Geistige und soziale Wandlungen
in der Menschheitsentwickelung
GA 196
10 Januar 1920, Dornach
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Und wir Menschen leben in dieser Zweiheit. Alles, was zum Monde gehört, ist nämlich ein Rest, ein Überbleibsel — Sie können das in meiner «Geheimwissenschaft» genauer nachlesen — des alten Mondenzustandes, gehört gar nicht zu dem, was die Erde in ihrem normalen Fortschritt geworden ist. Es ist dieses Stück, das zum Monde gehört, zurückgeblieben wie ein Fremdkörper, hat sich hineingelagert, und wir nehmen an beiden teil.
[ 2 ] Für den, der das Weltenwesen wirklich verstehen will, ist es unerläßlich, Kunde zu haben von dieser Selbständigkeit des Erden-Sonnenwesens und des Mondenwesens. Denn daran ist zu knüpfen etwas außerordentlich Wichtiges, etwas, was sogar so wichtig ist, daß die Wissenschaft der Gegenwart nicht nur nichts davon ahnt, sondern es höchst wahrscheinlich für die größte Torheit hält, wenn sie davon hört.
[ 3 ] Jeder Mensch, wenn er embryonal seine Entwickelung durchmacht, macht diese Entwickelung nicht etwa bloß dadurch durch, daß er den Kräften folgt, die im Leibe der Mutter entfesselt werden durch die Befruchtung. Wenn man so etwas glauben machen will, so kommt das gleich der Behauptung: Hier habe ich eine Magnetnadel, die richtet sich in einer bestimmten Richtung, also hat sie die Kräfte in sich. — Das fällt keinem Physiker ein. Jeder Physiker sagt: Die Erde ist auch ein großer Magnet, und der zieht die eine Spitze der Magnetnadel an, und das andere Ende zieht die andere Spitze an. — Da redet man ganz gut davon, daß das, was in sich geschlossen ist, in seiner Tätigkeit, in seiner Wirksamkeit, in seiner Stellung abhängig ist von dem Großen. Nur wenn der Mensch entsteht im Mutterleib, da möchte man alles in diesen Mutterleib hineinwerfen, was an ihm organisierend ist, während da gerade die kosmischen Kräfte wirksam sind, vom Kosmos herein die Kräfte den Menschen ausgestalten. Und so ist es, daß des Menschen Hauptesorganisation, alles das, was mit seinem Nerven-Sinnesapparat zusammenhängt, mit den Mondenkräften zusammenhängt und die übrige Organisation mit den Sonnenkräften. Und dadurch werden wir Menschen im Leben auch ein zwiespältiges Wesen. Wir werden als Hauptesmensch ein Mondenwesen, als übriger Mensch ein Sonnenwesen. Aber hier kompliziert sich nun die Sache ganz wesentlich. Wenn Sie hier nämlich nicht genau zusehen, so werden Sie gleich einen Knäuel von Mißverständnissen in die Sache hineinbringen.
[ 4 ] Insofern der Mensch ein Haupteswesen ist, ist er ein Mondenwesen, das heißt, in sein Haupt sind die Mondenkräfte hineinorganisiert. Insofern er die übrige Organisation ist, ist er ein Sonnenwesen, das heißt, in sein übriges Wesen sind die Kräfte des Sonnenhaften hineinorganisiert.
[ 5 ] Dadurch aber ist das Haupt, der Kopf, wenn der Mensch wachend der Welt gegenübersteht, besonders empfänglich für alles, was von der Sonne kommt. Das Sonnenlicht, wenn es auf die Gegenstände fällt, nimmt der Mensch auf durch sein Auge. Das Haupt, der Nerven-Sinnesapparat ist eine Mondenschöpfung; was der aber alles hineinbekommit, das ist gerade das Sonnenhafte. Und in der übrigen Organisation ist der Mensch ein Sonnenwesen, das heißt, er ist als Sonnenwesen organisiert. Was aber, insofern er auf der Erde sich entwickelt, in ihn hineinwirkt, das ist alles mondenhaft.
