Der innere Aspekt des sozialen Rätsels
Luziferische Vergangenheit und ahrimanische Zukunft
GA 193
11 Februar 1919, Zürich
Dritter Vortrag
[ 1 ] Ich sagte schon heute vor acht Tagen, daß wir als an der anthroposophischen Bewegung interessierte Menschen wesentlich vertiefen können und auch vertieft auffassen können dasjenige über die brennenden Fragen der Gegenwart, was notwendig für die gegenwärtige Menschheit ist, um ein Urteil, um die Möglichkeit einer Stellungnahme zu gewinnen. Vertiefter können wir manches auffassen, als es möglich ist innerhalb der breiten Öffentlichkeit. Gewissermaßen können wir uns wie eine Art von Sauerteig, wenn ich das biblische Wort gebrauchen darf, betrachten, so daß ein jeder an seinem Orte versucht, auch noch aus einem tieferen Gefühl, aus einem tieferen Impuls heraus etwas beizutragen zu dem, was der Zeit ganz besonders nötig ist.
[ 2 ] Wenn wir uns an dasjenige erinnern, was als der Grundton in den öffentlichen Vorträgen gesagt worden ist, so werden wir finden, es handelt sich für die Gegenwart darum, eine gewisse Gliederung des sozialen Organismus anzustreben. Ich sage immer anstreben, nicht etwa revolutionär von heute bis morgen durchführen wollen, sondern anstreben eine gewisse Gliederung desjenigen, was unter dem Einflusse gewisser neuzeitlicher Zeitströmungen zentralisiert worden ist. Anstreben, daß statt des sogenannten Einheitsstaates, in freier Selbständigkeit neben den anderen sich entwickelt ein besonderes Glied des sozialen Organismus, das alles umfaßt, was sich auf das geistige Leben bezieht: Erziehung der Menschen, Unterricht, Kunst, Literatur, aber auch, wie ich schon angedeutet habe und wie morgen noch im öffentlichen Vortrage berührt werden soll, dasjenige, was sich bezieht auf die Verwaltung des Privat- und Strafrechtes. Ein zweites Glied des sozialen Organismus soll dann im engeren Sinne dasjenige sein, was man bisher Staat genannt hat und dem man eigentlich in der neueren Zeit, eben aus den Strömungen der letzten vierhundert Jahre heraus, alles mögliche aufladen wollte: Staatsschulen, Staatserziehung und so weiter. Aber auch gerade unter dem Einfluß von sozialistischen und sozialen Gedanken versucht man heute, das wirtschaftliche Leben und das im eminentesten Sinne politische Rechtsleben zu einer Einheit zusammenzuschweißen. Beide müssen wieder auseinanderstreben. Selbständig müssen einander gegenüberstehen als zweites Glied des sozialen Organismus der politische Staat, und selbständig, relativ selbständig, alles dasjenige, was in sich schließt Warenzirkulation, Wirtschaftsleben, Ökonomie.
[ 3 ] Nun wollen wir diese Sache einmal von einem Gesichtspunkte betrachten, der heute noch nicht so leicht dem zugänglich sein kann, der nicht innerhalb unserer Bewegung steht, und wollen das dann bringen bis zu einer gewissen Kulmination, so daß aus dieser Kulmination heraus ein tieferes Verständnis der Lebenslage der heutigen Menschheit überhaupt erquellen kann. Betrachten Sie einmal dasjenige, was man im irdischen Sinne Geistesleben nennt. Geistesleben im irdischen Sinne ist alles das, was uns in irgendeiner Weise über den einzelmenschlichen Egoismus hinaushebt und mit Gruppen von anderen Menschen zusammenführt. Nehmen Sie als für die Mehrzahl der Menschen heute noch bedeutsamstes irdisches Geistesleben dasjenige Geistesleben, das gerade den Zusammenhang mit dem überirdischen Geistesleben vermitteln soll, nehmen Sie das religiöse Leben, wie es sich für den Menschen in den einzelnen Religionsgemeinden abspielt. Der Mensch wird da in einer gewissen Weise durch seine seelischen Bedürfnisse mit anderen Menschen zusammengeführt, mit diesen anderen Menschen verbinden ihn dann gleichartige Scelenbedürfnisse. Durch die Erziehung sorgt ein Mensch für den anderen im Geistig-Seelischen. Wenn wir ein Buch lesen, werden wir auch über unser individuelles, egoistisches Leben hinausgeführt, indem wir die Gedanken des Autors nicht allein aufnehmen, sondern, wenn es ein nur halbwegs gelesenes Buch ist, mit zahlreichen anderen Menschen gleiche Gedanken aufnehmen, was wiederum uns in eine gewisse Menschengruppe hineinstellt, welche Gleichartiges in der Seele erlebt. Das ist doch eine wichtige Charaktereigenschaft des geistigen Lebens, daß dieses geistige Leben aus der vollen Freiheit erquillt, aus der individuellen Initiative des einzelnen Menschen, daß aber dieses irdische Geistesleben den Menschen zusammenführt mit anderen Menschen, Menschengruppen formt aus der Gesamtheit der Menschen heraus.
[ 4 ] Damit aber ist eines schon für den, der tieferes Verständnis sucht, gesagt, etwas gesagt, was jegliche Art solchen Zusammenlebens dem Zentralereignisse der ganzen Erdenentwicklung, dem Mysterium von Golgatha, nahebringt. Denn seitdem das Mysterium von Golgatha in der Erdenentwicklung sich abgespielt hat, gehört alles dasjenige, was auf das Menschenzusammenleben sich bezieht, in einem gewissen Sinne zu diesem Christus-Impuls. Das ist. das Wesentliche, daß der Christus-Impuls nicht dem einzelnen Menschen gehört, sondern dem menschlichen Zusammenleben. Es ist, im Sinne des Christus Jesus selber verstanden, ein großer Irrtum, wenn man glaubt, der einzelne Mensch könne eine unmittelbare Beziehung zu dem Christus haben. Das Wesentliche ist, daß der Christus gelebt hat, gestorben ist, auferstanden ist für die Menschheit, für dasjenige, was die Menschheit im Ganzen ist. Daher kommt das Mysterium von Golgatha, das Christus-Ereignis sofort in Betracht — wir werden später darauf zurückkommen —, wenn irgendeine Art menschlichen Zusammenlebens seit dem Mysterium von Golgatha entfaltet wird. Es rückt also auch das irdische Geistesleben, das erquillt aus dem Individuellsten heraus, aus den menschlichen persönlichen Anlagen und Begabungen, an das Christus-Ereignis für den wirklich die Welt Verstehenden heran.
