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The Social Question as a
Question of Consciousness
GA 191

14 November 1919, Dornach

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The Social Question as a Question of Consciousness, tr. SOL
  1. Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage

Vierzehnter Vortrag

Fourteenth Lecture

[ 1 ] Aus den letzten Vorträgen werden Sie ersehen haben, wie der Mensch zu einer Art illusorischer Vorstellung von der Außenwelt kommt, wie in der Tat dasjenige, was als Naturzusammenhang gewöhnlich aufgefaßt wird, innerlich abhängig ist von der Menschheit selbst, und wie wir nur dadurch eine wirkliche Weltanschauung gewinnen können, daß wir die Erde, überhaupt die Welt in ihrer Ganzheit betrachten, also so betrachten, daß wir den Menschen dazugehörig ansehen und die Wechselbeziehung, das Wechselverhältnis des Menschen zur Welt ins Auge fassen. Sonst kommen wir immer zu einem wesenlosen Abstraktum, zu einer bloßen abstrakten Auffassung der mineralischen, höchstens noch der pflanzlichen und der tierischen Welt, die aber beide gegenüber der gegenwärtigen Naturanschauung auch schon keine starke Rolle mehr spielen. Es wird, wenn man von dem Naturzusammenhang spricht, in der Regel der bloße mineralische Naturzusammenhang ins Auge gefaßt, an den man dann diese kurze Episode, die man die geschichtliche nennt, als eine ganz anders geartete Wahrheit anhängt. Von dieser Auffassung, die eigentlich nicht bis zum Menschen herantritt, muß die Menschheit von der Gegenwart an abkommen. Wir haben von den verschiedensten Gesichtspunkten her die Gründe angeführt, warum die Menschheit abkommen muß von diesen Anschauungen, die sich, wie Sie wissen, ja auch mit einer gewissen Notwendigkeit seit drei bis vier Jahrhunderten herausgebildet haben. Ich will heute nur soviel erwähnen, daß die Menschen immer mehr und mehr mit Bezug auf ihr äußeres Wissen, auf ihre äußere Erkenntnis abhängig werden von ihrem physischen Leib und seinen Notwendigkeiten, wenn sie nichts zu ihrer eigenen Entwickelung, zur Hervorbringung einer höheren Erkenntnis, die durch den Willen in Angriff genommen werden muß, tun wollen. Es wird sich in der Zukunft darum handeln: Entweder muß die Menschheit demjenigen verfallen, was man als Anschauung von der Welt gewinnen kann dadurch, daß man, ich möchte sagen, bleibt, wie man ist, wie man geboren worden ist, daß man keine anderen Begriffe und Ideen gewinnen will als diejenigen, die man eben hat dadurch, daß man sich in die Welt hereingestellt findet durch die Geburt und durch die gewöhnliche Erziehung, wie sie heute noch üblich ist; das ist die eine Möglichkeit. Die andere Möglichkeit ist diese, daß die Menschen abkommen davon zu glauben, man könne einfach dadurch, daß man als Mensch geboren ist, alles Wünschenswerte wissen, alles Wirkliche beurteilen, und daß sie aufbauen eine wirkliche Entwickelung des Menschen, wie sie durch die Geisteswissenschaft angedeutet ist. Das wäre dann der andere Weg. Diesen letzteren Weg wird die Menschheit gehen müssen, sonst würde die Erde nur dem Verfall entgegengehen. Man kann, was ich eben gesagt habe, auch gewissermaßen geographisch betrachten, und dann gewinnt es für die Gegenwart eine ganz besondere Bedeutung.

[ 1 ] From the previous lectures, you will have seen how human beings arrive at a kind of illusory conception of the external world, how, in fact, what is usually understood as the interrelationships of nature is internally dependent on humanity itself, and how we can only gain a true worldview by considering the Earth—indeed, the world as a whole—in its entirety, that is, by viewing humanity as an integral part of it and taking into account the interrelationship between humanity and the world. Otherwise, we always end up with an insubstantial abstraction, with a mere abstract conception of the mineral world—or, at most, the plant and animal worlds—neither of which, however, plays a significant role anymore in the current view of nature. When people speak of the natural order, they generally have in mind only the mineral aspect of nature, to which they then append this brief episode—which they call “historical”—as a truth of an entirely different nature. From this perspective, which does not actually extend to human beings, humanity must turn away from this point forward. We have cited reasons from a wide variety of perspectives as to why humanity must move away from these views, which, as you know, have indeed emerged with a certain inevitability over the past three to four centuries. I will mention only this much today: with regard to their external knowledge and external understanding, people are becoming more and more dependent on their physical body and its needs if they are unwilling to do anything for their own development or to bring about a higher understanding—one that must be undertaken through the will. The issue in the future will be this: Either humanity must succumb to what can be gained as a view of the world by, I might say, remaining as one is, as one was born—that is, by seeking no other concepts or ideas than those one already possesses simply by finding oneself placed into the world through birth and through the ordinary education still common today; that is one possibility. The other possibility is this: that people will cease to believe that simply by being born human one can know everything desirable or judge everything that is real, and that they will build upon a true human development, as indicated by spiritual science. That would then be the other path. Humanity will have to take this latter path; otherwise, the Earth would simply be heading toward decline. What I have just said can also be viewed, in a sense, from a geographical perspective, and then it takes on a very special significance for the present.

[ 2 ] Wenn wir nur weit genug zurückgehen in die Erdenentwickelung, dann finden wir, wie der Mensch nicht im irdischen Dasein selber wurzelt. Sie wissen ja, daß der Mensch vor der irdischen Entwickelung eine lange vorherige Entwickelung durchgemacht hat. Sie finden diese Entwickelung in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» beschrieben. Sie wissen, daß der Mensch dann wiederum gewissermaßen zurückgenommen worden ist in ein rein geistiges Dasein und aus diesem rein geistigen Dasein heruntergestiegen ist zum Erdendasein. Nun ist es in der Tat so, daß mit diesem Heruntersteigen des Menschen ins Erdendasein von der Menschheit mitgenommen worden ist ein ausgebreitetes, man kann es nennen Erbwissen, eine Urweisheit, eine Erbweisheit; eine Weisheit, die so war, daß sie eigentlich für die ganze Menschheit eine einheitliche war. Im einzelnen finden Sie diese Dinge geschildert in meinem Vortragszyklus «Die Mission einzelner Volksseelen» in Kristiania. Dieses Erbwissen war also ein einheitliches. Ich verstehe, indem ich vom Wissen rede, jetzt nicht bloß dasjenige, was man gewöhnlich innerhalb der Wissenschaft so nennt, sondern alles dasjenige, was der Mensch überhaupt in seine Seelenwelt als eine Anschauung von seiner Weltumgebung und von seinem Leben aufnehmen kann.

[ 2 ] If we go back far enough in the Earth’s evolution, we will find that human beings are not rooted in earthly existence itself. As you know, human beings underwent a long period of development prior to their earthly evolution. You will find this development described in my book *Outline of Esoteric Science*. You know that humanity was then, in a sense, drawn back into a purely spiritual existence and descended from this purely spiritual existence into earthly existence. Now it is indeed the case that with this descent of humanity into earthly existence, a vast body of what might be called inherited knowledge—an ancient wisdom, an inherited wisdom—was brought along; a wisdom that was, in fact, uniform for all of humanity. You will find these matters described in detail in my lecture series “The Mission of Individual National Souls” in Kristiania. This inherited knowledge was, therefore, uniform. When I speak of knowledge, I do not mean merely what is usually referred to as such within science, but everything that a human being can take into his or her soul as a perception of the world around them and of their own life.

[ 3 ] Nun hat sich dieses Urwissen spezifiziert. Es hat sich so spezifiziert, daß es verschieden geworden ist je nach den verschiedenen Territorien der Erde. Wenn Sie das äußerlich betrachten, was man die Kultur der verschiedenen Erdenvölker nennt — besser noch können Sie das überschauen, wenn Sie die verschiedenen Kapitel unserer Geisteswissenschaft zu Hilfe nehmen, wo die Sache behandelt wird —, können Sie sich sagen: Was die Menschen der verschiedenen Völkerschaften gewußt haben, war von jeher verschieden. Sie können unterscheiden eine indische Kultur, eine chinesische Kultur, eine japanische Kultur, eine europäische Kultur, und in der europäischen Kultur wiederum spezifiziert für die einzelnen europäischen Territorien, dann eine amerikanische Kultur und so weiter.

[ 3 ] Now this primordial knowledge has become more specific. It has become so specialized that it has differed according to the various regions of the Earth. If you look at this from the outside—at what is called the culture of the various peoples of the Earth—and you can gain an even better overview by consulting the various chapters of our spiritual science that deal with this subject—you can say to yourself: What the people of the various nations have known has always been different. You can distinguish between Indian culture, Chinese culture, Japanese culture, European culture—and within European culture, further differentiated according to the individual European regions—then American culture, and so on.

