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Contrasts in Human Development
GA 197

13 June 1920, Stuttgart

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Vierter Vortrag

Fourth Lecture

[ 1 ] Was jetzt in dieser Zeit denjenigen besorgt macht, der in der Richtung der hier gemeinten anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft arbeiten möchte, das ist eine Tatsache, die ja als solche schon öfter hier besprochen worden ist. Die Tatsache meine ich, daß im Grunde genommen doch ein großer Teil der gegenwärtigen Menschheit unaufmerksam vorübergehen läßt alles das, was sich in deutlicher Weise zeigt an Kräften des Niederganges, an Kräften, die darauf hinwirken müssen, wenn sie in der ihnen entsprechenden Weise zur Geltung kommen, unsere gegenwärtige Zivilisation an den Abgrund zu führen.

[ 1 ] What is currently causing concern for those who wish to work in the field of anthroposophically oriented spiritual science—as discussed here—is a fact that has, in fact, been discussed here on several occasions. I am referring to the fact that, fundamentally, a large portion of humanity today remains oblivious to all that is clearly manifesting itself in the form of forces of decline—forces that, if allowed to take effect in the manner appropriate to them, are bound to lead our present civilization to the abyss.

[ 2 ] Müssen wir uns denn nicht gestehen, daß in der Gegenwart vieles heraufschlägt aus tiefen menschlichen Untergründen und sich abspielt als diese oder jene Tatsache, daß, mit andern Worten, gegenwärtig eigentlich recht viel geschieht, und daß auf der andern Seite ein großer Teil unserer Zeitgenossen sich durchaus nicht entschließen kann, gebührend aufmerksam zu sein auf das, was eigentlich sich zuträgt.

[ 2 ] Must we not admit that, in the present, much is welling up from deep within the human psyche and manifesting itself as this or that event—that, in other words, quite a lot is actually happening right now—and that, on the other hand, a large portion of our contemporaries simply cannot bring themselves to pay due attention to what is actually taking place?

[ 3 ] Man kann sagen, daß gegenwärtig aus großen Gesichtspunkten heraus mit einer wirklichen Aufmerksamkeit auf die weltgestaltenden Kräfte nur wenige geistige Richtungen arbeiten. Die eine geistige Richtung ist diejenige, die ich nun schon seit Jahren öfter charakterisiert habe, die ihre Wurzeln namentlich in der englisch sprechenden Bevölkerung der Erde hat, die sehr im Verborgenen arbeitet, die aber außerordentlich wirksam arbeitet. Die zweite ist diejenige Bewegung, die sich zusammenfindet aus alledem, was heute rechnen will mit den ja ganz begreiflichen, auch berechtigten Instinkten der breiten Masse der Menschheit. Es ist das eine Bewegung, die in ihren Extremen vertreten wird von Menschen, die von aller Menschheitsentwickelung nichts verstehen, die nichts wissen von dem, was die Welt vorwärtsbringen kann, die aber durch gewisse Verhältnisse, auf die ich noch hindeuten will, in der Lage sind, sich eine autoritative Stellung zu verschaffen trotz ihrer Borniertheit, trotz ihrer sogar ziemlich weitgehenden verbrecherischen Naturanlagen, wenn sie auch gescheite Menschen sind und sich dadurch, daß sie vielen Menschen imponieren, an die Oberfläche der heutigen öffentlichen Verhältnisse bringen können.

[ 3 ] It can be said that, from a broad perspective and with genuine attention to the forces shaping the world, only a few spiritual movements are currently active. One such intellectual movement is the one I have frequently described over the years—one that has its roots specifically in the English-speaking population of the world, that operates very much in secret, but that is extraordinarily effective. The second is the movement that brings together all those who today seek to capitalize on the—admittedly quite understandable and justified—instincts of the broad masses of humanity. It is a movement represented in its extremes by people who understand nothing of human development, who know nothing of what can move the world forward, but who, due to certain circumstances to which I shall yet allude, are able to secure a position of authority despite their narrow-mindedness, despite their—in fact, quite extensive—criminal tendencies, even if they are intelligent people and, by impressing many others, are able to rise to the surface of today’s public life.

[ 4 ] Die dritte wirksame Geistesbewegung ist diejenige, die aus einzelnen besonders tatkräftigen Vertretern der verschiedenen Bekenntnisse hervorgeht — Bekenntnisse aller Art — und die ebenfalls durchaus wissen, was sie eigentlich wollen. Sie haben in ihrem Schoße alles dasjenige, was man gewöhnlich Jesuitismus nennt. Und trotzdem sehr viele Menschen sprechen über Jesuitismus und dergleichen, sind doch wiederum eine große Anzahl unserer Zeitgenossen wenig geneigt, mit voller Aufmerksamkeit zu verfolgen, was da eigentlich geschieht.

[ 4 ] The third influential intellectual movement is the one that emerges from individual, particularly energetic representatives of various denominations—denominations of all kinds—who also know exactly what they actually want. They embody everything that is commonly referred to as “Jesuitism.” And yet, although many people speak of Jesuitism and the like, a large number of our contemporaries are still reluctant to pay close attention to what is actually happening there.

[ 5 ] Wenn man sich ein Urteil verschaffen will über den Verlauf der Ereignisse der Gegenwart, dann kommen verschiedene Dinge in Betracht. Eines aber kommt vor allen Dingen in Betracht, was zusammenhängt mit einer Tatsache, die ich schon in meinem ersten öffentlichen Vortrage hier erwähnt habe, mit der Tatsache, daß mit Bezug auf die innere Seelenverfassung, namentlich mit Bezug auf die Vorstellungsstruktur, die Menschen der Gegenwart unendlich viel fortsetzen von dem, was nur geeignet war zur Vorstellungsstruktur, zur Vorstellungsform während des Mittelalters. Diese war damals groß, war damals bedeutungsvoll, ist aber heute überholt. Diejenigen, welche sich am allerintensivsten das ganze Empfinden und Vorstellen in seinen mittelalterlichen Formen angeeignet haben, das sind heute die weiten Kreise der mehr oder weniger sozialistischen Leute über die Erde hin. Innerhalb dieser Kreise haben sich Vorstellungsformen gebildet, die namentlich ihren Ausdruck finden in einem schier unendlich großen Autoritätsglauben, in einem Sich-Ducken gegenüber allem, was sich einfach durch die robuste Hand Autorität verschafft innerhalb dieser Kreise. Nur dadurch ist es ja möglich geworden, daß solche Menschen wie Lenin und Trotzkij, im Osten von Europa — und die Bewegung setzt sich fort nach Asien hinüber mit rasender Schnelligkeit —, mit Hilfe von wenigen tausend Menschen eine Tyrannis ausüben über Millionen von Menschen, eine Tyrannis, die noch niemals während der schlimmsten Zeiten orientalischer Tyrannei so groß war, wie sie heute ist.

[ 5 ] If one wishes to form an opinion about the course of current events, various factors must be taken into account. One factor, however, stands out above all others; it is connected to a fact I already mentioned in my first public lecture here—namely, that with regard to their inner psychological constitution, particularly with regard to their structure of imagination, people today continue to a great extent what was appropriate only for the structure and form of imagination during the Middle Ages. This was great and significant back then, but it is now outdated. Those who have most intensely appropriated the entire way of feeling and imagining in its medieval forms are today the broad circles of more or less socialist people throughout the world. Within these circles, forms of thought have taken shape that find their expression, in particular, in an almost boundless belief in authority and in a submissive attitude toward anything that simply asserts itself through the firm hand of authority within these circles. It is only through this that it has become possible for men such as Lenin and Trotsky, in Eastern Europe—and the movement is spreading toward Asia at breakneck speed—to exercise, with the help of a few thousand people, a tyranny over millions of people, a tyranny that was never as great, even during the worst times of Eastern tyranny, as it is today.

[ 6 ] Alle diese Dinge kommen in Betracht, wenn man sich heute über das, was vorgeht, ein Urteil bilden will. Denn es steht dem, was nur mit ein paar Strichen jetzt charakterisiert werden kann, im Grunde genommen nur gegenüber, noch rechnend mit den großen weltgeschichtlichen und weltgestaltenden Kräften, dasjenige, was eine ehrliche, aufrichtige, wahre geisteswissenschaftliche Bewegung sein sollte. Und vergleicht man das Interesse, welches gefunden hat eine solche geisteswissenschaftliche Bewegung, mit dem Interesse, welches gefunden haben die andern charakterisierten Bewegungen im Laufe einer verhältnismäßig kurzen Zeit, namentlich mit dem Einfluß, den diese Bewegungen gewonnen haben, so muß man sagen, das Interesse für diese geisteswissenschaftliche Bewegung ist heute noch nahezu gleich Null.