[ 5 ] Nun betrachten wir aber zunächst dieses irdische Geistesleben für sich: religiöses Leben, Schul- und Erziehungswesen, künstlerisches Wesen und so weiter. Wir gelangen durch dieses in eine gewisse Beziehung zu anderen Menschen. Da müssen wir unterscheiden zwischen dem, was uns mit anderen Menschen durch unser eigentliches Schicksal, durch unser Karma in Beziehung bringt, und dem, was nicht in diesem engsten Sinne mit unserem individuellen Karma zusammenhängt. Wir haben auf der einen Seite gewisse Beziehungen zu den Menschen, die sich einstellen in unserem Leben; wir knüpfen neue Beziehungen an zu einzelnen Menschen. Wir haben Beziehungen, die nichts anderes sind als die Wirkungen von anderen Verhältnissen, die in früheren Erdenleben sich angeknüpft haben. Wir knüpfen hier wiederum Verhältnisse an, die ihre karmische Entwicklung in späteren Erdenleben finden werden. Das gibt eine ganze Menge von individuellen Beziehungen der einzelnen Menschen zu anderen einzelnen Menschen. Diese Beziehungen, die im wesentlichen mit unserem Karma im engsten Sinne zusammenhängen, müssen wir unterscheiden von den weiteren Beziehungen, in die wir dadurch zu Menschen kommen, daß wir mit ihnen solche Gemeinschaften schließen, durch welche wir einer religiösen Gemeinde, einem Glaubensbekenntnis mit ihnen gemeinsam angehören, daß wir mit ihnen in gleichem Sinne erzogen werden, mit ihnen gemeinschaftlich ein Buch lesen und dergleichen, mit ihnen gemeinsam irgendeine Kunst genießen und so weiter. Diese Menschen, mit denen wir also in eine irdische Gemeinschaft kommen, müssen nicht immer durch eine karmische Beziehung aus einem früheren Erdenleben mit uns zusammen sein. Es gibt allerdings auch solche Gemeinschaften, die auf gemeinsame Schicksale in früheren Erdenleben hinweisen, aber mit diesen großen Gemeinschaften, von denen ich eben gesprochen habe, ist dieses in der Regel nicht der Fall. Doch führt es auf etwas anderes zurück. Es führt darauf zurück, daß wir gegen das Ende der Zeit, die wir in der übersinnlichen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchleben, wenn wir in dem Zeitraume ankommen, der nahe liegt unserer neuen Wiederverkörperung, geistige Beziehungen eingehen — weil wir bis zu einem gewissen Grade da reif werden für solche geistige Beziehungen — zu den Hierarchien der Angeloi, Archangeloi und Archai, also geistige Beziehungen zu den höheren Hierarchien überhaupt; aber daß wir in der geistigübersinnlichen Welt vor unserer neuen Geburt auch anderen Menschenseelen nahekommen, die später verkörpert werden als wir, die in irgendeiner Weise noch länger auf ihre Verkörperung zu warten haben. Wir haben eine ganze Summe von übersinnlichen Begegnungen, die wir gerade durch unsere besondere Reife machen, bevor wir wiederum durch eine Geburt in das Erdenleben hereingezogen werden. Und diese Kräfte, die wir dabei aufnehmen, die stellen uns auf der Erde an denjenigen Platz hin, wo es uns möglich wird, solche Gemeinschaften des irdisch-geistigen Lebens zu erleben, von denen ich eben gesprochen habe.
[ 6 ] Es ist aus dem, was ich gesagt habe, vor allen Dingen herauszunehmen, daß unser irdisch-geistiges Leben, das wir erleben, indem wir religiöse Menschen sind, indem wir erzogen werden, geschult werden, indem wir gewisse Kunsteindrücke aufnehmen und dergleichen, nicht etwas ist, was nur seine Bestimmung erhält durch das, was auf der Erde ist, sondern bestimmt ist durch dasjenige, was wir übersinnlich erst erleben, bevor wir durch die Geburt zu diesem irdischen Geistesleben herunterkommen. Wie durch das Bild, das im Spiegel ist, hingewiesen wird auf den, der sich abspiegelt, so wird durch das irdische Geistesleben hingewiesen auf das, was der Mensch erlebte, bevor er in einen irdischen Leib eingezogen ist. In dieser Beziehung gibt es nichts auf der Erde, was in einem so innigen Bezug, in einem so realen, lebendigen Bezug zu der übersinnlichen Welt steht als dieses irdische Geistesleben, das ja gewisse Verirrungen, viele Verirrungen aufweist. Aber auch die Verirrungen haben einen sinnvollen Bezug zu dem, was wir im Übersinnlichen, in einer ganz anderen Weise allerdings, aber doch eben im Übersinnlichen erleben. Dadurch wird das irdische Geistesleben zu einer besonderen Stellung auf der Erde gebracht, daß es mit unserem vorgeburtlichen Leben zusammenhängt. Nichts anderes im irdischen Leben hängt mit unserem vorgeburtlichen Leben so zusammen wie dieses irdische Geistesleben. Das ist, worauf der Geistesforscher noch besonders hinweisen muß. Er trennt das irdische Geistesleben von den anderen Betätigungen ab, denen der Mensch hier auf der Erde unterliegt, weil er in seinen übersinnlichen Beobachtungen erfährt, daß dieses irdische Geistesleben im vorgeburtlichen, übersinnlichen Leben seine Ursprünge, seine Impulse hat. Dadurch gliedert sich für den Geisteswissenschafter dieses irdische Geistesleben von dem anderen Erleben des Menschen ab.