[ 4 ] Wenn Sie sich fragen: Wodurch ist die Erb- und Urweisheit zu dieser Spezifizierung gekommen, wodurch ist sie immer mehr und mehr differenziert worden? — so werden Sie sich zur Antwort geben können: Da waren schuld daran die inneren Verhältnisse, die inneren Anlagen der Völker. — Aber im wesentlichen zeigen sich immer Anpassungen dieser inneren Verhältnisse der Völker an die äußeren Verhältnisse der Erde. Und man bekommt wenigstens ein Bild über die Differenzierung, wenn man versucht, den Zusammenhang zu finden zwischen dem, was, sagen wir, indische Kultur ist und der klimatischen geographischen Beschaffenheit des indischen Landes. Ebenso bekommt man eine Vorstellung von dem Spezifischen der russischen Kultur, wenn man den Zusammenhang des russischen Menschen mit seiner Erde betrachtet. Nun kann man sagen: In bezug auf diese Verhältnisse befindet sich die gegenwärtige Menschheit, wie sie es in so vieler Beziehung ist, in einer Art Krisis. Diese Abhängigkeit des Menschen von seinen Territorien ist im 19. Jahrhundert allmählich die denkbar größte geworden. Allerdings, die Menschen haben sich emanzipiert, mit ihrem Bewußtsein emanzipiert von ihren Territorien, das ist richtig; aber sie sind deshalb doch abhängiger geworden von diesen ihren Territorien. Man kann das sehen, wenn man vergleicht, wie, sagen wir, noch ein Grieche zu dem alten Griechenland stand, und wie etwa ein moderner Engländer oder noch der Deutsche zu seinen Ländern steht. Die Griechen hatten noch vieles in ihrer Kultur, in ihrer Bildung von der Urweisheit. Sie waren vielleicht physisch stärker abhängig von ihrem griechischen Territorium, als die heutigen Menschen von ihrem Territorium abhängig sind. Aber diese stärkere Abhängigkeit wurde aufgehoben, wurde gemildert durch das innere Erfülltsein mit der Urweisheit, mit dem Urwissen. Dieses Urwissen ist allmählich für die Menschheit verglommen. Wir können ganz deutlich nachweisen, wie um die Mitte des 15. Jahrhunderts das unmittelbare Verständnis für gewisse Urweistümer aufhört, und wie selbst die Traditionen dieser Urweistümer im 19. Jahrhundert allmählich versiegen. Künstlich werden ja, ich möchte sagen, wie Pflanzen in den Treibhäusern, die Urweisheiten noch aufbewahrt in allerlei Geheimgesellschaften, die manchmal sehr Schlimmes damit treiben. Aber diese Geheimgesellschaften bewahrten die Urweisheit im 19. Jahrhundert so auf — im 18. Jahrhundert war es noch etwas anderes —, daß man sagen kann, sie sind gleichsam wie Pflanzen in Treibhäusern. Was haben schließlich die Freimaurersymbole heute noch mit der Urweisheit, aus der sie stammen, anderes zu tun, als die in Treibhäusern gepflanzten Pflanzen mit den in der freien Natur wachsenden Pflanzen? Nicht einmal so viel wie diese mit jenen haben die Symbole der Freimaurer mit der Urweisheit noch zu tun.

[ 4 ] If you ask yourself: How did ancestral and primordial wisdom come to take on this specific form, and how did it become increasingly differentiated? — you will be able to answer: It was due to the inner conditions, the inner dispositions of the peoples. — But essentially, these inner conditions of the peoples are always adapting to the external conditions of the Earth. And one can at least gain some insight into this differentiation by attempting to find the connection between, say, Indian culture and the climatic and geographical characteristics of the Indian subcontinent. Similarly, one gains an understanding of the distinctive nature of Russian culture by considering the connection between the Russian people and their land. Now one might say: With regard to these conditions, humanity today—as it is in so many respects—finds itself in a kind of crisis. This dependence of human beings on their territories gradually reached its greatest possible extent in the 19th century. Admittedly, people have emancipated themselves—emancipated, in their consciousness, from their territories—that is true; but they have nevertheless become more dependent on these very territories. One can see this by comparing, for example, how a Greek of antiquity related to ancient Greece, and how a modern Englishman or even a German relates to his country. The Greeks still retained much of this primordial wisdom in their culture and education. They were perhaps physically more dependent on their Greek territory than people today are on theirs. But this greater dependence was offset and mitigated by their inner fulfillment with primordial wisdom, with primordial knowledge. This primordial knowledge has gradually faded away for humanity. We can clearly demonstrate how, around the middle of the 15th century, the direct understanding of certain forms of primordial wisdom ceased, and how even the traditions of this primordial wisdom gradually dried up in the 19th century. Artificially—I would say, like plants in greenhouses—these primordial wisdoms are still preserved in all sorts of secret societies, which sometimes do very terrible things with them. But these secret societies preserved the primordial wisdom in the 19th century in such a way—in the 18th century it was still somewhat different—that one can say they are, as it were, like plants in greenhouses. After all, what do Masonic symbols today have to do with the ancient wisdom from which they originate, other than what plants grown in greenhouses have to do with plants growing in the open air? Masonic symbols have no more to do with ancient wisdom than the former have to do with the latter.

[ 5 ] Aber gerade dadurch, daß die Menschen das innere Durchdrungensein mit der Urweisheit verlieren, werden sie erst recht abhängig von ihren Territorien. Und ohne daß wiederum errungen würde ein frei zu entwickelnder Schatz von Geisteswahrheiten, würden die Menschen über die Erde hin ganz sich differenzieren nach ihren Territorien.

[ 5 ] But it is precisely because people lose their inner connection to primordial wisdom that they become even more dependent on their territories. And unless a treasure trove of spiritual truths—one that can be freely developed—is once again attained, people across the Earth would become completely divided according to their territories.

[ 6 ] Wir können da in der Tat, ich möchte sagen, drei Typen unterscheiden, die wir von anderen Gesichtspunkten aus ja schon unterschieden haben. Wir können heute sagen: Wenn nicht geisteswissenschaftliche Impulse sich in der Welt ausbreiten, würden von Westen herüber nur geltend gemacht werden wirtschaftliche Wahrheiten, die ja aus ihrem Schoße manches andere auch hervorbringen können. Aber das wirtschaftliche Denken, die wirtschaftlichen Vorstellungen würden das Wesentliche sein. Es würde vom Osten herüber dasjenige kommen, was im wesentlichen geistige Wahrheiten wären. Asien wird immer mehr und mehr, wenn auch vielleicht auf sehr dekadente, so doch auf geistige Wahrheiten sich beschränken. Mitteleuropa würde mehr das intellektuelle Gebiet pflegen. Und das würde sich ja ganz besonders geltend machen, verbunden mit etwas Tradition von alten Zeiten her, verbunden mit dem, was herüberweht aus dem Westen von wirtschaftlichen Wahrheiten, und was herüberweht aus dem Osten von geistigen Wahrheiten. Die Menschen aber, die über diese drei Haupttypen der Erdengliederung hin leben würden, würden sich immer mehr und mehr nach dieser Richtung spezifizieren. Die Tendenz unserer Gegenwart zielt durchaus darauf hin, diese Spezifizierung der Menschheit tatsächlich zur Herrschaft zu bringen. Man kann sagen, und ich bitte, das recht, recht ernst zu nehmen: Würde nicht ein geisteswissenschaftlicher Einschlag die Welt durchsetzen, so würde der Osten allmählich ganz unfähig werden, eine eigene Wirtschaft zu treiben, wirtschaftliches Denken zu entwickeln. Der Osten würde nur in die Lage kommen zu produzieren, das heißt, unmittelbar den Boden zu bebauen, unmittelbar Naturprodukte zu verarbeiten mit den Werkzeugen, die geliefert werden von dem Westen. Aber alles dasjenige, was von der menschlichen Vernunft aus wirtschaftet, würde sich im Westen entwickeln. Und von diesem Gesichtspunkte aus angesehen, ist die eben abgelaufene Weltkriegskatastrophe nichts anderes als der Anfang zu der Tendenz — ich will in einem beliebten Ausdruck sprechen —, den Osten von dem Westen aus wirtschaftlich zu durchdringen; das heißt, den Osten zu einem Gebiet zu machen, in dem die Leute arbeiten, und den Westen zu einem Gebiet zu machen, in dem gewirtschaftet wird mit demjenigen, was der Osten aus der Natur heraus arbeitet. — Wo dabei die Grenze zwischen dem Osten und dem Westen ist, das braucht nicht festgesetzt zu werden, denn das ist etwas Variables.

[ 6 ] We can indeed—I would say—distinguish three types here, which we have already distinguished from other perspectives. We can say today: If impulses from the humanities were not spreading throughout the world, only economic truths would be asserted from the West—truths that, of course, can also give rise to many other things. But economic thinking and economic concepts would be the essence. What would come from the East would essentially be spiritual truths. Asia will increasingly limit itself to spiritual truths, even if perhaps in a very decadent way. Central Europe would cultivate the intellectual realm more. And this would assert itself quite particularly, connected to a certain tradition from ancient times, connected to what drifts over from the West in the form of economic truths, and what drifts over from the East in the form of spiritual truths. But the people who would live beyond these three main types of earthly division would increasingly specialize in this direction. The trend of our present time is certainly aimed at actually bringing this specialization of humanity to dominance. One can say—and I ask that you take this very, very seriously—that if a spiritual-scientific influence were not to prevail in the world, the East would gradually become entirely incapable of running its own economy or developing economic thought. The East would only be able to produce—that is, to cultivate the soil directly and process natural products directly—using the tools supplied by the West. But everything that is managed on the basis of human reason would develop in the West. And viewed from this perspective, the catastrophe of the World War that has just ended is nothing other than the beginning of a trend—to use a popular expression—toward the economic penetration of the East from the West; that is, to turn the East into a region where people work, and the West into a region where the products that the East extracts from nature are managed. — Where the boundary between the East and the West lies need not be defined, for it is a variable concept.

[ 7 ] Ginge die heute herrschende Tendenz weiter, würde sie nicht geistig durchsetzt, so würde ganz zweifellos — man braucht es nur hypothetisch auszusprechen — das entstehen müssen, daß der ganze Osten wirtschaftlich ein Ausbeutungsobjekt würde für den Westen. Und man würde diesen Gang der Entwickelung für dasjenige ansehen, was das Gegebene für die Erdenmenschheit ist. Man würde es als das ganz Gerechte und Selbstverständliche ansehen. Es gibt kein anderes Mittel, in diese Tendenz das hineinzubringen, was nicht die halbe Menschheit zu Heloten, die andere Menschheit zu Benützern dieser Heloten macht, als die Erde mit der wiederum zu erringenden gemeinsamen Geistigkeit zu durchdringen.

[ 7 ] If the prevailing trend were to continue—and if it were not countered by spiritual forces—then there is no doubt—one need only state this hypothetically—that the entire East would inevitably become an object of economic exploitation by the West. And this course of development would be regarded as the given reality for humanity on Earth. It would be seen as entirely just and self-evident. There is no other way to introduce into this trend something that does not turn half of humanity into helots and the other half into exploiters of these helots than to permeate the Earth with the shared spirituality that must once again be attained.