[ 6 ] All these factors must be taken into account when trying to form a judgment today about what is happening. For what can now be characterized in just a few strokes is, in essence, pitted against—even when taking into account the great forces of world history and world-shaping—that which should be an honest, sincere, and true spiritual scientific movement. And if one compares the interest that such a spiritual-scientific movement has garnered with the interest that the other movements described have garnered over a relatively short period of time—namely, with the influence these movements have gained—one must say that interest in this spiritual-scientific movement is still virtually zero today.

[ 7 ] Gewiß, wir wollen nicht verkennen, daß es ja zahlreiche Menschen gibt, welche es mit dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung halten, welche sich wenigstens selber sagen, daß sie es mit dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung halten. Aber der Unterschied wäre furchtbar groß, wenn man sich vor Augen rücken würde die Intensität, mit der die drei andern charakterisierten Geistesströmungen für das eintreten, was sie an die Oberfläche bringen wollen, und was an Intensität des Interesses der geisteswissenschaftlichen Bewegung entgegengebracht wird. Denn diese geisteswissenschaftliche Bewegung wird im Grunde genommen doch außerordentlich oberflächlich aufgefaßt, oberflächlich in Empfindung und im Gefühlshaften, während die andern Bewegungen gerade vom Empfindungs- und Gefühlshaften in unbegrenzter Intensität aufgefaßt werden.

[ 7 ] Certainly, we do not wish to overlook the fact that there are indeed numerous people who support this spiritual scientific movement—or who, at least, tell themselves that they do. But the difference would be enormous if one were to consider the intensity with which the three other characterized spiritual movements advocate for what they seek to bring to the surface, and the intensity of interest shown toward the spiritual science movement. For this spiritual scientific movement is, after all, understood in an extraordinarily superficial way—superficial in sensation and emotion—while the other movements are grasped with boundless intensity precisely through sensation and emotion.

[ 8 ] Wer macht sich denn im Grunde genommen klar, so daß er es in die Mitte seines ganzen Empfindens und Denkens stellt, daß es sich für ein ernsthaftes Eingreifen in weltgestaltende Kräfte von seiten der Geisteswissenschaft darum handelt, dasjenige zur Geltung und Anerkennung unter den Menschen zu bringen, was von unserem Gesichtspunkte aus genannt wird die Initiationswissenschaft? Die Initiationswissenschaft, sie schließt heute das ernsteste Interesse der Menschheit ein. Das Interesse, das ihr von vielen, die. da meinen, sich ehrlich dazu zu bekennen, entgegengebracht wird, ist doch ein ziemlich äußerliches, ein nach allen möglichen nebensächlichen Rücksichten eingerichtetes.

[ 8 ] Who, after all, truly realizes—to the point of placing it at the center of their entire sensibility and thinking—that a serious intervention by spiritual science into the forces shaping the world involves bringing to prominence and recognition among human beings what, from our perspective, is called the science of initiation? The science of initiation encompasses humanity’s most serious interest today. The interest shown in it by many who believe they are honestly committed to it is, after all, a rather superficial one, shaped by all sorts of secondary considerations.

[ 9 ] Initiationswissenschaft haben,wenn auch in einer für die Menschheit durchaus nicht vorteilhaften Weise, diejenigen, die ich oftmals genannt habe die eigentlichen Macher innerhalb der anglo-amerikanischen Weltbewegung. Initiationswissenschaft hat alles dasjenige, was vom Jesuitismus abhängig ist. Und eine Initiationswissenschaft eigentümlicher Art hat auch der Leninismus. Denn daß der Leninismus versteht, sich in einer so klugen Weise durch die Verstandesformen des Kopfes auszudrücken, das hat seinen ganz bestimmten Grund. Im Leninismus arbeitet sich an die Oberfläche der Menschheitsentwickelung die Klugheit des menschlichen Tieres, die Klugheit der menschlichen Animalität. Alles dasjenige, was aus den menschlichen Instinkten, aus menschlicher Selbstsucht fließt, das nimmt Interpretationen und Formen an in dem, was im Leninismus und Trotzkismus in einer äußerlich so klug scheinenden Weise zutage tritt. Das Tier will sich einmal als gescheitestes Tier an die Oberfläche arbeiten und will alle ahrimanischen Kräfte, welche das Ziel haben, Menschliches, spezifisch Menschliches auszuschließen, und alles dasjenige, was an Klugheit verbreitet ist in der Tierreihe — ich habe es oftmals betont —, zu menschheitsgestaltenden Kräften machen.

[ 9 ] Those whom I have often referred to as the true architects of the Anglo-American world movement possess a science of initiation, albeit in a manner that is by no means beneficial to humanity. Initiatory science encompasses everything that is dependent on Jesuitism. And Leninism, too, possesses a peculiar form of initiatory science. For there is a very specific reason why Leninism knows how to express itself so cleverly through the intellectual forms of the mind. In Leninism, the cunning of the human animal—the cunning of human animality—works its way to the surface of human development. Everything that flows from human instincts and human selfishness takes on interpretations and forms in what emerges in Leninism and Trotskyism in a manner that appears so clever on the surface. The animal seeks to work its way to the surface as the most intelligent of all animals and aims to transform all Ahrimanic forces—which seek to exclude what is human, specifically human—and all the cleverness found throughout the animal kingdom—as I have often emphasized—into forces that shape humanity.

[ 10 ] Denn bedenken Sie nur — ich habe es ja auch hier oftmals betont —, wie eingebildet die Menschen wurden, wenn sie nun irgend etwas erfunden hatten wie zum Beispiel das Leinenlumpenpapier oder das Holzpapier oder etwas dergleichen, das Papier überhaupt. Ja, wieviel früher als die Menschen haben die Wespen oder ähnliche Tiere, die sich ihre Nester machen aus denselben Stoffen, aus denen das Papier ist, diese Erfindung gemacht! Da ist die menschliche Klugheit innerhalb der Tierheit drinnen. Und wenn Sie zusammennehmen alles dasjenige, was in der Tierheit ausgebreitet ist an solcher Klugheit, und wenn Sie sich denken, daß die ahrimanischen Kräfte dieses aufnehmen, um es heraufzuschöpfen in die menschlichen Köpfe derjenigen, die nur nach egoistischen Instinkten gehen, dann werden Sie begreifen, daß eine Wahrheit darin sein kann, wenn man sagt, Lenin, Trotzkij und ähnliche Leute sind die Werkzeuge dieser ahrimanischen Mächte. Das ist eine ahrimanische Initiation, die einfach einer andern Weltensphäre angehört, als unsere Weltensphäre ist. Aber es ist eine Initiation, die in ihrem Schoße die Macht hat, die menschliche Zivilisation von der Erde hinwegzubekommen, alles dasjenige, was sich als menschliche Zivilisation gebildet hat, hinwegzubekommen von der Erde.

[ 10 ] Just think about it—as I’ve often emphasized here—how conceited people became once they had invented something like linen-rags paper or wood pulp paper or something similar—paper itself, in fact. Yes, how much earlier than humans did wasps or similar animals—which build their nests from the same materials as paper—make this invention! There, human intelligence is present within the animal kingdom. And if you take into account all the intelligence of this kind that is widespread in the animal kingdom, and if you consider that the Ahrimanic forces absorb this in order to draw it up into the human minds of those who are guided solely by selfish instincts, then you will understand that there may be some truth in the statement that Lenin, Trotsky, and similar people are the instruments of these Ahrimanic forces. This is an Ahrimanic initiation that simply belongs to a different sphere of existence than our own. But it is an initiation that holds within its bosom the power to wipe human civilization off the face of the earth—to wipe everything that has developed as human civilization off the face of the earth.

[ 11 ] Mit drei Initiationsrichtungen hat man es zu tun: mit zwei auf dem Plane der Menschheitsentwickelung liegenden und mit einer unterhalb des Planes der Menschheitsentwickelung liegenden, aber ungeheuer willensstarken, fast unbegrenzt willensstarken Initiation. Und das, was Ordnung, was ein menschenwürdiges Ziel in diese ganze Richtung bringen kann, das ist allein dasjenige, was innerhalb wahrer Geisteswissenschaft liegt. Aber es kann ein wahres Ziel, ein wirklicher Ernst von dieser Geisteswissenschaft nur ausgehen, wenn man sie wirklich zu einer durchgreifenden Angelegenheit des Lebens macht und wenn man aufmerksam darauf ist, wieviel Geschwätz, wieviel Hochmutsteufel und seelischer Egoismus sich vielfach in dem äußert, was, meist ganz ehrlich, angehängt wird dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung. Es nützt nichts, diese Dinge zu verschweigen. Sie müssen im Gegenteil immer wieder und wiederum besprochen werden. Denn wie sollte man sonst heute jene Kräfte in die Seelen hineinzubringen hoffen, welche notwendig in den Seelen sein müssen, wenn die Zivilisation nicht ihrem Niedergang entgegengehen soll!

