, ist uns innerlich näher als dasjenige, was unser Unterleib ist. Der ist das Alleralleräußerlichste. Unser wahrhaftiges Innere sind die Sinneswahrnehmungen, dasjenige, was wir wahrnehmen als unsere Handlungen. Äußerlich ist schon der Kopfinhalt, und am alleräußerlichsten ist dasjenige, was unterhalb der menschlichen Brust liegt. Das ist das wirkliche Konstatieren desjenigen, was gesehen werden kann. Und es kann gesehen werden.
[ 25 ] And now we come to this strange notion, which, admittedly, does not align very well with what can be proven today, but which, strangely enough, is actually correct if one looks at the matter with an open mind. I do believe, however, that the current state of the human soul is such—forgive me, I must address these matters as well—that many of today’s philistines, and there are quite a few of them, believe that the region of the cosmos extending below their diaphragm has a great deal to do with their inner being. That is what people call something that has to do with their inner being. Well, in truth, this is the outermost aspect of human consciousness within the human being. We can say that if we call this (drawing above) the “outer,” then we can call that which lies below the diaphragm the outermost aspect of the human being (drawing below). What lies below the diaphragm—the human abdomen—is the very, very outermost part of a human being. Every tree, every stone that we see with our eyes is closer to us inwardly than our own abdomen. That is the very, very outermost part. Our true inner self consists of sensory perceptions—that which we perceive as our actions. The contents of the mind are already external, and the outermost part is that which lies below the human chest. This is the true recognition of that which can be seen. And it can be seen.
[ 26 ] Sehen Sie, das hat wiederum eine ganz bestimmte Bedeutung. Denken Sie doch nur, seit wir Anthroposophie treiben, sagen wir immer: Wenn der Mensch wachend ist, so ist sein Ich und sein astralischer Leib im physischen und im Ätherleib. — Das ist richtig. Aber wenn der Mensch schläft, vom Einschlafen bis zum Aufwachen, da ist sein Ich und sein astralischer Leib außerhalb des physischen und des Ätherleibes. Ich habe aber öfter schon darauf aufmerksam gemacht, worin dieses Äußere hauptsächlich besteht. Dieses Äußere besteht datin, daß ja das, was sonst vom Ich und vom Astralleib im Kopfe ist, untertaucht in das, was unterhalb des Zwerchfelles ist. Sie können sogar, ich möchte sagen, einen empirischen Beweis davon haben: Sie träumen von den schönsten Schlangen, weil Sie eben aufgewacht sind von Ihrem Aufenthalt in Ihrem eigenen Unterleib, wo Sie die Gedärme wahrgenommen haben. Diese Erinnerung an das Gedärmwahrnehmen träumen Sie als den schönsten Schlangentraum. — So also bekommen Äußeres und Inneres, wenn wir von den menschlichen Verhältnissen aus sprechen, eigentlich erst Hand und Fuß, wenn wir wissen, was im Menschen wirklich Äußeres und Inneres ist.
[ 26 ] You see, this, in turn, has a very specific meaning. Just think about it: ever since we’ve been practicing anthroposophy, we’ve always said that when a person is awake, their “I” and their astral body are within the physical and etheric bodies. — That is correct. But when a person is asleep—from the moment they fall asleep until they wake up—their “I” and their astral body are outside the physical and etheric bodies. I have, however, pointed out on several occasions what this “outside” mainly consists of. This “outside” consists in the fact that what is normally located in the head—the “I” and the astral body—submerges into what lies below the diaphragm. You can even—I would say—have empirical proof of this: you dream of the most beautiful snakes because you have just awakened from your sojourn in your own lower abdomen, where you perceived your intestines. You dream this memory of perceiving your intestines as the most beautiful snake dream. — Thus, when we speak in terms of human conditions, the external and the internal only truly make sense when we know what the external and the internal really are in human beings.
[ 27 ] Aber nur wiederum wenn man sich aneignen kann solche gesehenen Vorstellungen, nicht solche, die man «beweisen» kann, sondern solche gesehenen Vorstellungen, dann bekommt man wiederum die Möglichkeit, durch gesunden Menschenverstand die geisteswissenschaftlichen Errungenschaften zu begreifen. Denn dasjenige, was wir wollen, das entspringt in einer gewissen Weise aus dem Äußerlichsten.
[ 27 ] But only if one can make such observed ideas one’s own—not those that can be “proven,” but those observed ideas—will one once again have the opportunity to grasp the achievements of the spiritual sciences through common sense. For what we want arises, in a certain sense, from the outermost realm.