[ 6 ] So daß Sie sagen können: Der Mensch ist als Haupteswesen ein Mondengefäß, das aufnimmt die Strömungen des Sonnenhaften. Der Mensch ist als übrige Organisation ein Sonnenwesen, das aufnimmt die Strömungen der Mondenkräfte.
[ 7 ] Sie sehen daraus: Wenn man nicht genau zusieht, wenn man nicht genau die Dinge faßt, sondern bequeme Begriffe sucht, dann kommt man nicht zurecht. Denn da kann einer kommen und kann sagen: Der Mensch ist als Haupteswesen, als Kopfeswesen ein Mondenwesen. — Der andere sagt: Das ist nicht wahr, er ist ein Sonnenwesen, denn in ihm spielen sich die Sonnenprozesse ab. — Beides ist richtig. Man muß nur die Art und Weise des Zusammenwirkens dieser Dinge kennenlernen. Ich habe schon öfter gesagt, die Wirklichkeit ist nicht so bequem für uns zu fassen, daß ein paar hingepfahlte Begriffe genügen würden, diese Wirklichkeit aufzufassen; sondern es handelt sich darum, daß man sich schon ein wenig anstrengen muß, um nur die Begriffe zu bilden, welche mit dieser Wirklichkeit sich annähernd decken. In dem Menschen selbst wirken in zwiefacher Weise Mondenwesen und Sonnenwesen ineinander. Und alles dasjenige, was als Lebensvorgänge sich abspielt, das kann nicht verstanden werden, wenn der Mensch nicht in diesem zwiespältigen Zusammenhange mit dem Kosmos aufgefaßt wird.
[ 8 ] Eine der wichtigsten Angelegenheiten der Gegenwart sollte für die heute — wenn sie richtig fühlt — gequälte Menschheit die Erkenntnis sein: Wie haben wir doch verloren die alten, im atavistischen Hellsehen der Menschheit bekannten Begriffe, und wie stehen wir erst im Anfange des Kopernikanismus, des Galileismus! — Der alte Ägypter, so müßte sich der Mensch sagen, der kannte den Menschen noch als ein Glied des ganzen Kosmos. Aber dieser Kosmos war ihm, diesem Ägypter, viel höher organisiert als der Mensch selber. Heute blickt der Mensch nach dem Kosmos hinaus und sieht eine große Maschinerie, die er mit seinen mathematischen Formeln berechnet. Die Planeten bewegen sich für ihn um die Fixsterne gerade so, wie wenn man berechnen wollte, daß sich die Arme und die Beine am Menschen nach mathematischen Gesetzen bewegen! In all dem, was da im Kosmos ist und in das der Mensch eingeschlossen ist, in all dem lebt eben Organisation — Seele und Geist. Und ohne daß man die Beseeltheit und die Durchgeistigtheit des Kosmos ins Auge faßt, kann man nichts vom Menschenleben, das in diese Beseeltheit und in diese Durchgeistigtheit des Kosmos eingefaßt ist, verstehen.
[ 9 ] So, möchte ich sagen, leben wir in der Mondensphäre. Aber mit uns lebt in dieser Mondensphäre alles dasjenige, was luziferisch ist. Und auf dem Umwege durch unsere Hauptesorganisation, durch unsere Kopfesorganisation bringt uns gerade das Luziferische dazu, diese Kopfesorganisation erst geeignet zu machen für das Sonnenhafte unseres Erdendaseins. Und das Luziferische durchdringt unsere Kopfesorganisation. Aber es ist dem Irdischen so fremd wie der Mond selbst mit seiner Sphäre. Ebensowenig wie unser Nerven-Sinnesapparat herausorganisiert ist aus denselben Kräften, aus denen unser Herz, unsere Lunge, unser Magen herausorganisiert sind, ebensowenig ist herausorganisiert aus unserem Irdisch-Geistig-Seelischen dasjenige, was in uns luziferische Kräfte sind. Die sind uns eingegossen mit dem Mondenhaften.
