Der innere Aspekt des sozialen Rätsels
Luziferische Vergangenheit und ahrimanische Zukunft
GA 193
14 September 1919, Berlin
Achter Vortrag
[ 1 ] Ich habe davon gesprochen, wie die gegenwärtige Zeitepoche eine solche in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ist, welche diese Menschheit vor große Proben stellt, wenn auch dasjenige, was durch diese Proben vorgeht, durchaus zum großen Teile in dem Unterbewußten der Menschenseelen verfließt.
[ 2 ] Die Menschen, sagte ich, wissen und müssen wissen, was es heißt, die Schwelle in die unsichtbare Welt zu überschreiten, wenn sie eine Art Einweihung durchmachen, wenn sie wirklich in diese unsichtbare Welt bewußt eintreten. Allein etwas Ähnliches geschieht natürlich nicht von heute auf morgen, wohl aber im Laufe langer Zeiträume — mit der Menschheit selbst, indem diese Menschheit es zu erleben hat, daß die ineinanderwirkenden Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens wie auseinandertreten, sich auseinanderschälen, ähnlich wie Denken, Fühlen und Wollen selbständig werden eben beim Übertreten der Schwelle in die übersinnlichen Welten. Das alles ist verknüpft mit bedeutsamen Veränderungen in der innersten Menschennatur, und es ist einmal die Aufgabe der Zeit, diese Veränderungen in der innersten Menschennatur in das Bewußtsein aufzunehmen. Gerade dieser bequeme Drang der Menschen der Gegenwart, nicht wissen zu wollen eigentlich, was mit der Menschheit vorgeht, dieses Darauflosleben in Illusionen und im Grunde genommen doch in Träumereien über das Leben, das ist es, was überwunden werden muß.
[ 3 ] Wir werden uns über das, was ich Ihnen heute noch zu sagen habe, am besten dadurch verständigen, daß wir an uns längst bekannte Tatsachen des übersinnlichen Daseins denken, daran denken, wie des Menschen Ich und sein astralisches Wesen beim Einschlafen den physischen Leib und den ätherischen Leib verlassen, beim Aufwachen wieder in diese zurückkehren. Nun ist das eine allgemeine Charakteristik, gewissermaßen eine schematische Charakteristik. Man sagt so im allgemeinen, der Mensch kehrt beim Aufwachen zurück in seinen physischen Leib und seinen Ätherleib. Aber dieses Zurückkehren geschieht gewissermaßen in verschiedenem Grade. Wenn wir zum Beispiel ein kleines, noch unerwachsenes Kind betrachten, so können wir nie sagen, daß das Ich und der astralische Leib vollständig in den physischen Leib und Ätherleib untertauchen, daß sie in ihrer Tätigkeit vollständig eines werden mit der Tätigkeit des physischen Leibes und Ätherleibes. Es ist immer gewissermaßen etwas im Ich und im astralischen Leibe, was sich nicht verbindet mit dem physischen Leib und Ätherleib. Und wenn wir in ältere Zeiten der Menschheitsentwicklung zurückblicken, auf jenen wichtigen, einschneidenden Wendepunkt in der Entwicklung der Menschheit, der, wie ich Ihnen sagte, in der Mitte des 15. Jahrhunderts liegt, dann können wir uns sagen, für das ganze Menschenleben war es in alten Zeiten bis zu jenem Zeitpunkte so, daß ein vollständiges Untertauchen des Ich und des astralischen Leibes während des Wachens, während der bewußten Wachenszeit des Menschen, nicht stattgefunden hat. Das ist vielmehr das ungeheuer Bedeutungsvolle in der Entwicklung gerade in unserem nachatlantischen Zeitraume, daß unsere Seele und unser Geistiges, unser Ich und unser astralischer Leib, jetzt erst vollständig in den physischen Leib und Ätherleib untertauchen können, und zwar auch jetzt erst ungefähr für unsere Zeit- später werden sich die Verhältnisse wieder etwas ändern — nach dem siebenundzwanzigsten und achtundzwanzigsten Jahre. Das ist ein bedeutungsvolles Geheimnis in der Entwicklung der Menschheit. Der Mensch erlebt es eigentlich erst jetzt, daß er in seinen physischen Leib ganz untertaucht, und zwar auch erst, wenn er das vollständig reife Alter von siebenundzwanzig, achtundzwanzig Jahren erreicht hat. Und was bedeutet dieses vollständige Untertauchen in den physischen Leib? Es bedeutet, daß wir durch dieses Untertauchen in die Lage kommen, jene Gedanken zu entwickeln, jene Ideen zu entfalten, welche die materialistischen, die naturwissenschaftlichen Ideen sind seit der Galilei- und Kopernikus-Zeit. Für diese Ideen, für diese naturwissenschaftliche Anschauung ist unser physischer Leib das richtige Werkzeug. Das wurde in früheren Jahrhunderten nicht im Wachen erreicht, daher war das naturwissenschaftliche Denken nicht vorhanden. Das ist ganz an den physischen Leib gebunden. Damit hängt dann alles andere zusammen, was ich in diesen Tagen Ihnen sagen mußte über jene Tätigkeit, welche der Mensch im Zusammenhange mit geisteswissenschaftlicher Einsicht in der Weise entfalten muß, daß er wiederum Interesse erregt bei den Wesenheiten der drei nächsthöheren Hierarchien, wie ich es Ihnen ausgeführt habe. Wir sind gewissermaßen durch die Wesenheiten dieser drei Hierarchien soweit gebracht, daß wir untertauchen können in unseren physischen Leib und damit die tote, mineralische Außenwelt naturwissenschaftlich kennenlernen können.