[ 7 ] Anders steht es mit dem, was man im engeren Sinne das politische, das öffentliche Rechtsleben nennen kann, dasjenige Leben, welches staatliche Ordnung unter den Menschen bringt. Wieviel man auch mit den genauesten geisteswissenschaftlichen Methoden sich anstrengt zu erforschen, womit dieses Staatliche, das eigentlich Staatliche, das politische Rechtsleben, das öffentliche Rechtsleben zusammenhängt, man findet gar keinen Bezug dieses Lebens zu einem Übersinnlichen. Dieses Leben steht da als völlig irdisches. Wir müssen uns nur genau verständigen darüber, was hier gemeint ist. Was ist zum Beispiel ein im eminenten Sinne irdisches, irdisches politisches Rechtsverhältnis? Das Besitzverhältnis, das Eigentumsverhältnis. Wenn ich irgendwie Besitzer bin eines Grundstückes, so bin ich es nur dadurch, daß mir ein politischer Zusammenhang das ausschließliche Recht gibt, dieses Grundstück zu benützen, mir es möglich macht, alle anderen von der Benützung dieses Grundstückes, der Bebauung und so weiter auszuschließen. So ist es mit alledem, was auf dem öffentlichen Recht beruht. Das, was die Summe der öffentlichen Rechte ist, auch die Summe alles dessen, was eine gewisse Gemeinschaft nach außen schützt, das alles ist das Staatsleben im engeren Sinne. Das ist das eigentlich irdische Leben, was nur mit den Impulsen, die beim Menschen zwischen Geburt und Tod verfließen, zusammenhängt. Mag sich der Staat manchmal noch so sehr dünken, er sei ein Gottgegebenes, im Sinne der tieferen Auffassung aller religiösen Bekenntnisse gilt folgendes. Erstens gilt dasjenige, was der Christus Jesus meinte, als er in der damaligen Sprache zu den Menschen sprach: «Gebet dem Cäsar, was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes ist.» Er wollte insbesondere gegenüber den Aspirationen des römischen Imperiums alles, was äußerliches Staatsleben ist, scheiden von dem, was ein Spiegelbild des übersinnlichen Lebens ist. Aber alles das, was in das bloße irdische Staatsleben einen überirdischen Impuls hereinbringen will, zum Beispiel den Staat geradezu zum Träger des religiösen Lebens oder zum Träger des Erziehungswesens machen will — woran kein Mensch in der neueren Zeit zweifelt, daß es so sein soll, leider! —, all das bezeichneten die tieferen religiösen Naturen so, daß sie sagten: Wenn irgendwie sich mischen will dasjenige, was geistig-übersinnlich ist, mit dem, was äußerlich-staatlich ist, so regiert der widerrechtliche Fürst dieser Welt.
[ 8 ] Sie wissen vielleicht, man müßte viel über die Bedeutung des widerrechtlichen Fürsten dieser Welt nachdenken, und man kriegt zuletzt nichts heraus. Man bekommt nur durch Geisteswissenschaft heraus, was damit gemeint ist. Dann regiert der widerrechtliche Fürst dieser Welt, wenn das, was sich bloß auf die Ordnung irdischer Verhältnisse beziehen soll, sich anmaßt, das geistige und, wie wir später sehen werden, auch das wirtschaftliche Leben in sich einbeziehen zu wollen. Der rechtliche Fürst dieser Welt ist nur der, der in die äußeren politischen Staatsverhältnisse bloß das einbezieht, was seine Impulse hat in dem Leben des Menschen zwischen Geburt und Tod. So haben wir das zweite Glied in dem sozialen Organismus geisteswissenschaftlich ergriffen. Es ist dasjenige, welches hingeordnet ist auf jene Impulse, die beim Menschen zwischen Geburt und Tod verfließen.
[ 9 ] Nun kommen wir zu dem dritten, zu dem wirtschaftlichen Verhältnis. Denken Sie sich einmal, wie uns eigentlich das wirtschaftliche Leben hineinstellt in ein gewisses Verhältnis zu der Welt. Sie werden leicht darauf kommen, wie dieses Verhältnis ist, wenn Sie sich denken müßten, daß wir ganz aufgehen könnten im rein äußeren wirtschaftlichen Leben. Was wären wir dann, wenn wir nur im äußeren, rein wirtschaftlichen Leben aufgehen würden? Wir wären denkende Tiere, nichts anderes. Nur dadurch sind wir nicht denkende Tiere, daß wir außer dem wirtschaftlichen Leben noch ein Rechtsleben haben, ein politisches Leben, ein Staatsleben und eine Geisteswissenschaft, ein irdisches Geistesleben. Wir werden also durch das Wirtschaftsleben mehr oder weniger hinuntergedrängt ins Untermenschliche. Aber indem wir hinuntergedrängt werden ins Untermenschliche, können wir gerade auf diesem Gebiete des Untermenschlichen Interessen entwickeln, die im wahren Sinne des Wortes die brüderlichen Interessen unter den Menschen sind. Auf keinem anderen Gebiete können wir so leicht und so selbstverständlich die brüderlichen Verhältnisse unter den Menschen im vollsten Sinne des Wortes entwickeln wie gerade im Wirtschaftsleben.
[ 10 ] Im geistigen Leben — was ist das eigentlich Regierende im irdischen Geistesleben? Im Grunde genommen das persönliche, wenn auch seelische, aber seelisch-egoistische Interesse. Von der Religion will der Mensch haben, daß sie ihn selig macht. Von der Erziehung will er haben, daß sie seine Anlagen entwickelt. Von irgendeiner künstlerischen oder sonstigen Erscheinung, die er genießt, will er Freude in sein Leben hinein haben oder auch eine Entfaltung seiner Lebenskräfte. Es ist überall so, daß ein gröberer oder feinerer Egoismus, wenn auch verständlicherweise, um seinetwillen den Menschen hinführt zu dem, was im irdischen Geistesleben lebt.
[ 11 ] Wiederum im Rechtsleben, im politischen Leben haben wir es zu tun mit dem, was uns gewissermaßen zu gleichen Wesen vor dem Gesetze macht. Wir haben es zu tun mit dem Verhältnisse von Mensch zu Mensch. Wir haben es mit dem zu tun, was unser Recht sein soll. Recht besteht nicht unter Tieren! Das ist auch etwas, wodurch wir über die Tierheit schon im irdischen Leben hinausgehoben sind. Aber wir haben sowohl in dem Verhältnis, das wir in einer Religionsgemeinschaft, in einer Erziehungsgemeinschaft haben, wie auch in einer Rechtsgemeinschaft, in diesem allem etwas, was in einer gewissen Beziehung auf einem Anspruch von uns beruht, was wir gewissermaßen in selbstverständlicher Weise wollen. Auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens, da kann sich etwas geltend machen, gerade wenn wir uns überwinden können, was wir nicht aus den Interessen heraus wollen: Brüderlichkeit, Berücksichtigung des anderen, so leben, daß der andere neben uns durch uns etwas erfährt.
