Geistige und soziale Wandlungen
in der Menschheitsentwickelung
GA 196
16 Januar 1920, Dornach
Vierter Vortrag
[ 1 ] Ich werde heute noch einmal das Gesetz der menschlichen Entwickelung in der nachatlantischen Zeit besprechen, aus dem Grunde, weil ich verschiedene Ausführungen an dieses Gesetz werde in den nächsten Tagen anzuknüpfen haben. Es wird ja das in unserer Zeit so notwendige Verständnis für die bedeutsamen Anforderungen der Gegenwart und der nächsten Zukunft im Bewußtsein der Menschen nicht Platz greifen können, wenn nicht ein eindringliches Verständnis vorliegt für die Art und Weise, wie die Menschen zu dem gegenwärtigen Standpunkte der Zivilisationsentwickelung gekommen sind. Eine nur vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus zu fassende Seelenentwickelung hat die Menschheit seit jener Zeit durchgemacht, die wir bezeichnen als die Zeit der großen atlantischen Katastrophe. Wir kommen da, wenn wir dieses Zeitalter der großen atlantischen Katastrophe ins Auge fassen, nicht so weit zurück, als vielfach die gegenwärtige wissenschaftliche Ausdeutung der Menschheitsentwickelung mit der Menschheit zurückgehen möchte, sondern wir kommen zurück etwa in die Zeiten, welche geologisch bezeichnet werden als das Eiszeitalter, in dem ja auch von der äußeren Wissenschaft große Umwälzungen angenommen werden für die Gegenden, die wir heute die Gegenden des zivilisierten Europa nennen. Wir kommen zurück etwa bis in das 8. oder 9. Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha und bezeichneten ja immer als das erste große Kulturzeitalter, das aufgegangen ist in der nachatlantischen Zivilisation nach dieser atlantischen Katastrophe, das urindische Kulturzeitalter. Wir haben nötig, unseren Blick namentlich darauf zu lenken, daß die Seelenbeschaffenheit der Menschen in jenen alten Zeiten eine wesentlich andere war als später, namentlich als in unserer Zeit. Es ist vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte aus bedeutsam, gerade auf die Seelenentwickelung der Menschen zu sehen. Die äußere leibliche Entwickelung und auch die Entwickelung der materiellen Kulturzusammenhänge kann ja erst verstanden werden, wenn man die Seelenentwicke lung wirklich durchdringt.
[ 2 ] Wenn wir nun die zwei Jahrtausende in Betracht ziehen, die, im 8., 9. Jahrtausend beginnnend, dann weitergehend das urindische Zeitalter ausmachen, so treffen wir da auf eine Menschheit, die unter ganz, ganz andern Bedingungen sich entwickelte, als was überhaupt heute als Menschheitsentwickelung bekannt ist. Namentlich muß ins Auge gefaßt werden, wie ich schon öfters gesagt habe, daß ja der heutige Mensch eine Entwickelung so durchmacht, daß seine physisch-leibliche Entwickelung parallel geht der seelisch-geistigen Entwickelung, daß aber heute der Mensch eigentlich diese Entwickelung nur in den ersten Lebensjahrzehnten durchmacht. Im ersten Lebensjahrzehnt ist ja jener wichtige leibliche Übergang, den wir bezeichnen als den des Zahnwechsels um das siebente Jahr herum und den wir parallelisieren können mit wichtigen geistig-seelischen Vorgängen. Dann wiederum ist vorhanden für den gegenwärtigen Menschen ein tief Eingreifendes in seiner leiblichen Entwickelung, das wiederum übergreift auf die geistig-seelische Entwickelung, mit der Geschlechtsreife im vierzehnten, fünfzehnten Jahr. Dann ist, wie auch für den heutigen Menschen noch deutlich ersichtlich ist, bis in die Zwanzigerjahre hinein ein gewisser Zusammenhang da des Geistig-Seelischen mit der leiblichen Entwickelung. Er ist weniger schroff, weniger deutlich als in den Zeiten um das siebente, um das vierzehnte Jahr herum, aber für einen genaueren Beobachter doch deutlich wahrnehmbar.
[ 3 ] In solcher Parallelität zwischen dem leiblichen Entwickeln und dem geistigen Entwickeln war die Menschheit der urindischen Zeit bis hinauf in die Zeiten der Fünfzigerjahre des Menschen, bis in das sechste Lebensjahrzehnt hinein. Man war so von dem, was im Leibe vorgeht, geistig-seelisch zugleich in dieser Weise abhängig. Man hat bis ins höchste Alter die Umschwünge so erlebt, wie man eben heute erlebt die Umschwünge beim Zahnwechsel, bei der Geschlechtsreife und so weiter. Also der Mensch lebte mit sein Leibesleben bis in die Zeit hinein, wo er sein sechstes Lebensjahrzehnt hatte, die Fünfzigerjahre. Und ich habe darauf aufmerksam gemacht, was das eigentlich bedeutet für das Leben des Menschen. Man wurde ein Mensch, sagen wir, von dreißig Jahren; man sagte sich als ein Mensch von dreißig Jahren: Ich werde auch einmal vierzig, fünfzig Jahre alt sein; dann werde ich rein durch meine leibliche Entwickelung in ganz anderer Weise reif sein vor der Welt als jetzt. — Man lebte so dem Altern entgegen auch noch in höheren Lebensjahrzehnten, wie man heute eigentlich nur als Kind dem Altern entgegenlebt. Man machte Wachstum, Reiferwerden mit bis in die höchsten Jahrzehnte des Lebens. Und man hatte das Bewußtsein: Je älter man wird, desto mehr Dinge der Welt werden einem klar, desto mehr tritt herein in das Seelenleben, man möchte sagen, aus unbekannten Tiefen des Weltendaseins. Man hatte solche Epochen in der Entwickelung eben noch im höchsten Alter, wie man jetzt den Zahnwechsel und die Geschlechtsreife hat.
