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Contrasts in Human Development
GA 197

7 March 1920, Stuttgart

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Zweiter Vortrag

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Es handelt sich darum, wie schon öfter hier gesagt und vorgestern von einem wieder etwas andern Gesichtspunkte ausgeführt worden ist, aus der Entwickelungsgeschichte der Menschheit heraus, wie sie der geisteswissenschaftlichen Forschung vor Augen treten kann, den Ernst der gegenwärtigen Zeit zu empfinden, und aus diesem Ernst der Zeit heraus, gleichgültig an welchem Platz man steht im Leben, zu handeln.

[ 1 ] Es handelt sich darum, wie schon öfter hier gesagt und vorgestern von einem wieder etwas andern Gesichtspunkte ausgeführt worden ist, aus der Entwickelungsgeschichte der Menschheit heraus, wie sie der geisteswissenschaftlichen Forschung vor Augen treten kann, den Ernst der gegenwärtigen Zeit zu empfinden, und aus diesem Ernst der Zeit heraus, gleichgültig an welchem Platz man steht im Leben, zu handeln.

[ 2 ] Ich möchte heute wiederum einige Bausteine beitragen zu dem Gebäude, das in seiner Gänze uns zeigen kann, wie die Geistesverfassung der gegenwärtigen Menschheit beschaffen ist und wie aus dieser Geistesverfassung heraus für den weiteren Fortschritt der Menschheit gearbeitet werden muß. Wir werden zurückgreifen zunächst zu einigem, das uns in seinen Hauptzügen schon bekannt ist.

[ 2 ] Ich möchte heute wiederum einige Bausteine beitragen zu dem Gebäude, das in seiner Gänze uns zeigen kann, wie die Geistesverfassung der gegenwärtigen Menschheit beschaffen ist und wie aus dieser Geistesverfassung heraus für den weiteren Fortschritt der Menschheit gearbeitet werden muß. Wir werden zurückgreifen zunächst zu einigem, das uns in seinen Hauptzügen schon bekannt ist.

[ 3 ] Wir wissen, daß die gegenwärtige zivilisierte Menschheit im wesentlichen darstellt die Fortbildung derjenigen Menschheit, die sich vor der atlantischen Katastrophe entwickelt hat auf dem atlantischen Kontinent, von dem wir ja des öfteren gesagt haben, daß er sich ausbreitete zwischen dem heutigen Europa, Afrika und Amerika an der Stelle, wo heute der Atlantische Ozean ist. Wir wissen, daß unter dem Einfluß der atlantischen Katastrophe, schon als sie sich vorbereitet hat und wie sie dann ihren Fortgang nahm, die damalige Menschheit unseres Westens sich zunächst nach Osten hin bewegte, Europa und weiterziehend Asien bevölkerte, und daß eigentlich die gegenwärtige europäische und asiatische Bevölkerung besteht aus der Nachkommenschaft der alten atlantischen Bevölkerung. Wir wissen auch, daß die Zivilisation dann in einer gewissen Weise den umgekehrten Weg genommen hat, daß Zivilisationsinhalt, Kulturinhalt, der zunächst in Asien erobert worden ist, von der Menschheit durch die Einwanderung von Kolonisatoren nach Europa gebracht worden ist, daß er dann da von verschiedenen Zentren ausgegangen ist. So ist, ich möchte sagen, die physische Grundlage der modernen Zivilisation, die Menschheit Europas und Asiens, Nachkommenschaft der alten atlantischen Bevölkerung, die vom Westen nach Osten gezogen ist; die Zivilisation selbst aber hat den Zug von Osten nach Westen gemacht. Diese zwei Wanderzüge werden eigentlich nur richtig unterschieden, wenn man von geisteswissenschaftlicher Forschung ausgeht. Die äußere Anthropologie verwirrt die beiden Dinge und weiß nicht, daß dasjenige, was von Asien nach Europa sich herüber verpflanzt hat, eigentlich nur die Kultur ist, während die physische Grundlage Wanderzügen ihr Dasein verdankt, die von Westen nach Osten sich erstreckten.

[ 3 ] Wir wissen, daß die gegenwärtige zivilisierte Menschheit im wesentlichen darstellt die Fortbildung derjenigen Menschheit, die sich vor der atlantischen Katastrophe entwickelt hat auf dem atlantischen Kontinent, von dem wir ja des öfteren gesagt haben, daß er sich ausbreitete zwischen dem heutigen Europa, Afrika und Amerika an der Stelle, wo heute der Atlantische Ozean ist. Wir wissen, daß unter dem Einfluß der atlantischen Katastrophe, schon als sie sich vorbereitet hat und wie sie dann ihren Fortgang nahm, die damalige Menschheit unseres Westens sich zunächst nach Osten hin bewegte, Europa und weiterziehend Asien bevölkerte, und daß eigentlich die gegenwärtige europäische und asiatische Bevölkerung besteht aus der Nachkommenschaft der alten atlantischen Bevölkerung. Wir wissen auch, daß die Zivilisation dann in einer gewissen Weise den umgekehrten Weg genommen hat, daß Zivilisationsinhalt, Kulturinhalt, der zunächst in Asien erobert worden ist, von der Menschheit durch die Einwanderung von Kolonisatoren nach Europa gebracht worden ist, daß er dann da von verschiedenen Zentren ausgegangen ist. So ist, ich möchte sagen, die physische Grundlage der modernen Zivilisation, die Menschheit Europas und Asiens, Nachkommenschaft der alten atlantischen Bevölkerung, die vom Westen nach Osten gezogen ist; die Zivilisation selbst aber hat den Zug von Osten nach Westen gemacht. Diese zwei Wanderzüge werden eigentlich nur richtig unterschieden, wenn man von geisteswissenschaftlicher Forschung ausgeht. Die äußere Anthropologie verwirrt die beiden Dinge und weiß nicht, daß dasjenige, was von Asien nach Europa sich herüber verpflanzt hat, eigentlich nur die Kultur ist, während die physische Grundlage Wanderzügen ihr Dasein verdankt, die von Westen nach Osten sich erstreckten.

[ 4 ] Nun aber ist der Mensch niemals ganz ohne Beziehung zu seiner örtlichen Daseinsgrundlage. Er ist in einer gewissen Verwandtschaft zu dem, was unter ihm der Erdboden ist, was der Erdboden hervorbringt, wie der Erdboden in klimatischen Verhältnissen sich auslebt und ihm eine Stätte bereitet. Daraus können Sie schon schließen — was aber durch geisteswissenschaftliche Forschung voll bestätigt wird —, daß diejenigen Menschen, die durch die nachatlantischen Wanderungen weiter nach Asien herübergekommen sind, sich anders entwickeln mußten als diejenigen, die in Europa zurückgeblieben sind. Trivial gesprochen, kann man sagen: Der europäische Boden wirkte eben anders auf die Nachkommen der Atlantier als der asiatische Boden. Und wir können in einer gewissen Weise den Unterschied der asiatischen Bevölkerung von der europäischen Bevölkerung angeben. Dieser Unterschied besteht darin, daß tatsächlich gerade in den ältesten Zeiten der nachatlantischen Zivilisationsentwickelung, im 9., 8., 7., 6. vorchristlichen Jahrtausend und auch noch in den folgenden Jahrtausenden, die asiatische Bevölkerung in einer andern Weise dasjenige aufgenommen hat, was eigentlich voll herausgekommen ist erst seit dem 15. Jahrhundert, wie ich das letzte Mal angedeutet habe, was aber schon vorbereitet worden ist in den früheren Jahrhunderten nicht nur, sondern in Jahrtausenden: das Intellektualistische, das eigentliche Denken.

[ 4 ] Nun aber ist der Mensch niemals ganz ohne Beziehung zu seiner örtlichen Daseinsgrundlage. Er ist in einer gewissen Verwandtschaft zu dem, was unter ihm der Erdboden ist, was der Erdboden hervorbringt, wie der Erdboden in klimatischen Verhältnissen sich auslebt und ihm eine Stätte bereitet. Daraus können Sie schon schließen — was aber durch geisteswissenschaftliche Forschung voll bestätigt wird —, daß diejenigen Menschen, die durch die nachatlantischen Wanderungen weiter nach Asien herübergekommen sind, sich anders entwickeln mußten als diejenigen, die in Europa zurückgeblieben sind. Trivial gesprochen, kann man sagen: Der europäische Boden wirkte eben anders auf die Nachkommen der Atlantier als der asiatische Boden. Und wir können in einer gewissen Weise den Unterschied der asiatischen Bevölkerung von der europäischen Bevölkerung angeben. Dieser Unterschied besteht darin, daß tatsächlich gerade in den ältesten Zeiten der nachatlantischen Zivilisationsentwickelung, im 9., 8., 7., 6. vorchristlichen Jahrtausend und auch noch in den folgenden Jahrtausenden, die asiatische Bevölkerung in einer andern Weise dasjenige aufgenommen hat, was eigentlich voll herausgekommen ist erst seit dem 15. Jahrhundert, wie ich das letzte Mal angedeutet habe, was aber schon vorbereitet worden ist in den früheren Jahrhunderten nicht nur, sondern in Jahrtausenden: das Intellektualistische, das eigentliche Denken.

