Gegensätze in der Menschheitsentwickelung
West und Ost Materialismus und Mystik Wissen und Glauben
GA 197
13 Juni 1920, Stuttgart
Vierter Vortrag
[ 1 ] Was jetzt in dieser Zeit denjenigen besorgt macht, der in der Richtung der hier gemeinten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft arbeiten möchte, das ist eine Tatsache, die ja als solche schon öfter hier besprochen worden ist. Die Tatsache meine ich, daß im Grunde genommen doch ein großer Teil der gegenwärtigen Menschheit unaufmerksam vorübergehen läßt alles das, was sich in deutlicher Weise zeigt an Kräften des Niederganges, an Kräften, die darauf hinwirken müssen, wenn sie in der ihnen entsprechenden Weise zur Geltung kommen, unsere gegenwärtige Zivilisation an den Abgrund zu führen.
[ 2 ] Müssen wir uns denn nicht gestehen, daß in der Gegenwart vieles heraufschlägt aus tiefen menschlichen Untergründen und sich abspielt als diese oder jene Tatsache, daß, mit andern Worten, gegenwärtig eigentlich recht viel geschieht, und daß auf der andern Seite ein großer Teil unserer Zeitgenossen sich durchaus nicht entschließen kann, gebührend aufmerksam zu sein auf das, was eigentlich sich zuträgt.
[ 3 ] Man kann sagen, daß gegenwärtig aus großen Gesichtspunkten heraus mit einer wirklichen Aufmerksamkeit auf die weltgestaltenden Kräfte nur wenige geistige Richtungen arbeiten. Die eine geistige Richtung ist diejenige, die ich nun schon seit Jahren öfter charakterisiert habe, die ihre Wurzeln namentlich in der englisch sprechenden Bevölkerung der Erde hat, die sehr im Verborgenen arbeitet, die aber außerordentlich wirksam arbeitet. Die zweite ist diejenige Bewegung, die sich zusammenfindet aus alledem, was heute rechnen will mit den ja ganz begreiflichen, auch berechtigten Instinkten der breiten Masse der Menschheit. Es ist das eine Bewegung, die in ihren Extremen vertreten wird von Menschen, die von aller Menschheitsentwickelung nichts verstehen, die nichts wissen von dem, was die Welt vorwärtsbringen kann, die aber durch gewisse Verhältnisse, auf die ich noch hindeuten will, in der Lage sind, sich eine autoritative Stellung zu verschaffen trotz ihrer Borniertheit, trotz ihrer sogar ziemlich weitgehenden verbrecherischen Naturanlagen, wenn sie auch gescheite Menschen sind und sich dadurch, daß sie vielen Menschen imponieren, an die Oberfläche der heutigen öffentlichen Verhältnisse bringen können.
[ 4 ] Die dritte wirksame Geistesbewegung ist diejenige, die aus einzelnen besonders tatkräftigen Vertretern der verschiedenen Bekenntnisse hervorgeht — Bekenntnisse aller Art — und die ebenfalls durchaus wissen, was sie eigentlich wollen. Sie haben in ihrem Schoße alles dasjenige, was man gewöhnlich Jesuitismus nennt. Und trotzdem sehr viele Menschen sprechen über Jesuitismus und dergleichen, sind doch wiederum eine große Anzahl unserer Zeitgenossen wenig geneigt, mit voller Aufmerksamkeit zu verfolgen, was da eigentlich geschieht.
[ 5 ] Wenn man sich ein Urteil verschaffen will über den Verlauf der Ereignisse der Gegenwart, dann kommen verschiedene Dinge in Betracht. Eines aber kommt vor allen Dingen in Betracht, was zusammenhängt mit einer Tatsache, die ich schon in meinem ersten öffentlichen Vortrage hier erwähnt habe, mit der Tatsache, daß mit Bezug auf die innere Seelenverfassung, namentlich mit Bezug auf die Vorstellungsstruktur, die Menschen der Gegenwart unendlich viel fortsetzen von dem, was nur geeignet war zur Vorstellungsstruktur, zur Vorstellungsform während des Mittelalters. Diese war damals groß, war damals bedeutungsvoll, ist aber heute überholt. Diejenigen, welche sich am allerintensivsten das ganze Empfinden und Vorstellen in seinen mittelalterlichen Formen angeeignet haben, das sind heute die weiten Kreise der mehr oder weniger sozialistischen Leute über die Erde hin. Innerhalb dieser Kreise haben sich Vorstellungsformen gebildet, die namentlich ihren Ausdruck finden in einem schier unendlich großen Autoritätsglauben, in einem Sich-Ducken gegenüber allem, was sich einfach durch die robuste Hand Autorität verschafft innerhalb dieser Kreise. Nur dadurch ist es ja möglich geworden, daß solche Menschen wie Lenin und Trotzkij, im Osten von Europa — und die Bewegung setzt sich fort nach Asien hinüber mit rasender Schnelligkeit —, mit Hilfe von wenigen tausend Menschen eine Tyrannis ausüben über Millionen von Menschen, eine Tyrannis, die noch niemals während der schlimmsten Zeiten orientalischer Tyrannei so groß war, wie sie heute ist.
