Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage
GA 191
14 November 1919, Dornach
Vierzehnter Vortrag
[ 1 ] Aus den letzten Vorträgen werden Sie ersehen haben, wie der Mensch zu einer Art illusorischer Vorstellung von der Außenwelt kommt, wie in der Tat dasjenige, was als Naturzusammenhang gewöhnlich aufgefaßt wird, innerlich abhängig ist von der Menschheit selbst, und wie wir nur dadurch eine wirkliche Weltanschauung gewinnen können, daß wir die Erde, überhaupt die Welt in ihrer Ganzheit betrachten, also so betrachten, daß wir den Menschen dazugehörig ansehen und die Wechselbeziehung, das Wechselverhältnis des Menschen zur Welt ins Auge fassen. Sonst kommen wir immer zu einem wesenlosen Abstraktum, zu einer bloßen abstrakten Auffassung der mineralischen, höchstens noch der pflanzlichen und der tierischen Welt, die aber beide gegenüber der gegenwärtigen Naturanschauung auch schon keine starke Rolle mehr spielen. Es wird, wenn man von dem Naturzusammenhang spricht, in der Regel der bloße mineralische Naturzusammenhang ins Auge gefaßt, an den man dann diese kurze Episode, die man die geschichtliche nennt, als eine ganz anders geartete Wahrheit anhängt. Von dieser Auffassung, die eigentlich nicht bis zum Menschen herantritt, muß die Menschheit von der Gegenwart an abkommen. Wir haben von den verschiedensten Gesichtspunkten her die Gründe angeführt, warum die Menschheit abkommen muß von diesen Anschauungen, die sich, wie Sie wissen, ja auch mit einer gewissen Notwendigkeit seit drei bis vier Jahrhunderten herausgebildet haben. Ich will heute nur soviel erwähnen, daß die Menschen immer mehr und mehr mit Bezug auf ihr äußeres Wissen, auf ihre äußere Erkenntnis abhängig werden von ihrem physischen Leib und seinen Notwendigkeiten, wenn sie nichts zu ihrer eigenen Entwickelung, zur Hervorbringung einer höheren Erkenntnis, die durch den Willen in Angriff genommen werden muß, tun wollen. Es wird sich in der Zukunft darum handeln: Entweder muß die Menschheit demjenigen verfallen, was man als Anschauung von der Welt gewinnen kann dadurch, daß man, ich möchte sagen, bleibt, wie man ist, wie man geboren worden ist, daß man keine anderen Begriffe und Ideen gewinnen will als diejenigen, die man eben hat dadurch, daß man sich in die Welt hereingestellt findet durch die Geburt und durch die gewöhnliche Erziehung, wie sie heute noch üblich ist; das ist die eine Möglichkeit. Die andere Möglichkeit ist diese, daß die Menschen abkommen davon zu glauben, man könne einfach dadurch, daß man als Mensch geboren ist, alles Wünschenswerte wissen, alles Wirkliche beurteilen, und daß sie aufbauen eine wirkliche Entwickelung des Menschen, wie sie durch die Geisteswissenschaft angedeutet ist. Das wäre dann der andere Weg. Diesen letzteren Weg wird die Menschheit gehen müssen, sonst würde die Erde nur dem Verfall entgegengehen. Man kann, was ich eben gesagt habe, auch gewissermaßen geographisch betrachten, und dann gewinnt es für die Gegenwart eine ganz besondere Bedeutung.
[ 2 ] Wenn wir nur weit genug zurückgehen in die Erdenentwickelung, dann finden wir, wie der Mensch nicht im irdischen Dasein selber wurzelt. Sie wissen ja, daß der Mensch vor der irdischen Entwickelung eine lange vorherige Entwickelung durchgemacht hat. Sie finden diese Entwickelung in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» beschrieben. Sie wissen, daß der Mensch dann wiederum gewissermaßen zurückgenommen worden ist in ein rein geistiges Dasein und aus diesem rein geistigen Dasein heruntergestiegen ist zum Erdendasein. Nun ist es in der Tat so, daß mit diesem Heruntersteigen des Menschen ins Erdendasein von der Menschheit mitgenommen worden ist ein ausgebreitetes, man kann es nennen Erbwissen, eine Urweisheit, eine Erbweisheit; eine Weisheit, die so war, daß sie eigentlich für die ganze Menschheit eine einheitliche war. Im einzelnen finden Sie diese Dinge geschildert in meinem Vortragszyklus «Die Mission einzelner Volksseelen» in Kristiania. Dieses Erbwissen war also ein einheitliches. Ich verstehe, indem ich vom Wissen rede, jetzt nicht bloß dasjenige, was man gewöhnlich innerhalb der Wissenschaft so nennt, sondern alles dasjenige, was der Mensch überhaupt in seine Seelenwelt als eine Anschauung von seiner Weltumgebung und von seinem Leben aufnehmen kann.
[ 3 ] Nun hat sich dieses Urwissen spezifiziert. Es hat sich so spezifiziert, daß es verschieden geworden ist je nach den verschiedenen Territorien der Erde. Wenn Sie das äußerlich betrachten, was man die Kultur der verschiedenen Erdenvölker nennt — besser noch können Sie das überschauen, wenn Sie die verschiedenen Kapitel unserer Geisteswissenschaft zu Hilfe nehmen, wo die Sache behandelt wird —, können Sie sich sagen: Was die Menschen der verschiedenen Völkerschaften gewußt haben, war von jeher verschieden. Sie können unterscheiden eine indische Kultur, eine chinesische Kultur, eine japanische Kultur, eine europäische Kultur, und in der europäischen Kultur wiederum spezifiziert für die einzelnen europäischen Territorien, dann eine amerikanische Kultur und so weiter.