[ 5 ] So wie wir heute dieses Denken kennen, so wie wir heute den menschlichen Intellektualismus als innere Selbstbetätigung der Seele anerkennen, so kam er in seiner ureigenen Gestalt erst heraus in der allerneuesten Zeit. Aber die ganze Entwickelung, namentlich die nachatlantische, ist ein Hintendieren zu diesem Intellektualismus. Und das Bedeutsame ist, daß die asiatische nachatlantische Bevölkerung alles dasjenige, was wir als Intellektualistisches ansprechen können, aufgenommen hat mehr mit den seelischen Elementen; so daß wir da, innerhalb dieser asiatischen Bevölkerung, sagen können: Die örtlichen Verhältnisse prädestinieren diese Bevölkerung besonders dazu, das Seelische mit den Vorstufen des intelligenten Wesens zu durchdringen. Das ist das Bemerkenswerteste in der asiatischen Zivilisation, daß das Seelische als solches das Werkzeug wurde für das Aufnehmen des intelligenten Prinzips.

[ 5 ] So wie wir heute dieses Denken kennen, so wie wir heute den menschlichen Intellektualismus als innere Selbstbetätigung der Seele anerkennen, so kam er in seiner ureigenen Gestalt erst heraus in der allerneuesten Zeit. Aber die ganze Entwickelung, namentlich die nachatlantische, ist ein Hintendieren zu diesem Intellektualismus. Und das Bedeutsame ist, daß die asiatische nachatlantische Bevölkerung alles dasjenige, was wir als Intellektualistisches ansprechen können, aufgenommen hat mehr mit den seelischen Elementen; so daß wir da, innerhalb dieser asiatischen Bevölkerung, sagen können: Die örtlichen Verhältnisse prädestinieren diese Bevölkerung besonders dazu, das Seelische mit den Vorstufen des intelligenten Wesens zu durchdringen. Das ist das Bemerkenswerteste in der asiatischen Zivilisation, daß das Seelische als solches das Werkzeug wurde für das Aufnehmen des intelligenten Prinzips.

[ 6 ] In Europa, bei den dort zurückgebliebenen Menschen, war das anders. Da war es ganz ausgesprochen so, daß die körperliche Entwickelung, die physische Organisation, nicht nur später das wirkliche Werkzeug des Intellektualismus wurde, sondern sich schon so herausbildete, daß sie das Wesentliche dieser europäischen Bevölkerung bildete, daß sie sich besonders geeignet machte, der Träger des intelligenten Wesens zu werden. Wenn man daher die Nachkommen der frühesten Nachkommen der Atlantier, welche wir also selber sind, charakterisieren will, so muß man sagen: Die Asiaten gewöhnten sich daran, mehr mit der Seele zu denken; die Europäer gewöhnten sich daran, mehr mit dem Körper zu denken. — Das ist auch der wesentliche Unterschied zwischen asiatischer und europäischer Zivilisation. Wenn Sie einen durchgreifenden Unterschied aufzeigen wollen zwischen dem, was als intelligentes Wesen in den Veden oder in der Vedantaphilosophie oder andern asiatischen Geistesströmungen hervortritt gegenüber dem europäischen Wesen, so werden Sie sich sagen müssen: Der Asiate denkt eben mehr durch die Seele, der Europäer mehr durch das Leibliche.

[ 6 ] In Europa, bei den dort zurückgebliebenen Menschen, war das anders. Da war es ganz ausgesprochen so, daß die körperliche Entwickelung, die physische Organisation, nicht nur später das wirkliche Werkzeug des Intellektualismus wurde, sondern sich schon so herausbildete, daß sie das Wesentliche dieser europäischen Bevölkerung bildete, daß sie sich besonders geeignet machte, der Träger des intelligenten Wesens zu werden. Wenn man daher die Nachkommen der frühesten Nachkommen der Atlantier, welche wir also selber sind, charakterisieren will, so muß man sagen: Die Asiaten gewöhnten sich daran, mehr mit der Seele zu denken; die Europäer gewöhnten sich daran, mehr mit dem Körper zu denken. — Das ist auch der wesentliche Unterschied zwischen asiatischer und europäischer Zivilisation. Wenn Sie einen durchgreifenden Unterschied aufzeigen wollen zwischen dem, was als intelligentes Wesen in den Veden oder in der Vedantaphilosophie oder andern asiatischen Geistesströmungen hervortritt gegenüber dem europäischen Wesen, so werden Sie sich sagen müssen: Der Asiate denkt eben mehr durch die Seele, der Europäer mehr durch das Leibliche.

[ 7 ] Und so kommt es denn, daß, weil der Asiate das Intellektuelle gewissermaßen mit einem höheren menschlichen Wesensglied auffaßte, er viel früher zu einem hohen Grade der Zivilisation, aber einer mehr seelischen Zivilisation kam, einer Zivilisation, die weniger abstrakte Begriffe in ihrer Struktur hatte, die aber die Wege weiter hinauf findet zu dem seelisch-geistigen Weltinhalt durch den seelisch-geistigen Menscheninhalt, ohne zu abstrakten Begriffen ihre Zuflucht zu nehmen. Das macht das spirituelle Wesen der asiatischen Zivilisation aus, daß sie im wesentlichen eine seelische Zivilisation ist. Der Asiate ließ. im hohen Grade seine Leiblichkeit unbenützt bei seinem Denken; er trug seinen Leib durch seine irdische Laufbahn. Dasjenige, was sein Geistesleben ausmachte, das pflegte er im Rein-Seelischen. Sie verstehen nicht die ganze eigentümliche Artung des asiatischen Wesens, wenn Sie sie nicht von diesem Gesichtspunkte aus betrachten. Der Europäer dachte immer mehr und mehr mit dem Körperlichen. Daher wurde auch bei ihm mehr als beim Asiaten der Grund gelegt zu einer Kultur, welche das Freiheitsprinzip in die Mitte stellen kann. Der Asiate, dem die Intelligenz beschieden war im Seelischen, der war noch mehr darinnen in dem allgemeinen Weltenorganismus. Der menschliche Leib sondert sich ja besonders heraus aus dem übrigen Weltenorganismus, und benutzt man ihn als das besondere Werkzeug des intellektuellen Lebens, so wird man selbständiger, aber auch mehr mit seiner Selbständigkeit an den Leib gebunden als der Asiate, der die Intelligenz innerhalb des seelischen Prinzips entwickelt hat und dafür weniger selbständig wird.

[ 7 ] Und so kommt es denn, daß, weil der Asiate das Intellektuelle gewissermaßen mit einem höheren menschlichen Wesensglied auffaßte, er viel früher zu einem hohen Grade der Zivilisation, aber einer mehr seelischen Zivilisation kam, einer Zivilisation, die weniger abstrakte Begriffe in ihrer Struktur hatte, die aber die Wege weiter hinauf findet zu dem seelisch-geistigen Weltinhalt durch den seelisch-geistigen Menscheninhalt, ohne zu abstrakten Begriffen ihre Zuflucht zu nehmen. Das macht das spirituelle Wesen der asiatischen Zivilisation aus, daß sie im wesentlichen eine seelische Zivilisation ist. Der Asiate ließ. im hohen Grade seine Leiblichkeit unbenützt bei seinem Denken; er trug seinen Leib durch seine irdische Laufbahn. Dasjenige, was sein Geistesleben ausmachte, das pflegte er im Rein-Seelischen. Sie verstehen nicht die ganze eigentümliche Artung des asiatischen Wesens, wenn Sie sie nicht von diesem Gesichtspunkte aus betrachten. Der Europäer dachte immer mehr und mehr mit dem Körperlichen. Daher wurde auch bei ihm mehr als beim Asiaten der Grund gelegt zu einer Kultur, welche das Freiheitsprinzip in die Mitte stellen kann. Der Asiate, dem die Intelligenz beschieden war im Seelischen, der war noch mehr darinnen in dem allgemeinen Weltenorganismus. Der menschliche Leib sondert sich ja besonders heraus aus dem übrigen Weltenorganismus, und benutzt man ihn als das besondere Werkzeug des intellektuellen Lebens, so wird man selbständiger, aber auch mehr mit seiner Selbständigkeit an den Leib gebunden als der Asiate, der die Intelligenz innerhalb des seelischen Prinzips entwickelt hat und dafür weniger selbständig wird.

