Contrasts in Human Development
GA 197
9 March 1920, Stuttgart
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Contrasts in Human Development, tr. SOL
Dritter Vortrag
Third Lecture
[ 1 ] Ich möchte die Betrachtungen, die wir in diesen Tagen hier angestellt haben, heute noch durch einiges ergänzen, das geeignet sein kann, in manche Begriffe, aus denen heraus in der Gegenwart gehandelt werden soll, Wirklichkeit einzufüllen, das, ich möchte sagen, geeignet sein kann, Begriffe zu finden, die weniger abstrakt sind als fast alle Begriffe, von denen sich die Menschheit heute beherrschen läßt. Solche Begriffe haben wir gar sehr notwendig, denn nur solche Begriffe gehen ein in die Empfindungswelt des Menschen und dadurch in das wirkliche Leben, nur solche Begriffe können auch befeuern das menschliche Wollen und Handeln.
[ 1 ] Today I would like to supplement the reflections we have made here over the past few days with a few additional thoughts that may serve to give concrete meaning to certain concepts upon which present-day action is based—thoughts, I would say, that may help us find concepts that are less abstract than almost all the concepts by which humanity allows itself to be governed today. We have a great need for such concepts, for only such concepts enter into the world of human feeling and thereby into real life; only such concepts can also inspire human will and action.
[ 2 ] Wir überblicken heute die Welt und sollten eigentlich als eigentümlichstes Kennzeichen des sozialen Lebens über die zivilisierte Welt hin das betrachten können, daß sich an die Stelle früherer kleinerer menschlicher Zusammenhänge größere menschliche Zusammenhänge gestellt haben. Wir brauchen ja nicht weit in der Menschheitsentwickelung zurückzugehen, um zu finden, daß soziale Zusammenhänge nur über ein geringes Territorium ausgebreitet waren. Wir finden, daß Städtegemeinschaften eine verhältnismäßige Einheit bildeten, und im Grunde genommen erst in der neuesten Zeit entstehen die großen imperialistischen Gemeinschaften, aus denen heraus sich das ergeben hat, was Ihnen ja auch schon öfter charakterisiert worden ist: das Imperium der englisch sprechenden Bevölkerung. Es sollte sich über die Folgen dieser Geschehnisse eigentlich gerade in Mitteleuropa heute kein Mensch irgendwelchen Illusionen hingeben. Aber ordentliche, wirklichkeitsgesättigte Begriffe über diese Dinge sind doch nur zu haben, wenn man geisteswissenschaftliche Gesichtspunkte einnehmen will. Diese geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkte führen uns in ältere Zustände der Menschheitsentwickelung zurück und zeigen uns, wie auch da gewisse Zusammenhänge sich offenbarten unter den Menschen, die man aber, wie ich auch schon öfter erwähnte, nicht «Staaten» nennen sollte, weil man dadurch ungeheure Konfusionen hervorruft, sondern die man mit irgendeinem andern, mehr gleichgültigen Worte belegen sollte: sagen wir, «Reiche» sind entstanden. Und solche Reiche wurden regiert von einzelnen Menschen, von einzelnen Menschengemeinschaften. Aus ihnen hat sich dann etwas ergeben, was im weiteren Fortgang zu Staatenbildungen führte, die man heute als etwas so Selbstverständliches ansieht, daß man an ihnen nicht rütteln will — wenigstens auf gewissen Gebieten will man nicht an ihnen rütteln —, und, was noch schlimmer ist, über die man, weil man sie als etwas Selbstverständliches ansieht, gar nicht einmal nachdenken will.
[ 2 ] Looking at the world today, we should actually be able to see, as the most distinctive feature of social life across the civilized world, that larger human communities have replaced the smaller ones of the past. We need not go far back in human history to find that social communities were spread over only a small territory. We find that urban communities formed a relative unity, and, strictly speaking, it is only in the most recent times that the great imperialist communities have emerged, out of which has arisen what has already been described to you on numerous occasions: the empire of the English-speaking population. No one, especially in Central Europe today, should harbor any illusions about the consequences of these events. But clear, reality-based concepts of these matters can only be obtained if one is willing to adopt perspectives from the humanities. These perspectives from the humanities take us back to earlier stages of human development and show us how certain relationships also manifested themselves among people—relationships which, as I have mentioned on several occasions, should not be called “states,” because doing so causes immense confusion, but rather should be described with some other, more neutral term: let us say, “empires” arose. And such empires were ruled by individual people, by individual human communities. From them emerged something that, as things progressed, led to the formation of states, which are regarded today as so self-evident that people do not want to challenge them—at least in certain areas they do not want to challenge them—and, what is even worse, because they are regarded as self-evident, people do not even want to think about them.
[ 3 ] Alledem liegt aber etwas zugrunde, was den Menschen verbindet, innerlich verbindet in seinem Seelenleben mit dem Geistig-Göttlichen, wie er es in den verschiedenen Zeiten der Erdenentwickelung genannt hat.
[ 3 ] Underlying all of this, however, is something that connects human beings—connecting them inwardly, in their inner life, with the spiritual-divine, as he has called it at various stages of Earth’s evolution.
[ 4 ] Geht man in halb vorgeschichtliche Zeiten zurück, in Zeiten, die nur noch so hereinragen in das geschichtliche Leben, so findet man, daß in diesen vorgeschichtlichen Zeiten der Begriff eines Reichsregierers, sagen wir — denn all unsere Worte sind ja doch für diese älteren Begriffe nicht zutreffend —, ganz anders geformt war, als wir heute geneigt sind, ihn zu verstehen. Der Begriff eines Regierers eines irdischen Reiches größeren oder kleineren Kalibers wurde sehr nahe herangebracht an das, was der Mensch als seinen Gottesbegriff erkannte. Damit kommt man ja zu Dingen, die dem heutigen Menschen außerordentlich paradox vorkommen müssen. Das ist aber nur deshalb, weil dieser heutige Mensch so wenig geneigt ist, wirklich einzugehen auf dasjenige, was einmal da war in der Menschheitsentwickelung und was sich nicht deckt mit den seit drei bis vier Jahrhunderten gewohnt gewordenen Begriffen des Abendlandes oder seines Anhanges Amerika.
[ 4 ] If one goes back to semi-prehistoric times—times that only just extend into historical life—one finds that in these prehistoric times the concept of a ruler of a kingdom—let us say, for all our words are, after all, inadequate for these older concepts—was shaped quite differently from how we tend to understand it today. The concept of a ruler of an earthly kingdom, whether large or small, was brought very close to what human beings recognized as their concept of God. This leads us to things that must seem extraordinarily paradoxical to people today. But this is only because modern people are so unwilling to truly engage with what once existed in human development and which does not correspond to the concepts of the West—or its offshoot, America—that have become familiar over the past three to four centuries.
[ 5 ] Allerdings, in jenen älteren Zeiten, die halb vorhistorische sind, wurde auch, wenigstens in vielen Imperien, der Reichsregierer auf eine andere Art in sein Amt eingeführt, als das in späteren Zeiten geschehen ist. Wir brauchen nur in das alte Ägypten, aber in die älteren, die halb vorhistorischen Zeiten des alten Ägypten zurückzugehen, oder in das alte Chaldäa, so finden wir überall, daß es als eine Art Selbstverständlichkeit angesehen wird, daß die Vorläufer der heutigen Priesterschaft die Regenten für ihr Amt vorbereiteten. Man hatte ganz konkrete Vorstellungen über diese Art des Vorbereitens eines Regierers durch die Priesterschaft und ihre Einrichtungen. Man hatte die Vorstellung, daß durch diese Vorbereitung aus dem zur Regentschaft Berufenen wirklich etwas wird, was sich noch als letzte Andeutung erhalten hat in der chinesischen Benennung «Sohn des Himmels». Man hatte das Bewußtsein, man mußte eine Art «Sohn des Himmels» machen aus demjenigen, der zum Regierer irgendeines Gebietes berufen war oder berufen wurde. Aber bei diesen Dingen hatte man nicht die Vorstellung, die man heute einzig und allein eigentlich aufbringt, wenn von menschlicher Erziehung oder von der Vorbereitung des Menschen zu irgend etwas die Rede ist. Wenn man sich auch wiederum viel Mühe gibt, darauf hinzuweisen, daß man den Menschen nicht nur so erziehen sollte für das eine oder andere Amt in der Welt, daß man Intellektualistisches in sein Wesen, in seine Seele hineinpfropft, sondern daß man den ganzen Menschen entwickele, so haben doch fast alle unsere heutigen Begriffe von Entwickelung, von Erziehung und dergleichen etwas im höchsten Grade Abstraktes. Man hat die Vorstellung, daß eigentlich nur irgend etwas im Menschenwesen selbst im Sinne eines Fortschrittes geändert oder verwandelt werden soll beim Erziehen, beim Vorbereiten zu einem Amt. Man hat nicht die Vorstellung, daß bei einer solchen Entwickelung aus dem Menschen etwas ganz anderes werden soll, als er vorher war. Vor allen Dingen hat man nicht die Vorstellung, daß etwas Objektives in den Menschen einfließen soll, was vorher nicht in ihm war. Die Vorstellung hat man nicht, die ich etwa in der folgenden Art charakterisieren könnte: Ich rede mit einem Menschen, der nun einmal aus dem heutigen natürlichen und sozialen Leben heraus entstanden ist. Er sagt zu mir dies oder jenes, ich sage zu ihm dies oder jenes. Er spricht zu mir als der Träger eines Namens, der aus den gewöhnlichen staatlich-bürgerlichen Zusammenhängen stammt, aus denen der Mensch heute nun einmal herauswächst. Ich spreche zu ihm ebenso. — Es ist dieses ja fast die einzige Art, wie wir uns als Menschen heute zueinander verhalten und wie wir jeden Menschen unter uns ansehen.
