Der innere Aspekt des sozialen Rätsels
Luziferische Vergangenheit und ahrimanische Zukunft
GA 193
4 Februar 1919, Zürich
Erster Vortrag
[ 1 ] In diesen Tagen, wo es mir obliegt, in dieser Stadt öffentliche Vorträge zu halten über die soziale Frage, ist es vielleicht nicht unangemessen, wenn wir uns gerade an diesem Zweigabend hier gewissermaßen innerlich mit dem sozialen Rätsel, wie es in der Gegenwart besonders bedeutungsvoll ist, beschäftigen.
[ 2 ] Wir wissen ja, jenem Menschen gegenüber, dem wir in der äußeren Welt gegenübertreten, der vor unserem Wahrnehmungs- und Empfindungsvermögen, wie es an den Leib gebunden ist, steht, müssen wir den eigentlichen, tiefer gelegenen inneren Menschen anerkennen. Diesen inneren Menschen gewahren wir zuerst, wenn wir Rücksicht darauf nehmen, daß er im Grunde genommen mit allem im Zusammenhange steht, wovon wir sagen können, daß es für unsere Erkenntnis, für unser ganzes Leben die Welt durchwellt und durchwebt. Bedenken Sie nur, wie verschieden von der gewöhnlichen Weltbetrachtung gerade mit Bezug auf den Menschen unsere anthroposophische Weltbetrachtung ist. Werfen Sie einen Blick auf den Versuch, den ich gemacht habe, um anthroposophische Weltauffassung einmal abrißweise zusammenzustellen, auf alles dasjenige, was Sie in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» gelesen haben, und Sie werden sehen, da ist nicht nur unsere Erdenentwicklung im Zusammenhange mit dem Menschen, da ist unsere Erdenentwicklung betrachtet als hervorgegangen aus früheren Verkörperungen dieses unseres Erdenplaneten. Hervorgegangen ist diese Erdenentwicklung aus der alten Mondenentwicklung, diese aus der Sonnenentwicklung, diese Sonnenentwicklung aus der Saturnentwicklung. Aber schauen Sie sich alles an, was zusammengetragen worden ist, um diese Entwicklung über Planetensysteme hinweg bis zu unserer Erdenentwicklung zu verfolgen, und Sie werden sagen: In allem, was man betrachtet, fehlt nicht der Mensch. Der Mensch ist in allem drinnen. Der ganze Kosmos wird so betrachtet, daß alle seine Kräfte, alles dasjenige, was in ihm geschieht, hingeordnet ist auf den Menschen. Der Mensch ist gegenüber der Weltenbetrachtung Mittelpunkt dieser Betrachtung. — In einem meiner Mysteriendramen habe ich in einem Gespräch zwischen Capesius und dem Eingeweihten diese Grundlage aller anthroposophischen Weltbetrachtung, ich möchte sagen, mit ihrem Bezug auf das menschliche Gemüt noch besonders hingestellt, hingestellt, was es auf den Menschen für einen Eindruck machen muß, wenn er gewahr wird: Alle Göttergenerationen, alle Weltenkräfte, sie sind aufgerufen, sie sind tätig, um zuletzt ihn zustande zu bringen, um ihn in den Mittelpunkt ihrer Schöpfung hereinzustellen.
[ 3 ] Ich habe bemerklich gemacht, wie sehr es notwendig ist, gerade gegenüber dieser durch und durch wahren Idee die Notwendigkeit der menschlichen Bescheidenheit geltend zu machen, wie notwendig es ist, sich immer wieder und wieder zu sagen: Ja, wenn wir unser ganzes Wesen, wie wir es in uns und an uns und um uns tragen, wie wir mit ihm in die Welt hineingestellt sind, erkennend erleben, wenn wir unser ganzes Wesen in der Tat zur Offenbarung bringen könnten, es wäre mikrokosmisch die ganze übrige Welt. — Aber wieviel wissen wir, wieviel erleben wir, wieviel können wir durch die Tat offenbaren von dem, was wir als Menschen im höchsten Sinne des Wortes sind? Wir schweben daher — wenn wir uns so recht klarmachen können die Idee, was wir als Menschen sind — zwischen Hochmut und Bescheidenheit. Wir dürfen ganz gewiß nicht in Hochmut ausarten, wir dürfen aber auch in der Bescheidenheit nicht untergehen. Wir würden in der Bescheidenheit untergehen, wenn wir uns nicht in die Lage versetzten, unsere Aufgabe als Mensch — um dessentwillen, was wir doch vor einer allseitigen Weltbetrachtung in der Welt sind — möglichst hoch zu setzen. Wir können im Grunde niemals hoch genug über dasjenige denken, was wir sein sollten. Wir können niemals genug das tiefere kosmische Verantwortungsgefühl des Menschen würdigen, das ihn überkommen muß, wenn er die Hingeordnetheit des ganzen Universums auf sein Wesen ins Auge faßt.