[ 4 ] Es ist einfach die Aufgabe der Menschheit in der gegenwärtigen Zeit, in diesen Dingen Bescheid zu wissen. Ohne ein Bewußtsein von diesen Dingen zu haben, lebt der Mensch gewissermaßen schlafend im gegenwärtigen Kulturabschnitt dahin, und darin liegt ja der Grund, warum heute die Menschen die Ereignisse um sich herum schlafend durchleben. Man muß diese konkreten Tatsachen schon einmal auf seine Seele wirken lassen, damit man ein Bewußtsein davon aufnimmt, welche Kräfte gerade heute in der Entwicklung der Menschheit walten und wirken. Man kann schon sagen: In der gegenwärtigen Zeit muß vieles neu werden, wobei ich mit der «gegenwärtigen Zeit» natürlich einen lange Zeit umspannenden Zeitraum meine. Vor allem müssen solche Dinge neu werden wie die Erziehungsziele. Ich habe von unserem Gesichtspunkte aus schon darauf hingewiesen. Wir müssen den Menschen von Kindheit auf so erziehen, daß er in richtiger Art in ein solches Lebensalter eintritt, wie es charakterisiert ist durch ein vollständiges Untertauchen in den physischen Leib. Wir müssen die Menschen so dazu bringen, daß sie in den physischen Leib vollständig untertauchen können. Warum können denn die Bemühungen walten, an eine Umwandlung, an eine Erneuerung unseres Erziehungswesens zu gehen? Sie können deshalb walten, weil die Menschheit, da sie in ein neues Stadium der Entwicklung eintritt, vorbereitet werden muß zu dem Erleben in diesem neuen Stadium. Jeder, der das Leben heute betrachtet, wird wissen, daß es gegenwärtig außerordentlich viele gebrochene Menschennaturen gibt, die mit dem Leben nicht fertig werden. Und warum werden sie nicht mit dem Leben fertig? Weil sie nicht, wie ich es geschildert habe, zurückblicken können in Erlebnisse, die sie hätten haben sollen in der Erziehung, in ihrer Kindheit. Gewisse Kräfte können nur in der Kindheit entwickelt werden. Werden sie dann entwickelt, so bleiben sie durch das Leben vorhanden, man hat sie, und man ist dann dem Leben gewachsen. Hat man sie nicht, so ist man dem Leben nicht gewachsen. In dieser Weise ist das Verantwortlichkeitsgefühl aufzufassen, das man sich heute gegenüber allem Erziehungswesen erwerben sollte.
[ 5 ] Ein anderes: Wir müssen uns klar sein, daß der Christus-Impuls in die Menschheit eingetreten ist im vierten nachatlantischen Kulturzeitraum. Dieser Zeitraum hat im 8. vorchristlichen Jahrhundert begonnen und hat gedauert bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Ungefähr nach Ablauf des ersten Drittels dieses Zeitraumes trat indie Menschheitsentwicklung dasjenige herein, was der ganzen Erdenentwicklung den Sinn gibt, der Christus-Impuls, das Ereignis von Golgatha. Es trat herein, als die Menschheit in der Entwicklung der Verstandes- oder Gemütsseele war. Diese Entwicklung der Verstandes- oder Gemütsseele, in der das menschliche Denken und Empfinden mehr instinktiv waren als heute, wurde abgelöst durch die Entwicklung der Bewußtseinsseele im 15. Jahrhundert, in der wir drinnenstehen. Die Art, wie das Ereignis von Golgatha als ein weltgeschichtlicher Impuls in die Menschheitsentwicklung hereingetreten ist, war zunächst berechnet für das instinktive Verständnis des vierten nachatlantischen Zeitraumes. Da wurde es aufgenommen von den Menschen dieses Zeitraumes. Für dieses instinktive Verständnis war es selbstverständlich, daran zu denken, daß in der Persönlichkeit des Jesus von Nazareth das Christus-Wesen lebte, das in jenem Zeitraume aus kosmischen Höhen heruntergestiegen ist, um sich für irdische Taten zu verbinden mit dem Leibe des Jesus von Nazareth. Eine große, bedeutungsvolle übersinnliche Begebenheit konnte jeder erfühlend in dem Ereignis von Golgatha erkennen, so wie es dazumal in die Menschheit hereintrat. Mit dem Fortgange der Zeit wurde immer mehr und mehr abgelähmt, was in den Kräften der Verstandes- oder Gemütsseele war. Jenes Verständnis, das in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwicklung für das Ereignis von Golgatha noch vorhanden war, konnte nicht dauern. Es mußte einlaufen in eine ganz andere Seelenverfassung der zivilisierten Menschheit. Das hatte zur Folge, daß mit dem Heraufkommen der Bewußtseinsseele das Ereignis von Golgatha selbst immer mehr materialisiert wurde. Und so sehen wir, wie die Entwicklung der zivilisierten Menschheit in den letzten vier bis fünf Jahrhunderten so vor sich ging, daß immer mehr und mehr zurückging das Verständnis für das, was eigentlich auf Golgatha geschah, die Innewohnung des Christus in dem Jesus von Nazareth. Dieses große Mysterium, das in den ersten christlichen Jahrhunderten instinktiv erkannt wurde, es wurde immer weniger verstanden. Immer mehr und mehr wurde es materialisiert, bis in unsere Zeiten herein, in denen es möglich geworden ist, sogar den Fortschritt auf diesem Gebiete darin zu erkennen, daß man nichts mehr wissen wollte von dem übersinnlichen, kosmischen Christus, und daß man anfing zu reden von dem Jesus von Nazareth bloß als von einem allerdings außerordentlichen Menschen, aber eben einem Menschen, der gleichgeartet ist mit den übrigen Menschen.