[ 28 ] Nun denken Sie einmal, welche gesunde Vorstellung da gerückt werden muß an die Stelle einer recht krankhaften. Der Mensch glaubt nämlich, wenn er etwas will, so entspringe das aus seinem Inneren. Es entspringt aus seinem alleräußerlichsten Teile, es entspringt aus demjenigen, worin er bei dem Tagwachen schon ganz und gar nicht drinnen ist, worin er höchstens, wenn er schläft, drinnen ist. Wenn wir etwas wollen, so sind wir gar nicht in uns. Wir sind im Kosmos. Wir vollziehen etwas, was kosmisches Ereignis ist, was gar nicht unser subjektives Ereignis bloß ist.
[ 28 ] Now just think about what healthy idea must take the place of a rather unhealthy one. For people believe that when they want something, it springs from within them. It arises from their outermost part—from that in which they are not at all present while awake, but in which they are present, at most, only when they sleep. When we want something, we are not at all within ourselves. We are in the cosmos. We are carrying out something that is a cosmic event—something that is by no means merely our subjective experience.
[ 29 ] Ich habe mich, ich möchte sagen, mein ganzes schriftstellerisches Leben hindurch bemüht, der Gegenwart solche Begriffe beizubringen, die von diesem Gesichtspunkte aus gesunde Begriffe sind. Sie können anfangen bei meinen «Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften», in denen ich versuchte, aus Goethes Weltanschauung heraus gesunde Begriffe an die Stelle der kranken Begriffe der Gegenwart zu setzen, in denen ich darauf aufmerksam gemacht habe, daß man gewisse Dinge, die im Menschen vorgehen, nur dann richtig betrachten kann, wenn man nicht sagt: Das geht ja da drinnen bloß vor, und der Mensch tut es —, sondern wenn man dieses menschliche sogenannte Innere als den Schauplatz für menschliche Handlungen betrachtet, die vom Kosmos aus auf diesem Schauplatz ausgeführt werden, wenn man das sogenannte menschliche Innere als den Schauplatz für Kosmisches betrachtet. Mein ganzes Entwickeln erkenntnistheoretischer Begriffe in meinem Büchlein «Wahrheit und Wissenschaft» klingt zuletzt, auf der letzten und vorletzten Seite, aus in dieses, daß der Mensch ein Schauplatz ist für dasjenige, was eigentlich der Kosmos in ihm tut, und daß er es in Verbindung mit dem Kosmos tut, von außen herein, nicht von innen hinaus tut. Es ist der wichtigste Teil, diese letzte und vorletzte Seite an meinem Schriftchen «Wahrheit und Wissenschaft». Und weil diese zwei Seiten am wichtigsten und bedeutsamsten sind, weil sie am intensivsten hineingreifen in das, was anders werden müßte an dem Vorstellen der Gegenwart, deshalb habe ich dieses Schriftchen, das damals auch meine Doktordissertation war, erst so gestalten können, nachdem die Doktordissertation vorbei war. In der Form, in der es vorgelegt worden ist als Dissertation, fehlten diese letzten zwei Seiten; denn das konnte man der Wissenschaft nicht zumuten, daß aus diesen Dingen die Folgerungen gezogen werden, die eine gewisse Bedeutung haben für das Umgestalten der gesamten Weltanschauung. Dasjenige, was erkenntnistheotetisch vorbereitet, das war verhältnismäßig harmlos in der Dissertation; denn das ist eine objektive philosophische Entwickelung. Aber das, worauf es hinauslief, das konnte erst im späteren Druck hinzugefügt werden. Erst dann, wenn man die Dinge so ansieht, daß man wirklich betreibt dieses genaue Sehen, daß man sich nicht mehr den Illusionen hingibt, die hervorgerufen werden durch vorgefaßte Anschauungen, erst dann ist man in gesunder Weise in der Lage, auch über das Wollen entsprechende Anschauungen zu gewinnen. Denn das, was wir draußen sehen, wenn der «Kerl» oder die «Kerlin» herumgeht, wenn wir uns so selber beobachten beim einfachsten Handeln, wenn wir da unsere Beine vorwärtsbewegen, das ist ja nur die Innenseite unseres Wollens. Die äußerlichste Seite, die für den Kosmos eine Bedeutung hat, die ist ja scheinbar in unserem Inneren verborgen. Aber in unserem Äußerlichsten verborgen ist ja ein Geistiges, das dem allerdings für die Menschen nicht gern genannten Inneren zugrunde liegt. Und was da drinnen vorgeht, das Geistige — selbstverständlich nicht dasjenige, was physisch vorgeht, sondern was als Geistiges parallel geht diesem Physischen —, das ist nun wiederum nicht ein Gegenwärtiges. Gegenwärtig ist dasjenige, was man ja äußerlich an dem Kerl oder der Kerlin beobachtet. Was da innerlich vorgeht, das ist ein andetes, das ist etwas, was jetzt eigentlich nur im Keime erst geschieht, embryonal geschieht. Während Sie herumgehen, oder während Sie eine andere Handlung durch Ihre Gliedmaßen ausführen, geht in Ihrem Äußerlichen etwas vor, was erst eine reale Bedeutung hat nach Ihrem Tode, was ebenso der Vorklang ist von den Vorgängen vom Tode bis zur nächsten Geburt, wie dasjenige, was in Ihrem Denken ist, der Nachklang ist desjenigen, was Sie in der geistigen Welt waren von dem letzten Tode bis zu dieser Geburt beziehungsweise Empfängnis. Dasjenige, was in Ihrem Äußerlichsten, was die Menschen das Innerlichste nennen, mitklingt, das ist der Embryo der Vorgänge, die Sie betreiben zwischen Ihrem nächsten Tode und Ihrer nächsten Geburt. Derjenige sieht erst das menschliche Wollen, der nun wiederum nicht auf den gegenwärtigen Menschen sieht, sondern der in dem, was im Menschen, scheinbar im Menschen, aber im Äußersten des Menschen lebt, das Korrelat, das Zugehörige sieht zu dem Handeln, und in dem Handeln das Zugehörige sieht desjenigen, was durch die Todespforte hinaustritt, Tätigkeit wird zwischen dem Tod und einer neuen Geburt und sich da auch so ausbildet, daß es wiederum hereinkommen kann und jetzt hier in dem Äußeren weiterschwingt.