[ 5 ] However, in those earlier times, which are semi-prehistoric, the ruler of the empire was also installed in office in a different manner—at least in many empires—than was the case in later times. We need only go back to ancient Egypt—but to its earlier, semi-prehistoric times—or to ancient Chaldea, and we find everywhere that it was regarded as a matter of course that the predecessors of today’s priesthood prepared the rulers for their office. People had very concrete ideas about this process of preparing a ruler through the priesthood and its institutions. They believed that through this preparation, the one called to rule would truly become something special—a notion that has survived as a final hint in the Chinese designation “Son of Heaven.” There was an awareness that one had to mold the person called—or appointed—to rule any given region into a kind of “Son of Heaven.” But regarding these matters, people did not hold the same conception that we today almost exclusively bring to mind when speaking of human education or the preparation of a person for any particular purpose. Even though great effort is made to emphasize that people should not be educated merely for one office or another in the world—by grafting intellectual concepts onto their being or soul—but rather that the whole person should be developed, almost all of our current concepts of development, education, and the like remain highly abstract. The prevailing notion is that, in education and in preparation for a role, only something within the human being itself should be changed or transformed in the sense of progress. There is no notion that, through such development, a person should become something entirely different from what they were before. Above all, there is no notion that something objective—which was not previously present in the person—should be instilled into them. One does not have the idea that I might characterize in the following way: I am speaking with a person who has, after all, emerged from today’s natural and social life. He says this or that to me; I say this or that to him. He speaks to me as the bearer of a name that originates from the ordinary state-civil contexts from which people today simply grow up. I speak to him in the same way. — This is, after all, almost the only way we relate to one another as human beings today and how we view every person among us.
[ 6 ] Dies war für die Zeiten, von denen ich hier sprach, im Grunde genommen etwas ganz Fremdes. Vor allen Dingen war es etwas Fremdes für die Menschen, die zu wichtigen Ämtern, zur Führung innerhalb der Menschheit selbst berufen waren. Da war der äußerliche Naturzusammenhang, Abstammung, Vater, Mutter, Großvater, Großmutter und dergleichen etwas nicht weiter in Betracht Kommendes, wenn die Betreffenden in der richtigen Weise für ihr Amt vorbereitet waren. Da war aber auch nicht dasjenige maßgebend, was wir heute in einem, auch zu den höchsten Sphären emporgehobenen Gegenwartsmenschen suchen und finden, sondern da war man sich bewußt: Spricht man mit einem in dieser Beziehung richtig erzogenen Menschen, so redet durch diesen Menschen gar nicht das gewöhnliche Ich, das da oder dort geboren ist, das durch diesen oder jenen bürgerlichen Zusammenhang abgestempelt ist, sondern es redet etwas, was durch die Vorbereitung, durch die Erziehung innerhalb der Mysterienkultur veranlaßt worden ist, herunterzukommen aus geistigen Höhen und Wohnung zu nehmen in dem betreffenden Menschen. Selbstverständlich spricht man mit solchen Dingen etwas für den heutigen Menschen ungeheuer Paradoxes aus. Aber es ist heute nötig, über solche Dinge sich nicht mehr konfusen, sondern wahrheitsgemäßen Begriffen hinzugeben.
[ 6 ] This was, in essence, something completely foreign to the times I have been describing here. Above all, it was foreign to the people who were called to hold important offices and to provide leadership within humanity itself. External natural connections—lineage, father, mother, grandfather, grandmother, and the like—were of no further consideration if the individuals in question had been properly prepared for their office. Nor, however, was what we today seek and find in a contemporary human being—even one elevated to the highest spheres—the determining factor; rather, people were aware that: When one speaks with a person who has been properly educated in this regard, it is not the ordinary “I”—born here or there, stamped by this or that social context—that speaks through this person, but rather something that, through preparation and education within the culture of the Mysteries, has been prompted to descend from spiritual heights and take up residence within the person in question. Of course, speaking of such things expresses something that is immensely paradoxical to people today. But today it is necessary to approach such matters no longer with confused notions, but with concepts grounded in truth.
[ 7 ] Man hatte eben die Vorstellung, die Erziehung müsse so sein — nicht jede Erziehung, sondern die Erziehung derjenigen, die zu wichtigen Ämtern berufen waren —, daß aus diesen Menschen fortan Wesen der höheren Hierarchien sprechen, die sich in ihnen nur ein Werkzeug schaffen. Man muß dieses Werkzeug durch die Erziehung zubereiten, dann kann es geeignet werden dazu, daß Wesen der höheren Hierarchien durch dieses Werkzeug sprechen.Und was so gepflogen wurde, ging in das allgemeine Bewußtsein über und machte sich in diesem insbesondere geltend, wenn beurteilt wurde durch das allgemeine Volksbewußtsein, wer der Herrschende, der Regierende ist. Es haben sich eben nur solche Überreste wie die Benennung des Regierers von China als «Sohn des Himmels» aus diesen Zeiten erhalten, in denen aber ein Menschheitsbewußtsein vorhanden war, wie es eben auffindbar ist für geisteswissenschaftliche Forschung in den ältesten ägyptischen und chaldäischen Zeiten. Da war für das allgemeine Volksbewußtsein der Herrscher der Gott. Und einen andern göttlichen Begriff hatte man im Grunde genommen nicht. Der Herrscher wurde so vorbereitet, daß die äußerliche menschliche Gestalt bei ihm nichts war, daß sie nur die Gelegenheit dazu gab, daß unter den Menschen sich ein Gott bewegte. Es war ganz selbstverständlich für die ältesten Bewohner des späteren ägyptischen Reiches, anzuerkennen mit ihrem Bewußtsein, daß sie von Göttern regiert werden, die in Menschengestalt auf der Erde wandeln. In diesem Sinne war das älteste soziale Bewußtsein der Menschen auf der einen Seite ein durchaus realistisches. Man erkannte nicht an irgendein besonderes Jenseits, eine besondere geistige Welt. Die geistige Welt war da, wo auch die Welt war, in der die irdischen Menschen wandelten; aber in dieser Welt, in der die irdischen Menschen wandelten, wandelten in Fleischesgestalt nicht nur gewöhnliche Menschen, sondern auch die Götter. Die göttliche Welt war mitten drinnen, aber absolut sichtbar unter den Verhältnissen, die man durch die Mysterienkultur zu schaffen gewohnt war. Wenn dieser Regierende etwas verfügte, etwas wollte, dann wollte es ein Gott. Und im Bewußtsein der ältesten Menschheit dieser halb vorhistorischen Epoche wäre es ein Unsinn gewesen, darüber zu diskutieren, ob nun das geschehen solle oder nicht, was durch den Regierenden gewollt wurde; denn es war ja ein «Gott», der da wollte.
[ 7 ] The idea was that education—not just any education, but the education of those called to important offices—should be such that, from then on, beings of the higher hierarchies would speak through these people, using them merely as instruments. This instrument must be prepared through education; only then can it be made suitable for beings of the higher hierarchies to speak through it. And what was thus practiced entered the general consciousness and made itself felt there in particular when the general public consciousness judged who was the ruler, the one in power. Only remnants such as the designation of the ruler of China as the “Son of Heaven” have survived from these times; yet a human consciousness existed then, as can be discovered through spiritual scientific research in the most ancient Egyptian and Chaldean periods. In the general popular consciousness of those times, the ruler was the god. And, in essence, there was no other concept of the divine. The ruler was prepared in such a way that his outward human form was of no consequence; it merely provided the opportunity for a god to move among human beings. It was entirely natural for the earliest inhabitants of what would later become the Egyptian Empire to acknowledge in their consciousness that they were ruled by gods who walked the earth in human form. In this sense, the earliest social consciousness of humankind was, on the one hand, thoroughly realistic. People did not believe in any particular afterlife or a separate spiritual world. The spiritual world was right there where the world in which earthly human beings lived also existed; but in this world, in which earthly human beings lived, not only ordinary human beings but also the gods walked in fleshly form. The divine world was right in the midst of it all, yet absolutely visible under the conditions that people were accustomed to creating through the culture of the mysteries. If this Ruler decreed something, if he willed something, then it was a god who willed it. And in the consciousness of the earliest humanity of this semi-prehistoric epoch, it would have been nonsense to discuss whether or not what the Ruler willed should happen; for it was, after all, a “god” who willed it.