[ 11 ] There are three lines of initiation: two that lie on the plane of human evolution, and one that lies below the plane of human evolution but possesses an immensely strong will—an almost boundless will. And the only thing that can bring order and a goal worthy of humanity to this entire direction is that which lies within true spiritual science. But a true goal, a genuine seriousness, can only arise from this spiritual science if one truly makes it a profound part of one’s life and if one is attentive to how much idle chatter, how much pride, and how much spiritual selfishness are often expressed in what—mostly quite honestly—is associated with this spiritual science movement. It does no good to gloss over these things. On the contrary, they must be discussed again and again. For how else could one hope today to instill in people’s souls those forces that are necessary if civilization is not to head toward its decline!

[ 12 ] Ich möchte ein paar Minuten etwas ganz anschaulich schildern. Da habe ich vor ganz kurzer Zeit in einer Zeitung den folgenden Satz gelesen: «Die Religion, die einen phantastischen Reflex in den Köpfen der Menschen über ihre Beziehungen untereinander und zur Natur darstellt, ist dem natürlichen Untergang geweiht durch das Anwachsen und den Sieg der wissenschaftlichen, klaren, naturalistischen Auffassung von der Wirklichkeit, die sich parallel mit dem planmäßigen Aufbau der neuen Gesellschaft entwickeln wird.»

[ 12 ] I’d like to spend a few minutes describing something very vividly. Just a short while ago, I read the following sentence in a newspaper: “Religion, which represents a fantastical reflection in people’s minds of their relationships with one another and with nature, is doomed to natural extinction due to the growth and triumph of the scientific, clear, naturalistic conception of reality, which will develop in parallel with the systematic construction of the new society.”

[ 13 ] Nun, nach dem, was man heute erfahren kann mit Bezug auf die schlafenden Seelen der Gegenwart, kann man sich wohl fragen: Wieviel Menschen lesen denn das in einem Zeitungsartikel und zucken auf wie von einer Viper gestochen, weil es das furchtbarste Symptom ist, das in solchen Sätzen ausgesprochen werden kann? Denn man denkt nicht, was entsteht auf der Erde, wenn das verwirklicht wird, was in den Worten liegt: «Die Religion, die einen phantastischen Reflex in den Köpfen der Menschen über ihre Beziehungen untereinander und zur Natur darstellt, ist dem natürlichen Untergang geweiht durch das Anwachsen und den Sieg der wissenschaftlichen, klaren, naturalistischen Auffassung von der Wirklichkeit, die sich parallel mit dem planmäßigen Aufbau der neuen Gesellschaft entwickeln wird.»

[ 13 ] Well, based on what we can learn today about the “sleeping souls” of the present, one might well ask: How many people read this in a newspaper article and recoil as if stung by a viper, because it is the most terrible symptom that can be expressed in such sentences? For one does not consider what will come to pass on Earth if what is implied in the words “Religion, which represents a fantastical reflection in people’s minds of their relationships with one another and with nature, is doomed to natural extinction through the growth and triumph of the scientific, clear, naturalistic conception of reality, which will develop in parallel with the systematic construction of the new society” is actually realized. ”

[ 14 ] Das, was hier als Religion gemeint ist, ist nicht irgendein Bekenntnis, ist nicht irgendein berechtigt zu tadelndes religiöses Bekenntnis, ist nicht nur die Religion im engeren Sinn, es ist alle Sittlichkeit. Und dasjenige, was folgen würde, wenn das sich bewahrheitete, was in diesen Sätzen liegt, ist, daß die menschliche Gesellschaft über die ganze Erde hin sich verwandeln müßte in eine Tierherde, die nur raffiniert denken kann. Wenn sich nicht die Möglichkeit findet, daß Gegenkräfte erwachen gegen dasjenige, was jetzt im Osten Europas groß wird und nach Asien hinüber sich mit rasender Schnelligkeit ausbreitet, dann ist es so, daß alle Zivilisation dem Untergang geweiht ist. Dann würden sich solche Ideale verwirklichen.

[ 14 ] What is meant here by “religion” is not just any creed, is not just any religious creed that is justifiably open to criticism, is not merely religion in the narrow sense—it is all morality. And what would follow if what is contained in these sentences were to come true is that human society across the entire earth would have to transform itself into a herd of animals capable only of sophisticated thought. Unless a way can be found for counterforces to arise against what is now growing in Eastern Europe and spreading across to Asia at breakneck speed, then all of civilization is doomed. Then such ideals would become reality.

[ 15 ] Ich glaube nicht, daß es gerechtfertigt ist gegenüber solchen weltgeschichtlichen Impulsen, wenn da oder dort Leute auftreten, die wünschen, daß das vielfach getriebene mystische Schwätzen im engsten Kreise, welches, gegen meine Intention, in der langen Zeit, in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft jetzt schon da ist, da oder dort als ein Ideal betrachtet worden ist, in irgendeiner Weise fortgesetzt werde, ohne Rücksicht darauf, was die großen Interessen der Erdenmenschheit von uns fordern. Wir müssen den Willen haben, in diese großen Interessen der Menschheit vorurteilsfrei hineinzuschauen. Wir müssen uns bequemen, nicht bloß theoretisch verstandesmäßig, sondern instinktiv ganz Ernst zu machen mit gewissen Grundlehren, welche verdeckt sind durch alle europäischen und amerikanischen Bekenntnisse und welche man noch weiter verdecken will.

[ 15 ] I do not believe it is justified, in the face of such world-historical impulses, for people to emerge here and there who wish that the often-repeated mystical chatter within the innermost circles—which, contrary to my intention, has already existed for a long time within anthroposophically oriented spiritual science and has been regarded here and there as an ideal—should be continued in any way, without regard for what the great interests of humanity on Earth demand of us. We must have the will to look into these great interests of humanity without prejudice. We must bring ourselves—not merely theoretically or intellectually, but instinctively—to take certain fundamental teachings very seriously, teachings that are obscured by all European and American creeds and which some still seek to obscure further.

[ 16 ] Wir wissen ja, welche Kampfeshetze jetzt gegen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft losgeht, wie es von allen Ecken her pfeift. Es wäre schade, wenn man sich immer wieder und wiederum hingeben würde der schädlichen und eigentlich heute schon strafwürdigen Illusion, daß wir jemals hoffen könnten, in dieser oder jener Ecke, wo man gegnerisch gegen uns auftritt, etwas zu erreichen dadurch, daß man den oder jenen bekehrt, der von Amts wegen verpflichtet ist, das oder jenes Alte zu vertreten. Kompromißler und Opportunisten können und dürfen wir nicht sein. Das sollten wir gewissermaßen jeden Morgen als unseren besonderen Meditationssatz uns vor Augen stellen. Es hat gutmeinende Leute gegeben, welche gesagt haben, wir sollten nur nach der oder jener Richtung hin den Leuten klarmachen, wie wir versuchen, das Christus-Geheimnis in die Welt hineinzutragen. Je mehr wir das tun, desto schlimmer pfeift es aus gewissen Ecken heraus. Denn nichts widerstrebt zum Beispiel gewissen katholischen oder evangelischen Bekenntnissen in der Gegenwart mehr, als daß eine wahre Ansicht über das Christus-Geheimnis unter der Menschheit Platz greift. Denn dort ist nicht ein Interesse daran vorhanden, daß das wahre Geheimnis über den Christus Platz greift, sondern daß am Alten festgehalten werde. Würden wir irgendein vertracktes Bekenntnis über den Christus haben, dann würde man uns als eine unschädliche Sekte behandeln, als Querköpfe, und uns nicht mit jener Intensität bekämpfen, mit der man uns bekämpft. Weil es aber innerhalb der zwei Richtungen, abgesehen von der dritten, genügend Leute gibt, die wissen, daß aus der Wahrheit heraus einmal geredet werden soll über das Christus-Geheimnis, über die soziale Ordnung aus der Dreigliederung heraus, da horchen sie auf, und dann sagen sie: Uns würde ja der Boden entzogen, wenn wir der Wahrheit entgegenkommen wollten, daher sei ihr Vernichtung geschworen! — Wir werden nicht bekämpft wegen eines Irrtums, sondern wir werden bekämpft, weil man auf gewissen Seiten merkt, daß wir die Wahrheit wollen. Es nützt nichts heute, über gewisse Dinge, die vorgehen, anders als in diesem Sinne zu sprechen. Denn diejenige Geistesbewegung, die hier gemeint ist, hat das allergrößte Interesse an absoluter Klarheit, namentlich auch an Klarheit des Denkens.