[ 4 ] Wenn Sie sich fragen: Wodurch ist die Erb- und Urweisheit zu dieser Spezifizierung gekommen, wodurch ist sie immer mehr und mehr differenziert worden? — so werden Sie sich zur Antwort geben können: Da waren schuld daran die inneren Verhältnisse, die inneren Anlagen der Völker. — Aber im wesentlichen zeigen sich immer Anpassungen dieser inneren Verhältnisse der Völker an die äußeren Verhältnisse der Erde. Und man bekommt wenigstens ein Bild über die Differenzierung, wenn man versucht, den Zusammenhang zu finden zwischen dem, was, sagen wir, indische Kultur ist und der klimatischen geographischen Beschaffenheit des indischen Landes. Ebenso bekommt man eine Vorstellung von dem Spezifischen der russischen Kultur, wenn man den Zusammenhang des russischen Menschen mit seiner Erde betrachtet. Nun kann man sagen: In bezug auf diese Verhältnisse befindet sich die gegenwärtige Menschheit, wie sie es in so vieler Beziehung ist, in einer Art Krisis. Diese Abhängigkeit des Menschen von seinen Territorien ist im 19. Jahrhundert allmählich die denkbar größte geworden. Allerdings, die Menschen haben sich emanzipiert, mit ihrem Bewußtsein emanzipiert von ihren Territorien, das ist richtig; aber sie sind deshalb doch abhängiger geworden von diesen ihren Territorien. Man kann das sehen, wenn man vergleicht, wie, sagen wir, noch ein Grieche zu dem alten Griechenland stand, und wie etwa ein moderner Engländer oder noch der Deutsche zu seinen Ländern steht. Die Griechen hatten noch vieles in ihrer Kultur, in ihrer Bildung von der Urweisheit. Sie waren vielleicht physisch stärker abhängig von ihrem griechischen Territorium, als die heutigen Menschen von ihrem Territorium abhängig sind. Aber diese stärkere Abhängigkeit wurde aufgehoben, wurde gemildert durch das innere Erfülltsein mit der Urweisheit, mit dem Urwissen. Dieses Urwissen ist allmählich für die Menschheit verglommen. Wir können ganz deutlich nachweisen, wie um die Mitte des 15. Jahrhunderts das unmittelbare Verständnis für gewisse Urweistümer aufhört, und wie selbst die Traditionen dieser Urweistümer im 19. Jahrhundert allmählich versiegen. Künstlich werden ja, ich möchte sagen, wie Pflanzen in den Treibhäusern, die Urweisheiten noch aufbewahrt in allerlei Geheimgesellschaften, die manchmal sehr Schlimmes damit treiben. Aber diese Geheimgesellschaften bewahrten die Urweisheit im 19. Jahrhundert so auf — im 18. Jahrhundert war es noch etwas anderes —, daß man sagen kann, sie sind gleichsam wie Pflanzen in Treibhäusern. Was haben schließlich die Freimaurersymbole heute noch mit der Urweisheit, aus der sie stammen, anderes zu tun, als die in Treibhäusern gepflanzten Pflanzen mit den in der freien Natur wachsenden Pflanzen? Nicht einmal so viel wie diese mit jenen haben die Symbole der Freimaurer mit der Urweisheit noch zu tun.
[ 5 ] Aber gerade dadurch, daß die Menschen das innere Durchdrungensein mit der Urweisheit verlieren, werden sie erst recht abhängig von ihren Territorien. Und ohne daß wiederum errungen würde ein frei zu entwickelnder Schatz von Geisteswahrheiten, würden die Menschen über die Erde hin ganz sich differenzieren nach ihren Territorien.
[ 6 ] Wir können da in der Tat, ich möchte sagen, drei Typen unterscheiden, die wir von anderen Gesichtspunkten aus ja schon unterschieden haben. Wir können heute sagen: Wenn nicht geisteswissenschaftliche Impulse sich in der Welt ausbreiten, würden von Westen herüber nur geltend gemacht werden wirtschaftliche Wahrheiten, die ja aus ihrem Schoße manches andere auch hervorbringen können. Aber das wirtschaftliche Denken, die wirtschaftlichen Vorstellungen würden das Wesentliche sein. Es würde vom Osten herüber dasjenige kommen, was im wesentlichen geistige Wahrheiten wären. Asien wird immer mehr und mehr, wenn auch vielleicht auf sehr dekadente, so doch auf geistige Wahrheiten sich beschränken. Mitteleuropa würde mehr das intellektuelle Gebiet pflegen. Und das würde sich ja ganz besonders geltend machen, verbunden mit etwas Tradition von alten Zeiten her, verbunden mit dem, was herüberweht aus dem Westen von wirtschaftlichen Wahrheiten, und was herüberweht aus dem Osten von geistigen Wahrheiten. Die Menschen aber, die über diese drei Haupttypen der Erdengliederung hin leben würden, würden sich immer mehr und mehr nach dieser Richtung spezifizieren. Die Tendenz unserer Gegenwart zielt durchaus darauf hin, diese Spezifizierung der Menschheit tatsächlich zur Herrschaft zu bringen. Man kann sagen, und ich bitte, das recht, recht ernst zu nehmen: Würde nicht ein geisteswissenschaftlicher Einschlag die Welt durchsetzen, so würde der Osten allmählich ganz unfähig werden, eine eigene Wirtschaft zu treiben, wirtschaftliches Denken zu entwickeln. Der Osten würde nur in die Lage kommen zu produzieren, das heißt, unmittelbar den Boden zu bebauen, unmittelbar Naturprodukte zu verarbeiten mit den Werkzeugen, die geliefert werden von dem Westen. Aber alles dasjenige, was von der menschlichen Vernunft aus wirtschaftet, würde sich im Westen entwickeln. Und von diesem Gesichtspunkte aus angesehen, ist die eben abgelaufene Weltkriegskatastrophe nichts anderes als der Anfang zu der Tendenz — ich will in einem beliebten Ausdruck sprechen —, den Osten von dem Westen aus wirtschaftlich zu durchdringen; das heißt, den Osten zu einem Gebiet zu machen, in dem die Leute arbeiten, und den Westen zu einem Gebiet zu machen, in dem gewirtschaftet wird mit demjenigen, was der Osten aus der Natur heraus arbeitet. — Wo dabei die Grenze zwischen dem Osten und dem Westen ist, das braucht nicht festgesetzt zu werden, denn das ist etwas Variables.
[ 7 ] Ginge die heute herrschende Tendenz weiter, würde sie nicht geistig durchsetzt, so würde ganz zweifellos — man braucht es nur hypothetisch auszusprechen — das entstehen müssen, daß der ganze Osten wirtschaftlich ein Ausbeutungsobjekt würde für den Westen. Und man würde diesen Gang der Entwickelung für dasjenige ansehen, was das Gegebene für die Erdenmenschheit ist. Man würde es als das ganz Gerechte und Selbstverständliche ansehen. Es gibt kein anderes Mittel, in diese Tendenz das hineinzubringen, was nicht die halbe Menschheit zu Heloten, die andere Menschheit zu Benützern dieser Heloten macht, als die Erde mit der wiederum zu erringenden gemeinsamen Geistigkeit zu durchdringen.