[ 8 ] So verband ältestes Menschheitsbewußtsein mit dem, was auf irdischem Boden geschah, die geistige hierarchische Ordnung. Die war da mitten unter den Menschen. Die war nicht etwas, zu dem man erst hinaufsteigt durch irgendwelche geistigen, innerlichen Mittel. Nein, sie war da in den Mysterien als gehandhabte Erziehung für diejenigen Leiber, die zu präparieren man geeignet fand, damit in ihnen die Wesen der höheren Hierarchien Wohnung nehmen und unter den Menschen wandeln und regieren können.
[ 8 ] Thus, the earliest human consciousness linked the spiritual hierarchical order with what took place on Earth. It was present right there among human beings. It was not something one had to ascend to through some spiritual or inner means. No, it was present in the Mysteries as a structured form of education for those bodies deemed suitable for preparation, so that the beings of the higher hierarchies might take up residence within them and walk among and rule over humanity.
[ 9 ] So paradox das dem Gegenwartsmenschen erscheint, dieser Gegenwartsmensch muß endlich dazu kommen, aus seinen bornierten Begriffen, die nur drei bis vier Jahrhunderte alt sind, so wie er sie heute faßt, herauszukommen, und diese Begriffe zu erweitern. Denn man kann nicht mehr in die Zukunft hinüberdenkend sich entwickeln, wenn man nicht dasjenige, was heute zu dem Borniertsein geworden ist auf fast allen Gebieten des Lebens, erweitert dadurch, daß man den Zeithorizont, den die Menschheit überblickt, ausdehnt, daß man größere Entwickelungsspannen überblickt, als heute der Mensch gewohnt ist, geschichtlich zu überblicken.
[ 9 ] As paradoxical as this may seem to people today, they must finally break free from their narrow-minded concepts—which are only three to four centuries old, as they are understood today—and broaden these concepts. For one can no longer develop by looking toward the future unless one broadens what has today become narrow-mindedness in almost all areas of life—by expanding the temporal horizon over which humanity looks, and by surveying longer periods of development than people are accustomed to surveying historically today.
[ 10 ] Das, was einmal da war in ältesten Zeiten, in der historischen, in der vorhistorischen Entwickelung, das wird allerdings im weiteren Fortgang durch anderes ersetzt, aber es erhält sich auf gewissen Gebieten. Es erhält sich oftmals auch so, daß es sich veräußerlicht, sich fortträgt in äußerer Form und seinen inneren Sinn verliert. Dasjenige, was dem ältesten Imperialismus eigen ist: das Bewußtsein davon, daß der Herrschende der Gott ist, setzt sich in die Gegenwart herein da oder dort noch fort, nur daß es den Sinn nicht mehr hat, weil eine Menschheitsentwickelung und nicht ein Menschheitsstillstand stattfindet.
[ 10 ] What once existed in the most ancient times—in historical and prehistoric development—is, of course, replaced by other things as history progresses, but it persists in certain areas. It often persists in such a way that it becomes externalized, continuing in an external form while losing its inner meaning. That which is characteristic of the earliest imperialism—the belief that the ruler is God—still persists here and there in the present, only it no longer makes sense, because humanity is evolving rather than remaining static.
[ 11 ] Es ist noch nicht lange her, da erschien an einem gewissen Orte ein Hirtenbrief eines katholischen Bischofs. Der setzte nicht mehr und nicht weniger auseinander, als daß der katholische Priester in seinen Kultushandlungen mächtiger sei als der Christus Jesus. Denn indem der Priester auf dem Altar die heilige Handlung zelebriere, zwinge er den Christus Jesus, den Gott des Christentums, hereinzutreten in die irdische Welt, wenn der Priester die Transsubstantiation vollzieht. Der Gott mag wollen oder nicht, er muß durch die Transsubstantiation den Weg nehmen, den ihm der Priester vorschreibt. Auf diese Übermacht des irdischen «Priestergottes» über den aus kosmischen Höhen heruntersteigenden und im Fleische des Jesus auf der Erde wandelnden «Untergott» hat in jüngster Zeit noch ein Hirtenbrief durchaus hingewiesen. Solche Dinge stammen eben aus älteren Zeiten und sind in unseren Zeiten sinnlos geworden. Gewisse Vertreter gewisser Bekenntnisse wissen ganz gut, warum sie solche Dinge aber wiederum in die Menschheit hineinwerfen. Sie sind ebenso sinnlos geworden, wie wenn Herrscher jüngster Zeiten in Stammbücher hineingeschrieben haben: Des Königs Wille ist oberstes Gesetz. — Wir haben auch diese Dinge erlebt. Die schlafende Menschheit hat zu all diesen Dingen geschwiegen, wie sie auch jetzt wiederum schweigt zu den Dingen, die zum Unheil der Menschheit vorgehen, an die man sich gewöhnt, die man nicht sehen will — wie man überhaupt heute kaum irgend etwas von den wichtigeren Vorgängen innerhalb der Menschheitsentwickelung sehen will.
[ 11 ] Not long ago, a pastoral letter from a Catholic bishop was published in a certain place. It asserted nothing more and nothing less than that the Catholic priest is more powerful than Christ Jesus in his liturgical acts. For when the priest celebrates the sacred rite on the altar, he compels Christ Jesus, the God of Christianity, to enter the earthly world when the priest performs transubstantiation. Whether God wills it or not, through transubstantiation He must take the path prescribed for Him by the priest. A recent pastoral letter has also explicitly pointed to this supremacy of the earthly “priest-god” over the “subordinate god” who descends from cosmic heights and walks the earth in the flesh of Jesus. Such things stem from older times and have become meaningless in our own era. Certain representatives of certain denominations know full well why they, in turn, are reintroducing such ideas into human society. They have become just as meaningless as when rulers of more recent times inscribed in family registers: “The king’s will is the supreme law.” — We have experienced these things as well. Slumbering humanity has remained silent in the face of all these things, just as it remains silent now in the face of events that are leading to humanity’s ruin—events to which people have grown accustomed, which they do not want to see—just as today people hardly want to see anything at all of the more important processes within human development.
[ 12 ] Das ist eine erste Phase in der Entwickelung der irdischen Imperien, daß der Herrschende der Gott ist. In einer ziemlichen Lebendigkeit geht diese Anschauung noch hinein in das Römertum. Wenn man auch den Nero darstellen mag, ob man ihn darstellt als den Narren oder den Bluthund, für große Kreise des römischen Volkes bedeutete die furchtbare Tyrannis des Nero nichts anderes, als daß sie staunten darüber, daß ein Gott in solcher Gestalt auf der Erde herumwandeln kann. Einen Zweifel, daß das ein Gott sei, gab es für zahlreiche Bewohner des römischen Imperiums gegenüber der Gestalt des Nero nicht.
[ 12 ] This is an early stage in the development of earthly empires: the ruler is God. This view persists with considerable vitality even into Roman times. No matter how one might portray Nero—whether as a fool or a bloodthirsty tyrant—for large segments of the Roman people, Nero’s terrible tyranny meant nothing other than their amazement that a god could walk the earth in such a form. For many inhabitants of the Roman Empire, there was no doubt that Nero was a god.
[ 13 ] Ein zweites Stadium in der Entwickelung der Imperien ist der Übergang der Gottwesenhaftigkeit des Herrschenden zu der Gottbegnadetheit des Herrschenden. Der Herrschende war der Gott in der ersten Zeit der Menschheitsentwickelung der zivilisierten Erde. Der Herrschende bedeutet den Gott; er ist nicht von der Wesenheit des Gottes durchdrungen, aber er ist inspiriert, begnadet von Gott. Was er tut, gedeiht dadurch, daß die göttliche Kraft, die jetzt schon nicht mehr in ihm ist, sondern in einem Reich, das neben dem irdischen Reich steht, in ihn hereinströmt, ihn inspiriert, ihn durchdringt, seine Handlungen dirigiert.
[ 13 ] A second stage in the development of empires is the transition from the ruler’s divine nature to the ruler’s divine inspiration. The ruler was the god in the early days of human development on civilized Earth. The ruler represents God; he is not imbued with the essence of God, but he is inspired and endowed by God. What he does prospers because the divine power—which is no longer within him but resides in a realm adjacent to the earthly realm—flows into him, inspires him, permeates him, and directs his actions.
