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The Rudolf Steiner Archive

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Der innere Aspekt des sozialen Rätsels
Luziferische Vergangenheit und ahrimanische Zukunft
GA 193

12 September 1919, Berlin

Sechster Vortrag

[ 1 ] Heute, wo ich zum ersten Male hier in diesem Raume zu Ihnen über Anthroposophisches zu sprechen habe, ist es vor allen Dingen das Gefühl der Dankbarkeit, dem ich Ausdruck geben möchte denjenigen lieben Freunden gegenüber, welche in der Zeit, in der ich selbst nicht hier in Berlin verweilen konnte, hingebungsvoll sich gewidmet haben der Einrichtung dieser Räume, die unseren anthroposophischen Betrachtungen und Arbeiten dienen sollen. Es ist ja heute eine Zeit, in der die Menschenseele in der Hauptsache großen, umfassenden Ereignissen im Weltengeschehen und in der Menschheitsentwicklung zugeneigt sein muß. So sehr nehmen diese großen, umfassenden Ereignisse und Umwälzungen der Gegenwart unser Wollen in Anspruch, wenn wir unsere Stellung als Menschen innerhalb des Weltgeschehens verstehen wollen, daß wir nicht, wie manchmal in früheren, ruhigeren, wenigstens scheinbar ruhigeren Zeiten, mit gleicher Aufmerksamkeit solchen schönen äußeren Ereignissen zugewendet sein können wie der Einrichtung einer solchen Räumlichkeit, die idealen Zielen, geistigen Zielen gewidmet sein soll, so gewidmet sein soll, daß in ihnen zusammenwirken Menschen als in ihrem sozialen Leben. Es ist aber, wenn man die Sache richtig bedenkt, doch ein gewisser Zusammenhang zwischen den großen Ereignissen, welche gegenwärtig die Welt durchpulsen, und einer solchen Einrichtung. Wird es doch durch die bedeutungsvollen Forderungen der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit selbst so sein müssen, daß dasjenige, was die Menschen gesucht haben an Schönem bisher, an künstlerischer Ausgestaltung für ihr einzelnes Privatleben, immer mehr und mehr sich wird hinziehen müssen nach denjenigen Räumen, welche die Menschen nicht einzelegoistisch für sich haben, sondern in denen sie sozial zusammenwirken. Man würde schlecht verstehen, was sich als Zukunftsziele in die Menschheitsentwicklung hineinstellen will, wenn man es beurteilen wollte nach dem, was sich heute zuweilen anzukündigen scheint. Die soziale Bewegung der Gegenwart trägt nicht nur vielfach einen «demokratischeren» Charakter — dessen vorübergehende Wesenheit man nur im richtigen Sinne zu durchschauen braucht, um das, was in dieser Bewegung steckt, ob dieses demokratischeren Charakters nicht zu verkennen —, sondern diese soziale Bewegung trägt auch etwas an sich, das schon den Menschen in die Furcht jagen könnte: das Schöne, das, was als Künstlerisches unsere Erdenkultur durchzieht, das würde in der Zukunft nicht das gleiche Verständnis finden wie in der Vergangenheit, da materiell bevorzugte Kreise dieser Pflege des Schönen sich widmen konnten!

[ 2 ] Eine Übergangszeit mag dazu führen, daß die Empfänglichkeit für das Schöne etwas zurücktritt. Aber gerade wenn im Ernste eine sozialere Gestaltung unseres Lebens Platz greifen wird, dann wird es unerläßlich sein, daß auch das äußere räumliche, das zeitliche Geschehen angepaßt werde dem Geschmack, dem Schönen; sonst würde ja die Menschheit im Banausentum und in der Philistrosität verkommen. So dürfen wir in gewissem Sinne gerade die einfache Schönheit, die unsere Freunde hier in dieser Räumlichkeit dem anzupassen versuchten, was an ernsten Dingen des Lebens hier gepflegt werden soll, wir dürfen gerade dieses ansehen wie etwas Symbolisches für die großen Ereignisse, die unsere Zeit durchpulsen. Und aus solchen Gefühlen heraus glaube ich im Einklange mit Ihnen allen zu sprechen, wenn ich in dieser ernsten Zeit für eine Arbeit, wie sie hier verrichtet worden ist, auch in diesem Zeitensinne unseren Freunden den allerherzlichsten Dank abstatte. Es wäre auch ein falscher Glaube, wenn man das, was in der Gegenwart sich vorbereiten will, so beurteilen wollte, als ob durch die sogenannten «objektiven Ereignisse» in der Welt der Wert der Persönlichkeit und der Wert dessen, was aus dem Persönlichen, aus dem Individuellen stammt, zurückgehen könnte. Das wird nicht der Fall sein. Nur die Jahrhunderte bis zum Ende des 19., die drei bis vier letzten Jahrhunderte, haben gewissermaßen so gewirkt, daß es in der Gesamtentwicklung der Menschheit gerechtfertigt scheint, den Menschen mehr als ein Rad in den allgemeinen Weltenmechanismus hineinzustellen. Die Aufgabe für die nächste Zukunft schon wird sein, daß sich der Mensch aus diesem Weltenmechanismus herausarbeite. Deshalb darf schon gesagt werden: Zunächst trägt ja die große Bewegung der Gegenwart zumeist einen durch und durch egoistischen Charakter. Gewiß, man strebt Sozialismus an, aber aus lauter antisozialen Trieben und Instinkten heraus. Das darf man nicht verkennen, daß wir eigentlich heute aus dem Grunde Sozialismus anstreben, weil die Menschen so antisozial in ihrer Seelenentwicklung, in ihrer Seelenverfassung geworden sind. Wäre das soziale Fühlen selbstverständlicher, so brauchten nicht so viele sozialistische Programme zu existieren; die sind gewissermaßen nur durch die Reaktion auf das antisoziale Fühlen und Empfinden der Menschen hervorgerufen. Aber gerade in einer solchen Zeit, in welcher — weil die Dinge so ungeklärt sind — das Soziale aus dem Egoistischen und Antisozialen sich herausgebären will, gerade in einer solchen Zeit übt der Anblick desjenigen, was in edler, selbstloser Hingabe an eine ideale Sache zustande gebracht worden ist aus echten, wahren, unegoistischen Menschenempfindungen heraus, eine ganz besondere Wirkung aus. Und es wird gut sein, wenn wir nicht in einer äußerlichen Weise in dieser ernsten Zeit heute geradezu ein Fest feiern, sondern wenn wir unsere Gedanken zu solchem wenden, wie ich es eben ausgesprochen habe: wie wertvoll es ist, neben dem durchgreifenden egoistischen Streben in unserer Zeit die Möglichkeit zu finden, daß so etwas geschaffen werde, wie es hier geschaffen worden ist — wenn auch in sehr kleinem Maßstabe — für ideelle, spirituelle Arbeiten. Und so erscheint es mir auch heute das Allerfestlichste zu sein, hier Betrachtungen anzustellen, die auf der einen Seite zusammenhängen sollen mit dem Ernste der Zeit, damit wir aus diesem Ernste heraus diejenigen Empfindungen in unsere Seele hereinbekommen, die uns vielleicht begleiten können durch die Arbeiten, die hier in diesen Räumen gepflogen werden sollen, so lange wir sie in diesen Räumen durch die Zeitverhältnisse eben werden pflegen können, und wenn wir auf der anderen Seite Gedanken auf uns wirken lassen, die, weil mit der Menschheitsentwicklung innig zusammenhängend, wert und würdig sein können, wenn wir diese Räume betreten, aus den Aufgaben heraus, denen diese Räume dienen sollen, oft und oft uns durch die Seele zu ziehen.