[ 16 ] We know, of course, what kind of smear campaign is now being waged against anthroposophically oriented spiritual science, how it’s coming at us from all sides. It would be a shame if we were to repeatedly succumb to the harmful—and, in fact, already punishable—illusion that we could ever hope to achieve anything in this or that corner where we face opposition by converting this or that person who is officially bound to uphold this or that old way of thinking. We cannot and must not be compromisers or opportunists. We should, so to speak, keep this before our eyes every morning as our special meditation. There have been well-meaning people who have said that we should simply explain to people in this or that direction how we are trying to bring the mystery of Christ into the world. The more we do this, the more criticism comes from certain quarters. For nothing is more repugnant to certain Catholic or Protestant denominations today, for example, than the establishment of a true understanding of the mystery of Christ among humanity. For they have no interest in the true mystery of Christ taking hold, but rather in clinging to the old ways. If we had some convoluted creed about Christ, we would be treated as a harmless sect, as mavericks, and would not be fought with the intensity with which we are currently being fought. But because there are enough people within the two camps—aside from the third—who know that, based on the truth, we must one day speak about the mystery of Christ and about the social order based on the threefold social order, they prick up their ears and then say: “We would indeed be cut off at the roots if we were to accommodate the truth; therefore, we must vow to destroy it!” — We are not being opposed because of an error, but because certain quarters realize that we seek the truth. It is of no use today to speak of certain things that are happening in any other way than in this sense. For the spiritual movement referred to here has the greatest interest in absolute clarity, particularly in clarity of thought.

[ 17 ] Denn erinnern Sie sich an manches, was ich ausgeführt habe! Auf was kommt es denn an beim Einsehen desjenigen, was der Menschheit heute vor allen Dingen not tut? Darauf kommt es an, daß unsere denkerischen Kräfte — alles dasjenige, was wir als Vorstellungskräfte in uns tragen, abgesehen von den Sinneskräften —, daß die eigentlichen denkerischen Kräfte ein Erbgut sind unseres Daseins vor unserer Geburt beziehungsweise vor unserer Empfängnis. Was wir als Menschen denken können, das bringen wir uns durch unsere Geburt aus unserem vorgeburtlichen Dasein in die physische Welt herein. Alles was wir als Gedanken in uns entwickeln, während wir im physischen Leibe sind, das sind die Kräfte, welche unser ganzes Menschenwesen beherrschen zwischen dem letzten Tode und der Geburt, durch die wir in dieses Erdenleben eingetreten sind. Jetzt denken wir, und was wir als Denkkräfte, nicht als Gedanken aufwenden, das ist der Schatten von dem, was Wirkung war vor unserer Geburt beziehungsweise Empfängnis. |

[ 17 ] For remember some of the things I have explained! What, after all, is essential when it comes to understanding what humanity needs most of all today? What matters is that our powers of thought—everything we carry within us as powers of imagination, apart from the sensory faculties—that these actual powers of thought are a legacy of our existence before our birth, or rather before our conception. What we as human beings are capable of thinking, we bring with us into the physical world through our birth from our pre-birth existence. Everything we develop within ourselves as thoughts while we are in the physical body consists of the forces that govern our entire human being between our last death and the birth through which we entered this earthly life. Now we think, and what we expend as powers of thought—not as thoughts themselves—is the shadow of what was active before our birth or conception. |

[ 18 ] Denken Sie einmal an dasjenige, was wir heute Naturkräfte nennen, an das, was wirkt im Blitz und Donner, in der bewegten Welle, in der Wolkenbildung, in Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, in Wind und Wetter, im Hervorgehen der Pflanzen aus der Erde, im Empfangenwerden, Geborenwerden und Wachsen der Tiere, denken Sie an alles das, was Sie als Naturkräfte ringsherum wahrnehmen, und denken Sie davon jetzt nicht die reale Gestalt, sondern das bloße Bild. Also bitte, denken Sie sich, daß alles das, was Sie als Naturkräfte um sich herum haben, sein Bild, sein Schattenbild irgendwohin würfe und daß diese Schattenbilder in einem Behälter aufgenommen würden und als Bilder wirkten. Ein ähnliches Verhältnis besteht zwischen der gegenwärtigen Naturwirklichkeit und der dahinterstehenden Realität, wie Sie es haben in dem Verhältnis zwischen Ihrem vorgeburtlichen Dasein und Ihren Denkkräften in diesem Erdenleben. Denken Sie sich einmal, da wäre alles das, was ich schematisch andeuten will, was geschieht mit Ihrer Seele zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, und dann bildet sich ein Schatten davon; von allem, was da ist, bildet sich ein Schatten, und dieser Schatten, der wird zum Inhalt Ihres Kopfes, zum Inhalt Ihrer Gedanken, der ist Ihre Denkkraft. Das, was Sie jetzt denken, das sind die Wirkungskräfte vor Ihrer Geburt. Das ist dort Natur in der geistigen Welt, wenn ich mich des paradoxen Ausdruckes bedienen darf. Es geht nicht weiter in der Menschheitsentwickelung, wenn die Menschen nicht ein Bewußtsein davon bekommen: Indem ich denke, spielt in meine Gedankenkräfte herein mein vorgeburtliches Dasein. Ich bin, indem ich durch die Geburt in dieses Erdenleben eingetreten bin, indem ich denke, der Fortsetzer meines vorgeburtlichen Daseins.

[ 18 ] Think for a moment about what we today call the forces of nature—about what is at work in lightning and thunder, in the movement of waves, in the formation of clouds, in sunrise and sunset, in wind and weather, in the emergence of plants from the earth, in their conception, birth, and growth of animals—think of everything you perceive as forces of nature all around you, and think not of their real form, but of their mere image. So please, imagine that everything you perceive as forces of nature around you casts its image, its shadow, somewhere, and that these shadows are collected in a container and act as images. A similar relationship exists between present-day natural reality and the reality underlying it, just as there is between your pre-birth existence and your powers of thought in this earthly life. Just imagine for a moment that everything I am trying to outline schematically—what happens to your soul between death and a new birth—forms a shadow; a shadow forms from everything that is there, and this shadow becomes the content of your mind, the content of your thoughts; it is your power of thought. What you are thinking now are the active forces from before your birth. That is nature in the spiritual world, if I may use that paradoxical expression. Human evolution cannot proceed any further unless people become aware of this: through my thinking, my pre-birth existence plays a role in my powers of thought. By entering this earthly life through birth, and by thinking, I am the continuation of my pre-birth existence.

[ 19 ] Wenn man dies nimmt, wem widerstrebt es dann am meisten? Am meisten widerstrebt es denjenigen Bekenntnissen, welche etwa folgendes sagen: Ein Mensch wird geboren. Wenn es hier zwei Leuten, einem männlichen und einem weiblichen Individuum gefällt, sich zu begatten, so wird in der geistigen Welt von Gott eine Seele geschaffen, damit sie verbunden werden kann mit dem, was hier erzeugt wird von zwei sich begattenden Menschen. So nimmt ein menschliches Individuum seinen Anfang! — Das widerspricht allerdings sehr dem, was jetzt eben gesagt worden ist! Aber davon leben ja die Bekenntnisse der heutigen zivilisierten Welt. Sie lehren ja alle: Wenn zwei Menschen sich hier begatten, dann tut der Geist ihnen die Gefälligkeit, oben eine Seele zu erzeugen, ganz frisch; die wird dann heruntergeschickt, damit sie sich mit dem entstandenen physischen Leibe vereinigen kann, und dann ist etwas Neues entstanden. — Zu wem reden aber all diese Bekenntnisse? Sie reden ja zu furchtbar egoistischen Menschen, die vor allem den Gedanken der Auslöschung nach dem Tode nicht ertragen können. Jenen andern Gedanken können sie aber ertragen, denn daran sind sie durch Jahrhunderte, bald durch Jahrtausende gewöhnt worden: daß es Gott gefällig sei, Seelen zu schaffen für die Menschenkinder, die hier erzeugt werden. Aber daß mit dem Tode alles aufhört, diesen Gedanken können sie aus ihrem Egoismus heraus nicht ertragen.

