Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Gegensätze in der Menschheitsentwickelung
West und Ost Materialismus und Mystik Wissen und Glauben
GA 197

8 November 1920, Stuttgart

Neunter Vortrag

[ 1 ] Wir wollen in unserer Betrachtung heute ausgehen von Tatsachen der Menschenwesenheit, um dann den Übergang zu finden zu einigen weltgeschichtlichen Richtlinien.

[ 2 ] Wir haben ja von den verschiedensten Gesichtspunkten aus jenen rhythmischen Wechsel in den menschlichen Zuständen betrachtet, der sich innerhalb von vierundzwanzig Stunden vollzieht, den Wechsel zwischen Schlafen und Wachen. Ich will heute einmal auf die Tatsachen, welche diesem Wechsel von Schlafen und Wachen zugrunde liegen, von einem Gesichtspunkte aus hinweisen, den wir noch weniger ins Auge gefaßt haben.

[ 3 ] Wir wissen ja, daß der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist. Wir betrachten als einen Teil dieses dreigliedrigen Wesens die Kopforganisation des Menschen. Diese Kopforganisation des Menschen ist ja so, daß zunächst der Außenwelt entgegengehalten wird der Sinnesorganismus. Mehr nach innen gelegen ist dann der eigentliche Gehirnorganismus. Wir wissen ja, daß jede solche Betrachtungsweise nur eine annähernde ist. Denn wir dürfen nicht einfach den Menschen in Sektionen abteilen von räumlicher Natur, wir müssen uns klar sein darüber, daß im Kopf, im Haupte nur hauptsächlich der Nerven-Sinnesorganismus konzentriert ist, daß dieser aber sich räumlich über den ganzen Menschen erstreckt. Das alles, was wir in dieser Beziehung zu sagen haben, gilt auch für den ganzen Menschen. Wir charakterisieren es nach dem hauptsächlichsten Teil, in dem diese Dinge konzentriert sind, nach dem Haupte, nach dem Kopf. Also nach außen der Sinnesorganismus, nach dem Inneren der Gehirnorganismus.

[ 4 ] Nun fragt es sich: Was tritt denn da eigentlich ein für den Sinnesorganismus und den Gehirnorganismus, wenn der Mensch aus dem Ihnen ja bekannten, wenigstens zunächst äußerlich bekannten Zustand des Wachens in den Zustand des Schlafens übergeht? Sie wissen ja, der Sinnesorganismus hört auf, seine Tätigkeit auszuüben. Der Gehirnorganismus kann noch verfolgt werden durch dasjenige, was dem Menschen in einer gewissen Weise hereinleuchtet aus dem Schlafzustand: durch das Traumleben. Sehen Sie sich dieses Traumleben einmal an, so werden Sie sich sagen können: Dieses Traumleben bietet Ihnen dem Anblicke nach zunächst eine Art von Umwelt, welche ähnlich ist in einer gewissen Beziehung der äußeren Sinneswelt. Sie enthält Bilder dieser äußeren Sinneswelt. Der Mensch im wachen Bewußtsein weiß ganz genau, daß er im Traumleben Bilder hat, die eine Art von Vorbild in der äußeren Sinneswelt haben. Und wenn dann der Mensch seine Traumwelt genauer sich ansieht, wenn er sie ganz unbefangen betrachtet, dann wird er gewahr, daß die Traumbilder verbunden sind miteinander, sich aufeinander beziehen, in einem Wechselverhältnis stehen, das so bestimmt ist wie die gegenseitigen Beziehungen, das Wechselverhältnis bei den mehr bildlosen Gedanken des Wachlebens. Nur kann man sagen, während der Mensch im bildlosen Denken des Wachlebens seine Gedankenverbindungen voll in der Hand hat, durch den Willen einen Einfluß auf die Verbindung des einen Gedankens mit dem andern ausübt, ist das im Spiel der Traumbilder nicht der Fall. Die Traumbilder ordnen sich selber zusammen. Der Mensch ist diesem Zusammenordnen hingegeben. Aber wenn man dann überblickt die Art und Weise, wie sich diese Traumbilder zusammenordnen, so findet man: Es ist, wie wenn verdünnt, gewissermaßen willenlos verlaufen würden die Tatsachen des gewöhnlichen Denkens. Man kann ganz genau noch die Reste sowohl des Sinneslebens wie des Denklebens in dem Traumleben verfolgen. Man wird — was ja dann die Geisteswissenschaft bis zur vollen Gewißheit erheben kann — aus alledem, was sich herausstellt durch diese Betrachtung des Traumlebens, erkennen können, daß das menschliche Gehirn, das ja in einer gewissen Weise der Träger des Vorstellungslebens ist, eine Veränderung durchgemacht haben muß gegenüber dem Wachzustand. Denn im Wachzustand liegt ja die Sache so, daß wir gerade durch unseren Willen die Verbindung der Gedanken in der Hand haben. Im Traumleben haben wir es nicht. Und außerdem: Die Sinne haben ihre Tätigkeit eingestellt, es sind nur die bildhaften Nachklänge an das Sinnesleben im Traumleben vorhanden. Also auch ein abgeschwächtes Sinnesleben ist da. Welche Veränderungen — so fragen wir heute — hat da das Gehirn des Menschen durchgemacht?