[ 12 ] Im geistigen Verhältnis nehmen wir etwas entgegen, weil wir cs wollen. Im Rechtsverhältnis machen wir auf etwas Anspruch, worauf wir Anspruch machen müssen, wenn wir uns ein menschenwürdiges Leben als Gleicher unter Gleichen bewahren wollen. Und im wirtschaftlichen Leben entfaltet sich dasjenige, was die Gefühle des einen Menschen mit den Gefühlen des anderen Menschen verbindet: die Brüderlichkeit. Die Impulse des brüderlichen Lebens, die entspringen, indem wir ein gewisses Verhältnis herstellen, aus dem, was wir besitzen, zu dem, was der andere besitzt; dessen, was wir bedürfen, zu dem, was der andere bedarf; aus dem, was wir haben, zu dem, was der andere hat und so weiter. Entwickeln wir im wirtschaftlichen Leben immer mehr und mehr diese Brüderlichkeit, dann geht gewissermaßen aus diesem wirtschaftlichen Leben etwas heraus. Diese Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben, dieses brüderliche Verhältnis unter den Menschen, das im Wirtschaftsleben strahlen muß, wenn Gesundung des Wirtschaftslebens da sein soll, das ist dasjenige, was, wenn ich so sagen soll, aus dem Wirtschaftsleben aufdampft, so daß, indem wir gerade aus dem Wirtschaftsleben heraus es uns anerziehen, wir es mitnehmen durch die Pforte des Todes und hineintragen in das übersinnliche Leben nach dem Tode.
[ 13 ] So erscheint für das irdische Leben das Wirtschaftsleben als das niederste, aber in ihm entwickelt sich etwas, was gerade hineinpulst aus dem Irdischen durch die Pforte des Todes in das Überirdische. Da haben wir das dritte Gebiet des sozialen Organismus geisteswissenschaftlich betrachtet. Es entwickelt sich etwas, was uns Menschen gewissermaßen in das Untermenschliche hinunterstößt, aber wir werden dafür begnadet, daß gerade aus dem, was die Brüderlichkeit im wirtschaftlichen Leben entwickelt, wir etwas durch die Pforte des Todes mitnehmen, was uns bleibt, indem wir in die übersinnliche Welt hineintreten. So wie das irdische Geistesleben, das sich auf die Weise entwickelt, wie ich es vorhin beschrieben habe, hinweist durch das Spiegelbild auf das Abgespiegelte, auf das vorgeburtliche übersinnliche Geistesleben, so weist das Wirtschaftsleben mit dem, was sich unter dem Einfluß dieses Wirtschaftslebens im Menschen entwickelt — soziales Interesse, Gefühle für menschliche Gemeinschaft, Brüderlichkeit —, auf das übersinnliche Leben nach dem Tode hin.
[ 14 ] Und so haben wir geisteswissenschaftlich die drei Gebiete getrennt: das Geistesleben mit seinem Hinweis auf das vorgeburtliche übersinnliche Leben; das eigentliche Staatsleben mit seiner Beziehung auf die Impulse, die zwischen der Geburt und dem Tode sich abspielen; das eigentliche Wirtschaftsleben, welches hinweist auf dasjenige, was wir erleben werden, nachdem wir durch die Pforte des Todes gegangen sind. Ebenso wahr, als es ist, daß der Mensch nicht nur ein irdisches, sondern ein überirdisches Wesen zugleich ist, daß er in sich trägt die Ergebnisse desjenigen, was er vorgeburtlich «vor»-gelebt hat im Übersinnlichen, daß er in sich entwickelt die Keime zu dem, was er erleben soll im nachtodlichen Leben, wenn ich das Bild gebrauchen darf, ebenso wahr, wie in dieser Beziehung das Menschenleben dreifach ist und der Mensch neben diesen zwei Spiegelungen des überirdischen Lebens noch sein besonderes irdisches zwischen Geburt und Tod erlebt, so wahr dieses Leben des Menschen in sich dreifach gegliedert ist, so wahr muß der soziale Organismus, in dem der Mensch drinnensteht, dreifach gegliedert sein, wenn seine Gesamtmenschenseele in diesem sozialen Organismus ihre Grundlage, ihre Basis haben soll. So gibt es für den, der des Menschen Stellung im Weltenall geisteswissenschaftlich erkennt, eben noch viel tiefere Gründe, einzusehen, daß der soziale Organismus ein dreigliedriger sein muß, daß gewissermaßen der Mensch verkümmern muß — wie er im neuzeitlichen Leben in einer gewissen Weise verkümmert ist, was dann zu der furchtbaren Katastrophe der letzten vier Jahre geführt hat —, wenn alles zentralisiert ist, wenn alles nur bezogen wird auf ein chaotisches, anarchisch durcheinander gewürfeltes äußeres soziales Leben. So das Menschenleben auffassen, sich auf diese Weise bewußt werden, daß jedes Gesamtmenschheitliche so drinnensteht in der allgemeinen Menschheit und in der Welt überhaupt, das ist, was aus der Vertiefung in die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse dem Menschen nach und nach werden soll. Das ist dasjenige, was zugleich die richtige Christus-Erkenntnis für unsere Zeit und für die nächste Zukunft ist. Das ist gewissermaßen, was uns geoffenbart wird, wenn wir heute den Christus hören wollen. Er selber hat gesagt — ich habe das oft betont —: «Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Erdenzeiten.» Das heißt, er hat nicht nur gesprochen in den Zeiten, in denen er auf der Erde gewandelt ist, sondern er spricht weiter, und wir sollen ihn weiter hören. Wir sollen nicht nur die Evangelien lesen wollen, die wir allerdings immer wieder lesen sollen, sondern wir sollen das hören, was er in lebendiger Art durch sein fortdauerndes Bei-uns-Sein zu offenbaren hat. In diesem Zeitalter hat er uns zu offenbaren: Ändert den Sinn — wie sein Vorläufer, der Täufer Johannes, gesagt hat —, ändert aufs neue den Sinn, der euch eröffnet die Anschauung eurer dreifachen Menschheit, die da fordert, daß auch dasjenige, in dem ihr drinnen lebt als im irdischen Dasein, eine dreifache Gliederung braucht.
