Contrasts in Human Development
GA 197
7 March 1920, Stuttgart
Translate the original German text into any language:
Versions Available:
Contrasts in Human Development, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Es handelt sich darum, wie schon öfter hier gesagt und vorgestern von einem wieder etwas andern Gesichtspunkte ausgeführt worden ist, aus der Entwickelungsgeschichte der Menschheit heraus, wie sie der geisteswissenschaftlichen Forschung vor Augen treten kann, den Ernst der gegenwärtigen Zeit zu empfinden, und aus diesem Ernst der Zeit heraus, gleichgültig an welchem Platz man steht im Leben, zu handeln.
[ 1 ] As has often been said here, and as was explained the day before yesterday from a slightly different perspective, the point is to perceive the gravity of the present time through the history of human development—as it appears to spiritual scientific research—and to act in light of this gravity, regardless of one’s position in life.
[ 2 ] Ich möchte heute wiederum einige Bausteine beitragen zu dem Gebäude, das in seiner Gänze uns zeigen kann, wie die Geistesverfassung der gegenwärtigen Menschheit beschaffen ist und wie aus dieser Geistesverfassung heraus für den weiteren Fortschritt der Menschheit gearbeitet werden muß. Wir werden zurückgreifen zunächst zu einigem, das uns in seinen Hauptzügen schon bekannt ist.
[ 2 ] Today I would like once again to contribute a few building blocks to the edifice that, taken as a whole, can show us the nature of the spiritual constitution of present-day humanity and how we must work, based on this spiritual constitution, for the further progress of humanity. We will begin by revisiting some points whose main features are already familiar to us.
[ 3 ] Wir wissen, daß die gegenwärtige zivilisierte Menschheit im wesentlichen darstellt die Fortbildung derjenigen Menschheit, die sich vor der atlantischen Katastrophe entwickelt hat auf dem atlantischen Kontinent, von dem wir ja des öfteren gesagt haben, daß er sich ausbreitete zwischen dem heutigen Europa, Afrika und Amerika an der Stelle, wo heute der Atlantische Ozean ist. Wir wissen, daß unter dem Einfluß der atlantischen Katastrophe, schon als sie sich vorbereitet hat und wie sie dann ihren Fortgang nahm, die damalige Menschheit unseres Westens sich zunächst nach Osten hin bewegte, Europa und weiterziehend Asien bevölkerte, und daß eigentlich die gegenwärtige europäische und asiatische Bevölkerung besteht aus der Nachkommenschaft der alten atlantischen Bevölkerung. Wir wissen auch, daß die Zivilisation dann in einer gewissen Weise den umgekehrten Weg genommen hat, daß Zivilisationsinhalt, Kulturinhalt, der zunächst in Asien erobert worden ist, von der Menschheit durch die Einwanderung von Kolonisatoren nach Europa gebracht worden ist, daß er dann da von verschiedenen Zentren ausgegangen ist. So ist, ich möchte sagen, die physische Grundlage der modernen Zivilisation, die Menschheit Europas und Asiens, Nachkommenschaft der alten atlantischen Bevölkerung, die vom Westen nach Osten gezogen ist; die Zivilisation selbst aber hat den Zug von Osten nach Westen gemacht. Diese zwei Wanderzüge werden eigentlich nur richtig unterschieden, wenn man von geisteswissenschaftlicher Forschung ausgeht. Die äußere Anthropologie verwirrt die beiden Dinge und weiß nicht, daß dasjenige, was von Asien nach Europa sich herüber verpflanzt hat, eigentlich nur die Kultur ist, während die physische Grundlage Wanderzügen ihr Dasein verdankt, die von Westen nach Osten sich erstreckten.
[ 3 ] We know that present-day civilized humanity essentially represents the continuation of the humanity that developed on the Atlantic continent prior to the Atlantic catastrophe—a continent which, as we have often stated, stretched between what is now Europe, Africa, and America, in the place where the Atlantic Ocean lies today. We know that under the influence of the Atlantean catastrophe—even as it was brewing and as it then unfolded—the people of the West at that time first moved eastward, populating Europe and, moving on, Asia; and that, in fact, the present-day European and Asian populations consist of the descendants of the ancient Atlantean people. We also know that civilization then, in a certain sense, took the reverse path; that the substance of civilization and culture—which had initially been established in Asia—was brought to Europe by humanity through the immigration of colonizers, and that it then spread from various centers there. Thus, I would say, the physical foundation of modern civilization—the peoples of Europe and Asia—are descendants of the ancient Atlantean population that migrated from west to east; civilization itself, however, made the journey from east to west. These two migratory movements can only truly be distinguished by drawing on research in the spiritual sciences. Conventional anthropology confuses the two and fails to recognize that what was transplanted from Asia to Europe is, in fact, merely culture, whereas the physical foundation owes its existence to migrations that extended from west to east.
[ 4 ] Nun aber ist der Mensch niemals ganz ohne Beziehung zu seiner örtlichen Daseinsgrundlage. Er ist in einer gewissen Verwandtschaft zu dem, was unter ihm der Erdboden ist, was der Erdboden hervorbringt, wie der Erdboden in klimatischen Verhältnissen sich auslebt und ihm eine Stätte bereitet. Daraus können Sie schon schließen — was aber durch geisteswissenschaftliche Forschung voll bestätigt wird —, daß diejenigen Menschen, die durch die nachatlantischen Wanderungen weiter nach Asien herübergekommen sind, sich anders entwickeln mußten als diejenigen, die in Europa zurückgeblieben sind. Trivial gesprochen, kann man sagen: Der europäische Boden wirkte eben anders auf die Nachkommen der Atlantier als der asiatische Boden. Und wir können in einer gewissen Weise den Unterschied der asiatischen Bevölkerung von der europäischen Bevölkerung angeben. Dieser Unterschied besteht darin, daß tatsächlich gerade in den ältesten Zeiten der nachatlantischen Zivilisationsentwickelung, im 9., 8., 7., 6. vorchristlichen Jahrtausend und auch noch in den folgenden Jahrtausenden, die asiatische Bevölkerung in einer andern Weise dasjenige aufgenommen hat, was eigentlich voll herausgekommen ist erst seit dem 15. Jahrhundert, wie ich das letzte Mal angedeutet habe, was aber schon vorbereitet worden ist in den früheren Jahrhunderten nicht nur, sondern in Jahrtausenden: das Intellektualistische, das eigentliche Denken.
[ 4 ] But human beings are never entirely disconnected from the local foundations of their existence. They share a certain kinship with the soil beneath them, with what the soil produces, and with the way the soil manifests itself in climatic conditions and provides them with a place to live. From this you can already conclude—and this is fully confirmed by spiritual scientific research—that those people who migrated further into Asia during the post-Atlantean migrations had to develop differently from those who remained in Europe. To put it simply, one can say: The European soil had a different effect on the descendants of the Atlanteans than the Asian soil did. And we can, in a certain sense, describe the difference between the Asian and European populations. This difference lies in the fact that, particularly in the earliest periods of post-Atlantean civilizational development—in the 9th, 8th, 7th, and 6th millennia B.C., and even in the millennia that followed, the Asian population assimilated in a different way that which actually came to full expression only from the 15th century onward—as I hinted at last time—but which had already been prepared not only in earlier centuries but over millennia: intellectualism, true thinking.