[ 5 ] Sie werden bei unbefangener Überlegung zustimmen müssen dem, was da die Geisteswissenschaft geltend machen muß: Das Gehirn ist im Träumen ähnlich geworden einem Sinnesorgan. Ein Sinnesorgan nimmt Bilder aus der Außenwelt auf. Es verarbeitet auch diese Bilder schon, wenigstens bis zu einem gewissen Grade. Aber in der Art, wie das bloße Sinnesorgan der Außenwelt gegenübersteht, liegt kein Wille. Wenn Sie sich gerade dieses der Außenwelt Gegenüberstehen des Sinnesorgans vor Augen führen und dann mit dem Träumen vergleichen, so werden Sie finden, daß das Gehirn als Träger des Träumens — meinetwillen setzen Sie das zunächst hypothetisch voraus, daß das Gehirn der Träger des Träumens ist — einem Sinnesorgan ähnlich geworden ist. Es ist mehr Sinnesorgan geworden, als es im Wachen ist, beziehungsweise im Wachen ist es das nicht, da hat es die Eigenschaft des Sinnesorgans ganz abgestreift.

[ 6 ] Und nun werden Sie auch nicht mehr weit davon entfernt sein, einzusehen, wie es mit dem vollen traumlosen Schlafe ist. Der Traum steht ja zwischen dem Wachleben und dem Schlafe mitten drin. Wenn das Gehirn schon im Traume sich annähert dem Sinnesorgan, so wird diese Annäherung im Schlafe eine noch größere sein. Nur ist der Mensch in seiner heutigen Verfassung nicht in der Lage, sich dieses Sinnesorgans im normalen Leben zu bedienen. Aber es gab eine Zeit in der Menschheitsentwickelung, in welcher der Mensch in hohem Grade in der Lage war, sich des Gehirns als eines Sinnesorgans zu bedienen. Jedesmal aber wird zwischen dem Schlafen und Aufwachen das Gehirn in einer gewissen Weise Sinnesorgan. Wir wissen, wo der eigentliche Mensch, der geistig-seelische Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen ist. Er ist in der Außenwelt. Wir wollen uns jetzt nicht dabei aufhalten, zu beschreiben, wie diese Außenwelt ist, sondern wir wollen uns nur klar sein darüber, daß natürlich der Mensch als seelisch-geistiges Wesen in einer seelisch-geistigen Außenwelt ist. Die Umwelt, die wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen nur ansehen können als eine physische Welt, in der wir nicht gewahr werden die geistig-seelischen Ingredienzien, die wird für den Zustand zwischen Einschlafen und Aufwachen so, daß der Mensch als geistig-seelisches Wesen in dieser Umwelt als einer geistig-seelischen drinnen ist. Er erlebt sich unbewußt für seine heutige Seelenverfassung in dieser geistig-seelischen Umwelt.