[ 4 ] Das änderte sich ja insofern, als dieser Parallelismus zwischen leiblicher und geistiger Entwickelung immer mehr und mehr herunterrückte. Beim nächsten Kulturzeitraum, beim urpersischen, wie ich ihn genannt habe in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», war das nur bis zu dem Beginn der Fünfzigerjahre oder gar bis zum Ende der Vierzigerjahre der Fall. Und im ägyptisch-chaldäischen Zeitraum, da war das nur der Fall bis zum Beginn der Vierzigerjahre; und in der Zeit, in der die heute noch für uns bedeutsame griechisch-lateinische Kultur sich ausbreitete, waren die Menschen entwickelungsfähig bis in die beginnenden Dreißigerjahre hinein. Der Mensch fühlte sich jung in Griechenland bis in die beginnenden Dreißigerjahre. Und er sagte sich, daß etwas heranwüchse mit ihm, wenn er die Dreißigerjahre erreicht haben werde. Heute sind wir bereits mit dem Beginn der Dreißigerjahre vertrocknete Mumien, wenn wir bloß auf unsere leiblich-physische Entwickelung sehen. Heute hören wir in einem viel früheren Zeitraum auf, einen Zusammenhang zu haben mit der leiblich-physischen Entwickelung.
[ 5 ] Das alles aber hängt zusammen mit andern Dingen der Menschheitsentwickelung. Der erste Zeitraum nach der großen atlantischen Katastrophe, der urindische Zeitraum, hatte Menschen, welche im hohen Grade das ganze Leben des Universums mitmachten, welche namentlich mitmachten in ihren Hauptes-, in ihren Kopferlebnissen das Leben des Universums. Wir wissen ja vom Universum nur dasjenige, was erkundet wird auf den Sternwarten durch die Teleskope, was errechnet wird durch die Astronomen. Der Mensch des urindischen Zeitalters fühlte in seinem Kopfe den Gang der Sterne. Er erlebte mit nicht nur die irdische Natur in Frühling, Sommer, Herbst und Winter, sondern er erlebte mit die kosmischen Ereignisse, er erlebte mit das Zeitalter, sagen wir, einer bestimmten Siriuskonstellation, und so weiter. Dasjenige, was später kunstvoll astrologisch errechnet worden ist, das wurde miterlebt im Menschen, so wie heute erlebt wird die Gesättigtheit nach einer genossenen Mahlzeit oder der Hunger bei einer erwarteten Mahlzeit. Es wurde Sonnengang und Sternengang im eigenen Haupte also miterlebt.
[ 6 ] Das hatte zur Folge, daß der Mensch damals sich durchaus nicht eigentlich als Erdenbürger bloß fühlte, sondern daß er sich fühlte als Angehöriger einer überirdischen Welt, der bloß auf die Erde versetzt ist. Er fühlte sich als ein Wanderer während eines kurzen Wanderzuges über die Erde dahinpilgern. Er fühlte eine gewisse Verwandtschaft mit dem, was außerirdisch ist.
[ 7 ] Das wurde schon im zweiten nachatlantischen Zeitraume anders. Da wurde es so, daß weniger das Leben des Universums gefühlt wurde, mehr aber alles dasjenige, was sich, ich möchte sagen, auf das Beleuchtungswesen, auf das Lichtwesen des Universums bezieht. Anders erlebte der Mensch des urpersischen Zeitraumes den Tag, anders die Nacht. Er fühlte sich wirklich noch anwesend im Universum in der Zeit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Diese Zeit hatte für ihn einen realen Inhalt, während sie heute ja nur etwas wie ein Loch bedeutet im bewußten Menschenleben. Eine Art Miterleben des Universums war immerhin noch vorhanden. So daß wir sagen können: In demselben Maße, in dem die physisch-leibliche Entwickelungsfähigkeit des Menschen heruntergerückt wird aus den höheren Lebensjahrzehnten in die niedrigeren, in demselben Maße hört das Zusammenleben des Menschen mit dem Universum auf.
[ 8 ] Wir können also sagen (siehe die Übersicht): Im ersten nachatlantischen, urindischen Zeitraume haben wir ein Miterleben mit dem Physisch-Leiblichen bis in die Jahre vom achtundvierzigsten oder neunundvierzigsten bis sechsundfünfzigsten Lebensjahre und auch darüber hinaus. In dem zweiten, in dem urpersischen Zeitraume haben wir dann vom zweiundvierzigsten bis zum neunundvierzigsten Lebensjahre noch Entwickelungsmomente in der leiblich-physischen Entwickelung des Menschen, welche sich vergleichen lassen mit unserem Zahnwechsel oder mit der Geschlechtsreife und dergleichen. Im dritten Zeitraume, den wir gewöhnt sind, den ägyptisch-chaldäischen zu nennen, haben wir vom fünfunddreißigsten Jahre bis zum zweiundvierzigsten Jahre solche leiblichen Entwickelungsmomente. Und in dem, was wir gewöhnt sind, als den griechischen Zeitraum zu betrachten, in dem vierten nachatlantischen, griechisch-lateinischen, da geht diese Entwickelung vom achtundzwanzigsten bis zum fünfunddreißigsten Jahre hinauf.
