Der innere Aspekt des sozialen Rätsels
Luziferische Vergangenheit und ahrimanische Zukunft
GA 193
8 Februar 1919, Bern
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Die öffentlichen Vorträge in diesen Tagen haben über das soziale Problem gehandelt, über die sozialen Forderungen der Gegenwart, wie sie nicht nur, ich möchte sagen, der Beobachtung in Gedanken sich ergeben, sondern wie sie auftreten in den Tatsachen, in den Ereignissen des gegenwärtigen Weltlebens.
[ 2 ] Alle diese Dinge, die sich auf das Leben des Menschen beziehen und deren Betrachtung heute im weitesten Sinne und für die weitesten Kreise durchaus eine Notwendigkeit ist, sie können gerade von dem anthroposophisch orientierten Menschen noch vertieft werden. Denn wir dürfen niemals, wenn wir uns als Angehörige der anthroposophischen Bewegung fühlen, vergessen, daß es zu unserer innigsten Empfindung gehören muß, alle Dinge der Welt so zu betrachten, daß wir die äußeren Erscheinungen, die äußeren Tatsachen für unsere eigene Anschauung noch durchdringen mit den Erkenntnissen, die wir aus der geistigen Welt heraus gewinnen. Dadurch gewinnen für uns erst alle Dinge das rechte Gesicht der Wirklichkeit, daß wir sie von dem Spirituellen durchsetzt zu denken imstande sind, von jenem Wesen, welches sich zunächst in der äußerlichen irdischen Welt verbirgt, welches aber doch wirklich auch in dieser irdischen Welt lebt.
[ 3 ] Ich habe schon, als ich das letzte Mal hier unter Ihnen sein konnte, einige Andeutungen auch vom Standpunkte anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft über die sozialen Impulse des Menschenlebens Ihnen gegeben. Wir haben dazumal schon den Menschen als soziales Wesen, als ein Wesen mit sozialen und antisozialen Instinkten, zu betrachten versucht. Nur dürfen wir eben niemals außer acht lassen, daß wir, indem wir Menschen dieser Erde sind, hereinbringen in dieses unser Erdendasein die Wirkung, das Ergebnis desjenigen, was wir durchmachen in der Zeit, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verfließt. Wir bringen jeweilig in unser irdisches Leben herein die Ergebnisse unseres letzten geistigen Lebens, unseres letzten Aufenthaltes in der rein übersinnlichen Welt. Und wir betrachten unser irdisches Leben nicht vollständig, wenn wir nicht ins Auge fassen, wie dasjenige, was wir tun, dasjenige, was in der Welt für uns vorgeht in dem Zusammenleben mit Menschen, zugleich etwas an sich trägt von dem, was als Wirkungen unseres Lebens in der geistigen Welt sich ergibt, aus der wir durch die Geburt herausgetreten sind, deren Spuren, deren Kräfte wir aber in diese Welt mit hereinnehmen.
[ 4 ] Das ist auf der einen Seite dasjenige, was für uns Menschen hereinragt aus der geistigen Welt in die physische Welt. Wir dürfen auf der anderen Seite aber auch nicht außer acht lassen, daß sich in dem Leben, das wir hier auf der Erde durchmachen, Dinge abspielen, die zunächst gar nicht ganz voll in unser Bewußtsein treten, die mit uns, um uns vorgehen, ohne daß wir Veranlassung nehmen, sie deutlich in unserem Bewußtsein aufzufassen, und daß wir gerade von diesen Erlebnissen, die gewissermaßen im Unterbewußten bleiben während unseres irdischen Lebens zwischen Geburt und Tod, Wichtigstes durch des Todes Pforte wieder hinaustragen in die übersinnliche Welt, die wir wiederum miterleben, wenn wir durch den Tod eben aus der irdischen Welt heraustreten. Es spielt sich in unserem irdischen Leben manches mit uns ab, was eben nicht seine Bedeutung hat für dieses irdische Leben, sondern als Vorbereitung für das nachtodliche Leben — wenn ich diesen Ausdruck «nachtodliches Leben» im Gegensatz zu dem «vorgeburtlichen Leben» gebrauchen darf.
[ 5 ] Nun, insbesondere eine solche Betrachtung, von der ich gestern im öffentlichen Vortrag gesprochen habe, ergibt sich erst mit der vollen konkreten Deutlichkeit, wenn man sie auch aus der Richtung her zu beleuchten versteht, von der das Licht aus der übersinnlichen Welt kommt. Und nach dieser Richtung hin möchte ich Ihnen dieses, gerade in der Gegenwart so aktuelle Thema auch anthroposophisch heute vertiefen. Ich möchte das soziale Problem heute betrachten als ein Problem der Gesamtmenschheit. Für uns aber ist die Gesamtmenschheit nicht nur die Summe der Seelen, die gerade in einem bestimmten Zeitpunkt sozial zusammen auf der Erde leben; sondern auch jene, die in dieser bestimmten Zeit in der übersinnlichen Welt sind, sie sind durch geistige Bande mit den Menschen verbunden, gehören zu dem, was wir die Gesamtheit der Menschen nennen können. Betrachten wir zunächst einmal dasjenige, was man im irdischen Sinne das menschliche Geistesleben nennt.
[ 6 ] Im irdischen Sinne ist das menschliche Geistesleben nicht das Leben der geistigen Wesenheiten, sondern dasjenige, was die Menschen in ihrem sozialen Zusammensein als geistiges Leben durchmachen. Zu diesem Geistesleben gehört vor allen Dingen alles das, was Wissenschaft, Kunst, Religion umfaßt. Es gehört aber zu dem geistigen Leben auch alles das, was Schule, Erziehung betrifft. Was die Menschen im sozialen Zusammensein erleben als geistiges Kulturleben, das wollen wir einmal als erstes ins Auge fassen. Sie wissen ja aus einer solchen Mitteilung wie die, welche ich gestern gegeben habe, daß dieses geistige Leben — alles Schulwesen, alles Erziehungswesen, alles wissenschaftliche, künstlerische, literarische Leben und so weiter — eine abgesonderte soziale Gestaltung für sich bilden muß. Für die äußere Welt kann man das nur aus den Gründen heraus klarmachen, die diese äußere Welt heute einmal zugibt. Es kann vollständig klarwerden: Der gesunde Menschenverstand muß vollständig hinreichen, diese Dinge voll zu verstehen. Aber sie konkret anzuschauen, das wird noch ganz besonders möglich demjenigen, der sich auf die anthroposophisch orientierte Betrachtung der Welt einläßt. Einem solchen erscheint nämlich das, was man so irdisches Geistesleben nennt, noch in einem ganz besonderen Lichte.