[ 19 ] If one accepts this, to whom does it seem most objectionable? It is most repugnant to those creeds that say something like this: A human being is born. If two people here—a male and a female—choose to have sexual intercourse, then God creates a soul in the spiritual world so that it can be united with what is produced here by two people having sexual intercourse. This is how a human being comes into being! — That certainly contradicts what has just been said! But the creeds of today’s civilized world thrive on this very idea. They all teach: When two people have sexual intercourse here, the Spirit does them the favor of creating a soul up above, brand-new; this soul is then sent down so that it can unite with the physical body that has been formed, and then something new has come into being. — But to whom are all these creeds speaking? They are speaking to terribly selfish people who, above all, cannot bear the thought of annihilation after death. Yet they can bear that other thought, for they have been accustomed to it for centuries, even millennia: that it pleases God to create souls for the human children who are conceived here. But the idea that everything ends with death—out of their selfishness, they cannot bear this thought.

[ 20 ] Selbstverständlich wissen Sie ja alle — ich brauche darüber mich nicht zu verbreiten —, wie das Leben der Menschen nach dem Tode ist, aber wir wenden unsere Aufmerksamkeit einem ganz andern Gesichtspunkte zu. Die Kanzelredner müssen überall voraussetzen, daß sie zu Menschen reden, die den Gedanken der Auslöschung nach dem Tode nicht ertragen können. Sie müssen ihnen dasjenige Wasser heruntergießen von der Kanzel, welchen Bekenntnisses die Leute auch sind, die da unten sitzen, das ihnen «klar», das heißt unklar macht, wie es nach dem Tode ist. Sie müssen gerade diejenigen Worte wählen, durch die der Egoismus der Menschen sich am meisten angeregt fühlt; sie müssen gerade diejenigen Sätze aussprechen, durch die diesem seelischen Egoismus der Menschen besonders entgegengekommen wird.

[ 20 ] Of course, you all know—I need not dwell on this—what life is like for people after death, but we are turning our attention to an entirely different perspective. Preachers everywhere must assume that they are speaking to people who cannot bear the thought of annihilation after death. They must pour out from the pulpit—regardless of the denomination of the people sitting below—words that make it “clear” to them—that is, unclear—what happens after death. They must choose precisely those words that most strongly stir people’s selfishness; they must utter precisely those sentences that particularly cater to this spiritual selfishness of human beings.

[ 21 ] Was würde denn eintreten — das Folgende führe ich Ihnen aus zu einem besonderen Beispiel —, wenn zum Beispiel heute jemand ganz unbefangen und ernsthaft gewisse Inhalte des katholischen Bekenntnisses aufs Korn nehmen würde, sagen wir jenes Dogma, welches besagt, daß es eben Gott gefallen muß, wenn zwei Menschen sich begatten, ihnen eine Seele, die frisch gemacht ist, herunterzuschicken. Wenn dieser Inhalt des Bekenntnisses aufs Korn genommen würde, was würde geschehen? — Da würde der, der vorurteilslos zu Werke geht, um die ganze Sache zu untersuchen, finden, daß so etwas mit dem Inhalte des wahren Christentums nicht das geringste zu tun hat, daß aber im Mittelalter die Lehre des Aristoteles eingedrungen ist in die christliche Theologie, und daß Aristoteles diese Lehre aus einem mißverstandenen Platonismus heraus vertreten hat, daß jedesmal für einen frisch erzeugten Menschenleib auch eine frische Seele geschaffen wird und sich mit ihm vereinigt. Das, was da als selbstverständliche Voraussetzung in den christlichen Bekenntnissen figuriert, das hat mit dem Christentum nichts zu tun, das ist aristotelische Anschauung.

[ 21 ] What would happen—I’ll explain this to you using a specific example—if, for instance, someone today were to take a completely unbiased and serious look at certain aspects of the Catholic creed, say, the dogma that states that it must please God, when two people unite in marriage, to send them a soul that has been made anew. If this aspect of the creed were taken to task, what would happen? — Anyone who set out without prejudice to examine the whole matter would find that such a thing has not the slightest connection with the tenets of true Christianity, but that in the Middle Ages Aristotle’s teachings had found their way into Christian theology, and that Aristotle, drawing on a misunderstood form of Platonism, advocated the doctrine that every time a human body is newly created, a fresh soul is also created and unites with it. What appears as a self-evident premise in the Christian creeds has nothing to do with Christianity; it is an Aristotelian view.

[ 22 ] Und weiter, nehmen wir etwas anderes: Wir finden als einen gewissen Teil von Bekenntnissen die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen. Wieder eine rein aristotelische Anschauung! Aristoteles hat nämlich angenommen: Wenn die Seele geschaffen ist, hier lebt bis zum Tode und dann in die geistige Welt kommt, dann hat sie in dieser geistigen Welt, wie er sie sich vorstellt, nichts anderes zu tun, als in aller Ewigkeit zurückzuschauen auf das, was sie in einem einmaligen Erdenleben hier getan hat. Also Aristoteles stellt sich vor, daß eine frische Seele geschaffen wird für jedes erzeugte Kind, daß diese Seele lebt auf der Erde bis zum Tode und dann in alle Ewigkeit hinein sich beschäftigt damit, hinzuschauen auf das, was in einem Erdenleben geschehen ist. Hat einer einen andern ermordet, so hat er immer hinzuschauen darauf. Das ist der Ursprung der Lehre von der Höllenstrafe. Es ist eine rein aristotelische Lehre.

[ 22 ] And furthermore, let’s consider something else: Among the various creeds, we find the doctrine of the eternity of hellish punishments. Yet another purely Aristotelian view! Aristotle assumed, in fact, that if the soul is created, lives here until death, and then enters the spiritual world, then in this spiritual world—as he imagines it—it has nothing else to do but look back for all eternity on what it did here during its single earthly life. So Aristotle imagines that a new soul is created for every child born, that this soul lives on Earth until death, and then, for all eternity, is occupied with looking back on what happened during that one earthly life. If someone has murdered another, they must look back on that forever. That is the origin of the doctrine of hellish punishment. It is a purely Aristotelian doctrine.

[ 23 ] Denken Sie sich einmal, wenn nun an die Stelle des als Inhalt des Christentums ausgegebenen Aristotelismus die Wahrheit auftritt, dann haben ja diejenigen, die diesen als Christentum maskierten Aristotelismus vertreten wollen, eine heillose Angst, daß man hinter das kommt, um was es sich handelt, daß also die Leute erfahren würden: Unsere Prediger, unsere Pfarrer, die predigen uns ja von den Kanzeln herunter gar nicht ein Christentum, sondern einen Aristotelismus, der sich in das Christentum hineingeschlichen hat!

[ 23 ] Just imagine: if the truth were to take the place of the Aristotelianism that is passed off as the essence of Christianity, then those who have sought to promote this Aristotelianism—masquerading as Christianity—would be utterly terrified that people would see through it, that they would discover: Our preachers, our pastors—they are not preaching Christianity to us from the pulpit at all, but rather an Aristotelianism that has crept its way into Christianity!

[ 24 ] Ebenso ist im Christentum unendlich viel von der Gnosis. Ebenso ist im katholischen Meßopfer unendlich viel von ägyptischen Mysterien. In zahlreichen Kultushandlungen des Katholizismus — und in vielem selbst in dem evangelischen Bekenntnis — ist etwas enthalten, dessen Ursprung man aufsuchen muß in irgendwelchen orientalischen Religionen. Das, was die Leute anstreben, ist nur, daß man ihnen nicht hinter die Sachen kommt, daß man ja nicht dahinterkommt, wo die Sachen her sind. Also was muß man tun? Man muß verleumden! Man muß sagen, daß diejenigen, welche heute mit der Wahrheit auftreten, entlehnen und plagieren vom Orientalismus, von der Gnosis und so weiter. Man muß «Traubismus» treiben. Man muß in einer solchen Weise mit gelehrten Verleumdungen auftreten, wie der Pastor und Professor Traub und alle diejenigen, die jetzt seine Nachbeter geworden sind. Warum tun das die Leute? Weil die Wahrheit an den Tag kommt und weil sie alles Interesse daran haben, die Wahrheit nicht an den Tag kommen zu lassen. Immer wieder und wiederum werden Menschen auftreten und sagen: Was ihr hier tut, ist diesem oder jenem entlehnt — und werden dadurch etwas hervorrufen, was die Leute aufbringt gegen die Gnosis und alles dasjenige, was sie in ihrem eigenen seelischen Fleische tragen, was sie aber nicht an den Tag kommen lassen wollen in seiner wahren Gestalt. Gnosis — so muß man sagen —, das ist etwas Furchtbares, etwas Greuliches! — Dann werden die Leute sich nicht kümmern um die Gnosis, weil sie sie fürchten, und dann können die Pfarrer reden über das, was eigentlich aus der Gnosis ist. Denn die Pfarrer sind es, die über etwas reden, was aus der Gnosis stammt, nicht diejenigen, die über das reden, was auf dem Boden der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft wächst. Und was am meisten gefürchtet wird, ist das, daß die Präexistenz der Seele, daß das Leben der Seele vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis, daß dieses Wurzeln der Seele in der geistigen Welt von all den Zeiten her, über die sich nur irgendein wissenschaftliches Bekenntnis der Menschheit ergehen kann, besteht. Denn lernt man die Wahrheit erkennen, dann würde bei vernünftig denkenden Menschen nicht mehr Platz sein für die Gotteslästerung, daß für jeden einzelnen menschlichen Leib die Götter verpflichtet sind, eine frisch gebackene Seele aus der geistigen Welt herunterzuschicken, die sich damit verbindet. Aber alle diese Dinge gehen doch zurück auf starke Geltendmachung des Machtgedankens. Hinter alledem steckt der Machtgedanke. Und man kann einfach dadurch, daß man gewisse Lehren befolgt, dem Machtgedanken eine ungeheure Kraft zuführen. |