[ 3 ] Wenn wir in einem kritischen Sinne — nicht böswillig kritisch, aber doch kritisch — unsere Zeit ansehen, dann würden wir ja nicht wahr sein, wenn wir uns täuschen wollten über die zahlreichen Niedergangsströmungen auf allen Gebieten des Lebens, die in dieser Zeit waltend sind. Wenn wir unsere heutige Zeit betrachten, dann dürfen wir, damit wir den Ernst des Lebens nicht verlieren, nicht vergessen, wie stark dasjenige, was der Mensch gewöhnlich in seinem Bewußtsein heute trägt — so trägt, daß er es in Worten ausspricht —, wie sehr entfernt dies zumeist steht von demjenigen, was innerlich wahr und wirklich ist. Sogar die Empfindung dafür, wie weit das Wort, das wir sprechen, sich heute oftmals entfernt von der Wahrheit, sogar die Empfindung dafür ist großen Kreisen unserer Zeitgenossen eigentlich verlorengegangen, und an die Stelle des elementaren Ausfließens der Wahrheit aus der Menschenseele ist getreten, wir dürfen sagen, die Weltenphrase. Denn worin charakterisiert sich am meisten die Phrase? Sie charakterisiert sich dadurch, daß die Menschen sprechen, ohne daß das Wort, welches aus ihrem Munde kommt, innerlich verbunden ist — nur innerlich kann es ja damit verbunden sein — mit dem Quell der Wahrheit. Wir brauchen nur auf das zu sehen, was im Laufe der letzten vier, fünf, sechs Jahre geleistet worden ist an Offenbarungen einer allgemeinen Unwahrheit durch die Welt hindurch, und wir werden nicht daran zweifeln können, daß dadurch jenes Entfernen der Welt von der wahrhaften Wirklichkeit groß geworden ist, zur Weltenphrase geführt hat und, würde nichts dagegen arbeiten, noch immer mehr und mehr führen würde. Und nichts hat eigentlich außer dem Großwerden der Phrase, der Unwahrhaftigkeit, so sehr in der neueren Zeit gedeihen können als die Nachsicht gegenüber dieser Unwahrhaftigkeit, als der Hang zur Unwahrhaftigkeit. Überall wo man heute der Phrase begegnet, trifft man auch auf diejenigen Menschen, die nachsichtig sind gegenüber dem Geltendmachen der Phrase, dieser Unwahrhaftigkeit. Denn diese Nachsichtigen fragen überall: Wie hat das der Betreffende gemeint? Hat er nicht überall die besten Absichten gehabt? Glaubte er nicht überall mit den besten Absichten vorzugehen? — Und wie wenig herrscht demgegenüber das gewissenhafte Wahrheitsgefühl, daß der, welcher den Mund aufmacht, dazu verpflichtet ist, die Gründe einer Behauptung ernst zu prüfen und zu unterlassen die Behauptung, che er geprüft hat. Die Zeit muß kommen, in der es nicht genügt, daß man von einem Menschen sagen kann: Er hat es gut gemeint —, wenn er eine Unwahrhaftigkeit gesagt hat. Die Zeit muß vielmehr kommen, in welcher die Menschen das intensivste Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber der Prüfung der Wahrheit empfinden, und daß sie selbst auch dann, wenn sie entdekken würden, daß sie etwas in gutem Glauben ausgesprochen haben, was nicht den Tatsachen entspricht, daß sie dies sich nicht würden verzeihen können, sondern eingedenk wären der Tatsache, daß es für die objektive Welterkenntnis gleichgültig ist, ob wir subjektiv glauben, wir hätten die Wahrheit gesagt oder nicht, daß es aber für die objektive Welterkenntnis durchaus nicht gleich ist, ob wir in einem einzelnen Falle etwas sagen, was im objektiven Sinne wahr ist, das heißt, den Tatsachen entspricht, oder etwas, das nicht den Tatsachen entspricht. Gerade dem Ernste der Zeit gegenüber wird man es lernen müssen, was wirklich Phrase ist.