[ 10 ] Die wenigsten Menschen wissen viel mehr von dem Hereinwirken dieses Mondenhaften in das irdische Leben, als was ihnen von mondbeglänzten Zaubernächten, von Liebesnächten, die im Mondenschein zugebracht werden, die Dichter singen. Man weiß von der Verwandtschaft jener Ausflüsse der Phantasie mit dem Mondenschein, der in das Liebesleben, wenn es das höhere Liebesleben, das romantische Liebesleben ist, hereinspielt. Aber dies ist nur der schattenhafteste Teil desjenigen, was vom Monde kommt. Nicht bloß das Phantasiemäßige, das sich abspielt zwischen den Liebenden in den mondbeglänzten Zaubernächten, spielt von dieser Mondessphäre in unser gewöhnliches Dasein hinein, sondern tiefgehende Kräfte spielen aus dieser Sphäre herein, Kräfte, die sich vom Alltagsleben, von demjenigen, was die Menschen an die Erde bindet, ablösen, so wie in der Regel vom philiströsen Alltagsleben sich ablöst das Liebesspiel in den mondbeglänzten Zaubernächten. Und das äußerste Extrem, das sich auslebt, wie hereinspielend aus dieser dem Irdischen ganz fremden Sphäre, ist die Kraft der Illusion, die der Mensch entwickeln kann. Würde nicht diese Kräftesphäre des Mondes in uns hereinspielen, so würden wir als Menschen nicht der Illusion fähig sein.
[ 11 ] Dann aber würden wir uns auch nicht loslösen können von dem vitalen, von dem organisatorischen Leben unseres Organismus, und wir würden nicht zu jener Helligkeit des Bewußtseins aufsteigen können, die uns Menschen notwendig ist. Um uns zu dieser Helligkeit des Bewußtseins zu erheben, ist es notwendig, daß wir leben können in Vorstellungen, die ganz sich loslösen vom Alltagsorganismus. Dann aber müssen wir sie selbst zusammenhalten mit dem Alltagsorganismus. Dann ist es in unsere Macht gestellt, das, was da durch unser Haupt hindurchspielt, mit diesem Alltagsorganismus zusammenzuhalten, nicht die Illusionen sich losreißen zu lassen von der Wirklichkeit, sondern sie in der rechten Weise auf die Wirklichkeiten zu beziehen. Damit wir überhaupt in der Welt sinnlichkeitsfreie Begriffe entfalten können, müssen wir auch illusionsfähig sein. Es ist einfach eine Notwendigkeit, daß der Mensch illusionsfähig sei. Und diese Illusionsfähigkeit, sie hängt eben auch zusammen mit seiner Möglichkeit, nicht fortwährend in Fiebrigkeit oder in Ohnmacht zu sein, das heißt, zum hellen Bewußtsein aufzusteigen. Läßt er dann die Zügel schießen, bleibt er also nicht Herr der Illusion, sondern wird die Illusion Herr über ihn, dann ist das nur eine notwendige Beigabe der Tatsache, daß wir illusionsfähig sein müssen.
[ 12 ] So habe ich Ihnen zunächst von der einen Seite her kosmisch-humanistisch die Illusionsfähigkeit im Menschen aufgezeigt ihrem Ursprunge nach, habe Sie an eine Stelle der Weltbetrachtung gewiesen, in der zusammenfließt dasjenige, was wir Naturnotwendigkeit nennen, und dasjenige, was wir innerliche menschliche Aktivität nennen, während beide für die gewöhnliche heutige mechanistische Betrachtungsweise auseinanderfallen.