[ 7 ] Durch die neuzeitliche Entwicklung ist doch dieses geistige Leben, das sich unter dem Einfluß des Bürgertums, der Intellektuellen des Bürgertums zu einer bloßen Ideologie abgelähmt hat, das daher die Proletarier in ihrer Weltanschauung wie eine bloße Ideologie übernommen haben, und das die Zweige umfaßt, die ich besprochen habe, ein solches, das uns bloß aufsteigt aus dem wirtschaftlichen Leben. So stellt es sich ja ungefähr heute die proletarische Weltanschauung vor: Alles das, was religiöse Überzeugung und religiöse Gedanken sind, alles das, was künstlerische Leistungen sind, alles, was Rechts- und sittliche Anschauungen sind, das ist, wie die proletarische Weltanschauung sagt, ein Überbau, gewissermaßen etwas, was als geistige Rauchwolken aufsteigt aus der einzig wahren Wirklichkeit, der wirtschaftlichen Wirklichkeit. Zur Ideologie, zu dem, was bloß erdacht wird, wird dieses irdische Geistesleben. Für den, der die Grundlagen kennt, aus denen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft kommt, ist aber das, was da als geistiges Kulturleben den Menschen umspannt, eine Gabe der geistigen Wesenheiten selbst. Für den dampft es nicht von unten herauf aus den wirtschaftlichen Untergründen, sondern für den strömt es herab aus dem Leben der geistigen Hierarchien. Das ist der radikale Unterschied zwischen dem, was sich aus der bürgerlichen Weltbetrachtung und ihrem Erbe in der proletarischen Weltanschauung ausdrückt — daß im Grunde genommen für dasjenige, was sich seit dem 15., 16. Jahrhundert in der Menschheit entwickelt hat, die geistige Welt ideologisch ist, ein bloßer Dunst, der aufsteigt aus den wirtschaftlichen Harmonien und Disharmonien — und derjenigen Weltanschauung, die da kommen muß, die allein das Heil bringen kann, welches herausführt aus dem gegenwärtigen Chaos, für die das, was herunterströmt, aus dem wirklichen Geistleben der Welt strömend ist, der wir als der spirituellen Welt ebenso angehören, wie wir durch unsere Sinne, durch unseren Verstand der physisch-irdischen Welt angehören. Aber jetzt, wo wir in der fünften nachatlantischen Periode angelangt sind, finden wir uns als soziales Wesen in den sozialen menschlichen Organismus mit diesem Geistesleben nur dadurch hinein, daß wir für dieses irdische Geistesleben vorbereitet werden durch jene Beziehungen, die wir vor der Geburt, wo wir noch nicht heruntergestiegen sind zum irdischen Dasein, eingehen mit anderen geistigen Wesenheiten der Hierarchien, wie wir sie öfter angeführt haben. Das ist das, was sich der geistigen Forschung als eine wichtige Tatsache des Lebens ergibt.
[ 8 ] Wir treten, indem wir durch die Geburt ins Dasein kommen, in einer zweifachen Weise mit Menschen in Beziehung. Unterscheiden Sie diese zweifache Beziehung genau, in die wir mit Menschen kommen. Das eine Verhältnis, das wir mit Menschen eingehen, mit Menschen eingehen müssen, das ist das Schicksalsmäßige. Wir kommen zu dem einen oder zu dem anderen Menschen, zu einer größeren oder geringeren Anzahl von Menschen in einen schicksalsmäßigen Zusammenhang. Wir treten, indem wir durch die Geburt ins irdische Dasein kommen, in eine bestimmte Familie ein. Zu Vater und Mutter, zu den Geschwistern, zu der weiteren Familie kommen wir in einen schicksalsmäßigen Zusammenhang.
[ 9 ] Wir kommen mit anderen Menschen, als einzelner Mensch dem einzelnen Menschen gegenüber, in schicksalsmäßige Zusammenhänge. Wir leben als einzelner Mensch dem anderen Menschen gegenüber unser Karma aus. Wie kommt dieses Karma zustande? Wie kommen diese schicksalsmäßigen Zusammenhänge zustande? Sie kommen dadurch zustande, daß sie sich vorbereitet haben durch diese oder jene Lebenstatsache der vorhergehenden Erdenleben. Also fassen Sie das wohl auf: Sie kommen, indem Sie durch die Geburt ins Dasein eintreten, mit anderen Menschen, als einzelner Mensch dem einzelnen Menschen gegenüber, in schicksalsmäßigen Zusammenhang, gemäß dem, was Sie mit diesem Menschen gelebt haben in verflossenen Erdenleben. Das ist die eine Art, wie Sie Verhältnisse eingehen mit anderen Menschen: schicksalsmäßig.
[ 10 ] Sie gehen aber noch andere Verhältnisse mit den Menschen ein. Sie gehören als Glied eines Volkes eben einer Gruppe von Menschen an, mit denen Sie nicht in solcher Art, wie es eben geschildert worden ist, schicksalsmäßig zusammenhängen. Sie werden in ein Volk hineingeboren, wie in ein bestimmtes Territorium. Das hängt gewiß auf der einen Seite mit Ihrem Karma zusammen, aber dadurch werden Sie gewissermaßen zusammengeschmiedet im sozialen Organismus mit vielen Menschen, mit denen Sie nicht schicksalsmäßig zusammengehören. In einer Religionsgemeinschaft haben Sie eventuell die gleichen religiösen Empfindungen mit einer Anzahl von anderen Menschen, mit denen Sie durchaus nicht schicksalsmäßig zusammengeschmiedet sind. Das geistige, das irdisch-geistige Leben bringt ja die mannigfaltigsten gesellschaftlichen, sozialen Zusammenhänge unter die Menschen, die durchaus nicht alle schicksalsmäßig begründet sind. Diese Zusammenhänge werden nun nicht etwa alle in vorhergehenden Erdenleben vorbereitet, sondern in der Zeit, die Sie durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Namentlich wenn es so gegen die zweite Hälfte dieses Lebens geht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, dann treten Sie zu den Wesenheiten, vor allem der höheren Hierarchien, in ein Verhältnis, durch welches Sie von den Kräften dieser Hierarchien so beeinflußt werden, daß Sie geistig zusammengeschweißt werden mit verschiedenen Menschengruppen. Das, was Sie da als geistiges Leben erleben in Religion, in Kunst, im Volkszusammenhang, in der bloßen Sprachgemeinschaft zum Beispiel, was Sie erleben durch eine ganz bestimmt gerichtete Erziehung und so weiter, das alles bereitet sich schon vor außerhalb der reinen karmischen Strömungen im vorgeburtlichen Leben. Sie tragen herein in das physisch-irdische Dasein das, was Sie schon erlebt haben in dem vorgeburtlichen Leben. Und es spiegelt sich dasjenige, was Sie, allerdings auf eine ganz andere Weise, im vorgeburtlichen Leben erleben, ab in dem, was Geistesleben, geistiges Kulturleben im Irdischen ist.