[ 4 ] Heute haben viele Menschen eigentlich das Gefühl — sie sind sich dessen nicht klar bewußt —, daß man doch eigentlich das behaupten dürfe, was einem angenehm ist. Man hat das ganz besonders studicren können und kann es weiter studieren an der Stellung, die sehr viele Menschen zu den Zeitereignissen nehmen. Ernstes ist an uns vorübergegangen. Dieses Ernste beurteilen die Menschen doch nur so, wie es ihnen angenehm ist, nichtnach der Tragweite, welche dieses Ernste für die Gesamtentwicklung der Menschheit hat. Wir haben Menschen als Zeitgenossen gehabt, die im Mittelpunkte dessen standen, was in den letzten vier bis fünf Jahren geschehen ist, Menschen, welche durch die Verhältnisse hinaufgeschoben worden sind in erste Stellungen in bezug auf das Weltgeschehen. Diese Menschen, ihr Schicksal hat sie ereilt! Aber wie wenig Menschen sind geneigt, sich ein objektives Urteil anzueignen über das, was eigentlich geschehen ist. Wie wenig Menschen sind geneigt, danach zu fragen, durch welche Selektion, durch welche Auswahl in der entscheidenden Zeit gerade die führenden Persönlichkeiten in ihre führenden Stellungen zum Unheil der Menschen gekommen sind. Nichts anderes ist aber heute so notwendig, als sich gegenüber allen subjektiven Meinungen durchzuarbeiten zu einer gewissen Objektivität mit Bezug auf diese Dinge. Manche Menschen glauben, es sei heute leicht, die Wahrheit zu sagen. Es ist nicht leicht, die Wahrheit zu sagen, weil die Wahrheit heute so viele Feinde hat, und weil der, welcher die Wahrheit sagt, sich selbstverständlich heute sehr schnell abnutzt. Denn die Wahrheit wird heute vielfach übelgenommen.

[ 5 ] Ich mußte in den letzten Monaten, da mir oftmals gesagt worden ist, daß das, was ich auf sozialem Gebiete geltend mache, so schwer zu verstehen sei, man könne es nicht begreifen, ich mußte demgegenüber immer wieder geltend machen, daß allerdings das Begreifen gerade dieses sozialen Impulses eine andere Seelenstimmung notwendig mache, als jene Seelenstimmung war, die in Mitteleuropa, namentlich in den letzten vier bis fünf Jahren und auch schon lange vorher, geherrscht hat, aber in den letzten vier bis fünf Jahren besonders zu ihrem Höhepunkte gekommen ist. Da haben die Leute in diesen letzten vier bis fünf Jahren viel begriffen; da haben sie Dinge begriffen, die ich wahrhaftig nicht begriffen habe. Man konnte bei vielen Leuten, eingerahmt in schönen Rahmen, allerlei Aussprüche finden; die Leute haben sie begriffen. Mit einem geraden Wahrheitssinn konnte man solche Aussprüche nicht begreifen, aber die Menschen haben sie begriffen. Denn es war ihnen befohlen, daß sie sie begreifen: es kam der Befehl dazu aus dem Großen Hauptquartier. Da begriffen sie alles. Jetzt aber sind die Dinge notwendig, die man nicht aus Gehorsam begreift, sondern aus seiner eigenen freien Seele heraus. Das müssen sich vielleicht die Menschen erst wieder aneignen. Die letzten vier bis fünf Jahre haben in ernster Weise gezeigt, daß die Menschen sich dies wieder aneignen müssen. Und gegenüber dem, was sich die Menschen in den letzten vier bis fünf Jahren angewöhnt haben, ist es wahrhaftig keine angenehme Pflicht, die Wahrheit zu sagen, erstens, weil die Wahrheit ernst ist, und dann, weil die Menschen die Wahrheit so sehr übelnehmen.

[ 6 ] Es werden Zeiten kommen, die in ganz besonderer Art auf diese unsere Zeit sehen werden. Aber die Menschen haben in der Gegenwart noch manche andere Verpflichtung als in der jüngsten Vergangenheit. Daher muß man sich heute schon in gewissem Sinne eine Vorstellung machen, wie künftige Zeiten auf das sehen werden, was in unserer Zeit vorgeht.

[ 7 ] Die Menschen werden lernen müssen, in unserer Zeit den Blick, den geistigen Blick, wieder hinaufzulenken zu den großen Umschichtungen, zu den großen Impulsen des Menschenwerdens auf der Erde. Ein solcher großer Umschwung hat begonnen in der Mitte des 15. Jahrhunderts in der christlichen Zeitrechnung. Wir nennen ihn in unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft den Beginn des fünften nachatlantischen Kulturzeitraumes, und wir wissen, daß er gegenüber dem früheren, dem griechisch-lateinischen Kulturzeitraume, der im 8. vorchristlichen Jahrhundert begann und im 15. Jahrhundert unserer Zeitrechnung endete, einen ganz anderen Charakter trägt. Die Menschen schauen durch das, was sie heute als Fable convenue gegeben haben und das sie Geschichte nennen, nicht auf den gewaltigen Unterschied der menschlichen Seelenstimmungen etwa des 10. Jahrhunderts und derjenigen Jahrhunderte hin, die mit der Mitte des 15. begonnen haben. Neue Seelenstimmungen und Seelenverfassungen sind in die Menschheit hereingebrochen, und wir können nur verstehen, was eigentlich in die Menschheitsentwicklung hereingekommen ist, wenn wir den Seelenblick hinaufwenden zu den Kräften, die im Menschheitsgeschehen selber walten, zu den Kräften, wie sie zum Beispiel indem Umschwung in der Mitte des 15. Jahrhunderts spielen. In unserer Zeit — es sind ja seit der Mitte des 15. Jahrhunderts wieder einige Jahrhunderte vergangen — kommt gewissermaßen das zu einer Krise, was in der Mitte des 15. Jahrhunderts über die zivilisierte Menschheit hereingebrochen ist, was sich langsam bis jetzt entwickelt hat und jetzt in einem entscheidenden Augenblicke steht, weil das menschliche Bewußtsein diesen entscheidenden Augenblick ergreifen muß.