[ 7 ] Diese geistig-seelische Umwelt, in der der Mensch ist, die war nun die eigentliche Welt jener Zeit, aus welcher die Urweisheit der Menschheit stammt. Wenn wir zurückblicken auf jene Zeit, in die wir ja öfter schon zurückgeblickt haben, von der ein Nachklang steht in den Veden, in der Vedantaphilosophie, kurz, in den Weisheitsanschauungen, den Weisheitsoffenbarungen des alten Orients, dann haben wir dasjenige, was diese Urmenschheit des alten Orients erlebt hat gerade in dem Zustande zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen in der Außenwelt. Und für diese Menschheit war es noch so, daß das Gehirn während des Schlafes in hohem Maße eine Art Sinnesorgan war. Allerdings ein solches Sinnesorgan, das nicht gestattete, daß zu der gleichen Zeit, während welcher wahrgenommen wurde, auch gedacht wurde. Der altorientalische Mensch konnte dasjenige, was er erlebte zwischen Einschlafen und Aufwachen, in der geistig-seelischen Welt wahrnehmen. Es spiegelte sich gewissermaßen in seinem zum Sinnesorgan gewordenen Gehirn. Aber er konnte es nicht in demselben Zustande auch denken. Er mußte gewissermaßen abwarten die Zeit des Wachens, um das zu denken, was er da wahrgenommen hatte. Und es gibt sogar ein äußeres Zeichen dafür, daß diese Dinge so waren, wie ich sie jetzt geschildert habe. Versuchen Sie nur einmal, zurückzugehen selbst in die späteren Reste der altorientalischen Kultur. Da werden Sie finden, daß diese altorientalische Weisheitskultur durchaus so gestaltet ist, daß sie gewissermaßen den sinnlichen Weltenraum, der aber geistig angesehen worden ist, darstellt. Dasjenige, was heute nur in einer Karikatur vorhanden ist, die Astrologie, war eine lebendige Weisheit für diese alten Zeiten. Dasjenige, was die Sterne offenbarten, was der nächtliche Himmel dem Menschen offenbarte, dasjenige, was verhüllt ist für die Anschauung vom Aufwachen bis zum Einschlafen, das bildet in hohem Maße den Untergrund desjenigen, was diese altorientalische Weisheit enthüllte. Und das war es, was der Mensch erlebte vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Er war in der Außenwelt, und er erlebte auf geistig-seelische Weise seinen Zusammenhang mit der Gestirnswelt. Und wenn er aufwachte, dann trat sein Gehirn wiederum zurück aus dem Zustand des Sinnesorgans in den Zustand, der schon etwas ähnlich war unserem Gehirnzustand, nur war dieses Gehirn noch so gebaut, daß sich der Mensch nun während des Wachens erinnern konnte an dasjenige, was er während des Schlafes erlebte. Und es leuchtete als eine instinktive Imagination dasjenige auf, an das er sich da erinnerte. Während dieser altorientalische Mensch durchging durch das Tagesleben, konnte er die innere Aufmerksamkeit abwenden von dem, was in der Sinneswelt um ihn herum war, und er konnte achtgeben auf dasjenige, was als eine innere Erleuchtung in mächtigen Bildern vor seiner Seele stand als Erinnerung an dasjenige, was er nächtlich erlebt hatte. Und das waren die orientalischen Urimaginationen, die dann in abgeschwächter Gestalt in den noch immer herrlichen Veden und in der Vedantaweisheit und -dichtung erscheinen.