[ 11 ] Nun entsteht für den, der eine solche Tatsache der geistigen Welt in vollem Sinne ernst zu nehmen vermag, cine ganz bestimmte Frage, die Frage: Wie wird man nun eigentlich gerecht, im höheren Sinne gerecht diesem irdischen Geistesleben, wenn man weiß, daß dieses irdische Geistesleben der Abglanz ist dessen, was man schon erlebt hat im wahren, konkreten Geistesleben vor der Geburt? Man wird diesem irdischen Geistesleben nur gerecht, wenn man es eben nicht als Ideologie anschaut, sondern wenn man weiß, darinnen lebt die geistige Welt. Und wir stellen uns nur in der rechten Weise zu diesem irdischen Geistesleben, wenn uns bewußt wird: darinnen sind überall die Wirkenskräfte der geistigen Welt selber zu finden. Stellen Sie sich einmal hypothetisch vor: Dasjenige, was die Wesen — seien es die Wesen der höheren Hierarchien, die niemals einen irdischen Leib annehmen, oder seien es auch die noch nicht geborenen Menschen, Menschen, die noch nicht durch die Pforte der Geburt ins irdische Leben eingetreten sind —, was diese der übersinnlichen Welt angehörenden Wesen denken, was sie als ihr Seelenleben durchmachen, das lebt; das lebt in einer Art von traumhaftem Abbild in der irdisch-geistigen Kulturwelt. So daß wir berechtigterweise immer die Frage stellen können, wenn irgendeine künstlerische, irgendeine religiöse, irgendeine Tatsache des Erziehungslebens an uns herantritt: Was lebt darinnen? — Nicht bloß, was die Menschen hier auf der Erde gemacht haben, sondern was einfließt aus den Kräften, aus den Gedanken, aus den Impulsen, aus dem ganzen Seelenleben der höheren Hierarchien, das lebt darinnen. Wir sehen die Welt niemals vollständig an, wenn wir verleugnen diese sich durch unsere geistig-irdische Kultur gewissermaßen spiegelnden Gedanken der geistigen Wesen, die nicht auf dieser Erde verkörpert sind, entweder überhaupt nicht verkörpert sind, oder gerade jetzt nicht verkörpert sind. Können wir uns empfindungsgemäß aneignen, ich möchte sagen, dieses heilige Anschauen der geistigen Welt um uns herum, daß wir diese geistige Welt halten können für dasjenige, was uns die geistigen Wesen selber schenken, womit uns die geistigen Wesen umgeben, dann werden wir in der richtigen Weise für dieses Geschenk der übersinnlichen Welt, das wir als irdisch-geistige Kulturwelt erleben, dankbar sein können. Dadurch stellt sich diese geistige Kulturwelt notwendig als etwas Selbständiges herein in die ganze soziale Struktur der Menschheit, daß sie die Fortwirkung desjenigen ist, was wir vor der Geburt mitmachen in der geistigen Welt. Beleuchtet man das soziale Leben mit dem Lichte der spirituellen Erkenntnis, dann wird es zu einer Selbstverständlichkeit, in diesem geistigen Leben eine abgesonderte, selbständige Wirklichkeit anzunehmen.
[ 12 ] Das zweite Gebiet der sozialen Struktur ist das, was man nennen könnte den äußeren Rechtsstaat, das politische Leben im engeren Sinne, dasjenige, was sich bezieht auf die Ordnung der Rechtsverhältnisse von Mensch zu Mensch, dasjenige, worinnen alle Menschen gleich sein sollen vor dem Gesetz. Es ist dies das eigentliche Staatsleben. Und das eigentliche Staatsleben sollte im Grunde genommen nichts anderes sein als dieses. Gewiß, man kann wieder aus Gründen des reinen, gesunden Menschenverstandes die Notwendigkeit einsehen, daß dieses Staatsleben, dieses Leben des öffentlichen Rechts, dieses Leben, das sich auf die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz bezieht, überhaupt auf die Gleichheit von Mensch zu Mensch, daß dieses Glied des sozialen Organismus für sich selbständig dastehen muß. Beleuchtet man die Sache aber wiederum mit dem Blicke, der geschärft ist an anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, so zeigt sich noch etwas ganz anderes.
[ 13 ] Dieses Leben, das eigentliche Staatsleben ist innerhalb der sozialen Organe das, was allein nichts zu tun hat mit Vorgeburtlichkeit, nichts zu tun hat mit Nachtodlichem. Das ist dasjenige, was seine Ordnung, seine Orientierung rein nur findet in der Welt, die der Mensch durchlebt zwischen der Geburt und dem Tode. Der Staat ist nur dann ein in sich abgeschlossenes Ganzes mit seiner Urwesenheit, wenn er sich auf nichts erstreckt, was in die übersinnliche Welt hineinragt, sei es nach der Seite der Geburt, sei es nach der Seite des Todes. «Gebet dem Cäsar, was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes ist.» — Gebet aber nicht — so muß man ergänzen — dem Cäsar, was Gottes ist, und Gott, was des Cäsars ist. — Der wird es zurück weisen!
[ 14 ] Die Dinge müssen reinlich gesondert werden, wie die einzelnen Systemgliederungen im menschlichen natürlichen Organismus. Alles das, was das Staatsleben umfassen kann, was man staatlich diskutieren, staatlich abmachen kann, hat nur Beziehung auf das Zusammenleben zwischen Mensch und Mensch. Das ist das Wesentliche. Das haben die tieferen religiösen Naturen in allen Zeiten empfunden. — Die anderen Menschen, die nicht tief religiöse Naturen waren, die haben es sogar nicht einmal gestattet, daß man frei, ehrlich und aufrichtig über diese Dinge redet. — Denn eine Vorstellung hat sich gerade in den tieferen religiösen Naturen über diese Dinge festgesetzt. Diese tieferen religiösen Naturen sagten sich: Staat, er umfaßt das Leben, das, insofern die Menschheit in Betracht kommt, nur mit alledem zu tun hat, was zwischen Geburt und Tod liegt, was sich auf das bloße Irdische bezieht. — Schlimm ist es, wenn dasjenige, was sich bloß auf das Irdische bezieht, seine Herrschaft ausdehnen will auf das Überirdische, auf das Übersinnliche, auf dasjenige, was über Geburt und Tod hinaus liegt. Über Geburt und Tod hinaus liegt aber das irdische Geistesleben, denn es enthält die Schatten der seelischen Erlebnisse der übersinnlichen Wesenheiten. Bemächtigt sich dasjenige, was im bloßen Staatsleben pulst, des Lebens der irdischen Geistigkeit, so nannten tiefere religiöse Naturen dies: Die Macht, welche ausübt der widerrechtliche Fürst dieser Welt. — Hinter dem Ausdruck «der widerrechtliche Fürst dieser Welt» verbirgt sich dasjenige, was ich eben angedeutet habe. Das ist auch der Grund, warum in denjenigen Kreisen, die ein Interesse daran haben, zu konfundieren die drei Glieder des sozialen Organismus, von diesem widerrechtlichen Fürsten dieser Welt nicht gern gesprochen wird, es sogar verpönt ist, davon zu sprechen.
[ 15 ] Etwas anders verhält sich die Sache wiederum mit dem, was an Denken, an Empfinden, an Seelenimpulsen im Menschen sich dadurch entwickelt, daß er dem wirtschaftlichen Gliede des sozialen Organismus angehört. Das ist etwas höchst Eigentümliches. Allein Sie werden sich schon daran gewöhnt haben, daß Sie in Ihren Anschauungen durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in manches zunächst paradox Erscheinende hineinkommen müssen. Wenn wir heute von dem wirtschaftlichen Gliede des sozialen Organismus sprechen, so müssen wir uns allerdings darüber klar sein, daß so, wie wir jetzt sprechen, dies eben eine Eigentümlichkeit des fünften nachatlantischen Zeitraums ist. In früheren Epochen der Menschheitsentwickelung waren diese Dinge anders. Daher gilt das, was ich zu sagen habe in dieser Richtung, insbesondere mit Bezug auf unsere Gegenwart und auf die Zukunft. Aber mit Bezug auf unsere Gegenwart und Zukunft muß gesagt werden: In früheren Zeiten lebte sich der Mensch instinktiv in das Wirtschaftsleben hinein. Jetzt muß das Hineinleben in die Wirtschaft immer bewußter und bewußter werden. So wie der Mensch — ich sagte es schon — schulmäßig das Einmaleins lernt, wie er andere Dinge schulmäßig lernt, so muß er schulmäßig in der Zukunft die Dinge lernen, die sich auf das Leben in dem sozialen Organismus, auf das wirtschaftliche Leben beziehen. Der Mensch muß sich fühlen können als ein Glied des Wirtschaftsorganismus. Es wird freilich für manche Menschen eine Unbequemlichkeit sein, weil schon einmal andere Denk- und Empfindungsgewohnheiten eingerissen sind, welche durchgreifende Änderungen erfahren müssen. Nicht wahr, wenn heute einer nicht wissen würde, wieviel drei mal neun ist, so würde er für einen ungebildeten Menschen gehalten werden. In manchen Kreisen wird einer schon für einen ungebildeten Menschen gehalten, wenn er nicht weiß, wer Raffael oder Leonardo war. Aber man wird im allgemeinen in gewissen Kreisen heute nicht für einen ungebildeten Menschen gehalten, wenn man keinen rechten Aufschluß zu geben vermag über das, was Kapital ist, was Produktion, was Konsumtion in ihren Verhältnissen sind, was Kreditwesen ist und so weiter, gar nicht zu reden davon, daß die wenigsten Menschen eine klare Vorstellung von dem haben, was ein Lombardgeschäft ist und dergleichen.