[ 6 ] Alle diese Dinge kommen in Betracht, wenn man sich heute über das, was vorgeht, ein Urteil bilden will. Denn es steht dem, was nur mit ein paar Strichen jetzt charakterisiert werden kann, im Grunde genommen nur gegenüber, noch rechnend mit den großen weltgeschichtlichen und weltgestaltenden Kräften, dasjenige, was eine ehrliche, aufrichtige, wahre geisteswissenschaftliche Bewegung sein sollte. Und vergleicht man das Interesse, welches gefunden hat eine solche geisteswissenschaftliche Bewegung, mit dem Interesse, welches gefunden haben die andern charakterisierten Bewegungen im Laufe einer verhältnismäßig kurzen Zeit, namentlich mit dem Einfluß, den diese Bewegungen gewonnen haben, so muß man sagen, das Interesse für diese geisteswissenschaftliche Bewegung ist heute noch nahezu gleich Null.
[ 7 ] Gewiß, wir wollen nicht verkennen, daß es ja zahlreiche Menschen gibt, welche es mit dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung halten, welche sich wenigstens selber sagen, daß sie es mit dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung halten. Aber der Unterschied wäre furchtbar groß, wenn man sich vor Augen rücken würde die Intensität, mit der die drei andern charakterisierten Geistesströmungen für das eintreten, was sie an die Oberfläche bringen wollen, und was an Intensität des Interesses der geisteswissenschaftlichen Bewegung entgegengebracht wird. Denn diese geisteswissenschaftliche Bewegung wird im Grunde genommen doch außerordentlich oberflächlich aufgefaßt, oberflächlich in Empfindung und im Gefühlshaften, während die andern Bewegungen gerade vom Empfindungs- und Gefühlshaften in unbegrenzter Intensität aufgefaßt werden.
[ 8 ] Wer macht sich denn im Grunde genommen klar, so daß er es in die Mitte seines ganzen Empfindens und Denkens stellt, daß es sich für ein ernsthaftes Eingreifen in weltgestaltende Kräfte von seiten der Geisteswissenschaft darum handelt, dasjenige zur Geltung und Anerkennung unter den Menschen zu bringen, was von unserem Gesichtspunkte aus genannt wird die Initiationswissenschaft? Die Initiationswissenschaft, sie schließt heute das ernsteste Interesse der Menschheit ein. Das Interesse, das ihr von vielen, die. da meinen, sich ehrlich dazu zu bekennen, entgegengebracht wird, ist doch ein ziemlich äußerliches, ein nach allen möglichen nebensächlichen Rücksichten eingerichtetes.
[ 9 ] Initiationswissenschaft haben,wenn auch in einer für die Menschheit durchaus nicht vorteilhaften Weise, diejenigen, die ich oftmals genannt habe die eigentlichen Macher innerhalb der anglo-amerikanischen Weltbewegung. Initiationswissenschaft hat alles dasjenige, was vom Jesuitismus abhängig ist. Und eine Initiationswissenschaft eigentümlicher Art hat auch der Leninismus. Denn daß der Leninismus versteht, sich in einer so klugen Weise durch die Verstandesformen des Kopfes auszudrücken, das hat seinen ganz bestimmten Grund. Im Leninismus arbeitet sich an die Oberfläche der Menschheitsentwickelung die Klugheit des menschlichen Tieres, die Klugheit der menschlichen Animalität. Alles dasjenige, was aus den menschlichen Instinkten, aus menschlicher Selbstsucht fließt, das nimmt Interpretationen und Formen an in dem, was im Leninismus und Trotzkismus in einer äußerlich so klug scheinenden Weise zutage tritt. Das Tier will sich einmal als gescheitestes Tier an die Oberfläche arbeiten und will alle ahrimanischen Kräfte, welche das Ziel haben, Menschliches, spezifisch Menschliches auszuschließen, und alles dasjenige, was an Klugheit verbreitet ist in der Tierreihe — ich habe es oftmals betont —, zu menschheitsgestaltenden Kräften machen.
[ 10 ] Denn bedenken Sie nur — ich habe es ja auch hier oftmals betont —, wie eingebildet die Menschen wurden, wenn sie nun irgend etwas erfunden hatten wie zum Beispiel das Leinenlumpenpapier oder das Holzpapier oder etwas dergleichen, das Papier überhaupt. Ja, wieviel früher als die Menschen haben die Wespen oder ähnliche Tiere, die sich ihre Nester machen aus denselben Stoffen, aus denen das Papier ist, diese Erfindung gemacht! Da ist die menschliche Klugheit innerhalb der Tierheit drinnen. Und wenn Sie zusammennehmen alles dasjenige, was in der Tierheit ausgebreitet ist an solcher Klugheit, und wenn Sie sich denken, daß die ahrimanischen Kräfte dieses aufnehmen, um es heraufzuschöpfen in die menschlichen Köpfe derjenigen, die nur nach egoistischen Instinkten gehen, dann werden Sie begreifen, daß eine Wahrheit darin sein kann, wenn man sagt, Lenin, Trotzkij und ähnliche Leute sind die Werkzeuge dieser ahrimanischen Mächte. Das ist eine ahrimanische Initiation, die einfach einer andern Weltensphäre angehört, als unsere Weltensphäre ist. Aber es ist eine Initiation, die in ihrem Schoße die Macht hat, die menschliche Zivilisation von der Erde hinwegzubekommen, alles dasjenige, was sich als menschliche Zivilisation gebildet hat, hinwegzubekommen von der Erde.