[ 24 ] Likewise, there is an infinite amount of Gnosticism in Christianity. Likewise, there is an infinite amount of Egyptian mysteries in the Catholic Mass. Numerous Catholic liturgical practices—and even many aspects of the Protestant creed—contain elements whose origins must be sought in various Eastern religions. All these people want is for people not to get to the bottom of things, for no one to figure out where these things actually come from. So what must be done? One must slander! One must claim that those who speak the truth today are borrowing from and plagiarizing Orientalism, Gnosticism, and so on. One must engage in “Traubism.” One must resort to scholarly slander in the same way as Pastor and Professor Traub and all those who have now become his followers. Why do people do this? Because the truth is coming to light, and because they have every interest in preventing the truth from coming to light. Time and again, people will come forward and say: “What you are doing here is borrowed from this or that”—and in doing so will provoke a reaction that turns people against Gnosis and everything they carry within their own spiritual being, yet which they do not want to reveal in its true form. Gnosis—one must say—is something terrible, something hideous! — Then people will not concern themselves with Gnosis because they fear it, and then the pastors can speak about what actually stems from Gnosis. For it is the pastors who speak about something that stems from Gnosis, not those who speak about what grows out of anthroposophically oriented spiritual science. And what is feared most of all is that the soul’s pre-existence—that the soul’s life before birth or before conception—that this rooting of the soul in the spiritual world has existed throughout all the ages that any scientific creed of humanity can even contemplate. For if one were to come to recognize the truth, there would no longer be room in the minds of rationally thinking people for the blasphemy that the gods are obligated to send down a freshly created soul from the spiritual world to unite with every single human body. But all these things ultimately stem from the forceful assertion of the idea of power. Behind all of this lies the idea of power. And simply by following certain teachings, one can imbue the idea of power with immense strength. |

[ 25 ] Was passiert zum Beispiel jetzt in Dornach? Ringsherum, fast überall in der Schweiz, erscheinen Artikel über die Anthroposophie, die eigentlich nicht einen einzigen wahren Satz enthalten. Der ganze Feldzug fing damit an, daß ein Artikel erschienen war, der dreiundzwanzig Lügen enthielt. An diese dreiundzwanzig Lügen knüpfen sich nun schon seit Wochen lauter Artikel an, die fast in die ganze katholische Presse der Schweiz übergehen und die alle keinen einzigen wahren Satz enthalten. Warum geschieht das? Das geschieht aus dem Grunde, weil der zahlreiche Anhang dieser Menschen in eine bestimmte Geistesverfassung gebracht wird, wenn man ihm die Unwahrheit sagt, in die Geistesverfassung, in der man Wahrheit von Unwahrheit nicht mehr unterscheiden kann.

[ 25 ] What is happening right now in Dornach, for example? All around, almost everywhere in Switzerland, articles are appearing about anthroposophy that do not actually contain a single true statement. The whole campaign began with the publication of an article containing twenty-three lies. For weeks now, these twenty-three lies have been followed by a steady stream of articles that have spread throughout almost the entire Catholic press in Switzerland, and none of them contain a single true statement. Why is this happening? It is happening because the large following of these people is being led into a certain state of mind when they are told untruths—a state of mind in which one can no longer distinguish truth from untruth.

[ 26 ] Denken Sie einmal, was alles aufgewendet wird innerhalb unserer anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, um genügend klare Vorstellungen hervorzurufen, inwiefern zum Beispiel das, was in traumhafter Form im menschlichen Bewußtsein auftritt, ein Abglanz der Wahrheit sein kann oder nicht. Ohne weiteres kann der Mensch Erlogenes und Wahres nicht unterscheiden, wenn es ihm der Traumvorgang bietet. — In dieselbe Verfassung kommt eine Gemeinde, der man etwas vorlügt, wenn man weiß, daß diese Gemeinde das Erlogene glaubt. Denn dadurch, daß man die Seelenverfassung in die Stimmung bringt, die durch das Erlogene hervorgerufen wird, dadurch hat man sie als ein gefügiges Werkzeug des Machtgedankens. Diejenigen können am besten die Macht über die Menschheit ausüben, welche den Leuten die Illusionen unkenntlich einimpfen. So werden ganz systematisch diese Lügenartikel geschrieben mit der Absicht, dasjenige als Stimmung zu erreichen, was durch die Lüge erreicht werden kann. Das ist dasjenige, zu dem ganz selbstverständlich der Probabilismus, der ja seit langer Zeit gelehrt wird von den Jesuiten, kommen muß. Das ist nur der letzte Ausläufer.

[ 26 ] Just consider all the effort that goes into our anthroposophically oriented spiritual science to develop sufficiently clear concepts of the extent to which, for example, what appears in human consciousness in the form of dreams may or may not be a reflection of the truth. Without further ado, a person cannot distinguish between what is false and what is true when presented with it in a dream. — A community is placed in the same state when it is fed lies, especially when one knows that this community believes the falsehoods. For by inducing the soul’s state into the mood evoked by the falsehood, one has turned it into a compliant tool of the will to power. Those who can best exercise power over humanity are those who instill illusions in people in a way that makes them unrecognizable. Thus, these false articles are written quite systematically with the intention of creating the very mood that can be achieved through the lie. This is the inevitable conclusion of probabilism, which has, after all, long been taught by the Jesuits. This is merely the final offshoot.

[ 27 ] Es ist ja schwer, gegen solche Leute die ja zum großen Teil schlafenden Seelen der Gegenwart aufzurufen. — Wir waren genötigt, einen Vortrag zu arrangieren an dem Tag, bevor ich abgereist bin, weil man ja selbstverständlich kämpfen muß, auch wenn man nicht will, gegen das, was sich da alsLLüge geltend macht in Dornach. Und Herr Dr. Boos, der zu unseren mutigsten jüngeren Kämpfern gehört, hat dann, nachdem er in der Diskussion — der Vortrag war öffentlich — jeden aufgerufen hat, der sprechen will zu dem, was gesagt worden ist, und nachdem zu alledem geschwiegen worden war, vor aller Öffentlichkeit gesagt, er erkläre vor aller Öffentlichkeit, daß der erste Schreiber der dreiundzwanzig Lügen, der Pfarrer Arnet von Reinach, unwürdig sei, sein priesterliches Amt auszuüben und daß er ein geistiger Giftmischer sei.

[ 27 ] It is, after all, difficult to appeal to such people, who are, for the most part, the dormant souls of the present. — We were compelled to organize a lecture the day before I left, because one must, of course, fight—even if one does not want to—against what is being presented as a lie in Dornach. And Dr. Boos, who is one of our bravest younger fighters, then—after he had, during the discussion (the lecture was open to the public), called on anyone who wished to speak regarding what had been said, and after everyone had remained silent—declared before the entire audience, he declared publicly that the primary author of the twenty-three lies, Pastor Arnet of Reinach, was unworthy to exercise his priestly office and that he was a spiritual poisoner.

[ 28 ] Man kann sich nicht anders helfen. Und dann haben die Leute, trotzdem ihnen dies gesagt wird, nur einen einzigen, ich möchte fast sagen, einen in den Knien schlotternden Lehrer, der dann auftritt und sagt: Wartet nur ab, es sind ja noch nicht alle Artikel erschienen; am Ende wird es noch kommen —, ja, ich konnte nichts anderes sagen als: Der Anfang bestand aus dreiundzwanzig Lügen, und es mag das Ende erst am Ende der Welt kommen, die Wahrheit der dreiundzwanzig Lügen wird ganz gewiß, wenn dieses Ende noch so lang auf sich warten läßt, nicht herauskommen können. Denn in dem, was bisher erschienen ist — und es sind schon eine stattliche Anzahl von Artikeln erschienen —, ist nicht der leiseste Versuch gemacht, einzugehen auf die dreiundzwanzig Lügen.