[ 4 ] Dieses sollte allerdings aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus weniger theoretische Idee werden, sollte weniger bloße Wissenschaft werden, sollte eine Empfindung werden, die Empfindung einer heiligen Scheu gegenüber dem, was wir als Mensch sein sollten und doch in den wenigsten Fällen sein können. Es sollte aber auch oftmals die Empfindung da sein, wenn wir einem einzelnen Menschen gegenübertreten: Da stehst du, manches bringst du in dir zum Ausdruck in dieser gegenwärtigen Inkarnation. Doch du gehst von Leben zu Leben, von Inkarnation zu Inkarnation; in der Stufenfolge deiner Leben prägt sich ein Unendliches aus. — Und noch nach manchen anderen Richtungen hin könnten wir diese Empfindungen erweitern, könnten sie vertiefen. Aus dieser Empfindung heraus kommt man auf geisteswissenschaftlichem Boden erst zur rechten Menschenschätzung, kommt man zu einer Empfindung von der menschlichen Würde in der Welt. Diese Empfindung kann unsere ganze Seele durchsetzen, kann, wenn sie sich über unser ganzes Innere ausbreitet, uns allein in die rechte Stimmung versetzen, wenn wir genötigt sind, im einzelnen Falle unser individuelles Verhältnis von Mensch zu Mensch zu ordnen. Was ich eben auseinandergesetzt habe, können wir als eine erste wesentliche Errungenschaft aus der neuzeitlichen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft heraus betrachten: richtige Schätzung des Menschlichen in der Welt. Das ist eines.
[ 5 ] Ein anderes aber wird uns aus einer wirklich seelenhaften, nicht bloß theoretischen Vertiefung in anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hervorgehen. Es ist dieses: Fassen wir alle Ereignisse der Welt auf, was als Elemente in Erde, Wasser, Luft lebt, fassen wir alles dasjenige auf, was uns aus den Sternen entgegenscheint, was uns im Winde entgegenweht, was uns aus den einzelnen Reichen des Naturdaseins anspricht. Denken Sie, wenn wir im Sinne anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft das alles betrachten, irgendwie hat es seinen Bezug auf den Menschen. Alles wird uns dadurch wertvoll, daß wir es in einer gewissen Weise in Beziehung zu dem Menschen bringen können. Gefühlsmäßig stellt sich ein Verhältnis des Menschen aus übersinnlicher Erkenntnis zu allen Dingen ein. Christian Morgenstern, der Dichter, hat eine Empfindung, die ich öfter unseren Freunden bei der Betrachtung eines gewissen Kapitels des Johannes-Evangeliums vorgelegt habe, in schöne Verse gebracht, jene Empfindung, die uns überkommt, wenn wir die Stufenfolge der Naturreiche auf uns wirken lassen. Da können wir uns sagen, die Pflanze mag hinschauen auf das leblose Reich der Mineralien. Gewiß, sie muß sich in der Rangordnung der Naturwesen als etwas Höheres fühlen als die bloßen leblosen Mineralien. Aber sagen kann sich die Pflanze, indem sie hinschaut auf das bloße leblose Mineral, das ihr den Boden bereitet: Ich stehe allerdings in der Rangordnung der Wesen höher als du, allein aus dir wachse ich heraus, dir verdanke ich mein Dasein. In Dankbarkeit neige ich mich vor dem, was niedriger ist als ich. — Und so wiederum müßten wir vom Tiere empfinden über des Tieres Empfindung gegenüber der Pflanze, so wiederum im Menschenreiche, wenn der Mensch in der Stufenfolge seiner Entwicklung auf eine höhere Stufe gestiegen ist. Er muß mit Ehrfurcht, mit Achtung herunterblicken auf dasjenige, was in einer gewissen Beziehung niedriger ist als er, nicht bloß so, daß man dies begriffsmäßig auseinandersetzen kann, sondern so, daß man dasjenige, was pulst und lebt und webt in allen Dingen, wirklich als kosmische Empfindung in der Seele ausleben kann. So leitet uns aus ihrem wahren Wesen heraus anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Sie gibt uns also eine Möglichkeit, ein lebendiges Verhältnis des Menschen auch zu allen übrigen Dingen zu gewinnen.