[ 8 ] Wenn man diese Dinge ausspricht, so stößt sie der heutige Mensch noch gern von sich weg. Der heutige Mensch ist nur zu geneigt, diese Dinge mit einer Handbewegung von sich zu schieben, aus dem einfachen Grunde, weil es ihm äußerlich unbequem ist, sich der wahren Wirklichkeit heute gegenüberzustellen. Der Mensch sagt sich: Nun, wenn auch die wirtschaftliche Durchdringung des Ostens geschieht, so schnell wird es ja doch nicht gehen, daß ich es noch erlebe. — Diejenigen, die Kinder haben, die denken zwar dann schon etwas ernster für ihre Kinder, aber sie benebeln sich ja dann doch am liebsten ein bißchen damit, daß vielleicht wieder bessere Zeiten kommen und dergleichen. Aber darauf im Innersten einzugehen: daß es kein anderes Mittel gibt, die Zukunft der Menschheit menschenwürdig zu gestalten, als die Erde nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig zu durchdringen — diesen Gedanken machen sich aus einer gewissen Bequemlichkeit heraus doch die allerwenigsten Menschen. Man kann sagen, daß von drei Seiten her die Menschheit die gegenwärtige Konfiguration ihres Kulturlebens erhalten hat. Und es ist außerordentlich interessant, gerade diese drei Seiten des irdischen Kulturlebens einmal ins Auge zu fassen, besonders für unsere Aufgabe, die wir uns in diesen Vorträgen jetzt stellen wollen.
[ 9 ] Sehen Sie, wenn man das Erdengebiet von Osten gegen Westen hin überblickt, so muß man folgendes sagen: Alles dasjenige, was die Menschheit als einen gewissen Grundstock von ethischen Wahrheiten, von sittlichen Wahrheiten hat, das hat sie eben doch vom Orient. Die Form, in welcher der Orient einstmals mit einer allgemeinen Weltanschauung zugleich seine ethischen Prinzipien entwickelt hat, die Form der allgemeinen Kosmologie und so weiter, sie ist verlorengegangen. Aber geblieben ist, wie ein Rest des orientalischen Denkens und Empfindens, eine gewisse Ethik. Lesen Sie einmal von diesem Gesichtspunkte aus die Reden, die ARabindranath Tagore gehalten hat, die gesammelt sind unter dem Titel «Nationalismus». Sie werden sehen, darin ist kaum noch etwas zu finden von den großen kosmischen Weisheitslehren, die einstmals im Osten in den Menschengemütern gelebt haben. Aber: es ist außerordentlich interessant. Wer mit Verständnis diese unter dem Titel «Nationalismus» gesammelten Reden des Tagore liest, der wird sich sagen: Das sittliche Pathos, das darin lebt — und das ist bei diesen Reden sogar die Hauptsache —, der ethische Wille, der darinnen lebt, diese herbe sittliche Kritik, die geübt wird an dem ganzen individuellen Mechanismus des Westens, die geübt wird an dem noch schlimmeren politischen Mechanismus des Westens, das alles, was lebt an Ethos in diesen Reden des 'Tagore, das alles könnte nicht gesagt werden, ohne daß dahintersteht, wenn es auch heute äußerlich im Bewußtsein nicht mehr lebt, die alte Urweisheit Asiens. Mit der Weisheit, die aus den Sternen geschöpft worden ist, wurden getränkt die sittlichen Wahrheiten, die aus dem Orient herüberklingen, wenn solche Leute reden wie dieser Rabindranath Tagore. Und wenn man nicht mit Vorurteilen, sondern ganz unbefangen alles prüft, was sich an Bildung in Mitteleuropa und im Westen entwickelt hat, so muß man sagen: Was da lebte, sei es bei den Philosophen oder Nichtphilosophen, sei es bei den einfachsten Menschen, sei es beim Durchgebildeten, dasjenige, was ethisch-sittlich die Menschen des mittleren und des westlichen Erdengebietes durchtränkt, das ist alles im Grunde genommen herausgeträufelt aus Asiatentum, aus dem Orient. Der Orient ist die eigentliche Heimat des Ethos, der Ethik.
[ 10 ] Wenn wir nach dem Westen blicken, dessen Kultur sich ja, ich möchte sagen, vor den geschichtlichen Augen abgespielt hat, so sehen wir, wie da mehr das verstandesmäßige intellektuelle Verarbeiten der Welterscheinungen in Betracht kommt, dasjenige, was sich auf das Nützlichkeitsprinzip bezieht. Es ist ein großer Gegensatz, den sich eigentlich die Menschheit zum Bewußtsein bringen müßte, zwischen so etwas, was lebt als Pathos in den Reden des Tagore, und demjenigen, was lebt in alledem, was im Westen ausgebildet wird als der Nützlichkeits-, als der Utilitätsstandpunkt.
[ 11 ] Wenn man radikal sprechen möchte, müßte man sagen: So etwas wie bei, sagen wir Philosophen wie John Stuart Mill oder Nationalökonomen wie Adam Smith oder intellektualisch Philosophisches wie bei Bergson, so etwas bleibt für den Asiaten, selbst wenn er es zu verstehen sucht, etwas, was völlig außerhalb seines Wesens liegt. Er kann es als eine interessante Tatsache auffassen, daß so etwas auch von Menschen gesagt wird, aber er wird niemals versucht sein, derlei Dinge, die sich auf die äußere menschliche Nützlichkeit beziehen, aus seinem eigenen Wesen hervorzubtringen. Der Asiate verachtet gründlich das europäische und amerikanische Wesen, weil es ihm überall den Nützlichkeitsstandpunkt entgegenbringt, der nur mit dem Intellekt, mit dem Verstande beherrscht werden kann. Und so ist es auch gekommen, daß die mit der Idee «Nützlichkeit» verbundenen Denk- und Vorstellungsarten vor allen Dingen das Produkt des Westens sind.