[ 14 ] Wollen wir einen Begriff finden für dasjenige, was so der Herrscher der zweiten Stufe irdischer Imperien ist, so müssen wir sagen: der Herrschende ist ein Symbolum. Auf der ersten Stufe war der Herrschende ein göttliches Wesen, das auf der Erde wandelte. Auf der zweiten Stufe ist er dasjenige, was das Wesen bedeutet; er ist das Zeichen, das Bild, durch das sich das Wesen ausdrückt. Der Herrschende ist das Bild des Gottes.
[ 14 ] If we are to find a term for that which is, so to speak, the ruler of the second stage of earthly empires, we must say: the ruler is a symbolum. On the first level, the ruler was a divine being who walked the earth. On the second level, he is that which the being signifies; he is the sign, the image through which the being expresses itself. The ruler is the image of God.
[ 15 ] Was sich so in den äußeren sozialen Verhältnissen zur Geltung bringt, das drückt sich dann aber auch aus in den Einrichtungen, in den Institutionen. Während in den ältesten Zeiten die Imperien das Gefüge haben, daß eine Anzahl von Menschen dirigiert wird von einem göttlichen Wesen, das äußerlich ihnen gleich aussieht, innerlich aber von ihnen sehr verschieden ist, das ihr Gott ist, sehen wir auf der zweiten Stufe der Imperien, wie der Führende oder die Führenden den Gott oder die Götter bedeuten, deren Symbole sind.
[ 15 ] What manifests itself in external social conditions is then also reflected in the structures and institutions. While in the earliest times, empires were structured such that a number of people were led by a divine being who outwardly resembled them but was inwardly very different from them—that is, their god—we see in the second stage of empires how the leader or leaders represent the god or gods whose symbols they are.
[ 16 ] Wie auf der ersten Stufe menschlicher Imperien Diskussionen darüber, ob dasjenige, was der Herrschende, der Gott tut, berechtigt oder unberechtigt ist, ein Unsinn sind, beginnt auf der zweiten Stufe die Möglichkeit, darüber nachzudenken, ob irgend etwas von ihm Getanes recht oder unrecht ist. Auf der ersten Stufe der Imperien ist immer recht, was der Herrschende tut, was der Herrschende denkt, was der Herrschende spricht, denn er ist der Gott. Erst auf der zweiten Stufe wird neben dem, was als irdisches Reich den Gott in sich enthält, den Gottbegnadeten in sich enthält, noch irgend etwas Geistiges vermutet, das neben diesem irdischen Reiche besteht und aus dem in das irdische Reich die Kraft hereinströmt, die das irdische Reich dirigiert und orientiert. Und die Einrichtungen und menschlichen Wesenheiten dieses irdischen Reiches bilden dasjenige ab, was von dem Reiche der höheren Hierarchien hereinströmt.
[ 16 ] Just as, at the first stage of human empires, discussions about whether what the ruler—the god—does is justified or unjustified are nonsense, so at the second stage the possibility arises of reflecting on whether anything he does is right or wrong. At the first stage of empires, whatever the ruler does, thinks, or says is always right, for he is God. Only at the second stage is there a supposition that, alongside the earthly realm—which contains God within itself and contains those endowed by God—there exists something spiritual that stands apart from this earthly realm and from which flows into the earthly realm the power that directs and guides it. And the institutions and human beings of this earthly realm reflect that which flows in from the realm of the higher hierarchies.
[ 17 ] Es ist interessant zu verfolgen, wie zum Beispiel bei dem sogenannten Pseudo-Dionysios, bei Dionysios dem Areopagiten, der viel echter ist als die echte Wissenschaft sich träumen läßt, die richtige Theorie auftritt von dieser Art der Beherrschung menschlicher Imperien durch die göttlichen Imperien, so daß dasjenige, was unter den Menschen waltet und eingerichtet wird, Sinnbild, Symbol ist desjenigen, was im göttlichen Reich vorhanden ist. Wir sehen, wie Dionysios der Areopagite davon spricht, daß es himmlische Hierarchien gibt gewissermaßen hinter demjenigen, was hier auf der Erde als Menschenhierarchie herumwandelt. Dionysios der Areopagite macht ausdrücklich darauf aufmerksam: Das, was hier in der Priesterhierarchie von den Diakonen, den Archidiakonen bis hinauf zu den Bischöfen angeordnet ist, das muß eine solche Form haben in der sozialen Struktur, daß da sich ausdrückt: So wie der Diakon zum Archidiakon, so steht in der Ordnung der Engel zum Erzengel und so weiter. Die irdische Hierarchie ist ein getreues Abbild der himmlischen Hierarchie. Wir sehen da den Hinweis auf die zweite Stufe des Imperiums. Da konnte sich das entwickeln, was dann bis in gar nicht so weit zurückliegende Zeiten das menschliche Bewußtsein beherrschte. Denken Sie doch nur einmal, daß es bis zum Jahre 1806 in Mitteleuropa etwas gegeben hat, was diese «Zusammendenkung», möchte ich sagen, des Himmlischen und des Irdischen in dem Namen zum Ausdruck brachte: Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Indem überhaupt dieser Name entstanden ist «das Heilige Römische Reich», dasjenige also, was in sich die Kraft des Himmels trägt, «Deutscher Nation», dasjenige, was aus dem Irdischen hervorging, indem dieser Name entstanden ist, zeigt sich, wie ein ganzes Reich sich gebildet hat so, daß es als Abdruck einer himmlischen Einrichtung gedacht sein sollte.
[ 17 ] It is interesting to observe how, for example, in the so-called Pseudo-Dionysius, and in Dionysius the Areopagite—who is far more genuine than modern science could ever imagine—the correct theory emerges regarding this manner in which human empires are governed by divine empires, such that what reigns and is established among human beings is a metaphor, a symbol, of what exists in the divine realm. We see how Dionysius the Areopagite speaks of the existence of heavenly hierarchies, as it were, behind that which walks here on earth as the human hierarchy. Dionysius the Areopagite expressly points this out: What is arranged here in the priestly hierarchy—from deacons and archdeacons all the way up to bishops—must take such a form in the social structure that it expresses the following: Just as the deacon relates to the archdeacon, so does the angel relate to the archangel in the order of the angels, and so on. The earthly hierarchy is a faithful reflection of the heavenly hierarchy. Here we see a reference to the second stage of the Empire. It was there that what subsequently dominated human consciousness—even into times not so long ago—was able to develop. Just consider for a moment that until the year 1806, there existed in Central Europe something that expressed this “fusion,” as I would call it, of the heavenly and the earthly in its very name: the Holy Roman Empire of the German Nation. The very fact that this name came into being—“the Holy Roman Empire,” that is, the one that carries within itself the power of heaven, and “of the German Nation,” that is, the one that emerged from the earthly realm—shows how an entire empire was formed in such a way that it was intended to be the imprint of a heavenly order.
[ 18 ] Aus solchen Ideen ist auch hervorgegangen so etwas wie der «Gottesstaat» des heiligen Augustinus, ist hervorgegangen das Buch des Dante «Über die Monarchie». Würden die Menschen heute nur nicht so kurzdenkend sein, wie sie sind, so würden sie sich umsehen bei so etwas wie dieser Beschreibung der Monarchie von Dante, und sie würden dann sehen, daß Dante, den man doch selbstverständlich für einen großen Geist halten muß, noch im 13. und 14. Jahrhundert Begriffe hat, die radikal verschieden sind von den Begriffen, die der heutige Mensch hat. Und wenn man solche Dinge ernst nehmen würde in der geschichtlichen Entwickelung, würde man aufhören mit jenen bornierten Begriffen, die nicht einmal bis zu Dante zurückreichen, sondern nur ein paar Jahrhunderte alt sind, mit denen der heutige Mensch sich seine Illusionen in den Kopf setzt und, nur bis ins Griechentum zurückgehend, die Entwickelung begreifen will. Während er zum Beispiel für die älteren Zeiten des Ägyptertums die ganze Struktur nur begreifen kann, wenn er weiß: Für die alten Menschen wandelten die Götter auf der Erde herum; für die Zeiten, die darauf folgten, wandelten zwar nicht die Götter herum, aber es mußte dasjenige gebildet sein auf Erden, was ein Symbolum, ein Abbild der göttlichen Weltenordnung ist.
[ 18 ] It was from such ideas that something like St. Augustine’s “City of God” emerged, and from which Dante’s book “On Monarchy” also emerged. If only people today were not as short-sighted as they are, they would take a closer look at something like Dante’s description of the monarchy, and they would then see that Dante—whom one must, of course, regard as a great mind—even in the 13th and 14th centuries held concepts that are radically different from those held by people today. And if one were to take such things seriously in the context of historical development, one would abandon those narrow-minded concepts—which do not even date back to Dante but are only a few centuries old—with which people today fill their heads with illusions and, going back only as far as ancient Greece, attempt to understand the course of history. For example, when it comes to the earlier periods of Egyptian civilization, one can only grasp the entire structure if one knows: For the ancient people, the gods walked the earth; in the periods that followed, although the gods no longer walked the earth, what had to be formed on earth was a symbol, an image of the divine world order.