[ 6 ] Und ein drittes. Dasjenige, was Geisteswissenschaft vom Geiste darstellt, sie betrachtet es nicht so, als ob sie pantheistisch reden würde von «Geist und Geist», der allen Dingen zugrunde liegt. Nein, sie redet nicht nur von dem wirklichen Geist, sondern diese Geisteswissenschaft will reden aus der Wirklichkeit, aus dem Geist selbst heraus. Sie will so reden, daß derjenige, der in der Geisteswissenschaft selbst lebt, weiß: Indem seine Gedanken über den Geist sich bilden, ist es der Geist selbst, der in diesen Gedanken drinnen webt und lebt. Der, wenn ich so sagen darf, von dem Geist der Geisteswissenschaft Angehauchte will nicht bloß Gedanken über den Geist aussprechen, er will den Geist sich selbst durch seine Gedanken aussprechen lassen. Die unmittelbare Gegenwart des Geistes, die wirksame Kraft des Geistes, sie werden gesucht durch die Geisteswissenschaft.
[ 7 ] Und nun vergleichen Sie dasjenige, was gewissermaßen in das Innerste der Menschenseele hineinverlegt, hineinversetzt wird aus einer lebendigen Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft, mit dem, wovon ich gestern sprach, daß es als soziale Forderung durch die Zeit geht und das in einer gewissen Weise im proletarischen Bewußtsein lebendig ist, um zu dieser Forderung der Zeit, zu dieser sozialen Forderung der Zeit zu werden. Bedenken Sie, dasjenige, was heute im proletarischen Bewußtsein lebt, was gewissermaßen als die Erkenntnisgrundlage dasteht für dieses proletarische Bewußtsein, ist eine Ideologie, ein bloßes Weben in abstrakten Gedanken. Ja, es wird geradezu als das Wesentliche alles seelisch-geistigen Erlebens hingestellt, daß dieses seelisch-geistige Erleben nur eine Ideologie ist; daß da wirtschaftliche, ökonomische Vorgänge sind, die das einzig Wirkliche wären; die spielen sich ab, in denen steht der Mensch drinnen als in seinen Lebenskämpfen, aus ihnen steigt gewissermaßen wie Rauch und Nebel dasjenige auf, was er denkt, was er erkennt, was sich in seinen künstlerischen Schöpfungen offenbart, das, was er als Sitte, als Sittlichkeit, als Recht und so weiter anschaut: alles nur ein ideologischer Schatten! Vergleichen Sie dieses als ideologischen Schatten angesehene Geistesleben mit dem Geistesleben, das in unsere Seelen aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus einziehen will. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will den Geist selbst als lebendige Wirklichkeit in die Welt durch die Menschenseele hineinstellen. Dieser Geist ist vertrieben aus der Zeitanschauung, die durch das Bürgertum begründet worden ist und vom Proletariat zu seinem Unheil übernommen worden ist, vertrieben! Und dasjenige, was im Menschen leben sollte als das Bewußtsein der Lebendigkeit: Geist ist in mir — das lebt als eine bloße Ideologie.
[ 8 ] Und zweitens. Bedenken Sie, wieviel steht in diesem einen Erdenleben, dem man mit den Sinnen, mit der gewöhnlichen Leibesempfindung gegenüberstehen kann, vom Menschlichen vor uns, von jenem Menschlichen, um dessentwillen wir, um es ganz zu betrachten, aufrufen, nicht nur die Erdenentwicklung, sondern Mond-, Sonnen-, Saturnentwicklung? Wie schwindet vor diesem modernen Bewußtsein das wahrhaft Menschliche dahin, das uns aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft erst das rechte Gefühl, die rechte Empfindung von wahrer Menschenwürde gibt, so daß wir ein rechtes Verhältnis finden, wenn wir als menschliches Individuum dem anderen menschlichen Individuum gegenüberstehen. Ist es denn denkbar, daß im heutigen Chaos des menschlichen Zusammenlebens ein rechtes Verhältnis von Mensch zu Mensch gefunden werde, das doch einer wirklichen Lösung des sozialen Rätsels zugrunde liegen muß? Ist es denn möglich, daß ein solches Rechtsverhältnis von Mensch zu Mensch auftreten könne, ohne daß es sich ergebe auf dem Untergrunde jener kosmischen Schätzung des Menschen, die nur aus geistiger Erkenntnis und geistiger Empfindung erquellen kann?
