The Inner Aspect of the Social Enigma
A Luciferic Past and an Ahrimanic Future
GA 193
14 September 1919, Berlin
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The Inner Aspect of the Social Enigma, tr. SOL
Achter Vortrag
Eighth Lecture
[ 1 ] Ich habe davon gesprochen, wie die gegenwärtige Zeitepoche eine solche in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit ist, welche diese Menschheit vor große Proben stellt, wenn auch dasjenige, was durch diese Proben vorgeht, durchaus zum großen Teile in dem Unterbewußten der Menschenseelen verfließt.
[ 1 ] I have spoken of how the present era is one in the history of human development that presents humanity with great trials, even though what takes place through these trials largely flows into the subconscious of human souls.
[ 2 ] Die Menschen, sagte ich, wissen und müssen wissen, was es heißt, die Schwelle in die unsichtbare Welt zu überschreiten, wenn sie eine Art Einweihung durchmachen, wenn sie wirklich in diese unsichtbare Welt bewußt eintreten. Allein etwas Ähnliches geschieht natürlich nicht von heute auf morgen, wohl aber im Laufe langer Zeiträume — mit der Menschheit selbst, indem diese Menschheit es zu erleben hat, daß die ineinanderwirkenden Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens wie auseinandertreten, sich auseinanderschälen, ähnlich wie Denken, Fühlen und Wollen selbständig werden eben beim Übertreten der Schwelle in die übersinnlichen Welten. Das alles ist verknüpft mit bedeutsamen Veränderungen in der innersten Menschennatur, und es ist einmal die Aufgabe der Zeit, diese Veränderungen in der innersten Menschennatur in das Bewußtsein aufzunehmen. Gerade dieser bequeme Drang der Menschen der Gegenwart, nicht wissen zu wollen eigentlich, was mit der Menschheit vorgeht, dieses Darauflosleben in Illusionen und im Grunde genommen doch in Träumereien über das Leben, das ist es, was überwunden werden muß.
[ 2 ] People, I said, know—and must know—what it means to cross the threshold into the invisible world when they undergo a kind of initiation, when they truly and consciously enter this invisible world. Of course, something like this does not happen overnight, but rather over long periods of time—with humanity itself, as humanity must experience how the interacting forces of thinking, feeling, and willing seem to separate, to peel away from one another, much as thinking, feeling, and willing become independent precisely when crossing the threshold into the supersensible worlds. All of this is linked to significant changes in the innermost nature of the human being, and it is the task of our time to take these changes in the innermost nature of the human being into our consciousness. It is precisely this complacent urge of people today—not really wanting to know what is happening to humanity—this living in illusions and, when it comes down to it, in daydreams about life—that is what must be overcome.
[ 3 ] Wir werden uns über das, was ich Ihnen heute noch zu sagen habe, am besten dadurch verständigen, daß wir an uns längst bekannte Tatsachen des übersinnlichen Daseins denken, daran denken, wie des Menschen Ich und sein astralisches Wesen beim Einschlafen den physischen Leib und den ätherischen Leib verlassen, beim Aufwachen wieder in diese zurückkehren. Nun ist das eine allgemeine Charakteristik, gewissermaßen eine schematische Charakteristik. Man sagt so im allgemeinen, der Mensch kehrt beim Aufwachen zurück in seinen physischen Leib und seinen Ätherleib. Aber dieses Zurückkehren geschieht gewissermaßen in verschiedenem Grade. Wenn wir zum Beispiel ein kleines, noch unerwachsenes Kind betrachten, so können wir nie sagen, daß das Ich und der astralische Leib vollständig in den physischen Leib und Ätherleib untertauchen, daß sie in ihrer Tätigkeit vollständig eines werden mit der Tätigkeit des physischen Leibes und Ätherleibes. Es ist immer gewissermaßen etwas im Ich und im astralischen Leibe, was sich nicht verbindet mit dem physischen Leib und Ätherleib. Und wenn wir in ältere Zeiten der Menschheitsentwicklung zurückblicken, auf jenen wichtigen, einschneidenden Wendepunkt in der Entwicklung der Menschheit, der, wie ich Ihnen sagte, in der Mitte des 15. Jahrhunderts liegt, dann können wir uns sagen, für das ganze Menschenleben war es in alten Zeiten bis zu jenem Zeitpunkte so, daß ein vollständiges Untertauchen des Ich und des astralischen Leibes während des Wachens, während der bewußten Wachenszeit des Menschen, nicht stattgefunden hat. Das ist vielmehr das ungeheuer Bedeutungsvolle in der Entwicklung gerade in unserem nachatlantischen Zeitraume, daß unsere Seele und unser Geistiges, unser Ich und unser astralischer Leib, jetzt erst vollständig in den physischen Leib und Ätherleib untertauchen können, und zwar auch jetzt erst ungefähr für unsere Zeit- später werden sich die Verhältnisse wieder etwas ändern — nach dem siebenundzwanzigsten und achtundzwanzigsten Jahre. Das ist ein bedeutungsvolles Geheimnis in der Entwicklung der Menschheit. Der Mensch erlebt es eigentlich erst jetzt, daß er in seinen physischen Leib ganz untertaucht, und zwar auch erst, wenn er das vollständig reife Alter von siebenundzwanzig, achtundzwanzig Jahren erreicht hat. Und was bedeutet dieses vollständige Untertauchen in den physischen Leib? Es bedeutet, daß wir durch dieses Untertauchen in die Lage kommen, jene Gedanken zu entwickeln, jene Ideen zu entfalten, welche die materialistischen, die naturwissenschaftlichen Ideen sind seit der Galilei- und Kopernikus-Zeit. Für diese Ideen, für diese naturwissenschaftliche Anschauung ist unser physischer Leib das richtige Werkzeug. Das wurde in früheren Jahrhunderten nicht im Wachen erreicht, daher war das naturwissenschaftliche Denken nicht vorhanden. Das ist ganz an den physischen Leib gebunden. Damit hängt dann alles andere zusammen, was ich in diesen Tagen Ihnen sagen mußte über jene Tätigkeit, welche der Mensch im Zusammenhange mit geisteswissenschaftlicher Einsicht in der Weise entfalten muß, daß er wiederum Interesse erregt bei den Wesenheiten der drei nächsthöheren Hierarchien, wie ich es Ihnen ausgeführt habe. Wir sind gewissermaßen durch die Wesenheiten dieser drei Hierarchien soweit gebracht, daß wir untertauchen können in unseren physischen Leib und damit die tote, mineralische Außenwelt naturwissenschaftlich kennenlernen können.
[ 3 ] The best way for us to understand what I have left to say to you today is to reflect on the facts of the supersensible realm that we have long been familiar with—to recall how, upon falling asleep, a person’s I and astral body leave the physical body and the etheric body, and how they return to them upon waking. Now, this is a general description, a schematic description, so to speak. It is generally said that when a person wakes up, they return to their physical body and their etheric body. But this return takes place, so to speak, to varying degrees. If we consider, for example, a small, still immature child, we can never say that the “I” and the astral body are completely submerged into the physical body and the etheric body, that in their activity they become completely one with the activity of the physical body and the etheric body. There is always, so to speak, something in the “I” and in the astral body that does not merge with the physical body and the etheric body. And when we look back to earlier periods of human development, to that important, decisive turning point in human development—which, as I told you, lies in the middle of the 15th century—then we can say that, for the entire human life in ancient times up to that point, a complete immersion of the “I” and the astral body during wakefulness—during the human being’s conscious waking hours—did not take place. Rather, what is of immense significance in human development, particularly in our post-Atlantean era, is that our soul and our spiritual nature—our “I” and our astral body—can now, for the first time, become completely immersed in the physical body and the etheric body; and this occurs, for our time at least—though conditions will change somewhat again later—only after the twenty-seventh and twenty-eighth years. This is a profound mystery in the development of humanity. It is only now that human beings actually experience this complete immersion into their physical body—and only after they have reached the fully mature age of twenty-seven or twenty-eight. And what does this complete immersion into the physical body mean? It means that through this immersion we become capable of developing those thoughts, of unfolding those ideas that have been the materialistic, scientific ideas since the time of Galileo and Copernicus. Our physical body is the right instrument for these ideas, for this scientific worldview. This was not achieved in the waking state in earlier centuries; therefore, scientific thinking did not exist. This is entirely bound up with the physical body. Everything else I have had to tell you these past few days is connected to this—namely, the activity that human beings must develop in connection with spiritual-scientific insight in such a way that they, in turn, arouse interest among the beings of the three next-higher hierarchies, as I have explained to you. In a sense, the beings of these three hierarchies have brought us to the point where we can immerse ourselves in our physical body and thereby come to know the dead, mineral outer world through the natural sciences.