[ 8 ] Wenn man diese Dinge ausspricht, so stößt sie der heutige Mensch noch gern von sich weg. Der heutige Mensch ist nur zu geneigt, diese Dinge mit einer Handbewegung von sich zu schieben, aus dem einfachen Grunde, weil es ihm äußerlich unbequem ist, sich der wahren Wirklichkeit heute gegenüberzustellen. Der Mensch sagt sich: Nun, wenn auch die wirtschaftliche Durchdringung des Ostens geschieht, so schnell wird es ja doch nicht gehen, daß ich es noch erlebe. — Diejenigen, die Kinder haben, die denken zwar dann schon etwas ernster für ihre Kinder, aber sie benebeln sich ja dann doch am liebsten ein bißchen damit, daß vielleicht wieder bessere Zeiten kommen und dergleichen. Aber darauf im Innersten einzugehen: daß es kein anderes Mittel gibt, die Zukunft der Menschheit menschenwürdig zu gestalten, als die Erde nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geistig zu durchdringen — diesen Gedanken machen sich aus einer gewissen Bequemlichkeit heraus doch die allerwenigsten Menschen. Man kann sagen, daß von drei Seiten her die Menschheit die gegenwärtige Konfiguration ihres Kulturlebens erhalten hat. Und es ist außerordentlich interessant, gerade diese drei Seiten des irdischen Kulturlebens einmal ins Auge zu fassen, besonders für unsere Aufgabe, die wir uns in diesen Vorträgen jetzt stellen wollen.

[ 8 ] When these things are spoken aloud, people today are still quick to dismiss them. People today are all too inclined to brush these things aside with a wave of the hand, for the simple reason that it is outwardly uncomfortable for them to face true reality today. People tell themselves: Well, even if economic penetration of the East does take place, it won’t happen so quickly that I’ll live to see it. — Those who have children do think a bit more seriously about their children’s future, but they still prefer to delude themselves a little with the idea that perhaps better times will come again and so on. But to truly grasp this in one’s innermost being—that there is no other way to shape the future of humanity in a way that is truly human than to permeate the Earth not only economically but also spiritually—very few people give this thought serious consideration, out of a certain complacency. One could say that humanity has acquired the current configuration of its cultural life from three directions. And it is extraordinarily interesting to take a closer look at precisely these three aspects of earthly cultural life, especially in light of the task we now wish to set for ourselves in these lectures.

[ 9 ] Sehen Sie, wenn man das Erdengebiet von Osten gegen Westen hin überblickt, so muß man folgendes sagen: Alles dasjenige, was die Menschheit als einen gewissen Grundstock von ethischen Wahrheiten, von sittlichen Wahrheiten hat, das hat sie eben doch vom Orient. Die Form, in welcher der Orient einstmals mit einer allgemeinen Weltanschauung zugleich seine ethischen Prinzipien entwickelt hat, die Form der allgemeinen Kosmologie und so weiter, sie ist verlorengegangen. Aber geblieben ist, wie ein Rest des orientalischen Denkens und Empfindens, eine gewisse Ethik. Lesen Sie einmal von diesem Gesichtspunkte aus die Reden, die ARabindranath Tagore gehalten hat, die gesammelt sind unter dem Titel «Nationalismus». Sie werden sehen, darin ist kaum noch etwas zu finden von den großen kosmischen Weisheitslehren, die einstmals im Osten in den Menschengemütern gelebt haben. Aber: es ist außerordentlich interessant. Wer mit Verständnis diese unter dem Titel «Nationalismus» gesammelten Reden des Tagore liest, der wird sich sagen: Das sittliche Pathos, das darin lebt — und das ist bei diesen Reden sogar die Hauptsache —, der ethische Wille, der darinnen lebt, diese herbe sittliche Kritik, die geübt wird an dem ganzen individuellen Mechanismus des Westens, die geübt wird an dem noch schlimmeren politischen Mechanismus des Westens, das alles, was lebt an Ethos in diesen Reden des 'Tagore, das alles könnte nicht gesagt werden, ohne daß dahintersteht, wenn es auch heute äußerlich im Bewußtsein nicht mehr lebt, die alte Urweisheit Asiens. Mit der Weisheit, die aus den Sternen geschöpft worden ist, wurden getränkt die sittlichen Wahrheiten, die aus dem Orient herüberklingen, wenn solche Leute reden wie dieser Rabindranath Tagore. Und wenn man nicht mit Vorurteilen, sondern ganz unbefangen alles prüft, was sich an Bildung in Mitteleuropa und im Westen entwickelt hat, so muß man sagen: Was da lebte, sei es bei den Philosophen oder Nichtphilosophen, sei es bei den einfachsten Menschen, sei es beim Durchgebildeten, dasjenige, was ethisch-sittlich die Menschen des mittleren und des westlichen Erdengebietes durchtränkt, das ist alles im Grunde genommen herausgeträufelt aus Asiatentum, aus dem Orient. Der Orient ist die eigentliche Heimat des Ethos, der Ethik.

[ 9 ] You see, when one surveys the world from east to west, one must say the following: Everything that humanity possesses as a certain foundation of ethical truths, of moral truths, it has, in fact, derived from the East. The form in which the East once developed its ethical principles alongside a general worldview—the form of general cosmology and so on—has been lost. But what has remained, as a remnant of Eastern thought and feeling, is a certain ethic. Read, from this perspective, the speeches given by Rabindranath Tagore, which are collected under the title *Nationalism*. You will see that there is hardly anything left in them of the great cosmic teachings of wisdom that once lived in the minds of people in the East. But: it is extraordinarily interesting. Anyone who reads Tagore’s speeches collected under the title “Nationalism” with understanding will say to themselves: The moral pathos that lives within them—and that is, in fact, the main point of these speeches—the ethical will that lives within them, this harsh moral critique directed at the entire individualistic mechanism of the West, and at the even worse political mechanism of the West—all that is alive in the ethos of these speeches by Tagore—none of this could be said without the ancient primordial wisdom of Asia standing behind it, even if it no longer lives outwardly in people’s consciousness today. The moral truths that resonate from the East when people like Rabindranath Tagore speak were imbued with the wisdom drawn from the stars. And if one examines everything that has developed in terms of education in Central Europe and the West—not with prejudice, but with complete impartiality—one must say: Whatever existed there—whether among philosophers or non-philosophers, among the simplest of people or the highly educated—that which permeates the people of Central and Western Europe in ethical and moral terms has, at its core, been distilled from Asian culture, from the Orient. The Orient is the true homeland of ethos and ethics.

[ 10 ] Wenn wir nach dem Westen blicken, dessen Kultur sich ja, ich möchte sagen, vor den geschichtlichen Augen abgespielt hat, so sehen wir, wie da mehr das verstandesmäßige intellektuelle Verarbeiten der Welterscheinungen in Betracht kommt, dasjenige, was sich auf das Nützlichkeitsprinzip bezieht. Es ist ein großer Gegensatz, den sich eigentlich die Menschheit zum Bewußtsein bringen müßte, zwischen so etwas, was lebt als Pathos in den Reden des Tagore, und demjenigen, was lebt in alledem, was im Westen ausgebildet wird als der Nützlichkeits-, als der Utilitätsstandpunkt.

[ 10 ] When we look to the West, whose culture, I would say, has unfolded before the eyes of history, we see that there is a greater emphasis on the rational, intellectual processing of worldly phenomena—that which relates to the principle of utility. There is a great contrast—one that humanity really ought to become aware of—between something that lives as pathos in Tagore’s speeches and that which lives in everything that has developed in the West as the utilitarian standpoint.

[ 11 ] Wenn man radikal sprechen möchte, müßte man sagen: So etwas wie bei, sagen wir Philosophen wie John Stuart Mill oder Nationalökonomen wie Adam Smith oder intellektualisch Philosophisches wie bei Bergson, so etwas bleibt für den Asiaten, selbst wenn er es zu verstehen sucht, etwas, was völlig außerhalb seines Wesens liegt. Er kann es als eine interessante Tatsache auffassen, daß so etwas auch von Menschen gesagt wird, aber er wird niemals versucht sein, derlei Dinge, die sich auf die äußere menschliche Nützlichkeit beziehen, aus seinem eigenen Wesen hervorzubtringen. Der Asiate verachtet gründlich das europäische und amerikanische Wesen, weil es ihm überall den Nützlichkeitsstandpunkt entgegenbringt, der nur mit dem Intellekt, mit dem Verstande beherrscht werden kann. Und so ist es auch gekommen, daß die mit der Idee «Nützlichkeit» verbundenen Denk- und Vorstellungsarten vor allen Dingen das Produkt des Westens sind.

[ 11 ] To put it bluntly, one would have to say: Something like what we find in, say, philosophers such as John Stuart Mill or economists such as Adam Smith, or the kind of intellectual philosophy found in Bergson—such things remain, for Asians, even if they try to understand them, something that lies completely outside their nature. He may regard it as an interesting fact that such things are said by people, but he will never be tempted to produce such ideas—which relate to external human utility—from his own nature. Asians thoroughly despise the European and American mindset because it confronts them at every turn with the utilitarian perspective, which can be mastered only through the intellect, through reason. And so it has come to pass that the modes of thought and conception associated with the idea of “utility” are, above all, the product of the West.

[ 12 ] Wie ich vorhin darauf aufmerksam gemacht habe, daß sich über die Erde hin nach Völkern die Urweisheit spezifiziert hat, so können wir jetzt die großen Typen unterscheiden: Den ethischen Typus im Osten, im Orient, den intellektualistischen Utilitätstypus im Okzident, im Westen. Dazwischen sucht sich immer das durchzudrücken, durchzudrängen, was ich nennen möchte den dritten Typus, den ästhetischen Typus. Der ästhetische Typus ist eigentlich ebenso Mitteleuropa eigen, wie dem Orient eigen ist der ethische Typus, wie dem Okzident eigen ist der utilitarische, intellektualistische Typus.