[ 8 ] Wie erschienen sie in jener Zeit dem Menschen selber? Von einer solchen Beschreibung des Menschen, wie das in der heutigen Anatomie oder Physiologie der Fall ist, wo das Sinnenfällige des äußeren Menschen zugrunde gelegt wird diesen Beschreibungen, war in diesen alten Zeiten noch keine Rede. Der Mensch erlebte ja unter all dem, was er da in der Außenwelt erlebte zwischen Einschlafen und Aufwachen, sich selber als ein seelisch-geistiges Wesen. Er erlebte den Kosmos als seelisch-geistiges Wesen und sich selber als seelisch-geistiges Wesen in dem seelisch-geistigen Kosmos. Und wie erlebte er sich da? Er erlebte sich als sein eigenes Vorbild. Bitte geben Sie wohl acht auf dasjenige, was gerade in diesen Worten enthalten ist. Wenn dem Menschen die Erleuchtung aufging von dem, was er im Schlafe erlebt hatte, dann erlebte er sich als sein eigenes Vorbild, und er konnte sich sagen: Mein Vorbild sieht so und so aus. In diesem Vorbild sind nun wiederum gewisse spezielle Vorbilder für mein Haupt, für das Innere meines Hauptes, für die Lunge, die Leber und so weiter enthalten. Der Mensch erlebte sich nicht in der Art und Weise, wie es die heutige Anatomie und Physiologie gibt, in den äußeren sinnenfälligen Organen. Aber er erlebte sich als Vorbild, als dasjenige, was diese äußeren sinnenfälligen Organe schafft. Der Mensch erlebte gewissermaßen sich selber als ein göttlich-himmlisches Wesen, als das göttlich-himmlische Vorbild des irdischen Menschen. Der irdische Mensch interessierte ihn daher nicht besonders, sondern ihn interessierte sein himmlisch-geistiges Vorbild. Durch diesen ganzen Komplex von Erlebnissen kam er aber noch auf etwas anderes. Er kam darauf, zu erkennen, daß ja dieses himmlisch-geistige Vorbild zu gleicher Zeit dasselbe ist, was er war, bevor er als physischer Mensch empfangen beziehungsweise geboren worden ist. Und es erlebte der Mensch durch diese besondere Beschaffenheit während des alten orientalischen Urzustandes sich als himmlisch-göttlichen Menschen, aber zugleich erlebte er sich als Mensch vor seinem Erdenwerden. Und das ist das fundamental Wichtige der alten orientalischen Kulturen, daß der Mensch sich erlebte als das Wesen, das er war vor seinem irdisch-physischen Dasein. Sein Bewußtsein von alledem war allerdings ein instinktives, aber es war eben so, daß es zum Ergebnis hatte das feste Erkennen von dem vorirdischen Dasein, von dem Herabsteigen aus einer geistigen Welt in die physisch-sinnliche Welt. Das ist das vergessene Charakteristikon der alten orientalischen Religionen, daß diese Religionen durchaus sprachen von dem vorgeburtlichen Dasein, davon sprachen, daß das Leben auf der Erde eine Fortsetzung eines himmlischen Lebens ist.

[ 9 ] Ich habe von einem andern Gesichtspunkte aus schon darauf hingedeutet, wie sehr für unsere Zeit verlorengegangen ist das Bewußtsein, das sich da entwickelt hatte, indem wir zwar ein Wort haben, welches negiert, daß das Leben mit dem Tode endet, «Unsterblichkeit», aber kein Wort, welches negiert, daß der Beginn der Anfang des menschlichen Lebens überhaupt ist. Wir haben kein ähnliches Wort wie Unsterblichkeit für das Vorgeburtliche. Wir müßten auch das Wort «Ungeborenheit» haben. Wenn wir das Wort Ungeborenheit hätten und wenn dieses Wort Ungeborenheit in uns so lebendig wäre wie das Wort Unsterblichkeit, dann würden wir uns hineinversetzen können in die Seelenverfassung des altorientalischen Menschen.