[ 29 ] Throughout my entire literary career, I have strived—I might say—to impart to the present generation concepts that are sound from this perspective. You can start with my “Introductions to Goethe’s Scientific Writings,” in which I attempted, based on Goethe’s worldview, to replace the distorted concepts of the present with sound ones, and in which I pointed out that certain things that take place within a human being can only be properly understood if one does not say: “That’s just happening in there, and the human being is doing it”—but rather by regarding this so-called human “inner life” as the stage for human actions carried out on this stage by the cosmos, by regarding the so-called human “inner life” as the stage for the cosmic. My entire development of epistemological concepts in my little book *Truth and Science* ultimately culminates, on the last and penultimate pages, in the realization that the human being is a stage for what the cosmos actually does within him, and that he does it in connection with the cosmos—from the outside in, not from the inside out. These last and penultimate pages of my little treatise *Truth and Science* constitute its most important part. And because these two pages are the most important and significant—because they most intensely address what must change in our conception of the present—I was only able to structure this little treatise, which at the time was also my doctoral dissertation, in this way after the dissertation itself was completed. In the form in which it was submitted as a dissertation, these last two pages were missing; for one could not expect science to draw from these matters the conclusions that have a certain significance for the transformation of the entire worldview. The epistemological groundwork was relatively harmless in the dissertation; for that is an objective philosophical development. But what it ultimately amounted to could only be added in the later printed edition. Only then—when one views things in such a way that one truly engages in this precise observation, no longer succumbing to the illusions caused by preconceived notions—only then is one in a sound position to gain corresponding insights into the will as well. For what we see on the outside—when a “guy” or a “gal” walks around, when we observe ourselves in the simplest of actions, when we move our legs forward—is, after all, only the inner side of our volition. The outermost aspect, the one that has significance for the cosmos, is apparently hidden within us. But hidden within our outermost being is a spiritual element that underlies the inner world—a world that people are, admittedly, reluctant to name. And what is happening there inside—the spiritual element—not, of course, what is happening physically, but what proceeds as a spiritual process parallel to this physical process—is, in turn, not something present in the here and now. What is present is what one observes externally in a man or a woman. What is happening internally is something else; it is something that is actually only just beginning to take shape, occurring in an embryonic state. While you are walking around, or while you are performing some other action with your limbs, something is taking place in your outer being that will only have real significance after your death; it is just as much a foreshadowing of the processes from death to the next birth as that which is in your thinking is an echo of what you were in the spiritual world from your last death to this birth or conception. That which resonates in your outermost being—what people call your innermost self—is the embryo of the processes you will undergo between your next death and your next birth. One sees human volition only when one does not focus on the present human being, but rather perceives, in what lives within the human being—seemingly within the human being, but in the outermost part of the human being—the correlate, the associated element of the action, and in that action sees what belongs to that which passes through the gate of death—becoming an activity between death and a new birth, and developing there in such a way that it can return and now continues to resonate here in the outer world.