[ 12 ] Just as I pointed out earlier that primordial wisdom has taken on specific forms among the peoples of the world, we can now distinguish the major types: the ethical type in the East, in the Orient, and the intellectual-utilitarian type in the West. In between, there is always something seeking to assert itself, to break through—what I would like to call the third type, the aesthetic type. The aesthetic type is actually just as characteristic of Central Europe as the ethical type is of the Orient, and as the utilitarian, intellectualist type is of the West.

[ 13 ] Man braucht nur an eine Erscheinung zu erinnern, um auch aus äußeren Tatsachen den Beweis erbringen zu können, wie gerade aus Mitteleuropa heraus der ästhetische Typus des Menschenwesens sich geltend machen will. Während im Westen die Französische Revolution einerseits wütete, andererseits ihre Früchte trug, der Osten in spirituellen Träumen befangen war, sehen wir, wie zum Beispiel Schiller seine «Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen» schreibt. Sie knüpfen direkt an die Französische Revolution an; aber sie wollen das Problem, das die Französische Revolution politisch aufgeworfen hat, rein humanistisch, menschlich lösen. Sie wollen den Menschen rein innerlich zu einem freien Menschen machen. Und interessant ist es, daß die ganze Betrachtungsweise Schillers in den «Ästhetischen Briefen» darauf beruht, daß er auf der einen Seite den intellektualistischen, den reinen Nützlichkeitsstandpunkt abweist, auf der anderen Seite ebenso den bloßen ethischen Standpunkt. Sehen Sie, den ethischen Standpunkt hat auch einmal einer rationalisiert, intellektualisiert. Alles in der Welt wird durch verschiedene Metamorphosen geleitet, und dann erscheint es in einer ganz anderen Form. So ist der ethische Standpunkt des Orients ganz gewiß nicht intellektualistisch, aber man kann ihn auch wie den Intellekt auffassen, man kann ihn intellektualisieren, «königsbergisieren», dann ist er Kantisch. Das ist dagewesen, und von Kant rührt ja jener schöne Ausspruch her: «Pflicht! du erhabener großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst...», nämlich Unterwerfung unter die Sittlichkeit. Schiller sagte dagegen: «Gerne dien’ ich den Freunden, doch tu’ ich es leider mit Neigung, / Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin.» Schiller konnte als der richtige mitteleuropäische Mensch nicht in sich aufnehmen diese kantische, die königsbergische Intellektualisierung der Ethik. Für ihn war der Mensch kein Vollmensch, der erst sich der Pflicht unterwerfen mußte, um die Pflicht zu tun. Für ihn war der Mensch ein Vollmensch, der in sich die Neigung verspürte, das . zu tun, was das Sittlich-Wertvolle ist. Daher wies Schiller den ethischen Rigorismus eines Kant zurück. Ebenso wies er aber zurück das rein intellektuelle Autoritätsprinzip, und er sah in den Hervorbringungen und in dem Genusse des Schönen, also in einem ästhetischen Verhalten des Menschen, die höchste freie Äußerung der Menschennatur. Er schrieb seine «Ästhetischen Briefe», man möchte sagen, wie eine Personenbeschreibung Goethes. Er hatte sich ja schwer durchgerungen zur Anerkennung Goethes. Schiller ging aus von einem Neid und von einem innerlichen Widerwillen gegen Goethe. Man könnte sagen: Für Schiller gab es eine Zeit seiner Jugend, in welcher ihm der Speichel im Munde immer bitter wurde, wenn von Goethe die Rede war. Dann lernten sie sich kennen. Dann lernten sie sich aber auch nicht nur achten, sondern gegenseitig ineinander aufgehen. Und dann schrieb Schiller wie eine geistige Biographie, wie eine geistige Charakteristik Goethes seine « Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen». Alles, was in diesen «Ästhetischen Briefen» steht, könnte niemals geschrieben worden sein, wenn Goethe dasjenige, was darinnen steht, nicht Schiller vorgelebt hätte.

[ 13 ] One need only recall a single phenomenon to demonstrate, based on external facts, how the aesthetic type of human being is asserting itself precisely from Central Europe. While in the West the French Revolution was raging on the one hand and bearing fruit on the other, and the East was caught up in spiritual dreams, we see, for example, Schiller writing his “Letters on the Aesthetic Education of Man.” These letters tie directly into the French Revolution; yet they seek to resolve the problem that the French Revolution raised politically in a purely humanistic, human way. They aim to make the human being a free person from within. And it is interesting that Schiller’s entire approach in the “Aesthetic Letters” is based on the fact that, on the one hand, he rejects the intellectualist, purely utilitarian standpoint, and, on the other hand, the purely ethical standpoint as well. You see, the ethical standpoint, too, was once rationalized and intellectualized. Everything in the world undergoes various metamorphoses, and then it appears in a completely different form. Thus, the ethical standpoint of the Orient is certainly not intellectualistic, but one can also conceive of it as the intellect; one can intellectualize it, “Königsbergize” it—and then it becomes Kantian. This has happened before, and it is from Kant, after all, that this beautiful saying originates: “Duty! You sublime, great name, which encompasses nothing that is merely pleasing or that carries flattery within it, but demands submission…,” namely, submission to morality. Schiller, on the other hand, said: “Gladly do I serve my friends, yet alas, I do so with inclination, / And so it often gnaws at me that I am not virtuous.” As a true Central European, Schiller could not accept this Kantian, this Königsberg intellectualization of ethics. For him, a human being was not a “complete human” who first had to submit to duty in order to fulfill it. For him, a human being was a “complete human” who felt within himself the inclination to do what is morally valuable. Therefore, Schiller rejected Kant’s ethical rigorism. But he likewise rejected the purely intellectual principle of authority, and he saw in the creation and enjoyment of beauty—that is, in humanity’s aesthetic behavior—the highest free expression of human nature. He wrote his “Aesthetic Letters,” one might say, as a character sketch of Goethe. After all, he had struggled greatly to come to terms with Goethe. Schiller’s initial attitude toward Goethe was one of envy and inner aversion. One might say: For Schiller, there was a time in his youth when the very mention of Goethe made his mouth turn bitter. Then they got to know one another. And not only did they come to respect one another, but they also came to merge into one another. And then Schiller wrote his “Letters on the Aesthetic Education of Man” as a kind of intellectual biography, a spiritual characterization of Goethe. Nothing in these “Aesthetic Letters” could ever have been written if Goethe had not exemplified what is written there.

[ 14 ] Schiller hat ja im Beginne ihrer Freundschaft jenen Brief vom 23.August 1794, den ich oft zitiert habe, an Goethe geschrieben: «Lange schon habe ich, obgleich aus ziemlicher Ferne, dem Gang Ihres Geistes zugesehen.» Und nun beschreibt er Goethe als den Geist, der eigentlich ein wiedererstandener Grieche sei, so daß wir sehen, wie da angeknüpft wird an die erste Morgenröte des ästhetischen Geistes Mitteleuropas, an Griechenland.

[ 14 ] At the beginning of their friendship, Schiller wrote that letter to Goethe dated August 23, 1794—which I have often quoted—saying: “For a long time now, though from a considerable distance, I have been observing the course of your mind.” And now he describes Goethe as a spirit who is, in essence, a reborn Greek, so that we see how this ties in with the first dawn of the aesthetic spirit of Central Europe—with Greece.

[ 15 ] Und bei Goethe sehen wir, wie er aus dem intellektuellsten Elemente sich herausarbeitet zu einer Anerkennung von Wahrheit, die ebenso durch die Kunst wie durch die Wissenschaft gefaßt wird. Wenn Sie verfolgen, wie Goethe mit Flerder die Ethik des Spinoza studiert hat, wie dann Goethe nach Italien fährt und nach Hause schreibt, in den Kunstwerken, die er aus griechischem Geiste hervorgegangen sieht, sehe er «Notwendigkeit», sehe er «Gott», so kann man sagen: Der Intellektualismus des Spinoza wird bei Goethe auf seiner italienischen Reise im Anblicke der Kunstwerke ästhetisch. Und Goethe legt Zeugnis dafür ab, daß die Griechen nach denselben Gesetzen verfahren sind beim Schaffen ihrer Kunstwerke, nach denen die Natur selbst verfährt, und denen er auf der Spur zu sein glaubt. Das heißt, Goethe ist nicht der Ansicht, wenn man ein Kunstwerk schaffe, dann schaffe man etwas Phantastisches, und nur Wissenschaft sei streng wahr. Nein, Goethe war der Anschauung, daß dasjenige, was in der wahren Kunst drinnenliegt, erst recht der tiefere Wahrheitsgehalt des Naturdaseins ist, also eine ästhetische Weltanschauung. Und so kann man sagen: Okzident — intellektualisch, utilitarisch; die mittleren Erdgegenden ästhetisch; der Osten — ethisch, moralisch. Und es ist durchaus richtig, zu sagen: Wo immer, sei es im Osten oder in der Mitte oder im Westen, ethische Wahrheiten aufgetreten sind, ursprünglich stammen sie aus dem Osten. Es ist ganz gleichgültig, ob in der Mitte oder im Osten utilitarische Wahrheiten auftreten, ursprünglich stammen sie aus dem Westen. Schönes stammt aus den mittleren Gegenden. Man kann überall den Gang dieser drei Lebenselemente des Menschen in dieser Weise verfolgen. Man kann ihn manchmal bis weit in die Einzelheiten hinein verfolgen. Sehen Sie, wenn man durch sein Karma dazu bestimmt ist, in Mitteleuropa Anthroposophie zu begründen, dann muß in dieser Anthroposophie etwas leben von jenem GoetheGlauben, daß schließlich dasselbe Element, das in der Kunst lebt, auch das Element der Wahrheit ist, daß dasselbe Element, das in der Malerei, in der Plastik, sogar in der Architektur zum Ausdruck kommt, auch im Gedankenbau der Wahrheit leben muß. Ja, man muß, wie ich es versucht habe im ersten Kapitel meiner «Philosophie der Freiheit» jetzt in der Neuauflage ist es das letzte —, dazu kommen, zu sagen, daß der Philosoph, der Mensch, der eine Weltanschauung begründet, ein Begriffs-«Künstler» sein müsse. Den Begriff des Begriffskünstlers, den lehnt man sonst ab. Dort habe ich ihn akzeptieren müssen. Es ist das alles aus einem Geiste heraus.