[ 8 ] Wir haben also über Asien hin, je mehr wir uns der Zeit nähern in der Menschheitsentwickelung, die das Mysterium von Golgatha brachte, eine hohe seelisch-geistige Kultur, die nun sogar schon wiederum ihren Höhepunkt überschritten hatte, als das Mysterium von Golgatha eintrat, die schon wiederum etwas im Niedergang war. Denn man sollte sich nicht darüber täuschen: Mit europäischen Begriffen ist nicht so ohne weiteres dasjenige zu fassen, was an hoher Kultur durch das Seelisch-Geistige im Asiatentum hervorgebracht worden ist. Und wenn so richtig europäisch denkende Menschen, das heißt Menschen, die ganz mit dem Werkzeug des Leibes denken, wie zum Beispiel Deussen, es unternehmen, das Asiatische dem Europäer nahezubringen, dann kommt etwas heraus, was eben durchaus nicht dem Inhalt der seelisch-geistigen Zivilisation Asiens entspricht, sondern das alles, was dort lebt, ins Europäische übersetzt. Es ist ja sogar unter solchen Einflüssen möglich geworden, daß Interpretationen gewisser indischer Geistesströmungen in Europa Aufsehen gemacht haben, wie die Garbeschen, die nichts anderes bedeuten als die konfuse Übersetzung des asiatischen seelisch-geistigen Wesens durch den europäischen Materialismus. In den Schriften dieser Art ist eben auch nicht eine Spur vorhanden von dem, was der Geist des alten Asiatentums war. Es ist notwendig, heute auf diese Dinge streng hinzuweisen, weil gerade heute, wie ich des öfteren erwähnt habe, der Autoritätsglaube einen furchtbar hohen Grad erreicht hat und man eigentlich schon gar nichts mehr hat, was einen veranlaßt, irgend etwas als gültig anzusehen als die Tatsache, daß irgend etwas aus akademischen Kreisen kommt. Es gibt natürlich keinen wirklich inneren Grund, die Deussensche oder Garbesche Verhunzung des Asiatentums als irgend etwas Bedeutsameres anzusehen als den auf Irrpfaden gehenden Autoritätsglauben Europas, der gar nicht mehr in der Lage ist, irgendwie innerliche Gründe zu finden, sondern der eben nur auf äußere Autorität hin noch glaubt, daß das oder jenes richtig ist. Es hilft nichts — wenn das auch neue Feindschaften hervorbringt —, über diese Dinge nicht die Wahrheit zu sagen, denn der Ernst der Zeit fordert durchaus, daß in gewissen Dingen keine Kompromisse geschlossen werden, sondern daß auf die Wahrheit rückhaltlos hingedeutet wird.

[ 8 ] Wir haben also über Asien hin, je mehr wir uns der Zeit nähern in der Menschheitsentwickelung, die das Mysterium von Golgatha brachte, eine hohe seelisch-geistige Kultur, die nun sogar schon wiederum ihren Höhepunkt überschritten hatte, als das Mysterium von Golgatha eintrat, die schon wiederum etwas im Niedergang war. Denn man sollte sich nicht darüber täuschen: Mit europäischen Begriffen ist nicht so ohne weiteres dasjenige zu fassen, was an hoher Kultur durch das Seelisch-Geistige im Asiatentum hervorgebracht worden ist. Und wenn so richtig europäisch denkende Menschen, das heißt Menschen, die ganz mit dem Werkzeug des Leibes denken, wie zum Beispiel Deussen, es unternehmen, das Asiatische dem Europäer nahezubringen, dann kommt etwas heraus, was eben durchaus nicht dem Inhalt der seelisch-geistigen Zivilisation Asiens entspricht, sondern das alles, was dort lebt, ins Europäische übersetzt. Es ist ja sogar unter solchen Einflüssen möglich geworden, daß Interpretationen gewisser indischer Geistesströmungen in Europa Aufsehen gemacht haben, wie die Garbeschen, die nichts anderes bedeuten als die konfuse Übersetzung des asiatischen seelisch-geistigen Wesens durch den europäischen Materialismus. In den Schriften dieser Art ist eben auch nicht eine Spur vorhanden von dem, was der Geist des alten Asiatentums war. Es ist notwendig, heute auf diese Dinge streng hinzuweisen, weil gerade heute, wie ich des öfteren erwähnt habe, der Autoritätsglaube einen furchtbar hohen Grad erreicht hat und man eigentlich schon gar nichts mehr hat, was einen veranlaßt, irgend etwas als gültig anzusehen als die Tatsache, daß irgend etwas aus akademischen Kreisen kommt. Es gibt natürlich keinen wirklich inneren Grund, die Deussensche oder Garbesche Verhunzung des Asiatentums als irgend etwas Bedeutsameres anzusehen als den auf Irrpfaden gehenden Autoritätsglauben Europas, der gar nicht mehr in der Lage ist, irgendwie innerliche Gründe zu finden, sondern der eben nur auf äußere Autorität hin noch glaubt, daß das oder jenes richtig ist. Es hilft nichts — wenn das auch neue Feindschaften hervorbringt —, über diese Dinge nicht die Wahrheit zu sagen, denn der Ernst der Zeit fordert durchaus, daß in gewissen Dingen keine Kompromisse geschlossen werden, sondern daß auf die Wahrheit rückhaltlos hingedeutet wird.

[ 9 ] Schon als die spirituelle Hochkultur Asiens in einem gewissen Niedergang war, fiel in diese Hochkultur hinein das Ereignis von Golgatha. Dieses Ereignis von Golgatha — man kann es nicht oft genug betonen — wurde zunächst aufgefaßt, begriffen durch dasjenige, was asiatische Kultur hervorgebracht hat. Man muß wirklich unterscheiden zwischen dem Mysterium von Golgatha als Erdentatsache, zwischen dem, was sich im Beginn unserer Zeitrechnung in Vorderasien zugetragen hat, und demjenigen, was die Menschen sich als Vorstellung gemacht haben über dieses Mysterium von Golgatha. Europa hatte zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha geschah, noch keine Möglichkeit, dieses Mysterium von Golgatha voll zu begreifen, denn es war ein Ereignis, das nur vom Geistig-Seelischen aus zu begreifen war. Die europäische Zivilisation aber hatte sich ausgebreitet mit dem Werkzeug des Materiell-Körperlichen; mit dem, was in Europa hervorgebracht wurde an materiell-körperlicher Zivilisation, war diese Tatsache, die da geschah im Beginn unserer Zeitrechnung, aber nicht unmittelbar zu begreifen. Die asiatische Zivilisation jedoch konnte Vorstellungen finden aus dem geistig-seelischen Intellektualismus heraus, um dieses Ereignis von Golgatha zu begreifen. Und so ist dasjenige, was geschehen ist in Palästina, gegossen worden in die Vorstellungswelt des Orients. Und es ist als solches gewandert nach dem Westen über Griechenland nach Italien und ist als Tradition gebracht worden nach Europa.

[ 9 ] Schon als die spirituelle Hochkultur Asiens in einem gewissen Niedergang war, fiel in diese Hochkultur hinein das Ereignis von Golgatha. Dieses Ereignis von Golgatha — man kann es nicht oft genug betonen — wurde zunächst aufgefaßt, begriffen durch dasjenige, was asiatische Kultur hervorgebracht hat. Man muß wirklich unterscheiden zwischen dem Mysterium von Golgatha als Erdentatsache, zwischen dem, was sich im Beginn unserer Zeitrechnung in Vorderasien zugetragen hat, und demjenigen, was die Menschen sich als Vorstellung gemacht haben über dieses Mysterium von Golgatha. Europa hatte zur Zeit, als das Mysterium von Golgatha geschah, noch keine Möglichkeit, dieses Mysterium von Golgatha voll zu begreifen, denn es war ein Ereignis, das nur vom Geistig-Seelischen aus zu begreifen war. Die europäische Zivilisation aber hatte sich ausgebreitet mit dem Werkzeug des Materiell-Körperlichen; mit dem, was in Europa hervorgebracht wurde an materiell-körperlicher Zivilisation, war diese Tatsache, die da geschah im Beginn unserer Zeitrechnung, aber nicht unmittelbar zu begreifen. Die asiatische Zivilisation jedoch konnte Vorstellungen finden aus dem geistig-seelischen Intellektualismus heraus, um dieses Ereignis von Golgatha zu begreifen. Und so ist dasjenige, was geschehen ist in Palästina, gegossen worden in die Vorstellungswelt des Orients. Und es ist als solches gewandert nach dem Westen über Griechenland nach Italien und ist als Tradition gebracht worden nach Europa.