[ 16 ] Nun werden sich diese Begriffe unter dem Einfluß der sozialen Umgestaltung gewiß ändern, und man wird in der Zukunft leichter in die Möglichkeit versetzt werden, über diese Dinge entsprechenden Aufschluß suchen zu wollen und ihn haben zu wollen. Heute wird ja der Mensch ziemlich ratlos, wenn er sich über diese Dinge einen rationellen Aufschluß verschaffen will. Denn was würde natürlicher sein, als daß jemand, um nun zu wissen, was eigentlich Kapital ist, ein nationalökonomisches Handbuch von einem berühmten Nationalökonomen in die Hand nehmen würde? Wenn Sie drei verschiedene Handbücher von Nationalökonomie heute in die Hand nehmen, dann werden Sie in den drei verschiedenen Handbüchern auf drei verschiedene Arten definiert finden, was eigentlich Kapital ist. Denken Sie nur, was Sie für eine eigentümliche Ansicht haben würden über die Geometrie, wenn Sie drei Geometrien von drei verschiedenen Verfassern in die Hand nehmen würden und in einer jeden den pythagoreischen Lehrsatz in einer anderen Weise dargestellt finden würden, wenn er für Sie überall einen anderen Inhalt haben würde. Diese Dinge sind so, daß allerdings heute auch die Autoritäten auf dem Gebiet der Nationalökonomie recht wenig wirklichen Aufschluß geben können in diesen Sachen. Man kann es also dem allgemeinen Publikum gar nicht so übelnehmen, wenn es einen solchen Aufschluß nicht sucht. Aber er wird gesucht werden müssen, er wird eintreten müssen. Der Mensch wird die Brücke schlagen müssen von sich zu der, namentlich wirtschaftlichen, Struktur des sozialen Organismus. Er wird in bewußter Weise sich als Subjekt in die Wirtschaft einfügen müssen, in den sozialen Organismus. Da wird er denken lernen, wie er zu den anderen Menschen in Beziehung steht, einfach dadurch, daß er mit ihnen gemeinschaftlich auf einem bestimmten Territorium über die verschiedensten Gegenstände Wirtschaft führt. Dieses Denken, das man da entwickelt, und in das einfließt das ganze Verhältnis der Naturordnung zum Menschen, ist ein ganz anderes Denken als dasjenige, das sich zum Beispiel in der Welt der geistigen Kultur entwickelt. In der Welt der geistigen Kultur erleben Sie mit dasjenige, was Wesenheiten der höheren Hierarchien denken, was Sie selbst erlebt haben in ihrem vorgeburtlichen Leben. In dem Denken, das Sie entwickeln als Angehöriger des sozialen Wirtschaftskampfes, da denkt immer — so paradox Ihnen das erscheinen muß — ein anderer Mensch in Ihnen mit, ein tieferer Mensch in Ihnen. Gerade dann, wenn Sie sich als Glied eines Wirtschaftskörpers fühlen, denkt ein tieferer Mensch in Ihnen mit. Sie sind angewiesen, mit Ihrem Denken äußere Lebensfaktoren zusammenzufügen. Sie müssen denken: Wie wird der Preis von dem oder jenem? Wie erlange ich die eine Ware, wie die andere Ware und so weiter? Da huschen Sie gewissermaßen mit Ihren Gedanken über die äußeren Tatsachen hin; da lebt nicht Geistiges, da lebt Äußeres, Materielles in Ihrem Denken. Gerade weil Äußeres, Materielles in Ihrem Denken lebt, weil Sie denkend miterleben müssen, nicht bloß instinktiv miterleben wie das Tier, dasjenige, was im Wirtschaftsleben vor sich geht, deshalb denkt in Ihnen fortwährend noch ein anderer, tieferer Mensch über diese Dinge nach; der setzt die Gedanken erst fort, er macht die Gedanken erst so, daß sie ein Ende, einen Zusammenhang haben. Und das ist gerade der Mensch, der wesentlich mitwirkt bei alledem, was Sie durch den Tod in die übersinnliche Welt hineintragen. So paradox es manchem erscheint, gerade das Nachdenken über die materiellen Dinge hier in der Welt, zu dem der Mensch gezwungen ist, das erregt in ihm, weil es nie fertig ist, weil es nie etwas Abgeschlossenes ist, ein anderes inneres geistiges Leben, das er hineinträgt durch den Tod in die übersinnliche Welt. So stehen die Empfindungen, die Impulse, die wir gerade im Wirtschaftsleben entwickeln, mit unserem nachtodlichen Leben in einem engeren Zusammenhange, als die Menschen glauben. Das mag heute manchem sonderbar und paradox erscheinen; allein es ist, nur ins Bewußtsein umgesetzt, dasjenige, was sich in atavistischen Zeiten der Menschheitsentwicklung, dadurch, daß dazumal die spirituelle Welt in die Instinkte des Menschen eingezogen ist, bei den Menschen gerade damals ausgebildet hat. Ich will Sie auf folgendes aufmerksam machen.