[ 6 ] Wir stehen auch da an einem Wendepunkte. Ein neues ChristusVerständnis muß kommen. Dieses neue Christus-Verständnis kann nur kommen, wenn cs gesucht wird mit den Mitteln der Geisteswissenschaft, wenn es so gesucht wird, daß mit übersinnlichen Mitteln wieder das gefunden werden kann, was eigentlich nur im Übersinnlichen sich wirklich vollziehen könnte, was sich im Sinnlichen nur offenbaren könnte. Und es muß dieses neue Christus-Verständnis hervorgehen aus solchen Tiefen der Menschennatur, daß gegenüber diesen Tiefen der Menschennatur aufhören die konfessionellen Unterschiede, die über die zivilisierte Menschheit hin walten. Diese konfessionellen Unterschiede sitzen in ihren Gründen alle in einer Seelenverfassung, die mehr an der Oberfläche der Seele ist als alles das, was heute aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus führen muß zu einem neuen Verständnis des Christus im Jesus. Und dieses Verständnis wird nicht vollkommen sein, wird nicht ein solches sein, welches die Bedürfnisse der heutigen Menschenseele wirklich befriedigen kann, wenn es nicht zugleich so ist, daß es die Unterschiede in der Menschheit überbrückt, welche durch die Konfessionen in diese Menschheit heraufgetragen worden sind. Etwas haben wir zu hoffen von diesem neuen Christus-Impulse, das wir alle im Grunde genommen ersehnen müssen, wenn wir es mit der Menschheit ernst und würdig meinen, etwas haben wir zu erhoffen, das in sehr unverständiger Weise heute auf anderen Feldern gesucht wird. Heute reden die Menschen und erhoffen etwas von einem sogenannten internationalen Völkerbund. Es ist merkwürdig, wie sehr die Menschen heute sich nach Abstraktionen sehnen zum Verständnis der Wirklichkeit. Woher sollen denn die Impulse kommen, welche durch die Völker hindurch wirken, um eine Einheit hervorzurufen, die man mit dem sogenannten Völkerbunde meint? Man sehe sich alles an, was bisher für die Begründung dieses Völkerbundes an seelischen Impulsen vorgebracht worden ist: ein paar Abstraktionen sind es. Aber die Menschen verschlafen heute solche Dinge. Wie sehr sie gegenüber diesen Dingen schlafen, das sieht man gerade an einer Tatsache wie der folgenden: Woodrow Wilson, der Erfinder, wenigstens Wiedererfinder dieses Völkerbundes, hatte es ja ausgesprochen, als Amerika noch nicht in der Weise an den ganzen Weltverhandlungen beteiligt war wie heute, daß der Völkerbund nur dann in der richtigen Weise begründet werden kann, wenn es durch diese Kriegskatastrophe keine Sieger und keine Besiegten gibt. Das wäre die unerläßliche Bedingung für den Völkerbund. Wer das damals ernst genommen hat, der kann unmöglich heute dasjenige ernst nehmen, was jetzt über den Völkerbund gesagt wird. Beides ist nicht miteinander zu vereinigen. Das merken aber die Menschen nicht. Und das ist es, was heute einer gesunden menschlichen Entwicklung so widerstreitet; daß man tatsächlich das Widersprechendste aufnimmt, wenn nur eine gewisse Zeitspanne verflossen ist. Es ist, als ob die Menschen heute gar nicht mit ihrer Seele bei dem dabei sein könnten, was eigentlich geschieht.
[ 7 ] Nein, mit diesem Völkerbund ist es auch überhaupt nichts. Denn das, was in der Menschheit begründet werden soll, muß aus den Tiefen des Menschenwesens an die Oberfläche fließen. Was aus zeitgemäßen Menschheitsimpulsen über die ganze zivilisierte Welt hin heute begründet werden kann aus Gründen, die nicht in der Völkerdifferenzierung ruhen, das allein kann die Neuauffassung des Christus-Impulses entwickeln. Dieser Christus-Impuls in neuer, geisteswissenschaftlicher Erfassung allein kann das sein, was die in Haß und in Mißverständnis sich zersplitternden Völker über die zivilisierte Welt hin wieder verbindet. Das sollte sich tief, tief als eine Überzeugung in die Seelen senken. Denn alles übrige, was nicht in dieser Richtung geht, ist heute für die Entwicklung der Menschheit hemmend. Und im Grunde genommen ist es leichtfertig, in anderer Art über die Erfordernisse der Menschheitsentwicklung zu sprechen, als aus den tiefsten Gründen dieser Entwicklung heraus. Hat die Erde mit Bezug auf die Menschheitsentwicklung durch das Ereignis von Golgatha ihren eigentlichen Sinn bekommen, so ist heute die Zeit, wo dieser Sinn in einer neuen Art begriffen werden muß. Und ehe die Menschheit sich nicht die Verpflichtung zu diesem Verständnis auferlegt, eher gibt es für die Wunden dieser Zeit keine Heilung. Man kann heute nicht die Dinge, die zu geschehen haben, von diesem Gesichtspunkte aus nebeneinander treiben, man muß sie ineinander treiben. Man kann heute nicht äußerlich Politik treiben, kann nicht äußerlich einen Völkerbund aufrichten wollen. Diese Dinge verlangen, daß sie verinnerlicht werden durch den tiefsten, durch den Christus-Impuls der Menschheit.