[ 11 ] Mit drei Initiationsrichtungen hat man es zu tun: mit zwei auf dem Plane der Menschheitsentwickelung liegenden und mit einer unterhalb des Planes der Menschheitsentwickelung liegenden, aber ungeheuer willensstarken, fast unbegrenzt willensstarken Initiation. Und das, was Ordnung, was ein menschenwürdiges Ziel in diese ganze Richtung bringen kann, das ist allein dasjenige, was innerhalb wahrer Geisteswissenschaft liegt. Aber es kann ein wahres Ziel, ein wirklicher Ernst von dieser Geisteswissenschaft nur ausgehen, wenn man sie wirklich zu einer durchgreifenden Angelegenheit des Lebens macht und wenn man aufmerksam darauf ist, wieviel Geschwätz, wieviel Hochmutsteufel und seelischer Egoismus sich vielfach in dem äußert, was, meist ganz ehrlich, angehängt wird dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung. Es nützt nichts, diese Dinge zu verschweigen. Sie müssen im Gegenteil immer wieder und wiederum besprochen werden. Denn wie sollte man sonst heute jene Kräfte in die Seelen hineinzubringen hoffen, welche notwendig in den Seelen sein müssen, wenn die Zivilisation nicht ihrem Niedergang entgegengehen soll!
[ 12 ] Ich möchte ein paar Minuten etwas ganz anschaulich schildern. Da habe ich vor ganz kurzer Zeit in einer Zeitung den folgenden Satz gelesen: «Die Religion, die einen phantastischen Reflex in den Köpfen der Menschen über ihre Beziehungen untereinander und zur Natur darstellt, ist dem natürlichen Untergang geweiht durch das Anwachsen und den Sieg der wissenschaftlichen, klaren, naturalistischen Auffassung von der Wirklichkeit, die sich parallel mit dem planmäßigen Aufbau der neuen Gesellschaft entwickeln wird.»
[ 13 ] Nun, nach dem, was man heute erfahren kann mit Bezug auf die schlafenden Seelen der Gegenwart, kann man sich wohl fragen: Wieviel Menschen lesen denn das in einem Zeitungsartikel und zucken auf wie von einer Viper gestochen, weil es das furchtbarste Symptom ist, das in solchen Sätzen ausgesprochen werden kann? Denn man denkt nicht, was entsteht auf der Erde, wenn das verwirklicht wird, was in den Worten liegt: «Die Religion, die einen phantastischen Reflex in den Köpfen der Menschen über ihre Beziehungen untereinander und zur Natur darstellt, ist dem natürlichen Untergang geweiht durch das Anwachsen und den Sieg der wissenschaftlichen, klaren, naturalistischen Auffassung von der Wirklichkeit, die sich parallel mit dem planmäßigen Aufbau der neuen Gesellschaft entwickeln wird.»
[ 14 ] Das, was hier als Religion gemeint ist, ist nicht irgendein Bekenntnis, ist nicht irgendein berechtigt zu tadelndes religiöses Bekenntnis, ist nicht nur die Religion im engeren Sinn, es ist alle Sittlichkeit. Und dasjenige, was folgen würde, wenn das sich bewahrheitete, was in diesen Sätzen liegt, ist, daß die menschliche Gesellschaft über die ganze Erde hin sich verwandeln müßte in eine Tierherde, die nur raffiniert denken kann. Wenn sich nicht die Möglichkeit findet, daß Gegenkräfte erwachen gegen dasjenige, was jetzt im Osten Europas groß wird und nach Asien hinüber sich mit rasender Schnelligkeit ausbreitet, dann ist es so, daß alle Zivilisation dem Untergang geweiht ist. Dann würden sich solche Ideale verwirklichen.
[ 15 ] Ich glaube nicht, daß es gerechtfertigt ist gegenüber solchen weltgeschichtlichen Impulsen, wenn da oder dort Leute auftreten, die wünschen, daß das vielfach getriebene mystische Schwätzen im engsten Kreise, welches, gegen meine Intention, in der langen Zeit, in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft jetzt schon da ist, da oder dort als ein Ideal betrachtet worden ist, in irgendeiner Weise fortgesetzt werde, ohne Rücksicht darauf, was die großen Interessen der Erdenmenschheit von uns fordern. Wir müssen den Willen haben, in diese großen Interessen der Menschheit vorurteilsfrei hineinzuschauen. Wir müssen uns bequemen, nicht bloß theoretisch verstandesmäßig, sondern instinktiv ganz Ernst zu machen mit gewissen Grundlehren, welche verdeckt sind durch alle europäischen und amerikanischen Bekenntnisse und welche man noch weiter verdecken will.