| I. | Urindisch | 49 bis 56 | von 8167 bis 5567 vor Christus |
| II. | Urpersisch | 42 bis 49 | von 5567 bis 2907 vor Christus |
| III. | Ägyptisch-chaldäisch | 35 bis 42 | von 2907 bis 747 vor Christus |
| IV. | Griechisch-lateinisch | 28 bis 35 | von 747 v.Chr. bis 1413 n.Chr. |
| V. | Jetzt | 21 bis 28 | von 1413 bis ... |
[ 9 ] Wenn Sie dies beachten, so werden Sie sich sagen: Die Entwickelungsfähigkeit des Menschen rückt immer weiter und weiter herab. Und mit diesem Herabrücken der Entwickelungsfähigkeit des Menschen verschließen sich ihm gewissermaßen die Tore zum Miterleben der universellen Ereignisse. — Wenn Sie es sich merken wollen nicht notieren, aber merken —, so können wir sagen: Der erste Zeitraum reicht von 8167 bis 5567 vor Christus; der zweite von 5567 bis 2907, so ungefähr; der dritte von 2907 bis 747 vor Christus; der vierte, der griechische Zeitraum von 747 vor dem Mysterium von Golgatha bis 1413 nach dem Mysterium von Golgatha; und dann beginnt unser fünfter Zeitraum, die Zeit also, in der wir annähernd entwickelungsfähig bleiben nur noch vom einundzwanzigsten bis zum achtundzwanzigsten Lebensjahre. Das beginnt 1413, und darinnen leben wir. Und wenn wir genau sprechen wollen, so müssen wir sagen: Der gegenwärtige Mensch bleibt entwickelungsfähig bis in das siebenundzwanzigste Jahr hinein. Er fängt dann an, gewissermaßen sich in seinem SeelischGeistigen ganz zu emanzipieren von dem Physisch-Leiblichen. Emanzipieren von dem Physisch-Leiblichen ist also etwas, was immer mehr und mehr hereinrückt. Sie sehen daraus, daß einmal der Zeitpunkt kommen wird, wo die Menschen nur entwickelungsfähig sein werden bis zu ihrem vierzehnten Jahre, wo das Geschlechtsreifezeitalter aufhören wird, eine Bedeutung zu haben in der menschlichen Entwickelung,.
[ 10 ] Das ist ein Zeitraum, der ganz gewiß eintreten wird. Die Geologen mögen noch so lange Zeiträume berechnen für die Entwickelung des Menschtums auf der Erde, für die Entwickelung der physischen Menschheit der Erde; diese physische Menschheit auf der Erde wird sich nicht länger entwickeln als bis zu dem Moment, wo diese obere Altersgrenze bis in das vierzehnte, dreizehnte Lebensjahr heruntergerückt ist. Denn von diesem Zeitpunkte an wird sich die physische Menschheit auf der Erde nicht mehr entwickeln können. Die Frauen werden keine Kinder mehr gebären. Dann wird es mit der physischen Menschheit auf der Erde zu Ende gegangen sein. Ich habe einmal gesagt: Die Berechnungen, welche die landläufigen Geologen machen, beruhen alle auf einem gewissen Fehler. — Man kann heute nach der Art und Weise, wie Flußschlamm angeschwemmt wird oder wieviel Schlamm der Niagara absetzt und dergleichen, geologische Zeiträume berechnen und danach dann «feststellen», was da für eine Fauna, Flora vor soundso vielen Jahren auf der Erde geherrscht hat. Diese Berechnungen sind alle etwa so angestellt, wie wenn man heute berechnen würde, welche Veränderungen, sagen wir, im Magen vorgingen seit zehn Jahren, und dann ausrechnet, wie der Magen ausgeschaut hat vor hundertfünfzig Jahren. Ja man kann sogar ebenso, wie heute die Geologen, berechnen, wie die Erde nach Millionen von Jahren aussehen wird, ausrechnen, wie der Magen ausgesehen hat vor dreihundert Jahren. Nur wird die Erde nach Millionen von Jahren nicht mehr da sein, ebensowenig wie der physische Mensch da war vor dreihundert Jahren, als sein Magen in einer bestimmten Weise ausgesehen haben soll. Nach diesen physischen Gesetzen, welche zugrunde gelegt werden diesen wissenschaftlichen Werken, kann man selbstverständlich ganz richtig rechnen, aber was man ausrechnet, istebensowenig «richtig», wie man ausrechnen kann, wie ein menschlicher Magen vor dreihundert Jahren ausgesehen hat. Diese Dinge, die ich da anführe, die werden heute von der exakten Wissenschaft zurückgewiesen. Aber dasjenige, was wirklich ist, was das Tatsächliche ist, das kann ja von dieser exakten Wissenschaft eben durchaus nicht gefunden werden. Denn Sie können lange rechnen, wie die Erde aussehen wird nach hunderttausend Jahren, wie da die Menschen sein werden und dergleichen: Die Menschen werden nicht mehr existieren auf der Erde!