[ 12 ] Wie ich vorhin darauf aufmerksam gemacht habe, daß sich über die Erde hin nach Völkern die Urweisheit spezifiziert hat, so können wir jetzt die großen Typen unterscheiden: Den ethischen Typus im Osten, im Orient, den intellektualistischen Utilitätstypus im Okzident, im Westen. Dazwischen sucht sich immer das durchzudrücken, durchzudrängen, was ich nennen möchte den dritten Typus, den ästhetischen Typus. Der ästhetische Typus ist eigentlich ebenso Mitteleuropa eigen, wie dem Orient eigen ist der ethische Typus, wie dem Okzident eigen ist der utilitarische, intellektualistische Typus.
[ 13 ] Man braucht nur an eine Erscheinung zu erinnern, um auch aus äußeren Tatsachen den Beweis erbringen zu können, wie gerade aus Mitteleuropa heraus der ästhetische Typus des Menschenwesens sich geltend machen will. Während im Westen die Französische Revolution einerseits wütete, andererseits ihre Früchte trug, der Osten in spirituellen Träumen befangen war, sehen wir, wie zum Beispiel Schiller seine «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen» schreibt. Sie knüpfen direkt an die Französische Revolution an; aber sie wollen das Problem, das die Französische Revolution politisch aufgeworfen hat, rein humanistisch, menschlich lösen. Sie wollen den Menschen rein innerlich zu einem freien Menschen machen. Und interessant ist es, daß die ganze Betrachtungsweise Schillers in den «Ästhetischen Briefen» darauf beruht, daß er auf der einen Seite den intellektualistischen, den reinen Nützlichkeitsstandpunkt abweist, auf der anderen Seite ebenso den bloßen ethischen Standpunkt. Sehen Sie, den ethischen Standpunkt hat auch einmal einer rationalisiert, intellektualisiert. Alles in der Welt wird durch verschiedene Metamorphosen geleitet, und dann erscheint es in einer ganz anderen Form. So ist der ethische Standpunkt des Orients ganz gewiß nicht intellektualistisch, aber man kann ihn auch wie den Intellekt auffassen, man kann ihn intellektualisieren, «königsbergisieren», dann ist er Kantisch. Das ist dagewesen, und von Kant rührt ja jener schöne Ausspruch her: «Pflicht! du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst...», nämlich Unterwerfung unter die Sittlichkeit. Schiller sagte dagegen: «Gerne dien’ ich den Freunden, doch tu’ ich es leider mit Neigung, / Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.» Schiller konnte als der richtige mitteleuropäische Mensch nicht in sich aufnehmen diese kantische, die königsbergische Intellektualisierung der Ethik. Für ihn war der Mensch kein Vollmensch, der erst sich der Pflicht unterwerfen mußte, um die Pflicht zu tun. Für ihn war der Mensch ein Vollmensch, der in sich die Neigung verspürte, das . zu tun, was das Sittlich-Wertvolle ist. Daher wies Schiller den ethischen Rigorismus eines Kant zurück. Ebenso wies er aber zurück das rein intellektuelle Autoritätsprinzip, und er sah in den Hervorbringungen und in dem Genusse des Schönen, also in einem ästhetischen Verhalten des Menschen, die höchste freie Äußerung der Menschennatur. Er schrieb seine «Ästhetischen Briefe», man möchte sagen, wie eine Personenbeschreibung Goethes. Er hatte sich ja schwer durchgerungen zur Anerkennung Goethes. Schiller ging aus von einem Neid und von einem innerlichen Widerwillen gegen Goethe. Man könnte sagen: Für Schiller gab es eine Zeit seiner Jugend, in welcher ihm der Speichel im Munde immer bitter wurde, wenn von Goethe die Rede war. Dann lernten sie sich kennen. Dann lernten sie sich aber auch nicht nur achten, sondern gegenseitig ineinander aufgehen. Und dann schrieb Schiller wie eine geistige Biographie, wie eine geistige Charakteristik Goethes seine « Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen». Alles, was in diesen «Ästhetischen Briefen» steht, könnte niemals geschrieben worden sein, wenn Goethe dasjenige, was darinnen steht, nicht Schiller vorgelebt hätte.
[ 14 ] Schiller hat ja im Beginne ihrer Freundschaft jenen Brief vom 23.August 1794, den ich oft zitiert habe, an Goethe geschrieben: «Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen.» Und nun beschreibt er Goethe als den Geist, der eigentlich ein wiedererstandener Grieche sei, so daß wir sehen, wie da angeknüpft wird an die erste Morgenröte des ästhetischen Geistes Mitteleuropas, an Griechenland.
[ 15 ] Und bei Goethe sehen wir, wie er aus dem intellektuellsten Elemente sich herausarbeitet zu einer Anerkennung von Wahrheit, die ebenso durch die Kunst wie durch die Wissenschaft gefaßt wird. Wenn Sie verfolgen, wie Goethe mit Flerder die Ethik des Spinoza studiert hat, wie dann Goethe nach Italien fährt und nach Hause schreibt, in den Kunstwerken, die er aus griechischem Geiste hervorgegangen sieht, sehe er «Notwendigkeit», sehe er «Gott», so kann man sagen: Der Intellektualismus des Spinoza wird bei Goethe auf seiner italienischen Reise im Anblicke der Kunstwerke ästhetisch. Und Goethe legt Zeugnis dafür ab, daß die Griechen nach denselben Gesetzen verfahren sind beim Schaffen ihrer Kunstwerke, nach denen die Natur selbst verfährt, und denen er auf der Spur zu sein glaubt. Das heißt, Goethe ist nicht der Ansicht, wenn man ein Kunstwerk schaffe, dann schaffe man etwas Phantastisches, und nur Wissenschaft sei streng wahr. Nein, Goethe war der Anschauung, daß dasjenige, was in der wahren Kunst drinnenliegt, erst recht der tiefere Wahrheitsgehalt des Naturdaseins ist, also eine ästhetische Weltanschauung. Und so kann man sagen: Okzident — intellektualisch, utilitarisch; die mittleren Erdgegenden ästhetisch; der Osten — ethisch, moralisch. Und es ist durchaus richtig, zu sagen: Wo immer, sei es im Osten oder in der Mitte oder im Westen, ethische Wahrheiten aufgetreten sind, ursprünglich stammen sie aus dem Osten. Es ist ganz gleichgültig, ob in der Mitte oder im Osten utilitarische Wahrheiten auftreten, ursprünglich stammen sie aus dem Westen. Schönes stammt aus den mittleren Gegenden. Man kann überall den Gang dieser drei Lebenselemente des Menschen in dieser Weise verfolgen. Man kann ihn manchmal bis weit in die Einzelheiten hinein verfolgen. Sehen Sie, wenn man durch sein Karma dazu bestimmt ist, in Mitteleuropa Anthroposophie zu begründen, dann muß in dieser Anthroposophie etwas leben von jenem GoetheGlauben, daß schließlich dasselbe Element, das in der Kunst lebt, auch das Element der Wahrheit ist, daß dasselbe Element, das in der Malerei, in der Plastik, sogar in der Architektur zum Ausdruck kommt, auch im Gedankenbau der Wahrheit leben muß. Ja, man muß, wie ich es versucht habe im ersten Kapitel meiner «Philosophie der Freiheit» jetzt in der Neuauflage ist es das letzte —, dazu kommen, zu sagen, daß der Philosoph, der Mensch, der eine Weltanschauung begründet, ein Begriffs-«Künstler» sein müsse. Den Begriff des Begriffskünstlers, den lehnt man sonst ab. Dort habe ich ihn akzeptieren müssen. Es ist das alles aus einem Geiste heraus.