[ 16 ] Wir wissen ja, welche Kampfeshetze jetzt gegen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft losgeht, wie es von allen Ecken her pfeift. Es wäre schade, wenn man sich immer wieder und wiederum hingeben würde der schädlichen und eigentlich heute schon strafwürdigen Illusion, daß wir jemals hoffen könnten, in dieser oder jener Ecke, wo man gegnerisch gegen uns auftritt, etwas zu erreichen dadurch, daß man den oder jenen bekehrt, der von Amts wegen verpflichtet ist, das oder jenes Alte zu vertreten. Kompromißler und Opportunisten können und dürfen wir nicht sein. Das sollten wir gewissermaßen jeden Morgen als unseren besonderen Meditationssatz uns vor Augen stellen. Es hat gutmeinende Leute gegeben, welche gesagt haben, wir sollten nur nach der oder jener Richtung hin den Leuten klarmachen, wie wir versuchen, das Christus-Geheimnis in die Welt hineinzutragen. Je mehr wir das tun, desto schlimmer pfeift es aus gewissen Ecken heraus. Denn nichts widerstrebt zum Beispiel gewissen katholischen oder evangelischen Bekenntnissen in der Gegenwart mehr, als daß eine wahre Ansicht über das Christus-Geheimnis unter der Menschheit Platz greift. Denn dort ist nicht ein Interesse daran vorhanden, daß das wahre Geheimnis über den Christus Platz greift, sondern daß am Alten festgehalten werde. Würden wir irgendein vertracktes Bekenntnis über den Christus haben, dann würde man uns als eine unschädliche Sekte behandeln, als Querköpfe, und uns nicht mit jener Intensität bekämpfen, mit der man uns bekämpft. Weil es aber innerhalb der zwei Richtungen, abgesehen von der dritten, genügend Leute gibt, die wissen, daß aus der Wahrheit heraus einmal geredet werden soll über das Christus-Geheimnis, über die soziale Ordnung aus der Dreigliederung heraus, da horchen sie auf, und dann sagen sie: Uns würde ja der Boden entzogen, wenn wir der Wahrheit entgegenkommen wollten, daher sei ihr Vernichtung geschworen! — Wir werden nicht bekämpft wegen eines Irrtums, sondern wir werden bekämpft, weil man auf gewissen Seiten merkt, daß wir die Wahrheit wollen. Es nützt nichts heute, über gewisse Dinge, die vorgehen, anders als in diesem Sinne zu sprechen. Denn diejenige Geistesbewegung, die hier gemeint ist, hat das allergrößte Interesse an absoluter Klarheit, namentlich auch an Klarheit des Denkens.
[ 17 ] Denn erinnern Sie sich an manches, was ich ausgeführt habe! Auf was kommt es denn an beim Einsehen desjenigen, was der Menschheit heute vor allen Dingen not tut? Darauf kommt es an, daß unsere denkerischen Kräfte — alles dasjenige, was wir als Vorstellungskräfte in uns tragen, abgesehen von den Sinneskräften —, daß die eigentlichen denkerischen Kräfte ein Erbgut sind unseres Daseins vor unserer Geburt beziehungsweise vor unserer Empfängnis. Was wir als Menschen denken können, das bringen wir uns durch unsere Geburt aus unserem vorgeburtlichen Dasein in die physische Welt herein. Alles was wir als Gedanken in uns entwickeln, während wir im physischen Leibe sind, das sind die Kräfte, welche unser ganzes Menschenwesen beherrschen zwischen dem letzten Tode und der Geburt, durch die wir in dieses Erdenleben eingetreten sind. Jetzt denken wir, und was wir als Denkkräfte, nicht als Gedanken aufwenden, das ist der Schatten von dem, was Wirkung war vor unserer Geburt beziehungsweise Empfängnis. |
[ 18 ] Denken Sie einmal an dasjenige, was wir heute Naturkräfte nennen, an das, was wirkt im Blitz und Donner, in der bewegten Welle, in der Wolkenbildung, in Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, in Wind und Wetter, im Hervorgehen der Pflanzen aus der Erde, im Empfangenwerden, Geborenwerden und Wachsen der Tiere, denken Sie an alles das, was Sie als Naturkräfte ringsherum wahrnehmen, und denken Sie davon jetzt nicht die reale Gestalt, sondern das bloße Bild. Also bitte, denken Sie sich, daß alles das, was Sie als Naturkräfte um sich herum haben, sein Bild, sein Schattenbild irgendwohin würfe und daß diese Schattenbilder in einem Behälter aufgenommen würden und als Bilder wirkten. Ein ähnliches Verhältnis besteht zwischen der gegenwärtigen Naturwirklichkeit und der dahinterstehenden Realität, wie Sie es haben in dem Verhältnis zwischen Ihrem vorgeburtlichen Dasein und Ihren Denkkräften in diesem Erdenleben. Denken Sie sich einmal, da wäre alles das, was ich schematisch andeuten will, was geschieht mit Ihrer Seele zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und dann bildet sich ein Schatten davon; von allem, was da ist, bildet sich ein Schatten, und dieser Schatten, der wird zum Inhalt Ihres Kopfes, zum Inhalt Ihrer Gedanken, der ist Ihre Denkkraft. Das, was Sie jetzt denken, das sind die Wirkungskräfte vor Ihrer Geburt. Das ist dort Natur in der geistigen Welt, wenn ich mich des paradoxen Ausdruckes bedienen darf. Es geht nicht weiter in der Menschheitsentwickelung, wenn die Menschen nicht ein Bewußtsein davon bekommen: Indem ich denke, spielt in meine Gedankenkräfte herein mein vorgeburtliches Dasein. Ich bin, indem ich durch die Geburt in dieses Erdenleben eingetreten bin, indem ich denke, der Fortsetzer meines vorgeburtlichen Daseins.
[ 19 ] Wenn man dies nimmt, wem widerstrebt es dann am meisten? Am meisten widerstrebt es denjenigen Bekenntnissen, welche etwa folgendes sagen: Ein Mensch wird geboren. Wenn es hier zwei Leuten, einem männlichen und einem weiblichen Individuum gefällt, sich zu begatten, so wird in der geistigen Welt von Gott eine Seele geschaffen, damit sie verbunden werden kann mit dem, was hier erzeugt wird von zwei sich begattenden Menschen. So nimmt ein menschliches Individuum seinen Anfang! — Das widerspricht allerdings sehr dem, was jetzt eben gesagt worden ist! Aber davon leben ja die Bekenntnisse der heutigen zivilisierten Welt. Sie lehren ja alle: Wenn zwei Menschen sich hier begatten, dann tut der Geist ihnen die Gefälligkeit, oben eine Seele zu erzeugen, ganz frisch; die wird dann heruntergeschickt, damit sie sich mit dem entstandenen physischen Leibe vereinigen kann, und dann ist etwas Neues entstanden. — Zu wem reden aber all diese Bekenntnisse? Sie reden ja zu furchtbar egoistischen Menschen, die vor allem den Gedanken der Auslöschung nach dem Tode nicht ertragen können. Jenen andern Gedanken können sie aber ertragen, denn daran sind sie durch Jahrhunderte, bald durch Jahrtausende gewöhnt worden: daß es Gott gefällig sei, Seelen zu schaffen für die Menschenkinder, die hier erzeugt werden. Aber daß mit dem Tode alles aufhört, diesen Gedanken können sie aus ihrem Egoismus heraus nicht ertragen.