[ 4 ] Es ist einfach die Aufgabe der Menschheit in der gegenwärtigen Zeit, in diesen Dingen Bescheid zu wissen. Ohne ein Bewußtsein von diesen Dingen zu haben, lebt der Mensch gewissermaßen schlafend im gegenwärtigen Kulturabschnitt dahin, und darin liegt ja der Grund, warum heute die Menschen die Ereignisse um sich herum schlafend durchleben. Man muß diese konkreten Tatsachen schon einmal auf seine Seele wirken lassen, damit man ein Bewußtsein davon aufnimmt, welche Kräfte gerade heute in der Entwicklung der Menschheit walten und wirken. Man kann schon sagen: In der gegenwärtigen Zeit muß vieles neu werden, wobei ich mit der «gegenwärtigen Zeit» natürlich einen lange Zeit umspannenden Zeitraum meine. Vor allem müssen solche Dinge neu werden wie die Erziehungsziele. Ich habe von unserem Gesichtspunkte aus schon darauf hingewiesen. Wir müssen den Menschen von Kindheit auf so erziehen, daß er in richtiger Art in ein solches Lebensalter eintritt, wie es charakterisiert ist durch ein vollständiges Untertauchen in den physischen Leib. Wir müssen die Menschen so dazu bringen, daß sie in den physischen Leib vollständig untertauchen können. Warum können denn die Bemühungen walten, an eine Umwandlung, an eine Erneuerung unseres Erziehungswesens zu gehen? Sie können deshalb walten, weil die Menschheit, da sie in ein neues Stadium der Entwicklung eintritt, vorbereitet werden muß zu dem Erleben in diesem neuen Stadium. Jeder, der das Leben heute betrachtet, wird wissen, daß es gegenwärtig außerordentlich viele gebrochene Menschennaturen gibt, die mit dem Leben nicht fertig werden. Und warum werden sie nicht mit dem Leben fertig? Weil sie nicht, wie ich es geschildert habe, zurückblicken können in Erlebnisse, die sie hätten haben sollen in der Erziehung, in ihrer Kindheit. Gewisse Kräfte können nur in der Kindheit entwickelt werden. Werden sie dann entwickelt, so bleiben sie durch das Leben vorhanden, man hat sie, und man ist dann dem Leben gewachsen. Hat man sie nicht, so ist man dem Leben nicht gewachsen. In dieser Weise ist das Verantwortlichkeitsgefühl aufzufassen, das man sich heute gegenüber allem Erziehungswesen erwerben sollte.
[ 4 ] It is simply the task of humanity in the present age to be well-informed about these matters. Without an awareness of these things, people live, as it were, in a state of slumber throughout the current cultural epoch, and therein lies the reason why people today go through the events around them as if in a dream. One must allow these concrete facts to sink into one’s soul so that one can become aware of the forces that are at work in the development of humanity today. One can certainly say: In the present age, much must be renewed—though by “present age” I naturally mean a period spanning a long time. Above all, things such as educational goals must be renewed. I have already pointed this out from our perspective. We must educate people from childhood onward in such a way that they enter, in the proper manner, a stage of life characterized by complete immersion in the physical body. We must enable people to become fully immersed in the physical body. Why, then, can efforts be made to bring about a transformation, a renewal, of our educational system? They can be made because humanity, as it enters a new stage of development, must be prepared for the experiences of this new stage. Anyone who observes life today will know that there are currently an extraordinary number of broken human natures who cannot cope with life. And why cannot they cope with life? Because, as I have described, they cannot look back on experiences they should have had during their upbringing, in their childhood. Certain capacities can only be developed during childhood. If they are developed then, they remain with a person throughout life; one possesses them, and one is then able to cope with life. If one does not possess them, one is not able to cope with life. This is how we should understand the sense of responsibility that we should cultivate today toward the entire field of education.
[ 5 ] Ein anderes: Wir müssen uns klar sein, daß der Christus-Impuls in die Menschheit eingetreten ist im vierten nachatlantischen Kulturzeitraum. Dieser Zeitraum hat im 8. vorchristlichen Jahrhundert begonnen und hat gedauert bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Ungefähr nach Ablauf des ersten Drittels dieses Zeitraumes trat indie Menschheitsentwicklung dasjenige herein, was der ganzen Erdenentwicklung den Sinn gibt, der Christus-Impuls, das Ereignis von Golgatha. Es trat herein, als die Menschheit in der Entwicklung der Verstandes- oder Gemütsseele war. Diese Entwicklung der Verstandes- oder Gemütsseele, in der das menschliche Denken und Empfinden mehr instinktiv waren als heute, wurde abgelöst durch die Entwicklung der Bewußtseinsseele im 15. Jahrhundert, in der wir drinnenstehen. Die Art, wie das Ereignis von Golgatha als ein weltgeschichtlicher Impuls in die Menschheitsentwicklung hereingetreten ist, war zunächst berechnet für das instinktive Verständnis des vierten nachatlantischen Zeitraumes. Da wurde es aufgenommen von den Menschen dieses Zeitraumes. Für dieses instinktive Verständnis war es selbstverständlich, daran zu denken, daß in der Persönlichkeit des Jesus von Nazareth das Christus-Wesen lebte, das in jenem Zeitraume aus kosmischen Höhen heruntergestiegen ist, um sich für irdische Taten zu verbinden mit dem Leibe des Jesus von Nazareth. Eine große, bedeutungsvolle übersinnliche Begebenheit konnte jeder erfühlend in dem Ereignis von Golgatha erkennen, so wie es dazumal in die Menschheit hereintrat. Mit dem Fortgange der Zeit wurde immer mehr und mehr abgelähmt, was in den Kräften der Verstandes- oder Gemütsseele war. Jenes Verständnis, das in den ersten Jahrhunderten der christlichen Entwicklung für das Ereignis von Golgatha noch vorhanden war, konnte nicht dauern. Es mußte einlaufen in eine ganz andere Seelenverfassung der zivilisierten Menschheit. Das hatte zur Folge, daß mit dem Heraufkommen der Bewußtseinsseele das Ereignis von Golgatha selbst immer mehr materialisiert wurde. Und so sehen wir, wie die Entwicklung der zivilisierten Menschheit in den letzten vier bis fünf Jahrhunderten so vor sich ging, daß immer mehr und mehr zurückging das Verständnis für das, was eigentlich auf Golgatha geschah, die Innewohnung des Christus in dem Jesus von Nazareth. Dieses große Mysterium, das in den ersten christlichen Jahrhunderten instinktiv erkannt wurde, es wurde immer weniger verstanden. Immer mehr und mehr wurde es materialisiert, bis in unsere Zeiten herein, in denen es möglich geworden ist, sogar den Fortschritt auf diesem Gebiete darin zu erkennen, daß man nichts mehr wissen wollte von dem übersinnlichen, kosmischen Christus, und daß man anfing zu reden von dem Jesus von Nazareth bloß als von einem allerdings außerordentlichen Menschen, aber eben einem Menschen, der gleichgeartet ist mit den übrigen Menschen.
[ 5 ] Another point: We must be clear that the Christ impulse entered humanity during the fourth post-Atlantean cultural epoch. This epoch began in the 8th century B.C. and lasted until the middle of the 15th century A.D. Approximately at the end of the first third of this period, that which gives meaning to the entire development of the Earth—the Christ impulse, the event at Golgotha—entered into human evolution. It entered at a time when humanity was in the stage of development of the intellectual or emotional soul. This stage of development of the intellectual or emotional soul—in which human thinking and feeling were more instinctive than they are today—was succeeded by the development of the conscious soul in the 15th century, in which we now find ourselves. The way in which the event of Golgotha entered human development as an impulse in world history was initially intended for the instinctive understanding of the fourth post-Atlantean epoch. It was received by the people of that epoch. For this instinctive understanding, it was self-evident to think that the Christ Being lived within the personality of Jesus of Nazareth—a Being who had descended from cosmic heights during that period to unite with the body of Jesus of Nazareth for earthly deeds. Everyone could intuitively recognize a great, significant supersensible event in the occurrence at Golgotha, just as it entered into humanity at that time. As time went on, what lay within the powers of the intellectual or emotional soul became increasingly dulled. That understanding of the event at Golgotha, which was still present in the first centuries of Christian development, could not endure. It had to give way to an entirely different state of soul within civilized humanity. As a result, with the emergence of the conscious soul, the event at Golgotha itself became increasingly materialized. And so we see how the development of civilized humanity over the last four to five centuries proceeded in such a way that understanding of what actually happened on Golgotha—the indwelling of the Christ in Jesus of Nazareth—diminished more and more. This great mystery, which was instinctively recognized in the early Christian centuries, was understood less and less. It became increasingly materialized, right up to our own times, in which it has even become possible to perceive “progress” in this area in the fact that people no longer wanted to know anything about the supersensible, cosmic Christ, and that they began to speak of Jesus of Nazareth merely as an extraordinary human being, but still a human being of the same nature as the rest of humanity.