[ 5 ] So wie wir heute dieses Denken kennen, so wie wir heute den menschlichen Intellektualismus als innere Selbstbetätigung der Seele anerkennen, so kam er in seiner ureigenen Gestalt erst heraus in der allerneuesten Zeit. Aber die ganze Entwickelung, namentlich die nachatlantische, ist ein Hintendieren zu diesem Intellektualismus. Und das Bedeutsame ist, daß die asiatische nachatlantische Bevölkerung alles dasjenige, was wir als Intellektualistisches ansprechen können, aufgenommen hat mehr mit den seelischen Elementen; so daß wir da, innerhalb dieser asiatischen Bevölkerung, sagen können: Die örtlichen Verhältnisse prädestinieren diese Bevölkerung besonders dazu, das Seelische mit den Vorstufen des intelligenten Wesens zu durchdringen. Das ist das Bemerkenswerteste in der asiatischen Zivilisation, daß das Seelische als solches das Werkzeug wurde für das Aufnehmen des intelligenten Prinzips.
[ 5 ] Just as we understand this way of thinking today, just as we now recognize human intellectualism as an inner self-activity of the soul, so it first emerged in its most authentic form only in the very recent past. But the entire course of development, particularly the post-Atlantean one, is a movement back toward this intellectualism. And what is significant is that the Asian post-Atlantean population has absorbed everything we can describe as intellectual, primarily through the elements of the soul; so that we can say, within this Asian population: Local conditions predestine this population in a special way to permeate the soul with the preliminary stages of the intelligent being. This is the most remarkable aspect of Asian civilization: that the spiritual, as such, has become the instrument for assimilating the intellectual principle.
[ 6 ] In Europa, bei den dort zurückgebliebenen Menschen, war das anders. Da war es ganz ausgesprochen so, daß die körperliche Entwickelung, die physische Organisation, nicht nur später das wirkliche Werkzeug des Intellektualismus wurde, sondern sich schon so herausbildete, daß sie das Wesentliche dieser europäischen Bevölkerung bildete, daß sie sich besonders geeignet machte, der Träger des intelligenten Wesens zu werden. Wenn man daher die Nachkommen der frühesten Nachkommen der Atlantier, welche wir also selber sind, charakterisieren will, so muß man sagen: Die Asiaten gewöhnten sich daran, mehr mit der Seele zu denken; die Europäer gewöhnten sich daran, mehr mit dem Körper zu denken. — Das ist auch der wesentliche Unterschied zwischen asiatischer und europäischer Zivilisation. Wenn Sie einen durchgreifenden Unterschied aufzeigen wollen zwischen dem, was als intelligentes Wesen in den Veden oder in der Vedantaphilosophie oder andern asiatischen Geistesströmungen hervortritt gegenüber dem europäischen Wesen, so werden Sie sich sagen müssen: Der Asiate denkt eben mehr durch die Seele, der Europäer mehr durch das Leibliche.
[ 6 ] In Europe, among the people who remained there, things were different. There, it was quite evident that physical development—the physical constitution—not only later became the true instrument of intellectualism, but had already developed in such a way that it constituted the very essence of this European population, making it particularly suited to become the vessel of the intelligent being. Therefore, if one wishes to characterize the descendants of the earliest descendants of the Atlanteans—that is, ourselves—one must say: The Asians became accustomed to thinking more with the soul; the Europeans became accustomed to thinking more with the body. — This is also the essential difference between Asian and European civilization. If you wish to point out a fundamental difference between what emerges as an intelligent being in the Vedas, in Vedanta philosophy, or in other Asian spiritual traditions, as opposed to the European being, you will have to say: The Asian thinks more through the soul, the European more through the physical body.
[ 7 ] Und so kommt es denn, daß, weil der Asiate das Intellektuelle gewissermaßen mit einem höheren menschlichen Wesensglied auffaßte, er viel früher zu einem hohen Grade der Zivilisation, aber einer mehr seelischen Zivilisation kam, einer Zivilisation, die weniger abstrakte Begriffe in ihrer Struktur hatte, die aber die Wege weiter hinauf findet zu dem seelisch-geistigen Weltinhalt durch den seelisch-geistigen Menscheninhalt, ohne zu abstrakten Begriffen ihre Zuflucht zu nehmen. Das macht das spirituelle Wesen der asiatischen Zivilisation aus, daß sie im wesentlichen eine seelische Zivilisation ist. Der Asiate ließ. im hohen Grade seine Leiblichkeit unbenützt bei seinem Denken; er trug seinen Leib durch seine irdische Laufbahn. Dasjenige, was sein Geistesleben ausmachte, das pflegte er im Rein-Seelischen. Sie verstehen nicht die ganze eigentümliche Artung des asiatischen Wesens, wenn Sie sie nicht von diesem Gesichtspunkte aus betrachten. Der Europäer dachte immer mehr und mehr mit dem Körperlichen. Daher wurde auch bei ihm mehr als beim Asiaten der Grund gelegt zu einer Kultur, welche das Freiheitsprinzip in die Mitte stellen kann. Der Asiate, dem die Intelligenz beschieden war im Seelischen, der war noch mehr darinnen in dem allgemeinen Weltenorganismus. Der menschliche Leib sondert sich ja besonders heraus aus dem übrigen Weltenorganismus, und benutzt man ihn als das besondere Werkzeug des intellektuellen Lebens, so wird man selbständiger, aber auch mehr mit seiner Selbständigkeit an den Leib gebunden als der Asiate, der die Intelligenz innerhalb des seelischen Prinzips entwickelt hat und dafür weniger selbständig wird.
[ 7 ] And so it comes to pass that, because Asians conceived of the intellectual as, in a sense, a higher aspect of human nature, he attained a high degree of civilization much earlier—but a more spiritual civilization, a civilization whose structure contained fewer abstract concepts, yet which finds its way further upward toward the spiritual-soul content of the world through the spiritual-soul content of the human being, without resorting to abstract concepts. This is what constitutes the spiritual essence of Asian civilization: that it is, in essence, a spiritual civilization. The Asian, to a high degree, left his physicality unused in his thinking; he carried his body through his earthly journey. That which constituted his spiritual life, he cultivated in the purely soulful realm. You will not understand the full, distinctive nature of the Asian being unless you view it from this perspective. Europeans thought more and more in terms of the physical. Consequently, the foundation was laid for a culture that could place the principle of freedom at its center to a greater extent than it was for Asians. Asians, whose intelligence was rooted in the soul, were even more deeply embedded within the general world organism. The human body, after all, stands out distinctly from the rest of the world organism, and if one uses it as the specific instrument of intellectual life, one becomes more independent, but is also, through that independence, more bound to the body than the Asian, who has developed intelligence within the spiritual principle and, as a result, becomes less independent.