[ 20 ] Selbstverständlich wissen Sie ja alle — ich brauche darüber mich nicht zu verbreiten —, wie das Leben der Menschen nach dem Tode ist, aber wir wenden unsere Aufmerksamkeit einem ganz andern Gesichtspunkte zu. Die Kanzelredner müssen überall voraussetzen, daß sie zu Menschen reden, die den Gedanken der Auslöschung nach dem Tode nicht ertragen können. Sie müssen ihnen dasjenige Wasser heruntergießen von der Kanzel, welchen Bekenntnisses die Leute auch sind, die da unten sitzen, das ihnen «klar», das heißt unklar macht, wie es nach dem Tode ist. Sie müssen gerade diejenigen Worte wählen, durch die der Egoismus der Menschen sich am meisten angeregt fühlt; sie müssen gerade diejenigen Sätze aussprechen, durch die diesem seelischen Egoismus der Menschen besonders entgegengekommen wird.
[ 21 ] Was würde denn eintreten — das Folgende führe ich Ihnen aus zu einem besonderen Beispiel —, wenn zum Beispiel heute jemand ganz unbefangen und ernsthaft gewisse Inhalte des katholischen Bekenntnisses aufs Korn nehmen würde, sagen wir jenes Dogma, welches besagt, daß es eben Gott gefallen muß, wenn zwei Menschen sich begatten, ihnen eine Seele, die frisch gemacht ist, herunterzuschicken. Wenn dieser Inhalt des Bekenntnisses aufs Korn genommen würde, was würde geschehen? — Da würde der, der vorurteilslos zu Werke geht, um die ganze Sache zu untersuchen, finden, daß so etwas mit dem Inhalte des wahren Christentums nicht das geringste zu tun hat, daß aber im Mittelalter die Lehre des Aristoteles eingedrungen ist in die christliche Theologie, und daß Aristoteles diese Lehre aus einem mißverstandenen Platonismus heraus vertreten hat, daß jedesmal für einen frisch erzeugten Menschenleib auch eine frische Seele geschaffen wird und sich mit ihm vereinigt. Das, was da als selbstverständliche Voraussetzung in den christlichen Bekenntnissen figuriert, das hat mit dem Christentum nichts zu tun, das ist aristotelische Anschauung.
[ 22 ] Und weiter, nehmen wir etwas anderes: Wir finden als einen gewissen Teil von Bekenntnissen die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen. Wieder eine rein aristotelische Anschauung! Aristoteles hat nämlich angenommen: Wenn die Seele geschaffen ist, hier lebt bis zum Tode und dann in die geistige Welt kommt, dann hat sie in dieser geistigen Welt, wie er sie sich vorstellt, nichts anderes zu tun, als in aller Ewigkeit zurückzuschauen auf das, was sie in einem einmaligen Erdenleben hier getan hat. Also Aristoteles stellt sich vor, daß eine frische Seele geschaffen wird für jedes erzeugte Kind, daß diese Seele lebt auf der Erde bis zum Tode und dann in alle Ewigkeit hinein sich beschäftigt damit, hinzuschauen auf das, was in einem Erdenleben geschehen ist. Hat einer einen andern ermordet, so hat er immer hinzuschauen darauf. Das ist der Ursprung der Lehre von der Höllenstrafe. Es ist eine rein aristotelische Lehre.
[ 23 ] Denken Sie sich einmal, wenn nun an die Stelle des als Inhalt des Christentums ausgegebenen Aristotelismus die Wahrheit auftritt, dann haben ja diejenigen, die diesen als Christentum maskierten Aristotelismus vertreten wollen, eine heillose Angst, daß man hinter das kommt, um was es sich handelt, daß also die Leute erfahren würden: Unsere Prediger, unsere Pfarrer, die predigen uns ja von den Kanzeln herunter gar nicht ein Christentum, sondern einen Aristotelismus, der sich in das Christentum hineingeschlichen hat!