[ 8 ] Heute ist die Zeit, in welcher der Mensch — auf welche Weise er das macht, davon werden wir noch sprechen — in sein Bewußtsein aufnehmen muß: Hier stehe ich innerhalb des Erdengeschehens als Mensch, und außer mir sind die drei Reiche der Natur, das Tierreich, das Pflanzenreich, das Mineralreich. Wenn aber der Mensch heute diesen Satz ausspricht, so sagt er damit vom Standpunkte des gegenwärtigen Bewußtseins, des Bewußtseins des fünften nachatlantischen Zeitraumes, nur eine halbe Wahrheit. Der Mensch, der vor diesem Zeitraume lebte, konnte noch sagen: Außer mir sind das Tierreich, das Pflanzenreich und das Mineralreich, weil er etwas anderes darunter verstand als das Bewußtsein von heute. Der Mensch der Vorzeit verstand das Tierreich, das Pflanzenreich und das Mineralreich noch so, daß Geistiges in diesen Reichen waltete. Dem heutigen Menschen ist das Bewußtsein dafür abhanden gekommen. Er muß es sich erst wieder aneignen, indem er auf die drei Reiche hinschaut und weiß: So wie wir nach unten angegliedert sind an die drei Reiche, an das Tierreich, Pflanzenreich und Mineralreich, so sind wir nach oben angegliedert an die drei Reiche der Angeloi, Archangeloi und Archai. Und erst dann sagen wir nicht eine halbe, sondern eine volle Wahrheit, wenn wir nicht nur sagen, wir blicken nach unten auf das Tierreich, Pflanzenreich und Mineralreich, sondern wenn wir auch nach oben hinblicken können auf das Reich der Angeloi, der Archangeloi und der Archai. So wie unser physischer Leib ein gewisses Verhältnis hat zu dem Tierreich, Pflanzenreich und dem Mineralreich, so auch unser Geistig-Seelisches zu dem, was die drei Hierarchien über uns ausmacht. Aber gerade in unserer Zeit ist es so, daß, während wir auf der einen Seite das Verhältnis zu den drei Reichen der Natur sehr ändern, wir auch das Verhältnis zu den drei Reichen der Hierarchien, die über dem Menschen stehen, ändern. Auf diese ernste Angelegenheit der Menschheitsentwicklung möchte ich Sie heute hinweisen, und indem wir dies festhalten, begehen wir am besten das Weihefest für diesen Zweigraum.

[ 9 ] Wenn wir auf das zurückblicken, was sich in der Menschheitsentwicklung in den früheren Zeiträumen zugetragen hat, die gewissermaßen mit der Mitte des 15. Jahrhunderts ihren Abschluß finden, so müssen wir sagen, wenn wir von den höheren Hierarchien noch absehen: Die Wesen der Angeloi, der Archangeloi und der Archai haben sich immer mit dem Menschen beschäftigt, haben sich beschäftigt mit dem Menschen, insofern er sein Dasein durchmacht zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, haben sich aber auch mit ihm beschäftigt, insofern er sein Dasein durchmacht hier auf dem irdischen Plan. Aber die Beschäftigung der Wesen dieser drei Hierarchien mit dem Menschen hat in gewisser Beziehung einen Abschluß gefunden in unserem Zeitalter. Unter den mannigfaltigen Tätigkeiten, denen die Wesen dieser drei Hierarchien obgelegen haben, ist diese: mitzuarbeiten an dem Bilde, das dem physischen Erdenmenschen, der physischen Organisation des Erdenmenschen zugrunde liegt. Wir treten durch die Geburt in unser physisches Dasein, wachsen heran in diesem physischen Dasein: das Bild der Menschheit prägt sich in uns aus. Dieses Bild war in uralten Zeiten der Menschheitsentwicklung ganz anders: Es hat manchen Wandel durchgemacht. Sie brauchen sich nur an das zu erinnern, was herauskommt, wenn wir in die alte atlantische Zeit oder auch in die Zeit der ägyptischen Kultur zurückblicken: die Menschen waren in ihrem äußeren Bau noch anders. Das Bild der Menschheit hat sich geändert, und an diesem Bilde zu arbeiten, oblag den Wesenheiten dieser drei höheren Hierarchien. Man kann schon sagen, es gehörte zu den Aufgaben dieser Wesenheiten, das Bild des Menschen auszuarbeiten, so daß es zuerst die Gestalt hatte, die es in der alten lemurischen Zeit zeigte, dann jene Gestalt, die es in der atlantischen Zeit hatte und dann die, welche es in den nachatlantischen Perioden hatte. Damit sind die Wesen dieser drei höheren Hierarchien allmählich dazu gekommen, das Bild, welches heute dem Menschen zugrunde liegt, durch Umwandlung älterer Bildformen hervorgebracht zu haben.

[ 10 ] Aber nun liegt das Eigentümliche vor, und eine wirkliche geistige Beobachtung der Menschheitsentwicklung zeigt dies: mit der eigentlichen Ausbildung dieses Menschheitsbildes sind die Wesenheiten dieser drei Hierarchien in unserem Zeitalter im wesentlichen fertig. Dieses Menschheitsbild, insofern es der physischen Organisation des Menschen zugrunde liegt, ist eigentlich abgeschlossen. Fühlen Sie diese bedeutungsvolle Tatsache: Die Wesen der Hierarchien der Angeloi, der Archangeloi und der Archai haben durch Jahrtausende und aber Jahrtausende an der Ausarbeitung eines Bildes gewirkt, und dieses Bild ist dasjenige, nach welchem die physische Menschenorganisation sich vollzogen hat. Und wir leben in dem Zeitalter, in dem diese Wesenheiten der drei höheren Hierarchien sich sagen: Wir haben gearbeitet an dem Menschheitsbilde, aber wir sind fertiggeworden. Wir haben den Menschen hineingestellt in diese Erdenwelt als physischen Menschen, und wir sind nun fertig!

[ 11 ] Wer im geistigen Schauen diese Tatsache überblickt, der empfindet namentlich erschütternd die Tatsache, daß das Interesse der Wesenheiten dieser drei höheren Hierarchien in diesem Zeitalter nicht nur abgenommen hat, sondern geschwunden ist für die Herstellung des physischen Menschheitsbildes. Blickt man zurück noch in die griechisch-lateinische Zeit, so findet man bei den Wesen dieser höheren Hierarchien ein lebhaftes Interesse an dem Zustandebringen des physischen Menschheitsbildes auf der Erde. Heute haben diese Wesenheiten der höheren Hierarchien eigentlich dafür kein Interesse mehr. Sie haben das Gefühl, sie haben für den physischen Menschen auf der Erde das Ihrige getan. Ihr Interesse ist von diesem Gesichtspunkte aus geschwunden. Die Menschen könnten dies als eine besonders bedeutungsvolle, tief in die Menschennatur einschneidende Tatsache ansehen, wenn sie nur sich Zeit und Muße nehmen würden, heute auch die äußeren Tatsachen der Menschheitsentwicklung zu beobachten. Wir blicken zum Beispiel zurück auf frühere Zeiten. Aus manchem, was geschehen ist und was uns so überliefert ist, daß wir es beurteilen können, können wir uns sagen: In den Menschen der früheren Zeiten stiegen wie instinktiv gewisse Gedanken auf. Man bezeichnet ja gerade diejenigen Menschen als genial, in denen gewisse Gedanken instinktiv aufsteigen. Heute glaubt man höchstens, daß solche Gedanken in manchen Menschen aufsteigen. Heute ist wenig Geniales in den Menschen der Erde vorhanden. Denn es steigen nicht mehr aus der Leibesorganisation die Kräfte des Genialischen herauf, weil an dieser Leibesorganisation nicht mehr die Wesenheiten der drei höheren Hierarchien arbeiten. Sie haben ihr Interesse an der Leibesgestaltung des Menschen verloren.