[ 8 ] Wir haben also über Asien hin, je mehr wir uns der Zeit nähern in der Menschheitsentwickelung, die das Mysterium von Golgatha brachte, eine hohe seelisch-geistige Kultur, die nun sogar schon wiederum ihren Höhepunkt überschritten hatte, als das Mysterium von Golgatha eintrat, die schon wiederum etwas im Niedergang war. Denn man sollte sich nicht darüber täuschen: Mit europäischen Begriffen ist nicht so ohne weiteres dasjenige zu fassen, was an hoher Kultur durch das Seelisch-Geistige im Asiatentum hervorgebracht worden ist. Und wenn so richtig europäisch denkende Menschen, das heißt Menschen, die ganz mit dem Werkzeug des Leibes denken, wie zum Beispiel Deussen, es unternehmen, das Asiatische dem Europäer nahezubringen, dann kommt etwas heraus, was eben durchaus nicht dem Inhalt der seelisch-geistigen Zivilisation Asiens entspricht, sondern das alles, was dort lebt, ins Europäische übersetzt. Es ist ja sogar unter solchen Einflüssen möglich geworden, daß Interpretationen gewisser indischer Geistesströmungen in Europa Aufsehen gemacht haben, wie die Garbeschen, die nichts anderes bedeuten als die konfuse Übersetzung des asiatischen seelisch-geistigen Wesens durch den europäischen Materialismus. In den Schriften dieser Art ist eben auch nicht eine Spur vorhanden von dem, was der Geist des alten Asiatentums war. Es ist notwendig, heute auf diese Dinge streng hinzuweisen, weil gerade heute, wie ich des öfteren erwähnt habe, der Autoritätsglaube einen furchtbar hohen Grad erreicht hat und man eigentlich schon gar nichts mehr hat, was einen veranlaßt, irgend etwas als gültig anzusehen als die Tatsache, daß irgend etwas aus akademischen Kreisen kommt. Es gibt natürlich keinen wirklich inneren Grund, die Deussensche oder Garbesche Verhunzung des Asiatentums als irgend etwas Bedeutsameres anzusehen als den auf Irrpfaden gehenden Autoritätsglauben Europas, der gar nicht mehr in der Lage ist, irgendwie innerliche Gründe zu finden, sondern der eben nur auf äußere Autorität hin noch glaubt, daß das oder jenes richtig ist. Es hilft nichts — wenn das auch neue Feindschaften hervorbringt —, über diese Dinge nicht die Wahrheit zu sagen, denn der Ernst der Zeit fordert durchaus, daß in gewissen Dingen keine Kompromisse geschlossen werden, sondern daß auf die Wahrheit rückhaltlos hingedeutet wird.
[ 8 ] So, as we look back across Asia, the closer we come to that period in human evolution marked by the Mystery of Golgotha, we find a highly developed soul-spiritual culture—one that had, in fact, already passed its zenith by the time the Mystery of Golgotha occurred and was already in a state of decline. For we should not be under any illusions: what was brought forth as a high culture through the soul-spiritual in Asian civilization cannot be readily grasped using European concepts. And when people who think in a truly European way—that is, people who think entirely with the instrument of the body, such as Deussen—attempt to make Asian culture accessible to Europeans, the result is something that does not at all correspond to the substance of Asia’s soul-spiritual civilization, but rather translates everything that lives there into European terms. Indeed, under such influences, it has even become possible for interpretations of certain Indian spiritual currents to cause a sensation in Europe—such as those of Garbe—which amount to nothing more than a confused translation of the Asian soul-spiritual essence through European materialism. In writings of this kind, there is not even a trace of what the spirit of ancient Asian culture was. It is necessary to point these things out emphatically today because, as I have often mentioned, belief in authority has reached a terribly high level, and there is actually nothing left that prompts one to regard anything as valid other than the fact that it comes from academic circles. Of course, there is no truly intrinsic reason to regard Deussen’s or Garbe’s distortion of Asian culture as anything more significant than Europe’s misguided belief in authority, which is no longer capable of finding any inner reasons at all, but which simply believes that this or that is correct solely on the basis of external authority. It does no good—even if it gives rise to new hostilities—to refrain from speaking the truth about these matters, for the gravity of the times absolutely demands that no compromises be made on certain issues, but rather that the truth be pointed out unreservedly.
[ 9 ] Schon als die spirituelle Hochkultur Asiens in einem gewissen Niedergang war, fiel in diese Hochkultur hinein das Ereignis von Golgatha. Dieses Ereignis von Golgatha — man kann es nicht oft genug betonen — wurde zunächst aufgefaßt, begriffen durch dasjenige, was asiatische Kultur hervorgebracht hat. Man muß wirklich unterscheiden zwischen dem Mysterium von Golgatha als Erdentatsache, zwischen dem, was sich im Beginn unserer Zeitrechnung in Vorderasien zugetragen hat, und demjenigen, was die Menschen sich als Vorstellung gemacht haben über dieses Mysterium von Golgatha. Europa hatte zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha geschah, noch keine Möglichkeit, dieses Mysterium von Golgatha voll zu begreifen, denn es war ein Ereignis, das nur vom Geistig-Seelischen aus zu begreifen war. Die europäische Zivilisation aber hatte sich ausgebreitet mit dem Werkzeug des Materiell-Körperlichen; mit dem, was in Europa hervorgebracht wurde an materiell-körperlicher Zivilisation, war diese Tatsache, die da geschah im Beginn unserer Zeitrechnung, aber nicht unmittelbar zu begreifen. Die asiatische Zivilisation jedoch konnte Vorstellungen finden aus dem geistig-seelischen Intellektualismus heraus, um dieses Ereignis von Golgatha zu begreifen. Und so ist dasjenige, was geschehen ist in Palästina, gegossen worden in die Vorstellungswelt des Orients. Und es ist als solches gewandert nach dem Westen über Griechenland nach Italien und ist als Tradition gebracht worden nach Europa.
[ 9 ] Even as the spiritual high culture of Asia was already in a state of decline, the event of Golgotha occurred within that high culture. This event of Golgotha—and this cannot be emphasized enough—was initially perceived and understood through the lens of what Asian culture had produced. One must truly distinguish between the Mystery of Golgotha as an earthly fact—that is, what took place in the Near East at the beginning of our era—and the ideas that people have formed about this Mystery of Golgotha. At the time the Mystery of Golgotha took place, Europe did not yet have the capacity to fully comprehend this Mystery of Golgotha, for it was an event that could only be understood from a spiritual-soul perspective. European civilization, however, had developed through the medium of the material-physical; given the material-physical civilization that had emerged in Europe, this event—which took place at the beginning of our era—could not be grasped directly. Asian civilization, however, was able to find concepts rooted in spiritual-soul intellectualism to comprehend this event at Golgotha. And so what happened in Palestine was cast into the imaginative world of the Orient. And as such, it traveled westward through Greece to Italy and was brought to Europe as a tradition.