[ 24 ] Ebenso ist im Christentum unendlich viel von der Gnosis. Ebenso ist im katholischen Meßopfer unendlich viel von ägyptischen Mysterien. In zahlreichen Kultushandlungen des Katholizismus — und in vielem selbst in dem evangelischen Bekenntnis — ist etwas enthalten, dessen Ursprung man aufsuchen muß in irgendwelchen orientalischen Religionen. Das, was die Leute anstreben, ist nur, daß man ihnen nicht hinter die Sachen kommt, daß man ja nicht dahinterkommt, wo die Sachen her sind. Also was muß man tun? Man muß verleumden! Man muß sagen, daß diejenigen, welche heute mit der Wahrheit auftreten, entlehnen und plagieren vom Orientalismus, von der Gnosis und so weiter. Man muß «Traubismus» treiben. Man muß in einer solchen Weise mit gelehrten Verleumdungen auftreten, wie der Pastor und Professor Traub und alle diejenigen, die jetzt seine Nachbeter geworden sind. Warum tun das die Leute? Weil die Wahrheit an den Tag kommt und weil sie alles Interesse daran haben, die Wahrheit nicht an den Tag kommen zu lassen. Immer wieder und wiederum werden Menschen auftreten und sagen: Was ihr hier tut, ist diesem oder jenem entlehnt — und werden dadurch etwas hervorrufen, was die Leute aufbringt gegen die Gnosis und alles dasjenige, was sie in ihrem eigenen seelischen Fleische tragen, was sie aber nicht an den Tag kommen lassen wollen in seiner wahren Gestalt. Gnosis — so muß man sagen —, das ist etwas Furchtbares, etwas Greuliches! — Dann werden die Leute sich nicht kümmern um die Gnosis, weil sie sie fürchten, und dann können die Pfarrer reden über das, was eigentlich aus der Gnosis ist. Denn die Pfarrer sind es, die über etwas reden, was aus der Gnosis stammt, nicht diejenigen, die über das reden, was auf dem Boden der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft wächst. Und was am meisten gefürchtet wird, ist das, daß die Präexistenz der Seele, daß das Leben der Seele vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis, daß dieses Wurzeln der Seele in der geistigen Welt von all den Zeiten her, über die sich nur irgendein wissenschaftliches Bekenntnis der Menschheit ergehen kann, besteht. Denn lernt man die Wahrheit erkennen, dann würde bei vernünftig denkenden Menschen nicht mehr Platz sein für die Gotteslästerung, daß für jeden einzelnen menschlichen Leib die Götter verpflichtet sind, eine frisch gebackene Seele aus der geistigen Welt herunterzuschicken, die sich damit verbindet. Aber alle diese Dinge gehen doch zurück auf starke Geltendmachung des Machtgedankens. Hinter alledem steckt der Machtgedanke. Und man kann einfach dadurch, daß man gewisse Lehren befolgt, dem Machtgedanken eine ungeheure Kraft zuführen. |
[ 25 ] Was passiert zum Beispiel jetzt in Dornach? Ringsherum, fast überall in der Schweiz, erscheinen Artikel über die Anthroposophie, die eigentlich nicht einen einzigen wahren Satz enthalten. Der ganze Feldzug fing damit an, daß ein Artikel erschienen war, der dreiundzwanzig Lügen enthielt. An diese dreiundzwanzig Lügen knüpfen sich nun schon seit Wochen lauter Artikel an, die fast in die ganze katholische Presse der Schweiz übergehen und die alle keinen einzigen wahren Satz enthalten. Warum geschieht das? Das geschieht aus dem Grunde, weil der zahlreiche Anhang dieser Menschen in eine bestimmte Geistesverfassung gebracht wird, wenn man ihm die Unwahrheit sagt, in die Geistesverfassung, in der man Wahrheit von Unwahrheit nicht mehr unterscheiden kann.
[ 26 ] Denken Sie einmal, was alles aufgewendet wird innerhalb unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, um genügend klare Vorstellungen hervorzurufen, inwiefern zum Beispiel das, was in traumhafter Form im menschlichen Bewußtsein auftritt, ein Abglanz der Wahrheit sein kann oder nicht. Ohne weiteres kann der Mensch Erlogenes und Wahres nicht unterscheiden, wenn es ihm der Traumvorgang bietet. — In dieselbe Verfassung kommt eine Gemeinde, der man etwas vorlügt, wenn man weiß, daß diese Gemeinde das Erlogene glaubt. Denn dadurch, daß man die Seelenverfassung in die Stimmung bringt, die durch das Erlogene hervorgerufen wird, dadurch hat man sie als ein gefügiges Werkzeug des Machtgedankens. Diejenigen können am besten die Macht über die Menschheit ausüben, welche den Leuten die Illusionen unkenntlich einimpfen. So werden ganz systematisch diese Lügenartikel geschrieben mit der Absicht, dasjenige als Stimmung zu erreichen, was durch die Lüge erreicht werden kann. Das ist dasjenige, zu dem ganz selbstverständlich der Probabilismus, der ja seit langer Zeit gelehrt wird von den Jesuiten, kommen muß. Das ist nur der letzte Ausläufer.
[ 27 ] Es ist ja schwer, gegen solche Leute die ja zum großen Teil schlafenden Seelen der Gegenwart aufzurufen. — Wir waren genötigt, einen Vortrag zu arrangieren an dem Tag, bevor ich abgereist bin, weil man ja selbstverständlich kämpfen muß, auch wenn man nicht will, gegen das, was sich da alsLLüge geltend macht in Dornach. Und Herr Dr. Boos, der zu unseren mutigsten jüngeren Kämpfern gehört, hat dann, nachdem er in der Diskussion — der Vortrag war öffentlich — jeden aufgerufen hat, der sprechen will zu dem, was gesagt worden ist, und nachdem zu alledem geschwiegen worden war, vor aller Öffentlichkeit gesagt, er erkläre vor aller Öffentlichkeit, daß der erste Schreiber der dreiundzwanzig Lügen, der Pfarrer Arnet von Reinach, unwürdig sei, sein priesterliches Amt auszuüben und daß er ein geistiger Giftmischer sei.