[ 15 ] Man sagt mit Recht: Der Christus ist für die Gesamtmenschheit gestorben und auferstanden, das Mysterium von Golgatha ist ein gemeinsames Menschheitsereignis. — Es wird einem dies besonders in der heutigen Zeit bewußt, wo Völker gegen Völker aufgestanden sind und im wilden Kampf gegeneinander gewütet haben, wo jetzt doch wieder, nachdem die Ereignisse in eine Krisis eingetreten sind, nicht Besonnenheit, nicht das Bewußtsein der Menschengemeinsamkeit, sondern anstelle dessen vielfach ein wilder Siegestaumel herrscht! Verkenne man das nicht. All dasjenige, was wir erlebt haben in den letzten viereinhalb Jahren, was wir jetzt erleben, was wir noch erleben werden, zeigt. dem Tieferblickenden, daß die Menschheit mit Bezug auf das Christus-Bewußtsein in eine Art von Krisis eingetreten ist. In eine Krisis ist die Menschheit eingetreten in bezug auf das Christus-Bewußtsein dadurch, daß der rechte Gemeinschaftssinn, der rechte Zusammenhang der Menschen untereinander abhanden gekommen ist. Und gar notwendig haben die Menschen, daß sie sich besinnen: Wie können wir in rechter Weise den Christus-Impuls wiederfinden?
[ 16 ] Daß man ihn nicht immer wiederfindet, kann eine einfache Tatsache lehren. Bevor der Christus-Impuls durch das Mysterium von Golgatha in die Erdenentwicklung hereingewirkt hatte, betrachtete sich dasjenige Volk, aus dem gerade der Christus Jesus herausgeboren ist, als das auserwählte Volk, und es glaubte dieses auserwählte Volk, daß die Erde nur glücklich werden könne, wenn alles übrige abstirbt, und nur die Glieder dieses Volkes die ganze Erde erfüllen würden. Das war in gewissem Sinn ein fester Glaube, weil der Gott Jahve dieses Volk auserwählt hatte als sein Volk und weil der Gott Jahve als der Einheitsgott angesehen worden ist. Das war für die Zeit, bevor das Mysterium von Golgatha auf die Erde gekommen ist, aus dem Grunde eine berechtigte Anschauung des alten hebräischen Volkes, weil gerade aus diesem alten hebräischen Volke der Christus Jesus hervorgehen sollte. Aber mit der Erscheinung des Mysteriums von Golgatha auf Erden hätte dieses Bewußtsein aufhören sollen. Nachher war dieses Bewußtsein antiquiert, nachher hätte an die Stelle des Jehovabewußtseins das Christus-Bewußtsein treten müssen, welches ebensosehr vom Menschen spricht, wie das Jahvevolk von den Angehörigen nur eines Volkes gesprochen hat. Es ist das tragische Geschick des jüdischen Volkes, daß es nicht erkannt hat, daß die Sache so liegt. Aber heute erleben wir vielfach einen Rückfall. Heute erleben wir den Rückfall, daß die Völker langsam — wenn sie das auch anders ansehen, anders benennen —, alle eine Art Jahve, aber einen Spezial-Jahve, ihren Volksgott, anbeten wollen.
[ 17 ] Gewiß man spricht nicht in religiösen Formeln wie früher, aber man spricht sozusagen in neuzeitlicher Denkweise. Denkweise oder Denkgewohnheit scheint mir ein gutes Wort zu sein. Die Leute haben sich jetzt ein anderes Wort angewöhnt. Man könnte auch die Konzession machen, um besser verstanden zu werden, diese Mode für eine Zeitlang mitzumachen, und statt der Worte Denkgewohnheit oder Denkweise, die in unserem Kreise von mir immer gebraucht worden sind, heute in der Öffentlichkeit «Mentalität» zu sagen. Aus der heutigen Mentalität heraus also macht sich geltend: Jedes Volk möchte gewissermaßen seinen besonderen Volksgott installieren, möchte nur im Sinne dieses Volkes da sein. — Das hat gerade dazu geführt, daß Volk gegen Volk so wütet. Wir erleben einen Rückfall in die Jahvereligion, nur daß die Jahvereligion spezialisiert in viele Jahvereligionen auseinanderfällt. Es ist wirklich heute alttestamentlicher Rückfall vorhanden, Atavismus, Rückfall in das Alte Testament! Die Menschheit will sich geradezu über die ganze Erde in einzelne Glieder spezialisieren, gegen den Christus Jesus, der für die ganze Menschheit gewest und gelebt hat. Die Menschheit will sich im Sinne der Volksgötter installieren, jahvemäßig installieren. Das war vor dem Mysterium von Golgatha gerechtfertigt, ist jetzt ein Rückfall. Das muß man nur richtig verstehen: Nationale Installierung ist heute ein Rückfall ins Alte Testament. Dieser Rückfall ins Alte Testament ist das, was schwere Prüfungen der modernen Menschheit auferlegen wird, und gegen das es nur das eine Heilmittel gibt: dem Christus auf geistigem Wege wiederum nahezukommen.
[ 18 ] Dadurch entsteht für den, der sich geisteswissenschaftlich interessiert, ganz besonders die Frage: Wie finden wir in dieser unserer Zeit aus unserem eigenen Herzen heraus, aus dem eigensten Impulse unserer Gegenwartsseelen heraus den Christus Jesus? Daß diese Frage sehr ernst ist — ich habe auch schon in diesem Zweige von anderen Gesichtspunkten aus öfter darüber gesprochen —, können Sie daraus entnehmen, daß gerade viele der offiziellen Träger des Christentums den Christus eigentlich doch verloren haben. Es gibt heute vielgenannte Pfarrer, Pastoren und so weiter, die sprechen von dem Christus. Sie sprechen davon, daß der Mensch durch eine gewisse innere Vertiefung, durch ein gewisses inneres Erleben einen Zusammenhang mit dem Christus gewinnen kann. Geht man näher dem nach, was diese Leute mit dem Christus meinen, da findet man, daß kein Unterschied besteht zwischen diesem Christus