[ 6 ] Wir stehen auch da an einem Wendepunkte. Ein neues ChristusVerständnis muß kommen. Dieses neue Christus-Verständnis kann nur kommen, wenn cs gesucht wird mit den Mitteln der Geisteswissenschaft, wenn es so gesucht wird, daß mit übersinnlichen Mitteln wieder das gefunden werden kann, was eigentlich nur im Übersinnlichen sich wirklich vollziehen könnte, was sich im Sinnlichen nur offenbaren könnte. Und es muß dieses neue Christus-Verständnis hervorgehen aus solchen Tiefen der Menschennatur, daß gegenüber diesen Tiefen der Menschennatur aufhören die konfessionellen Unterschiede, die über die zivilisierte Menschheit hin walten. Diese konfessionellen Unterschiede sitzen in ihren Gründen alle in einer Seelenverfassung, die mehr an der Oberfläche der Seele ist als alles das, was heute aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus führen muß zu einem neuen Verständnis des Christus im Jesus. Und dieses Verständnis wird nicht vollkommen sein, wird nicht ein solches sein, welches die Bedürfnisse der heutigen Menschenseele wirklich befriedigen kann, wenn es nicht zugleich so ist, daß es die Unterschiede in der Menschheit überbrückt, welche durch die Konfessionen in diese Menschheit heraufgetragen worden sind. Etwas haben wir zu hoffen von diesem neuen Christus-Impulse, das wir alle im Grunde genommen ersehnen müssen, wenn wir es mit der Menschheit ernst und würdig meinen, etwas haben wir zu erhoffen, das in sehr unverständiger Weise heute auf anderen Feldern gesucht wird. Heute reden die Menschen und erhoffen etwas von einem sogenannten internationalen Völkerbund. Es ist merkwürdig, wie sehr die Menschen heute sich nach Abstraktionen sehnen zum Verständnis der Wirklichkeit. Woher sollen denn die Impulse kommen, welche durch die Völker hindurch wirken, um eine Einheit hervorzurufen, die man mit dem sogenannten Völkerbunde meint? Man sehe sich alles an, was bisher für die Begründung dieses Völkerbundes an seelischen Impulsen vorgebracht worden ist: ein paar Abstraktionen sind es. Aber die Menschen verschlafen heute solche Dinge. Wie sehr sie gegenüber diesen Dingen schlafen, das sieht man gerade an einer Tatsache wie der folgenden: Woodrow Wilson, der Erfinder, wenigstens Wiedererfinder dieses Völkerbundes, hatte es ja ausgesprochen, als Amerika noch nicht in der Weise an den ganzen Weltverhandlungen beteiligt war wie heute, daß der Völkerbund nur dann in der richtigen Weise begründet werden kann, wenn es durch diese Kriegskatastrophe keine Sieger und keine Besiegten gibt. Das wäre die unerläßliche Bedingung für den Völkerbund. Wer das damals ernst genommen hat, der kann unmöglich heute dasjenige ernst nehmen, was jetzt über den Völkerbund gesagt wird. Beides ist nicht miteinander zu vereinigen. Das merken aber die Menschen nicht. Und das ist es, was heute einer gesunden menschlichen Entwicklung so widerstreitet; daß man tatsächlich das Widersprechendste aufnimmt, wenn nur eine gewisse Zeitspanne verflossen ist. Es ist, als ob die Menschen heute gar nicht mit ihrer Seele bei dem dabei sein könnten, was eigentlich geschieht.
[ 6 ] We are also at a turning point here. A new understanding of Christ must emerge. This new understanding of Christ can only emerge if it is sought through the methods of spiritual science, if it is sought in such a way that, through supersensible means, we can once again discover what can truly take place only in the supersensible realm—what can only be revealed in the sensible world. And this new understanding of Christ must emerge from such depths of human nature that, in the face of these depths, the denominational differences that prevail throughout civilized humanity will cease. These denominational differences are all rooted in a state of mind that lies more on the surface of the soul than anything that must today lead, from the foundations of spiritual science, to a new understanding of Christ in Jesus. And this understanding will not be complete; it will not be one that can truly satisfy the needs of the human soul today, unless it also bridges the divisions within humanity that have been brought into this humanity through the denominations. We have reason to hope for something from this new Christ impulse—which, deep down, we must all yearn for if we are serious and sincere in our commitment to humanity—we have reason to hope for something that is being sought today, in a very misguided way, in other spheres. Today, people speak of and pin their hopes on a so-called League of Nations. It is remarkable how much people today long for abstractions to understand reality. Where, then, are the impulses to come from that work through the nations to bring about the unity implied by the so-called League of Nations? Consider all the spiritual impulses that have been put forward so far to justify this League of Nations: they are nothing but a few abstractions. But people today are oblivious to such things. Just how oblivious they are to these matters can be seen from a fact such as the following: Woodrow Wilson, the inventor—or at least the reinventer—of this League of Nations, had stated, back when America was not yet involved in global negotiations to the extent it is today, that the League of Nations could only be properly established if this catastrophe of war produced neither victors nor vanquished. That would be the indispensable condition for the League of Nations. Anyone who took that seriously back then cannot possibly take seriously today what is now being said about the League of Nations. The two are irreconcilable. But people do not realize this. And that is what stands in such stark contrast to healthy human development today—that people actually accept the most contradictory ideas once a certain amount of time has passed. It is as if people today are simply unable to be fully present in spirit with what is actually happening.
[ 7 ] Nein, mit diesem Völkerbund ist es auch überhaupt nichts. Denn das, was in der Menschheit begründet werden soll, muß aus den Tiefen des Menschenwesens an die Oberfläche fließen. Was aus zeitgemäßen Menschheitsimpulsen über die ganze zivilisierte Welt hin heute begründet werden kann aus Gründen, die nicht in der Völkerdifferenzierung ruhen, das allein kann die Neuauffassung des Christus-Impulses entwickeln. Dieser Christus-Impuls in neuer, geisteswissenschaftlicher Erfassung allein kann das sein, was die in Haß und in Mißverständnis sich zersplitternden Völker über die zivilisierte Welt hin wieder verbindet. Das sollte sich tief, tief als eine Überzeugung in die Seelen senken. Denn alles übrige, was nicht in dieser Richtung geht, ist heute für die Entwicklung der Menschheit hemmend. Und im Grunde genommen ist es leichtfertig, in anderer Art über die Erfordernisse der Menschheitsentwicklung zu sprechen, als aus den tiefsten Gründen dieser Entwicklung heraus. Hat die Erde mit Bezug auf die Menschheitsentwicklung durch das Ereignis von Golgatha ihren eigentlichen Sinn bekommen, so ist heute die Zeit, wo dieser Sinn in einer neuen Art begriffen werden muß. Und ehe die Menschheit sich nicht die Verpflichtung zu diesem Verständnis auferlegt, eher gibt es für die Wunden dieser Zeit keine Heilung. Man kann heute nicht die Dinge, die zu geschehen haben, von diesem Gesichtspunkte aus nebeneinander treiben, man muß sie ineinander treiben. Man kann heute nicht äußerlich Politik treiben, kann nicht äußerlich einen Völkerbund aufrichten wollen. Diese Dinge verlangen, daß sie verinnerlicht werden durch den tiefsten, durch den Christus-Impuls der Menschheit.
[ 7 ] No, this League of Nations is completely useless. For what is to be established within humanity must flow to the surface from the depths of the human being. Only a new understanding of the Christ impulse can develop what can be established today throughout the entire civilized world from contemporary human impulses—for reasons that do not rest in the differentiation of nations. Only this Christ impulse, understood anew through spiritual science, can be what reconnects the nations—which are fragmenting amid hatred and misunderstanding—across the civilized world. This should sink deep, deep into the souls as a conviction. For everything else that does not move in this direction is today an obstacle to the development of humanity. And, fundamentally speaking, it is reckless to speak of the requirements of human development in any way other than from the deepest foundations of that development. If the Earth has found its true purpose with regard to human development through the event at Golgotha, then today is the time when this purpose must be understood in a new way. And until humanity imposes upon itself the obligation to achieve this understanding, there will be no healing for the wounds of our time. Today, one cannot drive the things that must happen side by side from this perspective; one must drive them into one another. Today, one cannot engage in politics superficially, nor can one seek to establish a League of Nations superficially. These things demand that they be internalized through the deepest impulse of humanity—the Christ impulse.