[ 17 ] Bei einzelnen sogenannten Naturvölkern finden sich frappierende Einrichtungen. Nun müssen wir uns durchaus nicht die unsinnige und törichte Vorstellung machen von den Naturvölkern, welche sich die heutige Völkerkunde, die heutige Anthropologie macht. Die heutige Anthropologie denkt: Es gibt solche Naturvölker, zum Beispiel die eingeborenen Australier, die stehen auf der ursprünglichsten Stufe der Menschheit, und die heutigen kultivierten Völker waren auch früher einmal so wie heute diese Naturvölker. — Das ist Unsinn! Die Sache ist vielmehr so, daß das, was man heute Urvölker nennt, in die Dekadenz Gekommenes ist; das ist Heruntergesunkenes von einer anderen Stufe. Nur haben die heutigen Urvölker in sich die früheren Zeiten bewahrt, was sich bei den sogenannten zivilisierten Völkern maskiert hat. Deshalb kann man bei sogenannten Urvölkern noch manches studieren, was in einer anderen Form vorhanden war in den Zeiten des alten atavistischen Hellsehens. Und da gab cs denn zum Beispiel folgende Einrichtungen: Da gab cs die Einrichtung, daß in einem Stamme die Angehörigen dieses Stammes in kleinere Gruppen zerfielen; jede dieser kleineren Gruppen hatte einen bestimmten Namen, der entlehnt war einer Pflanze oder einem Tier, wie sie innerhalb des Gebietes vorkamen, auf dem diese Gruppe lebte. Mit dieser Benennung kleinerer Gruppen innerhalb größerer Zusammenhänge war folgendes verbunden: zum Beispiel eine Gruppe — nun gebrauchen wir moderne Namen, nur um uns zu verständigen —, eine Gruppe, welche den Namen trug «Roggen», die hatten dafür zu sorgen, daß der Roggenbau auf diesem Terrain ordentlich getrieben wurde, daß die anderen Leute, die nicht den Namen «Roggen» hatten, mit Roggen versorgt werden konnten. Zu wachen über den Roggenbau, über die Verbreitung des Roggens hat ten als Aufgabe diese Leute, die den Namen «Roggen» trugen. Und die anderen, die wieder andere Namen hatten, die setzten voraus, daß sie versorgt würden mit dem Roggen von dieser einen Gruppe aus. Eine andere Gruppe hatte zum Beispiel den Namen «Rind»: sie hatte die Aufgabe, die Rinderkultur zu betreiben und die anderen zu versorgen mit Rindern, mit alldem, was dazugehört. Diese Gruppen hatten nicht nur die Aufgabe, die anderen zu versorgen, sondern zugleich war es den anderen verboten, die betreffende Pflanze oder das Tier zu kultivieren, was ein Recht des einen Totems, wie man sagte, war. Das ist der wirtschaftliche Sinn des Totems, der in dem Gebiete, wo dieses Totem herrschte, Mysterienkultur zugleich war. Mysterienkultur, die nicht, wie sich der heutige Mensch träumt, bloß in höheren Regionen ist, sondern die gerade aus den Ratschlüssen der Götter heraus, welche für die Angehörigen der Mysterien erforschbar waren, bis ins einzelnste des Menschenlebens hinein dieses Menschenleben ordneten. Sie ordneten den Stamm nach Totemgebilden, nach Totemgruppen und bewirkten dadurch eine entsprechende wirtschaftliche Organisation neben dem, daß sie in einer bestimmten Art den Menschen offenbarten, wie die geistige Welt beschaffen ist, wie die geistige Welt hereinragt in das irdische Geistesleben, so wie es dazumal eben richtig war für die betreffenden Zeiten. Wie sie für das Rechtsleben, das bloß irdischen Charakter trägt, in ihrer Art sorgten, so bereiteten sie die Menschen hier auf der Erde durch die Ordnung des Wirtschaftslebens so vor, daß die Menschen dann durch den Tod wiederum in eine andere Welt eintreten konnten, in der sie Zusammenhänge entfalten mußten, die sie hier auf Erden nur durch den Umgang mit den außermenschlichen Wesen der übrigen Naturreiche vorbereiten konnten. Da haben diese Leute aus alten Zeiten unter der Führung ihrer Eingeweihten gelernt, ein richtiges wirtschaftliches Glied in ihr Weltenleben hineinzustellen.
[ 18 ] Später hat sich das mehr oder weniger konfundiert, obwohl es sogar nicht allzuschwierig ist, bis in die griechische Kultur, ja sogar bis in die Kultur des Mittelalters hinein die instinktive Dreigliederung des sozialen Organismus darzulegen, darzulegen gerade von diesem Gesichtspunkte aus, den ich jetzt angegeben habe, wie die Rudimente wenigstens bis ins 18. Jahrhundert herein sich noch vorfinden. Ach, dieser moderne Mensch ist ja so bequem mit seinem Denken, möchte alles, alles so oberflächlich wie möglich vor seinem Denken dargelegt haben! Würde man wirklich das Leben der früheren abgelebten Zeiten studieren, nicht nach dem, was man heute Geschichte nennt und was vielfach eine Fable convenue ist, sondern nach dem, wie es wirklich war, dann würde man sehen: Es war eine instinktive Dreigliederung da; nur ging in dem einen Glied, in dem geistigen Leben, alles von dem geistigen Zentrum aus und sonderte sich dadurch heraus aus dem bloßen Staatsleben.
[ 19 ] Als die katholische Kirche auf ihrer Höhe war, bildete sie schon ein selbständiges Glied, und organisierte wiederum das andere irdische Geistesleben als ein selbständiges Glied, gründete Schulen, ordnete das Erziehungswesen, gründete auch die ersten Universitäten, machte das irdische Geistesleben selbständig, sorgte dafür, daß das Staatsleben nun ja nicht durchsetzt werde von dem widerrechtlichen Fürsten dieser Welt. Und im Wirtschaftsleben, selbst in späteren Zeiten, hatte man wenigstens das Gefühl, wenn man im Wirtschaftsleben Brüderlichkeit unter den Menschen entfaltet, daß sich dadrinnen etwas vorbereitet, was eine Fortsetzung findet im Leben nach dem Tode. Daß die Brüderlichkeit unter den Menschen belohnt wird nach dem Tode, ist zwar eine egoistische Umdeutung der höheren Vorstellungen, die im Totemismus gelebt haben, aber es ist wenigstens noch ein Bewußtsein von dem vorhanden, daß das brüderliche Leben im menschlichen Wirtschaften eine Fortsetzung finde nach dem Geistigen hin im nachtodlichen Leben. Selbst die Ausschreitungen auf diesem Gebiete müssen von diesem Gesichtspunkte aus beurteilt werden. Daß Ausschreitungen vorkommen, das liegt in der menschlichen Natur. Der Ablaßhandel ist allerdings eine der wüstesten Ausschreitungen auf diesem Gebiete. Aber er entsprang doch, wenn auch nur als eine Ausschreitung, aus dem Bewußtsein, daß dasjenige, was der Mensch hier im physischen Leben an wirtschaftlichen Opfern bringt, eine Bedeutung hat für sein nachtodliches Leben. Wenn es auch eine Karikatur dessen ist, was wirklich ist, es entsprang als eine Karikatur der richtigen Anschauung von der Bedeutung desjenigen, was wir hier erleben, indem wir mit den Wesenheiten der anderen Reiche der Erde, der Mineralien, der Pflanzen, der Tiere, in Beziehung treten. Dadurch, daß wir zu den anderen Wesen in Beziehung treten, erwerben wir etwas, was erst zur vollen Entwicklung kommt im nachtodlichen Leben. Nicht wahr, mit Bezug auf das, was wir nach dem Tode sind, sind wir hier als Menschen noch verwandt mit dem Niedrigeren, mit Tieren, Pflanzen und Mineralien; aber gerade mit diesem Erleben des Außermenschlichen bereiten wir etwas vor, was erst nach dem Tode ins Menschliche heraufwachsen soll. Wenn Sie den Gedanken so wenden, werden Sie ihn leichter verstehen, werden Sie leichter darauf kommen, wie es ganz selbstverständlich ist, daß dasjenige, was wir mit Tieren, Pflanzen, Mineralien erleben, in etwas sich auslebt auf der Erde, was die Menschen zusammenfaßt, was sie umgibt wie eine geistige Luft, eine geistige Atmosphäre im Irdischen. Was die Menschen unter sich erleben, begründet nur ein reines Ätherisches zwischen Geburt und Tod.
[ 20 ] Was die Menschen im Untermenschlichen erleben, im Wirtschaftsleben, das wird erst Mensch, wird erst heraufgehoben ins Erdenmenschliche, wenn wir durch den Tod hindurchgeschritten sind.