[ 19 ] Und dasjenige, was dann entstehen konnte, die Möglichkeit zum Beispiel über so etwas nachzudenken wie über das Recht, nachzudenken darüber, daß man durch menschlichen Verstand etwas herausfinden kann wie ein Urteil über das Rechte und Unrechte, das wurde ja erst möglich in der zweiten Phase der Imperienentwickelung. In der ältesten Phase war es ein Unsinn, nachzudenken darüber, was recht oder unrecht sein konnte. Man hatte hinzuschauen auf dasjenige, was der Herrschende sagte, denn in ihm lebte der Gott, das heißt, er war der Gott. Jetzt, in der zweiten Phase, handelte es sich darum, daß man durch menschliches Urteil feststellen konnte: In dem angrenzenden geistigen Reiche ist etwas, was man nicht durch seinen physischen Menschen erreicht, sondern durch den seelisch-geistigen Menschen. Man glaubte jetzt nicht mehr, wie man in den älteren Zeiten geglaubt hat, daß das Göttliche sich mit dem ganzen physischen Menschen vereinigen könne, daß der Mensch selber ein Gott werden könne; man glaubte höchstens — wenn man dasjenige, was in den öffentlichen Einrichtungen lebte, mystisch ausdrückt —, daß das Seelische des Menschen sich mit dem Gotte vereinigen könne.
[ 19 ] And what could then emerge—the possibility, for example, of reflecting on something like the concept of right, of considering that human reason can arrive at a judgment regarding what is right and wrong—only became possible in the second phase of the empire’s development. In the earliest phase, it was nonsense to think about what might be right or wrong. One had to look to what the ruler said, for God lived within him—that is to say, he was God. Now, in the second phase, the point was that one could determine through human judgment: In the adjacent spiritual realm there is something that cannot be attained through one’s physical self, but rather through one’s soul-spiritual self. People no longer believed, as they had in earlier times, that the divine could unite with the entire physical human being, or that the human being himself could become a god; at most—to express in mystical terms what lived within the public institutions—they believed that the soul of the human being could unite with God.
[ 20 ] Im Grunde genommen versteht heute niemand die Ausdrucksweise der Schriften, die noch im 13., 14. Jahrhundert geschrieben und veröffentlicht wurden, der nicht weiß, wie da in den Menschen in ganz anderer Weise, als das heute der Fall sein kann, das Bewußtsein lebte: In gewissen Menschen, die zu einem Amt berufen und erzogen werden, lebt wirklich etwas von göttlicher Inspiration. — Es ist ja die Eigentümlichkeit, daß Dinge, die oftmals auf etwas sehr Ernstes zurückgehen, später, wenn die Entwickelung der Menschheit weitergegangen ist und andere Formen angenommen hat, zum Spottausdruck werden. Wenn heute zum Beispiel einer sagt: Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den Verstand —, so sagt er es im Grunde genommen nur mit einem etwas humoristischen Gefühl. Aber dasjenige, was heute mit einem humoristischen Gefühl durchtränkt wird, das war in den Zeiten der zweiten Stufe der Imperienentwickelung durchaus etwas Wahres, etwas Richtiges, war etwas das Bewußtsein der Menschen Erfüllendes. Und dasjenige, was vom Menschen galt, galt auch von dem, was innerhalb gewisser Grenzen getan wurde. Die Kultushandlungen wurden so ausgestaltet, daß das, was durch sie geschah, Bilder darstellte von dem, was in den geistigen Reichen geschah. Kultushandlungen, die vollzogen wurden, waren geistiges Geschehen, das hineinragte in physisch-irdisches Geschehen. Man dachte sich durchaus, daß das geistige Reich neben dem irdischen sei, aber man dachte sich, daß es hineinragte in das irdische Reich, daß im irdischen Reiche das Symbolum zu finden sei, das Zeichen für das geistige Reich.
[ 20 ] Basically, no one today understands the language of the writings that were composed and published in the 13th and 14th centuries unless they realize that people’s consciousness functioned in a completely different way back then than it does today: In certain people who are called to and trained for a ministry, there truly lives something of divine inspiration. — It is, after all, a peculiarity that things which often stem from something very serious later become objects of ridicule, once human development has progressed and taken on other forms. If, for example, someone says today, “To whom God gives an office, He also gives understanding,” they are essentially saying it with a somewhat humorous tone. But what is imbued with a humorous tone today was, in the times of the second stage of imperial development, certainly something true, something right—it was something that filled people’s consciousness. And what was true of human beings was also true of what was done within certain limits. Ritual acts were structured in such a way that what took place through them represented images of what occurred in the spiritual realms. Ritual acts that were performed were spiritual events that extended into physical, earthly events. People certainly believed that the spiritual realm existed alongside the earthly one, but they also believed that it extended into the earthly realm, and that within the earthly realm one could find the symbol, the sign, of the spiritual realm.
[ 21 ] Erst nach und nach hörte man auf, das als etwas Gültiges im Bewußtsein zu haben. Und wir sehen ein Zeitalter heraufkommen, in dem hinschwindet dieses Bewußtsein des Zusammenhanges des Irdischen mit dem Geistigen. Zu Wiclifs, zu Hus’ Zeiten beginnen die Menschen über etwas zu streiten, über das zu streiten früher ein Unding gewesen wäre: über die Bedeutung der Transsubstantiation, das heißt über den Zusammenhang dieser Kultushandlung mit etwas, was in geistigen Welten sich abspielt. In Zeitaltern, in denen man über solche Dinge zu streiten beginnt, hören die alten Bewußtseinsinhalte auf; man weiß nicht mehr, wie man die Sachen aufzufassen hat, die man durch Jahrhunderte oder Jahrtausende aufzufassen wußte. Immer bleiben gewisse Dinge, die in einem gewissen Zeitalter die normalen sind, in spätere Zeitalter hinein wirksam. Da werden sie das Deplazierte, da werden sie das Anachronistische, das Luziferische. Und so sind geblieben die großen, weittragenden Symbole, die hinweisen in ein gewisses Zeitalter, auf den Zusammenhang der irdischen Kultushandlungen oder ähnlicher Dinge mit dem göttlich-geistigen Geschehen der Welt. Diese Symbole haben sich verpflanzt in spätere Zeiten, wurden luziferisch konserviert von gewissen Geheimgesellschaften. Namentlich konservierten solche alten Symbole westliche Geheimgesellschaften. Sie sind da traditionell, diese Symbole, aber sie haben ihren Inhalt verloren. Und so sehen wir auf der einen Seite in gewissen Geheimgesellschaften, deren Ausläufer zum Beispiel die Freimaurergemeinschaften, die Jesuitengemeinschaften, die Bekenntnisgemeinschaften sind, in gewisser Weise die Symbole bewahrt, aber es ist das etwas, was einen Sinn eben nur für ein voriges Zeitalter hatte. Wir sehen aber auch in den Worten im Grunde genommen nur luziferisch bewahrt dasjenige, was für ältere Zeitalter eine Bedeutung hatte. Auch in den Worten, die man im öffentlichen Leben anwendet, verliert sich der alte substantielle Gehalt, verliert sich auch das Bewußtsein, daß diese Worte Zeichen sind für ein Geistiges. Denn das Geistige entschwindet allmählich, das Wort wird zum leeren Symbol, zum leeren Zeichen.
[ 21 ] Only gradually did people cease to regard this as something valid in their consciousness. And we see an age dawning in which this awareness of the connection between the earthly and the spiritual is fading away. In the times of Wycliffe and Hus, people began to argue about something that would previously have been unthinkable: the meaning of transubstantiation—that is, the connection between this ritual act and something that takes place in spiritual worlds. In eras when people begin to argue about such things, the old contents of consciousness cease to exist; people no longer know how to interpret the things they had known how to interpret for centuries or millennia. Certain things that were considered normal in a particular age always continue to exert an influence into later ages. There they become out of place; there they become anachronistic, Luciferic. And so the great, far-reaching symbols have remained—symbols that point to a certain era, to the connection between earthly ritual practices or similar things and the divine-spiritual events of the world. These symbols have been transplanted into later times and preserved in a Luciferic manner by certain secret societies. Western secret societies, in particular, have preserved such ancient symbols. These symbols are there by tradition, but they have lost their meaning. And so, on the one hand, we see that certain secret societies—whose offshoots include, for example, the Masonic lodges, the Jesuit orders, and the confessional communities—have, in a certain sense, preserved the symbols; but these are things that had meaning only for a bygone age. But we also see that, in essence, only what had meaning for earlier ages is preserved in a Luciferic way through words. Even in the words used in public life, the old substantive content is lost, as is the awareness that these words are signs pointing to the spiritual. For the spiritual is gradually disappearing; the word becomes an empty symbol, an empty sign.