[ 8 ] Der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft Verpflichtung ist es, in einer Art hinzuweisen auf das, was jeder einzelne Mensch nur als persönlich-individuelle Wesenheit in sich rege machen kann, was aber rege gemacht werden muß. Denn sobald diese Dinge berührt werden, muß der ganze Ernst unserer Zeit gefühlt werden. Das schmerzt so tief, daß dieser ganze Ernst der Zeit im Grunde genommen noch so wenig gefühlt wird, daß man es meidet, an die großen Erkenntnisse heranzutreten, die unbedingt dem Menschenbewußtsein einverleibt werden müssen. Wir haben eine Epoche durchlebt, die uns sehr weit abgebracht hat von jenem innerlichen Antriebe, der uns zu den heute notwendigen Erkenntnissen hinführt. Fragen Sie einen heutigen Naturforscher oder einen Menschen, der im Sinne der heutigen Naturforschung denkt: Was wäre es mit der Erdenentwicklung, wenn der Mensch nicht an ihr teilgenommen hätte? Wenn der Naturforscher heute überhaupt von seinen Hypothesen, von seinen Anschauungen aus vernünftig nachdenkt, so kann er ja keine andere Antwort geben als die: Dann wäre der Mensch nicht da, und die Erde würde sich ohne den Menschen entwickeln, würde ihr Mineralreich, ihr Pflanzenreich und ihr Tierreich auch entwickeln. Es würde ungefähr das vor sich gehen, was heute etwa vor sich geht, nur der Mensch wäre nicht dabei, höchstens daß keine Häuser gebaut wären, keine Städte vorhanden wären und dergleichen. — So muß man sagen, wenn man den Sinn der heutigen Naturwissenschaft erfaßt, daß die Erde sich entwickelt hätte ohne den Menschen, auch wenn der Mensch nicht dabei wäre. Und dennoch, dies ist ein völliger Irrtum. Wenn Sie alles zusammennehmen, was Sie in den verschiedenen Auseinandersetzungen finden können, die wir seit fast zwei Jahrzehnten gepflogen haben, so werden Sie das, was ich jetzt sagen werde, als eine Selbstverständlichkeit empfinden. Man muß nur darauf aufmerksam gemacht werden.
[ 8 ] It is the duty of the anthroposophically oriented spiritual science to point out, in a certain way, what each individual human being can awaken within themselves only as a personal, individual being—but which must be awakened. For as soon as these things are touched upon, the full gravity of our time must be felt. It is deeply painful that, fundamentally speaking, this gravity of our time is still so little felt that people avoid engaging with the great insights that must absolutely be incorporated into human consciousness. We have lived through an epoch that has led us very far away from that inner impulse which guides us toward the insights necessary today. Ask a modern natural scientist or someone who thinks in the spirit of contemporary natural science: What would have become of the Earth’s evolution if humanity had not participated in it? If a natural scientist today thinks rationally at all on the basis of his hypotheses and views, he can give no other answer than this: Then humanity would not exist, and the Earth would develop without humanity; its mineral, plant, and animal kingdoms would also develop. Things would proceed much as they do today, only humans would not be present—at most, no houses would have been built, no cities would exist, and so on. —So one must say, if one grasps the essence of modern natural science, that the Earth would have evolved without humans, even if humans were not present. And yet, this is a complete fallacy. If you take into account everything you can find in the various discussions we have been having for nearly two decades, you will find what I am about to say to be self-evident. One simply needs to be made aware of it.
[ 9 ] Was der Mensch an sich trägt als seinen physischen Leib, ist während der Zeit seines Daseins zwischen Geburt und Tod durchwoben von dem Seelischen. Jetzt, da wir in diese Epoche eingetreten sind, ist cs sogar in besonderer Art von dem Seelischen durchwoben: das Ich und der astralische Leib tauchen vollständig in den physischen Leib unter. Und wieder, ob wir durch Feuer oder durch Beerdigung den Leichnam unseres physischen Leibes der Erde übergeben, es bedeutet das für die gegenwärtige naturwissenschaftliche Richtung nichts anderes als: Dieser Leichnam besteht aus verschiedenen Substanzen, die mit dem Tode des Menschen der Erde zugefügt werden und ihren Weg gehen nach den verschiedenen Prinzipien, die man heute in der organischen und besonders in der anorganischen Chemie verfolgt. Das alles ist aber ein bloßer Unsinn. Worum es sich handelt, ist vielmehr dieses: daß es wahrhaftig an diesem Menschenleibe nicht wesenlos vorübergeht, daß er von der Geburt bis zum Tode bewohnt ist von dem menschlichen Geist-Seelenwesen. Und wir übergeben der Erde unseren Leichnam in einer Form, in einer Beschaffenheit, die er nur dadurch hat bekommen können, daß er durchlebt war von der Geburt bis zum Tode von jenem Wesen, das vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis in der geistigen Welt als Seelengeist des Menschen gelebt hat. Und es wäre die Erde in ihrer heutigen Entwicklung so, daß sie längst dabei wäre zu zerfallen, zu veröden, wenn sie nicht als ein Ferment, gleichgültig ob durch Beerdigung oder durch Feuer, das aufnehmen würde, was die von den Seelen allerdings verlassenen, aber bis zum Tode durchlebten Menschenleiber sind. Wenn man früher Brot gebacken hat — früher hat man es so gemacht, heute wird es ein bißchen verkünstelt —, so hat man von dem alten Brotteig etwas aufbewahrt, das man als Hefe beim nächsten Brotbacken hat zusetzen müssen; das gehörte dazu. In ähnlicher Weise würde die Erde sich nicht entwickeln können, ohne daß die menschlichen Leiber — nicht die Tierleiber — gewissermaßen als Ferment zugesetzt würden. Die machen es, daß die Erde, die längst dabei angelangt wäre, zu zerstäuben, dasjenige in ihrer Entwicklung bis zum Ende tragen wird, was in ihr ist. Der Mensch hat Anteil und hat besonders jetzt Anteil an der ganzen Erdenentwicklung. Und noch dasjenige, was wir mit unserem Tode der Erdenentwicklung übergeben, hat für sie eine Bedeutung.
[ 9 ] What a human being carries within themselves as their physical body is interwoven with the soul throughout their existence between birth and death. Now that we have entered this epoch, it is even interwoven with the soul in a special way: the “I” and the astral body are completely immersed in the physical body. And again, whether we return the remains of our physical body to the earth through cremation or burial, to the current scientific perspective this means nothing more than: These remains consist of various substances that, upon a person’s death, are returned to the earth and follow their own paths according to the various principles pursued today in organic and, especially, inorganic chemistry. But all of this is sheer nonsense. What is at stake, rather, is this: that the human body is not merely an insubstantial vessel; that from birth to death it is inhabited by the human spirit-soul being. And we hand over our physical body to the earth in a form and condition that it could only have acquired because it was lived through from birth to death by that being which, before birth—or rather, before conception—lived in the spiritual world as the human soul-spirit. And the Earth, in its present state of development, would long since have begun to decay and become desolate if it were not, as a kind of ferment—whether through burial or by fire—to absorb what are, after all, human bodies that have been abandoned by the souls but were lived through until death. When people used to bake bread—that’s how it was done in the past; today it’s become a bit contrived—they would set aside some of the old dough to use as yeast when baking the next batch; that was part of the process. In a similar way, the Earth would not be able to develop without human bodies—not animal bodies—being added, so to speak, as a leavening agent. They ensure that the Earth, which would otherwise have long since disintegrated, will carry through to the end in its development whatever is within it. Human beings play a part—and especially now—in the entire development of the Earth. And even what we contribute to the Earth’s development through our death has significance for it.
[ 10 ] Und das andere, was mit dem Menschen in seiner Entwicklung, insbesondere von der jetzigen Epoche ab geschieht, ist das, daß er, indem er das reifere Alter erlebt, über das siebenundzwanzigste, achtundzwanzigste Jahr kommt, dann mit seinem physischen Leibe im Wachenden Zustande in einer Verbindung ist, die in ganz besonderer Art auf die geistige Welt, auf die überirdische Welt wirkt. Das ist das merkwürdig Polarische in der Entwicklung des Menschen: Geht der Mensch durch die Pforte des Todes, läßt er seinen Leib zurück, dann spaltet er von diesem Leibe etwas ab, was der Erde als Ferment der Entwicklung dient. Geht er durch das Zeitalter vom achtundzwanzigsten bis fünfunddreißigsten Jahre, dann gibt er der geistigen Welt etwas ab, was aber für diese geistige Welt notwendig ist. Was man da abgibt — ich werde in der Zukunft einmal darüber sprechen, wie sich die Sache modifiziert für die jugendlichen Wesen, die vor dem achtundzwanzigsten Jahre sterben, das würde heute zu weit führen —, was man da an die geistige Welt abgibt, das ist das Wichtigste, was man wiederfindet, wenn man nach dem Tode in der geistigen Welt das Leben zurückerlebt. Das ist das, was man wirklich der überirdischen Welt so abgibt, wie man den Leichnam der irdischen Welt abgibt.
[ 10 ] And the other thing that happens to human beings in their development—especially from the present epoch onward—is that as they reach a more mature age, passing the twenty-seventh or twenty-eighth year, they enter into a connection with their physical body in the waking state that has a very special effect on the spiritual world, on the supermundane world. This is the remarkable polarity in human development: When a person passes through the gate of death and leaves their body behind, they separate from that body something that serves as a catalyst for the Earth’s development. When they pass through the period from the twenty-eighth to the thirty-fifth year, they give something to the spiritual world—something that is, however, necessary for that spiritual world. What one gives up there—I will speak about this in the future, explaining how the matter differs for young people who die before the age of twenty-eight; that would take us too far afield today—what one gives up to the spiritual world is the most important thing one rediscovers when, after death, one relives one’s life in the spiritual world. This is what one truly surrenders to the supernatural world, just as one surrenders the physical body to the earthly world.