[ 21 ] Das müßte gerade für den anthroposophisch orientierten Geist, für den, der eine Vertiefung des Lebens durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sucht, von dem allerhöchsten Interesse und von allergrößter Bedeutung sein: anzuerkennen, daß diese Dreigliederung des sozialen Organismus konkret begründet ist einfach in dem Umstande, daß der Mensch auch nach dieser Richtung ein dreigliedriges Wesen ist, dadurch, daß er, wenn er als Kind hereinwächst in die physische Welt, noch etwas an sich trägt von dem, was er vorgeburtlich erlebt hat, dadurch, daß er etwas an sich trägt, was nur Bedeutung hat zwischen Geburt und Tod, und dadurch, daß er gewissermaßen unter dem Schleier des gewöhnlichen physischen Lebens schon hier dasjenige vorbereitet, was wiederum übersinnlich-nachtodliche Bedeutung hat. Was hier als das niederste Leben erscheint, das Leben in der physischen Wirtschaft, hier für die Erde ist es scheinbar niedriger als das Rechtsleben, aber dieses Durchleben des Niedrigeren entschädigt uns zugleich damit, daß wir für unseren tiefer gelegenen Menschen, während wir in der niedrigeren Wirtschaft drinnenstehen, die Zeit gewinnen, uns vorzubereiten für das nachtodliche Leben. Indem wir mit unserer Seele angehören dem Kunstleben, dem religiösen Leben, dem Erziehungsleben, dem sonstigen Geistesleben, zehren wir von der Erbschaft, die wir hereintragen durch die Geburt in das physisch-irdische Dasein. Aber indem wir durch das Wirtschaftsleben uns gewissermaßen in das Untermenschliche erniedrigen, in dasjenige Denken, das nicht so hoch hinaufragt, werden wir entschädigt, indem wir im tiefsten Inneren dasjenige vorbereiten, was dann nach dem Tode erst ins Menschliche heraufragt. Paradox mag das für den heutigen Menschen noch klingen, weil er gern die Dinge einseitig ansieht und eigentlich keine Ahnung davon haben will, daß eben jegliches Ding nach zwei Seiten hin sein Wesen im Leben entfaltet. Was nach der einen Seite hoch ist, ist nach der anderen Seite niedrig, was nach der einen Seite niedrig ist, ist nach der anderen Seite hoch. Immer hat ein jegliches Ding im wirklichen Leben — ich könnte auch sagen in der Lebenswirklichkeit — seine andere Seite. Der Mensch würde überhaupt über sich und die Welt einen besseren Aufschluß erringen, wenn er sich bewußt wäre, wie ein jegliches Ding immer seine andere Seite hat. Manchmal ist es unangenehm, sich dies zum vollen Bewußtsein zu bringen, es legt uns das mancherlei Lebenspflichten auf. So zum Beispiel: Mit Bezug auf gewisse Dinge müssen wir gescheit werden, aber wir können das Maß dieser Gescheitheit in bezug auf gewisse Dinge nicht entwickeln, ohne ein gleiches Maß von Dummheit nach einer anderen Seite zu entwickeln. Immer bedingt das eine das andere. Und wir dürften eigentlich niemals einen Menschen für vollständig dumm halten, wenn er auch im äußeren Leben uns als dumm entgegentritt, ohne daß wir uns dessen bewußt wären: in seinem Unterbewußten liegt vielleicht eine tiefe Weisheit, die uns nur verhüllt ist. Die Wirklichkeit enthüllt sich erst, wenn man dieser Zweiseitigkeit alles Wirklichen gerecht wird. Und so ist es auch: es erscheint uns das Leben der geistigen Kultur auf der einen Seite als das Höchste; es ist zu gleicher Zeit dasjenige, wo wir eigentlich immer Raubbau treiben, wo wir immer an dem zehren, was wir hereinbringen durch unsere Geburt ins physische Dasein. Das wirtschaftliche Leben erscheint uns als das niedrigste Glied: es ist dies nur aus dem Grunde, weil es den niedrigsten Aspekt uns zeigt zwischen Geburt und Tod. Es läßt uns Zeit, unbewußt dasjenige zu entwickeln, was die geistige Seite des Wirtschaftslebens ist und was wir durch den Tod in die übersinnliche Welt hineintragen. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl in Brüderlichkeit mit den anderen Menschen, das ist es, was ich da unter dem geistigen Teil des Wirtschaftslebens hauptsächlich zu verstehen habe.
[ 22 ] Nun, Verständnis für diese Dinge ist der Menschheit dringend vonnöten, wenn sie aus gewissen Kalamitäten herauskommen will, die sich gerade dadurch ergeben haben, daß man diese Dinge eben nicht berücksichtigt hat. Innerhalb der intellektuellen führenden Persönlichkeiten der herrschenden Klassen hat sich etwas herausgebildet — ich sprach vorgestern davon —, was nicht Stoßkraft hat, in die Alltäglichkeit hineinzustrahlen. In diesem Punkte das richtige Verständnis sich anzueignen, ist ganz besonders wichtig für den Menschen der Gegenwart. Sehen Sie, die führenden intellektuellen Kreise der herrschenden Klassen, sie haben eine gewisse sittliche Weltanschauung, eine gewisse religiöse Anschauung entwickelt. Aber diese sittliche, diese religiöse Weltanschauung will man am liebsten immer einseitig ganz idealistisch halten. Sie soll nicht die Stoßkraft haben, zugleich in das alltägliche Leben einzudringen. Praktisch tritt Ihnen das dadurch zutage, daß Sie Sonntag für Sonntag und sogar öfter die bekannten Kirchen besuchen können: es werden Ihnen Predigten gehalten werden, Predigten, die aber fortwährend versäumen die intensivsten Pflichten der Zeit. Es wird Ihnen von allem möglichen geredet werden, was Sie tun sollen aus religiöser Weltanschauung heraus, was aber keine Stoßkraft hat. Denn gehen Sie aus der Kirche heraus, treten Sie ins äußere alltägliche Leben hinein, so können Sie nicht anwenden alles, was da gepredigt wird über Liebe von Mensch zu Mensch, was man tun soll, was der eben erleben will und jener eben gepredigt hat. Wo haben Sie eine Verständigung, eine Verbindung zwischen dem, was der Prediger, der Sittenlehrer zu seinen Studenten sagt, und zwischen dem, was im alltäglichen Leben nun einmal herrscht?
[ 23 ] Das war zum Beispiel in den Zeiten, auf die der Totemkultus zurück weist, anders: da richteten die Eingeweihten das alltägliche Leben nach dem Ratschluß der Götter ein. Es ist ein ungesunder Zustand, daß heute von den Kanzeln her nichts gehört wird über die notwendige Einrichtung des Wirtschaftslebens. Dasjenige, was da gepredigt wird, das gleicht — ich habe öfter diesen Vergleich gebraucht — wirklich dem, wenn man einem Ofen gegenübersteht und sagt: Du Ofen, du stehst hier im Zimmer. So wie du angeordnet bist im Verhältnis zu den übrigen Gegenständen im Zimmer, ist es deine heilige Pflicht, das Zimmer warm zu machen. Also erfülledeine heilige Pflicht und mache das Zimmer warm. — Sie können lange so dem Ofen predigen, er wird nicht das Zimmer warm machen! Aber Sie brauchen gar nicht zu predigen, sondern Holz oder Kohlen hineinzulegen und sie anzuzünden, so werden Sie das Zimmer warm machen. So können Sie alle Sittenlehren unterlassen, die bloß reden von dem, was der Mensch, um der ewigen Seligkeit willen, oder um anderer Dinge willen, die dem bloßen Glauben angehören, tun soll. Sie können also unterlassen die Predigten, die heute zumeist den Inhalt der Kanzelreden bilden, aber Sie können nicht dasjenige unterlassen, was heute reales Wissen vom sozialen Organismus ist. Das wäre die Pflicht derjenigen, die Volkserzicher sein wollen, auch im Praktischen die Brücke zu bauen von dem, was als Geistiges die Welt durchlebt und durchwebt, zu dem, was im alltäglichsten Leben geschieht. Denn der Gott, das Göttliche, lebt nicht nur in dem, was der Mensch in Wolkenhöhen erträumt, sondern in dem geringsten Alltäglichsten. Wenn Sie das Salzfaß auf dem Tisch ergreifen, wenn Sie den Löffel Suppe zum Munde führen, wenn Sie für fünf Pfennige etwas von Ihrem Mitmenschen kaufen, in allen Dingen lebt das Göttliche. Und wenn man sich dem Glauben hingibt: da ist auf der einen Seite das derb Materielle, Konkrete, dasjenige, was niederer Natur ist, und auf der anderen Seite das Göttlich-Geistige, das man ja recht fernhalten soll von diesem derb Materiellen, Konkreten, weil das eine heilig ist und das andere profan, weil das eine hoch ist und das andere niedrig, dann widerspricht man gerade dem innersten Sinn einer wirklichkeitsgemäßen Weltauffassung: der Stoßkraft vom Höchsten, Heiligen, herunter bis in die alltäglichsten Erlebnisse der Menschen.