[ 8 ] Der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft Verpflichtung ist es, in einer Art hinzuweisen auf das, was jeder einzelne Mensch nur als persönlich-individuelle Wesenheit in sich rege machen kann, was aber rege gemacht werden muß. Denn sobald diese Dinge berührt werden, muß der ganze Ernst unserer Zeit gefühlt werden. Das schmerzt so tief, daß dieser ganze Ernst der Zeit im Grunde genommen noch so wenig gefühlt wird, daß man es meidet, an die großen Erkenntnisse heranzutreten, die unbedingt dem Menschenbewußtsein einverleibt werden müssen. Wir haben eine Epoche durchlebt, die uns sehr weit abgebracht hat von jenem innerlichen Antriebe, der uns zu den heute notwendigen Erkenntnissen hinführt. Fragen Sie einen heutigen Naturforscher oder einen Menschen, der im Sinne der heutigen Naturforschung denkt: Was wäre es mit der Erdenentwicklung, wenn der Mensch nicht an ihr teilgenommen hätte? Wenn der Naturforscher heute überhaupt von seinen Hypothesen, von seinen Anschauungen aus vernünftig nachdenkt, so kann er ja keine andere Antwort geben als die: Dann wäre der Mensch nicht da, und die Erde würde sich ohne den Menschen entwickeln, würde ihr Mineralreich, ihr Pflanzenreich und ihr Tierreich auch entwickeln. Es würde ungefähr das vor sich gehen, was heute etwa vor sich geht, nur der Mensch wäre nicht dabei, höchstens daß keine Häuser gebaut wären, keine Städte vorhanden wären und dergleichen. — So muß man sagen, wenn man den Sinn der heutigen Naturwissenschaft erfaßt, daß die Erde sich entwickelt hätte ohne den Menschen, auch wenn der Mensch nicht dabei wäre. Und dennoch, dies ist ein völliger Irrtum. Wenn Sie alles zusammennehmen, was Sie in den verschiedenen Auseinandersetzungen finden können, die wir seit fast zwei Jahrzehnten gepflogen haben, so werden Sie das, was ich jetzt sagen werde, als eine Selbstverständlichkeit empfinden. Man muß nur darauf aufmerksam gemacht werden.
[ 9 ] Was der Mensch an sich trägt als seinen physischen Leib, ist während der Zeit seines Daseins zwischen Geburt und Tod durchwoben von dem Seelischen. Jetzt, da wir in diese Epoche eingetreten sind, ist cs sogar in besonderer Art von dem Seelischen durchwoben: das Ich und der astralische Leib tauchen vollständig in den physischen Leib unter. Und wieder, ob wir durch Feuer oder durch Beerdigung den Leichnam unseres physischen Leibes der Erde übergeben, es bedeutet das für die gegenwärtige naturwissenschaftliche Richtung nichts anderes als: Dieser Leichnam besteht aus verschiedenen Substanzen, die mit dem Tode des Menschen der Erde zugefügt werden und ihren Weg gehen nach den verschiedenen Prinzipien, die man heute in der organischen und besonders in der anorganischen Chemie verfolgt. Das alles ist aber ein bloßer Unsinn. Worum es sich handelt, ist vielmehr dieses: daß es wahrhaftig an diesem Menschenleibe nicht wesenlos vorübergeht, daß er von der Geburt bis zum Tode bewohnt ist von dem menschlichen Geist-Seelenwesen. Und wir übergeben der Erde unseren Leichnam in einer Form, in einer Beschaffenheit, die er nur dadurch hat bekommen können, daß er durchlebt war von der Geburt bis zum Tode von jenem Wesen, das vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis in der geistigen Welt als Seelengeist des Menschen gelebt hat. Und es wäre die Erde in ihrer heutigen Entwicklung so, daß sie längst dabei wäre zu zerfallen, zu veröden, wenn sie nicht als ein Ferment, gleichgültig ob durch Beerdigung oder durch Feuer, das aufnehmen würde, was die von den Seelen allerdings verlassenen, aber bis zum Tode durchlebten Menschenleiber sind. Wenn man früher Brot gebacken hat — früher hat man es so gemacht, heute wird es ein bißchen verkünstelt —, so hat man von dem alten Brotteig etwas aufbewahrt, das man als Hefe beim nächsten Brotbacken hat zusetzen müssen; das gehörte dazu. In ähnlicher Weise würde die Erde sich nicht entwickeln können, ohne daß die menschlichen Leiber — nicht die Tierleiber — gewissermaßen als Ferment zugesetzt würden. Die machen es, daß die Erde, die längst dabei angelangt wäre, zu zerstäuben, dasjenige in ihrer Entwicklung bis zum Ende tragen wird, was in ihr ist. Der Mensch hat Anteil und hat besonders jetzt Anteil an der ganzen Erdenentwicklung. Und noch dasjenige, was wir mit unserem Tode der Erdenentwicklung übergeben, hat für sie eine Bedeutung.
[ 10 ] Und das andere, was mit dem Menschen in seiner Entwicklung, insbesondere von der jetzigen Epoche ab geschieht, ist das, daß er, indem er das reifere Alter erlebt, über das siebenundzwanzigste, achtundzwanzigste Jahr kommt, dann mit seinem physischen Leibe im Wachenden Zustande in einer Verbindung ist, die in ganz besonderer Art auf die geistige Welt, auf die überirdische Welt wirkt. Das ist das merkwürdig Polarische in der Entwicklung des Menschen: Geht der Mensch durch die Pforte des Todes, läßt er seinen Leib zurück, dann spaltet er von diesem Leibe etwas ab, was der Erde als Ferment der Entwicklung dient. Geht er durch das Zeitalter vom achtundzwanzigsten bis fünfunddreißigsten Jahre, dann gibt er der geistigen Welt etwas ab, was aber für diese geistige Welt notwendig ist. Was man da abgibt — ich werde in der Zukunft einmal darüber sprechen, wie sich die Sache modifiziert für die jugendlichen Wesen, die vor dem achtundzwanzigsten Jahre sterben, das würde heute zu weit führen —, was man da an die geistige Welt abgibt, das ist das Wichtigste, was man wiederfindet, wenn man nach dem Tode in der geistigen Welt das Leben zurückerlebt. Das ist das, was man wirklich der überirdischen Welt so abgibt, wie man den Leichnam der irdischen Welt abgibt.