[ 16 ] Alle Ideen, die man so äußert, bekommen bestimmte Charaktere, die die Farben tragen von dem, was ich eben gesagt habe. Dann werden aber Bücher geschrieben, wie zum Beispiel dasjenige von Aimee Blech, das kürzlich wie ein Pamphlet erschienen ist, mit allerlei böswilligen, bewußt böswilligen Verleumdungen, in denen zum Beispiel auch steht: In demjenigen, was da als Anthroposophie vorgebracht wird von dieser (Steiners) Seite, da ist ja allerdings manches Schöne drinnen; aber das widerstrebt der Klarheit des französischen Geistes! — Gewiß widerstrebt es der Intellektualität, dem nüchtern-rhetorischen Fassen der Begriffe. Solche Leute wollen lieber derbmateriell Greifbares nachgebildet haben, denn das läßt sich mit schärferen Begriffskonturen fassen. Also bis in die Einzelheiten kann man diese Dinge durchaus verfolgen. Ich könnte Ihnen manche sehr stark nach dem Detailmalen hingehende Dinge vorführen, die Ihnen das erläutern würden, was ich eben in großen Zügen ausgeführt habe. Ich will es aber bei dem, was ich eben angeführt habe, bewenden lassen, denn dies ist eigentlich gerade als ein Detailzug außerordentlich interessant.
[ 17 ] Nun handelt es sich darum, daß man das durchdringend einsehe, daß zum Beispiel nicht im Okzident auch Sittlichkeit und Kunst und Intellektualismus einfach hervorgebracht werden. O nein, da wird die Kunst von den mittleren Gegenden, die Ethik vom Orient genommen, und hinzugefügt das intellektualische Element, das Utilitätselement. Ebenso wird in der Mitte eine Art ästhetisches Element gepflegt, und alles, was namentlich im 19. Jahrhundert aufgenommen worden ist in dieses ästhetische Element, das ist vom Westen herübergenommen. Es wäre interessant, einmal den Gang der Biologie von diesem Gesichtspunkte aus zu schreiben. Lesen Sie heute Goethes Metamorphosenlehre, so können Sie darin eine großartige Evolutionstheorie finden. Aber der Westen wird sie immer ästhetisch verseucht finden. Denn vom Westen her ist eingedrungen in das 19. Jahrhundert, das über die ganze Erde hin vom Westen abhängig geworden ist, das darwinistische Element in die Evolutionslehre. Das hat hineingebracht den Utilitätsstandpunkt, die Zweckmäßigkeitslehre. Die Zweckmäßigkeitslehre finden Sie ganz ausgeschaltet bei Goethe, weil Goethe überall durchdrungen ist von Ästhetizismus. Es sollte nicht sein, daß in dieser Weise in der Zukunft die Menschen gerade so, wie sie wirtschaftlich — das habe ich vorhin charakterisiert — differenziert sind, nichts voneinander annehmen wollen; denn dadurch würde sich auf der Erde allmählich ausbreiten über Asien ein gewisses Ethos, wie man es mit solchen feurigklingenden Tönen vertreten findet bei Rabindranath Tagore. Es würde sich ausbreiten im Mitteleuropa in einer etwas anderen Form, was gewisse Nietzsche-Gigerl schon vertreten haben, aber eben in gigerlhafter Weise, ein gewisses «Jenseits von Gut und Böse», ein gewisses Ästhetisieren selbst über moralische Begriffe. Wir sehen da den Siegeszug dieses Ästhetisierens im 19. Jahrhundert, besonders gegen das Ende des 19. Jahrhunderts sehr, sehr sich geltend machen. Und es würde sich der bloße Nützlichkeitsstandpunkt über den Westen ergießen: Gescheitheit im Nützlichkeitsstandpunkt, Nachbildung des geistigen Elementes dem Nützlichkeitsstandpunkt und so weiter. Dem kann allein abhelfen die Durchdringung der Menschheit mit einem wirklichen Geistigen, mit einem wirklichen spirituellen Elemente. Dazu ist natürlich die Voraussetzung, daß dieses spirituelle Element voll ernst genommen werde, daß man den Willen entwickelt, die Dinge so anzusehen, wie sie sich heute dem darstellen, der wirklich unbefangen sein will. Diese Kriegskatastrophe hat ja manches sehr Merkwürdige an die Oberfläche gefördert. Sie hat auch Erscheinungen an die Oberfläche gefördert, die zum Teil höchst unbehaglich sind, die aber zum anderen Teil lehrreich sind. Ich will Ihnen eine solche Erscheinung einmal erwähnen.