[ 11 ] Das sind Dinge, welche heute schon zwingen sollten, die Brücke zu bauen nach geisteswissenschaftlichen Betrachtungen hin. Denn dadurch allein können Einsichten kommen in die wirkliche Entwickelung der Menschen und Einsichten in gewisse Notwendigkeiten, die aufzunehmen sind in dieses menschliche Bewußtsein. Nun ist es Ihnen vielleicht nicht schwierig, einzusehen, daß der Mensch in älteren Zeiten gewissermaßen einfach dadurch, daß er ein leiblich-physischer Mensch war, gewisse Offenbarungen erlebte, Offenbarungen, die man eben nur erleben kann, wenn man physisch entwickelungsfähig bleibt bis über ein gewisses Zeitalter hinaus. Beim alten Perser, beim alten Inder gar, da war das Gehirn weich und biegsam und plastisch bis in die Fünfzigerjahre hinein, so plastisch, wie es heute nur in der ersten Jugend der Fall ist. Einfach durch dieses plastische Gehirn bekam man Offenbarungen, die man nicht bekommen kann, wenn man noch Kind ist, die man nur bekommen kann, wenn der Leib plastisch bleibt bis in das höchste Alter hinein. Unser mumifiziertes Gehirn, das schon mit dreißig Jahren ganz vertrocknet ist, das kann diese Offenbarungen auf jenem alten natürlichen Wege nicht erringen. Das ergibt eben die Notwendigkeit, auf einem andern, auf einem bloß geistigen Wege für das emanzipierte Geistig-Seelische einen Inhalt zu bekommen.
[ 12 ] Das ergibt Ihnen für unser Zeitalter zu gleicher Zeit die eminente Notwendigkeit, zum spirituellen Leben sich hinzuwenden. Denn mit fünfunddreißig Jahren hat man die Hälfte, die aufsteigende Hälfte des Lebens erreicht, von da geht es abwärts. Alles, was man erst in der absteigenden Hälfte erreichen kann, das erreicht ja der heutige Mensch von selbst gar nicht. Wenn er nichts dazu tut, um es auf andere Weise als durch seine leibliche Entwickelung zu erreichen, so kommt das gar nicht an ihn heran. Man sollte von solchen Einsichten aus begreifen, wie notwendig es für den heutigen Menschen ist, sich zur Geisteswissenschaft hinzuwenden.
[ 13 ] Was die Menschen bis jetzt auch an äußeren sozialen Gebilden hervorgebracht haben, ist durchaus noch unter dem Einfluß der alten plastischen Leiblichkeit entstanden. Aber jetzt ist das Zeitalter hereingebrochen, in dem diese alten Gebilde morsch werden und in dem Neues nur geschaffen werden kann, wenn man es aus dem Geiste heraus schafft. Dies ist heute schon offen daliegend, wenn man auch nur die äußeren Ereignisse verfolgt. Aber man versteht die äußeren Ereignisse nur, wenn man sie im Zusammenhange mit dem Geiste verfolgt. Ich will Sie auf ein von dem eben besprochenen Thema scheinbar recht ferne liegendes Gebiet hinweisen. Ich habe ja öfter erwähnt: Die abgetakelten Feldherren, Staatsmänner schreiben jetzt ihre Memoiren. Unter den Leuten, die da ihre Memoiren geschrieben haben, ist verhältnismäßig einer der Besten, der Interessantesten der Frivolling und Zyniker, der eine gewisse Zeit hindurch die österreichischen Geschikke geleitet hat, Czernin. Auch der hat ja seine Memoiren geschrieben. Ich überschätze ihn nicht, wenn ich sage, daß er einer der Besten ist, die Memoiren geschrieben haben; denn ich muß ihn zu gleicher Zeit einen Frivolling und Zyniker nennen, einen Oberflächling. Aber es sind seine Memoiren noch zu den interessantesten zu rechnen.
[ 14 ] Darin ist eine interessante Stelle, da setzt sich Czernin damit auseinander, was hätte verhindern können oder herbeigeführt hat diese Weltkriegskatastrophe. Er setzt sich damit auseinander als Österreicher und sagt: Dieses Österreich, durch den Weltkrieg ist es zugrunde gegangen. Aber es wäre auch ohne den Weltkrieg zugrunde gegangen, denn es war reif, zugrunde zu gehen. Es konnte nicht mehr bestehen. Es war innerlich morsch. — Er drückt sich sogar etwas dramatisch aus, indem er sagt: Zugrunde gehen mußten wir ja doch, wir konnten uns bloß unsere Todesart wählen. Anderes konnten wir nicht wählen als die Todesart. Wir wählten uns die schlechteste. Nun ja, etwas Besseres ist nicht verstanden worden. Vielleicht wäre eine andere langsamer gewesen, weniger schmerzlich. — So drückt er sich aus.