[ 11 ] Solche Geheimnisse sind mit der Menschheitsentwicklung verbunden, und solche Dinge muß einfach die gegenwärtige Menschheit in ihr Bewußtsein aufnehmen. Diese Dinge haben nicht nur die Bedeutung von Erkenntnissensationen, wahrhaftig nicht! Sie haben eine viel, viel andere Bedeutung noch. Denn wer diese Dinge ernst zu nehmen vermag, wer sie mit ihrem vollen Gewicht in seiner Seele erleben kann, der kann auch das Leben viel ernster nehmen als ein anderer. Und dieser vertiefte Lebensernst ist dem Menschen der Gegenwart notwendig. Und das gründliche Verständnis für das, was mit unserer Dreigliederung des sozialen Organismus gegeben werden soll — das äußere Verständnis kann ja der äußeren, ich möchte sagen exoterischen Welt, und muß ihr vermittelt werden —, aber das wirklich gründliche Verständnis, so daß bewußtestes Mitarbeiten in der heutigen sozialen Evolution möglich ist, muß ausgehen von solchem Lebensernst, der basiert ist auf der Lebensanschauung der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Sonst fassen wir die Dinge nicht tief genug auf. Draußen in der Welt müssen die Dinge verkündet werden, die mit der Dreigliederung zusammenhängen. Hier an diesem Orte möchte man, daß man in den Seelen das nötige Feuer, den nötigen Enthusiasmus erwecken kann, damit diejenigen, welche sich vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus ein solches Verständnis erwerben können, alles tun, um den anderen das nötige Verständnis beizubringen, beizubringen durch die Wärme der eigenen Überzeugung, durch den eigenen Enthusiasmus. Mit jener Oberflächenerkenntnis, welche heute die Menschen draußen in der Welt haben und die eben zu solchen Dingen führt, daß man glaubt, die Erde könne sich auch entwickeln, wenn der Mensch nicht dabei wäre, mit solcher Oberflächenerkenntnis ist der nötige Ernst für unsere Zeit nicht zu erzielen. Daher gehen wir heute durch die großen Städte, und es blutet uns das Herz über den jeglichen Mangel an Zusammenhang mit dem, was eigentlich in der Menschheitsentwicklung geschieht.
[ 12 ] Diese Dinge haben sich vorbereitet. Ihre vorläufige Kulmination war eben das, was man die Weltkriegskatastrophe nennt, in die dasjenige eingemündet ist, was an Oberflächenanschauungen immer mehr und mehr Platz gegriffen hat. Heute aber ist es Verpflichtung der Menschen, zu jener dreifachen Vertiefung zu kommen, von der ich gestern gesprochen habe, gegenüber den Wesen der drei über uns befindlichen Hierarchien. Denn wir müssen heute einsehen, daß wir ja in diesem Tatsachenkomplex darinnen leben. Wir müssen als Menschheit durch die Epoche durchgehen, in welcher das Ich und der astralische Leib am tiefsten hinuntersteigen in den physischen und Ätherleib, und damit stärksten Versuchungen ausgesetzt sind, die davon herrühren, daß wir als Menschen in solche enge Verbindung kommen mit unserem physischen Leibe.
[ 13 ] Da gibt es zweierlei: erstens eine Art, wie diese Versuchung auftreten kann, die ich nennen möchte die westliche Gestalt dieser Versuchung, und die andere ist die östliche Gestalt. Die westliche Gestalt tritt immer eigentümlicher auf, je weiter man den Blick nach Westen richtet, aber wir tragen diese Versuchung ganz besonders stark in unserer eigenen Natur. Sie besteht darin, daß wir dadurch, daß wir immer tiefer und tiefer in unseren physischen Leib eintauchen, mit den Erdenkräften, mit denen der physische Leib zusammenhängt, in innige Verbindung kommen. Unser physischer Leib hängt mit den Erdenkräften zusammen. Er wird diesen Erdenkräften nur dadurch entrissen, daß er die Schwere der Erde und ähnliches, was ihn an die Erde bindet, in seinem Bewußtsein überwindet. Der Mensch weiß gar nicht, wie er die Kräfte, die in ihm wirken, durch seine Organisation überwindet. Ich habe hier einmal etwas angeführt, was das illustrieren kann, was ich jetzt erwähne. Ich habe gesagt: Das menschliche Gehirn ist so schwer, daß es, wenn es seine ganze Schwere entfalten würde, die unmittelbar unter ihm befindlichen Blutgefäße zerdrücken würde. Nun ist aber die merkwürdige Einrichtung in der menschlichen Organisation vorhanden, daß dieses Gehirn im sogenannten Gehirnwasser schwimmt. Nach dem archimedischen Prinzip verliert nun ein jeder Körper im Wasser so viel an Gewicht, als das Gewicht der von ihm verdrängten Wassermenge beträgt. Aus diesem Grunde verringert sich auch der Druck des Gehirns auf die unter ihm liegenden Blutgefäße, weil eben das Gehirn im Gehirnwasser schwimmt, und wir überwinden dadurch die Schwere des Gehirns. — So überwinden wir vieles. Gerade diese Kräfte, auf die so wenig hingewiesen wird, zeigen auch im Physischen, welches Weltenwunder auch in der Organisation des Menschen vorhanden ist. So hängen wir mit den Kräften der Erde zusammen, aber wir dürfen nicht unmittelbar mit diesen Kräften in Zusammenhang kommen. Die Versuchung, zuviel mit diesen Kräften in Zusammenhang zu kommen, besteht in der Welt des Okzidents, in allen okzidentalen Lebensempfindungen. Diese Versuchung ist eine ahrimanische. Ihr kann nur entgegengearbeitet werden, wenn wir es wirklich dahin bringen, nach und nach unsere Erkenntnis so zu vertiefen, daß wir in die Lage kommen, geschichtlich die Menschheit in ihrer Entwicklung zu überblicken und das Ereignis von Golgatha als eine reale Tatsache in der Mitte dieser geschichtlichen Erdenentwicklung auch wirklich zu verstehen, so wie wir das Stehen des Cäsar, des Augustus oder des Sokrates in der Geschichte auch verstehen können. Nur dadurch bewahrt sich die okzidentale Weltanschauung vor der ahrimanischen Versuchung und ihren Folgen, daß diese abendländische Weltanschauung in ihre wissenschaftliche, in ihre erkenntnismäßige Betrachtung aufnimmt den Christus, daß der Christus einzieht in das gesamte Denken der westlichen Weltanschauung.