[ 28 ] There’s nothing you can do about it. And then, even though they’re told this, people have only one—I’d almost say, a teacher whose knees are shaking—who then steps forward and says: Just wait and see, not all the articles have been published yet; it will all come out in the end—well, I could say nothing else but: The beginning consisted of twenty-three lies, and even if the end does not come until the end of the world, the truth of those twenty-three lies will certainly not come to light, no matter how long that end may be delayed. For in what has been published so far—and a considerable number of articles have already appeared—not the slightest attempt has been made to address the twenty-three lies.

[ 29 ] Aber andere Proben sind gemacht worden von einer merkwürdigen Logik. Es wurde namentlich die Broschüre von dem Tübinger Redner da ausgespielt — die spielt eine große Rolle —, aber die Leute, die in diesen Artikeln die Broschüre des Professor Traub da ausspielen, die verstehen sie nicht richtig. Sie schreiben: Der Steiner entlehnt alles mögliche alten Schriften, den Upanishaden, den ägyptischen IsisMysterien und der «Akaska-Chronik» — nun, möglicherweise hat es der Setzer nur so geschrieben, aber vielleicht hat es doch auch der geistliche Herr getan. Nun also sagte ich dann, daß es mir ja wahrhaftig nicht darauf ankäme, Druckfehler zu berichtigen, aber daß es doch ein sonderbarer Leser der Traubschen Broschüre wäre, der gleich hinterher vergessen hat, daß ja schließlich nicht einmal der Traub den Blödsinn behauptet hat, daß die Akasha-Chronik etwas sei, was man in den Bibliotheken stehen hat, und daß man nicht gerade jemand vorwerfen kann, er entlehne die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft jenem alten Schmöker, der Akasha-Chronik.

[ 29 ] But other examples have been cited based on a peculiar logic. In particular, the pamphlet by the Tübingen speaker was brought up—it plays a major role—but the people who cite Professor Traub’s pamphlet in these articles do not understand it correctly. They write: “Steiner borrows all sorts of things from ancient writings, the Upanishads, the Egyptian Isis Mysteries, and the ‘Akashic Records’”—well, perhaps the typesetter simply wrote it that way, but perhaps the clergyman did as well. So then I said that it really wasn’t my concern to correct typographical errors, but that it would be a rather peculiar reader of Traub’s pamphlet who immediately forgot that, after all, not even Traub himself claimed the nonsense that the Akashic Records were something you’d find on library shelves, and that you can’t exactly accuse someone of borrowing anthroposophically oriented spiritual science from that old tome, the Akashic Records.

[ 30 ] Wir haben ja nun unter den liberalen Leuten auch einige Freunde unter den Angriffen bekommen. So konnte Dr. Boos in einer liberalen Zeitung, indem er sogleich scharfes Geschütz auffährt, sagen: Hier ist eine wissentliche Unwahrheit. Denn der, der das geschrieben hat, der muß doch wissen, daß er eine Akasha-Chronik nicht in seiner Bibliothek stehen hat. Er kann sie nicht haben in seiner Bibliothek, also muß er es wissen; er muß also eine wissentliche Unwahrheit hinschreiben. Was tut aber der Betreffende? Er sagt: Herr Dr. Boos drücke sich um die Sache herum, denn es sei selbstverständlich, daß nicht er, sondern der Setzer den Druckfehler «Akaska-Chronik» verursacht habe. Und wenn jemand eine solche Sophisterei treibe, daß er einem einen solchen Druckfehler vorwerfe, dann zeige das, wes Geistes Kind er sei.

[ 30 ] We have now, after all, lost some friends among the liberals as a result of these attacks. For example, Dr. Boos, in a liberal newspaper, immediately brought out the heavy artillery, saying: “This is a deliberate falsehood. For whoever wrote this must surely know that he does not have a copy of the Akashic Records in his library. He cannot have it in his library, so he must know this; therefore, he must be writing a deliberate falsehood.” But what does the person in question do? He says: Dr. Boos is beating around the bush, because it goes without saying that it was not he, but the typesetter, who caused the typographical error “Akaska Chronicle.” And when someone engages in such sophistry as to accuse you of such a typographical error, it shows what kind of person he really is.

[ 31 ] Nun, Sie sehen, mit welcher Geistesverfassung man es da zu tun hat. Aber unterschätzen Sie diese Geistesverfassung nur ja nicht! Seien Sie sich klar darüber, daß es ein harter Kampf sein wird, der immer mehr und mehr nach dieser Seite gerade hingeht. Man will verhindern, daß dieLeute kennenlernen, was ich zunächst ausgesprochen habe im Ärztekursus. Ich sagte da: Gerade wenn man sich einem ernsthaftigen Bemühen unterzieht, aus dem heutigen Leben heraus die geistigen Gesetze der Welt kennenzulernen, wenn man versucht, die tieferen Geheimnisse der menschlichen Natur kennenzulernen, sich diese Dinge also selbst aus dem heutigen Leben heraus aneignet und dann sie wiederfindet in den alten Schriften, wenn auch aus einem instinktiven atavistischen Geistesleben heraus, dann bekommt man eine große Demut vor der Größe einer instinktiven atavistischen Geistesart, die die Menschheit einmal gehabt hat, die verlorenging und die heute wiedergefunden werden muß. — So spricht der, der sich bewußt ist, daß dasjJenige, was heute vom Wissen her aus dem Leben heraus gesucht werden muß, als instinktive Weisheit in der Menschheit vorhanden war. Selbstverständlich ist manches von dem, was von der alten instinktiven Weisheit gewußt wurde, übergegangen in die Bekenntnisse, die es nur korrumpiert haben. Diese Bekenntnisse wollen aber der Menschheit Angst machen vor dieser Urweisheit, und wenn sie darüber reden, dann reden sie in dem Sinne davon: Die schrecklichen Menschen, die da heute Anthroposophie treiben, die entlehnen alles von dieser Urweisheit. — Würde man der Sache zu Leibe gehen, so würde man sehen, wie sehr sich unterscheidet dasjenige, was heute als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft den Menschen gebracht wird, von dem, was jemals von irgend etwas, seien es die Upanishaden oder was immer, entlehnt wurde. — Aus der Akasha-Chronik, diesem «alten Schmöker», muß man schon entlehnen! Und daß das nicht gesehen werde, daß nun etwas auftritt, was in die Gegenwart hereingehört, das wollen diejenigen bewirken, die heute aus allen Ecken mit der Gegnerschaft pfeifen.

[ 31 ] Well, you can see what kind of mindset we’re dealing with here. But don’t underestimate this mindset! Be aware that it will be a tough battle, one that is increasingly shifting in this direction. They want to prevent people from learning what I first spoke about in the course for doctors. I said there: Precisely when one undertakes a serious effort to come to know the spiritual laws of the world from within present-day life—when one tries to come to know the deeper mysteries of human nature, that is, when one appropriates these things for oneself from present-day life and then rediscovers them in the ancient writings, even if from an instinctive, atavistic spiritual life— then one feels a great humility before the grandeur of an instinctive, atavistic way of thinking that humanity once possessed, that was lost, and that must be rediscovered today. — So speaks the one who is aware that what must be sought today through knowledge drawn from life was once present in humanity as instinctive wisdom. Of course, much of what was known from the ancient instinctive wisdom has passed into the creeds, which have only corrupted it. These creeds, however, seek to instill fear in humanity regarding this primordial wisdom, and when they speak of it, they do so in this vein: “Those terrible people who practice anthroposophy today borrow everything from this primordial wisdom.” — If one were to get to the bottom of the matter, one would see how vastly different what is presented to people today as anthroposophically oriented spiritual science is from anything that has ever been borrowed from anywhere—be it the Upanishads or whatever else. — One simply has to draw from the Akashic Records, this “old tome”! And those who are now voicing opposition from all corners want to ensure that people fail to see that something is emerging that belongs in the present.