[ 13 ] Nun aber die andere Sphäre. Sie werden vielleicht bemerkt haben, daß ich eine kleine Retusche angebracht habe, und da Sie ja wahrscheinlich außerordentlich aufmerksam sind, werden Sie in Ihrem Inneren mir das als eine Art Vorwurf schon in Gedanken entgegengeschleudert haben, daß ich eine Art Retusche angebracht habe. Ich habe nämlich zuerst gesagt: Ineinandergewoben sind die Erden-Sonnensphäre und die Mondensphäre. — Nachher habe ich geredet von der Sonnensphäre. Ich habe auch in einem gewissen Sinne Recht gehabt. Denn dasjenige, was in die Nerven-Sinnesorganisation hereinwirkt, auch von der Erde aus, ist immer Sonnenwirkung. Selbst die beleuchteten Flächen der Gegenstände sind nur das zurückgeworfene Sonnenlicht. Und so ist alles dasjenige, was hereinspielt, auch wenn es von der Erde kommt, insofern es in unser bewußtes Leben hereinspielt, Sonnenwirkung. Aber nicht alles. Ich konnte es nur bisher auslassen. Richtig ist es, daß alles dasjenige, was Sie zunächst in Ihrem Bewußtsein verarbeiten, mit der Sonne zusammenhängt. Aber daß Sie, wenn Sie sich auf die Waage stellen, ein Gewicht haben, das ist Erdenwirkung. In Wahrheit aber ist die Sonnensphäre, also das, was ich bisher als eine einheitliche Sphäre schildern durfte, wiederum in sich differenziert. Die Erde ist ein gewisser Einschluß in dieser Erden-Sonnensphäre. Und diese Erde, indem sie eine Art Einschluß ist in die Erden-Sonnensphäre, wirkt in dasjenige hinein, was uns von der Sonne kommt. Sie läßt uns nicht reines Sonnenwesen sein. Wiederum muß man auch, was diesen Punkt betrifft, den Kosmos nicht bloß als einen Mechanismus ansehen, sondern ihn in seiner Beseeltheit und Durchgeistigtheit betrachten.
[ 14 ] Der Mensch folgt ja, indem er eingespannt ist in die Erden-Sonnensphäre, in seinen unterbewußten Kräften durchaus mehr den eigentlichen Erdenkräften. In seinen bewußten Tätigkeiten folgt er schon dem, was die Sonne auf die Erde sendet. Aber wenn man untersucht, was schwer ist, dasjenige, was mit all dem zusammenhängt, wodurch wir eine gewisse Schwere haben, wenn wir uns auf die Waagschale stellen, so ist das nicht bloß eine Gravitation, die Newton beschrieben hat, sondern das ist zu gleicher Zeit alles dasjenige, was wir als hereinspielend erleben in unser moralisches Leben. Bei der Sonne ist es wirklich so, wie der Dichter sagt: Sie scheint den Guten wie den Bösen. Ihr ist es gleichgültig. Untersucht man aber geisteswissenschaftlich die Erde, dann findet man: Ihr ist es nicht gleichgültig, sondern diese Erde ist der Ausdruck gewisser Kräfte, die sich herausheben wollen aus unserem gesamten Planetensystem. Wie der Mond sich hereingeschlichen hat, so möchte sich die Erde «drücken». Sie möchte heraus, sie möchte selbständig werden. Wir Menschen hätten etwas ganz Bestimmtes nicht, wenn wir nicht unter dem Einfluß dieser selbständig werden wollenden Erdenkräfte lebten: Wir hätten das Selbständigkeitsgefühl nicht. Könnten Sie, ohne durch die Erdenschwere niedergezogen zu werden, mit den Elementen sausen, Sie kämen nie zur Selbständigkeit. Nur dadurch, daß Sie stets von der Erde angezogen werden — wenn ich diesen Ausdruck gebrauchen darf, aber als den Ausdruck einer Tatsache, nicht einer Theorie —, dadurch entwickelt sich die Selbständigkeit. Und dazu ist dieser Erdeneinschluß in die Erden-Sonnensphäre da, daß er uns die Selbständigkeit gebe.
[ 15 ] Sie können nun wieder einen Einwand machen, den Sie ja wahrscheinlich im Gemüte schon gemacht haben: Ist es bei den Tieren nicht ebenso?! — Nein, da ist es nicht ebenso. Denn das tierische Haupt hängt an einem horizontalen Rückgrat; das menschliche Haupt sitzt mit seiner ganzen Schwere auf dem übrigen Organismus. Das macht den Unterschied. Das macht es, daß der Mensch dieses Selbständigkeitsgefühl hat, daß der Mensch in ganz anderer Weise eingespannt ist in die Erden- und in die Sonnenkräfte als das Tier.