[ 15 ] Das ist im Grunde genommen ein ganz richtiges Apercu, denn dieses Österreich war ein Staatsgebilde, zusammengefügt nach den Vorstellungsintentionen, die noch aus einer alten Zeit stammten. Wenn sie auch nicht, ich möchte sagen, mehr wuchsen in den Gehirnen, so waren sie doch noch luziferisch da. Heute sehen die Leute, wie diese alten Gebilde anfangen morsch zu werden und abzusterben. Richtig würden die Leute nur sehen, wenn sie die inneren Gründe, die Zeitengründe für das Absterben dieser Gebilde sehen würden. Allein es sieht ja jeder erst etwas, wenn das betreffende Gebilde katastrophal zugrunde gegangen ist. Um was es sich heute für einen Menschen, der wirklich auf der Höhe seiner Zeit steht, handeln würde, das würde sein, nicht nur mit allerlei sozialen Ideen zu kommen und die alten Staatsgebilde zu nehmen, als ob man diese alten Staatsgebilde, diese alten Staatsrahmen überhaupt nehmen könnte. Das kann man nicht. Man muß sich bekanntmachen damit, daß der alte Staatsbegriff aufgehört hat, einen Sinn zu haben, daß etwas anderes an seine Stelle treten muß: der dreigeteilte soziale Organismus. Dieser dreigeteilte soziale Organismus wird sich schon selbst seine Staatsgrenzen schaffen; die alten haben ihre innere Zusammenhangsmöglichkeit verloren.
[ 16 ] Aber die Leute sind heute eben Schläfer. Sie machen das mit, was sich katastrophal abspielt. Aber hinzusehen auf die inneren Bewegkräfte des Daseins, dazu wollen sich die Menschen nicht entschließen. Sie werden sich nur entschließen, wenn sie aus geisteswissenschaftlichen Unterlagen heraus die Dinge wirklich begreifen lernen. Dann wird durch wirklich geistiges Erfassen des Daseins auch die Brücke gebaut zwischen dem Erfassen des rein Natürlichen und des Sozialen. Denn zuletzt haben doch beide Gebiete Gesetze, die miteinander etwas zu tun haben. Nur wenn man von diesem Gesichtspunkte aus die Zeit betrachtet, dann wird man zu der nötigen Einsicht in das kommen, was heute wirklich vorgeht. Man wird sich entschließen müssen, zu sagen: Der Mensch darf sich heute nicht zufriedengeben, wenn er etwas tun will für die aufsteigende Menschheitsentwickelung, mit dem, was ihm von außen anfliegt, denn es fliegt ihm nur bis zu seinem siebenundzwanzigsten Jahre etwas an. Nachher mumifiziert er; nachher muß das Geistig-Seelische aus der geistigen Welt heraus seine Kräfte holen.
[ 17 ] Ein Mensch, der heute nur sich aus dem heraus entwickelt, was die Außenwelt an ihn heranbringt, ist überhaupt nur bis zu seinem siebenundzwanzigsten Jahr entwickelungsfähig. Sie können folgenden Gedanken als einen eminent richtigen fassen: Wenn heute die meisten Menschen, die in sogenannte höhere Stellungen aufrücken, noch allerlei Gymnasial- oder ähnliche Bildungen durchmachen, so wird diese siebenundzwanzigjährige Grenze etwas verschoben, weil aus alten Überlieferungen in den Menschen etwas hereinkommt, was sie daraus aufnehmen. Wenn aber aus unserem gegenwärtigen Leben einer herauswächst, so recht als Selfmademan, und dann siebenundzwanzig Jahre alt wird, ohne daß er dieses Selfmademan-Wesen durchtränkt hat mit Gymnasialbildung im gewöhnlichen Sinne und dergleichen, so kann er mit siebenundzwanzig Jahren so weit sein, daß er gerade in all dem drinnensteckt, was heute nur für die Gegenwart der Erde gilt, was keine Entwickelungsmöglichkeit nach der Zukunft gibt, was seinen Abschluß finden muß in der Gegenwart. Denn wenn jemand etwas in seiner Seele haben soll, was eine Entwickelungskraft nach der Zukunft gibt, dann muß er das aus dem Geiste heraus haben. Wenn also heute jemand siebenundzwanzig Jahre alt wird, gewissermaßen nur durch die Menschheit erzogen wird, durch das, was von selber an einen heranfliegt durch die leiblich-physische Entwickelung, so kann er sich mit siebenundzwanzig Jahren ins Parlament wählen lassen. Er wird gerade die Gegenwart verstehen, die Gegenwart wird ihn verstehen; aber für das, was er versteht, für das, was man von ihm versteht, könnte eigentlich die Entwickelung sich so abspielen, daß sie morgen durch eine riesige Erdenkatastrophe zugrunde geht; denn weitere Fermente für eine Weiterentwickelung wird er nicht in seiner Seele enthalten. Gerade solch ein Mann, der Selfmademan wäre, der angeflogen bekommen hätte, was man von außen heute bekommt, der dann mit siebenundzwanzig Jahren abgeschlossen hätte und meinetwillen Parlamentarier geworden wäre, dann bald Minister und so weiter, wäre der charakteristischste Ausdruck für die Gegenwart.