[ 28 ] Man kann sich nicht anders helfen. Und dann haben die Leute, trotzdem ihnen dies gesagt wird, nur einen einzigen, ich möchte fast sagen, einen in den Knien schlotternden Lehrer, der dann auftritt und sagt: Wartet nur ab, es sind ja noch nicht alle Artikel erschienen; am Ende wird es noch kommen —, ja, ich konnte nichts anderes sagen als: Der Anfang bestand aus dreiundzwanzig Lügen, und es mag das Ende erst am Ende der Welt kommen, die Wahrheit der dreiundzwanzig Lügen wird ganz gewiß, wenn dieses Ende noch so lang auf sich warten läßt, nicht herauskommen können. Denn in dem, was bisher erschienen ist — und es sind schon eine stattliche Anzahl von Artikeln erschienen —, ist nicht der leiseste Versuch gemacht, einzugehen auf die dreiundzwanzig Lügen.
[ 29 ] Aber andere Proben sind gemacht worden von einer merkwürdigen Logik. Es wurde namentlich die Broschüre von dem Tübinger Redner da ausgespielt — die spielt eine große Rolle —, aber die Leute, die in diesen Artikeln die Broschüre des Professor Traub da ausspielen, die verstehen sie nicht richtig. Sie schreiben: Der Steiner entlehnt alles mögliche alten Schriften, den Upanishaden, den ägyptischen IsisMysterien und der «Akaska-Chronik» — nun, möglicherweise hat es der Setzer nur so geschrieben, aber vielleicht hat es doch auch der geistliche Herr getan. Nun also sagte ich dann, daß es mir ja wahrhaftig nicht darauf ankäme, Druckfehler zu berichtigen, aber daß es doch ein sonderbarer Leser der Traubschen Broschüre wäre, der gleich hinterher vergessen hat, daß ja schließlich nicht einmal der Traub den Blödsinn behauptet hat, daß die Akasha-Chronik etwas sei, was man in den Bibliotheken stehen hat, und daß man nicht gerade jemand vorwerfen kann, er entlehne die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft jenem alten Schmöker, der Akasha-Chronik.
[ 30 ] Wir haben ja nun unter den liberalen Leuten auch einige Freunde unter den Angriffen bekommen. So konnte Dr. Boos in einer liberalen Zeitung, indem er sogleich scharfes Geschütz auffährt, sagen: Hier ist eine wissentliche Unwahrheit. Denn der, der das geschrieben hat, der muß doch wissen, daß er eine Akasha-Chronik nicht in seiner Bibliothek stehen hat. Er kann sie nicht haben in seiner Bibliothek, also muß er es wissen; er muß also eine wissentliche Unwahrheit hinschreiben. Was tut aber der Betreffende? Er sagt: Herr Dr. Boos drücke sich um die Sache herum, denn es sei selbstverständlich, daß nicht er, sondern der Setzer den Druckfehler «Akaska-Chronik» verursacht habe. Und wenn jemand eine solche Sophisterei treibe, daß er einem einen solchen Druckfehler vorwerfe, dann zeige das, wes Geistes Kind er sei.
[ 31 ] Nun, Sie sehen, mit welcher Geistesverfassung man es da zu tun hat. Aber unterschätzen Sie diese Geistesverfassung nur ja nicht! Seien Sie sich klar darüber, daß es ein harter Kampf sein wird, der immer mehr und mehr nach dieser Seite gerade hingeht. Man will verhindern, daß dieLeute kennenlernen, was ich zunächst ausgesprochen habe im Ärztekursus. Ich sagte da: Gerade wenn man sich einem ernsthaftigen Bemühen unterzieht, aus dem heutigen Leben heraus die geistigen Gesetze der Welt kennenzulernen, wenn man versucht, die tieferen Geheimnisse der menschlichen Natur kennenzulernen, sich diese Dinge also selbst aus dem heutigen Leben heraus aneignet und dann sie wiederfindet in den alten Schriften, wenn auch aus einem instinktiven atavistischen Geistesleben heraus, dann bekommt man eine große Demut vor der Größe einer instinktiven atavistischen Geistesart, die die Menschheit einmal gehabt hat, die verlorenging und die heute wiedergefunden werden muß. — So spricht der, der sich bewußt ist, daß dasjJenige, was heute vom Wissen her aus dem Leben heraus gesucht werden muß, als instinktive Weisheit in der Menschheit vorhanden war. Selbstverständlich ist manches von dem, was von der alten instinktiven Weisheit gewußt wurde, übergegangen in die Bekenntnisse, die es nur korrumpiert haben. Diese Bekenntnisse wollen aber der Menschheit Angst machen vor dieser Urweisheit, und wenn sie darüber reden, dann reden sie in dem Sinne davon: Die schrecklichen Menschen, die da heute Anthroposophie treiben, die entlehnen alles von dieser Urweisheit. — Würde man der Sache zu Leibe gehen, so würde man sehen, wie sehr sich unterscheidet dasjenige, was heute als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft den Menschen gebracht wird, von dem, was jemals von irgend etwas, seien es die Upanishaden oder was immer, entlehnt wurde. — Aus der Akasha-Chronik, diesem «alten Schmöker», muß man schon entlehnen! Und daß das nicht gesehen werde, daß nun etwas auftritt, was in die Gegenwart hereingehört, das wollen diejenigen bewirken, die heute aus allen Ecken mit der Gegnerschaft pfeifen.