[ 16 ] Solchen Fragen, wie sie uns hier beschäftigen, kann man nur nahekommen, wenn man gewissermaßen in Alternative fragt: Was würde aus uns Menschen, wenn wir nur dem Erdeneinflusse, vom Mondeneinflusse abgesehen, überlassen wären?! — Was würde aus uns Menschen, wenn wir Menschen nur dem Sonneneinfluß überlassen wären?! — Wenn wir Menschen nur dem Sonneneinfluß überlassen wären, würden wir eine Art Engel sein, aber dumm. Nicht, daß ich sagen will, die Engel seien dumm. Die Engel sind schon gescheit; aber wir wären eine Art Engel, jedoch nicht gescheit wie die Engel, sondern dumm. Denn uns fehlte das Selbständigkeitsgefühl. Wir wären nur Glieder in der Organisation des Kosmos. Daß wir selbständig sind, das verdanken wir dem Erdendasein. Wenn wir aber nur unter dem Einfluß des Erdendaseins wären, wenn die Sonne nicht auf uns wirkte, was wären wir dann?! — Bestien, Raubtiere, Wesen, welche die wildesten Instinkte entwickeln.
[ 17 ] Hier haben Sie einen der Punkte, an dem Sie wirklich tief hineinschauen können in die Konstitution des Weltenalls, deshalb tief hineinschauen können, weil Sie sich sagen müssen: Das, was im Weltenall wirkt, kann nicht bloß von einer Seite her wirken. Denn würde es von einer Seite her wirken, so würde es eben ein radikales Extrem darstellen müssen. Wären wir nur unter Erdeneinfluß, so würde dieser Erdeneinfluß in uns die wildesten Instinkte entwickeln. Auflodern würden unsere wilden Instinktflammen. Würde er aber nicht wirken, der Erdeneinfluß, so würden wir nie selbständige Wesen werden. Er muß da sein, sonst würden wir nie selbständige Wesen werden. Wir müssen die Möglichkeit haben, wilde Tiere zu sein, damit wir selbständige Wesen werden können. Damit wir aber nicht wilde Tiere werden, muß entweiße Pfeile osesenwirken dem Erdeneinfluß der Sonneneinfluß, muß ihn paralysieren. Das geschieht. Und indem es so geschieht, blicken Sie durch auf den Ursprung des Bösen. Er ist einfach damit gegeben, daß wir ins Erdendasein eingespannt sind. So daß wir in der Tat auf der einen Seite einem radikalen Extrem ausgesetzt sind, dem Erdenextrem, welches, wenn es allein auf uns wirken würde, uns zu bösen Wesen machen würde, uns nur mit Illusionen anfüllen würde.
[ 18 ] In beides hinein wirkt vom Kosmos her das Sonnenhafte. Das Sonnenhafte macht möglich, daß wir uns so entwickeln, daß wir nicht dem Illusionären verfallen. Und das Sonnenhafte macht möglich, daß wir uns so entwickeln, daß wir nicht dem Bösen verfallen. Unter der Illusion liegt die Möglichkeit, intelligente Menschen zu werden. Wäre alles dasjenige nicht da, was uns illusionsfähig macht, wir würden niemals intelligente Menschen werden. Kosmisch ausgedrückt: Wären wir nicht Geschöpfe des Mondes, wir wären auf der einen Seite nicht illusionsfähige Menschen, auf der andern Seite nicht intelligenzfähige Menschen. Wären wir nicht der Erde unterworfen und ihren Kräften, wir wären auf der einen Seite nicht der Möglichkeit des Bösen ausgesetzt; aber wir wären zu gleicher Zeit verurteilt, keine Selbständigkeit im Leben zu entwickeln.