[ 30 ] Wenn man das menschliche Wollen untersucht und in dem gegenwärtigen Menschen mystisch tief den Urgrund dieses Wollens, den göttlichen Urgrund dieses Wollens suchen will, dann finden gewöhnlich die Wortmystiker, daß sie das nicht just im Bauch tun sollen, denn das ist nicht vornehm genug für die Wortmystiker; ihnen handelt es sich ja nicht um die Wahrheit, sondern um besondere, salbungsvolle Redensarten. Aber wenn man auf die Wahrheit geht, so handelt es sich darum, daß allerdings an demjenigen, was mit Bezug auf die sinnlich-physische Tatsache, nun, sagen wir, das Unappetitlichste ist, ein Korrelat da ist, welches durch die Todespforte hinausgeht in die spätere Welt; da müssen wir den Zukunftsmenschen suchen. Und so gewinnen wir die Beweisstücke aus dem Denken des vorgeburtlichen Menschen und aus dem Wollen des nachtodlichen Menschen, wie ich schon öfter hier und wie ich auch sogar in öffentlichen Vorträgen da oder dort ausgeführt habe. Aber es sind das Wahrheiten, die man sich unbedingt heute zum Bewußtsein bringen muß. Unbedingt muß man sich heute zum Bewußtsein bringen, daß des Menschen Denken etwas ist, was gar nicht durch den Menschen hervorgebracht werden kann, der mit seinem Fleisch und mit seinem Blut und mit seinen Knochen und seinen Nerven in der Gegenwart lebt, sondern was nachklingt aus dem vorgeburtlichen Leben, und daß das Wollen gar nicht etwas ist, was durch den gegenwärtigen Menschen in seiner Totalität hervorgebracht werden kann, sondern daß das Wollen eine Seite hat, die dableibt über den Tod hinaus. Lernt man dasjenige, was im gegenwärtigen Menschen nicht durch den leiblich-fleischlichen Menschen hervorgebracht werden kann, wirklich kennen, so ist in dem Menschen, der vor uns steht, der ewige Mensch, der immer vor uns steht. Aber nicht indem man über das Ewige spekuliert, erlangt man diese Wahrheiten, sondern dadurch, daß man wirklich positiv einzugehen vermag auf das, was Denken auf der einen Seite, Wollen auf der anderen Seite ist. Dadurch gelangt man zu solcher Erkenntnis.
[ 30 ] When one examines human volition and seeks, in a deeply mystical way, the source of this volition—the divine source of this volition—within contemporary human beings, then the “word mystics” usually find that they should not do so in the gut, for that is not refined enough for them; after all, they are not concerned with the truth, but with special, unctuous turns of phrase. But if one seeks the truth, the point is that there is indeed a correlate in that which—in relation to the sensory-physical fact—is, let us say, the most unappetizing, a correlate that passes through the gate of death into the world beyond; that is where we must seek the human being of the future. And so we derive the evidence from the thinking of the pre-birth human being and from the willing of the post-death human being, as I have often explained here and as I have even elaborated in public lectures here and there. But these are truths that we absolutely must bring to our consciousness today. It is absolutely essential to realize today that human thinking is something that cannot at all be produced by the human being who lives in the present with his flesh and blood, bones, and nerves, but rather something that resonates from prenatal life, and that volition is not at all something that can be produced by the present human being in his entirety, but that volition has an aspect that remains beyond death. If one truly comes to know that which in the present human being cannot be produced by the physical, corporeal human being, then within the human being standing before us is the eternal human being who always stands before us. But one does not attain these truths by speculating about the eternal, but rather by being able to engage truly and positively with what thinking is on the one hand and willing on the other. Through this, one arrives at such knowledge.
[ 31 ] Es ist wirklich notwendig: Will man im Sinne der heutigen Geisteswissenschaft höhere Erkenntnisse treiben, so muß man vor allen Dingen als das Schädlichste betrachten die Wortmystik, die vielfach heute getrieben wird.