und dem Gott im allgemeinen, dem, was man den Vatergott nennt auch im Sinne des Evangeliums. Nicht wahr, ein berühmter Theologe zum Beispiel ist Harnack. Auch hier in der Schweiz eifern ihm viele nach. Harnack hat sogar ein Büchelchen «Das Wesen des Christentums» erscheinen lassen. Er spricht da viel von dem Christus. Aber was er über den Christus sagt, warum soll denn das überhaupt auf den Christus bezogen werden? Es ist gar kein Grund, das auf den Christus zu beziehen! Das kann ebensogut auf den Jahvegott bezogen werden. Daher ist das ganze Buch vom «Wesen des Christentums» innerlich eine Unwahrheit. Es wird zu einer Wahrheit erst, wenn man es hebräisiert, wenn man es übersetzt so, daß überall da, wo in den Sätzen «der Christus» steht, «Jahve» hingeschrieben wird. Damit spreche ich eine Wahrheit aus, von der die Leute in der Gegenwart kaum eine Ahnung haben, daß sie eine Wahrheit ist. Von unzähligen Kanzeln der Welt wird über den Christus gesprochen, und die Menschen glauben, daß mit Recht da über den Christus gesprochen wird, weil eben das Wort Christus dann gehört wird. Die Menschen überlegen sich nicht: Streiche ich von dem, was der Pastor sagt, das Wort «Christus» aus und setze «Jahve» dafür, dann erst paßt es! Sehen Sie, mit den tiefsten Schäden unserer Zeit hängt eine gewisse Unwahrheit zusammen. Glauben Sie nicht, daß in dem Augenblicke, wo ich das ausspreche, ich irgend jemanden treffen will, so daß ich ihn beschuldige oder ihn kritisiere. Das ist gar nicht der Fall. Ich will nur eine Tatsache aussprechen. Denn diejenigen Menschen, die oftmals in der tiefsten inneren Unwahrheit, man kann schon sagen, inneren Lüge sind, die wissen das nicht, sind durchaus in ihrer Art guten Wollens. Die Menschheit hat es heute schwer, zur Wahrheit zu kommen, weil sich gerade dasjenige, was ich hier als eine innere Unwahrheit bezeichnet habe, traditionell ungemein stark festgelegt hat. Und von dieser inneren Unwahrheit, die namentlich mit Bezug auf solche Dinge in unermeßlich großem Kreis herrscht, strahlt jene andere Unwahrheit aus, die heute die verschiedensten Zweige des Lebens ergriffen hat, so daß man auf mancherlei Zweigen des Lebens die Frage schon einmal aufstellen kann: Was ist denn eigentlich noch wahr geblieben? Wo ist denn noch wirkliche Wahrheit? — Deshalb rückt, ganz besonders an den geisteswissenschaftlich Strebenden, ernst die Frage heran: Wie finde ich den wahren Weg, der zu Christus führt, zu diesem besonderen göttlichen Wesen, das mit Recht als der Christus bezeichnet wird? — Wenn wir bloß geboren werden und von der Geburt bis zum Tode hier auf Erden mit einem Seelenleben leben, das sich nun einmal nach der gebräuchlichen Anlage und Entwicklung der Anlagen zwischen Geburt und Tod ergibt, dann haben wir nämlich gar keine Veranlassung, zu dem Christus zu kommen. Dann mag in uns noch so viel Geistiges vorgehen, wir haben keine Veranlassung zu dem Christus zu kommen. Wenn wir uns gewissermaßen, ohne daß wir etwas Gewisses tun, was ich gleich bezeichnen werde, einfach zwischen Geburt und Tod entwickeln, wie das die meisten Menschen heute tun, dann bleiben wir dem Christus fern. — Wie aber kommen wir zu dem Christus? Die Initiative, wenn auch die manchmal aus dem Unterbewußten oder aus dem dunklen Gefühl heraus kommende Initiative, den Weg zum Christus einzuschlagen, muß aus uns selbst kommen. Zu dem Gott, der auch identisch ist mit dem Gott Jahve, kann man kommen, wenn man einfach gesund lebt. Den Jahve nicht zu finden, ist bloß eine Art von Krankheit des Menschen. Gottesleugner, Atheist sein, bedeutet in einer gewissen Weise krank zu sein. Ist man überhaupt vollständig gesund normal entwickelt, so ist man nicht Gottesleugner, weil es lächerlich ist, zu glauben, daß dasjenige, was wir als unseren gesunden Organismus an uns tragen, nicht göttlichen Ursprungs sein könnte. Das Ex deo nascimur ist etwas, was im sozialen Leben dem gesund entwickelten Menschen sich von selbst ergibt. Denn erkennt er das nicht an: Aus dem Göttlichen bin ich geboren — so muß er irgendwie einen Defekt haben, der sich eben in der Weise ausdrückt, daß er Atheist wird. Aber da kommen wir zu dem Göttlichen im allgemeinen, das aus einer inneren Lüge heraus moderne Pastoren Christus nennen, das aber nicht der Christus ist. Zu dem Christus kommen wir nur — und ich spreche hier mit Bezug auf unsere unmittelbare Gegenwart —, wenn wir noch weitergehen, als das gewöhnlich naturgemäß Gesunde anzuerkennen. Denn wir wissen, daß das Mysterium von Golgatha deshalb auf die Erde gekommen ist, weil fernerhin der Mensch nicht das Menschenwürdige ohne dieses Mysterium von Golgatha, das heißt, ohne den Christus-Impuls hätte finden können. Und so müssen wir gewissermaßen unseren Menschen zwischen Geburt und Tod nicht nur finden, sondern wir müssen ihn wiederfinden, wenn wir Christen sein wollen im rechten Sinne, wenn wir dem Christus nahekommen wollen. Wir müssen ihn in der folgenden Weise wiederfinden, diesen unseren Menschen. Wir müssen die innere Ehrlichkeit suchen, müssen uns aufraffen zu der inneren Ehrlichkeit, uns zu sagen: Wir werden mit Bezug auf unsere Gedankenwelt nach dem Mysterium von Golgatha nicht vorurteilslos geboren, wir werden alle mit gewissen Vorurteilen geboren.