[ 18 ] Sehen Sie, innerhalb der deutschen Literatur der Gegenwart erscheinen — man kann schon gar nicht mehr mit dem Lesen nachkommen fast in jeder Woche jetzt die — «Ausschleimungen» wollte ich sagen Auslassungen der verschiedensten Menschen über ihre Beteiligung an dem Verlauf der kriegerischen und politischen Ereignisse, und wir konnten lesen, was solche Köpfe, ich sage ausdrücklich «Köpfe», gedacht haben wie Jagow, wie Bethmann — Michaelis, glaube ich, hat uns noch verschont —, Tirpitz, Ludendorff, und eine ganze Reihe könnte man noch nennen. Ja, es ist unbehaglich von der einen Seite, das Zeug zu lesen. Aber es ist auf der anderen Seite wiederum höchst interessant! Es ist höchst interessant vom folgenden Standpunkte aus. Sehen Sie, man kann ja solche Bücher wie das von Bethmann oder das von Tirpitz mit ganz entgegengesetzten Standpunkten erleben, aber — was heißt hier Standpunkte, nicht wahr! —, es kommt eben manchmal darauf an, ob der eine mit dem Auge, der andere mit dem Stiefelabsatz behandelt wurde während einer gewissen Zeit! Bethmann ist während einer gewissen Zeit von dem «allerhöchsten Herrn» mit dem Auge, Tirpitz mit dem Stiefelabsatz behandelt worden, danach haben sie verschiedene Standpunkte. Also auf den Standpunkt wollen wir uns nicht weiter einlassen. Darauf kommt es viel weniger an, als zu sehen, welcher Geist in solchen Schriften lebt.
[ 19 ] Nun kann man ja zunächst einmal folgendes machen. Sehen Sie, ich habe das Experiment angestellt: Nachdem ich die ganze trübe Sauce dieser Schriften, diese Bethmann- und Tirpitz-Sauce habe über mich ergehen lassen, habe ich versucht, wiederum einmal eine Reihe der mir ja sehr lieben Herman Grimmschen Aufsätze zu lesen, und zwar diejenigen, die von Nichtdeutschen allerdings chauvinistisch deutsch gefunden werden würden, aber das ist ja wiederum ein Standpunkt, und darauf kommt es mir nicht an, sondern es kommt mir auf den Geist an, der darin lebt. Nun kann man zunächst beim ersten Anblick die Frage aufwerfen: Ja, wie steht der Geist, die Vorstellungsart, die innere Seelenverfassung der Bethmann-Tirpitz-Sauce zu dem, was in Herman Grimms meinetwillen politischen Betrachtungen lebt? — Da muß man sagen: Für Herman Grimm hat Goethe gelebt, und nicht umsonst gelebt; er war für ihn da. Für Bethmann, für Tirpitz war er nicht da. Ich will nicht sagen, daß sie ihn nicht gelesen haben. Es wäre vielleicht gescheiter, wenn sie ihn nicht gelesen hätten; aber er war für sie nicht da. Zunächst klingt einem, so sagte ich mir, was in diesen Büchern steht, so, wie wenn es von mittelalterlichen Landsknechten, auch durchaus mit der Logik der mittelalterlichen Landsknechte, geschrieben wäre. Besonders interessant ist ja zum Beispiel Ludendorffs Logik. Er ist ja derjenige, der sich «das große Verdienst» erworben hat, den Ausschlag gegeben zu haben, daß Lenin im plombierten Wagen durch Deutschland nach Rußland befördert worden ist. Er ist der eigentliche «Importeur» des Bolschewismus in Rußland. Das glatthin abzuleugnen in seinem Buche, hat er nicht die Stirn, obwohl er zu vielem die Stirne hatte. Deshalb sagt er das Folgende. Er sagt: Lenin nach Rußland zu bringen, das war eine militärische Notwendigkeit; aber die politische Leitung hätte die schlimmen Folgen davon abwenden sollen; das hat sie eben unterlassen. — Sehen Sie, das ist die Logik dieser Herren! Aber ich will durchaus nicht behaupten, daß Clemenceau eine bessere Logik hatte. Also ich bitte, durchaus nicht zu glauben, daß ich für irgend etwas Partei nehme; auch Lloyd George, Wilson haben keine besseren Logiken; aber es ist bei diesen nicht so leicht zu konstatieren.
[ 20 ] Ja, das sagt man sich zunächst. Dann aber geht die Sache weiter. Dann findet man, wenn man einen geschichtlichen Vergleich sucht, daß man ziemlich weit zurückgehen muß. Eine merkwürdige Ähnlichkeit besteht zwischen der Art des Denkens, der Art des Vorstellens namentlich bei Tirpitz und bei Ludendorff, und der Art des Denkens derjenigen Menschen, die im 1. und 2. vorchristlichen Jahrhundert die sogenannte Kultur Roms geleitet haben. Und man kann eigentlich, wenn man da eine intime Seelengemeinschaft konstatieren will, sagen: Es ist so, als ob die Denkweise des alten vorchristlichen Roms wieder auftauchen würde und als ob alles dasjenige, was seitdem, einschließlich des Christentums, sich zugetragen hat — wenn die Herren auch äußerlich von Christus und dergleichen sprechen —, nicht dagewesen wäre.
[ 21 ] Sehen Sie, man denkt oftmals, wenn man vom Luziferischen sagt, daß es zurückgeblieben ist in der Menschheit, man meine nur Außerweltliches. In der Welt selbst tritt dieses Prinzip des Zurückgebliebenseins ganz stark hervor. Man kann sagen: die vorcäsarischen Größen des alten Rom sind wiederum erstanden in solchen Leuten. Und alles, was sich weiter zugetragen hat in Europa, ist für sie eigentlich nicht da.