[ 11 ] Solche Geheimnisse sind mit der Menschheitsentwicklung verbunden, und solche Dinge muß einfach die gegenwärtige Menschheit in ihr Bewußtsein aufnehmen. Diese Dinge haben nicht nur die Bedeutung von Erkenntnissensationen, wahrhaftig nicht! Sie haben eine viel, viel andere Bedeutung noch. Denn wer diese Dinge ernst zu nehmen vermag, wer sie mit ihrem vollen Gewicht in seiner Seele erleben kann, der kann auch das Leben viel ernster nehmen als ein anderer. Und dieser vertiefte Lebensernst ist dem Menschen der Gegenwart notwendig. Und das gründliche Verständnis für das, was mit unserer Dreigliederung des sozialen Organismus gegeben werden soll — das äußere Verständnis kann ja der äußeren, ich möchte sagen exoterischen Welt, und muß ihr vermittelt werden —, aber das wirklich gründliche Verständnis, so daß bewußtestes Mitarbeiten in der heutigen sozialen Evolution möglich ist, muß ausgehen von solchem Lebensernst, der basiert ist auf der Lebensanschauung der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft. Sonst fassen wir die Dinge nicht tief genug auf. Draußen in der Welt müssen die Dinge verkündet werden, die mit der Dreigliederung zusammenhängen. Hier an diesem Orte möchte man, daß man in den Seelen das nötige Feuer, den nötigen Enthusiasmus erwecken kann, damit diejenigen, welche sich vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus ein solches Verständnis erwerben können, alles tun, um den anderen das nötige Verständnis beizubringen, beizubringen durch die Wärme der eigenen Überzeugung, durch den eigenen Enthusiasmus. Mit jener Oberflächenerkenntnis, welche heute die Menschen draußen in der Welt haben und die eben zu solchen Dingen führt, daß man glaubt, die Erde könne sich auch entwickeln, wenn der Mensch nicht dabei wäre, mit solcher Oberflächenerkenntnis ist der nötige Ernst für unsere Zeit nicht zu erzielen. Daher gehen wir heute durch die großen Städte, und es blutet uns das Herz über den jeglichen Mangel an Zusammenhang mit dem, was eigentlich in der Menschheitsentwicklung geschieht.
[ 11 ] Such mysteries are linked to the development of humanity, and present-day humanity simply must bring these things into its consciousness. These things are not merely intellectual sensations—truly not! They have a much, much deeper significance still. For whoever is able to take these things seriously, whoever can experience them with their full weight in their soul, can also take life much more seriously than others. And this deepened seriousness toward life is necessary for people today. And a thorough understanding of what our threefold social order is intended to provide—the external understanding, of course, can be conveyed to the external, I would say the exoteric world, and must be conveyed to it—but the truly profound understanding, such that the most conscious participation in today’s social evolution is possible, must spring from a seriousness of life grounded in the worldview of anthroposophically oriented spiritual science. Otherwise, we do not grasp things deeply enough. Out in the world, the things related to the threefold social order must be proclaimed. Here in this place, we hope to kindle in people’s souls the necessary fire, the necessary enthusiasm, so that those who can acquire such an understanding from the perspective of spiritual science will do everything possible to impart the necessary understanding to others—through the warmth of their own conviction, through their own enthusiasm. With the superficial understanding that people out in the world have today—which leads precisely to the belief that the Earth could develop even without human involvement—with such superficial understanding, the necessary seriousness for our time cannot be achieved. That is why, as we walk through the great cities today, our hearts bleed at the utter lack of connection to what is actually happening in human evolution.
[ 12 ] Diese Dinge haben sich vorbereitet. Ihre vorläufige Kulmination war eben das, was man die Weltkriegskatastrophe nennt, in die dasjenige eingemündet ist, was an Oberflächenanschauungen immer mehr und mehr Platz gegriffen hat. Heute aber ist es Verpflichtung der Menschen, zu jener dreifachen Vertiefung zu kommen, von der ich gestern gesprochen habe, gegenüber den Wesen der drei über uns befindlichen Hierarchien. Denn wir müssen heute einsehen, daß wir ja in diesem Tatsachenkomplex darinnen leben. Wir müssen als Menschheit durch die Epoche durchgehen, in welcher das Ich und der astralische Leib am tiefsten hinuntersteigen in den physischen und Ätherleib, und damit stärksten Versuchungen ausgesetzt sind, die davon herrühren, daß wir als Menschen in solche enge Verbindung kommen mit unserem physischen Leibe.
[ 12 ] These things have been in the making. Their preliminary culmination was precisely what is called the catastrophe of the World War, into which flowed what had been gaining more and more ground in terms of superficial views. Today, however, it is humanity’s duty to attain that threefold deepening of which I spoke yesterday, in relation to the beings of the three hierarchies above us. For we must realize today that we are, in fact, living within this complex of realities. As humanity, we must pass through the epoch in which the ego and the astral body descend deepest into the physical and etheric bodies, and are thus exposed to the strongest temptations arising from the fact that we, as human beings, come into such close connection with our physical body.
[ 13 ] Da gibt es zweierlei: erstens eine Art, wie diese Versuchung auftreten kann, die ich nennen möchte die westliche Gestalt dieser Versuchung, und die andere ist die östliche Gestalt. Die westliche Gestalt tritt immer eigentümlicher auf, je weiter man den Blick nach Westen richtet, aber wir tragen diese Versuchung ganz besonders stark in unserer eigenen Natur. Sie besteht darin, daß wir dadurch, daß wir immer tiefer und tiefer in unseren physischen Leib eintauchen, mit den Erdenkräften, mit denen der physische Leib zusammenhängt, in innige Verbindung kommen. Unser physischer Leib hängt mit den Erdenkräften zusammen. Er wird diesen Erdenkräften nur dadurch entrissen, daß er die Schwere der Erde und ähnliches, was ihn an die Erde bindet, in seinem Bewußtsein überwindet. Der Mensch weiß gar nicht, wie er die Kräfte, die in ihm wirken, durch seine Organisation überwindet. Ich habe hier einmal etwas angeführt, was das illustrieren kann, was ich jetzt erwähne. Ich habe gesagt: Das menschliche Gehirn ist so schwer, daß es, wenn es seine ganze Schwere entfalten würde, die unmittelbar unter ihm befindlichen Blutgefäße zerdrücken würde. Nun ist aber die merkwürdige Einrichtung in der menschlichen Organisation vorhanden, daß dieses Gehirn im sogenannten Gehirnwasser schwimmt. Nach dem archimedischen Prinzip verliert nun ein jeder Körper im Wasser so viel an Gewicht, als das Gewicht der von ihm verdrängten Wassermenge beträgt. Aus diesem Grunde verringert sich auch der Druck des Gehirns auf die unter ihm liegenden Blutgefäße, weil eben das Gehirn im Gehirnwasser schwimmt, und wir überwinden dadurch die Schwere des Gehirns. — So überwinden wir vieles. Gerade diese Kräfte, auf die so wenig hingewiesen wird, zeigen auch im Physischen, welches Weltenwunder auch in der Organisation des Menschen vorhanden ist. So hängen wir mit den Kräften der Erde zusammen, aber wir dürfen nicht unmittelbar mit diesen Kräften in Zusammenhang kommen. Die Versuchung, zuviel mit diesen Kräften in Zusammenhang zu kommen, besteht in der Welt des Okzidents, in allen okzidentalen Lebensempfindungen. Diese Versuchung ist eine ahrimanische. Ihr kann nur entgegengearbeitet werden, wenn wir es wirklich dahin bringen, nach und nach unsere Erkenntnis so zu vertiefen, daß wir in die Lage kommen, geschichtlich die Menschheit in ihrer Entwicklung zu überblicken und das Ereignis von Golgatha als eine reale Tatsache in der Mitte dieser geschichtlichen Erdenentwicklung auch wirklich zu verstehen, so wie wir das Stehen des Cäsar, des Augustus oder des Sokrates in der Geschichte auch verstehen können. Nur dadurch bewahrt sich die okzidentale Weltanschauung vor der ahrimanischen Versuchung und ihren Folgen, daß diese abendländische Weltanschauung in ihre wissenschaftliche, in ihre erkenntnismäßige Betrachtung aufnimmt den Christus, daß der Christus einzieht in das gesamte Denken der westlichen Weltanschauung.