[ 24 ] Damit ist zugleich das charakterisiert, was die religiöse Entwicklung bis in unsere Zeit herein versäumt hat, die nur immer dem Ofen predigt, er solle warm sein, und die verpönt, auf wirkliche, konkrete Geist-Erkenntnis einzugehen. Würde man sich nur überall dieses frei sagen, was versäumt worden ist, von denjenigen versäumt, die sich berufen fühlen, das geistige Leben zu führen, dann würde das schon eine wesentliche Hinlenkung sein auf das, was zu geschehen hat.
[ 25 ] Wie redet man heute oftmals von Erlösung, von Gnade, von dem, was Gegenstand des Glaubens ist? Man redet so, daß man es den Menschen höchst bequem macht: Da sind die Menschen mit ihren Menschengemütern. Auf Golgatha ist einstmals der Christus Jesus gestorben und — die fortgeschrittenen Theologen glauben ja heute nicht mehr daran — auferstanden. Aber das tut er alles für sich, die Menschen brauchen nichts anderes zu tun, als daran zu glauben. So meinen heute viele, und sie betrachten es als eine Störung ihrer Kreise, wenn anders gedacht wird. Es muß aber gelernt werden, anders zu denken! Gerade auf diesem Gebiete muß ein radikaler Umschwung eintreten.
[ 26 ] Man möchte sagen: Heute erklingt uns wiederum die ChristusMahnung oder schon die Mahnung des Täufers Johannes: Ändert den Sinn, denn die Zeit der Krisis ist nahe herbeigekommen. — Die Menschen haben sich gewöhnt, das Geistige irgendwo vorauszusetzen, irgendwo, wo es für sie sorgt; sich erzählen zu lassen von den religiösen Predigern, daß es eine solche geistige Welt gibt, die man möglichst wenig charakterisiert. Die Menschen wollen sich nicht anstrengen in ihren Gedanken, auch etwas zu wissen über die geistige Welt, sondern nur daran glauben. Die Zeit ist vorbei, in der das sein darf! Die Zeit muß beginnen, in der die Menschen wissen müssen: Nicht bloß: ich denke — ich denke vielleicht auch über das Übersinnliche —, sondern: Ich muß Einlaß gewähren den göttlich-geistigen Mächten in meinem Denken, in meinem Empfinden. Die Geistwelt muß in mir leben, meine Gedanken selber müssen göttlicher Natur sein. Ich muß dem Gotte Gelegenheit geben, daß er durch mich sich ausspricht. — Da wird das geistige Leben nicht mehr bloß Ideologie sein. Das ist die große Sünde der neueren Zeit, daß das geistige Leben zur Ideologie abgelähmt ist. Und ideologisch ist schon heute die Theologie, Ideologie ist nicht bloß die proletarische, sozialistische Weltanschauung. Aber von dieser Ideologie müssen die Menschen gesunden. Die geistige Welt muß ihnen ein Reales werden. Und wissen müssen sie, daß die geistige Welt als Reales lebt in dem einen Gliede des sozialen Organismus wie die Erbschaft vom vorgeburtlichen Leben, von der sogenannten Geistwelt; und daß sich vorbereitet ein Geistiges, während wir scheinbar unter die Menschen herunter in das wirtschaftliche Leben untertauchen. Es bereitet sich gerade da, als Ausgleich für dieses Untertauchen, dasjenige vor, was uns durch das Leben, das wir betreten, indem wir durch den Tod in die geistige Welt wiederum eintreten, wiederum hineinführen soll, wenn wir es richtig durchleben, in menschlichere brüderliche Wissenschaft hier auf der Erde.
[ 27 ] Real betrachten das Leben — das ist dasjenige, was wiederum kommen muß. Und derjenige stellt sich als Bekenner anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft richtig in die Welt hinein, der sich bewußt wird: Die Dinge, die einmal heute in die Menschheit treten müssen, sie können für ihn vertieft werden dadurch, daß Anthroposophie nicht bloß als etwas entwickelt wird, was nur Wissenschaft ist, sondern daß er sie als etwas hat, was in alle seine Empfindungen eindringt, was seine ganze Lebensempfindung durchdringt, umgestaltet auch, sie so macht, daß er als ein würdiges Glied eintreten kann in dasjenige, was beginnen muß mit der Gegenwart und was allein zum Heile werden kann für die Menschheitszukunft.
[ 28 ] Mit diesen Dingen gibt man dasjenige an, was notwendig ist für die Menschheit, aber auch das, was versäumt worden ist von der Menschheit. Nur durch das furchtlose und mutige Sich-Hineinversetzen in dasjenige, was versäumt worden ist, und in das, was notwendig ist, kann irgend etwas Heilsames für die Gegenwart und die nächste Zukunft gebracht werden. Deshalb suchte ich Ihnen wiederum hier, wo wir unter uns sind, zu dem, was man heute über das soziale Problem öffentlich sagen kann, dasjenige hinzuzufügen, was man sagen kann gerade vom Gesichtspunkte anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft; wo man einbeziehen kann dasjenige, was von dem unsterblichen, von dem übersinnlichen Leben des entkörperten Menschen hereinragt in dieses irdische Leben.
[ 29 ] Von dem sozialen Organismus ist nur ein Glied, nur dasjenige Glied, was sich auf die äußerliche staatliche Organisation bezieht, rein irdisch. Die beiden anderen Glieder sind nach zwei verschiedenen Seiten hin mit dem Überirdischen verquickt. Auf der einen Seite wird uns ein Geistesleben als ein irdisches geistiges Leben zuteil, das — weil es gewissermaßen herausgepreßt wird aus dem vorgeburtlichen, überirdischen Geistesleben — von uns durchlebt werden kann, ich möchte sagen, wie ein Überfluß. Und auf der anderen Seite müssen wir als leibliche Menschen — wodurch wir verbunden sind mit der Tierheit der Erde — untertauchen in das bloße Wirtschaftsleben. Allein, weil wir nicht bloß leibliche Menschen sind, sondern weil sich vorbereitet in diesem Leib die Seele für die folgenden Erdenleben und für die folgenden übersinnlichen Leben, bereitet sich auch durch das Wirtschaftsleben dasjenige vor, was jenen Teil von uns in die Menschlichkeit hinaufführt, der hier noch nicht ganz menschlich ist: den Menschen, der im Wirtschaftsleben drinnenstehen muß. Wir haben gleichsam etwas in uns von einem Übermenschen, insofern wir in einen sozialen Zusammenhang hineinrücken können, der das irdische Geistesleben durchwebt. Wir haben etwas vom bloßen Menschen an uns, indem wir Staatsbürger werden. Wir haben etwas in uns, was uns zwingt, unter beides hinunterzusteigen, aber wir werden zu gleicher Zeit von der übersinnlichen Welt entschädigt dadurch, daß in dem, was als niedrigstes Glied erscheint im sozialen Erleben, sich schon dasjenige vorbereitet, was uns wiederum hinaufführt, uns wiederum eingliedert in das Übersinnliche.