[ 12 ] Das macht den Menschen der Gegenwart gerade in gewisser Beziehung so hochmütig, daß er eigentlich in bezug auf seine Leibesgestaltung fertig ist. Den Rest der Erdenentwicklung wird er nicht mehr in der Vervollkommnung seiner physischen Erdengestalt durchmachen können. Es wird sich aus dem Leibe selbst keine Vervollkommnung seiner Organisation mehr ergeben. Was früher instinktiv genial in der Menschenseele aufgestiegen ist, das war aus dem Leibe und das hatte zu gleicher Zeit, weil es Götterarbeit war, eine organisierende Kraft an dem Leibe. Wenn zum Beispiel Homer dichtete, so dichtete er mit einer Kraft, die im Griechen zugleich eine organisierende Kraft war, die den Griechenleib gestaltete. Was mit einer so konkreten Kraft auftritt, auftreten kann, das hat zu gleicher Zeit leibbildende Kräfte. Was dagegen heute bei uns auftritt als die von uns aufgestellten Naturgesetze, auf die wir so stolz sind, das sind im großen und ganzen Abstraktionen, das hat keine leibbildende Kraft. Wir bilden deshalb abstrakte Gedanken aus, die das soziale Leben nicht zu beherrschen vermögen, und abstrakte Naturgesetze, weil nicht mehr die Wesen der drei höheren Hierarchien an uns arbeiten, weil wir keine Gedanken mehr in uns aufsteigend haben, die organisierend sind. Unser Seelenwesen ist abstrakt geworden. Unsere Seele ist in der Tat so in uns, daß sie verlassen ist durch den Leib selber von der Tätigkeit der Wesen der drei höheren Hierarchien.

[ 13 ] Und das ist nun das Wichtige, daß wir jetzt wieder suchen müssen, von uns aus, die Anknüpfung an die Tätigkeit der Wesen der drei höheren Hierarchien. Bis jetzt sind uns als Menschen diese Wesenheiten entgegengekommen, sie haben an uns gearbeitet. Jetzt müssen wir an unserem Seelisch-Geistigen selber arbeiten. Und was wir seelisch-geistig arbeiten, was wir durch geisteswissenschaftliche Forschung aus der geistigen Welt heraus offenbaren, das wird in unserer Menschenseele etwas werden, was die Wesenheiten der drei höheren Hierarchien wieder interessieren wird. Sie werden in den Gedanken und Empfindungen sein, die wir aus der geistigen Welt herausholen. Dadurch werden wir wieder die Beziehungen zu den Wesen dieser Hierarchien anknüpfen. So bedeutsam ist das, was in unserem Zeitabschnitt geschieht, daß wir es darstellen müssen als eine Veränderung in der Stellung der Götterwelt zu der Menschenwelt. Götter haben bis in unsere Zeit gearbeitet an der Vervollkommnung des physischen Menschenbildes. Der Mensch muß an seinem Seeleninhalt anfangen zu arbeiten, damit er wieder den Weg zurückfindet zu den drei höheren Hierarchien. Deshalb hat unsere Zeit es so schwierig, weil die Menschen so stolz sind auf ein zu einem Abschluß gekommenes äußeres Leibesbild und unabhängig von diesem Leibesbild, das heißt unabhängig von jeglicher höheren Welt, abstrakte Gedanken entwickeln, die keinen Zusammenhang haben mit der geistigen Welt, und weil eigentlich unsere richtige Aufgabe die ist, aus uns selbst diesen Zusammenhang nun zu suchen durch Hingabe an geistiges Wissen und Empfindungen über geistiges Wissen, und zu wollen aus geistigem Wissen heraus. Nur wer ganz eindringlich diesen großen Umschwung, der allerdings durch Jahrhunderte dauert, fühlt und empfindet, nur der kann heute zu einer richtigen Stellung innerhalb seiner Zeit kommen. Heute kann man nicht durch äußere Betrachtungen eine richtige Stellung zur Zeit gewinnen, heute muß man die Möglichkeit haben, diese Stellung durch innerliche Arbeit dessen, was innerlich ist, zu bekommen. Wir sind eben eingetreten in das Zeitalter der Bewußtseinsseele, sind herausgetreten aus dem Zeitalter der Verstandes- oder Gemütsseele, welches das griechisch-lateinische Zeitalter war. Und diese Bewußtseinsseele muß sich auch immer mehr und mehr so entwikkeln, daß nicht mehr in den Menschen hereinarbeiten — das würde ja sein Bewußtsein trüben — die Wesenheiten der höheren Hierarchien, sondern er muß sich bewußt zu ihnen hinaufarbeiten. Das macht sein volles, helles, klares Tagesbewußtsein aus, daß er sich zu den Wesen der höheren Hierarchien hinaufarbeitet. Geisteswissenschaft ist der Beginn eines solchen Hinaufarbeitens, denn sie ist nicht aus irgendeiner Willkür entsprungen, sondern aus der Einsicht in diesen Umschwung in unserer Zeit.