[ 15 ] And in Goethe, we see how he works his way out from the most intellectual elements toward a recognition of truth that is grasped through art just as much as through science. If you follow how Goethe studied Spinoza’s ethics with Flerder, how Goethe then traveled to Italy and wrote home that in the works of art he saw as having emerged from the Greek spirit, he saw “necessity,” he saw “God”—then one can say: Spinoza’s intellectualism becomes aesthetic in Goethe during his Italian journey as he contemplates the works of art. And Goethe bears witness to the fact that the Greeks followed the same laws in creating their works of art as nature itself follows—laws which he believes he is on the trail of. That is to say, Goethe does not hold the view that when one creates a work of art, one creates something fantastical, and that only science is strictly true. No, Goethe held the view that what lies at the heart of true art is, in fact, the deeper truth of natural existence—that is, an aesthetic worldview. And so one can say: the West—intellectual, utilitarian; the central regions of the world—aesthetic; the East—ethical, moral. And it is entirely correct to say: wherever ethical truths have emerged—be it in the East, the Middle, or the West—they originally stem from the East. It makes no difference whether utilitarian truths emerge in the Middle or the East; they originally stem from the West. Beauty originates in the central regions. One can trace the course of these three elements of human life in this way everywhere. Sometimes one can trace it down into great detail. You see, if one is destined by one’s karma to found anthroposophy in Central Europe, then something of that Goethean belief must live within this anthroposophy—namely, that ultimately the same element that lives in art is also the element of truth, that the same element expressed in painting, in sculpture, and even in architecture must also live in the intellectual structure of truth. Yes, one must—as I attempted to do in the first chapter of my *Philosophy of Freedom* (which is now the last chapter in the new edition)—come to the conclusion that the philosopher, the person who establishes a worldview, must be a “conceptual artist.” The concept of the “conceptual artist” is one that is otherwise rejected. There, I had to accept it. All of this springs from a single spirit.

[ 16 ] Alle Ideen, die man so äußert, bekommen bestimmte Charaktere, die die Farben tragen von dem, was ich eben gesagt habe. Dann werden aber Bücher geschrieben, wie zum Beispiel dasjenige von Aimee Blech, das kürzlich wie ein Pamphlet erschienen ist, mit allerlei böswilligen, bewußt böswilligen Verleumdungen, in denen zum Beispiel auch steht: In demjenigen, was da als Anthroposophie vorgebracht wird von dieser (Steiners) Seite, da ist ja allerdings manches Schöne drinnen; aber das widerstrebt der Klarheit des französischen Geistes! — Gewiß widerstrebt es der Intellektualität, dem nüchtern-rhetorischen Fassen der Begriffe. Solche Leute wollen lieber derbmateriell Greifbares nachgebildet haben, denn das läßt sich mit schärferen Begriffskonturen fassen. Also bis in die Einzelheiten kann man diese Dinge durchaus verfolgen. Ich könnte Ihnen manche sehr stark nach dem Detailmalen hingehende Dinge vorführen, die Ihnen das erläutern würden, was ich eben in großen Zügen ausgeführt habe. Ich will es aber bei dem, was ich eben angeführt habe, bewenden lassen, denn dies ist eigentlich gerade als ein Detailzug außerordentlich interessant.

[ 16 ] All ideas expressed in this way take on certain characteristics that reflect what I just said. But then books are written—such as the one by Aimee Blech, which recently appeared as a pamphlet—containing all sorts of malicious, deliberately malicious slanders, in which, for example, it is also stated: “In what is presented as anthroposophy by this (Steiner’s) side, there is indeed much that is beautiful; but it runs counter to the clarity of the French mind!” — Certainly, it runs counter to intellectuality, to the sober, rhetorical grasp of concepts. Such people would rather have something grossly material and tangible represented, for that can be grasped with sharper conceptual contours. So one can certainly trace these things right down to the details. I could show you some examples that go into great detail, which would illustrate what I have just outlined in broad strokes. But I will leave it at what I have just mentioned, for this is actually, precisely as a detail, extraordinarily interesting.

[ 17 ] Nun handelt es sich darum, daß man das durchdringend einsehe, daß zum Beispiel nicht im Okzident auch Sittlichkeit und Kunst und Intellektualismus einfach hervorgebracht werden. O nein, da wird die Kunst von den mittleren Gegenden, die Ethik vom Orient genommen, und hinzugefügt das intellektualische Element, das Utilitätselement. Ebenso wird in der Mitte eine Art ästhetisches Element gepflegt, und alles, was namentlich im 19. Jahrhundert aufgenommen worden ist in dieses ästhetische Element, das ist vom Westen herübergenommen. Es wäre interessant, einmal den Gang der Biologie von diesem Gesichtspunkte aus zu schreiben. Lesen Sie heute Goethes Metamorphosenlehre, so können Sie darin eine großartige Evolutionstheorie finden. Aber der Westen wird sie immer ästhetisch verseucht finden. Denn vom Westen her ist eingedrungen in das 19. Jahrhundert, das über die ganze Erde hin vom Westen abhängig geworden ist, das darwinistische Element in die Evolutionslehre. Das hat hineingebracht den Utilitätsstandpunkt, die Zweckmäßigkeitslehre. Die Zweckmäßigkeitslehre finden Sie ganz ausgeschaltet bei Goethe, weil Goethe überall durchdrungen ist von Ästhetizismus. Es sollte nicht sein, daß in dieser Weise in der Zukunft die Menschen gerade so, wie sie wirtschaftlich — das habe ich vorhin charakterisiert — differenziert sind, nichts voneinander annehmen wollen; denn dadurch würde sich auf der Erde allmählich ausbreiten über Asien ein gewisses Ethos, wie man es mit solchen feurigklingenden Tönen vertreten findet bei Rabindranath Tagore. Es würde sich ausbreiten im Mitteleuropa in einer etwas anderen Form, was gewisse Nietzsche-Gigerl schon vertreten haben, aber eben in gigerlhafter Weise, ein gewisses «Jenseits von Gut und Böse», ein gewisses Ästhetisieren selbst über moralische Begriffe. Wir sehen da den Siegeszug dieses Ästhetisierens im 19. Jahrhundert, besonders gegen das Ende des 19. Jahrhunderts sehr, sehr sich geltend machen. Und es würde sich der bloße Nützlichkeitsstandpunkt über den Westen ergießen: Gescheitheit im Nützlichkeitsstandpunkt, Nachbildung des geistigen Elementes dem Nützlichkeitsstandpunkt und so weiter. Dem kann allein abhelfen die Durchdringung der Menschheit mit einem wirklichen Geistigen, mit einem wirklichen spirituellen Elemente. Dazu ist natürlich die Voraussetzung, daß dieses spirituelle Element voll ernst genommen werde, daß man den Willen entwickelt, die Dinge so anzusehen, wie sie sich heute dem darstellen, der wirklich unbefangen sein will. Diese Kriegskatastrophe hat ja manches sehr Merkwürdige an die Oberfläche gefördert. Sie hat auch Erscheinungen an die Oberfläche gefördert, die zum Teil höchst unbehaglich sind, die aber zum anderen Teil lehrreich sind. Ich will Ihnen eine solche Erscheinung einmal erwähnen.

[ 17 ] The point is to understand this thoroughly—that, for example, morality, art, and intellectualism are not simply produced in the West. Oh no, there art is taken from the central regions, ethics from the East, and to these are added the intellectual element and the utilitarian element. Likewise, a kind of aesthetic element is cultivated in the West, and everything that was incorporated into this aesthetic element—particularly in the 19th century—was adopted from the East. It would be interesting to write the history of biology from this perspective. If you read Goethe’s theory of metamorphosis today, you will find in it a magnificent theory of evolution. But the West will always find it tainted by aesthetics. For the Darwinian element in evolutionary theory penetrated the 19th century—a century that had become dependent on the West across the entire globe—from the West. This introduced the utilitarian standpoint, the doctrine of expediency. You will find the doctrine of expediency completely absent in Goethe, because Goethe is permeated throughout by aestheticism. It should not be the case that in the future, people—precisely as they are economically differentiated, as I characterized earlier—will refuse to accept anything from one another; for this would cause a certain ethos to gradually spread across Asia, as one finds it advocated in such fiery tones by Rabindranath Tagore. It would spread throughout Central Europe in a somewhat different form—one that certain Nietzsche-like figures have already advocated, albeit in a manner characteristic of such figures—a certain “Beyond Good and Evil,” a certain aestheticization even of moral concepts. We see the triumphant advance of this aestheticization in the 19th century, particularly toward the end of the 19th century, asserting itself very, very strongly. And the purely utilitarian viewpoint would spread throughout the West: cleverness from a utilitarian standpoint, the imitation of the spiritual element from a utilitarian standpoint, and so on. The only remedy for this is the permeation of humanity with a genuine spiritual element. The prerequisite for this, of course, is that this spiritual element be taken entirely seriously, that one develop the will to view things as they present themselves today to those who truly wish to be unbiased. This catastrophe of war has, after all, brought many very strange things to the surface. It has also brought to light phenomena that are, in part, highly unsettling, but which are, on the other hand, instructive. I would like to mention one such phenomenon to you.