[ 10 ] Nun kann der Mensch äußerlich etwas empfangen, was er innerlich noch nicht erfassen kann; er kann es äußerlich empfangen durch Tradition, durch Überlieferung, durch das geschriebene Wort. Und so bekam Europa zunächst die Erklärung, die Auffassung für das Mysterium von Golgatha durch die orientalische Überlieferung, das heißt, man verstand das Christentum im Lichte orientalischer, geistigseelischer Weisheit. Sie war groß zur Zeit, als man noch gnostisch begriff das Mysterium von Golgatha und die Stellung des Christus zur ganzen Erdenentwickelung. Sie wurde immer geringer und geringer, als die Europäer immer mehr und mehr ihre Eigenart hineinmischten in die Tradition. Sie mußten ihre Eigenart, das heißt das Gebundensein mit dem Intellektualismus an das Leibliche, hineinmischen in ihre Auffassung. Und was sich insbesondere in Europa zeigte, das war, daß zwar in den alten Zeiten der menschliche Leib der Europäer in hohem Maße das Werkzeug für ihre Art elementaren Intellektualismus war, daß aber dieser Körper allmählich erstarb. Und eigentlich ist die körperliche Entwickelung der europäischen Menschheit bis ins 15. Jahrhundert und noch bis in unsere Zeit herauf ein Ersterben des materiellen Leibes. Unser materieller Leib wird immer dichter und knöcheriger. Das kann man nicht mit äußerer Anatomie und Physiologie nachweisen, aber es ist der Fall. Wir haben heute nicht mehr diesen innerlich lebendigen Leib, den die Menschen des 1., des 3., ja sogar des 10. und 11. Jahrhunderts noch hatten. Wir haben heute einen europäischen Leib, welcher gegenüber diesem alten, innerlich lebendigen Leib verknöchert ist, abgelähmt ist. Daher stand auf der einen Seite die für das asiatische Geistig-Seelische berechnete Tradition, die die kirchlichen Glaubensbekenntnisse bewahrten, und auf der andern Seite immer mehr und mehr der europäische Leib, dem fremd und fremder wurde das, was aus Asien herübergekommen war, und der nach und nach auch nicht mehr empfangen konnte, was aus Asien herübergekommen war.
[ 10 ] Now, a person can receive something externally that he or she cannot yet grasp internally; he or she can receive it externally through tradition, through oral transmission, and through the written word. And so Europe initially received the explanation, the understanding of the Mystery of Golgotha, through Eastern tradition; that is to say, Christianity was understood in the light of Eastern, spiritual-soul wisdom. This wisdom was great at a time when the Mystery of Golgotha and Christ’s role in the entire development of the Earth were still understood in a Gnostic sense. It grew ever smaller and smaller as Europeans increasingly mingled their own characteristics into the tradition. They had to incorporate their own characteristics—that is, their intellectualism bound to the physical—into their understanding. And what became particularly evident in Europe was that, although in ancient times the human body of Europeans served to a high degree as the instrument for their form of elemental intellectualism, this body gradually withered away. And in fact, the physical development of European humanity up through the fifteenth century and even into our own time has been a process of the material body withering away. Our physical body is becoming increasingly dense and bony. This cannot be proven through external anatomy and physiology, but it is the case. Today we no longer have that inwardly living body that people of the 1st, 3rd, and even the 10th and 11th centuries still possessed. Today we have a European body that, compared to this old, inwardly living body, has become ossified and enfeebled. Thus, on the one hand stood the tradition tailored to the Asian spiritual-soul life, which preserved the church creeds, and on the other hand, increasingly, the European body, to which what had come over from Asia became ever more foreign, and which gradually could no longer receive what had come over from Asia.
[ 11 ] Und jetzt kam immer mehr und mehr seit der Mitte des 15. Jahrhunderts herauf unter dem Einflusse des verknöcherten europäischen Leibes die Tatsache, daß die alte Tradition nur noch dem äußeren, phrasenhaften Wortlaute nach innerhalb der Bekenntnisgemeinschaften bewahrt wurde. Jahrhunderte hindurch war noch die Tradition so lebendig, daß man nicht viel Rücksicht nahm auf das Evangelium, sondern sich an das Leben hielt. Unter dem Einfluß des ersterbenden europäischen Leibes fand man sich dann genötigt zu sagen: Die Tradition wollen wir abwerfen, nur noch an das Wort wollen wir glauben, an das Wort, das aufgeschrieben ist. Man glaubt nämlich, man hätte das Wort, indem man die schlechte Übersetzung des Wortes hat. Und so ist man allmählich dazu gekommen, ohne daß man sich das gestehen will, daß man eigentlich nur mehr die äußere Hülle des alten Wortes hatte, das in sich schloß die Kunde über das Mysterium von Golgatha in dem Gewande orientalischer geistig-seelischer Weisheit.
[ 11 ] And then, from the mid-15th century onward, under the influence of the ossified European body, it became increasingly apparent that the old tradition was being preserved within the confessional communities only in its outward, formulaic wording. For centuries, tradition had been so alive that people paid little attention to the Gospel, but instead held fast to life itself. Under the influence of the dying European body, they then found themselves compelled to say: “Let us cast aside tradition; let us believe only in the Word—the Word that is written down.” For people believe they possess the Word simply by having a poor translation of it. And so, without being willing to admit it, they gradually came to the point where they actually possessed only the outer shell of the ancient Word, which contained within itself the message of the Mystery of Golgotha clothed in the garb of Eastern spiritual and soul wisdom.
[ 12 ] Diese orientalisch geistig-seelische Weisheit wird wenig verstanden von denen, die heute oftmals die Evangelien interpretieren, oder übersetzen, wenig, fast gar nicht. Wir stehen eben heute vor der Notwendigkeit, das Mysterium von Golgatha neu aufzufassen; aber wir können es nicht auffassen, wenn wir in Europa nicht hinauskommen über das, was uns der schon ersterbende europäische Leib gibt. Wir müssen durch geisteswissenschaftliche Entwickelung zu einem Erfassen der geistigen Welt kommen, unabhängig von diesem Leibe. Und alles Heil der Zukunft hängt daran, daß wir zu einem solchen Erfassen der geistigen Welt kommen, das unabhängig ist von dem Leiblichen, das direkt auf das Geistige losgeht. Es wird sich unterscheiden müssen von dem, was die orientalische geistig-seelische Kultur in sich hat. Diese orientalische geistig-seelische Kultur kam durch die Entwickelung des Menschen wie von selbst an diesen heran. Der Europäer der neueren Zeit muß sie sich erwerben. Er muß Geisteswissenschaft pflegen. Er muß die öffentliche Erziehung von der untersten Stufe an so einrichten, daß nicht theoretisch Geisteswissenschaft getrieben wird, aber daß diese einfließt in das ganze Gebaren namentlich des Unterrichts und der Erziehung, daß Geisteswissenschaft auch hineinfließt in den höheren Unterricht, daß Geisteswissenschaft lebt in alledem, was Kunst, Literatur und so weiter, was in dieser Beziehung öffentliches geistiges Leben ist. Und es muß diese europäische Kultur dafür sorgen, daß Geisteswissenschaft als solche gepflegt werde. Was wird dann aus dieser Geisteswissenschaft herauswachsen? Es wird herauswachsen ein neues Verständnis des Mysteriums von Golgatha. Und sagen wird man müssen: Das sind alte Zeiten, in denen man nur nach der orientalischen geistig-seelischen Weisheit interpretiert hat das Mysterium von Golgatha, und eine lebendige neue Weisheit muß in neuer Weise das Mysterium von Golgatha erfassen.