[ 22 ] Im dritten Zeitalter, auf der dritten Stufe der Imperienbildung, hörte nun auch auf das Bewußtsein von der Gottbegnadetheit eines Menschen, von der Durchdringung irdischen Geschehens, irdischen Sprechens mit dem Göttlichen. Es wird das geistige Reich völlig in ein Jenseits verwiesen. Das Gegenbild tritt ein von dem, was auf der ersten Stufe der Imperienbildung vorhanden war: Der Gott lebte auf der Erde auf der ersten Stufe, er ging in Menschengestalt herum; der Gott ist nur zu denken in der unsichtbaren, übersinnlichen Welt auf der dritten Stufe. Und alles dasjenige, was die Menschen einmal gehabt haben, um ihre Beziehungen vom Göttlich-Geistigen auszudrücken, verliert den Sinn. Man spricht weiterhin aus das Wort «Gott». Wenn man das Wort «Gott» vor Zeiten ausgesprochen hat, so suchte man etwas, was äußerlich die Menschengestalt hatte, was unter den physischen Menschen wandelte. Nicht als ob die ältesten Menschen Materialisten gewesen wären. Materialisten konnten erst entstehen, nachdem man die geistige Welt ins Übersinnliche abgeschoben hatte. In der ältesten Periode menschlicher Entwickelung war die geistige Welt mitten unter den Menschen. Für einen Bewohner des ältesten Ägypten hätte man nicht erst zu sagen gebraucht: Das Reich des Göttlichen ist mitten unter uns —, denn das war ihnen eine Selbstverständlichkeit. Für das Zeitalter, in dem der Christus Jesus unter den Menschen erschien, mußte man den Menschen erst sagen: Das Reich der Götter kommt nicht mit äußeren Gebärden, es ist mitten unter uns.
[ 22 ] In the third age, at the third stage of empire-building, the awareness of a person’s divine endowment—of the interpenetration of earthly events and earthly speech with the divine—also came to an end. The spiritual realm is completely relegated to the afterlife. The opposite of what existed on the first stage of empire-building now emerges: On the first stage, God lived on Earth and walked among people in human form; on the third stage, God can only be conceived of in the invisible, supersensible world. And everything that people once had to express their relationship to the divine-spiritual loses its meaning. People continue to use the word “God.” When the word “God” was spoken in times past, people sought something that outwardly took human form, something that walked among physical human beings. Not that the earliest humans were materialists. Materialists could only emerge after the spiritual world had been relegated to the supersensible realm. In the earliest period of human development, the spiritual world was right in the midst of humanity. For an inhabitant of ancient Egypt, it would not have been necessary to say, “The realm of the divine is in our midst”—for that was a matter of course to them. In the age when Christ Jesus appeared among humanity, it was first necessary to tell people: “The realm of the gods does not come with outward signs; it is in our midst.”
[ 23 ] Und jetzt leben wir in einem Zeitalter, in dem es unsinnig geworden ist, in einem Menschen irgend etwas anderes zu suchen als die geradlinige, auf Ursache und Wirkung gebaute Fortentwickelung seines Kindheitswesens. Wir leben in einem Zeitalter, in dem es ein Wahnsinn ist, wenn sich der Mensch für etwas anderes hält als für das, was die geradlinige Fortentwickelung desjenigen ist, was auch seine Kindschaft umschließt. Was eine Selbstverständlichkeit war vor, sagen wir achttausend Jahren, was dazumal lebte als allgemeines Bewußtsein, heute behauptet, ist es ein Symptom dafür, daß der Mensch, der es behauptet, ein Verrückter ist. Und nur indem man dasjenige, was in den älteren Zeiten das Wirkliche war, nach dem Muster des gegenwärtigen Denkens uminterpretiert in diese Fable convenue, die wir «Geschichte» nennen, nur dadurch breitet man sich einen Schleier über diese radikale Metamorphose, die man finden kann, wenn man wirklich der Wahrheit gemäß die menschliche Entwickelung betrachtet. Dasjenige, was wir heute vielfach aussprechen, was wir heute zeigen im äußeren Leben, ist dadurch entstanden, daß es sich einmal bezog auf etwas, was als Wirklichkeit angeschaut worden ist. Wir sprechen heute noch Worte, wie zum Beispiel «von Gottes Gnaden» — in den letzten Jahren haben sich die Menschen das mehr oder weniger abzugewöhnen versucht, es ist ihnen aber schlecht gelungen —, aber wir wissen nicht, oder wir beachten nicht, daß das einmal für das Bewußtsein der Menschheit eine volle Realität, eine Selbstverständlichkeit bedeutete.
[ 23 ] And now we live in an age in which it has become absurd to look for anything in a human being other than the linear development—based on cause and effect—of his childhood nature. We live in an age in which it is madness for a person to consider themselves anything other than the straightforward development of that which also encompasses their childhood. What was taken for granted, say, eight thousand years ago—what existed back then as a general consciousness—is today claimed to be a symptom that the person making such a claim is insane. And only by reinterpreting what was real in earlier times—according to the patterns of contemporary thought—into this conventional fable we call “history,” only in this way do we cast a veil over this radical metamorphosis that can be discerned when one truly observes human development in accordance with the truth. Much of what we say today, much of what we display in our outward lives, has come about because it once referred to something that was regarded as reality. We still use words today such as “by the grace of God”—in recent years, people have tried to wean themselves off this to a greater or lesser extent, but they have not succeeded very well—yet we do not know, or we do not take into account, that this once represented a full reality, a matter of course, for the consciousness of humanity.
[ 24 ] Damit deute ich Ihnen aber auf diejenigen Tatsachen hin, welche unserem Öffentlichen Leben den Charakter des Phrasenhaften, des Konventionellen geben. Denn dasjenige, was wir durch unsere Sprache, unsere Sitten, sogar durch unser Urteil im öffentlichen Leben geltend machen, das alles weist zurück auf Zeiten, in denen man diese Worte, auch wenn sie erst in der späteren Sprache entstanden sind — sie sind der ursprünglichen Sprache nachgebildet worden —, in einem ganz andern Sinne bildete und gebrauchte. Ausgepreßt sind heute die Worte, die wir für das öffentliche Leben verwenden. Manchen Worten und Zeichen sieht man es an, manchen hat man es lange nicht angesehen. Daß dasjenige, was einstmals, durch magische Handlungen zu einem wichtigen magischen Teil des auf der Erde wandelnden Gottes umgewandelt, ein dem menschlichen Leibe umgehängtes Zeichen war, zu der Nichtigkeit des modernen Ordens wurde, das ist eine Geschichte, die wenig verfolgt wird von der Menschheit. Nicht bloß dasjenige, was sich im Worte ausdrückt, kann Phrase werden, wie unsere wichtigsten, auf das öffentliche Leben bezüglichen Worte Phrasen sind, sondern auch das, was in Gegenständen an den Menschen angehängt ist, kann einen ähnlichen Charakter tragen mit Bezug auf sein Verhältnis zur Wirklichkeit, wie das Wort, das heute leer ist und das einstmals einen geheiligten, substantiellen Inhalt hatte.
[ 24 ] By this I am pointing out to you the facts that give our public life its character of being full of empty phrases and conventions. For what we assert in public life through our language, our customs, and even our judgments—all of this points back to times when these words, even if they first arose in a later language—they were modeled after the original language—were formed and used in a completely different sense. Today, the words we use in public life have been drained of their meaning. With some words and symbols, this is evident; with others, it has long gone unnoticed. That what was once—through magical acts—transformed into an important magical part of the God walking upon the earth, a symbol hung upon the human body, has become the futility of the modern order—this is a history that humanity pays little heed to. Not only can that which is expressed in words become a cliché—just as our most important words relating to public life are clichés—but also that which is attached to people in the form of objects can take on a similar character with regard to its relationship to reality, just like the word that is empty today but once had a sacred, substantial meaning.