[ 18 ] Sehen Sie, innerhalb der deutschen Literatur der Gegenwart erscheinen — man kann schon gar nicht mehr mit dem Lesen nachkommen fast in jeder Woche jetzt die — «Ausschleimungen» wollte ich sagen Auslassungen der verschiedensten Menschen über ihre Beteiligung an dem Verlauf der kriegerischen und politischen Ereignisse, und wir konnten lesen, was solche Köpfe, ich sage ausdrücklich «Köpfe», gedacht haben wie Jagow, wie Bethmann — Michaelis, glaube ich, hat uns noch verschont —, Tirpitz, Ludendorff, und eine ganze Reihe könnte man noch nennen. Ja, es ist unbehaglich von der einen Seite, das Zeug zu lesen. Aber es ist auf der anderen Seite wiederum höchst interessant! Es ist höchst interessant vom folgenden Standpunkte aus. Sehen Sie, man kann ja solche Bücher wie das von Bethmann oder das von Tirpitz mit ganz entgegengesetzten Standpunkten erleben, aber — was heißt hier Standpunkte, nicht wahr! —, es kommt eben manchmal darauf an, ob der eine mit dem Auge, der andere mit dem Stiefelabsatz behandelt wurde während einer gewissen Zeit! Bethmann ist während einer gewissen Zeit von dem «allerhöchsten Herrn» mit dem Auge, Tirpitz mit dem Stiefelabsatz behandelt worden, danach haben sie verschiedene Standpunkte. Also auf den Standpunkt wollen wir uns nicht weiter einlassen. Darauf kommt es viel weniger an, als zu sehen, welcher Geist in solchen Schriften lebt.

[ 18 ] You see, in contemporary German literature—it’s almost impossible to keep up with reading them anymore, as they appear almost every week now—“flattery,” I meant to say, omissions by a wide variety of people regarding their involvement in the course of military and political events, and we were able to read what such minds, and I say explicitly “minds”—have thought: people like Jagow, like Bethmann—Michaelis, I believe, has spared us so far—Tirpitz, Ludendorff, and one could name a whole host of others. Yes, on the one hand, it’s uncomfortable to read this stuff. But on the other hand, it’s also highly interesting! It’s highly interesting from the following perspective. You see, one can approach books like Bethmann’s or Tirpitz’s from completely opposing viewpoints, but—what do I mean by “viewpoints,” right!—it sometimes simply comes down to whether one was treated with a kind eye and the other with the heel of a boot for a certain period of time! For a certain period, Bethmann was treated with a “favourable eye” by the “most exalted lord,” while Tirpitz was treated with the “heel of a boot”; consequently, they have different perspectives. So let’s not dwell any further on the perspective itself. That matters far less than seeing what spirit lives in such writings.

[ 19 ] Nun kann man ja zunächst einmal folgendes machen. Sehen Sie, ich habe das Experiment angestellt: Nachdem ich die ganze trübe Sauce dieser Schriften, diese Bethmann- und Tirpitz-Sauce habe über mich ergehen lassen, habe ich versucht, wiederum einmal eine Reihe der mir ja sehr lieben Herman Grimmschen Aufsätze zu lesen, und zwar diejenigen, die von Nichtdeutschen allerdings chauvinistisch deutsch gefunden werden würden, aber das ist ja wiederum ein Standpunkt, und darauf kommt es mir nicht an, sondern es kommt mir auf den Geist an, der darin lebt. Nun kann man zunächst beim ersten Anblick die Frage aufwerfen: Ja, wie steht der Geist, die Vorstellungsart, die innere Seelenverfassung der Bethmann-Tirpitz-Sauce zu dem, was in Herman Grimms meinetwillen politischen Betrachtungen lebt? — Da muß man sagen: Für Herman Grimm hat Goethe gelebt, und nicht umsonst gelebt; er war für ihn da. Für Bethmann, für Tirpitz war er nicht da. Ich will nicht sagen, daß sie ihn nicht gelesen haben. Es wäre vielleicht gescheiter, wenn sie ihn nicht gelesen hätten; aber er war für sie nicht da. Zunächst klingt einem, so sagte ich mir, was in diesen Büchern steht, so, wie wenn es von mittelalterlichen Landsknechten, auch durchaus mit der Logik der mittelalterlichen Landsknechte, geschrieben wäre. Besonders interessant ist ja zum Beispiel Ludendorffs Logik. Er ist ja derjenige, der sich «das große Verdienst» erworben hat, den Ausschlag gegeben zu haben, daß Lenin im plombierten Wagen durch Deutschland nach Rußland befördert worden ist. Er ist der eigentliche «Importeur» des Bolschewismus in Rußland. Das glatthin abzuleugnen in seinem Buche, hat er nicht die Stirn, obwohl er zu vielem die Stirne hatte. Deshalb sagt er das Folgende. Er sagt: Lenin nach Rußland zu bringen, das war eine militärische Notwendigkeit; aber die politische Leitung hätte die schlimmen Folgen davon abwenden sollen; das hat sie eben unterlassen. — Sehen Sie, das ist die Logik dieser Herren! Aber ich will durchaus nicht behaupten, daß Clemenceau eine bessere Logik hatte. Also ich bitte, durchaus nicht zu glauben, daß ich für irgend etwas Partei nehme; auch Lloyd George, Wilson haben keine besseren Logiken; aber es ist bei diesen nicht so leicht zu konstatieren.

[ 19 ] Well, for starters, you can do the following. You see, I conducted an experiment: After subjecting myself to the whole murky mess of these writings—this Bethmann and Tirpitz mess—I tried once again to read a series of Herman Grimm’s essays, which are very dear to me, specifically those that non-Germans would, admittedly, find chauvinistically German, but that, of course, is just a point of view, and that’s not what matters to me; what matters to me is the spirit that lives within them. Now, at first glance, one might ask: Well, how does the spirit, the way of thinking, the inner state of mind of the Bethmann-Tirpitz drivel relate to what lives in Herman Grimm’s—for my part—political reflections? — One must say: For Herman Grimm, Goethe lived—and did not live in vain; he was there for him. He was not there for Bethmann or for Tirpitz. I do not mean to say that they did not read him. It might perhaps have been wiser if they had not read him; but he was not there for them. At first, I told myself, what is written in these books sounds as if it were written by medieval mercenaries, and indeed with the logic of medieval mercenaries. Ludendorff’s logic, for example, is particularly interesting. He is, after all, the one who earned “the great merit” of having been the deciding factor in Lenin’s transport through Germany to Russia in a sealed car. He is the actual “importer” of Bolshevism into Russia. He doesn’t have the nerve to deny this outright in his book, even though he had the nerve to do many other things. That is why he says the following. He says: Bringing Lenin to Russia was a military necessity; but the political leadership should have averted the dire consequences of this; they simply failed to do so. — You see, that is the logic of these gentlemen! But I certainly do not mean to claim that Clemenceau had better logic. So please do not think for a moment that I am taking sides on anything; Lloyd George and Wilson do not have better logic either; but it is not so easy to point this out in their case.

[ 20 ] Ja, das sagt man sich zunächst. Dann aber geht die Sache weiter. Dann findet man, wenn man einen geschichtlichen Vergleich sucht, daß man ziemlich weit zurückgehen muß. Eine merkwürdige Ähnlichkeit besteht zwischen der Art des Denkens, der Art des Vorstellens namentlich bei Tirpitz und bei Ludendorff, und der Art des Denkens derjenigen Menschen, die im 1. und 2. vorchristlichen Jahrhundert die sogenannte Kultur Roms geleitet haben. Und man kann eigentlich, wenn man da eine intime Seelengemeinschaft konstatieren will, sagen: Es ist so, als ob die Denkweise des alten vorchristlichen Roms wieder auftauchen würde und als ob alles dasjenige, was seitdem, einschließlich des Christentums, sich zugetragen hat — wenn die Herren auch äußerlich von Christus und dergleichen sprechen —, nicht dagewesen wäre.

[ 20 ] Yes, that’s what one tells oneself at first. But then the matter goes further. If one seeks a historical comparison, one finds that one must go back quite a long way. There is a striking similarity between the way of thinking and the way of imagining—particularly in the case of Tirpitz and Ludendorff—and the way of thinking of those people who guided the so-called culture of Rome in the first and second centuries B.C. And if one wishes to identify a deep spiritual kinship there, one might actually say: It is as if the mindset of ancient pre-Christian Rome were reemerging, and as if everything that has happened since then—including Christianity—had never taken place, even though these gentlemen speak outwardly of Christ and the like.

[ 21 ] Sehen Sie, man denkt oftmals, wenn man vom Luziferischen sagt, daß es zurückgeblieben ist in der Menschheit, man meine nur Außerweltliches. In der Welt selbst tritt dieses Prinzip des Zurückgebliebenseins ganz stark hervor. Man kann sagen: die vorcäsarischen Größen des alten Rom sind wiederum erstanden in solchen Leuten. Und alles, was sich weiter zugetragen hat in Europa, ist für sie eigentlich nicht da.

[ 21 ] You see, when people speak of the Luciferic principle as something that has remained behind in humanity, they often think this refers only to otherworldly matters. In the world itself, this principle of backwardness comes to the fore very strongly. One could say: the pre-Caesar great figures of ancient Rome have been reborn in such people. And everything that has happened since then in Europe is, for them, essentially nonexistent.

[ 22 ] Diese Erscheinung müßte heute von den Menschen unbefangen beobachtet werden. Sie müßte ins Auge gefaßt werden. Denn nur dadurch gewinnt man einen freien, der Sache mächtigen Standpunkt der Beurteilung für die Gegenwart. Die Gegenwart stellt große Anforderungen an die Beurteilungsfähigkeit der Menschen. Das alles muß gesagt werden, wenn davon die Rede ist, es sei notwendig, daß diese Gegenwart durchdrungen werde mit geistigen Impulsen. Es ist ja oberflächlich betrachtet leicht, sich zu sagen: Nun ja, es muß eben die Gegenwart mit geistigen Impulsen durchdrungen werden! — Aber die Sache ist doch nicht so einfach. Sie brauchen ja nur einmal zu prüfen, ob denn geistige Impulse überall, wo sie in die Menschheit einen gewissen Zugang gewonnen haben, wünschenswerte Früchte getragen haben. Sehen Sie, schließlich muß man sich doch auch das Folgende sagen. Nehmen wir einmal gewisse Broschüren, gewisse Pamphlete, die geschrieben worden sind. Es sind solche geschrieben worden von langjährigen Anhängern, es sind sogar solche geschrieben worden, in welchen das, was hier als Geisteswissenschaft figuriert, «richtig» in die Welt gesetzt wird, nur wird es umgekehrt, umgestülpt! Das sind doch auch Pflanzen, die auf dem Boden gewachsen sind, auf dem versucht wird, heute Geistesgut den Menschen mitzuteilen. Und wer da glauben würde, der Prozeß sei schon abgelaufen, der darin besteht, daß durch sogenannte Anhänger ins Gegenteil verkehrt wird dasjenige, was als Geistesgut übermittelt ist, der wäre ja naiv. Das ist durchaus nicht abgeschlossen! Es ist durchaus nicht so leicht, wie man denkt, mit der Tatsache zu rechnen, daß spirituelle Wahrheiten in die Menschheit gebracht werden sollen. Denn so, wie zunächst die Menschheit heute ist, tendiert sie eben dahin, sich zu differenzieren vor allem nach den drei 'Typen, die ich charakterisiert habe: dem ethischen, dem ästhetischen, dem intellektualistischen, aber innerhalb dessen wiederum weiter.