[ 10 ] Nun kann der Mensch äußerlich etwas empfangen, was er innerlich noch nicht erfassen kann; er kann es äußerlich empfangen durch Tradition, durch Überlieferung, durch das geschriebene Wort. Und so bekam Europa zunächst die Erklärung, die Auffassung für das Mysterium von Golgatha durch die orientalische Überlieferung, das heißt, man verstand das Christentum im Lichte orientalischer, geistigseelischer Weisheit. Sie war groß zur Zeit, als man noch gnostisch begriff das Mysterium von Golgatha und die Stellung des Christus zur ganzen Erdenentwickelung. Sie wurde immer geringer und geringer, als die Europäer immer mehr und mehr ihre Eigenart hineinmischten in die Tradition. Sie mußten ihre Eigenart, das heißt das Gebundensein mit dem Intellektualismus an das Leibliche, hineinmischen in ihre Auffassung. Und was sich insbesondere in Europa zeigte, das war, daß zwar in den alten Zeiten der menschliche Leib der Europäer in hohem Maße das Werkzeug für ihre Art elementaren Intellektualismus war, daß aber dieser Körper allmählich erstarb. Und eigentlich ist die körperliche Entwickelung der europäischen Menschheit bis ins 15. Jahrhundert und noch bis in unsere Zeit herauf ein Ersterben des materiellen Leibes. Unser materieller Leib wird immer dichter und knöcheriger. Das kann man nicht mit äußerer Anatomie und Physiologie nachweisen, aber es ist der Fall. Wir haben heute nicht mehr diesen innerlich lebendigen Leib, den die Menschen des 1., des 3., ja sogar des 10. und 11. Jahrhunderts noch hatten. Wir haben heute einen europäischen Leib, welcher gegenüber diesem alten, innerlich lebendigen Leib verknöchert ist, abgelähmt ist. Daher stand auf der einen Seite die für das asiatische Geistig-Seelische berechnete Tradition, die die kirchlichen Glaubensbekenntnisse bewahrten, und auf der andern Seite immer mehr und mehr der europäische Leib, dem fremd und fremder wurde das, was aus Asien herübergekommen war, und der nach und nach auch nicht mehr empfangen konnte, was aus Asien herübergekommen war.

[ 10 ] Nun kann der Mensch äußerlich etwas empfangen, was er innerlich noch nicht erfassen kann; er kann es äußerlich empfangen durch Tradition, durch Überlieferung, durch das geschriebene Wort. Und so bekam Europa zunächst die Erklärung, die Auffassung für das Mysterium von Golgatha durch die orientalische Überlieferung, das heißt, man verstand das Christentum im Lichte orientalischer, geistigseelischer Weisheit. Sie war groß zur Zeit, als man noch gnostisch begriff das Mysterium von Golgatha und die Stellung des Christus zur ganzen Erdenentwickelung. Sie wurde immer geringer und geringer, als die Europäer immer mehr und mehr ihre Eigenart hineinmischten in die Tradition. Sie mußten ihre Eigenart, das heißt das Gebundensein mit dem Intellektualismus an das Leibliche, hineinmischen in ihre Auffassung. Und was sich insbesondere in Europa zeigte, das war, daß zwar in den alten Zeiten der menschliche Leib der Europäer in hohem Maße das Werkzeug für ihre Art elementaren Intellektualismus war, daß aber dieser Körper allmählich erstarb. Und eigentlich ist die körperliche Entwickelung der europäischen Menschheit bis ins 15. Jahrhundert und noch bis in unsere Zeit herauf ein Ersterben des materiellen Leibes. Unser materieller Leib wird immer dichter und knöcheriger. Das kann man nicht mit äußerer Anatomie und Physiologie nachweisen, aber es ist der Fall. Wir haben heute nicht mehr diesen innerlich lebendigen Leib, den die Menschen des 1., des 3., ja sogar des 10. und 11. Jahrhunderts noch hatten. Wir haben heute einen europäischen Leib, welcher gegenüber diesem alten, innerlich lebendigen Leib verknöchert ist, abgelähmt ist. Daher stand auf der einen Seite die für das asiatische Geistig-Seelische berechnete Tradition, die die kirchlichen Glaubensbekenntnisse bewahrten, und auf der andern Seite immer mehr und mehr der europäische Leib, dem fremd und fremder wurde das, was aus Asien herübergekommen war, und der nach und nach auch nicht mehr empfangen konnte, was aus Asien herübergekommen war.

[ 11 ] Und jetzt kam immer mehr und mehr seit der Mitte des 15. Jahrhunderts herauf unter dem Einflusse des verknöcherten europäischen Leibes die Tatsache, daß die alte Tradition nur noch dem äußeren, phrasenhaften Wortlaute nach innerhalb der Bekenntnisgemeinschaften bewahrt wurde. Jahrhunderte hindurch war noch die Tradition so lebendig, daß man nicht viel Rücksicht nahm auf das Evangelium, sondern sich an das Leben hielt. Unter dem Einfluß des ersterbenden europäischen Leibes fand man sich dann genötigt zu sagen: Die Tradition wollen wir abwerfen, nur noch an das Wort wollen wir glauben, an das Wort, das aufgeschrieben ist. Man glaubt nämlich, man hätte das Wort, indem man die schlechte Übersetzung des Wortes hat. Und so ist man allmählich dazu gekommen, ohne daß man sich das gestehen will, daß man eigentlich nur mehr die äußere Hülle des alten Wortes hatte, das in sich schloß die Kunde über das Mysterium von Golgatha in dem Gewande orientalischer geistig-seelischer Weisheit.

[ 11 ] Und jetzt kam immer mehr und mehr seit der Mitte des 15. Jahrhunderts herauf unter dem Einflusse des verknöcherten europäischen Leibes die Tatsache, daß die alte Tradition nur noch dem äußeren, phrasenhaften Wortlaute nach innerhalb der Bekenntnisgemeinschaften bewahrt wurde. Jahrhunderte hindurch war noch die Tradition so lebendig, daß man nicht viel Rücksicht nahm auf das Evangelium, sondern sich an das Leben hielt. Unter dem Einfluß des ersterbenden europäischen Leibes fand man sich dann genötigt zu sagen: Die Tradition wollen wir abwerfen, nur noch an das Wort wollen wir glauben, an das Wort, das aufgeschrieben ist. Man glaubt nämlich, man hätte das Wort, indem man die schlechte Übersetzung des Wortes hat. Und so ist man allmählich dazu gekommen, ohne daß man sich das gestehen will, daß man eigentlich nur mehr die äußere Hülle des alten Wortes hatte, das in sich schloß die Kunde über das Mysterium von Golgatha in dem Gewande orientalischer geistig-seelischer Weisheit.

[ 12 ] Diese orientalisch geistig-seelische Weisheit wird wenig verstanden von denen, die heute oftmals die Evangelien interpretieren, oder übersetzen, wenig, fast gar nicht. Wir stehen eben heute vor der Notwendigkeit, das Mysterium von Golgatha neu aufzufassen; aber wir können es nicht auffassen, wenn wir in Europa nicht hinauskommen über das, was uns der schon ersterbende europäische Leib gibt. Wir müssen durch geisteswissenschaftliche Entwickelung zu einem Erfassen der geistigen Welt kommen, unabhängig von diesem Leibe. Und alles Heil der Zukunft hängt daran, daß wir zu einem solchen Erfassen der geistigen Welt kommen, das unabhängig ist von dem Leiblichen, das direkt auf das Geistige losgeht. Es wird sich unterscheiden müssen von dem, was die orientalische geistig-seelische Kultur in sich hat. Diese orientalische geistig-seelische Kultur kam durch die Entwickelung des Menschen wie von selbst an diesen heran. Der Europäer der neueren Zeit muß sie sich erwerben. Er muß Geisteswissenschaft pflegen. Er muß die öffentliche Erziehung von der untersten Stufe an so einrichten, daß nicht theoretisch Geisteswissenschaft getrieben wird, aber daß diese einfließt in das ganze Gebaren namentlich des Unterrichts und der Erziehung, daß Geisteswissenschaft auch hineinfließt in den höheren Unterricht, daß Geisteswissenschaft lebt in alledem, was Kunst, Literatur und so weiter, was in dieser Beziehung öffentliches geistiges Leben ist. Und es muß diese europäische Kultur dafür sorgen, daß Geisteswissenschaft als solche gepflegt werde. Was wird dann aus dieser Geisteswissenschaft herauswachsen? Es wird herauswachsen ein neues Verständnis des Mysteriums von Golgatha. Und sagen wird man müssen: Das sind alte Zeiten, in denen man nur nach der orientalischen geistig-seelischen Weisheit interpretiert hat das Mysterium von Golgatha, und eine lebendige neue Weisheit muß in neuer Weise das Mysterium von Golgatha erfassen.