[ 12 ] This Eastern spiritual and psychological wisdom is little understood by those who today often interpret or translate the Gospels—little, almost not at all. We are now faced with the necessity of reinterpreting the Mystery of Golgotha; but we cannot grasp it unless we in Europe move beyond what the already dying European body provides us. Through the development of spiritual science, we must come to an understanding of the spiritual world that is independent of this body. And all the salvation of the future depends on our attaining such an understanding of the spiritual world that is independent of the physical and that reaches directly into the spiritual. It will have to differ from what Oriental spiritual-soul culture embodies. This Oriental spiritual-soul culture came to humanity almost of its own accord through human development. The European of modern times must acquire it for himself. He must cultivate spiritual science. He must organize public education from the very lowest level in such a way that spiritual science is not pursued merely in theory, but that it permeates the entire conduct of teaching and upbringing in particular; that spiritual science also permeates higher education; that spiritual science lives in all that constitutes public spiritual life—such as art, literature, and so on. And it is up to this European culture to ensure that spiritual science is cultivated as such. What will then grow out of this spiritual science? A new understanding of the Mystery of Golgotha will emerge. And we will have to say: Those were bygone days when the Mystery of Golgotha was interpreted solely in terms of Eastern spiritual and soul wisdom; a living, new wisdom must grasp the Mystery of Golgotha in a new way.
[ 13 ] In vieler Beziehung haben wir ja über diese Dinge öfter gesprochen, aber sie müssen von allen Seiten unsere Seele ergreifen. Es ist notwendig, daß wir den Ernst in unsere Empfindung aufnehmen, der wirklich uns durchdringt mit der Einsicht von der Notwendigkeit eines neuen Verständnisses des Mysteriums von Golgatha. Und da liegt immerhin etwas vor, was, ich möchte sagen, den Ernst gerade für die mitteleuropäische Bevölkerung zu einem noch herberen macht.
[ 13 ] We have, of course, spoken about these things often in many respects, but they must touch our souls from every angle. It is necessary that we take to heart the gravity that truly permeates us with the realization of the need for a new understanding of the Mystery of Golgotha. And there is, after all, something here that, I would say, makes this gravity even more bitter for the people of Central Europe.
[ 14 ] Wenn wir mit einem tieferen Verständnis hinblicken auf dasjenige, was Geistesleben geworden ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gerade innerhalb Mitteleuropas, so werden Sie sagen müssen: Da ist, trotzdem natürlich auch die Bevölkerung dieses Mitteleuropa Leiber hatte, die schon im Absterben waren, doch noch so viel Lebendiges gewesen, daß sich diese Bevölkerung Mitteleuropas herauf erheben konnte zur Lebendigkeit der Ideenwelt, wie sie eigentlich niemals vorher in der Menschheitsentwickelung erreicht worden ist. Es gibt keine solche Erhebung des Menschen zu abstrakten Begriffen, aber zugleich so, daß, wenn man in diesen abstrakten Begriffen lebt, man nicht im Toten lebt, sondern im Lebendigen, wie es zum Beispiel erreicht worden ist vom Goetheanismus oder von den idealistischen deutschen Philosophen. Das gibt es sonst in der Menschheitsentwickelung nicht. Das ist auch in einer gewissen Beziehung ein Höhepunkt, den man sich nur wirklich ganz klarmachen muß. Die heutige Menschheit will eben nichts mehr davon wissen, wie, um jetzt einmal einen Geist aus der Reihe der Goetheanisten herauszugreifen, ein Mensch wie Schelling — ich habe das öfter geschildert — sich in der Sphäre abstrakter Begriffe bewegt, und doch, obwohl er in abstrakten Begriffen redet, so lebendig in dieser Welt der abstrakten Begriffe sich bewegt, wie sonst einer nur, wenn er von Essen und Trinken spricht. Auch bei Fichte war das der Fall. Dieses Heraufsteigenkönnen in die Sphäre der Begriffe und Ideen in Lebendigkeit tritt uns auf diesem Gebiet menschlicher Entwickelung ganz besonders entgegen. Daher liegt wirklich für diese mitteleuropäische Bevölkerung doch etwas ganz Besonderes vor im ganzen Zusammenhang der neueren Menschheit. Bei dieser mitteleuropäischen Bevölkerung liegt nämlich tatsächlich das vor, daß sie durch ihre besondere Eigenart, die eigentlich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überflutet worden ist von etwas anderem, am ehesten ergreifen kann den Beruf der modernen Menschheit, wiederum in die Geistigkeit hineinzukommen. Deshalb ist es so furchtbar schmerzlich zu empfinden, daß es heute in Mitteleuropa ein so schläfriges Menschenwesen gibt, das in einem gewissen Sinn auf den Gräbern Lessings und Goethes und Herders und Schellings herumgeht und selber seine Aufgabe im seelischen Schlafen sieht. Denn tatsächlich, im Wiederanknüpfen an dasjenige, was diese Geister geschrieben und gedacht haben, aber nicht in äußerlicher Weise, sondern im Wiederanknüpfen an den Geist, aus dem heraus sie geschrieben haben, würde dasjenige liegen, was Europa in die Höhe bringen könnte. Europa kann nicht in die Höhe gebracht werden, wenn in seinen Kirchen die unverstandenen Evangelienworte nachgeplappert werden. Europa kann nur in die Höhe gebracht werden, wenn die Erfassung der geistigen Welten gesucht wird in einer weiteren Fortbildung desjenigen, was ein Herder, ein Goethe und andere erstrebt haben. Aber davon wird in der Gegenwart fast gar nichts bemerkt. Es ist schon ein trauriges Zeichen der Zeit, daß zum Beispiel innerhalb einer Kulturgemeinschaft, die so etwas besitzt wie Fichtes «Bestimmung des Menschen», wie Schellings «Bruno», wie Schillers «Ästhetische Briefe», und ich könnte Ihnen noch vieles nennen, daß innerhalb einer solchen Kulturgemeinschaft ein Streben aufkommen konnte, das sich zu den lächerlichen, oberflächlichen Amerikanismen eines Ralph Waldo Trine und ähnlichen andern hingewandt hat. Man hat hier weit, weit Höheres, läßt es schlafen und wendet sich zu anderem hin.