[ 32 ] Darum seien Sie sich über eines klar, wenn Sie immer wiederum versucht sind, da oder dort Anklänge lobend hervorzuheben: Das Bündnis zwischen Jesuitismus und Sozialdemokratie, das sich jetzt immer mehr und mehr zusammenschließt, ist ein ganz natürliches, das hat nichts Unnatürliches. Denn die Sozialdemokraten sind nur, indem sie die Sache umwenden, von der Reversseite mit denselben Gedankenformen ausgestattet, mit denen die Jesuiten ausgestattet sind. Aber dasjenige, was so sehr sich von allen Empfindungen unterscheidet, das ist die «Ewigkeit des Menschen», die eine Egoismuslehre geworden ist. In ihre wahre Gestalt tritt sie, indem sie die Präexistenz des vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis bestehenden Lebens der Menschenseele wiederum zum wirksamen moralischen Agens macht. Diese Anschauung wird bis aufs Messer bekämpft werden. Und man wird nur dadurch in der Welt vorwärtskommen können, daß erstens die Wahrheit eine innere Kraft hat; aber diese innere Kraft kann nur wirken, wenn zweitens hinzukommt, daß Menschen, wenn sie auch in noch so geringer Anzahl vorhanden sind, den Mut haben, diese Wahrheit in ihrer Seele zu tragen, ernsthaftig und aufrichtig und ehrlich und ohne Kompromisse in ihrer Seele zu tragen. Es nützt nichts, daß wir uns verwischen den gewaltigen Unterschied, der besteht zwischen dem katholischen und evangelischen Aristotelismus von dem Schaffen der Seele für einen erzeugten Menschenleib, und zwischen wahrem Christentum. Wir dürfen uns diesen Unterschied nicht verwischen. Denn wenn wir uns diesen Unterschied verwischen, merken wir gar nicht, wo die Quellen des Machtgedankens, des Machtbewußtseins eigentlich liegen.
[ 33 ] Ich muß immer wieder hinweisen auf jenen Hirtenbrief eines katholischen Bischofs, der tatsächlich besteht und der da besagt: Die Gläubigen haben die Verpflichtung, den Priester als ein höheres Wesen anzuschauen als Gott und Christus, weil jedesmal, wenn der Priester am Altar die Konsekration vollbringt, der Christus gezwungen ist, gegenwärtig zu sein am Altar, mit seinem Leib und mit seinem Blut in Brot und Wein gegenwärtig zu sein. Da der Priester erzwingt, daß der Gott gegenwärtig zu sein hat am Altar, so hat der Priester die größere Macht im Weltenall als der Gott. — Das ist der Inhalt eines Hirtenbriefes, der wirklich besteht und der übrigens in viele andere Hirtenbriefe übergegangen ist. Und wenn Sie mich fragen: Ist das im Sinne jenes Bekenntnisses, das 869 in jenem Konzil zu Konstantinopel den Geist abschafft, konsequent? — dann sage ich Ihnen: Ja. — Denn derjenige, der da sagt, Gott sei mächtiger als der Priester, der sagt es, wenn er es als Katholik sagt, weil die Menschen das andere heute doch nicht gelten lassen wollen. Aber ebenso, wie die Menschen der Gegenwart in ihren Seelen schlafend genug sind, um sich nicht zu fragen: Was sagt der Briefschreiber eigentlich, wenn eine Persönlichkeit, die an Moleschott schrieb, mutig genug war, zu sagen, daß der Verbrecher, der Lügner, der Mörder sittlich nur ist, wenn er die Gesamtheit seiner Anlagen ausleben kann, und unsittlich ist, wenn er diese Anlagen, die in ihm veranlagt sind, nicht zum Ausdruck bringt, denn dadurch würde er seine Persönlichkeit beschränken, und die mörderischen Anlagen seien ebenso berechtigt wie die andern Anlagen? Die gegenwärtigen Seelen sind eben nicht mutig genug, sich zu sagen: Wenn unsere Naturwissenschafter als Grundlage für ein Weltbekenntnis weiter dasjenige lehren, was sie jetzt lehren, dann muß als eine notwendige Konsequenz einfach gesagt werden: Der Verbrecher, der Mörder ist gleichviel wert wie der andere, der sich bemüht, sozusagen sittlich zu sein; die Menschen sind nur zu feig, sich das zu gestehen. In der Zeit, in der die Blüte des Materialismus war, in der ein Vogt, ein Moleschott, ein Büchner geschrieben haben, die mutige Geister waren, in der Zeit hat man solche Geständnisse gemacht. Aber die Gegenwart ist zu feig, sich dieses Geständnis zu machen. Ebenso ist die Gegenwart in den schlafenden Seelen nicht mutig genug, sich einzugestehen: Ja, nach dem, was als Geist in jenen Bekenntnissen ist, ist der Priester mächtiger als der Gott.
[ 34 ] Es handelt sich eben darum, daß diejenige Weltanschauung, die als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft besteht, tatsächlich darauf angewiesen ist, nach allen Richtungen hin Klarheit des Denkens zu schaffen. Denn das, was sie zu sagen hat, ist mit unklaren Gedanken nicht zu fassen, ist nicht mit schwafelnder, schwefelnder Mystik zu fassen, ist zu fassen allein mit kristallenen Gedanken, mit solchen Gedanken, wie ich sie versuchte, in der «Philosophie der Freiheit» zu gleicher Zeit als Ausgangspunkt der wirklichen menschlichen Freiheit zu erkennen.
[ 35 ] Über solche Dinge können wir uns ja weiter sprechen, wenn ich in der Lage sein sollte, wiederum vor Ihnen vorzutragen, was, wie ich hoffe, sehr bald der Fall sein soll.