[ 19 ] Sie sehen, wie der Mensch die Möglichkeit haben muß, damit er intelligent sei, Illusionen zu haben. Er hatte durch lange Zeiten Illusionen. Dann kam sein Wille, der erst im Laufe der Zeit in seine Seelenkonstitution hineingeboren wurde, und er konnte die Illusion zum Ausflusse seines eigenen Wesens machen, er konnte ein Lügner werden. Denn die Lüge ist, objektiv, vom Menschen abgesehen, dasselbe wie die Illusion. Nur daß dasjenige, was der Wirklichkeit nicht entspricht, bei der Lüge willkürlich vom Menschen in Gegensatz gegen die Wirklichkeit gestellt wird.
[ 20 ] So ist dasjenige, was von der Mondensphäre hereinwirkt in den Menschen, gleichzeitig der Schöpfer, das Schöpferwesen seiner Intelligenz, gleichzeitig das Schöpferwesen seiner Lügenhaftigkeit. In alten Zeiten hat man so etwas eingesehen und hat Sprichworte aus Wahrheiten geformt. Wir Deutschen, wenn wir den Mond so sehen: ☽ sagen, man kann ihn ergänzen zu einem ; — der Mond nimmt zu. — Wenn wir den Mond so sehen: sagen wir, man kann ihn ergänzen zu einem a - der Mond nimmt ab. -— Wenn Sie schon ins Französische zurückgehen, also in die Nachwirkung der romanischen Sprache, da müssen Sie zu dem abnehmenden Mond sagen: La lune décroît, - von décroître. Da sagt der Mond nicht selber das, wie er sich benimmt; er sagt das Gegenteil. Dieser Mond hat nämlich erst für die Deutschen angefangen, die Wahrheit zu sagen. Daher das lateinische Sprichwort: Der Mond ist ein Lügner. — Aber dieses Sprichwort hat auch seine esoterische Seite; denn die Kräfte, die vom Monde kommen, sind zu gleicher Zeit die Kräfte des menschlichen Lügenwesens, und das Sprichwort: Der Mond ist ein Lügner — hat einen sehr, sehr tiefen Hintergrund, wie Sie jetzt gesehen haben. Nur als die Zivilisation über das 15. Jahrhundert heraufgekommen ist, da hat nun dieser Mond angefangen, in bezug auf sein Äußeres für gewisse Sprachen die Wahrheit zu sagen, wie der Materialismus überhaupt in bezug auf sein Äußeres die Wahrheit sagt. Aber mit Bezug auf sein Inneres ist der Mond jetzt erst recht ein Lügner.
[ 21 ] Ich sage Ihnen das bloß für die Mnemotechnik, so daß Sie sich erinnern dieser tiefeinschneidenden, kosmisch-menschlichen Wahrheit. Und sehen Sie, das Beste, was wir Menschen haben, die Selbständigkeit, hängt innerlich zusammen mit dem Bösen. Das Beste, was wir Menschen haben, die Intelligenz, hängt innerlich zusammen mit der Illusionsfähigkeit, mit der Möglichkeit des Irrtums. Und wir Menschen müssen auch entwickelungsfähig sein. Wir müssen die Möglichkeit haben, nicht stehenzubleiben. Entwickelungsfähig könnten wir nicht sein, wenn wir nicht aufgerufen würden, Neues zu bilden auf Grundlage des Zerstörten. Das heißt, wir müssen in uns Krankheit und Todesmöglichkeit tragen, damit wir in uns entwickeln können die fortbildenden Kräfte.