[ 18 ] Der charakteristische Mensch dafür ist Lloyd George. Er ist geradezu der absoluteste Ausdruck der Gegenwart. Wenn Sie seine Biographie ins Auge fassen, so werden Sie finden: Er ist der Mensch, der alles das in sich enthält, was heute ein Mensch durch seine leiblich-geistige Entwickelung aus sich machen kann bis zu seinem siebenundzwanzigsten Jahre. Aber da er alles abweist, was nicht von selbst anfliegt, was aus der geistigen Welt heraus gewonnen wird, so kann er nie älter werden als siebenundzwanzig Jahre. Er ist ja gewiß heute schon an gezählten Jahren viel älter, in Wirklichkeit aber siebenundzwanzig Jahre alt. Und so sind heute viele unter uns, die bleiben bei diesen siebenundzwanzig Jahren stehen, weil sie nichts aus der geistigen Welt heraus aufnehmen. Daß man graue Haare bekommt, daß man andere Alterserscheinungen zeigt, das macht es dabei nicht aus. Man kann heute eben siebenundzwanzig Jahre sein, auch wenn man ein siebzigjähriger Greis ist den gezählten Jahren nach, und kann französischer Ministerpräsident sein und Clemenceau heißen. Das ist das Geheimnis der Menschheitsentwickelung, daß das Altwerden nicht mit der Erinnerung der Jahre zusammenhängt, sondern daß heute derjenige, der wirklich alt werden will, dieses dadurch werden muß, daß er Geistiges in seine Seelenentwickelung hereinbekommt. Es ist deshalb kein Zufall, daß gerade in den entscheidenden Ereignissen Lloyd George den Weltenton angegeben hat. Denn den Weltenton für das heutige Zeitalter, das ganz urmaternalistisch ist, mußte ein Mensch angeben, der in der charakteristischsten, in der typischsten Weise siebenundzwanzig Jahre alt geworden ist und nicht über diese siebenundzwanzig Jahre hinausgelangt ist. Er ist ja auch gerade just mit diesem Alter Parlamentarier geworden und hat alle diese Dinge mit einer großen Genialität entwickelt. Man lernt heute die Welt nicht kennen, wenn man sie bloß so ansieht, wie es die Vorstellungen ergeben, die heute an der Oberfläche der sogenannten Zivilisation schwimmen. Man lernt die Welt nur kennen, wenn man sie in der eben angedeuteten Weise von innen heraus wirklich ansieht.
[ 19 ] Uns Menschen wird für unsere Entwickelung zweierlei gegeben, ich möchte sagen, das Hüllenmäßige und der Inhalt. Den alten Leuten des ersten, zweiten, dritten Zeitraumes wurde mit den Hüllen, mit der leiblichen Entwickelung auch noch das Geistige mitgegeben. In den leiblichen Hüllen lebten noch die Mitglieder der höheren Hierarchien. Wir entwickeln unsere Leiber nur so, daß wir haben: in unseren Menschenformen die Kräfte der Geister der Form, in unserem Ätherleib den Zeitgeist, in unserem Astralleib Erzengelwesen, in unserem Ich Engelwesen. Aber weiter kommt es nicht, denn wir müssen willkürlich und bewußt zu dem aufsteigen, was dem Menschen alter Zeiten einfach mit seiner Leibesentwickelung angeflogen ist. Und man lernt die moralische Entwickelung der Menschheit nicht kennen, ohne daß man auf solche Dinge wirklich Rücksicht nimmt. Die Leute schreiben heute Geschichte genau ebenso, wie die Blinden von der Farbe schreiben würden. Sie schreiben nur äußerliche Phrasen, die keinen Inhalt haben. Aus diesen äußerlichen Phrasen, die keinen Inhalt haben, entstehen dann Parteiprogramme, Gesellschaftsprogramme, entstehen jene sogenannten Ideale, nach denen man dies oder jenes Soziale bewirken will. Man kann heute nichts sozial bewirken, ohne daß man aus den treibenden Kräften der Menschheitsentwickelung heraus schafft. Zeitverständnis ist heute notwendig. Aber es kann nur aus geistigen Untergründen herausgeholt werden.
[ 20 ] Wie merkwürdig solches Zeitverständnis oftmals aufgefaßt wird, das kann man ja aus äußeren Dingen sehen. Wenn die Menschen über das Alltägliche heute hinauskommen wollen, dann machen sie oftmals allerlei Sachen. So konnte man zum Beispiel vernehmen, wie vor einiger Zeit, als vor der Kriegskatastrophe die Leute schon gar nicht mehr wußten, was für Kinkerlitzchen der Zivilisation sie anfangen sollten, allerlei «Olympische Spiele» aufgeführt werden sollten. Ja, Olympische Spiele waren für die Griechen da. Unser Zeitalter ist soundso viele Jahrhunderte über die Griechen hinausgegangen. Wir haben nicht mehr die Seelen- und Leibesverfassung, die die Griechen hatten. Wir müssen dasjenige finden, was unserer Seelen- und Leibesverfassung angemessen ist. Wir zeigen nur die Impotenz unseres Geistes, die völlige Leerheit von Seeleninhalten, wenn wir Altes unbedingt wieder und wiederum käuen wollen. Olympische Spiele waren möglich bei denjenigen Menschen, die bis in das dreiunddreißigste Jahr hinein ihre Entwickelungsfähigkeit hatten. So ohne weiteres Dinge erneuern, die einmal für die Menschheit da waren, das heißt nichts anderes, als wenn jemand, der fünfunddreißig Jahre alt geworden ist, plötzlich beschließt, er will sich nun benehmen wie ein fünfzehnjähriger Bube. So ungefähr war es, als das Ideal der Olympischen Spiele auftauchte.