[ 9 ] Und drittens. Mit Bezug auf das Verhältnis zur äußeren Welt muß der Mensch nicht abstrakte Gedanken suchen, wie es die Wirtschaftspolitik, die Sozialpolitik heute will, sondern unmittelbar persönliche Bezüge zu den einzelnen Tatsachen der Welt, zu den einzelnen Dingen der Welt. Mit Bezug auf die äußeren menschlichen Dinge der Welt muß der Mensch ein Verhältnis zu dieser Welt finden. Da ist es wiederum, wie ich gezeigt habe, dieses dritte, daß uns aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft in unserer Zeit an seelischem Erleben wird, diese Empfindung gegenüber allen außermenschlichen Wesen, die Empfindungen, die wir gegenüber alledem haben, was unter uns und über uns steht in der hierarchischen Natur- und Götterordnung.
[ 10 ] Und nun betrachten Sie zweierlei. Betrachten Sie auf der einen Seite dasjenige, was heute als proletarisches Bewußtsein lebt, wie weit es auf dem Gebiete des geistigen Erlebens von der Empfindung des im Menschen wirkenden lebendigen Geistes selbst entfernt ist, wie es alles geistige Leben zur Ideologie gemacht hat. Bedenken Sie, wie weit entfernt von einer wirklich durchgreifenden, geist-erfassenden Menschenschätzung dasjenige ist, was der heutige Proletarier von seinesgleichen als Mensch denkt und namentlich empfindet und seinen Anschauungen einverleibt. Bedenken Sie, wie weit entfernt endlich der rein wirtschaftliche Wert der Dinge, der fast allein heute gilt für den Menschen, von jenen Werten der außermenschlichen Dinge ist, die wir empfinden lernen durch das, was ich aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus vom Verhältnis des Menschen zu den außermenschlichen Dingen ausgedrückt habe.
[ 11 ] Betrachten Sie zweierlei. Betrachten Sie auf der einen Seite, wohin die Menschheit dadurch gekommen ist, daß sich das ungeistige Wesen der letzten Jahrhunderte so intensiv ausgebreitet hat in den menschlichen Seelen. Betrachten Sie auf der anderen Seite jene Hoffnungen, die dadurch erweckt werden können, daß wirkliche Geisteswissenschaft heute in die Menschheit einziehen kann. Stellen Sie diese beiden Dinge zusammen und sagen Sie sich dann selbst, ob nicht erst dadurch, daß die Menschenseele wirklich ergriffen ist von dem, was Geisteswissenschaft geben kann, das soziale Rätsel in das rechte Licht gestellt wird. — Wenn Sie das, was ich Ihnen hier als zwei Perspektiven hingestellt habe, als eine hoffnungslose und als eine hoffnungsreiche, in richtigem Sinne empfinden, dann wird Ihnen das Wirken für anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu dem werden, was es heute allerdings für die Menschheit notwendig werden soll: zu einer Lebensnotwendigkeit, zu einer solchen Lebensnotwendigkeit, die alles andere Wirken und Schaffen durchdringen soll.
[ 12 ] Sie werden sich sagen: Nichts erscheint mir begreiflicher im ganzen Zusammenhang der neueren Menschheitsentwicklung, als daß dieses soziale Problem heraufgezogen ist; nichts erscheint mir aber auch begreiflicher, als daß die Menschen in so tragischer Weise ratlos stehen vor diesem sozialen Problem. — Denn in der Zeit, in der dieses soziale Problem so laut und vernehmlich an die Pforte der Weltanschauungen, an die Pforte des Lebens klopft, in dieser Zeit durchschreitet die Menschheit auch zugleich eine ihrer stärksten Prüfungen, die Prüfung, die darin besteht, daß sie aus innerster Kraft heraus zum Geiste sich hinwenden muß. Wir können heute keine Offenbarungen haben, wenn wir sie nicht in Freiheit aufsuchen, denn wir leben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts im Zeitalter der Bewußtseinsseele, in dem alles in das Licht des Bewußtseins gerückt werden soll. Klagen wir heute nicht etwa so, daß wir sagen: Eine furchtbare Katastrophe ist über die Menschheit hereingebrochen. Warum haben die Götter diese furchtbare Katastrophe über die Menschheit gesenkt? Warum führen die Götter die Menschen nicht heraus, da es doch jammervoll ist, daß die Menschheit sich in eine solche Lage gebracht hat? — Vergessen wir alldem gegenüber nicht, daß wir in dem Zeitalter leben, in dem die innere Freiheit des Menschen zur Offenbarung kommen soll, in dem die Götter sich nicht anders offenbaren dürfen nach ihren ureigensten Weltintentionen, als wenn der Mensch ihnen gegenübertritt, in freiem Entschlusse, sie in sein innerstes Seelenwesen aufzunehmen.