[ 32 ] Darum seien Sie sich über eines klar, wenn Sie immer wiederum versucht sind, da oder dort Anklänge lobend hervorzuheben: Das Bündnis zwischen Jesuitismus und Sozialdemokratie, das sich jetzt immer mehr und mehr zusammenschließt, ist ein ganz natürliches, das hat nichts Unnatürliches. Denn die Sozialdemokraten sind nur, indem sie die Sache umwenden, von der Reversseite mit denselben Gedankenformen ausgestattet, mit denen die Jesuiten ausgestattet sind. Aber dasjenige, was so sehr sich von allen Empfindungen unterscheidet, das ist die «Ewigkeit des Menschen», die eine Egoismuslehre geworden ist. In ihre wahre Gestalt tritt sie, indem sie die Präexistenz des vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis bestehenden Lebens der Menschenseele wiederum zum wirksamen moralischen Agens macht. Diese Anschauung wird bis aufs Messer bekämpft werden. Und man wird nur dadurch in der Welt vorwärtskommen können, daß erstens die Wahrheit eine innere Kraft hat; aber diese innere Kraft kann nur wirken, wenn zweitens hinzukommt, daß Menschen, wenn sie auch in noch so geringer Anzahl vorhanden sind, den Mut haben, diese Wahrheit in ihrer Seele zu tragen, ernsthaftig und aufrichtig und ehrlich und ohne Kompromisse in ihrer Seele zu tragen. Es nützt nichts, daß wir uns verwischen den gewaltigen Unterschied, der besteht zwischen dem katholischen und evangelischen Aristotelismus von dem Schaffen der Seele für einen erzeugten Menschenleib, und zwischen wahrem Christentum. Wir dürfen uns diesen Unterschied nicht verwischen. Denn wenn wir uns diesen Unterschied verwischen, merken wir gar nicht, wo die Quellen des Machtgedankens, des Machtbewußtseins eigentlich liegen.

[ 32 ] Therefore, be clear about one thing whenever you are tempted to praise certain echoes here and there: The alliance between Jesuitism and social democracy, which is now growing ever closer, is entirely natural; there is nothing unnatural about it. For the Social Democrats, by turning the matter on its head, are endowed—albeit from the opposite side—with the very same patterns of thought as the Jesuits. But what differs so greatly from all other sentiments is the “eternity of man,” which has become a doctrine of egoism. It reveals its true form by once again making the pre-existence of the human soul—which exists before birth or conception—an effective moral agent. This view will be fought tooth and nail. And we will only be able to make progress in the world if, first, the truth possesses an inner power; but this inner power can only take effect if, second, there are people—no matter how few in number—who have the courage to carry this truth in their souls, to carry it seriously, sincerely, honestly, and without compromise. It is of no use for us to blur the enormous difference that exists between Catholic and Protestant Aristotelianism—which holds that the soul creates a human body—and true Christianity. We must not blur this difference. For if we blur this difference, we will not even realize where the sources of the idea of power and the consciousness of power actually lie.

[ 33 ] Ich muß immer wieder hinweisen auf jenen Hirtenbrief eines katholischen Bischofs, der tatsächlich besteht und der da besagt: Die Gläubigen haben die Verpflichtung, den Priester als ein höheres Wesen anzuschauen als Gott und Christus, weil jedesmal, wenn der Priester am Altar die Konsekration vollbringt, der Christus gezwungen ist, gegenwärtig zu sein am Altar, mit seinem Leib und mit seinem Blut in Brot und Wein gegenwärtig zu sein. Da der Priester erzwingt, daß der Gott gegenwärtig zu sein hat am Altar, so hat der Priester die größere Macht im Weltenall als der Gott. — Das ist der Inhalt eines Hirtenbriefes, der wirklich besteht und der übrigens in viele andere Hirtenbriefe übergegangen ist. Und wenn Sie mich fragen: Ist das im Sinne jenes Bekenntnisses, das 869 in jenem Konzil zu Konstantinopel den Geist abschafft, konsequent? — dann sage ich Ihnen: Ja. — Denn derjenige, der da sagt, Gott sei mächtiger als der Priester, der sagt es, wenn er es als Katholik sagt, weil die Menschen das andere heute doch nicht gelten lassen wollen. Aber ebenso, wie die Menschen der Gegenwart in ihren Seelen schlafend genug sind, um sich nicht zu fragen: Was sagt der Briefschreiber eigentlich, wenn eine Persönlichkeit, die an Moleschott schrieb, mutig genug war, zu sagen, daß der Verbrecher, der Lügner, der Mörder sittlich nur ist, wenn er die Gesamtheit seiner Anlagen ausleben kann, und unsittlich ist, wenn er diese Anlagen, die in ihm veranlagt sind, nicht zum Ausdruck bringt, denn dadurch würde er seine Persönlichkeit beschränken, und die mörderischen Anlagen seien ebenso berechtigt wie die andern Anlagen? Die gegenwärtigen Seelen sind eben nicht mutig genug, sich zu sagen: Wenn unsere Naturwissenschafter als Grundlage für ein Weltbekenntnis weiter dasjenige lehren, was sie jetzt lehren, dann muß als eine notwendige Konsequenz einfach gesagt werden: Der Verbrecher, der Mörder ist gleichviel wert wie der andere, der sich bemüht, sozusagen sittlich zu sein; die Menschen sind nur zu feig, sich das zu gestehen. In der Zeit, in der die Blüte des Materialismus war, in der ein Vogt, ein Moleschott, ein Büchner geschrieben haben, die mutige Geister waren, in der Zeit hat man solche Geständnisse gemacht. Aber die Gegenwart ist zu feig, sich dieses Geständnis zu machen. Ebenso ist die Gegenwart in den schlafenden Seelen nicht mutig genug, sich einzugestehen: Ja, nach dem, was als Geist in jenen Bekenntnissen ist, ist der Priester mächtiger als der Gott.

[ 33 ] I must repeatedly point out that pastoral letter from a Catholic bishop, which actually exists and which states: The faithful have a duty to regard the priest as a being higher than God and Christ, because every time the priest performs the consecration at the altar, Christ is compelled to be present at the altar, to be present with his body and blood in the bread and wine. Since the priest compels God to be present at the altar, the priest has greater power in the universe than God. — That is the content of a pastoral letter that actually exists and which, incidentally, has been incorporated into many other pastoral letters. And if you ask me: Is this consistent with the spirit of that creed which, in 869 at the Council of Constantinople, abolished the Holy Spirit? — then I say to you: Yes. — For whoever says there that God is more powerful than the priest says so—if he says it as a Catholic—because people today simply do not want to accept the alternative. But just as people today are sufficiently asleep in their souls not to ask themselves: What is the author of the letter actually saying, when a figure who wrote to Moleschott was courageous enough to say that the criminal, the liar, the murderer is morally right only if he can live out the full range of his inclinations, and is immoral if he does not express these inclinations that are inherent in him—for by doing so he would limit his personality—and that the murderous inclinations are just as justified as the other inclinations? People today are simply not brave enough to admit to themselves: If our natural scientists continue to teach what they teach now as the foundation for a worldview, then the necessary consequence must simply be stated: The criminal, the murderer, is just as worthy as the other person who strives, so to speak, to be moral; people are simply too cowardly to admit this to themselves. In the era when materialism was at its height—when writers like Vogt, Moleschott, and Büchner, who were courageous spirits, were active—such confessions were made. But the present is too cowardly to make this confession. Likewise, in the slumbering souls of the present, there is not enough courage to admit: Yes, according to the spirit embodied in those confessions, the priest is more powerful than God.

[ 34 ] Es handelt sich eben darum, daß diejenige Weltanschauung, die als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft besteht, tatsächlich darauf angewiesen ist, nach allen Richtungen hin Klarheit des Denkens zu schaffen. Denn das, was sie zu sagen hat, ist mit unklaren Gedanken nicht zu fassen, ist nicht mit schwafelnder, schwefelnder Mystik zu fassen, ist zu fassen allein mit kristallenen Gedanken, mit solchen Gedanken, wie ich sie versuchte, in der «Philosophie der Freiheit» zu gleicher Zeit als Ausgangspunkt der wirklichen menschlichen Freiheit zu erkennen.

[ 34 ] The point is precisely that the worldview known as anthroposophically oriented spiritual science is in fact dependent on creating clarity of thought in all directions. For what it has to say cannot be grasped with unclear thoughts, cannot be grasped with rambling, sulphurous mysticism, but can be grasped only with crystalline thoughts—thoughts such as those I attempted to identify in The Philosophy of Freedom as the starting point for true human freedom.

[ 35 ] Über solche Dinge können wir uns ja weiter sprechen, wenn ich in der Lage sein sollte, wiederum vor Ihnen vorzutragen, was, wie ich hoffe, sehr bald der Fall sein soll.

[ 35 ] We can certainly discuss such matters further when I am in a position to present to you again, which, I hope, will be very soon.