[ 21 ] Dieses innere Verständnissuchen aus den geistigen Grundlagen der Entwickelung heraus, das ist es, was unbedingt angestrebt werden muß von unserer Gegenwart an. Denn eben die alten Zusammenhänge, aus denen die Menschen bisher gearbeitet haben, sind morsch und brüchig geworden. Ein Schneckenhaus hält sich ja auch noch eine Zeitlang, wenn die Schnecke schon tot ist. So hielten sich die alten Staaten, die aus ganz andern Schnecken, aus ganz andern Vorstellungen hervorgegangen sind. Aber notwendig ist es, daß heute neue soziale Gebilde aus dem erneuerten Vorstellungsleben der Menschen heraus sich wirklich entwickeln. Das große Sterben der alten sozialen Gebilde, das im Osten begonnen und Mitteleuropa ergriffen hat, das wird sich schon fortsetzen! Aber gut wäre es, wenn es verstanden würde und wenn die Leute weniger daran denken würden, die alten Reiche aufzurichten, sondern daran denken würden, die realen Verhältnisse der Gegenwart ins Auge zu fassen und aus diesen realen Verhältnissen der Gegenwart heraus entsprechende neue soziale Gebilde zu gestalten.
[ 22 ] Im ganzen muß man doch sagen: Geisteswissenschaft stellt an die Menschen die Anforderung, etwas weniger Bequemlichkeit zu entwickeln mit Bezug auf ihre Seelenwesenheit, als die Menschen heute zu haben geneigt sind. Die Menschen sind heute schon so, daß sie gar nicht sich bewußt sind der treibenden Kräfte der Entwickelung, in denen sie drinnenstecken. Es war mir interessant zu sehen, wie ein Mitglied unserer Gesellschaft in der letzten Dreigliederungszeitung über den Stil der «Kernpunkte der sozialen Frage» geschrieben hat. Über diesen Stil der «Kernpunkte der sozialen Frage» haben ja viele allerlei Zeug geschwätzt: Schwer verständlich, Schachtelsätze — und dergleichen. Es ist ganz gut, daß jemand es einmal ausgesprochen hat, daß ja schließlich dieses Buch dazu da ist, um ein Aufruf zu sein an die Menschheitserneuerung, daß es nicht ein Schlafpulver sein soll für diejenigen, die eine angenehme Lektüre haben wollen.
[ 23 ] Heute vereinigen die Menschen, indem sie konsequent sein wollen, das Diskrepanteste. Sie können heute unter das sogenannte Volk gehen, das wird eine populäre Darstellung verlangen. Vielleicht die populärste Darstellung werden diejenigen verlangen, die sich am freigeistigsten fühlen. Sie werden einen geschlossenen Stil langweilig finden, diese Leute. Woher kommt denn dieses Streben nach sogenannter populärer Darstellung ?— Wenn die Leute es nur einmal bedenken würden, würden sie von solchen Urteilen, wie man sie oftmals hört, leichter zurückkommen. Denn dasjenige, was heute auch viele kirchenfeindliche Leute als Popularität im Stil fordern, das ist nichts anderes als ein Ergebnis jener Darstellung, welche gewisse Vertreter der Bekenntnisse suchten, um die Leute möglichst dumm zu erhalten. Sie gaben ihnen in den Sonntagnachmittagspredigten möglichst dasjenige, was «wasserklar» ist, was auch für diejenigen wasserklar war, die wachend schlafen wollten bei den Predigten. Die äußerste Grenze des Predigtanhörens ist ja das alte Mütterchen, das immer geschlafen hat bei der Predigt und das man zur Rede gestellt hat. Da sagte sie: Nun, was hat denn der Mensch auf der Welt, wenn er nicht mehr das bißchen Kirchenschlaf hat! — Der Unterschied des Niveaus von diesem Schläfrigkeitszustand bis zur populären Darstellung ist ja nicht sehr groß. Sie ist im wesentlichen dadurch entstanden, daß man die Leute nicht zu einer gewissen freien lebendigen Entwickelung des Denkens kommen lassen wollte. Was sich die Leute angewöhnt haben beim Anhören der Predigten, das fordern heute die kirchenfeindlichen Sozialdemokraten als populäre Darstellung. So sind die Zusammenhänge. Die Leute finden heute den Stil der «Kernpunkte» schwer, die es weit zurückweisen würden, Bekenntnisleute zu sein; aber den Stil schwer finden, das rührt davon her, daß diese Leute erzogen worden sind durch die «Wasserklarheiten» des SonntagnachmittagsPredigtdienstes. Das ist auch etwas, was sich die Menschen durch Geisteswissenschaft aneignen müssen: unbefangen auf die Ereignisse hinzublicken. Über die Entwickelungsgesetze möchten sich ja die Menschen am liebsten täuschen.