[ 13 ] In bezug auf die wichtigsten Dinge der Menschheitsentwicklung stehen wir heute an einem Wendepunkt, auch mit Bezug auf das Christentum, Gerade manche Persönlichkeiten, die innerhalb der sozialen Frage tätig sind, haben darauf hingewiesen, daß wir wohl das Christentum gern annehmen, aber nur dasjenige aus dem Christentum, was uns an unsere eigenen sozialen Ideale erinnert. So läßt sich aber dieser wichtigste Erdenimpuls, dieser Impuls, der allem übrigen Irdischen erst den rechten Sinn gibt, nicht behandeln! Klar müssen wir uns sein: Was sich mit Bezug auf das Christentum bis jetzt innerhalb der Menschheit ausgelebt hat, ist eigentlich nur ein Anfang. Nicht viel mehr hat sich ausgelebt, als daß durch alles, was die Menschen mit Bezug auf das Christentum empfunden haben, namentlich mit Bezug auf das Mysterium von Golgatha, eigentlich nur darauf hingewiesen worden ist, daß der Christus durch den Menschen Jesus einmal dagewesen ist und durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist. Gewissermaßen haben diese ersten fast zwei Jahrtausende des Lebens des Christentums auf der Erde nicht mehr vermocht — wegen des noch nicht zu weiterem Reifen vorgeschrittenen menschlichen Verständnisses —, als dem Menschen anzuzeigen, der Christus hat sich mit der Erde verbunden, der Christus ist auf die Erde herabgestiegen. Erst jetzt im fünften nachatlantischen Zeitraum, in dem Zeitraum der Bewußtseinsseelenentwicklung, wird die Menschheit reif, nicht nur zu verstehen, daß der Christus durch das Mysterium von Golgatha gegangen ist, sondern was eigentlich in diesem Mysterium von Golgatha lebt. Den Inhalt des Mysteriums von Golgatha wird die Menschheit erst aus denjenigen geistigen Grundlagen heraus verstehen können, die sich ihr innerhalb dieses fünften nachatlantischen Zeitraumes bilden können.
[ 14 ] Ich habe auch hier in diesem Zweige schon öfter erwähnt, daß ich es als eine außerordentliche Trivialität betrachten muß, wenn irgend jemand sagt: Wir leben in einer Übergangszeit. — Alle Zeiten sind Übergangszeiten! Nicht darauf kommt es an, daß man in dieser ‚oder jener Zeit als in einer Übergangszeit lebt, sondern mit Bezug auf was eine Zeit in einem Wandel, in einem Übergang drinnen ist. Es kommt darauf an, zu sehen, was sich wandelt. Nun habe ich von den verschiedensten Gesichtspunkten auch hier darauf hingewiesen, was sich gerade in unserer Zeit im weitesten Sinne mit Bezug auf das Menschenbewußtsein, mit Bezug auf die menschliche Seelenentwicklung wandelt. Heute möchte ich wiederum von einem bestimmten Gesichtspunkte auf dasjenige hinweisen, was sich gerade in unserer Zeit mit Bezug auf die menschliche Erdenentwicklung wandelt.
[ 15 ] Ich habe gerade vorhin gesagt: Durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft suchen wir nicht nur Gedanken über das Geistige zu haben, sondern wir suchen die Wirklichkeit des Geistigen, suchen Gedanken, in denen der Geist selber lebt, in denen der Geist sich offenbart. Wir können auch so sagen: Der Christus Jesus sprach die Worte: «Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Erdenzeiten.» — Man ist im rechten Sinne Bekenner der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, wenn man nicht glaubt, alles dasjenige, was der Inhalt des Christentums ist, sei in den Evangelien erschöpft, sondern wenn man weiß, der Christus ist wirklich da, alle Tage, bis ans Ende der Erdenzeiten, aber nicht bloß wie eine tote Kraft, an die man glauben muß, sondern wie eine lebendige Kraft, die weiter und weiter sich offenbart. Und was ist es, was er in der Gegenwart offenbart? Der Inhalt der modernen anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Die will nicht nur über den Christus sprechen, sie will dasjenige aussprechen, was der Christus in der Gegenwart zu den Menschen durch menschliche Gedanken sagen will.