[ 25 ] Ehe man aber nicht einsieht, daß unsere Entwickelung zunächst eine solche gewesen ist, daß ein älteres Bewußtsein seine Substanz verloren hat, phrasenhaft und konventionell geworden ist, kann ein wirklicher . Aufbau unseres heute zerstörten öffentlichen sozialen Lebens nicht stattfinden. Wir müssen uns nach neuen Quellen umsehen, welche wiederum Inhalt bringen in dieses unser öffentliches Leben. Für unser Bewußtsein wandeln die Götter nicht in Menschengestalt herum. Deshalb müssen wir uns die Fähigkeit erwerben, das zu erkennen, was nicht Menschengestalt hat, sondern was diejenige Gestalt hat, die man nur anschauen kann, wenn man sich zur Geistesschau erhebt. Da für unser Bewußtsein die Götter nicht mehr heruntersteigen auf die physischen Throne, müssen wir uns die spirituellen Fähigkeiten erwerben, um zu denjenigen Thronen schauend hinaufzusteigen, auf denen die Götter, die nur im Geistigen für uns leben können, vorhanden sind. Wir müssen fähig werden, unsere phrasenhaften Abstraktionen zu durchtränken mit einem erlebten geistigen Inhalt. Wir müssen fähig werden, diesen Wahrheiten, die für den, der sie richtig erfaßt, erschütternd sind, ins Antlitz zu schauen. Wir müssen fähig werden, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Das tun wir manchmal nicht einmal über eine Zeitspanne von Jahrzehnten hin. Wir glauben, wir leben innerhalb der europäischen Zivilisation, wenn wir Mitteleuropäer sind. Wir sollten uns fragen: Was machte denn eigentlich unser inneres seelisches Leben zu einem so zwiespältigen in den letzten fünfzig Jahren oder noch etwas länger?
[ 25 ] But until we recognize that our development has, for the time being, been such that an older form of consciousness has lost its substance and become mere rhetoric and convention, a genuine reconstruction of our public social life—which has now been destroyed—cannot take place. We must look for new sources that will once again bring substance to our public life. In our consciousness, the gods do not walk about in human form. Therefore, we must acquire the ability to recognize that which does not have a human form, but rather that which has a form that can only be beheld when one rises to spiritual vision. Since, to our consciousness, the gods no longer descend to the physical thrones, we must acquire the spiritual abilities to ascend, gazing toward those thrones where the gods—who can live for us only in the spiritual realm—are present. We must become capable of imbuing our clichéd abstractions with a lived spiritual content. We must become capable of looking these truths—which are shattering to those who grasp them correctly—straight in the face. We must become capable of seeing things as they are. Sometimes we fail to do this even over a period of decades. We believe we live within European civilization because we are Central Europeans. We should ask ourselves: What has actually made our inner spiritual life so ambivalent over the last fifty years—or even a little longer?
[ 26 ] Nun, ich möchte nur auf eines hinweisen: Wenn Sie nach Westen sehen, so sehen Sie zunächst — vom übrigen wollen wir nicht sprechen ein in der Dekadenz befindliches Volk, das französische Volk. Aber eines hat innerhalb dieses französischen Volkes eine Bedeutung. Wenn der Angehörige des französischen Volkes sagte: Ich bin ein Franzose — er hat sich das durch Jahrhunderte gesagt —, so hat er damit etwas ausgesprochen, was mit den äußeren Tatsachen übereinstimmend war und ein erlaubtes, wahrhaftiges Bekenntnis gegenüber dem äußeren Leben war. Diejenigen unter uns, die noch gesprochen haben mit Menschen, die ihre Jugend in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Deutsche erlebt haben, die könnten mir das Folgende bestätigen: Herman Grimm zum Beispiel hat es wiederholt charakterisiert, was es eigentlich bedeutet hat für die Menschen, die in seiner Jugend eben auch noch jung waren innerhalb Deutschlands, daß dazumal derjenige, der hätte gestehen wollen im äußeren Leben: Ich bin ein Deutscher, ich bekenne mich dazu — nicht als Phrase, sondern als Realität —, ein Staatsverbrecher war. Man war Bayer, Württemberger, Preuße, aber man war ein Verbrecher, wenn man sagte: Ich bin ein Deutscher. — Es hatte einen Inhalt im Westen, zu sagen: Ich bin Franzose —, denn man durfte es sein im äußeren Leben. Es hatte einen Inhalt, durch den man ins Gefängnis kam oder sonst unmöglich gemacht wurde, wenn man sich hätte beifallen lassen zu sagen, man sei ein Deutscher, man gehöre also einer zusammengehörigen Nation an. Die heutige Menschheit hat das vergessen; aber diese Dinge sind ja Realitäten. Und es kommt darauf an, daß man diesen Dingen ins Antlitz schaut. Aber man wird nicht den nötigen Enthusiasmus für solche Dinge aufbringen, wenn man nicht sein inneres Leben befruchtet an den großen, richtig gesehenen Erscheinungen der Weltgeschichte, nicht jener Fable convenue, die in unseren heutigen Handbüchern steht, die auf unseren Schulen gelehrt wird, sondern jener wirklichen Weltgeschichte, die durch eine geistige Betrachtung gewonnen werden kann.
[ 26 ] Well, I would just like to point out one thing: If you look to the West, the first thing you see—let’s not talk about the rest—is a people in decline, the French people. But one thing is significant within this French people. When a member of the French people said, “I am a Frenchman”—a statement he had been making for centuries—he was expressing something that corresponded to external reality and was a legitimate, truthful affirmation of his relationship to the external world. Those among us who have still spoken with people who spent their youth in the first half of the 19th century as Germans could confirm the following to me: Herman Grimm, for example, repeatedly described what it actually meant for the people who were also still young within Germany during his youth—that at that time, anyone who would have wanted to profess in public life: “I am a German; I profess this—not as a mere phrase, but as a reality”—was a state criminal. One could be Bavarian, Württemberger, or Prussian, but one was a criminal if one said, “I am a German.” —In the West, saying “I am French” had substance—for one was permitted to be so in public life. It had real significance—one that could land you in prison or otherwise make life impossible—if you had dared to say that you were a German, and thus belonged to a united nation. People today have forgotten this; but these things are, after all, realities. And it is essential that we look these things squarely in the face. But one will not muster the necessary enthusiasm for such things unless one nourishes one’s inner life with the great, correctly understood phenomena of world history—not that “fable convenue” found in our current textbooks and taught in our schools, but that real world history which can be gained through spiritual contemplation.
[ 27 ] Für einen heutigen normalen Evangelischen ist es ganz undenkbar, daß es einmal für Menschen einen Sinn gehabt haben könnte, zu sagen, «der Gott wandelte auf der Erde und der Herrscher war der Gott» und «es gibt nicht irgendein sinnliches Reich, wo noch Götter sind, denn diejenigen Vorgänge, durch die man zum Gotte wird, die sind in dem Reiche, wo das Übersinnliche seine Wohnung hat, innerhalb des Mysteriums». Das Mysterium war noch in den ersten Zeiten der halb vorhistorischen ägyptischen Geschichte ein wirklich Übersinnliches, und erst als die Mysterien zu Kirchen umgestaltet wurden, wurde die Kirche zum Symbol des Übersinnlichen.
[ 27 ] For a typical Protestant today, it is completely unthinkable that it could ever have made sense for people to say, “God walked upon the earth and God was the ruler,” and “there is no sensory realm where gods still exist, for the processes through which one becomes a god are in the realm where the supersensible dwells, within the mystery” . Even in the earliest periods of semi-prehistoric Egyptian history, the mystery was truly a supernatural reality, and it was only when the mysteries were transformed into churches that the church became a symbol of the supernatural.
[ 28 ] Eine Menschheit wie die heutige, die nicht hinschauen will zu den Ausgangspunkten ihrer historischen Entwickelung, die lebt ihr Leben so wie ein Mensch, der fünfundvierzig Jahre alt geworden ist und vergessen hat, was er in seiner Knaben- oder Mädchenzeit erlebt hat, wie ein Mensch, der fünfundvierzig Jahre alt geworden ist und sich höchstens bis zum fünfundzwanzigsten Jahr zurückerinnert. Malen Sie sich einmal aus, was es für das innere Seelenleben eines Menschen für eine Folge hätte, wenn er fünfundvierzigjährig nichts wüßte von alledem, was dem fünfundzwanzigsten Jahr vorangegangen ist. Das ist aber die Geistesverfassung der gegenwärtigen Menschheit und aus dieser Geistesverfassung heraus entstehen heute diejenigen, die Menschheitsführer sein wollen. Aus dieser Geistesverfassung wird heute dasjenige versucht, was einer sozialen Struktur eingefügt werden soll als richtende Kraft. Was vor allen Dingen notwendig ist, das ist, daß der Mensch die Menschheit kennenlerne als einen lebendigen Organismus, in dem ein Gedächtnis vorhanden ist, das nicht totgetreten werden darf, das zurückblickt auf Dinge, die noch in die Gegenwart hereinwirken, aber durch die Art, wie sie wirken, geradezu herausfordern, daß sich etwas Neues in sie ergieße.