[ 14 ] Die orientalische Weltanschauung ist in der entgegengesetzten Lage. Der Orientale bleibt in einer gewissen Beziehung auf dem kindlichen Standpunkte stehen, daß er sein Ich und seinen astralischen Leib nicht untertauchen läßt in den physischen Leib und Ätherleib, auch in der jetzigen Epoche, in der es der Menschheit vorbestimmt ist, dieses Untertauchen zu bewirken. Der Orientale flieht dieses Untertauchen. Es ist interessant, gerade die wichtigsten Erscheinungen in der Gegenwart von diesem Gesichtspunkte aus zu verstehen. Von Rabindranath Tagore sind sehr schöne Reden übersetzt, auch ins Deutsche. Wenn Sie diese Reden lesen, werden Sie sich sagen, wenn Sie ein Empfinden dafür haben, es ist ein ganz anderes Aroma, als uns aus der Lektüre irgendeines Abendländers entgegenströmt. Da spricht ein ganz anderer Geist. Geradeso wie die Perspektive anders ist, wenn die Orientalen malen oder zeichnen, als wenn die Okzidentalen malen oder zeichnen, so ist auch die ganze Seelenstimmung dieses Rabindranath Tagore anders als die eines Europäers oder eines Amerikaners. Das rührt davon her, daß selbst der gebildete Orientale von heute, wenn er in orientalischer Bildung steckt, diesen Zusammenhang mit dem physischen Leibe flieht. Darin liegt auch eine Versuchung, die jetzt luziferischer Art ist, den menschlichen physischen Leib nicht gehörig auszunutzen, ihn unbenutzt zu lassen. Während der Amerikaner danach strebt, den physischen Leib zu stark zu benutzen, strebt der Orientale danach, ihn zu wenig zu benutzen.
[ 15 ] So muß man heute Völkerpsychologie kennenlernen. So hätte man seit Jahrzehnten, wenn die Weltkriegskatastrophe hätte vermieden werden sollen, auch anschauen müssen, welches die Beziehungen zwischen den östlichen und westlichen Völkern auch in Europa sind. Ich habe wahrhaftig nicht umsonst im Jahre 1910 gerade in Kristiania über die Volksgeister vorgetragen. Lesen Sie in diesem Zyklus verschiedenes nach, und Sie werden manchen Aufschluß über das bekommen, was sich in der Weltkriegskatastrophe in den letzten fünf Jahren zugetragen hat. Aber es handelt sich in allen diesen Dingen wirklich darum, daß man sich bereit mache, in vollem Ernste sich bereit mache, die Wirklichkeit nicht zu fliehen, sondern sie so aufzufassen, daß der Mensch sich in die Entwicklung in der Weise hineinstellen muß, daß er nicht egoistisch nur immer in sich hineinfrißt, nur immer die nächste Umgebung ins Auge faßt. Wir können heute nicht unsere Aufgabe erfüllen, wenn wir nicht den guten Willen entwickeln, uns in die ganze Menschheitsentwicklung, wenigstens mit unserem Bewußtsein, hineinzustellen.
[ 16 ] Was ich ausgesprochen habe, soll nicht eine Kritik der Vergangenheit sein. Ich habe oft gesagt, eine Kritik der Vergangenheit muß vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus für töricht gehalten werden. Worum es sich handelt, ist die Einsicht, daß man für die Zukunft anders zu handeln und zu denken hat, als man in der Vergangenheit gedacht und gehandelt hat, daß man die Geneigtheit haben muß, dasjenige in die Zukunft hineinzutragen, was aus dem spirituellen Wissen herauskommt.
[ 17 ] Ich habe Ihnen in diesen Tagen angedeutet, wie der Mensch sein ganzes Leben zwischen Geburt- und Todanzusehen hat. Wir nehmen, indem wir durch die Geburt schreiten, die Kräfte der übersinnlichen Welt von unserem übersinnlichen Dasein in das sinnlich-physische Dasein mit herein. Diese Kräfte wirken nach. Das ist etwas, was der Mensch heute sehr schwer versteht. Wie wirken sie nach? Sie wirken in allem nach, was der Mensch in dieser physischen Welt als Geistesleben entwickelt. Wir hätten keine Möglichkeit, Dichter unter uns zu haben, hätten weder die Möglichkeit, eine Weltanschauung oder Wissenschaft zu entwickeln noch Impulse für die Erziehung der Menschen zu entfalten, hätten überhaupt keine Möglichkeit, ein Geistesleben zu entwickeln, wenn wir nicht durch die Geburt jene Impulse durchtragen würden, die vom vorgeburtlichen Leben herstammen. Was geistiges Leben ist, stammt vom vorgeburtlichen Dasein. Was wir dagegen aus Willensimpulsen innerhalb des Wirtschaftslebens entwickeln — Brüderlichkeit, Menschenliebe, Denken, nicht nur für uns, sondern für andere, Arbeiten, nicht nur für uns, sondern für andere —, was wir gewissermaßen unter der Hand tun, indem wir im wirtschaftlichen Leben drinnenstecken, das liefert uns die wichtigsten Impulse für das, was wir als Impulse in die geistige Welt tragen. So wie wir aus der geistigen Welt die Kräfte heraustragen, die vor allem unser Geistesleben hier konstituieren, so tragen wir die Kräfte, die wir im Wirtschaftsleben in Menschenliebe und Brüderlichkeit entwickeln, wieder in die geistige Welt hinein. Dort begleiten sie uns, dort sind sie uns wichtige Impulse. Blicken wir auf das, was im kindlichen Leben herauskommt von Jahr zu Jahr, so haben wir darin das Erbe dessen, was aus der geistigen Welt herauskommt, damit der Mensch hier sein Geistesgebiet entfalten kann. Und blicken wir auf das, was im Wirtschaftsleben geschieht, daß wir durch unseren Willen das Arbeiten für andere entwickeln, so blicken wir damit auf das, was wir in die geistige Welt hineintragen, indem wir durch die Pforte des Todes gehen. Und was sich nun nur zwischen Geburt und Tod entwickelt, das stellt sich für den, der die geistige Welt anschauen kann, so dar, daß es der Gegensatz ist zu dem, was sich in der geistigen Welt zwischen dem Tode und der neuen Geburt entwickelt.