[ 31 ] It is truly necessary: If one wishes to pursue higher insights in the spirit of today’s spiritual science, one must, above all, regard the mysticism of words—which is so prevalent today—as the most harmful thing of all.
[ 32 ] Darum ist es so, daß gewisse Dinge, die man heute vom Standpunkte einer ehrlichen Geisteswissenschaft niederzuschreiben hat, hingenommen werden sollten. Und sie werden ja auch vielfach hingenommen. Aber dann, wenn das kommt, um was es sich eigentlich handelt, um das Eingreifen der konkreten Tatsachen des Menschenlebens, dann gehen die Leute nicht mehr mit, denn dann hören sie lieber das Geschwätz der mystelnden Menschen an, die aus Worten heraus eine innere Welt zaubern wollen. Die Gegenwart ist aber in ihrem Leben zu ernst, als daß man sich einem solchen Vergnügen Mystik ist heute für die meisten Menschen nur ein Vergnügen — hingeben könnte. Dasjenige, was heute zu treiben ist, ist etwas, was den Menschen seelisch so formt, daß er wirklich nur mit diesen angeeigneten Begriffen auch das, was im sozialen Leben lebt, begreifen kann. Soll denn ein Mensch zu sozialen Begriffen kommen, wenn er nicht sehen kann, wenn er lernt von der naturwissenschaftlichen Vorstellungsart aus, mit lauter Vorurteilen, Voranschauungen an die Wirklichkeit heranzutreten? Das reinliche Anschauen der Wirklichkeit, wie wir es heute brauchen, ist ja nur zu gewinnen, wenn wir uns frei machen durch geisteswissenschaftliche Ideen von dem Gestrüpp von Vorstellungen, dem wir uns hingeben und das eine letzte, äußerste Konsequenz in manchen mystischen Verirrungen unserer Zeit erfährt. Die mystischen Verirrungen unserer Zeit sind nicht das Zeichen eines ersten Aufschwunges zu Besserem; oftmals sind sie das letzte des Niederganges, des Alleräußersten an Aufbringung von bloßen Worthülsen statt wirklicher Erkenntnisse.
[ 32 ] That is why certain things that must be written down today from the standpoint of an honest spiritual science should be accepted. And indeed, they are often accepted. But then, when it comes to what is actually at stake—the intervention of the concrete facts of human life—people no longer go along with it, for then they would rather listen to the ramblings of those who dabble in mysticism, who seek to conjure up an inner world out of words. But the present is too serious in their lives for them to indulge in such a pastime—mysticism is today, for most people, merely a pastime. What needs to be done today is something that shapes people spiritually in such a way that they can truly comprehend what is happening in social life only through these acquired concepts. Can a person arrive at social concepts if they cannot see clearly, if they learn to approach reality—based on the scientific mode of thinking—with nothing but prejudices and preconceptions? The clear-sighted observation of reality that we need today can only be attained if we free ourselves, through ideas from the spiritual sciences, from the thicket of notions to which we have succumbed—a thicket that finds its ultimate, most extreme expression in many of the mystical aberrations of our time. The mystical aberrations of our time are not a sign of an initial upswing toward something better; often they are the final stage of decline, the very extreme of resorting to mere empty phrases instead of genuine insights.
[ 33 ] Wirkliche Erkenntnisse liefern so etwas wie: Das Denken ist ein Nachklang des vorgeburtlichen Lebens; das Wollen ist ein Vorklang des nachtodlichen Lebens. — Das sind konkrete Erkenntnisse. Da redet man ganz anders, wenn man von solchen konkreten Dingen spricht, als diejenigen reden, die da sagen: Im zeitlichen Menschen lebt Ewiges, da lebt das göttliche Ich; wenn man sich in dem erlebt, so hat man sich in dem Göttlichen ergriffen, das ist das wahre Ich; das andere ist das unwahre Ich und so weiter. — Mit spielerischen Begriffen kann man den ganzen Tag verwirtschaften. Es kann ein großes Wohlgefühl innerlich erzeugen, aber zu wirklichen Erkenntnissen kommt man nicht damit.
[ 33 ] True insights are along the lines of: Thinking is an echo of prenatal life; volition is a foreshadowing of life after death. — These are concrete insights. When speaking of such concrete matters, one speaks quite differently from those who say: “The eternal lives within the temporal human being; the divine self lives there; if one experiences oneself in it, one has grasped the divine—that is the true self; the other is the false self,” and so on. — One can spend the whole day playing with such concepts. It may create a great sense of inner well-being, but one does not arrive at true insights through them.