[ 13 ] There are two aspects to this: first, a way in which this temptation can arise, which I would like to call the Western form of this temptation, and the other is the Eastern form. The Western form becomes increasingly pronounced the farther one looks toward the West, but we carry this temptation particularly strongly within our own nature. It consists in the fact that, as we delve deeper and deeper into our physical body, we come into intimate connection with the earthly forces to which the physical body is bound. Our physical body is bound to the earthly forces. It is torn away from these earthly forces only by overcoming, in its consciousness, the weight of the earth and similar forces that bind it to the earth. Human beings have no idea how they overcome the forces at work within them through their own constitution. I once cited an example here that can illustrate what I am now mentioning. I said: The human brain is so heavy that if it were to exert its full weight, it would crush the blood vessels located directly beneath it. However, there is a remarkable mechanism in the human organism whereby this brain floats in what is known as cerebrospinal fluid. According to Archimedes’ principle, any body in water loses an amount of weight equal to the weight of the volume of water it displaces. For this reason, the pressure exerted by the brain on the blood vessels beneath it is reduced, precisely because the brain floats in cerebrospinal fluid, and in this way we overcome the brain’s weight. — This is how we overcome many things. It is precisely these forces, to which so little attention is paid, that reveal—even in the physical realm—what a wonder of the world is present in the human organism. Thus we are connected to the forces of the Earth, but we must not come into direct contact with these forces. The temptation to become too closely involved with these forces exists in the Western world, in all Western attitudes toward life. This temptation is an Ahrimanic one. It can only be counteracted if we truly succeed, step by step, in deepening our understanding to the point where we are able to survey the development of humanity throughout history and truly understand the event of Golgotha as a real fact at the center of this historical development of the Earth—just as we can understand the place of Caesar, Augustus, or Socrates in history. Only by incorporating Christ into its scientific and epistemological perspective—by allowing Christ to permeate the entire thinking of the Western worldview—can the Western worldview protect itself from the Ahrimanic temptation and its consequences.
[ 14 ] Die orientalische Weltanschauung ist in der entgegengesetzten Lage. Der Orientale bleibt in einer gewissen Beziehung auf dem kindlichen Standpunkte stehen, daß er sein Ich und seinen astralischen Leib nicht untertauchen läßt in den physischen Leib und Ätherleib, auch in der jetzigen Epoche, in der es der Menschheit vorbestimmt ist, dieses Untertauchen zu bewirken. Der Orientale flieht dieses Untertauchen. Es ist interessant, gerade die wichtigsten Erscheinungen in der Gegenwart von diesem Gesichtspunkte aus zu verstehen. Von Rabindranath Tagore sind sehr schöne Reden übersetzt, auch ins Deutsche. Wenn Sie diese Reden lesen, werden Sie sich sagen, wenn Sie ein Empfinden dafür haben, es ist ein ganz anderes Aroma, als uns aus der Lektüre irgendeines Abendländers entgegenströmt. Da spricht ein ganz anderer Geist. Geradeso wie die Perspektive anders ist, wenn die Orientalen malen oder zeichnen, als wenn die Okzidentalen malen oder zeichnen, so ist auch die ganze Seelenstimmung dieses Rabindranath Tagore anders als die eines Europäers oder eines Amerikaners. Das rührt davon her, daß selbst der gebildete Orientale von heute, wenn er in orientalischer Bildung steckt, diesen Zusammenhang mit dem physischen Leibe flieht. Darin liegt auch eine Versuchung, die jetzt luziferischer Art ist, den menschlichen physischen Leib nicht gehörig auszunutzen, ihn unbenutzt zu lassen. Während der Amerikaner danach strebt, den physischen Leib zu stark zu benutzen, strebt der Orientale danach, ihn zu wenig zu benutzen.
[ 14 ] The Eastern worldview is in the opposite situation. In a certain sense, the Eastern person remains at a childlike stage, in that he does not allow his ego and his astral body to be submerged into the physical body and etheric body—even in the present epoch, in which humanity is destined to bring about this submersion. The Eastern person flees from this submersion. It is interesting to understand the most significant phenomena of the present from this perspective. Some very beautiful speeches by Rabindranath Tagore have been translated, including into German. If you read these speeches—and if you have a feel for them—you will say to yourself that they have a completely different flavor than what we encounter when reading any Western author. A completely different spirit speaks here. Just as the perspective is different when Easterners paint or draw than when Westerners do, so too is the entire spiritual disposition of this Rabindranath Tagore different from that of a European or an American. This stems from the fact that even today’s educated Easterner, if steeped in Eastern culture, shuns this connection with the physical body. In this lies a temptation—one of a Luciferic nature—not to make proper use of the human physical body, but to leave it unused. While the American strives to use the physical body too much, the Eastern person strives to use it too little.
[ 15 ] So muß man heute Völkerpsychologie kennenlernen. So hätte man seit Jahrzehnten, wenn die Weltkriegskatastrophe hätte vermieden werden sollen, auch anschauen müssen, welches die Beziehungen zwischen den östlichen und westlichen Völkern auch in Europa sind. Ich habe wahrhaftig nicht umsonst im Jahre 1910 gerade in Kristiania über die Volksgeister vorgetragen. Lesen Sie in diesem Zyklus verschiedenes nach, und Sie werden manchen Aufschluß über das bekommen, was sich in der Weltkriegskatastrophe in den letzten fünf Jahren zugetragen hat. Aber es handelt sich in allen diesen Dingen wirklich darum, daß man sich bereit mache, in vollem Ernste sich bereit mache, die Wirklichkeit nicht zu fliehen, sondern sie so aufzufassen, daß der Mensch sich in die Entwicklung in der Weise hineinstellen muß, daß er nicht egoistisch nur immer in sich hineinfrißt, nur immer die nächste Umgebung ins Auge faßt. Wir können heute nicht unsere Aufgabe erfüllen, wenn wir nicht den guten Willen entwickeln, uns in die ganze Menschheitsentwicklung, wenigstens mit unserem Bewußtsein, hineinzustellen.
[ 15 ] This is how one must come to understand national psychology today. If the catastrophe of the World War were to have been avoided, one would have had to examine, for decades, the nature of the relationships between the Eastern and Western peoples, even within Europe. It was certainly not for nothing that I gave a lecture on national spirits in Kristiania in 1910. Read through various passages in that lecture series, and you will gain some insight into what has transpired in the catastrophe of the World War over the past five years. But what all these things really come down to is that we must prepare ourselves—in all seriousness—not to flee from reality, but to grasp it in such a way that we position ourselves within the course of human development so that we do not selfishly withdraw into ourselves, focusing only on our immediate surroundings. We cannot fulfill our task today unless we develop the good will to place ourselves, at least in our consciousness, within the entire course of human development.
[ 16 ] Was ich ausgesprochen habe, soll nicht eine Kritik der Vergangenheit sein. Ich habe oft gesagt, eine Kritik der Vergangenheit muß vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus für töricht gehalten werden. Worum es sich handelt, ist die Einsicht, daß man für die Zukunft anders zu handeln und zu denken hat, als man in der Vergangenheit gedacht und gehandelt hat, daß man die Geneigtheit haben muß, dasjenige in die Zukunft hineinzutragen, was aus dem spirituellen Wissen herauskommt.
[ 16 ] What I have said is not intended to be a critique of the past. I have often said that, from a humanities perspective, a critique of the past must be regarded as foolish. What is at stake is the realization that, for the future, one must act and think differently than one has thought and acted in the past; that one must be willing to carry into the future that which arises from spiritual knowledge.
[ 17 ] Ich habe Ihnen in diesen Tagen angedeutet, wie der Mensch sein ganzes Leben zwischen Geburt- und Todanzusehen hat. Wir nehmen, indem wir durch die Geburt schreiten, die Kräfte der übersinnlichen Welt von unserem übersinnlichen Dasein in das sinnlich-physische Dasein mit herein. Diese Kräfte wirken nach. Das ist etwas, was der Mensch heute sehr schwer versteht. Wie wirken sie nach? Sie wirken in allem nach, was der Mensch in dieser physischen Welt als Geistesleben entwickelt. Wir hätten keine Möglichkeit, Dichter unter uns zu haben, hätten weder die Möglichkeit, eine Weltanschauung oder Wissenschaft zu entwickeln noch Impulse für die Erziehung der Menschen zu entfalten, hätten überhaupt keine Möglichkeit, ein Geistesleben zu entwickeln, wenn wir nicht durch die Geburt jene Impulse durchtragen würden, die vom vorgeburtlichen Leben herstammen. Was geistiges Leben ist, stammt vom vorgeburtlichen Dasein. Was wir dagegen aus Willensimpulsen innerhalb des Wirtschaftslebens entwickeln — Brüderlichkeit, Menschenliebe, Denken, nicht nur für uns, sondern für andere, Arbeiten, nicht nur für uns, sondern für andere —, was wir gewissermaßen unter der Hand tun, indem wir im wirtschaftlichen Leben drinnenstecken, das liefert uns die wichtigsten Impulse für das, was wir als Impulse in die geistige Welt tragen. So wie wir aus der geistigen Welt die Kräfte heraustragen, die vor allem unser Geistesleben hier konstituieren, so tragen wir die Kräfte, die wir im Wirtschaftsleben in Menschenliebe und Brüderlichkeit entwickeln, wieder in die geistige Welt hinein. Dort begleiten sie uns, dort sind sie uns wichtige Impulse. Blicken wir auf das, was im kindlichen Leben herauskommt von Jahr zu Jahr, so haben wir darin das Erbe dessen, was aus der geistigen Welt herauskommt, damit der Mensch hier sein Geistesgebiet entfalten kann. Und blicken wir auf das, was im Wirtschaftsleben geschieht, daß wir durch unseren Willen das Arbeiten für andere entwickeln, so blicken wir damit auf das, was wir in die geistige Welt hineintragen, indem wir durch die Pforte des Todes gehen. Und was sich nun nur zwischen Geburt und Tod entwickelt, das stellt sich für den, der die geistige Welt anschauen kann, so dar, daß es der Gegensatz ist zu dem, was sich in der geistigen Welt zwischen dem Tode und der neuen Geburt entwickelt.