[ 24 ] Vor allen Dingen Energie im Seelenleben, das ist es, was für die Zukunft der Menschheitsentwickelung im eminentesten Sinne gebraucht wird. Und gerade mit Bezug darauf leben wir ja heute in einer außerordentlich schwierigen Zeit. Ich habe letzten Sonntag hier, während «ägyptische Finsternis» im Saal geherrscht hat, auf mancherlei Bestrebungen, die sich gerade gegen unsere Geisteswissenschaft geltend machen, hingewiesen. Es ist aber gar nicht so selten, daß gerade in unseren Reihen ein entschiedenes, dezidiertes Denken darüber übelgenommen wird, könnte man sagen. Das muß scharf ausgesprochen werden aus dem Grunde, weil ja jene Art von Verleumdungsfeldzügen, die gegen die authroposophisch orientierte Geisteswissenschaft und was sie sozial als Konsequenz nach sich zieht, erst im Anfange sind. Wie tritt doch immer wieder und wiederum aus unseren Reihen einem das Verderbliche entgegen, daß verlangt wird, man solle, wenn jemand verleumdet, den alten Herrn oder wer es ist, manchmal auch einen jungen Herrn, eine alte Frau, manchmal auch eine junge, möglichst schonend behandeln. Da wird gesagt: Wer verleumdet, soll vor allen Dingen in unseren Reihen auch möglichst schonend behandelt werden; man soll sich mit Leuten, die Verleumdungen in die Welt setzen, erst anfreunden! — Darauf kommt es nicht an heute! Wer die Zeit versteht, sollte das einsehen. Es kommt heute nicht darauf an, daß man sich auseinandersetzt mit den Menschen, die Verleumdungen über die Welt streuen, sondern darauf kommt es an, daß man bei andern Menschen diese Menschen charakterisiert, daß man sich mit ihnen nichts zu schaffen macht, daß man sie als Menschen, die man an sich nicht herankommen lassen will, behandelt und die andern Menschen in entsprechender Weise aufklärt, was das für Individuen sind, die da in der Welt stehen. Das ist es, worauf es ankommt heute! — Denn heute stehen wir vor ernsten Entwikkelungsmomenten, und heute ist das Durch-die-Finger-Schauen das allerschlimmste, was gerade in Menschheitsdiensten geschehen kann. Bequemer ist es, das Durch-die-Finger-Schauen, als das scharfe Erfassen desjenigen, um was es sich hier handelt.
[ 25 ] Vor allen Dingen müssen wir uns darüber klar sein, daß ein wirkliches Verständnis der sozialen Aufgabe der Gegenwart nur möglich ist vom Geiste aus. Aber dazu ist natürlich vieles andere erst herbeizuschaffen, möchte ich sagen. Da ist auf der einen Seite unsere Wissenschaft, die einer völligen Erneuerung bedarf. Wir können mit der alten Wissenschaft nichts mehr anfangen. Wir müssen die Möglichkeit haben, in den Geist der Natur wirklich einzudringen. Wir müssen die Möglichkeit haben, die Naturwissenschaft, die Medizin, die Biologie im allgemeinen wirklich geistig zu erfassen, dann können wir mit der Erziehung, die durchgemacht wird auf diese Weise, wirklich auch fruchtbare Gedanken entwickeln für das soziale Denken. Sonst werden wir fortfahren, mit den alten Schlagworten Neues schaffen zu wollen. Das aber ist es gerade, was uns so stark in den Abgrund hinunterführt. Aufwärtskommen muß die Menschheit; aber sie muß es aus einer geistigen Erneuerung heraus. Und wer sich nicht entschließen wird, auf das Alte so hinzuschauen, daß es wirklich von ihm als Altes angesehen wird, der wird eben nicht mitarbeiten können am Fortschritt der Menschheit.
[ 26 ] Ich habe ja in den verschiedensten Varianten dieses vor Ihnen entwickelt. Ich wollte heute darauf hinweisen, wie eigentlich die Menschheit — was ich ja auch schon öfter auseinandergesetzt habe — in bezug auf ihr Lebensalter immer jünger und jünger wird. Die urindischen Menschen waren bis über die Fünfzigerjahre alt geworden, dann die persischen Menschen bis in die Vierzigerjahre, die ägyptisch—chaldäischen bis zum Ende der Dreißigerjahre, die griechischen Menschen bis in die Dreißigerjahre hinein. Wir werden nicht in dieser Weise alt. Wir trotten noch fort, wenn wir nicht uns geistig innerlich beleben, aber alt werden wir nicht. Denn alt werden hieß in alten Zeitaltern zu gleicher Zeit durch dasjenige, was der Mensch leiblich-physisch heranentwickelte, weiser werden. Die heutigen Menschen werden, indem sie alt werden, bloß alt, werden nicht weiser, sie werden Mumien. Sie werden weiser nur dann, wenn sie die Mumien mit irgend etwas innerlich ausfüllen. Die Ägypter mumifizierten ihre Toten. Die Gegenwartsmenschen haben gar nicht nötig, Mumien erst zu werden, denn sie wandeln schon als Mumien herum und sind nur dann keine Mumien, wenn erfaßt wird in lebendiger, unmittelbarer Gegenwart das Geistige; dann wird die Mumie belebt. Das aber ist für die Menschheit der Gegenwart notwendig, daß die Mumien belebt werden. Sonst haben wir weiter jene Weltenvereinigungen, in denen allerlei Töne aus mumifizierten Menschen kommen. Man nennt diese Vereinigungen «Parteien». Aber das, was von den mumifizierten Menschen gekommen ist, das wurde allmählich zu rein ahrimanischen Stimmen, und die haben die Katastrophe der letzten Jahre herbeigeführt. Das ist die Kehrseite der Sache, das ist das ganz Ernste der Sache. Wenn der Mensch von der Gegenwart an nicht anfängt, seine Mumie mit geistigem Inhalt zu erfüllen, so erfüllt sie sich durch die Einflüsterungen des Ahriman. Dann gehen die Menschenmumien herum, aber aus ihnen sprechen die ahrimanischen Dämonen. Die können nur verhindert werden, die Erde zu bevölkern, wenn die Menschen sich dazu entschließen, ihren lebendigen Zusammenhang mit der Geisteswelt zu suchen. Ja, die Sache hat ihre sehr, sehr ernste Seite. Geisteswissenschaft heute zu treiben ist zu gleicher Zeit ein Austreiben des ahrimanischen Geistes aus der Menschheit, ist ein Verhindern dessen, daß die Menschheit von Ahrimanisch-Geistigem besessen werde.