[ 19 ] In dem Augenblicke, wenn man in Rousseauscher oder in anderer Weise den Menschen von vornherein für vollkommen hält, kann man überhaupt nicht den Christus finden, sondern nur wenn man weiß, daß der Mensch in gewisser Weise als ein nach dem Mysterium von Golgatha Lebender einen Defekt hat, den er durch seine eigene Tätigkeit im Leben hier ausgleichen muß. Ich bin als ein vorurteilsvoller Mensch geboren und muß mir die Gedankenvorurteilslosigkeit im Leben erst erwerben. Und wodurch kann ich sie hier erwerben? Einzig und allein dadurch, daß ich nicht nur Interesse entwickele für dasjenige, was ich selber denke, was ich selber für richtig halte, sondern daß ich selbstloses Interesse entwickele für alles, was Menschen meinen und was an mich herantritt, und wenn ich es noch so sehr für Irrtum halte. Je mehr der Mensch auf seine eigenen eigensinnigen Meinungen pocht und sich nur für diese interessiert, desto mehr entfernt er sich in diesem Augenblicke der Weltentwicklung von dem Christus. Je mehr der Mensch soziales Interesse entwickelt für des anderen Menschen Meinungen, auch wenn er sie für Irrtümer hält, je mehr der Mensch seine eigenen Gedanken beleuchtet durch die Meinungen der anderen, je mehr er hinstellt neben seine eigenen Gedanken, die er vielleicht für Wahrheit hält, jene, welche andere entwickeln, die er für Irrtümer hält, aber sich dennoch dafür interessiert, desto mehr erfühlt er im Innersten seiner Seele ein Christus-Wort, das heute im Sinne der neuen Christus-Sprache gedeutet werden muß. Der Christus hat gesagt: «Was ihr einem der geringsten meiner Brüder tut, das habt ihr mir getan.» Der Christus hört nicht auf, immer wieder und wieder sich den Menschen zu offenbaren, bis ans Ende der Erdentage. Und so spricht er heute zu denjenigen, die ihn hören wollen: Was einer der geringsten eurer Brüder denkt, das habt ihr so anzusehen, daß ich in ihm denke, und daß ich mit euch fühle, indem ihr des anderen Gedanken an euren Gedanken abmesset, soziales Interesse habt für dasjenige, was in der anderen Seele vorgeht. Was ihr findet als Meinung, als Lebensanschauung in einem der geringsten eurer Brüder, darin suchet ihr mich selber. — So spricht in unser Gedankenleben hinein der Christus, der sich gerade auf eine neue Weise — wir nähern uns der Zeit — den Menschen des 20. Jahrhunderts offenbaren will. Nicht dadurch, daß man in Harnackscher Weise spricht von dem Gotte, der auch der Jahvegott sein kann und es in Wirklichkeit ist, sondern dadurch, daß man weiß, Christus ist der Gott für alle Menschen. Wir finden ihn aber nicht, wenn wir egoistisch in uns bleiben mit unseren Gedanken, sondern nur, wenn wir unsere Gedanken messen mit den Gedanken der anderen Menschen, wenn wir unser Interesse erweitern in innerer Toleranz für alles Menschliche, wenn wir uns sagen: Durch die Geburt bin ich ein vorurteilsvoller Mensch, durch meine Wiedergeburt aus den Gedanken aller Menschen heraus in einem umfassenden sozialen Gedankengefühl werde ich denjenigen Impuls in mir finden, der der Christus-Impuls ist. Wenn ich mich nicht, als den Quell alles dessen, was ich denke, nur selbst betrachte, sondern wenn ich mich als ein Glied der Menschheit bis in das Innerste meiner Seele hinein betrachte, dann ist ein Weg zu dem Christus gefunden. — Das ist der Weg, der heute als der Gedankenweg zu dem Christus bezeichnet werden muß. Ernste Selbsterziehung dadurch, daß wir uns einen Sinn für das Rechnen auf die Gedanken der anderen aneignen, daß wir dasjenige korrigieren, was wir als unsere eigene Richtung von selbst in uns tragen, an Unterhaltungen mit den anderen, es muß das eine ernste Lebensaufgabe werden. Denn würde unter den Menschen diese Lebensaufgabe nicht Platz greifen, so würden die Menschen den Weg zu dem Christus verlieren. Das ist der Weg der Gedanken heute.
[ 20 ] Und der andere Weg geht durch das Wollen. Auch da haben die Menschen sich sehr auf den Abweg begeben, der nicht zu dem Christus hinführt, der von dem Christus wegführt. Und wiederfinden müssen wir auf diesem anderen Gebiete den Weg zu dem Christus. Die Jugend hat von selbst noch etwas Idealismus, aber die heutige Menschheit ist trocken und nüchtern. Und die heutige Menschheit ist hochmütig auf dasjenige, was man oftmals Praxis nennt, was aber nur ein gewisser enger Sinn ist. Die heutige Menschheit hält nichts von Idealen, die aus dem Quell des Geistigen herausgeholt sind. Die Jugend hat sie noch, diese Ideale. In keiner Zeit war das Leben der Alten so sehr verschieden von dem Leben der Jugend, wie das heute ist. Nichtverstehen des Menschen ist überhaupt dasjenige, was unserer heutigen Zeit eignet.
[ 21 ] Ich habe gestern hingewiesen auf die tiefe Kluft, welche zwischen Proletariat und Bürgertum herrscht. Auch das Alter und die Jugend — wie schlecht verstehen sie sich heute! Das ist dasjenige, was wir auch sehr, sehr berücksichtigen sollen. Versuchen wir, die Jugend mit Bezug auf ihren Idealismus zu verstehen. Sehr schön, aber man will ihn heute der Jugend austreiben. Man will ihn dadurch heute austreiben, daß man der Jugend eine gewisse Phantasieerziehung, Phantasiebildung durch das Märchen, durch die Legende, durch alles dasjenige, was von dem trockenen äußeren Sinnlichen hinwegführt, entzieht. Dennoch wird es sogar schwierig sein, der Jugend dasjenige auszutreiben, was jugendlicher, natürlicher, elementarer Idealismus ist. Aber was ist das? Schön ist cs, groß ist es, aber es darf nicht das Alleinige im Menschen sein. Denn dieser jugendliche Idealismus ist doch nur der Idealismus des Ex deo nascimur, des Göttlichen, das auch mit dem Jahvegöttlichen identisch ist, das aber nicht allein bleiben darf, nachdem das Mysterium von Golgatha über die Erde hingegangen ist. Es muß daneben noch etwas anderes geben, es muß eine Erziehung, eine Selbsterziehung zum Idealismus geben. Neben dem angeborenen Idealismus der Jugend muß darauf gesehen werden, daß in der menschlichen Gemeinschaft etwas erworben wird, was eben erworbener Idealismus ist, was nicht bloß Idealismus aus Blut und Jugendfeuer heraus ist, sondern was anerzogen ist, was man sich selbst erst aus irgendeiner Initiative erwirbt. Anerzogener, namentlich selbstanerzogener Idealismus, der auch dann nicht verlorengehen kann mit der Jugend, das ist etwas, was den Weg zu dem Christus eröffnet, weil es wieder etwas ist, was