[ 16 ] Da kann gesagt werden: Auch in alten Zeiten, in denen die Menschen noch instinktiv gelebt haben, und in denen in der Menschenseele noch etwas von atavistischem Hellsehen lebte, sprach sich Geistiges in der Menschenseele aus, lebte in den menschlichen Vorstellungen, im menschlichen Willen Geistiges, lebten die Götter in den Menschen. — Heute leben die Götter trotzdem im Menschen, wenn auch in einer gewissen anderen Art als in alten Zeiten der Menschheitsentwicklung. Man kann so sagen: In alten Zeiten, da hatten die Götter eine gewisse Aufgabe mit der Erdenentwicklung; sie hatten sich ein Ziel gesetzt, hatten ein göttliches Ziel mit der Erdenentwicklung. Sie haben dieses Ziel dadurch erreicht, daß sie Menschen mit ihren Kräften inspiriert haben, daß sie die menschliche Seele mit Imaginationen begabt haben. Aber so sonderbar es klingt, diese eigentlichen, ureigensten Ziele der Götterwelten mit der Erdenentwicklung sind mit Bezug auf die Erdenentwicklung erfüllt. Das, was die Götter für sich von der Erde haben wollten, ist im Grunde mit dem vierten nachatlantischen Zeitraum erfüllt. Daher stehen heute die geistigen Wesenheiten der höheren Hierarchien, die wir auch in unserem Sinne die Götter nennen können, in einer anderen Beziehung zur menschlichen Seele, als sie früher gestanden haben. Damals suchten die Götter die Menschen, um ihre Ziele mit Hilfe des Menschen hier auf der Erde zu verwirklichen. Heute muß der Mensch die Götter suchen, heute muß der Mensch aus seinem innersten Impulse heraus sich zu den Göttern erheben. Und er muß gewissermaßen es bei den Göttern erreichen, daß seine Ziele, seine bewußten Ziele mit Hilfe der göttlichen Kräfte verwirklicht werden. So geziemt es sich für den Menschen vom Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwicklung an. Menschenziele waren in früheren Zeiten unbewußt, instinktiv, weil göttliche Ziele bewußt in ihnen lebten. Menschliche Ziele müssen selber immer bewußter und bewußter werden, dann werden in diesen menschlichen Zielen Kräfte liegen, sich zu den Göttern zu erheben, damit menschliche Ziele mit Götterkräften angestrebt werden können.
[ 17 ] Denken Sie diese Worte nur aus! In diesen Worten liegt viel. In diesen Worten liegt die Notwendigkeit, daß der Mensch gerade von unserem Zeitalter an ein ursprüngliches, elementares Streben aus sich selbst heraus beginne. Wir können dieses elementare Streben auf verschiedenen Gebieten der Seele suchen. Wir müssen es vor allen Dingen auf einem tieferen sozialen Gebiete suchen, indem wir mehr geisteswissenschaftlich das Verhältnis von Mensch zu Mensch ins Auge fassen. Dadurch, daß früher die Götter ihre Ziele mit der Menschenentwicklung hatten und durch den Menschen verwirklichten, standen sich, so wie es damals sein sollte, in der Erdenentwicklung die Menschen viel näher als heute. Heute werden die Menschen in einer gewissen Beziehung voneinander weggetrieben, und sie müssen sich in einer ganz anderen Beziehung wiederum suchen. Von diesem Suchen müssen die Menschen aber erst lernen. Rein äußerlich betrachtet, können Sie das überall sehen. Der Mensch weiß heute wenig vom Menschen. Geisteswissenschaft ist in ihrer kosmischen Schätzung der Menschenwürde und des Menschenwesens heute erst im Anfange. Im wirklichen Leben weiß der Mensch heute wenig vom Menschen. Der Mensch dringt nicht vor bis zu den Tiefen im Wesen der Seele eines Mitmenschen. Das ist die Regel. Das ist dasjenige, was in einem tieferen sozialen Wesen gefunden werden muß: Menschenkenntnis in einer neuen Form muß in die Menschenentwicklung einziehen.