[ 17 ] I have hinted to you in recent days how a person should view their entire life between birth and death. As we pass through birth, we bring the forces of the supersensible world from our supersensible existence into our sensory-physical existence. These forces continue to work. This is something that people today find very difficult to understand. How do they continue to work? They continue to work in everything that human beings develop as spiritual life in this physical world. We would have no way of having poets among us; we would have neither the ability to develop a worldview or science nor to generate impulses for the education of people; we would have absolutely no way of developing a spiritual life at all if we did not carry through birth those impulses that originate from our pre-birth existence. What constitutes spiritual life stems from our pre-birth existence. What we, on the other hand, develop from impulses of the will within economic life—brotherhood, love of humanity, thinking not only for ourselves but for others, working not only for ourselves but for others—what we do, so to speak, behind the scenes as we are immersed in economic life—this provides us with the most important impulses for what we carry as impulses into the spiritual world. Just as we draw from the spiritual world the forces that primarily constitute our spiritual life here, so do we carry the forces we develop in economic life—in the form of love for humanity and brotherhood—back into the spiritual world. There they accompany us; there they serve as important impulses for us. If we look at what emerges in a child’s life from year to year, we see in it the legacy of what comes from the spiritual world, so that human beings here can unfold their spiritual realm. And when we look at what happens in economic life—that through our will we develop the capacity to work for others—we are thereby looking at what we carry into the spiritual world as we pass through the gate of death. And what develops solely between birth and death appears to those who can perceive the spiritual world as the opposite of what develops in the spiritual world between death and a new birth.
[ 18 ] Lesen Sie nach in dem Buche «Theosophie», was ich dort über das Seelenland, über das Geisterland gesagt habe, so werden Sie finden, daß es geschildert ist in Begriffen, die durchaus hervorgehen aus der lebendigen Anschauung jener Verhältnisse. Alles aber, was den Rechtsstaat konstituiert, ist das Gegenteil von dem, was die Impulse sind im Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Unser Geistesleben begründen wir mit den Kräften aus der Zeit vor der Geburt oder Empfängnis, das Wirtschaftsleben entwickeln wir, damit wir die dadurch entfalteten Kräfte hineintragen können in die geistige Welt, und was hier entwickelt wird, was nur der Erde angehört, das ist das Politische, das Recht, das Staatsleben, das hat keine Beziehung zur geistigen Welt.
[ 18 ] If you look up what I have said in the book *Theosophy* about the realm of the soul and the realm of the spirits, you will find that it is described in terms that arise entirely from a living perception of those conditions. But everything that constitutes the constitutional state is the opposite of the impulses at work in the life between death and a new birth. We ground our spiritual life in the forces from the time before birth or conception; we develop our economic life so that we can carry the forces thus unfolded into the spiritual world; and what is developed here—that which belongs solely to the earth—is the political realm, the law, and state life, which have no connection to the spiritual world.
[ 19 ] Der Mensch macht es sich bequem, indem er gewöhnlich diejenigen Dinge, die auf diesen Gebieten liegen, so deutet, wie er sie eben deuten mag. Es gibt heute viele Menschen, die wenden auf die Gegenwart an — vielleicht manchmal, um in diesen republikanischen Zeiten auch wieder ein bißchen monarchistisch zu sein — den biblischen Spruch: «Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.» Dieses Wort ist schlecht auf die Gegenwart anzuwenden, denn es kann nur aus seinem Milieu heraus verstanden werden. Der römische Cäsar war selber der Gott in der damaligen Zeit, der römische Cäsar forderte göttliche Verehrung. Caligula forderte solche göttliche Verehrung, indem er sich die griechischen Statuen nach Rom kommen ließ — man hat nur die Zeusstatue gerettet —, überall die Köpfe abschlagen ließ und dann den Caligula-Kopf daraufsetzen ließ, weil er fand, daß es das Richtige ist. Und schon damals, als der Jesus von Nazareth jenes Wort gesprochen hat, hat er ihm diese Bedeutung geben wollen: Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist und bewahrt etwas auf für den Gott, den ihr in einem anderen Wesen suchen müßt, als in dem Kaiser. — Bei vielen Dingen des Evangeliums ist es notwendig, daß sie richtig in unsere Zeit hineingestellt werden, anders, als sie jetzt genommen werden, dann werden wir uns immer mehr zu jener Wirklichkeitsauffassung hindurchringen, die für unsere Zeit notwendig ist.
[ 19 ] People make things easy for themselves by usually interpreting matters in these areas however they please. Today, there are many people who apply the biblical saying to the present—perhaps sometimes to be a little monarchist again in these republican times—: “Render to Caesar what is Caesar’s, and to God what is God’s.” This saying is ill-suited to the present day, for it can only be understood within its historical context. The Roman Caesar was himself a god in those days; the Roman Caesar demanded divine worship. Caligula demanded such divine worship by having the Greek statues brought to Rome—only the statue of Zeus was saved—having the heads cut off everywhere, and then having Caligula’s head placed on them, because he thought that was the right thing to do. And even back then, when Jesus of Nazareth spoke those words, he intended to give them this meaning: Give to the Emperor what belongs to the Emperor, and reserve something for the God whom you must seek in a being other than the Emperor. — Many aspects of the Gospel need to be properly contextualized for our time, differently from how they are currently understood; then we will increasingly come to embrace that conception of reality that is necessary for our time.
[ 20 ] In diesen Tagen war es meine Verpflichtung, Sie von verschiedenen Gesichtspunkten aus darauf aufmerksam zu machen, wie es die Aufgabe des Menschen in der Gegenwart ist, sich zu diesem Wirklichkeitsstandpunkte hindurchzuringen, der nur dadurch erreicht werden kann, daß man die geistige Wirklichkeit als etwas Konkretes neben der sinnlichen Wirklichkeit ansehen kann. Was in der Gegenwart den meisten Schaden verursacht, ist das AugenverschlieRen vor der Wirklichkeit. Die Menschen haben lange genug gerade diese Politik in der Politik nicht «politisch» betrieben: die Augen zu verschließen vor dem, was wirklich ist. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft will etwas Ernstes: sie will die Augen aufschließen für die Wirklichkeit. Man erlebt es doch heute, daß diese Augen noch wenig, wenig aufgeschlossen sind. Man hört heute ganz sonderbare Dinge reden, die von dem mangelnden Wirklichkeitssinn der Menschen stark Zeugnis ablegen. Bitte, verkennen Sie nicht, ich muß Sie auf solche Dinge aufmerksam machen, weil sie die Zeit illustrieren. — Es hat mancherlei Persönlichkeiten gegeben, die eng zusammenhängen mit den Ereignissen, die nun einmal dieses Unglück über Mitteleuropa heraufgebracht haben, das nicht an seinem Ende, sondern eigentlich erst an seinem Anfange ist, Persönlichkeiten, die eigentlich ihr wahres Antlitz vor der Menschheit erst enthüllt haben, als die furchtbaren Ereignisse des Sommers 1918 und namentlich des Herbstes 1918 eingetreten sind. Da haben manche Menschen, die verantwortlich für vieles sind, dann ihr wahres Antlitz gezeigt. Sie sind in sonderbare Lagen gekommen, «sonderbare Lagen», weil sich die Lagen unterscheiden von ihren früheren Lagen. Ich habe wirklich Menschen kennengelernt, die mit einem gewissen Bedauern auf die jetzigen Lagen dieser verantwortlichen Persönlichkeiten hinblicken und sich gar nicht einmal fragen: Gibt es denn nicht in der Welt unzählige Millionen von Menschen, denen es heute noch viel schlechter geht, seelisch und körperlich, als denjenigen, die nun als verantwortliche Persönlichkeiten in diese neuen, von ihren früheren verschiedenen Lagen hineingekommen sind? — In diesen Dingen sollte es sich darum handeln, daß die Augen aufgeschlossen werden, daß Ernst gemacht wird mit dem, was Wirklichkeitserkenntnis in der Gegenwart werden muß. Schwarmgeisterei, sie besteht darin, daß man sich gewissen Lieblingsideen hingibt, die man faßt, weil sie einem bequem sind, ohne daß man auf das hinsieht, was die Wirklichkeit selber sagt. Es ist heute nicht bequem, über solche Dinge die Wahrheit zu sagen. Aber wenn man mit blutendem Herzen hat ansehen müssen, wie sich die Dinge entwickelt haben, wie Schwarmgeisterei gerade dort auftrat, wo man glaubte Lebenspraxis zu sehen, wenn man erleben mußte, wie diese Schwarmgeisterei verheerend hereinbrach, während das, was in die Wirklichkeit blickte, als ein utopistischer Idealismus aufgefaßt wurde, dann liegt die Verpflichtung vor, auf diese Dinge schon hinzuweisen. Und es sollte wahrhaftig kein Mitleid uns verwehren jetzt, da die Dinge ganz deutlich liegen, jetzt, wo die eigenen Bekenntnisse vorliegen, jetzt im gequälten Mitteleuropa hinzusehen auf solche Schwarmgeister, wie zum Beispiel diesen Ludendorff, der sich niemals bequemt hat, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist, sondern sie nach seinen bequemen Ideen formen wollte. Auch auf diesem Gebiete muß die Wirklichkeit in ihrem wahren Lichte gesehen werden, denn heute haben wir es zu tun nicht mit kleinen, sondern mit großen Abrechnungen. Alle diese schlecht stilisierten Versuche, sich vor der Welt zu rechtfertigen, sind gerade die herbsten Anklagen vor der Welt. Und ehe man nicht fühlt, daß Ernst gemacht werden muß in diesen Dingen, daß ernstlich einmal diese Dinge in ihrer Wirklichkeit gesehen werden müssen, eher ist kein Heil. Ich bin nicht hierher gefahren, um diese Dinge aus irgendeiner subtilen Neigung heraus zu sagen. Ich fühle in Verbindung mit dem Ernst einer geisteswissenschaftlichen Bewegung die Notwendigkeit, die Verpflichtung, über diese Dinge zu reden. Wir konnten es erleben — und mußten schweigen, weil uns wie dem Papageno Schlösser angelegt waren —, daß die Tatsache sich abspielte der Michaelis’schen Regierungskunst in einem wichtigen Moment der letzten vier bis fünf Jahre, daß die absoluteste Unfähigkeit an leitende Stellen gerufen wurde. Diese Dinge gehören auch heran. Wie der Schatten stehen sie heute da neben den großen Wahrheiten, welche die Menschheit durchströmen und durchströmen müssen.