[ 22 ] Diese außerordentlich wichtigen Wahrheiten haben die Weltanschauungen der letzten Jahrhunderte vollständig zugedeckt, vollständig be Tafel 1 graben. Denn Wissenschaft nennt man ja heute, wenn sie sich auf etwas anderes erstreckt als Mathematik und Mechanik, nur dasjenige, was auf der Erde vorgeht. Von außerhalb der Erde wirken nur mathematisch und mechanisch ergreifbare Gesetze herein. Die Menschheit wird erst wiederum verstehen müssen, daß ganz andere Kräfte wirken in diesem Weltenraum, in dem der Mond seine Wege geht, in dem die Sterne ihre Wege gehen, als bloß von mechanisch-mathematisch berechenbaren Antrieben beherrschte Wege. Und wenn Sie bedenken, daß eigentlich das Alleralltäglichste in uns eine Wirkung des Kosmos ist, daß das Alleralltäglichste nicht verstanden werden kann, ohne daß sich der Mensch betrachtet als eine Wirkung des Kosmos, wie wollen Sie denn dann fruchtbare Gedanken hineingießen in dasjenige, was als Weltanschauung das menschliche Leben durchdringen soll?! Der Mensch ist heute weltverlassen. Er ahnt nichts von seinem Zusammenhange mit der Welt. Und er möchte sich ein soziales Dasein begründen und weiß nicht einmal, mit wem, weil er keine Ahnung hat, was er ist.
[ 23 ] Ja, ehe nicht die Fragen in die Menschenseelen einziehen: Wie wenig wissen wir unter dem Einfluß der letzten Jahrhunderte von der Welt, wieviel haben wir nötig zu wissen?! — eher kommt auch in alle sozialen Bestrebungen kein Heil hinein. Wo es geht, Mechanisch-Mathematisches irgendwo zu sagen, da lassen sich die Menschen der Gegenwart noch herbei, Zusammenhänge zu konstruieren. Sie wissen, mit den Perioden der Sonnenflecken wird allerlei in Zusammenhang gebracht, Seuchen und dergleichen auf der Erde. Es gibt so einzelne Stellen, in denen die Menschen das Erdendasein wiederum an die Ereignisse des Kosmos anknüpfen möchten. Daß alles, was sich abspielt im Erdendasein, ein Ergebnis des Kosmos ist, das möchten die Menschen heute leugnen, daran möchten sie nicht denken. Verstanden werden können die Dinge, die sich auf der Erde unter Menschen abspielen, niemals, wenn sie nicht kosmisch verstanden werden. Und niemals kann der Mensch wirksame Ideen für die Erdenarbeit finden, wenn er diese wirksamen Ideen nicht durchtränkt von dem Bewußtsein seiner Zusammengehörigkeit mit dem Kosmos.
[ 24 ] Man hat heute ein bitteres Gefühl, wenn man sich nur historisch anschaut, was sich eigentlich abspielt. Wenn Sie hier eine Wand haben, da allerlei Schattenfiguren über die Wand hinhuschen sehen, so werden Sie nachforschen, woher diese Schattenfiguren kommen. Wenn Sie über die Erdenoberfläche die Ereignisse der letzten fünf bis sechs Jahre ziehen sehen, forschen Sie nicht nach, trotzdem das auch nur die Projektionen, die Schatten sind von dem, was im ganzen Kosmos vor sich geht. Und die großen Fragen, die sich heute abspielen zwischen den verschiedenen Gebieten der Erde, können nur verstanden werden, wenn das Verständnis durchdrungen wird von kosmischer Idealität.
[ 25 ] Ich habe heute einen Artikel gelesen, worin geredet wird von der Hoffnung, daß die Staatsmannschaft Großbritanniens die richtigen Impulse finden werde, um Ordnung zu schaffen zwischen dem, was in Rußland vor sich geht, und dem, was in den Westländern vor sich geht. Da will man so etwas ausbauen in der Mitte, in dem zugrunde gerichteten Deutschland. — Diese Hoffnungen werden sich nicht erfüllen; denn alles, was aus solchem Geiste heraus spricht, was wartet auf die Erkenntnisse derjenigen, die aus dem Alten heraus schaffen, das führt zu nichts.
[ 26 ] Fruchtbar für die Zukunft ist heute allein dasjenige, das aus ganz Neuem heraus schafft. Erst wenn die Menschheit aufwacht, um solches einzusehen, dann wird der Beginn des Heiles für viele Schäden in der Menschheitsentwickelung sein.