[ 18 ] Wir müssen aber in die Lage kommen — da wir eigentlich im Sinne eines geistlosen Naturdenkens nur den fleischlichen Menschen sehen —, in dem anderen Menschen das Wirken der Götter zu erkennen, um in einen wirklichen, geisterfüllten sozialen Organismus hineinzukommen. Das erlangen wir nur, wenn wir auch etwas dazu tun. Das eine, was wir dazu tun können, ist, in unserem eigenen Seelenleben eine gewisse Vertiefung zu suchen. Es gibt viele Wege dazu. Ich will nur einen meditativen Weg Ihnen skizzieren. Wir können aus den verschiedensten Gründen, zu den verschiedensten Zielen gewisse Rückblicke in unser eigenes Leben machen. Wir können uns fragen: Wie hat sich dieses unser individuelles Leben von unserer Kindheit bis heute entwickelt? — Wir können es aber auch einmal so machen: Wir können vor unseren Blick nicht so sehr das hinstellen, wie wir uns gefreut haben über dies oder jenes, wie wir das oder jenes durchlebt haben, sondern wir können auf diejenigen Menschen hinblicken, welche in unser Leben als Eltern, als Geschwister, als Freunde, als Lehrer oder sonst irgendwie eingegriffen haben, und wir können, statt uns selbst, das Wesen dieser Menschen uns vor die Seele stellen, die in unser Leben eingegriffen haben. Da wird sich für eine Weile die Sache so ausnehmen, als ob wir uns sagen könnten, wie wenig eigentlich an uns selber ist, wie viel an dem ist, was von den anderen in unser Selbst hineingeflossen ist. Unser Verhältnis zur Welt wird, wenn wir ehrlich und redlich eine solche Selbstrückschau innerlich in Szene setzen, doch ein ganz anderes. Gefühle, Empfindungen bleiben zurück als die Ergebnisse einer solchen Rückschau. Und diese Gefühle, diese Empfindungen sind gewisse fruchtbare Keime in uns. Sie sind Keime für wirkliche Menschenerkenntnis. Derjenige, der immer wieder und wieder so in sein eigenes Wesen blickt, daß er den Anteil erkennt, den andere, vielleicht längst verstorbene oder ihm ferner gerückte Menschen an seinem Wesen genommen haben, er wird den anderen Menschen auch so entgegentreten, daß ihm, indem er ein individuelles Verhältnis von Mensch zu Mensch begründet, die Imagination von dem wahren Wesen dieses anderen Menschen aufsteigt. Das ist etwas, was in der neueren Zeit und gegen die Zukunft der Menschheit hin auch als eine innere, und zwar seelische soziale Forderung für die menschliche Entwicklung auftauchen muß. So muß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft praktisch werden, so muß sie das Leben befruchten, das Leben anregen.
[ 19 ] Noch einen anderen Gesichtspunkt will ich geltend machen. In früheren Zeiten war alle Selbsterkenntnis, alles Hineinschauen des Menschen in seine eigene Seele, verhältnismäßig viel einfacher als es jetzt ist, weil jetzt — nicht nur in bezug auf das Bewußtsein gewisser Leute aus ihrem Besitz- oder Armutsverhältnis heraus oder auch von anderer Seite her — ein tief innerlichster sozialer Impuls auftaucht, ein Impuls, der sich zum Beispiel in der folgenden Weise geltend macht. Wir sehen heute wenig darauf hin, wie das ganze Leben des Menschen ein immer Reifer- und Reiferwerden ist. So innerlich ehrliche Menschen wie Goethe fühlten dieses Reifer- und Reiferwerden. Goethe wollte auch im höchsten Alter noch lernen, Goethe wußte im höchsten Alter, fertig sei er als Mensch noch nicht. Und er blickte zurück in seine Jugend, in seine Mannesjahre, indem er alles das, was in der Jugend und in den Mannesjahren sich zugetragen hat, als Vorbereitung empfand für dasjenige, was er im Alter erleben konnte. So denkt man in der heutigen Zeit nur sehr wenig, namentlich dann, wenn man den Menschen als soziales Wesen ins Auge faßt. Am liebsten möchte mit zwanzig Jahren heute jeder Mitglied einer Körperschaft sein und über alles — nun, wie man sagt — demokratisch urteilen. So kann sich der Mensch nicht denken, daß man etwas zu erwarten hat vom Leben, indem man immer mehr und mehr dem Alter entgegenreift. Daran denken die Menschen heute nicht. — Das ist das eine, daß wir wieder lernen müssen, daß das ganze Leben, nicht nur die zwei bis drei ersten Jugendjahrzehnte, dem Menschen etwas bringt.