[ 14 ] Aber bewußt muß der Mensch auch manches andere entwickeln. Der Mensch hat immer leben müssen nach dem Karma, nach dem großen Schicksalsgesetz, aber er hat nicht immer sich ein Wissen von diesem großen Schicksalsgesetz angeeignet. Wie war es eigentlich überraschend, als durch Lessings «Erziehung des Menschengeschlechts» heraussprang aus der neueren Geistesentwicklung das Bewußtsein von den wiederholten Erdenleben. Heute beginnt die Zeit, wo man nicht mehr in derselben Weise von Mensch zu Mensch leben kann wie früher. Wir haben gesehen, wie man nicht mehr in derselben Weise zu den Wesen der drei höheren Hierarchien lebt. Aber auch zu den Menschen selbst kann man nicht mehr in derselben Weise leben wie früher. Ihr Leben ragt allerdings, wie es früher gepflegt worden ist, in unsere Zeit herein, aber wir versäumen unsere Verpflichtungen gegenüber der Gegenwart, wenn wir nicht darauf aufmerksam machen, daß auch ein neues Verhältnis von Mensch zu Mensch eintreten muß. Es hat bis jetzt nichts gemacht, kann man sagen, weil die menschliche Bewußtheit nicht verpflichtet war, in der vorherigen Zeit sich zu entwickeln. So daß man in der früheren Zeit dem Menschen entgegengetreten ist ohne Bewußtsein: Du Mensch, in dir lebt eine Seele, die durchgemacht hat eine Zeit vor der Geburt und davor ein anderes Erdenleben. — Es wird eine Zeit kommen, und sie ist schon im Anbrechen, wo es ein Mangel der Seelenverfassung wäre, wenn wir bei einem anderen Menschen nicht wüßten, in seiner Seele lebt etwas, was sich herüberlebt aus einem früheren Erdenleben. Bisher hat es nichts gemacht, wenn man dies nicht wußte. Jetzt beginnt die Zeit, wo man das nicht außer acht lassen darf. Ich will das an einem konkreten Falle zeigen.

[ 15 ] Unter den Dingen, die wir im sozialen Leben zu erarbeiten begonnen haben, haben wir versucht, eine Schule aus wirklich neuem Menschheitsgeist heraus ins Leben zu setzen, die Schule, die zunächst an die Firma Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik angegliedert ist: die Waldorfschule. Wir haben sie am letzten Sonntag feierlich eröffnet. Vorausgegangen ist ein Seminarkursus für Lehrer, den ich mir zu halten erlaubte. Da kam es vor allen Dingen darauf an, solch eine Pädagogik, solch eine Erziehungs- und Unterrichtskunst zu begründen, welche mit der Tatsache rechnet: in dem Kinde wächst eine Seele heran, die aus einem anderen Erdenleben kommt. Bisher konnte der Lehrer sich sagen, auch wenn er pädagogisch sehr fortgeschritten sich glaubte: Du hast eine Kinderseele vor dir, aus der kommen gewisse Fähigkeiten, die du zu entwickeln die Verpflichtung hast. — Aber er konnte mehr oder weniger nur auf das sehen, was aus dem Leibe herauskommen konnte. Damit wird der künftige Erzieher seiner Aufgabe nicht genügen können. Er wird ein feines Gefühl haben müssen für das, was sich aus den früheren Erdenleben herüberentwickelt in dem werdenden Kinde, und das wird das große Ergebnis sein in der künftigen Erziehung, daß dies wird herausentwickelt werden müssen. In diesem Verkehr muß sich zuerst das soziale Verhältnis ausgestalten, das gebaut ist auf der spirituellen Beziehung zu anderen Menschen in dem Bewußtsein: hast du einen Menschen vor dir, so hast du die wiederauferstandene Seele aus der vorhergehenden Inkarnation vor dir. Dies als eine Theorie aus einer begriffenen Weltanschauung zu haben, als Lehre von den wiederholten Erdenleben, das ist nicht genug, sondern es muß diese Lehre praktisch werden, so praktisch werden, daß sie der Untergrund werden könnte für so etwas wie eine Erziehungs- und Unterrichtskunst. Das ist es, was diese Lehre erst zur lebensfähigen macht. Es ist daher selbstverständlich, daß noch eine geringe Empfänglichkeit für solche Dinge herrscht, daß man diejenigen Menschen schief anschaut auf ihre geistige Verfassung, welche erkennen, was der heutigen Zeit not tut. Und not tut nicht bloß so, daß man es hinausplärrt in Form von irgendwelchen spirituellen Weltanschauungen, sondern daß man konkrete Verrichtungen des Lebens in die Sonne der Erkenntnis stellt, nicht bloß daß man sich bekennt zu dieser oder jener Formel, sondern diese Erkenntnis hineinträgt in das Leben der Menschheit selber. Dann merkt man gerade an einem solchen Punkte, wie es die Begründung einer neuen Pädagogik ist, wie die alte und die neue Zeit zusammenprallen in der Phrase.

[ 16 ] Ich habe mich bemüht, viel kennenzulernen von dem, was von der einen oder anderen Seite heute pädagogisch zutage gefördert wird. Da wird oftmals — ich will nur ein Beispiel herausnehmen — die Frage erörtert: Soll man mehr formal oder mehr materiell erziehen? Soll man mehr darauf sehen, daß der Mensch erzogen werde für diesen oder jenen Beruf, so daß er sich richtig hineinstellt in das Staats- oder sonstige Leben, oder soll man mehr sehen auf das Wesen des Menschen, daß man heraushole, was das allgemein Menschliche ist im humanistischen Sinne? — Über diese Frage haben sich die Menschen des Erziehungswesens viel gestritten. Es ist eine Phrase in Wirklichkeit aus dem Grunde, weil der Unterschied so groß ist zwischen dem, was der Mensch sagt, und was innerlich erfaßte Wahrheit ist. Ist denn der Mensch etwas anderes als das, worin er hineinwächst? Nehmen Sie Menschen, die heute Berufe haben, die einem öffentlichen Leben hingegeben sind. Wodurch sind sie diesem Leben hingegeben? Dadurch sind sie es, daß die früheren Generationen dieses und jenes in die Welt gebracht haben. Das heutige öffentliche Leben ist nur das Ergebnis dessen, was die früheren Generationen gebracht haben. Haben daher die Lehrer der früheren Zeiten materiell erzogen, nicht formalistisch? Gewiß haben sie nicht formalistisch erzogen. Aber es ist ein und dasselbe! Man streitet sich über Dinge, die ein und dasselbe sind. Doch etwas anderes ist wichtig: daß wir in den Menschen, die heute als Kinder geboren werden, die Neigungen haben, welche in der nächsten und in der zweitnächsten Generation heranwachsen sollen, daß wir also prophetisch erziehen. Ob wir die Menschen materiell oder humanistisch erziehen, ist eine Phrase. Aber daß wir prophetisch erziehen müssen, daß wir voraussehen müssen, was die nächste Generation als Aufgaben hat, das ist ernst. Das steht in der Welt drinnen.