[ 12 ] Diese orientalisch geistig-seelische Weisheit wird wenig verstanden von denen, die heute oftmals die Evangelien interpretieren, oder übersetzen, wenig, fast gar nicht. Wir stehen eben heute vor der Notwendigkeit, das Mysterium von Golgatha neu aufzufassen; aber wir können es nicht auffassen, wenn wir in Europa nicht hinauskommen über das, was uns der schon ersterbende europäische Leib gibt. Wir müssen durch geisteswissenschaftliche Entwickelung zu einem Erfassen der geistigen Welt kommen, unabhängig von diesem Leibe. Und alles Heil der Zukunft hängt daran, daß wir zu einem solchen Erfassen der geistigen Welt kommen, das unabhängig ist von dem Leiblichen, das direkt auf das Geistige losgeht. Es wird sich unterscheiden müssen von dem, was die orientalische geistig-seelische Kultur in sich hat. Diese orientalische geistig-seelische Kultur kam durch die Entwickelung des Menschen wie von selbst an diesen heran. Der Europäer der neueren Zeit muß sie sich erwerben. Er muß Geisteswissenschaft pflegen. Er muß die öffentliche Erziehung von der untersten Stufe an so einrichten, daß nicht theoretisch Geisteswissenschaft getrieben wird, aber daß diese einfließt in das ganze Gebaren namentlich des Unterrichts und der Erziehung, daß Geisteswissenschaft auch hineinfließt in den höheren Unterricht, daß Geisteswissenschaft lebt in alledem, was Kunst, Literatur und so weiter, was in dieser Beziehung öffentliches geistiges Leben ist. Und es muß diese europäische Kultur dafür sorgen, daß Geisteswissenschaft als solche gepflegt werde. Was wird dann aus dieser Geisteswissenschaft herauswachsen? Es wird herauswachsen ein neues Verständnis des Mysteriums von Golgatha. Und sagen wird man müssen: Das sind alte Zeiten, in denen man nur nach der orientalischen geistig-seelischen Weisheit interpretiert hat das Mysterium von Golgatha, und eine lebendige neue Weisheit muß in neuer Weise das Mysterium von Golgatha erfassen.

[ 13 ] In vieler Beziehung haben wir ja über diese Dinge öfter gesprochen, aber sie müssen von allen Seiten unsere Seele ergreifen. Es ist notwendig, daß wir den Ernst in unsere Empfindung aufnehmen, der wirklich uns durchdringt mit der Einsicht von der Notwendigkeit eines neuen Verständnisses des Mysteriums von Golgatha. Und da liegt immerhin etwas vor, was, ich möchte sagen, den Ernst gerade für die mitteleuropäische Bevölkerung zu einem noch herberen macht.

[ 13 ] In vieler Beziehung haben wir ja über diese Dinge öfter gesprochen, aber sie müssen von allen Seiten unsere Seele ergreifen. Es ist notwendig, daß wir den Ernst in unsere Empfindung aufnehmen, der wirklich uns durchdringt mit der Einsicht von der Notwendigkeit eines neuen Verständnisses des Mysteriums von Golgatha. Und da liegt immerhin etwas vor, was, ich möchte sagen, den Ernst gerade für die mitteleuropäische Bevölkerung zu einem noch herberen macht.

[ 14 ] Wenn wir mit einem tieferen Verständnis hinblicken auf dasjenige, was Geistesleben geworden ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gerade innerhalb Mitteleuropas, so werden Sie sagen müssen: Da ist, trotzdem natürlich auch die Bevölkerung dieses Mitteleuropa Leiber hatte, die schon im Absterben waren, doch noch so viel Lebendiges gewesen, daß sich diese Bevölkerung Mitteleuropas herauf erheben konnte zur Lebendigkeit der Ideenwelt, wie sie eigentlich niemals vorher in der Menschheitsentwickelung erreicht worden ist. Es gibt keine solche Erhebung des Menschen zu abstrakten Begriffen, aber zugleich so, daß, wenn man in diesen abstrakten Begriffen lebt, man nicht im Toten lebt, sondern im Lebendigen, wie es zum Beispiel erreicht worden ist vom Goetheanismus oder von den idealistischen deutschen Philosophen. Das gibt es sonst in der Menschheitsentwickelung nicht. Das ist auch in einer gewissen Beziehung ein Höhepunkt, den man sich nur wirklich ganz klarmachen muß. Die heutige Menschheit will eben nichts mehr davon wissen, wie, um jetzt einmal einen Geist aus der Reihe der Goetheanisten herauszugreifen, ein Mensch wie Schelling — ich habe das öfter geschildert — sich in der Sphäre abstrakter Begriffe bewegt, und doch, obwohl er in abstrakten Begriffen redet, so lebendig in dieser Welt der abstrakten Begriffe sich bewegt, wie sonst einer nur, wenn er von Essen und Trinken spricht. Auch bei Fichte war das der Fall. Dieses Heraufsteigenkönnen in die Sphäre der Begriffe und Ideen in Lebendigkeit tritt uns auf diesem Gebiet menschlicher Entwickelung ganz besonders entgegen. Daher liegt wirklich für diese mitteleuropäische Bevölkerung doch etwas ganz Besonderes vor im ganzen Zusammenhang der neueren Menschheit. Bei dieser mitteleuropäischen Bevölkerung liegt nämlich tatsächlich das vor, daß sie durch ihre besondere Eigenart, die eigentlich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überflutet worden ist von etwas anderem, am ehesten ergreifen kann den Beruf der modernen Menschheit, wiederum in die Geistigkeit hineinzukommen. Deshalb ist es so furchtbar schmerzlich zu empfinden, daß es heute in Mitteleuropa ein so schläfriges Menschenwesen gibt, das in einem gewissen Sinn auf den Gräbern Lessings und Goethes und Herders und Schellings herumgeht und selber seine Aufgabe im seelischen Schlafen sieht. Denn tatsächlich, im Wiederanknüpfen an dasjenige, was diese Geister geschrieben und gedacht haben, aber nicht in äußerlicher Weise, sondern im Wiederanknüpfen an den Geist, aus dem heraus sie geschrieben haben, würde dasjenige liegen, was Europa in die Höhe bringen könnte. Europa kann nicht in die Höhe gebracht werden, wenn in seinen Kirchen die unverstandenen Evangelienworte nachgeplappert werden. Europa kann nur in die Höhe gebracht werden, wenn die Erfassung der geistigen Welten gesucht wird in einer weiteren Fortbildung desjenigen, was ein Herder, ein Goethe und andere erstrebt haben. Aber davon wird in der Gegenwart fast gar nichts bemerkt. Es ist schon ein trauriges Zeichen der Zeit, daß zum Beispiel innerhalb einer Kulturgemeinschaft, die so etwas besitzt wie Fichtes «Bestimmung des Menschen», wie Schellings «Bruno», wie Schillers «Ästhetische Briefe», und ich könnte Ihnen noch vieles nennen, daß innerhalb einer solchen Kulturgemeinschaft ein Streben aufkommen konnte, das sich zu den lächerlichen, oberflächlichen Amerikanismen eines Ralph Waldo Trine und ähnlichen andern hingewandt hat. Man hat hier weit, weit Höheres, läßt es schlafen und wendet sich zu anderem hin.