[ 30 ] Die Wirklichkeit ist allerdings nicht so oberflächlich, nicht so bequem zu erfassen, wie man das manchmal haben möchte. Allein, sie zeigt auf der anderen Seite, wie das Menschenleben die verschiedensten Phasen durchmacht, jede Phase aber neue Momente, neue Ingredienzien, neue Impulse, die nur auf diesen bestimmten Gebieten gegeben werden können, wo sie gegeben werden, in das Menschenleben hineinträgt. So sehen wir, wie sich ineinanderschlingen die Fäden des Lebens, welches wir hier zwischen Geburt und Tod verleben, mit jenen Fäden, die wir ziehen, indem wir das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchleben. Und alles fügt sich im höchsten Maße sinnvoll ineinander in diesem gesamten Menschenleben. Dasjenige, was sich wiederum anspinnt hier im irdischen Leben von menschlichem Individuum zu menschlichem Individuum, was wir hier einem Menschen tun, indem wir ihm eine Freude machen, indem wir ihm ein Leid zufügen, indem wir seine Gedanken bereichern, oder seine Gedanken verarmen, indem wir dieses oder jenes ihm beibringen, — das bereitet unser karmisches, unser schicksalsmäßiges Leben vor für das nächste Erdendasein.
[ 31 ] Aber unterscheiden müssen wir davon dasjenige, was wir nötig haben zu unserer Vorbereitung für das Leben, welches wir unmittelbar nach dem Tode als ein übersinnliches entfalten. Wir werden hier zusammengeführt in gewisse soziale Gemeinschaften. Wir müssen wieder herausgeführt werden. Wir werden es dadurch, daß aus unserem bloßen Wirtschaftsleben, aus der bloßen Ökonomie, etwas auftaucht, das uns durch die Pforte des Todes hinübergeleitet in die geistige Welt, damit wir nicht in der sozialen Gemeinschaft verbleiben, in der wir uns hier eingelebt haben, sondern in einem nächsten Leben in eine andere aufgenommen werden können. So sinnvoll verschlingen sich die karmischen Fäden mit denjenigen Fäden, die uns in das allgemeine Weltenleben hineinstellen.
[ 32 ] Dasjenige, was man durch die Verbindung des Übersinnlichen mit dem physisch-irdischen Leben aus der Geisteswissenschaft noch für diese Dreigliederung des sozialen Organismus gewinnen kann, scheint schon wesentlich dasjenige noch zu vertiefen, was exoterischer Gehalt über die Dreigliederung des sozialen Organismus werden muß. Das scheint es schon wesentlich zu vertiefen. Gewiß, für den außenstehenden Menschen ist dies schwer zu verstehen, da ist heute keine Hilfe möglich. Aber derjenige, der innerhalb der anthroposophischen Bewegung steht, der sollte immer für alles das, was sich hier im Irdischen begründen läßt, zu gleicher Zeit alles aufnehmen, was uns verbindet mit der Sphäre, in die wir eintreten nach unserem Tode, aus der wir kamen durch unsere Geburt, in der wir zu suchen haben diejenigen, die vor uns hinweg aus dieser Welt gegangen sind und zu denen wir bestimmte Beziehungen haben. Denn das wird die schönste menschliche Errungenschaft gerade anthroposophischer Vertiefung sein, daß sie die beiden großen Mysterien des irdischen Lebens, die Geburt und den Tod, durchschauen lehrt, eine Brücke schafft zwischen dem Sinnlichen und dem Übersinnlichen, zwischen den sogenannten Lebendigen und den sogenannten Toten, so daß das Tote wie ein Lebendiges unter uns wird und wir von dem Lebendigen sagen können: Nichts anderes als eine andere Form des Seins ist dasjenige Leben, das im Übersinnlichen das unsere war vor der Geburt und das das unsere sein wird nach dem Tode. Es ist tot hier in der Sinnlichkeit, wie die Sinnlichkeit tot ist, indem wir das Übersinnliche durchleben. Die Dinge in der Welt sind relativ in Beziehung zueinander. Und wenn wir durchschauen diese zwei Seiten einer jeglichen Wirklichkeit, dann erst dringen wir in die Wirklichkeit selbst ein.
[ 33 ] Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute als eine Ergänzung, eine mehr esoterische Ergänzung derjenigen Fragen geben wollte, welche jetzt öffentlich zu erörtern so dringend notwendig ist, und an welcher Erörterung sich ganz besonders beteiligen sollten diejenigen, die der anthroposophischen Bewegung nahestehen.
[ 34 ] Auf eine Frage, die nicht erhalten ist, bemerkte Rudolf Steiner noch:
[ 35 ] Diese Dinge sind so, daß man wirklich sagen kann: Diese Anschauung vom sozialen Organismus ist eine feste Basis. Und man hat nur zu untersuchen, wie sie sich im einzelnen Falle einlebt in das Leben.
[ 36 ] Wenn Sie den pythagoräischen Lehrsatz kennen, so werden Sie nicht fragen: wie rechtfertigt er sich in allen Einzelheiten? — Sie wissen, wenn Sie ihn kennen: Er wird überall richtig sein, wo er anwendbar ist, ebenso wie dreimal zehn dreißig ist, überall, wo Sie es anwenden: Sie werden nicht fragen müssen, ob es richtig ist und es beweisen müssen. Sie müssen diese Dinge in sich selber einsehen. So werden Sie auch finden, daß bei dieser Anschauung über das soziale Leben man von einer gewissen Basis ausgeht, die einfach sich als richtig erweist; die anderen Dinge, die kommen, schließen sich dann richtig daran. Das Steuersystem, das Besitz-System, alles schließt sich als eine Konsequenz an. Alles das wird sich ergeben, wenn man den lebendigen sozialen Organismus ergreift. Und so ergibt sich, daß die Leute zum Beispiel durchaus nicht anstehen werden, ihre Kinder auch in die Freie Schule zu schicken. Im Gegenteil: sie werden sie schicken wollen, weil sie ein Interesse daran haben werden.
[ 37 ] Und wiederum auf dem Gebiete, wo sich ein Verhältnis eines jeden Menschen zu jedem Menschen entwickelt: Auf dem Gebiet des Rechtslebens urteilsfähig zu sein, ist notwendig, und niemand würde gewählt werden können in den Vertretungskörper des zweiten Gliedes des sozialen Organismus, der nicht urteilsfähig wäre. So etwas muß natürlich dann geprüft werden: Was sich von Mensch zu Mensch bezieht, dieses Interessenehmen, dieses bewußte Drinnenstehen im Leben, das wird ganz von selbst erhalten im freien Organismus, der schon gesund werden wird.