[ 22 ] Diese Erscheinung müßte heute von den Menschen unbefangen beobachtet werden. Sie müßte ins Auge gefaßt werden. Denn nur dadurch gewinnt man einen freien, der Sache mächtigen Standpunkt der Beurteilung für die Gegenwart. Die Gegenwart stellt große Anforderungen an die Beurteilungsfähigkeit der Menschen. Das alles muß gesagt werden, wenn davon die Rede ist, es sei notwendig, daß diese Gegenwart durchdrungen werde mit geistigen Impulsen. Es ist ja oberflächlich betrachtet leicht, sich zu sagen: Nun ja, es muß eben die Gegenwart mit geistigen Impulsen durchdrungen werden! — Aber die Sache ist doch nicht so einfach. Sie brauchen ja nur einmal zu prüfen, ob denn geistige Impulse überall, wo sie in die Menschheit einen gewissen Zugang gewonnen haben, wünschenswerte Früchte getragen haben. Sehen Sie, schließlich muß man sich doch auch das Folgende sagen. Nehmen wir einmal gewisse Broschüren, gewisse Pamphlete, die geschrieben worden sind. Es sind solche geschrieben worden von langjährigen Anhängern, es sind sogar solche geschrieben worden, in welchen das, was hier als Geisteswissenschaft figuriert, «richtig» in die Welt gesetzt wird, nur wird es umgekehrt, umgestülpt! Das sind doch auch Pflanzen, die auf dem Boden gewachsen sind, auf dem versucht wird, heute Geistesgut den Menschen mitzuteilen. Und wer da glauben würde, der Prozeß sei schon abgelaufen, der darin besteht, daß durch sogenannte Anhänger ins Gegenteil verkehrt wird dasjenige, was als Geistesgut übermittelt ist, der wäre ja naiv. Das ist durchaus nicht abgeschlossen! Es ist durchaus nicht so leicht, wie man denkt, mit der Tatsache zu rechnen, daß spirituelle Wahrheiten in die Menschheit gebracht werden sollen. Denn so, wie zunächst die Menschheit heute ist, tendiert sie eben dahin, sich zu differenzieren vor allem nach den drei 'Typen, die ich charakterisiert habe: dem ethischen, dem ästhetischen, dem intellektualistischen, aber innerhalb dessen wiederum weiter.
[ 23 ] Nun sind die spirituellen Wahrheiten nicht dazu angetan, von Menschen, die mit einer solchen Differenzierung an sie herantreten, rein aufgenommen zu werden. Es ist ganz unmöglich, daß die spirituellen Wahrheiten von Menschen rein aufgenommen werden, die mit dieser Differenzierung und mit noch anderen Differenzierungen aus der Gegenwart an sie herantreten. Denken Sie sich doch, daß auf allen Seiten heute die Menschen dahin drängen, sich in nationale Chauvinismen abzuschließen. Ja, wenn Sie mit nationalem Chauvinismus die allgemein menschlichen und spirituellen Wahrheiten aufnehmen wollen, so verkehren Sie sie schon dadurch in das Gegenteil. Es ist unmöglich, heute ohne weiteres das mitzuteilen, was mitzuteilen von einem gewissen Gesichtspunkte aus wünschenswert wäre. Denn die Menschen tendieren nach einer solchen Differenzierung, wie es geschildert worden ist. Daher ist es natürlich notwendig, daß vor allen Dingen von der Seiten her das Interesse der Menschen wachgerufen werde, die als solche schon ausgebildet vorhanden sind. Es ist notwendig, daß in einer gewissen Weise angeknüpft werde an dasjenige, was da ist, aber daß darauf Rücksicht genommen werde, daß die Menschen die Tendenz haben, sich zu entfernen von der alten Erbweisheit und nichts an die Stelle zu setzen als die territorialen Differenzierungen über die Erde hin. Deshalb geht es eben nicht, spirituelle Weistümer unter der Menschheit zu verbreiten, ohne ein gewisses Ethos zu verbreiten. Es haben mancherlei Leute das Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gelesen. Seit einiger Zeit werden ja diese Bücher sehr viel gelesen. Diese Leute haben gefunden, daß die ersten Ratschläge, die da gegeben werden, ethische seien, daß man ethisch damit ja ganz einverstanden sein könne. — Sie haben recht; die ersten Ratschläge, die gegeben werden, müssen ethische sein und sie müssen gerade einen Extrakt bilden des besten Ethos der Erdenkultur. Aber auf der anderen Seite ist es auch notwendig, daß ein gewisses künstlerisches Element gepflegt werde. Das hat innerhalb der anthroposophischen Bewegung ja ganz besondere Schwierigkeiten gemacht; denn innerhalb der anthroposophischen Bewegung war zunächst eine gewisse Abneigung gerade gegen das Künstlerische. Man hat nach einem abstrakten, ästhetischen, gleichgültigen Symbolismus gestrebt. Und es gibt heute noch Bewegungen, die sich «theosophisch » nennen, die alles Künstlerische ablehnen. Deshalb war es ein gutes Schicksal, ein gutes Karma unserer Bewegung, daß wir auch künstlerische Versuche hier in Dornach machen und diese künstlerischen Versuche herausarbeiten konnten aus dem abstrakt symbolischen Elemente. Vielleicht würde man, wäre es nach manchen gegangen, viele schwarze Kreuze mit sieben rosenähnlichen Klecksen ringsherum als tiefsinnige Symbole unseres Baues sehen! Gegen dieses symbolische Wesen mußte man sich natürlich wehren, mußte streben, aus dem künstlerischen Elemente heraus zu schaffen.
[ 24 ] Es muß also an die beste Tradition — wenn ich auch Impulse Tradition nenne — des mensc Sinn, der Welt diese Dinge ins Gesicht zu werfen, wenn eigentlich kein Mensch da war, der diese Dinge aufnehmen konnte. Jetzt aber muß ausgegangen werden von einer gewissen Grundlage, davon, daß diese Weltkriegskatastrophe doch vieles lehren kann. Für die meisten Menschen natürlich ist nichts zu lernen von den Tatsachen. Sie haben einmal einen gewissen Fonds von Urteilen, und den ändern sie nicht. Sie können nicht begreifen, was zugrunde liegt, wenn man überhaupt von dem Lernen von Tatsachen spricht.
[ 25 ] Ich erzähle es jedem Menschen, den ich hier im Bau herumführe: Würde ich ein zweites Mal einen solchen Bau zu skizzieren haben, so würde ich ihn anders machen. — Gewiß würde ich ihn niemals wiederum in derselben Weise machen. Damit ist ja nichts eingewendet gegen diesen Bau; aber ich selbst würde ihn niemals wiederum in derselben Weise machen, weil man natürlich von dem, was gemacht ist, was als Tatsache dasteht, zu lernen hat. — Heute morgen las ich zu meinem Entsetzen, daß der Feldmarschall Hindenburg gesagt hat, wenn er heute wiederum diesen Krieg zu führen hätte, so würde er ganz genau dasselbe machen, was er getan hat.