[ 14 ] Wenn wir mit einem tieferen Verständnis hinblicken auf dasjenige, was Geistesleben geworden ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gerade innerhalb Mitteleuropas, so werden Sie sagen müssen: Da ist, trotzdem natürlich auch die Bevölkerung dieses Mitteleuropa Leiber hatte, die schon im Absterben waren, doch noch so viel Lebendiges gewesen, daß sich diese Bevölkerung Mitteleuropas herauf erheben konnte zur Lebendigkeit der Ideenwelt, wie sie eigentlich niemals vorher in der Menschheitsentwickelung erreicht worden ist. Es gibt keine solche Erhebung des Menschen zu abstrakten Begriffen, aber zugleich so, daß, wenn man in diesen abstrakten Begriffen lebt, man nicht im Toten lebt, sondern im Lebendigen, wie es zum Beispiel erreicht worden ist vom Goetheanismus oder von den idealistischen deutschen Philosophen. Das gibt es sonst in der Menschheitsentwickelung nicht. Das ist auch in einer gewissen Beziehung ein Höhepunkt, den man sich nur wirklich ganz klarmachen muß. Die heutige Menschheit will eben nichts mehr davon wissen, wie, um jetzt einmal einen Geist aus der Reihe der Goetheanisten herauszugreifen, ein Mensch wie Schelling — ich habe das öfter geschildert — sich in der Sphäre abstrakter Begriffe bewegt, und doch, obwohl er in abstrakten Begriffen redet, so lebendig in dieser Welt der abstrakten Begriffe sich bewegt, wie sonst einer nur, wenn er von Essen und Trinken spricht. Auch bei Fichte war das der Fall. Dieses Heraufsteigenkönnen in die Sphäre der Begriffe und Ideen in Lebendigkeit tritt uns auf diesem Gebiet menschlicher Entwickelung ganz besonders entgegen. Daher liegt wirklich für diese mitteleuropäische Bevölkerung doch etwas ganz Besonderes vor im ganzen Zusammenhang der neueren Menschheit. Bei dieser mitteleuropäischen Bevölkerung liegt nämlich tatsächlich das vor, daß sie durch ihre besondere Eigenart, die eigentlich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts überflutet worden ist von etwas anderem, am ehesten ergreifen kann den Beruf der modernen Menschheit, wiederum in die Geistigkeit hineinzukommen. Deshalb ist es so furchtbar schmerzlich zu empfinden, daß es heute in Mitteleuropa ein so schläfriges Menschenwesen gibt, das in einem gewissen Sinn auf den Gräbern Lessings und Goethes und Herders und Schellings herumgeht und selber seine Aufgabe im seelischen Schlafen sieht. Denn tatsächlich, im Wiederanknüpfen an dasjenige, was diese Geister geschrieben und gedacht haben, aber nicht in äußerlicher Weise, sondern im Wiederanknüpfen an den Geist, aus dem heraus sie geschrieben haben, würde dasjenige liegen, was Europa in die Höhe bringen könnte. Europa kann nicht in die Höhe gebracht werden, wenn in seinen Kirchen die unverstandenen Evangelienworte nachgeplappert werden. Europa kann nur in die Höhe gebracht werden, wenn die Erfassung der geistigen Welten gesucht wird in einer weiteren Fortbildung desjenigen, was ein Herder, ein Goethe und andere erstrebt haben. Aber davon wird in der Gegenwart fast gar nichts bemerkt. Es ist schon ein trauriges Zeichen der Zeit, daß zum Beispiel innerhalb einer Kulturgemeinschaft, die so etwas besitzt wie Fichtes «Bestimmung des Menschen», wie Schellings «Bruno», wie Schillers «Ästhetische Briefe», und ich könnte Ihnen noch vieles nennen, daß innerhalb einer solchen Kulturgemeinschaft ein Streben aufkommen konnte, das sich zu den lächerlichen, oberflächlichen Amerikanismen eines Ralph Waldo Trine und ähnlichen andern hingewandt hat. Man hat hier weit, weit Höheres, läßt es schlafen und wendet sich zu anderem hin.

[ 15 ] Und je mehr man in das eigentliche geistige Gebiet hineindringt, desto stärker offenbart es sich, daß im Leben der heutigen Menschheit Neues offenbar wird. Der Mitteleuropäer wird von dem Westeuropäer wenig verstanden; der Westeuropäer wird von dem Mitteleuropäer wenig verstanden, auch schon im gewöhnlichen Leben. Aber man bemerkt es da nicht so. Man glaubt sich zu verstehen. Man merkt nicht, daß man aneinander vorbeiredet. Ich will nicht reden von dem Aneinandervorbeireden der Amerikaner und Europäer, sondern von dem der Mittel- und Westeuropäer. In diesen Dingen kann man ja auch Merkwürdiges erleben.

[ 15 ] Und je mehr man in das eigentliche geistige Gebiet hineindringt, desto stärker offenbart es sich, daß im Leben der heutigen Menschheit Neues offenbar wird. Der Mitteleuropäer wird von dem Westeuropäer wenig verstanden; der Westeuropäer wird von dem Mitteleuropäer wenig verstanden, auch schon im gewöhnlichen Leben. Aber man bemerkt es da nicht so. Man glaubt sich zu verstehen. Man merkt nicht, daß man aneinander vorbeiredet. Ich will nicht reden von dem Aneinandervorbeireden der Amerikaner und Europäer, sondern von dem der Mittel- und Westeuropäer. In diesen Dingen kann man ja auch Merkwürdiges erleben.

[ 16 ] Ich habe Ihnen auch das letzte Mal, als ich hier war, erzählt, daß das Verleumdungssystem nicht nur hier innerhalb Deutschlands spielt, sondern daß es auch außerhalb der Grenzen Deutschlands spielt. Ich habe Ihnen von diesem Ferrière erzählt, der in einer belgisch-schweizerischen Zeitschrift sich zum Verbreiter eines sonderbaren Märchens gemacht hat, indem er erzählte, daß es ja allbekannt wäre von mir, daß ich der «Rasputin» Wilhelms II. gewesen sei und wesentlich beigetragen hätte zu all den schlechten Ratschlägen, die Wilhelm II. in der Schreckenszeit gegeben worden sind. Ich habe nun, genötigt durch diese Verleumdung, die sich namentlich innerhalb der französischen Schweiz ausgebreitet hatte, entgegnet in der Form, daß ich die Wahrheit, um die es sich hier handelt, niederschrieb, nämlich die nackten Tatsachen: daß ich den ehemaligen Kaiser nur von ferne flüchtig gesehen habe, daß ich niemals ein Wort mit ihm gesprochen habe, daß ich niemals auch nur eine mittelbare Verbindung mit ihm gesucht habe. Ich habe diese nackten Tatsachen niedergeschrieben in einem Brief an Herrn Dr. Boos, der dann seinerseits dem Ferrière die nötige Abfertigung gegeben hat. Es wurde dies aufgenommen in der betreffenden Zeitschrift und auch gleich die Erwiderung abgedruckt. Diese Erwiderung hat ungefähr den folgenden Inhalt: Man sehe an diesem Beispiel wiederum den großen Unterschied zwischen dem lateinischen Geist und dem germanischen Geist. Der germanische Geist nähme alles so seriös. «Meine Leser», so schreibt Ferrière, «werden sich aber nicht haben täuschen lassen; sie werden schon herausgefunden haben, daß dasjenige, was ich niederschrieb, als ‹plaisanterie> gemeint ist und nicht als ‹méchanceté›. Im übrigen konstatiere ich, daß man die Erfahrung machen kann, daß auch dann, wenn man etwas hört von Menschen, von denen man glaubt, daß man ihnen glauben könnte, auch wenn das Gerücht eine weite Verbreitung gefunden hat, es doch nicht wahr sein kann. Ich nehme davon Notiz.» Und so weiter.

[ 16 ] Ich habe Ihnen auch das letzte Mal, als ich hier war, erzählt, daß das Verleumdungssystem nicht nur hier innerhalb Deutschlands spielt, sondern daß es auch außerhalb der Grenzen Deutschlands spielt. Ich habe Ihnen von diesem Ferrière erzählt, der in einer belgisch-schweizerischen Zeitschrift sich zum Verbreiter eines sonderbaren Märchens gemacht hat, indem er erzählte, daß es ja allbekannt wäre von mir, daß ich der «Rasputin» Wilhelms II. gewesen sei und wesentlich beigetragen hätte zu all den schlechten Ratschlägen, die Wilhelm II. in der Schreckenszeit gegeben worden sind. Ich habe nun, genötigt durch diese Verleumdung, die sich namentlich innerhalb der französischen Schweiz ausgebreitet hatte, entgegnet in der Form, daß ich die Wahrheit, um die es sich hier handelt, niederschrieb, nämlich die nackten Tatsachen: daß ich den ehemaligen Kaiser nur von ferne flüchtig gesehen habe, daß ich niemals ein Wort mit ihm gesprochen habe, daß ich niemals auch nur eine mittelbare Verbindung mit ihm gesucht habe. Ich habe diese nackten Tatsachen niedergeschrieben in einem Brief an Herrn Dr. Boos, der dann seinerseits dem Ferrière die nötige Abfertigung gegeben hat. Es wurde dies aufgenommen in der betreffenden Zeitschrift und auch gleich die Erwiderung abgedruckt. Diese Erwiderung hat ungefähr den folgenden Inhalt: Man sehe an diesem Beispiel wiederum den großen Unterschied zwischen dem lateinischen Geist und dem germanischen Geist. Der germanische Geist nähme alles so seriös. «Meine Leser», so schreibt Ferrière, «werden sich aber nicht haben täuschen lassen; sie werden schon herausgefunden haben, daß dasjenige, was ich niederschrieb, als ‹plaisanterie> gemeint ist und nicht als ‹méchanceté›. Im übrigen konstatiere ich, daß man die Erfahrung machen kann, daß auch dann, wenn man etwas hört von Menschen, von denen man glaubt, daß man ihnen glauben könnte, auch wenn das Gerücht eine weite Verbreitung gefunden hat, es doch nicht wahr sein kann. Ich nehme davon Notiz.» Und so weiter.

[ 17 ] Das war die elegante Erwiderung, die der «lateinische Geist» mit «plaisanterie» über den seriösen germanischen Geist geben konnte. Wenn solche Dinge noch hervortreten, dann kann man ja noch zufrieden sein, aber sie werden sehr häufig nicht bemerkt.