[ 14 ] If we look with a deeper understanding at what spiritual life had become in the second half of the 18th century and the first half of the 19th century, particularly within Central Europe, then you will have to say: Although, of course, the population of Central Europe also had bodies that were already in the process of dying, there was still so much that was alive that this population of Central Europe was able to rise to the vitality of the world of ideas, as had never before been achieved in human development. There is no such elevation of the human being to abstract concepts—yet at the same time, when one lives within these abstract concepts, one does not live in the dead but in the living, as was achieved, for example, by Goetheanism or by the idealist German philosophers. This is otherwise unknown in human development. In a certain sense, this is also a high point that one must simply make quite clear to oneself. Today’s humanity simply wants nothing more to do with the way—to take just one thinker from the ranks of the Goetheans—a person like Schelling—as I have often described—moves within the sphere of abstract concepts, and yet, even though he speaks in abstract concepts, he moves so vividly within this world of abstract concepts as one would otherwise only do when speaking of eating and drinking. This was also the case with Fichte. This ability to ascend into the sphere of concepts and ideas with such vitality stands out to us quite particularly in this area of human development. Therefore, there really is something quite special about this Central European population within the broader context of modern humanity. For this Central European population, in fact, possesses a unique character—one that was only truly overwhelmed by something else in the second half of the 19th century—that enables it to most readily embrace the calling of modern humanity: to return to the spiritual realm. That is why it is so terribly painful to witness that there exists today in Central Europe such a slumbering human being who, in a certain sense, wanders among the graves of Lessing, Goethe, Herder, and Schelling, and sees his own task in spiritual slumber. For in fact, it is in reconnecting with what these spirits wrote and thought—not in an external sense, but by reconnecting with the spirit from which they wrote—that lies what could lift Europe to new heights. Europe cannot be raised to new heights if the words of the Gospel, misunderstood, are merely parroted in its churches. Europe can only be raised to new heights if an understanding of the spiritual worlds is sought through a further development of what Herder, Goethe, and others strove for. But almost no one takes notice of this in the present day. It is indeed a sad sign of the times that, for example, within a cultural community that possesses works such as Fichte’s The Destiny of Man, Schelling’s Bruno, and Schiller’s Aesthetic Letters, and I could name many more—that within such a cultural community a trend could emerge that has turned toward the ridiculous, superficial Americanisms of a Ralph Waldo Trine and others like him. Here, far, far higher things exist, yet they are left dormant while attention turns elsewhere.
[ 15 ] Und je mehr man in das eigentliche geistige Gebiet hineindringt, desto stärker offenbart es sich, daß im Leben der heutigen Menschheit Neues offenbar wird. Der Mitteleuropäer wird von dem Westeuropäer wenig verstanden; der Westeuropäer wird von dem Mitteleuropäer wenig verstanden, auch schon im gewöhnlichen Leben. Aber man bemerkt es da nicht so. Man glaubt sich zu verstehen. Man merkt nicht, daß man aneinander vorbeiredet. Ich will nicht reden von dem Aneinandervorbeireden der Amerikaner und Europäer, sondern von dem der Mittel- und Westeuropäer. In diesen Dingen kann man ja auch Merkwürdiges erleben.
[ 15 ] And the deeper one penetrates into the realm of the spirit itself, the more evident it becomes that something new is emerging in the life of humanity today. Central Europeans are little understood by Western Europeans; Western Europeans are little understood by Central Europeans, even in everyday life. But people don’t really notice it there. They believe they understand one another. They don’t realize that they are talking past one another. I do not wish to speak of the Americans and Europeans talking past one another, but rather of Central and Western Europeans doing so. One can indeed experience strange things in these matters.
[ 16 ] Ich habe Ihnen auch das letzte Mal, als ich hier war, erzählt, daß das Verleumdungssystem nicht nur hier innerhalb Deutschlands spielt, sondern daß es auch außerhalb der Grenzen Deutschlands spielt. Ich habe Ihnen von diesem Ferrière erzählt, der in einer belgisch-schweizerischen Zeitschrift sich zum Verbreiter eines sonderbaren Märchens gemacht hat, indem er erzählte, daß es ja allbekannt wäre von mir, daß ich der «Rasputin» Wilhelms II. gewesen sei und wesentlich beigetragen hätte zu all den schlechten Ratschlägen, die Wilhelm II. in der Schreckenszeit gegeben worden sind. Ich habe nun, genötigt durch diese Verleumdung, die sich namentlich innerhalb der französischen Schweiz ausgebreitet hatte, entgegnet in der Form, daß ich die Wahrheit, um die es sich hier handelt, niederschrieb, nämlich die nackten Tatsachen: daß ich den ehemaligen Kaiser nur von ferne flüchtig gesehen habe, daß ich niemals ein Wort mit ihm gesprochen habe, daß ich niemals auch nur eine mittelbare Verbindung mit ihm gesucht habe. Ich habe diese nackten Tatsachen niedergeschrieben in einem Brief an Herrn Dr. Boos, der dann seinerseits dem Ferrière die nötige Abfertigung gegeben hat. Es wurde dies aufgenommen in der betreffenden Zeitschrift und auch gleich die Erwiderung abgedruckt. Diese Erwiderung hat ungefähr den folgenden Inhalt: Man sehe an diesem Beispiel wiederum den großen Unterschied zwischen dem lateinischen Geist und dem germanischen Geist. Der germanische Geist nähme alles so seriös. «Meine Leser», so schreibt Ferrière, «werden sich aber nicht haben täuschen lassen; sie werden schon herausgefunden haben, daß dasjenige, was ich niederschrieb, als ‹plaisanterie> gemeint ist und nicht als ‹méchanceté›. Im übrigen konstatiere ich, daß man die Erfahrung machen kann, daß auch dann, wenn man etwas hört von Menschen, von denen man glaubt, daß man ihnen glauben könnte, auch wenn das Gerücht eine weite Verbreitung gefunden hat, es doch nicht wahr sein kann. Ich nehme davon Notiz.» Und so weiter.
[ 16 ] I also told you the last time I was here that this smear campaign is not limited to Germany, but extends beyond its borders as well. I told you about this Ferrière, who, in a Belgian-Swiss magazine, made himself the purveyor of a strange tall tale by claiming that it was common knowledge that I had been Wilhelm II’s “Rasputin” and had contributed significantly to all the bad advice given to Wilhelm II during the Reign of Terror. Compelled by this slander, which had spread particularly within French-speaking Switzerland, I responded by writing down the truth of the matter—namely, the bare facts: that I had only seen the former emperor briefly from a distance, that I had never spoken a word to him, and that I had never even sought an indirect connection with him. I set down these bare facts in a letter to Dr. Boos, who in turn gave Ferrière the necessary rebuttal. This was published in the relevant journal, and the reply was printed immediately as well. This reply has roughly the following content: One can see in this example, once again, the great difference between the Latin spirit and the Germanic spirit. The Germanic spirit takes everything so seriously. “My readers,” Ferrière writes, “will not have been deceived, however; they will already have realized that what I wrote was meant as a ‘plaisanterie’ and not as ‘méchanceté.’” Incidentally, I note that one can learn from experience that even when one hears something from people whom one believes one can trust, and even if the rumor has spread widely, it may still not be true. I take note of this.” And so on.