[ 17 ] Die Menschen nennen so etwas heute noch schwer verständlich. Sie werden sich bequemen müssen, cs zu verstehen, sonst werden sie immer mehr und mehr herausfallen aus der Zeitentwicklung. Das ist wichtig, das ist außerordentlich wichtig. Bewußt müssen wir werden im ernstesten Sinne des Wortes, sowohl weil wir den Anschluß finden müssen an die Tätigkeit der Wesen der höheren Hierarchien, als auch, weil ein neues Verhältnis von Mensch zu Mensch selbst auf dem Gebiete des Erziehungswesens notwendig ist, weil wir in dem Menschen, der vor uns steht, anregen müssen nicht die Seele, die jetzt vor uns steht, sondern die Seele, die aus früheren Erdenverhältnissen herüberkommt. Das werden wir in unserem Bewußtsein tragen müssen. Es ist so wichtig, daß wir zu dem Geist ein konkretes Verhältnis finden. Wenn man nur etwas weiß über Karma, über wiederholte Erdenleben, über die Konstitution des Menschen, und dies als Begriffe im Kopfe trägt, so ist das gewiß eine Weltanschauung, ein Theoretisches. Aber mit diesem Theoretischen kommt man heute nicht besonders weit. Erst wenn diese theoretische Weltanschauung Leben wird, ist sie das, was die Menschheit für die nächste Zukunft braucht.

[ 18 ] Das wären Wahrheiten über das Verhältnis des Menschen zu den höheren Hierarchien, Wahrheiten über das Karma. Wir können noch ein drittes hinzufügen. Aus meiner Schilderung in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» wissen Sie, daß der Mensch, wenn er hineinschauen wird in die geistige Welt, in einer gewissen Beziehung das Erlebnis haben muß, welches man das Überschreiten der Schwelle nennt. Ich habe dieses Überschreiten der Schwelle in diesem Buche geschildert, indem ich darauf hingewiesen habe, wie die drei Gemütskräfte des Menschen, die in diesem physischen Leben ziemlich chaotisch durcheinanderwirken, sich gliedern, wie die Denkkraft, die Fühlkraft und die Willenskraft selbständig werden. Indem der Mensch die Schwelle überschreitet, werden diese Kräfte selbständig. In vieler Beziehung ist der ganze Lebensgang der Menschheitsentwicklung ähnlich dem Lebensgange des einzelnen Menschen. Nur verschoben sind die Dinge. Was der Mensch bewußt durchmacht, wenn er in der geistigen Welt zum Schauen kommen will, das Überschreiten der Schwelle, das muß in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum die ganze Menschheit unbewußt durchmachen. Sie hat darin keine Wahl, sie macht es unbewußt durch. Nicht der einzelne Mensch, sondern die Menschheit und der einzelne Mensch mit der Menschheit. Was heißt das?

[ 19 ] Was im Menschen zusammenwirkt im Denken, Fühlen und Wollen, das nimmt in der Zukunft einen getrennten Charakter an, macht sich auf verschiedenen Feldern geltend. Wir sind eben dabei, daß die Menschheit ein bedeutungsvolles Tor unbewußt durchschreitet, was die Seherkraft sehr gut wahrnehmen kann. Die Menschheit macht dieses Überschreiten der Schwelle so durch, daß die Gebiete des Denkens, Fühlens und Wollens auseinandergehen. Das aber legt uns Verpflichtungen auf, die Verpflichtung, das äußere Leben so zu gestalten, daß der Mensch diesen Umschwung seines Inneren auch im äußeren Leben durchmachen kann. Indem das Denken im Leben der Menschheit selbständiger wird, müssen wir einen Boden begründen, auf dem das Denken zu gesunderer Auswirkung kommen kann, müssen weiter einen Boden schaffen, auf dem das Fühlen selbständig zur Ausbildung kommen kann, und auch einen Boden, auf dem das Wollen zur besonderen Ausbildung kommen kann. Was bisher chaotisch im öffentlichen Leben durcheinanderwirkte, müssen wir jetzt in drei Gebiete gliedern. Diese drei Gebiete im öffentlichen Leben sind: das Wirtschaftsleben, das staatliche oder Rechtsleben und das Kulturleben oder geistige Leben. Diese Forderung der Dreigliederung hängt mit dem Geheimnis der Menschheitswerdung in diesem Zeitalter zusammen.

[ 20 ] Glauben Sie nicht, daß das, was als dreigliedriger sozialer Organismus geltend gemacht wird, eine beliebige Erfindung sei. Es ist herausgeboren aus der intimsten Erkenntnis der Menschheitsentwicklung, aus dem, was geschehen muß, wenn nicht das Ziel dieser Menschheitsentwicklung verleugnet werden soll. Deshalb steckten wir in dieser furchtbaren Weltkriegskatastrophe der letzten Jahre darinnen, weil die Schwierigkeit bestand, ein Ziel zu erkennen, welches spiritueller Art ist und weil die Menschen sich so weit entfernten, Ziele dieser Art auch nur anzuerkennen. Aus diesem Chaos müssen wir uns herausarbeiten. Es diktiert uns der Gang der Menschheitsentwicklung selbst, daß wir aus diesem Chaos uns herausarbeiten. Daher glaube ich allerdings, daß die Notwendigkeit einer sozialen Dreigliederung so recht gründlich nur diejenigen werden einsehen können, die von anthroposophischen Empfindungen ausgehen, von der Erkenntnis dessen, was in der Menschheitsentwicklung tatsächlich geschieht. Aber man liebt es in der Gegenwart nicht, solche Dinge anzuerkennen. Die Gegenwart liebt es, sich Aufgaben von dem Allernächstliegenden zuzuwenden, nicht sich auf das einzulassen, was die tieferen Geheimnisse des Daseins sind.