[ 10 ] Wenn Sie sich innerlich vergegenwärtigen diese ganze Seelenverfassung des altorientalischen Menschen, dann werden Sie sich sagen können: Das irdische Leben ging in einer gewissen Weise für ihn so vor sich, daß er es wenig beachtete, weil er ja in ihm nur das Abbild des himmlisch-geistigen Lebens sah. Auch sich selbst als physischen Menschen nahm der alte Orientale nicht besonders wichtig, denn dieser Mensch, der hier auf derErde herumging, war eben durchaus ein bloßes Abbild des himmlischen Menschen, der vor allen Dingen vor seiner Seele stand. Das Ewige im Menschen, es war für diesen orientalischen Menschen aus der unmittelbaren Anschauung heraus eine Selbstverständlichkeit, weil, wie gesagt, es ihm aufging als Erleuchtung; im Tagesleben, in dem Wachen, war die Erinnerung an das Nachtleben. Um sich eine solche Seelenverfassung vor das geistige Auge zu stellen, muß man also zurückgehen in den alten Orient. Dasjenige, was da als eine große Geisteskultur im alten Orient vorhanden war, das gehört sehr, sehr alten Zeiten an. Denn was die Bücher enthalten, selbst die herrlichen Veden, die Vedantaphilosophie, ist nur ein Nachklang. Wollte man in reiner, ursprünglicher Gestalt dasjenige anschauen, was Inhalt der alten orientalischen Urweisheit ist, dann müßte man weit hinter das Zeitalter der Veden, der Vedantaphilosophie zurückgehen. Das kann nur die Geisteswissenschaft. Diese alte orientalische Kultur, die gewissermaßen alles irdische Leben durchleuchtet hat mit der Einsicht in die geistige Welt, die, wenn sie auch nur instinktiv war, doch hoch war, diese alte orientalische Geisteskultur ist dann in die Dekadenz gekommen. Wer das heutige orientalische Wesen, das schon stark dekadent ist, studiert, der findet noch immer als den Grundimpuls in diesem orientalischen Wesen diese Hinlenkung auf den himmlischen Menschen. Selbst in den Koketterien des Rabindranath Tagore finden wir noch die Nachklänge dieses orientalischen Duktus’. Rabindranath Tagore ist ja durchaus durchtränkt von dem, was ja selbstverständlich schon spätere dekadente Kultur ist; aber, wie gesagt, den Grundzug findet man selbst noch in seinen zum Teil außerordentlich interessanten, bedeutsamen, aber in ihrem Grundcharakter ganz koketten Auseinandersetzungen, zum Beispiel in den Aufsätzen, die in seiner Schrift über den Nationalismus zusammengestellt sind. So daß man, wenn man nach dem Oriente hinüberblickt, in eine alte Zeit hineinblickt, in eine hohe instinktive Geisteskultur mit starker Betonung des vorirdischen Daseins. Und man sieht dann auf ein allmähliches Niedergehen dieser ursprünglich hohen Geisteskultur. Im Niedergehen zeigt sich dann nur das Unvermögen, einzugehen auf dasjenige, was nun schon einmal die Aufgabe des modernen Menschen ist: auf das physisch-sinnliche Dasein, das der Mensch durchlebt zwischen Geburt und Tod. Der altorientalische Mensch der Urzeit hatte das Vorbild des Menschen; und er konnte im physisch-sinnlichen Leben das Nachbild dieses Vorbildes sehen. Die Lebendigkeit, die Durchleuchtetheit des himmlisch-göttlichen Vorbildes, die verdüsterte, verdunkelte sich allmählich, und so blieb dem Orientalen nurmehr ein Schattenbild. Heute ist es schon ganz verblaßt, Es blieb ein Schattenbild desjenigen, was einstmals in lebendiger Helle vor seiner Seele stand, als das geistig-seelische Urbild seiner selbst innerhalb der ganzen kosmischen geistig-seelischen Welt. Es blieb aber auch eine gewisse Ohnmacht zurück im orientalischen Wesen. Und das ist etwas, was heute der Mensch, der mit seiner Zeit leben will, ganz besonders aufnehmen muß. Es blieb zurück die Ohnmacht, den Menschen zu betrachten, der da Nachbild ist, den Menschen zu betrachten in der Zeit zwischen Geburt und Tod. Dafür hat der Orientale früher keinen Sinn gehabt, auch da nicht, wo er nicht den Ersatz, sondern etwas ganz anderes, den himmlisch-physischen Menschen vor sich hatte. Aber er hat auch heute noch keinen Sinn dafür, wirklich einzugehen auf den Menschen, wie er ist zwischen Geburt und Tod. Das blieb vorbehalten einer andern Kultursphäre, den Menschen zu betrachten in seinem Wesen hier im physisch-sinnlichen Dasein zwischen Geburt und Tod. Das blieb vorbehalten der Kultur, die ich nennen möchte die Kultur der Mitte. Diese Kultur der Mitte hat zunächst den historisch sichtbaren Ausdruck im späteren alten Griechentum. Das ursprüngliche alte Griechentum ist ja noch unter dem Nachklang orientalischer Weisheit gestanden. Das spätere Griechentum nimmt schon dasjenige an, was ich nunmehr charakterisieren will als die Kultur der Mitte.