[ 17 ] Das war die elegante Erwiderung, die der «lateinische Geist» mit «plaisanterie» über den seriösen germanischen Geist geben konnte. Wenn solche Dinge noch hervortreten, dann kann man ja noch zufrieden sein, aber sie werden sehr häufig nicht bemerkt.

[ 18 ] Aber noch bedeutsamer treten diese Dinge hervor gerade auf dem Gebiet einer tieferen Weltauffassung, da, wo diese Dinge hineinspielen in die Wissenschaft von der Initiation, in die Wissenschaft der Einweihung und in all das, was damit zusammenhängt. Und hier auf diesem Gebiet ist es in der Tat schon notwendig, daß einmal an diese Dinge gerührt werde, an die zu rühren allerdings manche Menschen heute noch für außerordentlich gefährlich halten. Und so möchte ich denn heute zu Ihnen von einer Tatsache sprechen, die nach der Meinung namentlich westlicher Vertreter der Einweihungswissenschaft eben nicht besprochen werden soll.

[ 18 ] Aber noch bedeutsamer treten diese Dinge hervor gerade auf dem Gebiet einer tieferen Weltauffassung, da, wo diese Dinge hineinspielen in die Wissenschaft von der Initiation, in die Wissenschaft der Einweihung und in all das, was damit zusammenhängt. Und hier auf diesem Gebiet ist es in der Tat schon notwendig, daß einmal an diese Dinge gerührt werde, an die zu rühren allerdings manche Menschen heute noch für außerordentlich gefährlich halten. Und so möchte ich denn heute zu Ihnen von einer Tatsache sprechen, die nach der Meinung namentlich westlicher Vertreter der Einweihungswissenschaft eben nicht besprochen werden soll.

[ 19 ] Sie können von westlichen Vertretern der Einweihungswissenschaft immer wieder und wiederum hören, daß es eigentlich ganz untunlich sei, daß jemand von sich selber aus die selbsterkannte Einweihungswissenschaft verbreitet. Sie werden daher immer finden, daß, wenn wirklich Eingeweihte des Westens durch öffentliche Schriften Einweihungswissenschaft zur Darstellung bringen, sie es ablehnen, selber erfahrungsgemäß von den Dingen, die sie mitteilen, etwas zu wissen. Sie finden es als eine typische Tatsache, daß irgend jemand Dinge mitteilt, die durchaus Einweihungswissenschaft sind, besonders in Amerika erscheinen solche Dinge, da wird dann eine Vorrede dazu gemacht, das gehört einfach zur Technik der Behandlung der ganzen Sache, und darin wird gesagt: Es ist selbstverständlich, daß ich alle diese Dinge nicht von mir habe, denn hätte ich sie von mir, so würde ich sie nicht mitteilen. — Sehen Sie nach, Sie werden bei einer großen Anzahl von Dokumenten gerade der Einweihungswissenschaft des Westens solche Dinge finden. Und wenn dann die Frage entsteht, warum so verfahren wird, dann bekommen Sie eine gewisse Antwort, die innerhalb bestimmter Grenzen für westliche Einweihungswissenschaft durchaus zutreffend ist. Da wird Ihnen gesagt: Derjenige, der direkt, unmittelbar in der geistigen Welt etwas erfährt, der also die Geheimnisse der geistigen Welt kennt, der kann ja dem andern nicht sagen, daß er sie durch eigene Erfahrung kennt — so wird in der Regel die Antwort wörtlich lauten —, denn verrät er, daß er aus eigener unmittelbarer Erfahrung Einweihungserkenntnisse besitzt, so begibt er sich lebenslänglich in Abhängigkeit von dem, dem er sein Geheimnis verrät.

[ 19 ] Sie können von westlichen Vertretern der Einweihungswissenschaft immer wieder und wiederum hören, daß es eigentlich ganz untunlich sei, daß jemand von sich selber aus die selbsterkannte Einweihungswissenschaft verbreitet. Sie werden daher immer finden, daß, wenn wirklich Eingeweihte des Westens durch öffentliche Schriften Einweihungswissenschaft zur Darstellung bringen, sie es ablehnen, selber erfahrungsgemäß von den Dingen, die sie mitteilen, etwas zu wissen. Sie finden es als eine typische Tatsache, daß irgend jemand Dinge mitteilt, die durchaus Einweihungswissenschaft sind, besonders in Amerika erscheinen solche Dinge, da wird dann eine Vorrede dazu gemacht, das gehört einfach zur Technik der Behandlung der ganzen Sache, und darin wird gesagt: Es ist selbstverständlich, daß ich alle diese Dinge nicht von mir habe, denn hätte ich sie von mir, so würde ich sie nicht mitteilen. — Sehen Sie nach, Sie werden bei einer großen Anzahl von Dokumenten gerade der Einweihungswissenschaft des Westens solche Dinge finden. Und wenn dann die Frage entsteht, warum so verfahren wird, dann bekommen Sie eine gewisse Antwort, die innerhalb bestimmter Grenzen für westliche Einweihungswissenschaft durchaus zutreffend ist. Da wird Ihnen gesagt: Derjenige, der direkt, unmittelbar in der geistigen Welt etwas erfährt, der also die Geheimnisse der geistigen Welt kennt, der kann ja dem andern nicht sagen, daß er sie durch eigene Erfahrung kennt — so wird in der Regel die Antwort wörtlich lauten —, denn verrät er, daß er aus eigener unmittelbarer Erfahrung Einweihungserkenntnisse besitzt, so begibt er sich lebenslänglich in Abhängigkeit von dem, dem er sein Geheimnis verrät.

[ 20 ] Diese Anschauung, die in dem Wesen der westlichen Einweihungswissenschaft begründet ist, führt dazu, daß in einer ganz äußerlichen Weise über alles Einweihungsgemäße bei den westlichen Einweihungsgesellschaften gesprochen wird, daß durchaus unter den westlichen Menschen Eingeweihte herumgehen, von denen kein Mensch weiß, daß sie Eingeweihte sind. Diese Anschauung, die überwunden werden muß von der neueren Zeit, die kann gar nicht in Mitteleuropa gelten, und es muß gerade der Geist, der in Mitteleuropa sein sollte, diese Anschauung bekämpfen. Und zwar muß dieser mitteleuropäische Geist sie dadurch bekämpfen, daß er in der vorhin charakterisierten neuen geistigen Weise verstehen lernt das Mysterium von Golgatha, verstehen lernt das Leben mit dem Christus-Wesen.

[ 20 ] Diese Anschauung, die in dem Wesen der westlichen Einweihungswissenschaft begründet ist, führt dazu, daß in einer ganz äußerlichen Weise über alles Einweihungsgemäße bei den westlichen Einweihungsgesellschaften gesprochen wird, daß durchaus unter den westlichen Menschen Eingeweihte herumgehen, von denen kein Mensch weiß, daß sie Eingeweihte sind. Diese Anschauung, die überwunden werden muß von der neueren Zeit, die kann gar nicht in Mitteleuropa gelten, und es muß gerade der Geist, der in Mitteleuropa sein sollte, diese Anschauung bekämpfen. Und zwar muß dieser mitteleuropäische Geist sie dadurch bekämpfen, daß er in der vorhin charakterisierten neuen geistigen Weise verstehen lernt das Mysterium von Golgatha, verstehen lernt das Leben mit dem Christus-Wesen.

[ 21 ] Hier liegt ein wichtiges Geheimnis. In westlichen Ländern ist es heute mit der gebräuchlichen Einweihungswissenschaft noch vielfach so, daß sie ferne steht dem Christentum; sonst hätte nicht die Theosophical Society mit Ausschluß des Christentums oder mit einem karikierten Christentum eine rein orientalische, indische Weisheit, eine vorchristliche Weisheit als etwas Neues angewandt. Es ist eine Eigentümlichkeit dieser westlichen Einweihungswissenschaft, daß derjenige, der dort eingeweiht ist, nur etwas hat von seiner Einweihung, wenn er wenigstens einen Schüler hat, der seine Vorstellungen wiederholt. Es nützt gar nichts, die Einweihungswissenschaft nur für sich allein zu haben. Geradeso wie Sie geradeaus sehend mit Ihren Augen auf keinen Gegenstand treffen, so treffen Sie nicht auf Ihre eigenen geistigen Begriffe, wenn Sie als westlicher Eingeweihter nicht schauen können auf die Wiederholung Ihrer Vorstellungen bei einem andern. In der mannigfaltigsten Form wird das schon angedeutet, aber man erkennt es nicht richtig. In der Tat, wenn es so ist, dann gilt es, daß derjenige, der einem andern verrät, daß er selber ein Eingeweihter ist, lebenslänglich in die Gewalt dieses andern kommt; denn der andere kann ihm den Dienst aufsagen und kann ihm sagen: Ich wiederhole deine Vorstellungen nicht. — Es kommt eine gewisse Abhängigkeit heraus unter diesem Prinzip. Das gehört im wesentlichen zu den charakteristischen Eigenschaften derjenigen Einweihungswissenschaft, von der ich Ihnen oftmals von andern Gesichtspunkten aus als herrschender Einweihungswissenschaft des Westens erzählt habe.