[ 22 ] People today should observe this phenomenon with an open mind. They should take it into account. For only in this way can one gain a free, well-informed perspective from which to assess the present. The present places great demands on people’s ability to judge. All of this must be said when it is argued that it is necessary for the present to be permeated with spiritual impulses. Superficially speaking, it is easy to say to oneself: Well, the present simply must be permeated with spiritual impulses!”—But the matter is not that simple. You need only examine whether spiritual impulses have borne desirable fruit wherever they have gained a certain foothold among humanity. You see, ultimately one must also admit the following. Let’s take, for example, certain brochures, certain pamphlets that have been written. Some have been written by long-time followers; there are even some in which what appears here as spiritual science is “correctly” presented to the world—only it is turned upside down, turned inside out! These, too, are plants that have grown on the ground where an attempt is being made today to communicate spiritual knowledge to people. And anyone who would believe that the process has already run its course—a process in which so-called followers turn what has been conveyed as spiritual knowledge into its opposite—would indeed be naive. This is by no means over! It is by no means as easy as one might think to reckon with the fact that spiritual truths are to be brought to humanity. For, as humanity is today, it tends to differentiate itself primarily according to the three “types” I have characterized: the ethical, the aesthetic, and the intellectual—but within these, further distinctions arise.

[ 23 ] Nun sind die spirituellen Wahrheiten nicht dazu angetan, von Menschen, die mit einer solchen Differenzierung an sie herantreten, rein aufgenommen zu werden. Es ist ganz unmöglich, daß die spirituellen Wahrheiten von Menschen rein aufgenommen werden, die mit dieser Differenzierung und mit noch anderen Differenzierungen aus der Gegenwart an sie herantreten. Denken Sie sich doch, daß auf allen Seiten heute die Menschen dahin drängen, sich in nationale Chauvinismen abzuschließen. Ja, wenn Sie mit nationalem Chauvinismus die allgemein menschlichen und spirituellen Wahrheiten aufnehmen wollen, so verkehren Sie sie schon dadurch in das Gegenteil. Es ist unmöglich, heute ohne weiteres das mitzuteilen, was mitzuteilen von einem gewissen Gesichtspunkte aus wünschenswert wäre. Denn die Menschen tendieren nach einer solchen Differenzierung, wie es geschildert worden ist. Daher ist es natürlich notwendig, daß vor allen Dingen von der Seiten her das Interesse der Menschen wachgerufen werde, die als solche schon ausgebildet vorhanden sind. Es ist notwendig, daß in einer gewissen Weise angeknüpft werde an dasjenige, was da ist, aber daß darauf Rücksicht genommen werde, daß die Menschen die Tendenz haben, sich zu entfernen von der alten Erbweisheit und nichts an die Stelle zu setzen als die territorialen Differenzierungen über die Erde hin. Deshalb geht es eben nicht, spirituelle Weistümer unter der Menschheit zu verbreiten, ohne ein gewisses Ethos zu verbreiten. Es haben mancherlei Leute das Buch «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gelesen. Seit einiger Zeit werden ja diese Bücher sehr viel gelesen. Diese Leute haben gefunden, daß die ersten Ratschläge, die da gegeben werden, ethische seien, daß man ethisch damit ja ganz einverstanden sein könne. — Sie haben recht; die ersten Ratschläge, die gegeben werden, müssen ethische sein und sie müssen gerade einen Extrakt bilden des besten Ethos der Erdenkultur. Aber auf der anderen Seite ist es auch notwendig, daß ein gewisses künstlerisches Element gepflegt werde. Das hat innerhalb der anthroposophischen Bewegung ja ganz besondere Schwierigkeiten gemacht; denn innerhalb der anthroposophischen Bewegung war zunächst eine gewisse Abneigung gerade gegen das Künstlerische. Man hat nach einem abstrakten, ästhetischen, gleichgültigen Symbolismus gestrebt. Und es gibt heute noch Bewegungen, die sich «theosophisch » nennen, die alles Künstlerische ablehnen. Deshalb war es ein gutes Schicksal, ein gutes Karma unserer Bewegung, daß wir auch künstlerische Versuche hier in Dornach machen und diese künstlerischen Versuche herausarbeiten konnten aus dem abstrakt symbolischen Elemente. Vielleicht würde man, wäre es nach manchen gegangen, viele schwarze Kreuze mit sieben rosenähnlichen Klecksen ringsherum als tiefsinnige Symbole unseres Baues sehen! Gegen dieses symbolische Wesen mußte man sich natürlich wehren, mußte streben, aus dem künstlerischen Elemente heraus zu schaffen.

[ 23 ] Now, spiritual truths are not suited to be fully grasped by people who approach them with such distinctions. It is entirely impossible for spiritual truths to be fully grasped by people who approach them with these distinctions—and with other distinctions from the present day. Just consider that today, on all sides, people are rushing to shut themselves off in national chauvinism. Indeed, if you seek to embrace universal human and spiritual truths through the lens of national chauvinism, you are thereby already turning them into their opposite. It is impossible today to simply convey what, from a certain point of view, would be desirable to convey. For people tend toward such differentiation as has been described. Therefore, it is naturally necessary, above all, to awaken the interest of those who are already developed as such. It is necessary to build upon what already exists in a certain way, but to take into account that people have a tendency to distance themselves from the ancient inherited wisdom and to replace it with nothing but territorial distinctions across the earth. That is precisely why it is not possible to spread spiritual wisdom among humanity without also spreading a certain ethos. Many people have read the book *How to Gain Knowledge of the Higher Worlds*. These books have, after all, been widely read for some time now. These people have found that the first pieces of advice given there are ethical in nature, and that one can certainly agree with them from an ethical standpoint. — You are right; the first pieces of advice given must be ethical, and they must constitute an essence of the finest ethical principles of earthly culture. But on the other hand, it is also necessary to cultivate a certain artistic element. This has caused quite particular difficulties within the anthroposophical movement; for within the anthroposophical movement there was initially a certain aversion specifically toward the artistic. People strove for an abstract, aesthetic, and indifferent symbolism. And even today there are movements that call themselves “theosophical” and reject everything artistic. That is why it was a stroke of good fortune, a good karma for our movement, that we were also able to undertake artistic experiments here in Dornach and develop these artistic experiments out of the abstract symbolic elements. Perhaps, had it been up to some, we would be seeing many black crosses surrounded by seven rose-like blobs as profound symbols of our building! Naturally, we had to resist this symbolic nature and strive to create from the artistic elements.

[ 24 ] Es muß also an die beste Tradition — wenn ich auch Impulse Tradition nenne — des mensc Sinn, der Welt diese Dinge ins Gesicht zu werfen, wenn eigentlich kein Mensch da war, der diese Dinge aufnehmen konnte. Jetzt aber muß ausgegangen werden von einer gewissen Grundlage, davon, daß diese Weltkriegskatastrophe doch vieles lehren kann. Für die meisten Menschen natürlich ist nichts zu lernen von den Tatsachen. Sie haben einmal einen gewissen Fonds von Urteilen, und den ändern sie nicht. Sie können nicht begreifen, was zugrunde liegt, wenn man überhaupt von dem Lernen von Tatsachen spricht.

[ 24 ] So we must draw on the best tradition—even if I call these impulses “tradition”—of the human spirit: to throw these things in the world’s face, even when there was actually no one there who could take them in. But now we must start from a certain foundation, namely, that this catastrophe of the World War can indeed teach us a great deal. For most people, of course, there is nothing to be learned from the facts. They have a certain stock of judgments, and they do not change it. They cannot grasp what underlies the matter, if one can even speak of learning from facts at all.

[ 25 ] Ich erzähle es jedem Menschen, den ich hier im Bau herumführe: Würde ich ein zweites Mal einen solchen Bau zu skizzieren haben, so würde ich ihn anders machen. — Gewiß würde ich ihn niemals wiederum in derselben Weise machen. Damit ist ja nichts eingewendet gegen diesen Bau; aber ich selbst würde ihn niemals wiederum in derselben Weise machen, weil man natürlich von dem, was gemacht ist, was als Tatsache dasteht, zu lernen hat. — Heute morgen las ich zu meinem Entsetzen, daß der Feldmarschall Hindenburg gesagt hat, wenn er heute wiederum diesen Krieg zu führen hätte, so würde er ganz genau dasselbe machen, was er getan hat.

[ 25 ] I tell this to everyone I show around here in the building: If I had to design a building like this a second time, I would do it differently. — I certainly would never build it the same way again. This is not meant as a criticism of this building; but I myself would never build it the same way again, because, of course, one must learn from what has been done, from what stands as a fact. — This morning, to my horror, I read that Field Marshal Hindenburg said that if he had to wage this war again today, he would do exactly the same thing he did.