[ 11 ] Diese Kultur der Mitte kommt mehr vom Süden herauf, ergreift das spätere Griechenland, ergreift namentlich die römische Welt. Während alles dasjenige, was ich bisher charakterisiert habe für den Orient, ein Schauen war, wird dasjenige, was da vom Süden her kommt, das spätere Griechentum ergreift, in der römischen Welt seine besondere Ausbildung erfährt, was da zur Kultur der Mitte wird — von andern Gesichtspunkten aus haben wir das öfter schon betrachtet —, eine juristische, dialektische, intellektuelle, eine denkerische Kultur, nicht eine Kultur des Schauens, sondern eine denkerische Kultur. Diese denkerische Kultur ist insbesondere geeignet, den Menschen zu betrachten in seinem Leben zwischen Geburt und Tod. Nachdem sie ihre Vorstadien durchgemacht hatte im späteren Griechentum, nachdem sie ganz derb, brutal aufgetreten war im Römertum, sich dann erhalten hat durch die Sprache des Römertums, die lateinische Sprache, die für das Mittelalter noch die Sprache der Wissenschaft war, hat diese dialektische, diese intellektuelle Kultur einen Höhepunkt erlangt in der mitteleuropäischen Kulturgröße, die man um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert erlebte in Schiller, Goethe, Herder, und ja auch in den Philosophen Fichte, Schelling und Hegel. Sie brauchen sich nur dasjenige anzuschauen, was in diesen Geistern das eigentlich Charakteristische ist, und Sie werden gleich daraufkommen, daß das stimmt, was ich sage. Nehmen Sie Fichte, Schelling, auch selbst Goethe. Worin sind denn diese Geister groß, worin sind sie bedeutsam?

[ 12 ] Diese Geister sind groß und bedeutsam im Erkennen des Menschen zwischen Geburt und Tod. Für diesen Menschen fordern sie eine Totalerkenntnis. Nehmen Sie, um nur ein Beispiel herauszuheben, die Hegelsche Philosophie. Sie finden in der Hegelschen Philosophie stark betont, daß der Mensch ein geistiges Wesen ist. Aber der Geist wird nur betrachtet, insofern der Mensch lebt zwischen Geburt und Tod. Nichts finden Sie bei Hegel von einem vorgeburtlichen, himmlisch-göttlichen Menschen. Nichts finden Sie selbst bei Hegel von einem Menschen nach dem Tode. Sie finden bei Hegel eine geschichtliche Betrachtung alles desjenigen, was verlaufen ist zwischen den Menschen hier auf der Erde, insoferne sie Menschen sind, die leben zwischen Geburt und Tod. Sie finden aber kein Hereinspielen irgendwelcher Mächte derjenigen Welten, die der Mensch durchlebt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das ist alles wie ausgestrichen in dieser großen Kultur, deren Mission, deren Beruf es eben war, scharf zu betonen, daß der Mensch hier in seinem Leben zwischen Geburt und Tod ein geistig-seelisches Wesen neben einem leiblich-physischen Wesen ist. Aber es war zu gleicher Zeit die Beschränkung dieser Kultur darin gegeben, daß man nicht hinaufschauen konnte in dasjenige Leben, das geistig ist. Und das Seelische, das über Geburt und Tod hinausreicht, das Ewige, insofern es sich offenbart zwischen Geburt und Tod, wurde insbesondere von Hegel und auch von den andern allen, insbesondere den deutschen Geistern, mächtig betont, aber es fehlte jede Möglichkeit, hinauszuschauen in das Leben des Ewigen, wie es sich offenbart vor der Geburt, wie es sich offenbart nach dem Tode. Was über den Menschen als ein leibfreies Wesen in dieser Zeit gesprochen worden ist, das war ja altes Erbgut des Orients, das war nicht herausgequollen aus der eigenen Erkenntnis. Es war Tradition. Es war aufs höchste gespannt in diesem Erkennen der europäischen Mitte die Erkenntniskraft, die sich auf das Geistig-Seelische auch im Menschen richtete, aber zu gleicher Zeit sich richtete auf das Leiblich-Physische. Aber diese Spannung ging nicht über das Leben hinaus, das sich zwischen Geburt und Tod abspielt.