[ 26 ] Ja, sehen Sie, diese Dinge werden gelesen, über diese Dinge liest man hinweg und man merkt nicht, wie man ein Verständnis der Zeit gewinnen muß durch die Lehren, die in so herber Weise aufgegeben werden durch diese Weltkriegskatastrophe. Es sollte heute jeder dasjenige, was an seine Ohren klingt aus der Welt heraus — ich meine damit natürlich auch das Gelesene —, mit dem entsprechenden Hintergrunde lesen, und er sollte sich sagen können: In wichtigen Dingen ist Revision des Urteilens notwendig, unerläßlich. Man hatte ein äußeres, scheinbares Recht bis zu dieser Weltkriegskatastrophe, Bismarck einen praktischen Menschen zu nennen. Herman Grimm sieht ihn als einen «Turm» von Praxis an. Die Weltkatastrophe hat gelehrt, daß er ein Phantast war, und man müßte sich zu diesem Urteil bequemen, denn die Schöpfung des Reiches war natürlich eine Phantasterei.
[ 27 ] Sehen Sie, ich will Ihnen begreiflich machen, daß es das Leben ist und das Leben sein muß, diehlichen Kulturwesens angeknüpft werden. Und vor allen Dingen muß beachtet werden, daß diese Dinge durchaus tiefe, ernste Wahrheiten sind, die so klingen wie diese: Wer zu einer wirklichen Erkenntnis kommen will, muß in sich den Wahrheitssinn pflegen. — Man berührt, wenn man radikal über diese Sache spricht, etwas, was schon für viele Menschen außerordentlich anstößig klingt. Denn das strenge Hinblicken überall auf die Wahrheit ist etwas, was vielen Menschen heute außerordentlich unbequem ist, was sie zum mindesten im Leben retuschieren. Aber es geht ein unwahres Wesen, wenn es auch nur unwahr aus Sentimentalität ist, nicht zusammen mit dem, was der strenge Wahrheitssinn ist, den eine wirkliche Hingabe an jene Wahrheiten fordert, die zum Beispiel durch Anthroposophie in die Welt wollen.
[ 28 ] In dieser Beziehung haben insbesondere die Konfessionen viel gesündigt, denn die Konfessionen haben etwas gezüchtet, was mit einem vollen, reinen Wahrheitssinn durchaus nicht mehr vereinbar ist. Gewisse Arten von Frömmigkeiten wurden heraufgetragen in der Welt, die eher dem menschlichen Egoismus frönen, als dem menschlichen Wahrheitsgefühl entsprechen. Deshalb ist es so ganz besonders nötig, daß wirklich Aufmerksamkeit verwendet werde auf das Pflegen von innerer Wahrhaftigkeit, worauf ja an den verschiedensten Stellen der anthroposophischen Schriften hingewiesen wird. Das Leben selber fordert heute vom Menschen vieles Unwahre, und man kann sagen, es gibt heute deutlich zweierlei Tendenzen, welche in der Menschheit eine gewisse Abneigung, Wahrheiten nach den Tatsachen zu nehmen, hervorbringen. Es ist heute die Tendenz vorhanden, Dinge nach Vorlieben zu charakterisieren, nicht nach dem, was die Tatsachen selber sprechen. Man bezeichnet heute — ich habe das in anderem Zusammenhang in der letzten Zeit ja viel in der Welt erwähnen müssen denjenigen als einen praktischen Menschen, der nach einer gewissen Richtung hin ein routinierter ist, der aus einer gewissen Brutalität heraus innerhalb seines Bereiches rücksichtslos wirkt und alles dasjenige von sich weist, was nicht zu dieser Auffassung routinehaften Strebens dient. Nach diesem Gesichtspunkte unterscheidet man «praktische» Menschen und «phantastische». Und mit einer gewissen welthistorischen Unwahrhaftigkeit haben sich die Konsequenzen dieser Dinge gerade im Lauf des 19.Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein furchtbar gezeigt. Es war ja sogar schwer, bevor diese Weltkriegskatastrophe, die große Prüfung über die Menschheit gekommen ist, einiges von dem zu sagen, was die Dinge rückhaltlos unbefangen charakterisiert. Ich werde demnächst eine Sammlung von einzelnen wichtigeren meiner in den achtziger, neunziger Jahren erschienenen Aufsätze erscheinen lassen, um zu zeigen, wie damals versucht werden mußte, ich möchte sagen, wie durch Spalten hindurch manche Wahrheiten zu sagen. Unter diesen Aufsätzen wird auch der eine: «Bismarck, der Mann des politischen Erfolges», in welchem ich zu sagen versuche, wie die Erfolge, die von dieser Persönlichkeit ausgegangen sind, durchaus darauf beruhen, daß diese Persönlichkeit im Grunde nie weiter gesehen hat als ganz wenige Schritte vor ihre Nase hin. — Aber es hatte ja auch keinen Illusionen auch im Moralisch-Historischen aufzufinden. Ich habe letzten Sonntag hier gezeigt, wie man im Naturzusammenhang die Illusionen konstatieren muß; wie im Naturzusammenhang die Dinge nebeneinanderstehen und die Naturforschung sie schildert, und wie man dann sagen muß, daß die Menschheit eigentlich beteiligt ist an dem, was geschieht im Naturzusammenhang, wie also dasjenige, was die Naturwissenschaft über den Naturzusammenhang sagt, ein Gewebe sein kann von Illusionen. Ich wollte Ihnen heute begreiflich machen, wie man aus den Tatsachen der Geschichte und des Lebens sich korrigieren lassen muß, weil die Dinge sich äußerlich zunächst oftmals für lange Zeiten hin nur als ein Schein zeigen. Heute wird man vielfach gezwungen, Menschen, die von vielen wie selbstverständlich als die praktischsten Menschen angeschaut wurden, als Phantasten anzuschauen. Aber man muß sich dazu bequemen, sein Urteil zu revidieren. Es gibt heute an jeder Stelle des Lebens nicht nur Gelegenheit genug, sondern auch die Notwendigkeit, dieses Urteil zu revidieren. Und man ist nur dann mit seiner Gesinnung bei dem, was anthroposophische Bewegung sein will, wenn man sich sagt: Ich muß mein Urteil revidieren, revidieren vielleicht über die allerwichtigsten Dinge! — Urteile über den Naturzusammenhang kann man in der Regel revidieren durch die Geisteswissenschaft selbst. Urteile über das Leben wird man nur revidieren, wenn man das, was man als Gesinnung braucht für die anthroposophische Bewegung, wirklich in sich selbst entwickelt.