[ 18 ] Lesen Sie nach in dem Buche «Theosophie», was ich dort über das Seelenland, über das Geisterland gesagt habe, so werden Sie finden, daß es geschildert ist in Begriffen, die durchaus hervorgehen aus der lebendigen Anschauung jener Verhältnisse. Alles aber, was den Rechtsstaat konstituiert, ist das Gegenteil von dem, was die Impulse sind im Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Unser Geistesleben begründen wir mit den Kräften aus der Zeit vor der Geburt oder Empfängnis, das Wirtschaftsleben entwickeln wir, damit wir die dadurch entfalteten Kräfte hineintragen können in die geistige Welt, und was hier entwickelt wird, was nur der Erde angehört, das ist das Politische, das Recht, das Staatsleben, das hat keine Beziehung zur geistigen Welt.
[ 19 ] Der Mensch macht es sich bequem, indem er gewöhnlich diejenigen Dinge, die auf diesen Gebieten liegen, so deutet, wie er sie eben deuten mag. Es gibt heute viele Menschen, die wenden auf die Gegenwart an — vielleicht manchmal, um in diesen republikanischen Zeiten auch wieder ein bißchen monarchistisch zu sein — den biblischen Spruch: «Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.» Dieses Wort ist schlecht auf die Gegenwart anzuwenden, denn es kann nur aus seinem Milieu heraus verstanden werden. Der römische Cäsar war selber der Gott in der damaligen Zeit, der römische Cäsar forderte göttliche Verehrung. Caligula forderte solche göttliche Verehrung, indem er sich die griechischen Statuen nach Rom kommen ließ — man hat nur die Zeusstatue gerettet —, überall die Köpfe abschlagen ließ und dann den Caligula-Kopf daraufsetzen ließ, weil er fand, daß es das Richtige ist. Und schon damals, als der Jesus von Nazareth jenes Wort gesprochen hat, hat er ihm diese Bedeutung geben wollen: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist und bewahrt etwas auf für den Gott, den ihr in einem anderen Wesen suchen müßt, als in dem Kaiser. — Bei vielen Dingen des Evangeliums ist es notwendig, daß sie richtig in unsere Zeit hineingestellt werden, anders, als sie jetzt genommen werden, dann werden wir uns immer mehr zu jener Wirklichkeitsauffassung hindurchringen, die für unsere Zeit notwendig ist.
[ 20 ] In diesen Tagen war es meine Verpflichtung, Sie von verschiedenen Gesichtspunkten aus darauf aufmerksam zu machen, wie es die Aufgabe des Menschen in der Gegenwart ist, sich zu diesem Wirklichkeitsstandpunkte hindurchzuringen, der nur dadurch erreicht werden kann, daß man die geistige Wirklichkeit als etwas Konkretes neben der sinnlichen Wirklichkeit ansehen kann. Was in der Gegenwart den meisten Schaden verursacht, ist das AugenverschlieRen vor der Wirklichkeit. Die Menschen haben lange genug gerade diese Politik in der Politik nicht «politisch» betrieben: die Augen zu verschließen vor dem, was wirklich ist. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will etwas Ernstes: sie will die Augen aufschließen für die Wirklichkeit. Man erlebt es doch heute, daß diese Augen noch wenig, wenig aufgeschlossen sind. Man hört heute ganz sonderbare Dinge reden, die von dem mangelnden Wirklichkeitssinn der Menschen stark Zeugnis ablegen. Bitte, verkennen Sie nicht, ich muß Sie auf solche Dinge aufmerksam machen, weil sie die Zeit illustrieren. — Es hat mancherlei Persönlichkeiten gegeben, die eng zusammenhängen mit den Ereignissen, die nun einmal dieses Unglück über Mitteleuropa heraufgebracht haben, das nicht an seinem Ende, sondern eigentlich erst an seinem Anfange ist, Persönlichkeiten, die eigentlich ihr wahres Antlitz vor der Menschheit erst enthüllt haben, als die furchtbaren Ereignisse des Sommers 1918 und namentlich des Herbstes 1918 eingetreten sind. Da haben manche Menschen, die verantwortlich für vieles sind, dann ihr wahres Antlitz gezeigt. Sie sind in sonderbare Lagen gekommen, «sonderbare Lagen», weil sich die Lagen unterscheiden von ihren früheren Lagen. Ich habe wirklich Menschen kennengelernt, die mit einem gewissen Bedauern auf die jetzigen Lagen dieser verantwortlichen Persönlichkeiten hinblicken und sich gar nicht einmal fragen: Gibt es denn nicht in der Welt unzählige Millionen von Menschen, denen es heute noch viel schlechter geht, seelisch und körperlich, als denjenigen, die nun als verantwortliche Persönlichkeiten in diese neuen, von ihren früheren verschiedenen Lagen hineingekommen sind? — In diesen Dingen sollte es sich darum handeln, daß die Augen aufgeschlossen werden, daß Ernst gemacht wird mit dem, was Wirklichkeitserkenntnis in der Gegenwart werden muß. Schwarmgeisterei, sie besteht darin, daß man sich gewissen