[ 13 ] Im Westen bereitete sich in der verschiedensten Weise vor ein anderes Leben, ein Leben, welches, wenn es sich später einmal weiter entwickeln wird, in anderer Art das Geistige hereinbringen wird, das leibfrei ist. Wie hat der alte Orientale — machen wir uns das noch einmal klar — das Geistige in das physische Leben hineingebracht? Er hat es dadurch hereingebracht, daß er sich bei Tage erinnerte an dasjenige, was er nächtlich zwischen Einschlafen und Aufwachen außerhalb seines Leibes erlebte. Späterhin wird das anders sein, heute sind nur die Vorboten da, das Vorstadium. Der Mensch erlebt nämlich zwischen dem Aufwachen und Einschlafen in sich nicht etwa bloß dasjenige, was ihm bewußt ist, denn es steigt wenig von dem, was der Mensch erlebt, in das heutige normale Bewußtsein schon herauf. Da unten in der menschlichen Natur wird wirklich unermeßlich viel mehr erlebt, als der Mensch im Bewußtsein haben kann. Das wird ja schon geahnt, gerade im Westen. Daher reden solche Menschen wie William James von dem «Unterbewußten» oder «Unbewußten», weil sie es ahnen; sie konnten es nur noch nicht zur Erkenntnis erheben. Es ist alles ein Lallen, was über diese Dinge gesagt wird, aber geahnt werden die Dinge. Und so wie hereinstieg in den alten Orientalen dasjenige, was im leibfreien Zustand als das Geistig-Seelische des Kosmos erlebt worden ist, so wird einmal heraufsteigen aus den Untergründen im Westen dasjenige, was da in den Untergründen heute unbewußt erlebt wird. Da werden auch Imaginationen heraufkommen. Derjenige, der die Psychologien des Westens studiert, sieht heute schon in der Assoziationspsychologie, die, wie sie heute auftritt, ein Unsinn ist, schon eine Vorbereitung hierzu.

[ 14 ] Dasjenige also, was für den Menschen der Mitte sich nur zeigte als Offenbarung dessen, was zwischen Geburt und Tod erlebt wird, das wird sich in seinem ewigen Aspekte zeigen durch die besonderen Fähigkeiten des Westens.

[ 15 ] Insbesondere ist ja da unten in uns dasjenige, was nach dem Tode in der geistigen Welt leben wird. Erinnern Sie sich an dasjenige, was ich Ihnen über diese Dinge oftmals von verschiedenen Gesichtspunkten aus gesagt habe. Ich habe gesagt: Das menschliche Haupt ist Ergebnis des früheren Erdenlebens. Dasjenige, was der übrige Mensch ist, das wird das Haupt im nächsten Erdenleben. So wird die Metamorphose sich vollziehen. Was also da unten ist in dem außerkopflichen Menschen, das ist nur für die gegenwärtige Auffassungsweise Fleisch und Blut, Muskeln, Haut, Knochen, das enthält aber im Keime geistig dasjenige, was das Haupt der nächsten Inkarnation ist, das weist über den Tod hinaus. Und dieses über den Tod Hinausweisende, das wird sich einmal der Menschheit der Zukunft, die heute in den primitiven Anfängen im Westen vorhanden ist, in das Bewußtsein hinein offenbaren. Das innere Geistig-Seelische wird also in der Zukunft imaginativ wahrgenommen werden, wie das äußere Geistig-Seelische in der Vorzeit imaginativ-instinktiv wahrgenommen worden ist. Nur wird dasjenige, was von innen heraus sich offenbaren wird, dem vollen Bewußtsein sich offenbaren, während das, was sich dem alten Orientalen offenbart hat, in einem dumpfen, instinktiven Bewußtsein nur sich offenbarte.