[ 21 ] Das ist das, was dem in diese Geheimnisse hineinschauenden Menschen das Herz so schwer macht, weil die Menschheit am allermeisten demjenigen abgeneigt ist, was ihr am allernotwendigsten ist. Aber unmöglich ist es, bei den eben geäußerten Gedanken etwa stehenbleiben zu wollen. Man kann sagen, jeder Pessimismus ist falsch. Richtig ist deshalb natürlich auch nicht jeder Optimismus. Aber richtig ist der Appell an das Wollen. Es kommt gar nicht in Frage, ob etwas so oder so geschieht, sondern daß wir wollen sollen, wie es in der Richtung der Menschheitsentwicklung liegt. Das müssen wir uns immer wieder und wieder klarmachen. Die alte Zeit ist vorüber, mit ihr müssen wir abrechnen. Wir können zu einem richtigen Verständnis in der Gegenwart nur kommen, wenn wir mit der alten Zeit richtig abrechnen. Aber die neue Zeit gestattet uns nicht, anders als spirituell mit ihr zu rechnen. Wir dürfen uns nur nicht täuschen, daß wir das, was uns in der alten Zeit lieb geworden ist, in die neue hinübertragen wollen, sondern wir müssen anfangen, uns im äußeren Leben den wirksamen neuen Gedanken zuzuwenden. Die Menschheit hat heute zwei Wege. Der eine geht durch die Mechanisierung des Geistes. Der Geist ist sehr mechanisch geworden in der neueren Zeit, insbesondere in den abstrakten Naturgesetzen, die man dann auch als herrschende Gesetze in das soziale Leben hineingetragen hat. Mechanisierung des Geistes — Vegetabilisierung der Seele! Die Vegetabilien schlafen, die Menschenseele neigt auch zum Schlafen. Die wichtigsten Ereignisse werden schlafend durchgemacht. Die wichtigsten Ereignisse der letzten Jahre sind buchstäblich verschlafen worden. Auch heute werden wichtigste Ereignisse verschlafen.

[ 22 ] Von der Stelle, wo ich heute hier zu reden habe, möchte ich sagen: Die Menschen haben sich in Mitteleuropa über führende Persönlichkeiten von Tag zu Tag das Falsche sagen lassen, und jetzt fahren sie fort in diesem Geschäft, ohne aufmerksam darauf zu sein. Die Menschen sehen heute aus dem Kurszettel: die Mark ist schon heruntergesunken bis zu 2,15 Centimes. Ich habe bis heute keinen Menschen gefunden, der das Sinken des Markkurses im Zusammenhang mit anderen auf der Hand liegenden Ereignissen durchschaut. Man braucht heute eigentlich nur auf drei Silben hinzuweisen — ich werde sie jetzt nicht verraten —, dann kann man die Antwort finden auf die Frage nach den Gründen dieses Sinkens des Markkurses. Aber die Seelen lieben zu schlafen, so sehr zu schlafen, daß uns in der Gegenwart in Mitteleuropa die große Enttäuschung hat kommen können, daß man sich, ich möchte sagen, schon vorher darauf freute — wir haben es erleben können Die Frauen werden teilnehmen an den öffentlichen Parlamentswahlen, verdoppelt wird der Verstand gegenüber den alten Zeiten. Und dann haben wir die Nationalversammlung erlebt. Aber verdoppelt war der Verstand gegenüber dem alten deutschen Reichstag nicht. Die Fortsetzung der alten Parteien haben wir erlebt, in der Zeit, wo die Parteien hätten mit Stumpf und Stiel verschwinden müssen. Man ahnt gar nicht, was damit geschehen ist, denn die Seelen schlafen. Mechanisierung des Geistes — Vegetarisierung der Seelen!

[ 23 ] Und blicken wir nach Osten, so sehen wir dort die Animalisierung der Leiber sehr stark im Aufgange. Geradeso wie man in der Amerikanisierung des Geistes eine Mechanisierung des Geisteslebens hat, so hat man in dem, was sich im Osten als Bolschewismus ausbreiten will, eine Animalisierung der Leiber. Aus ihren Emotionen heraus kritisieren diese Menschen dieses und jenes ab, aber sie wollen nicht das wahre Leben begreifen. Und so hat die Menschheit heute die Wahl: dort hinzugeben, wo sie auf der einen Seite die Mechanisierung des Geistes, die Vegetarisierung der Seelen, die Animalisierung der Leiber findet, oder sie kann auf der anderen Seite versuchen, den Weg zu finden zur Auferweckung des Geistes, diese Auferweckung des Geistes zu finden in den Impulsen, die dem Zeitalter der Bewußtseinsscele entsprechen, in der Anknüpfung der Menschenseele an die Tätigkeit der höheren Hierarchien, in dem Anerkennen der aus früheren Erdenverhältnissen kommenden bewußten Menschenseele, in der Dreigliederung des sozialen Lebens. Diese Dinge gehören zusammen. Und die Menschen, welche sich vereinigen in der Bewegung, die wir die Bewegung der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft nennen, sie sollten sich fühlen als einen Kern, von dem die Kraft zur sozialen Neugestaltung ausstrahlt. Denn was zur sozialen Umgestaltung von anderen Seiten her kommen kann, kann sehr nützlich sein. Aber es muß daran gearbeitet werden: Wahrhaftige soziale Umgestaltung kann nur aus spirituellen Impulsen kommen. Deshalb hätte man schon erwarten können, daß aus diesem Kreise, der dieser Bewegung angehört, das beste Verständnis für diese Bedingungen hätte erstehen können.

[ 24 ] Ich habe Ihnen jetzt einige Momente dargestellt, die Ihnen etwas von den Notwendigkeiten unseres gegenwärtigen Lebens zeigen können heute, wo ich hier in diesen neuen Räumen zu sprechen habe. Ich möchte, daß unsere Feier darin bestanden hat, daß wir uns bei jeglichem Verweilen in diesen Räumen das Bewußtsein bewahren an diese für die Menschheitsentwicklung so wichtigen Wahrheiten. Denn je mehr wir in unsere anthroposophische Arbeit ein solches Bewußtsein hereintragen, eine desto stärkere Weihe verleihen wir dieser Arbeit. Und diese Räume werden am besten dadurch geweiht sein, daß wir sie einweihen durch unsere Empfindungen, die aus solchen Quellen herausgeholt sind.