[ 26 ] Ja, sehen Sie, diese Dinge werden gelesen, über diese Dinge liest man hinweg und man merkt nicht, wie man ein Verständnis der Zeit gewinnen muß durch die Lehren, die in so herber Weise aufgegeben werden durch diese Weltkriegskatastrophe. Es sollte heute jeder dasjenige, was an seine Ohren klingt aus der Welt heraus — ich meine damit natürlich auch das Gelesene —, mit dem entsprechenden Hintergrunde lesen, und er sollte sich sagen können: In wichtigen Dingen ist Revision des Urteilens notwendig, unerläßlich. Man hatte ein äußeres, scheinbares Recht bis zu dieser Weltkriegskatastrophe, Bismarck einen praktischen Menschen zu nennen. Herman Grimm sieht ihn als einen «Turm» von Praxis an. Die Weltkatastrophe hat gelehrt, daß er ein Phantast war, und man müßte sich zu diesem Urteil bequemen, denn die Schöpfung des Reiches war natürlich eine Phantasterei.

[ 26 ] Yes, you see, people read these things, they skim over them, and they don’t realize that they must gain an understanding of the times through the lessons so harshly imparted by this catastrophe of the World War. Today, everyone should read whatever reaches their ears from the world—and by that I mean, of course, what they read as well—with the appropriate context in mind, and they should be able to say to themselves: In important matters, a reevaluation of one’s judgment is necessary, indeed indispensable. Up until this catastrophe of the World War, there was an outward, apparent justification for calling Bismarck a practical man. Herman Grimm regards him as a “tower” of practicality. The world catastrophe has taught us that he was a dreamer, and we must come to terms with this judgment, for the creation of the Empire was, of course, a figment of the imagination.

[ 27 ] Sehen Sie, ich will Ihnen begreiflich machen, daß es das Leben ist und das Leben sein muß, diehlichen Kulturwesens angeknüpft werden. Und vor allen Dingen muß beachtet werden, daß diese Dinge durchaus tiefe, ernste Wahrheiten sind, die so klingen wie diese: Wer zu einer wirklichen Erkenntnis kommen will, muß in sich den Wahrheitssinn pflegen. — Man berührt, wenn man radikal über diese Sache spricht, etwas, was schon für viele Menschen außerordentlich anstößig klingt. Denn das strenge Hinblicken überall auf die Wahrheit ist etwas, was vielen Menschen heute außerordentlich unbequem ist, was sie zum mindesten im Leben retuschieren. Aber es geht ein unwahres Wesen, wenn es auch nur unwahr aus Sentimentalität ist, nicht zusammen mit dem, was der strenge Wahrheitssinn ist, den eine wirkliche Hingabe an jene Wahrheiten fordert, die zum Beispiel durch Anthroposophie in die Welt wollen.

[ 27 ] You see, I want to make it clear to you that it is life—and it must be life—to which all cultural endeavors must be linked. And above all, it must be noted that these are profoundly serious truths, which sound something like this: Whoever wishes to arrive at true knowledge must cultivate a sense of truth within themselves. — When one speaks radically about this matter, one touches upon something that already sounds extraordinarily offensive to many people. For the rigorous pursuit of truth in all things is something that is extremely uncomfortable for many people today—something they, at the very least, gloss over in their lives. But a false nature—even if it is false merely out of sentimentality—is incompatible with the rigorous sense of truth demanded by a genuine devotion to those truths that, for example, seek to enter the world through anthroposophy.

[ 28 ] In dieser Beziehung haben insbesondere die Konfessionen viel gesündigt, denn die Konfessionen haben etwas gezüchtet, was mit einem vollen, reinen Wahrheitssinn durchaus nicht mehr vereinbar ist. Gewisse Arten von Frömmigkeiten wurden heraufgetragen in der Welt, die eher dem menschlichen Egoismus frönen, als dem menschlichen Wahrheitsgefühl entsprechen. Deshalb ist es so ganz besonders nötig, daß wirklich Aufmerksamkeit verwendet werde auf das Pflegen von innerer Wahrhaftigkeit, worauf ja an den verschiedensten Stellen der anthroposophischen Schriften hingewiesen wird. Das Leben selber fordert heute vom Menschen vieles Unwahre, und man kann sagen, es gibt heute deutlich zweierlei Tendenzen, welche in der Menschheit eine gewisse Abneigung, Wahrheiten nach den Tatsachen zu nehmen, hervorbringen. Es ist heute die Tendenz vorhanden, Dinge nach Vorlieben zu charakterisieren, nicht nach dem, was die Tatsachen selber sprechen. Man bezeichnet heute — ich habe das in anderem Zusammenhang in der letzten Zeit ja viel in der Welt erwähnen müssen denjenigen als einen praktischen Menschen, der nach einer gewissen Richtung hin ein routinierter ist, der aus einer gewissen Brutalität heraus innerhalb seines Bereiches rücksichtslos wirkt und alles dasjenige von sich weist, was nicht zu dieser Auffassung routinehaften Strebens dient. Nach diesem Gesichtspunkte unterscheidet man «praktische» Menschen und «phantastische». Und mit einer gewissen welthistorischen Unwahrhaftigkeit haben sich die Konsequenzen dieser Dinge gerade im Lauf des 19.Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein furchtbar gezeigt. Es war ja sogar schwer, bevor diese Weltkriegskatastrophe, die große Prüfung über die Menschheit gekommen ist, einiges von dem zu sagen, was die Dinge rückhaltlos unbefangen charakterisiert. Ich werde demnächst eine Sammlung von einzelnen wichtigeren meiner in den achtziger, neunziger Jahren erschienenen Aufsätze erscheinen lassen, um zu zeigen, wie damals versucht werden mußte, ich möchte sagen, wie durch Spalten hindurch manche Wahrheiten zu sagen. Unter diesen Aufsätzen wird auch der eine: «Bismarck, der Mann des politischen Erfolges», in welchem ich zu sagen versuche, wie die Erfolge, die von dieser Persönlichkeit ausgegangen sind, durchaus darauf beruhen, daß diese Persönlichkeit im Grunde nie weiter gesehen hat als ganz wenige Schritte vor ihre Nase hin. — Aber es hatte ja auch keinen Illusionen auch im Moralisch-Historischen aufzufinden. Ich habe letzten Sonntag hier gezeigt, wie man im Naturzusammenhang die Illusionen konstatieren muß; wie im Naturzusammenhang die Dinge nebeneinanderstehen und die Naturforschung sie schildert, und wie man dann sagen muß, daß die Menschheit eigentlich beteiligt ist an dem, was geschieht im Naturzusammenhang, wie also dasjenige, was die Naturwissenschaft über den Naturzusammenhang sagt, ein Gewebe sein kann von Illusionen. Ich wollte Ihnen heute begreiflich machen, wie man aus den Tatsachen der Geschichte und des Lebens sich korrigieren lassen muß, weil die Dinge sich äußerlich zunächst oftmals für lange Zeiten hin nur als ein Schein zeigen. Heute wird man vielfach gezwungen, Menschen, die von vielen wie selbstverständlich als die praktischsten Menschen angeschaut wurden, als Phantasten anzuschauen. Aber man muß sich dazu bequemen, sein Urteil zu revidieren. Es gibt heute an jeder Stelle des Lebens nicht nur Gelegenheit genug, sondern auch die Notwendigkeit, dieses Urteil zu revidieren. Und man ist nur dann mit seiner Gesinnung bei dem, was anthroposophische Bewegung sein will, wenn man sich sagt: Ich muß mein Urteil revidieren, revidieren vielleicht über die allerwichtigsten Dinge! — Urteile über den Naturzusammenhang kann man in der Regel revidieren durch die Geisteswissenschaft selbst. Urteile über das Leben wird man nur revidieren, wenn man das, was man als Gesinnung braucht für die anthroposophische Bewegung, wirklich in sich selbst entwickelt.

[ 28 ] In this regard, the denominations in particular have sinned greatly, for they have fostered something that is no longer at all compatible with a full, pure sense of truth. Certain forms of piety have been propagated in the world that indulge human egoism rather than correspond to the human sense of truth. That is why it is so particularly necessary to devote genuine attention to cultivating inner truthfulness, a point that is emphasized in various places throughout the anthroposophical writings. Life itself demands many untruths from people today, and one can say that there are clearly two tendencies today that give rise to a certain aversion in humanity to accepting truths based on the facts. There is a tendency today to characterize things according to personal preferences, rather than according to what the facts themselves indicate. Today—and I have had to mention this frequently in other contexts in the world recently—one describes as a “practical” person someone who is, in a certain sense, a person of routine; someone who, out of a certain brutality, acts ruthlessly within their sphere and rejects everything that does not serve this conception of routine-driven striving. From this perspective, a distinction is made between “practical” people and “fantastical” ones. And with a certain degree of world-historical untruthfulness, the consequences of these things have become terribly apparent, particularly throughout the 19th century and right up to the present day. Indeed, even before this catastrophe of the World War—that great trial for humanity—it was difficult to say anything that characterized these matters unreservedly and impartially. I will soon publish a collection of some of my more important essays that appeared in the 1880s and 1890s, to show how, at that time, one had to attempt—I would say—to speak certain truths through the cracks. Among these essays is also the one titled “Bismarck, the Man of Political Success,” in which I attempt to explain how the successes attributed to this figure are entirely based on the fact that, at heart, he never saw further than a few steps ahead of himself. — But there were no illusions to be found, even in the moral-historical realm. Last Sunday I demonstrated here how one must acknowledge the illusions within the context of nature; how things coexist in that context and how natural science describes them, and how one must then conclude that humanity is actually involved in what happens within that context—and thus how what natural science says about the natural world can be a web of illusions. Today I wanted to help you understand how one must allow oneself to be corrected by the facts of history and life, because outwardly, things often appear at first—and for long periods of time—to be nothing but an illusion. Today, one is frequently forced to regard people who were taken for granted by many as the most practical individuals as dreamers. But one must be willing to revise one’s judgment. Today, in every area of life, there is not only ample opportunity but also a necessity to revise this judgment. And one’s attitude is in harmony with what the anthroposophical movement aims to be only when one says to oneself: I must revise my judgment—perhaps even regarding the most important matters! — Judgments about the interrelationships in nature can generally be revised through spiritual science itself. One will revise judgments about life only if one truly develops within oneself the attitude required for the anthroposophical movement.