[ 17 ] Das war die elegante Erwiderung, die der «lateinische Geist» mit «plaisanterie» über den seriösen germanischen Geist geben konnte. Wenn solche Dinge noch hervortreten, dann kann man ja noch zufrieden sein, aber sie werden sehr häufig nicht bemerkt.
[ 17 ] That was the elegant retort that the “Latin spirit” could offer with “plaisanterie” to the serious Germanic spirit. If such things still come to the fore, then one can still be satisfied, but very often they go unnoticed.
[ 18 ] Aber noch bedeutsamer treten diese Dinge hervor gerade auf dem Gebiet einer tieferen Weltauffassung, da, wo diese Dinge hineinspielen in die Wissenschaft von der Initiation, in die Wissenschaft der Einweihung und in all das, was damit zusammenhängt. Und hier auf diesem Gebiet ist es in der Tat schon notwendig, daß einmal an diese Dinge gerührt werde, an die zu rühren allerdings manche Menschen heute noch für außerordentlich gefährlich halten. Und so möchte ich denn heute zu Ihnen von einer Tatsache sprechen, die nach der Meinung namentlich westlicher Vertreter der Einweihungswissenschaft eben nicht besprochen werden soll.
[ 18 ] But these matters stand out even more significantly in the realm of a deeper worldview—where they play a role in the science of initiation, in the science of consecration, and in everything connected with them. And here, in this realm, it is indeed necessary to address these matters—matters that some people today still consider extraordinarily dangerous to touch upon. And so today I would like to speak to you about a fact that, in the opinion of Western representatives of the science of initiation in particular, should not be discussed.
[ 19 ] Sie können von westlichen Vertretern der Einweihungswissenschaft immer wieder und wiederum hören, daß es eigentlich ganz untunlich sei, daß jemand von sich selber aus die selbsterkannte Einweihungswissenschaft verbreitet. Sie werden daher immer finden, daß, wenn wirklich Eingeweihte des Westens durch öffentliche Schriften Einweihungswissenschaft zur Darstellung bringen, sie es ablehnen, selber erfahrungsgemäß von den Dingen, die sie mitteilen, etwas zu wissen. Sie finden es als eine typische Tatsache, daß irgend jemand Dinge mitteilt, die durchaus Einweihungswissenschaft sind, besonders in Amerika erscheinen solche Dinge, da wird dann eine Vorrede dazu gemacht, das gehört einfach zur Technik der Behandlung der ganzen Sache, und darin wird gesagt: Es ist selbstverständlich, daß ich alle diese Dinge nicht von mir habe, denn hätte ich sie von mir, so würde ich sie nicht mitteilen. — Sehen Sie nach, Sie werden bei einer großen Anzahl von Dokumenten gerade der Einweihungswissenschaft des Westens solche Dinge finden. Und wenn dann die Frage entsteht, warum so verfahren wird, dann bekommen Sie eine gewisse Antwort, die innerhalb bestimmter Grenzen für westliche Einweihungswissenschaft durchaus zutreffend ist. Da wird Ihnen gesagt: Derjenige, der direkt, unmittelbar in der geistigen Welt etwas erfährt, der also die Geheimnisse der geistigen Welt kennt, der kann ja dem andern nicht sagen, daß er sie durch eigene Erfahrung kennt — so wird in der Regel die Antwort wörtlich lauten —, denn verrät er, daß er aus eigener unmittelbarer Erfahrung Einweihungserkenntnisse besitzt, so begibt er sich lebenslänglich in Abhängigkeit von dem, dem er sein Geheimnis verrät.
[ 19 ] You will hear time and again from Western representatives of the science of initiation that it is actually quite inappropriate for anyone to disseminate the self-realized science of initiation on their own initiative. You will therefore always find that when truly initiated individuals in the West present the science of initiation through public writings, they deny—based on their own experience—that they know anything about the very things they are communicating. You will find it a typical occurrence that someone communicates things that are indeed the science of initiation; such things appear especially in America, where a preface is added—this is simply part of the technique for handling the whole matter—and in it it is stated: “It goes without saying that I do not have all these things of my own accord, for if I did, I would not communicate them.” — Look into it, and you will find such things in a large number of documents pertaining specifically to Western esoteric science. And when the question arises as to why this is done, you will receive a certain answer that, within certain limits, is entirely accurate for Western esoteric science. You will be told: “The one who experiences something directly and immediately in the spiritual world—that is, who knows the mysteries of the spiritual world—cannot tell another that he knows them through his own experience”—this is how the answer will generally read verbatim—“ for if he reveals that he possesses initiatory knowledge from his own direct experience, he places himself in lifelong dependence on the one to whom he reveals his secret.
[ 20 ] Diese Anschauung, die in dem Wesen der westlichen Einweihungswissenschaft begründet ist, führt dazu, daß in einer ganz äußerlichen Weise über alles Einweihungsgemäße bei den westlichen Einweihungsgesellschaften gesprochen wird, daß durchaus unter den westlichen Menschen Eingeweihte herumgehen, von denen kein Mensch weiß, daß sie Eingeweihte sind. Diese Anschauung, die überwunden werden muß von der neueren Zeit, die kann gar nicht in Mitteleuropa gelten, und es muß gerade der Geist, der in Mitteleuropa sein sollte, diese Anschauung bekämpfen. Und zwar muß dieser mitteleuropäische Geist sie dadurch bekämpfen, daß er in der vorhin charakterisierten neuen geistigen Weise verstehen lernt das Mysterium von Golgatha, verstehen lernt das Leben mit dem Christus-Wesen.
[ 20 ] This view, which is rooted in the very nature of Western esoteric science, leads to everything related to initiation being discussed in a purely superficial manner within Western esoteric societies, so that there are indeed initiates walking among Western people of whom no one knows that they are initiates. This view, which must be overcome in modern times, cannot apply at all in Central Europe, and it is precisely the spirit that should prevail in Central Europe that must combat this view. Specifically, this Central European spirit must combat it by learning to understand, in the new spiritual way characterized earlier, the Mystery of Golgotha and life with the Christ Being.
[ 21 ] Hier liegt ein wichtiges Geheimnis. In westlichen Ländern ist es heute mit der gebräuchlichen Einweihungswissenschaft noch vielfach so, daß sie ferne steht dem Christentum; sonst hätte nicht die Theosophical Society mit Ausschluß des Christentums oder mit einem karikierten Christentum eine rein orientalische, indische Weisheit, eine vorchristliche Weisheit als etwas Neues angewandt. Es ist eine Eigentümlichkeit dieser westlichen Einweihungswissenschaft, daß derjenige, der dort eingeweiht ist, nur etwas hat von seiner Einweihung, wenn er wenigstens einen Schüler hat, der seine Vorstellungen wiederholt. Es nützt gar nichts, die Einweihungswissenschaft nur für sich allein zu haben. Geradeso wie Sie geradeaus sehend mit Ihren Augen auf keinen Gegenstand treffen, so treffen Sie nicht auf Ihre eigenen geistigen Begriffe, wenn Sie als westlicher Eingeweihter nicht schauen können auf die Wiederholung Ihrer Vorstellungen bei einem andern. In der mannigfaltigsten Form wird das schon angedeutet, aber man erkennt es nicht richtig. In der Tat, wenn es so ist, dann gilt es, daß derjenige, der einem andern verrät, daß er selber ein Eingeweihter ist, lebenslänglich in die Gewalt dieses andern kommt; denn der andere kann ihm den Dienst aufsagen und kann ihm sagen: Ich wiederhole deine Vorstellungen nicht. — Es kommt eine gewisse Abhängigkeit heraus unter diesem Prinzip. Das gehört im wesentlichen zu den charakteristischen Eigenschaften derjenigen Einweihungswissenschaft, von der ich Ihnen oftmals von andern Gesichtspunkten aus als herrschender Einweihungswissenschaft des Westens erzählt habe.