[ 20 ] In recent days, it has been my duty to draw your attention, from various perspectives, to how it is the task of human beings today to strive to reach this perspective on reality, which can only be achieved by viewing spiritual reality as something concrete alongside sensory reality. What causes the most harm today is turning a blind eye to reality. For long enough, people have pursued precisely this “policy” in politics—not in a “political” sense: turning a blind eye to what is real. Anthroposophically oriented spiritual science seeks something serious: it seeks to open people’s eyes to reality. After all, we see today that these eyes are still only very, very slightly open. One hears quite strange things being said today that bear strong witness to people’s lack of a sense of reality. Please do not misunderstand; I must draw your attention to such things because they illustrate the times. — There have been various figures closely connected with the events that have brought this calamity upon Central Europe—a calamity that is not yet at its end, but is in fact only just beginning— figures who actually revealed their true faces to humanity only when the terrible events of the summer of 1918—and especially those of the fall of 1918—occurred. It was then that some people, who are responsible for so much, revealed their true faces. They found themselves in strange situations—“strange situations”—because these situations differed from their earlier ones. I have indeed met people who look upon the current situations of these responsible figures with a certain regret and do not even ask themselves: Are there not countless millions of people in the world who are still far worse off today—both mentally and physically—than those who have now, as responsible figures, found themselves in these new situations, which differ from their previous ones? — In these matters, the aim should be to open people’s eyes, to take seriously what must become an understanding of reality in the present. Hype consists in indulging in certain favorite ideas that one embraces because they are convenient, without paying attention to what reality itself says. It is not comfortable today to speak the truth about such things. But if, with a bleeding heart, one has had to watch how things have developed, how fanciful idealism arose precisely where one believed one was seeing practical living, if one has had to experience how this fanciful idealism broke in with devastating force, while what looked at reality was regarded as utopian idealism, then there is an obligation to point these things out. And we should truly not be denied compassion now that things are quite clear, now that their own confessions are on the table, now that we in tormented Central Europe must look upon such fanatics as, for example, this Ludendorff, who never deigned to see reality as it is, but instead wanted to shape it according to his own convenient ideas. In this realm, too, reality must be seen in its true light, for today we are dealing not with minor but with major reckonings. All these poorly crafted attempts to justify oneself before the world are, in fact, the harshest accusations before the world. And until one feels that these matters must be taken seriously—that they must finally be seen in their true reality—there can be no salvation. I did not come here to speak of these things out of some subtle inclination. In connection with the seriousness of a spiritual scientific movement, I feel the necessity, the obligation, to speak about these things. We were able to witness—and had to remain silent because, like Papageno, we were shackled—that the reality of Michaelis’s style of governance, at a crucial moment in the last four to five years, was that the most utterly incompetent individuals were called upon to hold leadership positions. These things must also be addressed. Like shadows, they stand today alongside the great truths that flow through humanity and must continue to flow through it.
[ 21 ] Ich weiß, wie viele Menschen heute noch immer sagen: sie fühlen sich verletzt, wenn man ihnen in diesen Dingen von der Wahrheit spricht, Allein es darf nicht fortbestehen das Augenverschließen vor der Welt in diesen Dingen. Allein aus dem ehrlichen Hinblicken auf diese Dinge wird diejenige Kraft ersprießen, welche die Menschheit vorwärtsbringen kann. Solche Kraft haben wir nötig. Nötig haben wir, dasjenige zu erfassen, was grundverschieden ist von dem, was die erfaßt haben, die die Menschheit in eine Lage wie die gegenwärtige hineingebracht haben. Den Mut müssen wir haben, Neues zu erfassen. Vorbereitend dafür, dieses Neue zu erfassen, auch in der äußeren Wirklichkeit, waren schon die Dinge, die hier und auf sonstigem Boden der anthroposophischen Bewegung gesprochen worden sind. Sie waren nicht dazu da, um sozusagen bessere Sonntagnachmittagspredigten zu sein. Sie waren da, um zu künden von dem, was der Ernst der Zeit ist. Und Anthroposoph im wirklichen Sinne des Wortes ist nur der, welcher von dem Nerv der Zeit ergriffen ist, der die Wahrheit will, nicht die Lüge, die uns so schlimm in die Dinge der Gegenwart verstrickt hat. Wäre es mir doch möglich gewesen mit den wenigen Worten, in denen ich den Schatten des Notwendigen gezeichnet habe, in Ihre Herzen zu dringen. Denn nicht zu dem Verstande bloß möchte ich gesprochen haben, sondern vor allem zu den Herzen, denn aus den Herzen muß das große Verständnis für die Zeit kommen, das notwendig ist. Wir müssen die Impulse finden, welche die Menschheit wieder aufrichten können. Dazu müssen wir aber erst kennenlernen, wie tief, wie gründlich tief wir uns in die Phrase, in das Unwahre auf allen Gebieten verstrickt haben. Aus dem Geiste wird die Wahrheit kommen. Weisheit, sie liegt einzig und allein in der Wahrheit. Das sollte man sich tief in die Seele schreiben. Ich habe einiges gesagt, was den Menschen in der Gegenwart charakterisiert, was gerade unsere Epoche der Menschheitsenwickelung von einem spirituellen Standpunkte aus charakterisiert. Diese Dinge habe ich vorgebracht, weil ich glaube, daß das Notwendigste für die Gegenwart durch diese Dinge an das menschliche Herz herangebracht werden kann, jene Seelenstimmung, aus der jener Ernst kommt, der notwendig ist, um heute im Dienst der Menschheit zu leben. Von diesem Ernste in Ihnen ein Gefühl hervorzurufen, das stellte ich mir bei meinem diesmaligen Aufenthalt zur Aufgabe.
[ 21 ] I know how many people still say today that they feel hurt when the truth is told to them about these matters. Yet we must not continue to turn a blind eye to the world in these matters. Only by looking honestly at these things will the power spring forth that can move humanity forward. We need such power. We need to grasp what is fundamentally different from what was grasped by those who have led humanity into a situation like the present one. We must have the courage to grasp what is new. The things that have been spoken here and elsewhere within the anthroposophical movement have already served as preparation for grasping this new reality, even in the external world. They were not intended to be, so to speak, better Sunday afternoon sermons. They were meant to proclaim the gravity of our times. And an anthroposophist in the true sense of the word is only the one who is seized by the spirit of the times, who seeks the truth, not the lie that has so badly entangled us in the affairs of the present. If only I had been able to penetrate your hearts with the few words in which I have sketched the outline of what is necessary. For I did not wish to speak merely to the intellect, but above all to the hearts, for it is from the hearts that the great understanding of our times—which is so necessary—must come. We must find the impulses that can lift humanity up again. To do this, however, we must first come to realize how deeply, how profoundly deeply, we have become entangled in empty phrases and untruths in every sphere. Truth will come from the spirit. Wisdom lies solely and exclusively in the truth. One should engrave this deeply upon one’s soul. I have said a few things that characterize people in the present, that characterize our very epoch of human development from a spiritual standpoint. I have brought these things up because I believe that through them, what is most essential for the present can be brought to the human heart—that mood of the soul from which springs the seriousness necessary to live today in the service of humanity. To evoke a feeling of this seriousness within you—that was the task I set for myself during my stay this time.