[ 21 ] Hier liegt ein wichtiges Geheimnis. In westlichen Ländern ist es heute mit der gebräuchlichen Einweihungswissenschaft noch vielfach so, daß sie ferne steht dem Christentum; sonst hätte nicht die Theosophical Society mit Ausschluß des Christentums oder mit einem karikierten Christentum eine rein orientalische, indische Weisheit, eine vorchristliche Weisheit als etwas Neues angewandt. Es ist eine Eigentümlichkeit dieser westlichen Einweihungswissenschaft, daß derjenige, der dort eingeweiht ist, nur etwas hat von seiner Einweihung, wenn er wenigstens einen Schüler hat, der seine Vorstellungen wiederholt. Es nützt gar nichts, die Einweihungswissenschaft nur für sich allein zu haben. Geradeso wie Sie geradeaus sehend mit Ihren Augen auf keinen Gegenstand treffen, so treffen Sie nicht auf Ihre eigenen geistigen Begriffe, wenn Sie als westlicher Eingeweihter nicht schauen können auf die Wiederholung Ihrer Vorstellungen bei einem andern. In der mannigfaltigsten Form wird das schon angedeutet, aber man erkennt es nicht richtig. In der Tat, wenn es so ist, dann gilt es, daß derjenige, der einem andern verrät, daß er selber ein Eingeweihter ist, lebenslänglich in die Gewalt dieses andern kommt; denn der andere kann ihm den Dienst aufsagen und kann ihm sagen: Ich wiederhole deine Vorstellungen nicht. — Es kommt eine gewisse Abhängigkeit heraus unter diesem Prinzip. Das gehört im wesentlichen zu den charakteristischen Eigenschaften derjenigen Einweihungswissenschaft, von der ich Ihnen oftmals von andern Gesichtspunkten aus als herrschender Einweihungswissenschaft des Westens erzählt habe.

[ 22 ] Nun gibt es gegenüber dieser Abhängigkeit von der Anhängerschaft nur ein einziges: Die Gemeinschaft zu haben mit dem Christus, der ja seit dem Mysterium von Golgatha auf der Erde wirklich zu finden ist. Wer in dieser Gemeinschaft nicht mit einem nichtsinnlichen Menschenwesen, sondern mit dem unter die Menschen gegangenen ersten Bruder die Gemeinschaft hält, mit dem lebendigen, unter uns wandelnden Christus diejenige Gemeinschaft hält, die man in der vorchristlichen Einweihung mit einem andern Menschen haben mußte, der braucht nicht davor zurückzuschrecken, seine eigene Weisheit an die Mitwelt mitzuteilen. Aber es gibt in der Gegenwart keinen andern Weg, ursprüngliche Initiationsweisheit unmittelbar mitzuteilen, als wenn man die Gemeinschaft mit dem Christus hält. Einen andern Weg gibt es nicht. Und daher wird wirkliche Initiationsweisheit der neueren Zeit diese Gemeinschaft mit dem Christus suchen müssen. Wenn sie nicht gesucht werden könnte, diese Initiationsweisheit, wir könnten in sozialer Erkenntnis nicht vorwärtskommen. Denn mit dem, was nicht aus der Einweihung stammt, ist heute kein soziales Denken mehr zu entwickeln. Das aber gerade brauchen wir. Und wenn aus der westlichen Initiationsweisheit allein herausgeboren würde ein soziales System, so würde das darauf beruhen müssen, daß die Initiationsweisheit selbst bis in weite Gebiete herunter — gewisse höhere Gebiete können ja heute den Menschen nicht mitgeteilt werden, weil dazu Vorbereitung nötig ist — geheimgehalten wird. Aber mit dieser Art von Geheimhaltung ist ja von vornherein nicht vereinbar das Prinzip der Gleichheit aller Menschen, welche immer mehr und mehr angestrebt wird von dem neueren europäischen, überhaupt vom modernen zivilisierten Menschentum. Daraus sehen Sie, daß gerade da, wo man Initiationsweisheit findet, hineinspielt der kolossale Unterschied zwischen der Veranlagung der mitteleuropäischen Menschen und derjenigen der westlichen Menschen. Viel mehr wird dieser Unterschied deutlich, wenn es sich handelt um die Initiationsweisheit, als wenn es sich handelt um dasjenige, worin man in der Gegenwart so aneinander vorbeigeht und glaubt, man könne die Menschheit in eine abstrakte einheitliche Form bringen. Das kann man nicht. Die Menschheit ist differenziert und die Differenzierung zeigt sich besonders, wenn man in die Tiefen der Einweihungswissenschaft hineingeht. Mit diesem Thema ist tatsächlich etwas sehr Bedeutsames angeschlagen und ich werde es schon nötig haben, einzelne weitere Erklärungen zu diesem Thema noch zu geben während meiner hiesigen Anwesenheit. — Auf dem Gebiete der wirklichen Geist-Erkenntnis kann nicht mit Überhudeln, mit Nachlässigkeiten, mit einem Wenig-Ernst-Nehmen der Wahrheit gerechnet werden. Das geht eben einfach nicht. Es ist Wahrhaftigkeit notwendig.

[ 22 ] Nun gibt es gegenüber dieser Abhängigkeit von der Anhängerschaft nur ein einziges: Die Gemeinschaft zu haben mit dem Christus, der ja seit dem Mysterium von Golgatha auf der Erde wirklich zu finden ist. Wer in dieser Gemeinschaft nicht mit einem nichtsinnlichen Menschenwesen, sondern mit dem unter die Menschen gegangenen ersten Bruder die Gemeinschaft hält, mit dem lebendigen, unter uns wandelnden Christus diejenige Gemeinschaft hält, die man in der vorchristlichen Einweihung mit einem andern Menschen haben mußte, der braucht nicht davor zurückzuschrecken, seine eigene Weisheit an die Mitwelt mitzuteilen. Aber es gibt in der Gegenwart keinen andern Weg, ursprüngliche Initiationsweisheit unmittelbar mitzuteilen, als wenn man die Gemeinschaft mit dem Christus hält. Einen andern Weg gibt es nicht. Und daher wird wirkliche Initiationsweisheit der neueren Zeit diese Gemeinschaft mit dem Christus suchen müssen. Wenn sie nicht gesucht werden könnte, diese Initiationsweisheit, wir könnten in sozialer Erkenntnis nicht vorwärtskommen. Denn mit dem, was nicht aus der Einweihung stammt, ist heute kein soziales Denken mehr zu entwickeln. Das aber gerade brauchen wir. Und wenn aus der westlichen Initiationsweisheit allein herausgeboren würde ein soziales System, so würde das darauf beruhen müssen, daß die Initiationsweisheit selbst bis in weite Gebiete herunter — gewisse höhere Gebiete können ja heute den Menschen nicht mitgeteilt werden, weil dazu Vorbereitung nötig ist — geheimgehalten wird. Aber mit dieser Art von Geheimhaltung ist ja von vornherein nicht vereinbar das Prinzip der Gleichheit aller Menschen, welche immer mehr und mehr angestrebt wird von dem neueren europäischen, überhaupt vom modernen zivilisierten Menschentum. Daraus sehen Sie, daß gerade da, wo man Initiationsweisheit findet, hineinspielt der kolossale Unterschied zwischen der Veranlagung der mitteleuropäischen Menschen und derjenigen der westlichen Menschen. Viel mehr wird dieser Unterschied deutlich, wenn es sich handelt um die Initiationsweisheit, als wenn es sich handelt um dasjenige, worin man in der Gegenwart so aneinander vorbeigeht und glaubt, man könne die Menschheit in eine abstrakte einheitliche Form bringen. Das kann man nicht. Die Menschheit ist differenziert und die Differenzierung zeigt sich besonders, wenn man in die Tiefen der Einweihungswissenschaft hineingeht. Mit diesem Thema ist tatsächlich etwas sehr Bedeutsames angeschlagen und ich werde es schon nötig haben, einzelne weitere Erklärungen zu diesem Thema noch zu geben während meiner hiesigen Anwesenheit. — Auf dem Gebiete der wirklichen Geist-Erkenntnis kann nicht mit Überhudeln, mit Nachlässigkeiten, mit einem Wenig-Ernst-Nehmen der Wahrheit gerechnet werden. Das geht eben einfach nicht. Es ist Wahrhaftigkeit notwendig.