[ 21 ] Herein lies an important secret. In Western countries today, the prevailing science of initiation is still in many ways far removed from Christianity; otherwise, the Theosophical Society would not have applied a purely Eastern, Indian wisdom—a pre-Christian wisdom—as something new, while excluding Christianity or presenting a caricatured version of it. It is a peculiarity of this Western science of initiation that one who is initiated in it derives no benefit from one’s initiation unless one has at least one disciple who repeats one’s ideas. It is of no use whatsoever to possess the science of initiation solely for oneself. Just as you cannot see any object directly with your eyes, so you cannot perceive your own spiritual concepts if, as a Western initiate, you are unable to observe the repetition of your ideas in another person. This is already hinted at in the most varied forms, but it is not properly recognized. In fact, if this is the case, then it follows that whoever reveals to another that he himself is an initiate falls under that other’s power for life; for the other can terminate his service and can say to him: “I do not repeat your ideas.” — A certain dependence arises from this principle. This is essentially one of the characteristic features of that science of initiation about which I have often spoken to you—from other perspectives—as the dominant science of initiation in the West.
[ 22 ] Nun gibt es gegenüber dieser Abhängigkeit von der Anhängerschaft nur ein einziges: Die Gemeinschaft zu haben mit dem Christus, der ja seit dem Mysterium von Golgatha auf der Erde wirklich zu finden ist. Wer in dieser Gemeinschaft nicht mit einem nichtsinnlichen Menschenwesen, sondern mit dem unter die Menschen gegangenen ersten Bruder die Gemeinschaft hält, mit dem lebendigen, unter uns wandelnden Christus diejenige Gemeinschaft hält, die man in der vorchristlichen Einweihung mit einem andern Menschen haben mußte, der braucht nicht davor zurückzuschrecken, seine eigene Weisheit an die Mitwelt mitzuteilen. Aber es gibt in der Gegenwart keinen andern Weg, ursprüngliche Initiationsweisheit unmittelbar mitzuteilen, als wenn man die Gemeinschaft mit dem Christus hält. Einen andern Weg gibt es nicht. Und daher wird wirkliche Initiationsweisheit der neueren Zeit diese Gemeinschaft mit dem Christus suchen müssen. Wenn sie nicht gesucht werden könnte, diese Initiationsweisheit, wir könnten in sozialer Erkenntnis nicht vorwärtskommen. Denn mit dem, was nicht aus der Einweihung stammt, ist heute kein soziales Denken mehr zu entwickeln. Das aber gerade brauchen wir. Und wenn aus der westlichen Initiationsweisheit allein herausgeboren würde ein soziales System, so würde das darauf beruhen müssen, daß die Initiationsweisheit selbst bis in weite Gebiete herunter — gewisse höhere Gebiete können ja heute den Menschen nicht mitgeteilt werden, weil dazu Vorbereitung nötig ist — geheimgehalten wird. Aber mit dieser Art von Geheimhaltung ist ja von vornherein nicht vereinbar das Prinzip der Gleichheit aller Menschen, welche immer mehr und mehr angestrebt wird von dem neueren europäischen, überhaupt vom modernen zivilisierten Menschentum. Daraus sehen Sie, daß gerade da, wo man Initiationsweisheit findet, hineinspielt der kolossale Unterschied zwischen der Veranlagung der mitteleuropäischen Menschen und derjenigen der westlichen Menschen. Viel mehr wird dieser Unterschied deutlich, wenn es sich handelt um die Initiationsweisheit, als wenn es sich handelt um dasjenige, worin man in der Gegenwart so aneinander vorbeigeht und glaubt, man könne die Menschheit in eine abstrakte einheitliche Form bringen. Das kann man nicht. Die Menschheit ist differenziert und die Differenzierung zeigt sich besonders, wenn man in die Tiefen der Einweihungswissenschaft hineingeht. Mit diesem Thema ist tatsächlich etwas sehr Bedeutsames angeschlagen und ich werde es schon nötig haben, einzelne weitere Erklärungen zu diesem Thema noch zu geben während meiner hiesigen Anwesenheit. — Auf dem Gebiete der wirklichen Geist-Erkenntnis kann nicht mit Überhudeln, mit Nachlässigkeiten, mit einem Wenig-Ernst-Nehmen der Wahrheit gerechnet werden. Das geht eben einfach nicht. Es ist Wahrhaftigkeit notwendig.
[ 22 ] Now, in contrast to this dependence on the followers, there is only one thing: to be in communion with Christ, who has indeed been truly present on earth since the Mystery of Golgotha. Whoever maintains this communion—not with a non-sensory human being, but with the first brother who came among humanity, with the living Christ walking among us—the very communion that in pre-Christian initiation had to be shared with another human being, need not shy away from sharing their own wisdom with the world around them. But in the present day, there is no other way to directly communicate original initiatory wisdom than by maintaining communion with Christ. There is no other way. And therefore, true initiatory wisdom of the modern age will have to seek this communion with Christ. If this initiatory wisdom could not be sought, we could make no progress in social understanding. For today, social thought can no longer be developed from anything that does not stem from initiation. Yet that is precisely what we need. And if a social system were to emerge solely from Western initiatory wisdom, it would have to be based on the fact that the initiatory wisdom itself is kept secret in many areas—certain higher realms, after all, cannot be communicated to people today because preparation is necessary for them. But this kind of secrecy is, from the outset, incompatible with the principle of the equality of all human beings—a principle increasingly sought after by the newer European, and indeed by modern civilized humanity as a whole. From this you can see that it is precisely where initiatory wisdom is found that the colossal difference between the disposition of Central European people and that of Western people comes into play. This difference becomes much clearer when it comes to the wisdom of initiation than when it comes to that in which people today so often fail to see eye to eye and believe they can mold humanity into an abstract, uniform form. That is not possible. Humanity is diverse, and this diversity becomes particularly evident when one delves into the depths of initiatory science. This topic indeed touches on something very significant, and I will certainly need to provide further explanations on this subject during my stay here. — In the realm of true spiritual knowledge, one cannot expect to get by with superficiality, carelessness, or a lack of seriousness toward the truth. That simply does not work. Truthfulness is essential.