[ 20 ] Und noch ein anderes müssen wir lernen. Wir sehen nicht nur uns selbst in der Welt stehen, sondern wir sehen Menschen anderen Lebensalters; wir sehen vor allen Dingen das Kind durch die Geburt in die Welt und in das Leben hereinziehen. So wie sich die menschliche Erdenentwicklung ergeben hat, so ist manches, was früher wie von selbst in der Seele des Menschen sich geoffenbart hat, nur durch alleräußerste Anstrengung, durch eine Anstrengung zu übersinnlicher Erkenntnis hin, oder wenigstens zu einer wirklichen Lebenserkenntnis hin, zu erlangen. Wie dem Menschen im allgemeinen, so bleibt auch dem Kinde mancherlei verschlossen, das zu seinem Wesen gehört. Aber nicht nur das bleibt dem Kinde verschlossen, was es dann erfahren wird, wenn es in die Reifejahre, in die Greisenjahre eingezogen ist, sondern überhaupt vieles, was sich den älteren, instinktiv lebenden, im atavistischen Hellsehen befindlichen Menschen offenbarte, bleibt heute, wenn der Mensch nur auf sich selbst schaut, ihm verborgen. Und so gibt es etwas, das sich uns, wenn wir nur in uns selbst Erkenntnis suchen, von der Wiege bis zum Grabe nicht offenbaren kann. Das liegt auch unter den Eigentümlichkeiten unseres Bewußtseinszeitalters. Wir können nach der Klarheit des Bewußtseins streben, allein vieles bleibt doch im Felde, das von dieser Klarheit beleuchtet sein soll, gerade verborgen. Und so ist etwas ganz Eigentümliches in unserer Zeit. Als Kind treten wir in die Welt herein; es ist etwas an uns, was wichtig ist für die Welt, für das Zusammenleben der Menschheit, für die geschichtliche Erkenntnis. Aber wir können es nicht erkennen, wenn wir bei uns selbst stehenbleiben, nicht als Kind, nicht als Mann, nicht als Frau, nicht als Greis oder Greisin. Aber in einer anderen Weise kann es erkannt werden. Dann kann es erkannt werden, wenn die durch wirkliche geistige Empfindung feiner gestimmte reife Menschenseele, die Mannesseele, die Frauenseele, die Greisen- oder Greisinnenseele hinschaut auf das Kind und die Empfindung hat: In dem Kinde offenbart sich etwas, was das Kind jetzt nicht erkennen kann, was auch durch das Kind, wenn es auf sich selbst gestellt ist, niemals, auch selbst bis zu seinem Tode nicht, erkannt werden kann, was aber erkannt werden kann in der Seele des anderen, der als Greis auf dieses Kind zurückschaut. Da haben Sie etwas, was sich offenbaren kann durch das Kind, nicht im Kinde und nicht in dem Manne oder der Frau, die aus diesem Kinde werden können bis zum Tode hin, sondern in dem anderen, der von einem höheren Lebensalter aus liebevoll den jüngsten Menschen anschaut.
[ 21 ] Ich weise auf dieses besonders hin, weil Sie in einem solchen Zug unserer Zeit sehen können, wie ein sozialer Impuls — aber im allerweitesten Sinne — durch unsere Zeit wellt und webt. Ist es nicht ein tiefster sozialer Zug, diese Notwendigkeit, etwas für das Leben Ersprießliches nur dadurch in das Leben hereinversetzen zu können, daß der alte Mensch an dem jüngsten Menschen lernt, zusammenzusein zum höchsten Lebenszweck, [das Zusammensein] nicht bloß des Menschen X 1 mit dem Menschen X 2, sondern des Menschen im Greisenalter mit dem jüngsten Kinde?
[ 22 ] Dieses soziale Zusammensein, das ist dasjenige, auf das uns der innerste Geist und Sinn unserer Zeit hinweist. Und so kann anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, indem sie sprechen darf zu Menschen, die schon ein wenig vorbereitet sind durch die anderen Zweige dieser Geisteswissenschaft, das soziale Problem noch vertiefen. Sie haben alle eine recht große soziale Aufgabe, wenn Sie aus alledem, was in Ihnen angeregt werden kann namentlich an sozialem Gefühl, die Mittel entnehmen, um wiederum innerhalb der Menschheit unserer Zeit als diese durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft besonders Auserwählten zu wirken. Befeuern Sie innerhalb der gegenwärtigen sozialen und sozialistischen Diskussion das tiefere soziale Gefühl, das tiefere Verständnis von Mensch zu Mensch, dann werden Sie eine lebendige Aufgabe aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft heraus auch im sozialen Sinne erfüllen.
[ 23 ] Davon wollen wir dann in der nächsten Woche, wenn wir wiederum den Zweigvortrag haben zwischen den zwei öffentlichen Vorträgen, weiterreden.