[ 28 ] A humanity like today’s, which refuses to look back at the starting points of its historical development, lives its life just like a person who has reached the age of forty-five and has forgotten what he or she experienced in childhood, or like a person who has reached the age of forty-five and can remember back only as far as the age of twenty-five. Just imagine what the consequences would be for a person’s inner spiritual life if, at the age of forty-five, they knew nothing of everything that had preceded the age of twenty-five. Yet this is the state of mind of humanity today, and it is from this state of mind that those who wish to be leaders of humanity emerge today. It is from this state of mind that attempts are being made today to establish what is to be incorporated into a social structure as a guiding force. What is necessary above all else is for each person to come to know humanity as a living organism possessing a memory that must not be trampled underfoot—a memory that looks back on events still influencing the present, yet which, through the very nature of their influence, virtually demand that something new flow into them.
[ 29 ] Wenn man nur einmal ein paar solcher Töne anschlägt, dann sieht man, daß für die Gegenwart etwas notwendig ist, dem gegenüber all das Phrasengedresche, das heute von vielen Seiten aufflackert, eine Nichtigkeit ist. Und man möchte schon, daß einmal eine genügend große Anzahl von Menschen den Ernst der gegenwärtigen Zeit einsähe und die Kraft fände, aus diesem Ernst heraus nun wirklich zu einem Neuen zu kommen. Das ist ja das recht Betrübliche, daß die Menschen der Gegenwart große Aufgaben haben und am liebsten diese großen Aufgaben verschlafen möchten. Das war im Grunde genommen seit Jahrzehnten die Aufgabe, die gerade durch die anthroposophische Bewegung gestellt werden sollte: die schläfrige Menschheit aufzurütteln, hinzuweisen darauf, daß der Menschheit heute etwas gegeben werden muß, was wirklich die Seelenverfassung gegenüber derjenigen, die jetzt besteht, so umgestaltet, wie sich am Morgen beim Aufwachen die träumende Seelenverfassung in die des vollwachen Tageslebens umgestaltet.
[ 29 ] If one were to strike just a few such notes, one would see that what is needed in the present is something in comparison to which all the empty rhetoric flaring up from many quarters today is nothing but triviality. And one does wish that a sufficiently large number of people would recognize the gravity of the present time and find the strength to truly emerge from this gravity into something new. That is, after all, the truly sad thing: that the people of today face great tasks and would prefer to sleep through them. Essentially, this has been the task for decades that the anthroposophical movement was meant to undertake: to rouse slumbering humanity, to point out that humanity today must be given something that truly transforms the state of the soul—as opposed to the one that currently exists—just as the dreaming state of the soul transforms into that of fully awake daily life upon waking in the morning.
[ 30 ] Das ist dasjenige, wodurch ich die beiden geisteswissenschaftlichen historischen Betrachtungen, die ich während meiner diesmaligen Anwesenheit vor Ihnen angestellt habe, heute abschließen wollte. Wenn doch von dem, was anthroposophische Bewegung ist, ausgehen könnte das, was unsere sozialen Anregungen wirklich befeuern, durchwärmen, durchkraften müßte! Daß die Menschheit soziale Impulse braucht in der Gegenwart, das tritt ja so stark hervor für die Betrachtung der Erscheinungen, daß es wirklich nicht wieder verkannt werden dürfte. Daß diesen sozialen Impulsen nur entsprochen werden kann, wenn neuer Geist in die Menschheitsentwickelung gegossen wird, das sollten gerade diejenigen einsehen, die sich von irgendeiner Seite her zur anthroposophischen Bewegung bekennen. Dazu ist aber auf dem Boden dieser anthroposophischen Bewegung eben Wahrhaftigkeit und Wachsamkeit notwendig, wirkliche Wachsamkeit. An das Schlafen im öffentlichen Leben hat sich die neuere Kulturmenschheit gewöhnt. Und heute ist dieses Schlafen so stark, daß man manchmal, wenn man eben nicht im geistigen Leben drinnenstehen und den Gang der geistigen Angelegenheiten hinter diesem Physischen sehen würde, aus dem äußeren Gang, dem sich die Menschen hingeben in der Verfolgung ihrer Angelegenheiten, recht sehr in Zweifel versetzt werden könnte. Dieser äußere Gang, dem sich die Menschen hingeben in der Verfolgung ihrer Ereignisse, er spricht es ja förmlich aus, daß die Menschen es scheuen, an der Ergreifung des Wahrhaftigen in den Erscheinungen irgendwie noch teilzunehmen. Man ist so froh, wenn man nicht hinzuschauen braucht auf die Vorgänge, die geschehen! Man sieht es heute, wie die Menschen sich sagen lassen: Da und dort geschieht das und das! — Sie stehen da auf ihren Beinen, ohne sich irgendwie etwas davon merken zu lassen, daß sie von Dingen gehört haben, die eine tiefe Bedeutung haben für den Weitergang der Ereignisse. Die Menschen hören heute von den bedeutsamsten Dingen, die in die Zerstörung, in den Niedergang hineinführen müssen, und sie können nicht einmal entrüstet sein darüber. Jetzt wiederum gehen Dinge durch die Welt, Absichten gehen durch deutsche Gegenden, über die die Menschen entsetzt sein sollten — und sie sind es nicht! Wer aber über diese Dinge nicht entsetzt sein kann, der hat auch nicht die Kraft, den Sinn für die Wahrheit zu entwickeln.
[ 30 ] This is what I wanted to conclude today with regarding the two historical reflections on the spiritual sciences that I have presented to you during my current visit. If only what the anthroposophical movement is could be the source of what truly ignites, warms, and energizes our social initiatives! The fact that humanity needs social impulses at the present time is so evident from an observation of current phenomena that it really ought not to be overlooked again. That these social impulses can only be met if a new spirit is infused into human development—this is something that should be recognized precisely by those who, from whatever perspective, identify with the anthroposophical movement. But for this to happen, truthfulness and vigilance—true vigilance—are necessary on the foundation of this anthroposophical movement. Modern civilized humanity has grown accustomed to slumbering in public life. And today this slumber is so profound that one might sometimes—if one were not immersed in spiritual life and able to see the course of spiritual affairs behind the physical—be thrown into considerable doubt by the outward course of action to which people devote themselves in the pursuit of their affairs. This outward course to which people devote themselves in the pursuit of their affairs literally reveals that people shy away from participating in any way in the grasping of the truth within phenomena. People are so glad when they do not have to look at the events that are taking place! One sees today how people allow themselves to be told: “This and that is happening here and there!”—They stand there on their own two feet, without letting on in any way that they have heard of things that have profound significance for the further course of events. People today hear about the most significant events that are bound to lead to destruction and decline, and they cannot even feel indignant about them. Now, once again, things are happening throughout the world, and plans are being hatched in parts of Germany that should horrify people—and yet they are not! But anyone who cannot be horrified by these things also lacks the strength to develop a sense of truth.
[ 31 ] Das ist dasjenige, worauf heute hingewiesen werden muß, daß eine gesunde Entrüstung über dasUngesunde der Quellpunkt sein muß für die Begeisterung, für die neuen notwendigen Wahrheiten. Es ist heute sogar weniger notwendig, daß man den Menschen Wahrheiten überliefert, als es notwendig ist, daß man in diese lethargischen Nervensysteme Feuerkraft hineinbringt. Denn Feuerkraft ist heute dem Menschen notwendig, nicht mystische Schläferei. Nicht Sehnsucht nach mystischer Ruhe, sondern Dienen dem Geistigen, das ist es, um was es sich heute handelt. Die Verbindung mit dem Göttlichen muß heute in der Aktivität, nicht in der mystischen Faulheit und Bequemlichkeit gesucht werden.
[ 31 ] This is what must be emphasized today: that a healthy indignation at what is unhealthy must be the source of enthusiasm for the new, necessary truths. Today, it is even less necessary to impart truths to people than it is to infuse these lethargic nervous systems with fiery energy. For what people need today is fiery energy, not mystical slumber. Not a longing for mystical tranquility, but service to the spiritual—that is what matters today. Today, the connection with the Divine must be sought in activity, not in mystical idleness and complacency.
[ 32 ] Das sind die Dinge, auf die einmal hingewiesen werden muß. Denn heute muß gesucht werden, wie wir in unser Bewußtsein die Möglichkeit hineinbringen, ein Göttliches wiederum mit dem Äußerlich-Wirklichen zu verbinden. Und wir können das nur, wenn wir ohne Vorurteil hinschauen, wie in den Imperien der ersten Art die Menschen die auf Erden wandelnden Götter gefunden haben. Wir müssen die Möglichkeit finden, als Menschenseelen spirituell wandeln zu können in geistigen Welten, damit wir wieder Götter finden!
[ 32 ] These are the things that must be pointed out. For today we must seek ways to bring into our consciousness the possibility of reconnecting the Divine with the external reality. And we can do this only if we look without prejudice at how, in the empires of the first kind, people found gods walking on earth. We must find the way for human souls to walk spiritually in spiritual worlds, so that we may find gods once again!