im Leben zwischen Geburt und Tod eben erworben wird. Fühlen Sie den großen Unterschied zwischen Blutidealismus und dem anerzogenen, dem erworbenen Idealismus. Fühlen Sie den großen Unterschied zwischen Jugendfeuer und demjenigen Feuer, das aus dem Ergreifen des Geisteslebens kommt und immer von neuem und neuem entfacht werden kann, weil wir cs in unserer Seele, unabhängig von unserer leiblichen Entwicklung, uns angeeignet haben, dann haben Sie ergriffen den zweiten Idealismus, welcher der erworbene Idealismus ist, der Idealismus der Wiedergeburt, nicht der des Angeborenseins. Das ist der Willensweg zu dem Christus. Der andere ist der Gedankenweg. Fragen Sie heute nicht nach abstrakten Wegen zu dem Christus, fragen Sie nach diesen konkreten Wegen. Fragen Sie, wie der Gedankenweg ist, der darin besteht, daß wir innerlich tolerant werden für Meinungen der Gesamtmenschheit, daß wir soziales Interesse für die Gedanken der anderen Menschen gewinnen. Fragen Sie, wie der Willensweg ist, so werden Sie nicht irgend etwas Abstraktes finden, sondern die Notwendigkeit, einen Idealismus sich anzuerziehen. Dann aber, wenn Sie sich diesen Idealismus anerziehen, oder wenn Sie ihn der Jugend, der aufwachsenden Jugend anerziehen, was insbesondere notwendig ist, dann finden Sie in dem, was da als Idealismus heranerzogen wird, daß in dem Menschen der Sinn erwacht, nicht nur dasjenige zu tun, wozu die äußere Welt stößt. Sondern aus diesem Idealismus heraus quellen die Impulse, mehr zu tun, als wozu die Sinneswelt stößt, quillt der Sinn auf, aus dem Geiste heraus zu handeln. In dem, was wir aus anerzogenem Idealismus tun, verwirklichen wir dasjenige, was der Christus wollte, der nicht deshalb aus außerirdischen Welten auf die Erde herabgekommen ist, um bloß irdische Ziele hier zu verwirklichen, sondern aus der außerirdischen in die irdische Welt herabgekommen ist, um Überirdisches zu verwirklichen. Wir wachsen aber nur mit ihm zusammen, wenn wir uns Idealismus anerziehen, so daß Christus, der überirdisch im Irdischen ist, in uns wirken kann. Nur im anerzogenen Idealismus verwirklicht sich das, was das Paulinische Wort über den Christus sagen will: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Wer nicht versuchen will, den in innerer moralischer Wiedergeburt anerzogenen Idealismus zu entwickeln, der kann nichts anderes sagen als: Nicht ich, sondern der Jahve in mir. — Wer aber denjenigen Idealismus eben erwirbt, der anerzogen werden muß, der erworben werden muß, der kann sagen: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Das sind die zwei Wege, durch die wir den Christus wirklich finden. Wandeln wir sic, dann werden wir nicht mehr so sprechen, daß unser Sprechen eine innere Lüge ist. Dann werden wir von dem Christus sprechen als dem Gotte unserer inneren Wiedergeburt, während der Jahve der Gott unserer Geburt ist.
[ 22 ] Dieser Unterschied muß gefunden werden von dem neueren Menschen, denn dieser Unterschied allein ist zugleich das, was uns zu wahren sozialen Gefühlen, zu wahren sozialen Interessen bringt. Wer anerzogenen Idealismus in sich entwickelt, der hat auch Liebe für die Menschen. Predigen Sie, wieviel Sie wollen von den Kanzeln, die Menschen sollen sich lieben. Sie reden wie zum Ofen. Wenn Sie ihm gut zureden, er wird doch nicht das Zimmer heizen, er wird das Zimmer heizen, wenn Sie Kohle hinein tun. Sie brauchen ihm dann gar nicht zuzureden, daß es seine Ofenpflicht ist, das Zimmer zu wärmen. So können Sie der Menschheit immer predigen: Liebe und Liebe und Liebe. Das ist eine bloße Rederei, das ist ein bloßes Wort. Arbeiten Sie dahin, daß die Menschen in bezug auf den Idealismus eine Wiedergeburt erleben, daß sie neben dem Blutidealismus einen seelisch anerzogenen Idealismus haben, der durchhält durch das Leben, dann heizen Sie auch in der Seele des Menschen Menschenliebe. Denn so viel Sie an Idealismus sich selber anerziehen, so viel führt Sie Ihre Seele von Ihrem Egoismus hinaus zu einem selbständigen Gefühlsinteresse für die anderen Menschen. Eines werden Sie allerdings erleben, wenn Sie diesen zweifachen Weg gehen, den Gedankenweg und den Willensweg, den ich mit Bezug auf die Erneuerung des Christentums Ihnen angedeutet habe. Aus den innerlich toleranten und sich für andere Gedanken interessierenden eigenen Gedanken heraus und aus dem wiedergeborenen Willen, in anerzogenem Idealismus wiedergeborenen Willen, da entwickelt sich etwas, das nicht anders bezeichnet werden kann als ein für alle Dinge, die man tut und denkt, erhöhtes Verantwortlichkeitsgefühl. Der Mensch, der Neigung hat, hinzusehen auf die Entwicklung seiner Seele, wird, wenn er die beiden Wege geht, in sich fühlen — anders als im gewöhnlichen Leben, das nicht diese Wege geht — das erhöhte, verfeinert sich äußernde innere Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber den Dingen, die man denkt, die man tut. Stößt so das Verantwortlichkeitsgefühl auf, daß man sich sagt: Kann ich denn das auch rechtfertigen, nicht bloß für den nächsten Kreis meines Lebens und der unmittelbaren Umgebung, kann ich es denn rechtfertigen, indem ich mich weiß angehörig einer übersinnlich-geistigen Welt? Kann ich es denn rechtfertigen, indem ich weiß, daß alles das, was ich hier auf Erden tue, eingeschrieben wird in eine Akasha-Chronik ewiger Bedeutung, wo es weiter wirkt? — Oh, das fühlt man stark, diese übersinnliche Verantwortlichkeit gegenüber allem! Das ist etwas, das wie ein Mahner an einen herantritt, wenn man den zweifachen Christus-Weg sucht, wie ein Wesen, das hinter einem steht, einem über die Schulter blickt, einem immer sagt: Du bist nicht nur vor der Welt, du bist vor dem Göttlich-Geistigen verantwortlich für das, was du denkst und tust.
[ 23 ] Aber dieses Wesen, das uns so über die Schulter blickt, unser Verantwortlichkeitsgefühl erhöht, verfeinert, auf ganz andere Wege bringt, als es vorher war, ist doch dasjenige, welches uns erst recht nahe hinführt zu dem Christus, der durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Von diesem Christus-Wege, wie er gefunden wird und wie er sich in dem zuletzt charakterisierten Wesen zeigt, wollte ich Ihnen heute sprechen. Denn dieser Christus-Weg hängt innig zusammen gerade mit den tiefsten sozialen Impulsen und Aufgaben unserer Zeit.
[ 24 ] Das wollte ich Ihnen bei diesem unserem Zusammensein nahebringen.