Lieblingsideen hingibt, die man faßt, weil sie einem bequem sind, ohne daß man auf das hinsieht, was die Wirklichkeit selber sagt. Es ist heute nicht bequem, über solche Dinge die Wahrheit zu sagen. Aber wenn man mit blutendem Herzen hat ansehen müssen, wie sich die Dinge entwickelt haben, wie Schwarmgeisterei gerade dort auftrat, wo man glaubte Lebenspraxis zu sehen, wenn man erleben mußte, wie diese Schwarmgeisterei verheerend hereinbrach, während das, was in die Wirklichkeit blickte, als ein utopistischer Idealismus aufgefaßt wurde, dann liegt die Verpflichtung vor, auf diese Dinge schon hinzuweisen. Und es sollte wahrhaftig kein Mitleid uns verwehren jetzt, da die Dinge ganz deutlich liegen, jetzt, wo die eigenen Bekenntnisse vorliegen, jetzt im gequälten Mitteleuropa hinzusehen auf solche Schwarmgeister, wie zum Beispiel diesen Ludendorff, der sich niemals bequemt hat, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist, sondern sie nach seinen bequemen Ideen formen wollte. Auch auf diesem Gebiete muß die Wirklichkeit in ihrem wahren Lichte gesehen werden, denn heute haben wir es zu tun nicht mit kleinen, sondern mit großen Abrechnungen. Alle diese schlecht stilisierten Versuche, sich vor der Welt zu rechtfertigen, sind gerade die herbsten Anklagen vor der Welt. Und ehe man nicht fühlt, daß Ernst gemacht werden muß in diesen Dingen, daß ernstlich einmal diese Dinge in ihrer Wirklichkeit gesehen werden müssen, eher ist kein Heil. Ich bin nicht hierher gefahren, um diese Dinge aus irgendeiner subtilen Neigung heraus zu sagen. Ich fühle in Verbindung mit dem Ernst einer geisteswissenschaftlichen Bewegung die Notwendigkeit, die Verpflichtung, über diese Dinge zu reden. Wir konnten es erleben — und mußten schweigen, weil uns wie dem Papageno Schlösser angelegt waren —, daß die Tatsache sich abspielte der Michaelis’schen Regierungskunst in einem wichtigen Moment der letzten vier bis fünf Jahre, daß die absoluteste Unfähigkeit an leitende Stellen gerufen wurde. Diese Dinge gehören auch heran. Wie der Schatten stehen sie heute da neben den großen Wahrheiten, welche die Menschheit durchströmen und durchströmen müssen.
[ 21 ] Ich weiß, wie viele Menschen heute noch immer sagen: sie fühlen sich verletzt, wenn man ihnen in diesen Dingen von der Wahrheit spricht, Allein es darf nicht fortbestehen das Augenverschließen vor der Welt in diesen Dingen. Allein aus dem ehrlichen Hinblicken auf diese Dinge wird diejenige Kraft ersprießen, welche die Menschheit vorwärtsbringen kann. Solche Kraft haben wir nötig. Nötig haben wir, dasjenige zu erfassen, was grundverschieden ist von dem, was die erfaßt haben, die die Menschheit in eine Lage wie die gegenwärtige hineingebracht haben. Den Mut müssen wir haben, Neues zu erfassen. Vorbereitend dafür, dieses Neue zu erfassen, auch in der äußeren Wirklichkeit, waren schon die Dinge, die hier und auf sonstigem Boden der anthroposophischen Bewegung gesprochen worden sind. Sie waren nicht dazu da, um sozusagen bessere Sonntagnachmittagspredigten zu sein. Sie waren da, um zu künden von dem, was der Ernst der Zeit ist. Und Anthroposoph im wirklichen Sinne des Wortes ist nur der, welcher von dem Nerv der Zeit ergriffen ist, der die Wahrheit will, nicht die Lüge, die uns so schlimm in die Dinge der Gegenwart verstrickt hat. Wäre es mir doch möglich gewesen mit den wenigen Worten, in denen ich den Schatten des Notwendigen gezeichnet habe, in Ihre Herzen zu dringen. Denn nicht zu dem Verstande bloß möchte ich gesprochen haben, sondern vor allem zu den Herzen, denn aus den Herzen muß das große Verständnis für die Zeit kommen, das notwendig ist. Wir müssen die Impulse finden, welche die Menschheit wieder aufrichten können. Dazu müssen wir aber erst kennenlernen, wie tief, wie gründlich tief wir uns in die Phrase, in das Unwahre auf allen Gebieten verstrickt haben. Aus dem Geiste wird die Wahrheit kommen. Weisheit, sie liegt einzig und allein in der Wahrheit. Das sollte man sich tief in die Seele schreiben. Ich habe einiges gesagt, was den Menschen in der Gegenwart charakterisiert, was gerade unsere Epoche der Menschheitsenwickelung von einem spirituellen Standpunkte aus charakterisiert. Diese Dinge habe ich vorgebracht, weil ich glaube, daß das Notwendigste für die Gegenwart durch diese Dinge an das menschliche Herz herangebracht werden kann, jene Seelenstimmung, aus der jener Ernst kommt, der notwendig ist, um heute im Dienst der Menschheit zu leben. Von diesem Ernste in Ihnen ein Gefühl hervorzurufen, das stellte ich mir bei meinem diesmaligen Aufenthalt zur Aufgabe.