[ 16 ] Und wie kündigt sich denn das heute an? Wie sind denn die Vorboten? Die Vorboten sind zunächst die, daß eine starke Hinneigung vorhanden ist in diesen westlichen Gebieten zum Materialismus. Weil einmal das Geistige aus der menschlich-physischen Materie heraus sich offenbaren soll, neigt heute diese Welt in hohem Maße zum Materialismus hin. Das Geistige sieht sie noch nicht, aber dasjenige, woraus ihr das Geistige wird, das sieht sie heute, Daher der Materialismus, der ja vorzugsweise ein westliches Produkt ist, aber vom Westen her die Mitte überschwemmt hat und nach dem Osten sich ausbreitet.

[ 17 ] Die Kultur der Mitte ist ja keine materialistische; man könnte sie eine materiell-spirituelle nennen, weil in der Betrachtung des Menschen zwischen Geburt und Tod immer das Gleichgewicht sich hält das Hinschauen auf Materielles und das Hinschauen auf das Geistige. Es ist durchaus bei den deutschen Philosophen, bei Goethe und Schiller, überall so, daß sie gewissermaßen dem Leibe und dem Geiste das gleiche Recht lassen. Im Westen ist der Geist eben Zukunftssache, der Gegenwartsblick ist zunächst dem Leibe zugewendet. Aber in der Menschheitsentwickelung ist alles im Fluß: aus dieser Leibeserkenntnis, diesem Materialismus, wird einmal ein Spiritualismus werden, der nur von einer ganz andern Seite herkommt, und der vor allen Dingen bewußt sein wird gegenüber dem Spiritualismus des alten Orients.

[ 18 ] Sie sehen daraus, wie die eigentümliche Verteilung — ich habe von andern Gesichtspunkten aus schon darüber gesprochen — dieser dreigestaltigen Menschheitskonfiguration durch die Welt hin ist: Der Mensch des Ostens sah sich einstmals als sein himmlisch-geistiges Vorbild an. Der Mensch der Mitte sieht sich an als den Erdenmenschen, der aber Geist und Seele neben Leib und Körper ist. Der westliche Mensch sieht sich heute noch an als den bloß physischen Menschen; aber in dem, was er berufen ist zu entwickeln, kündigt sich eben das an, was heraussteigen wird aus dieser menschlichen Physis und was zukünftig den geistigen Inhalt des Bewußtseins ausmachen wird.

[ 19 ] Der Mensch der Mitte ist eben eingeklemmt zwischen Osten und Westen. Der Osten, der einstmals eine hohe Geisteskultur hatte, ist in der Dekadenz. Der Westen, in dem sich ankündigt eine spätere hohe Geisteskultur, ist heute noch ganz in der Materie befangen. Eine Kultur, in der sich, ich möchte sagen, die zwei Dinge ausgleichen, hat sich in der Mitte gebildet: Einerseits ein dialektisch scharfes Denken, wie es zum Beispiel in Schillers Briefen «Über die ästhetische Erziehung des Menschen» waltet und das gerade noch so weit gehen kann, um nicht in die bloße Trivialität der modernen Wissenschaft zu verfallen, sondern das noch beim menschlich Persönlichen stehenbleibt; andererseits eine bildhafte Anschauung über des Menschen soziales Leben wie in Goethes «Märchen» von der grünen Schlange und der schönen Lilie, das schon zu Bildern kommt, aber diese Bilder nicht zu geistigen Anschauungen treibt.

[ 20 ] Diesem Menschen der Mitte ist daher auch die Mission zuerteilt, dasjenige, was er zunächst durch seine besonderen Fähigkeiten erlangt hat für den Menschen zwischen Geburt und Tod, durch unmittelbare Erkenntnis zu erweitern für den Menschen als geistig-seelisches Wesen neben dem physisch-leiblichen Wesen, aber zu erweitern dadurch, daß unmittelbar aus diesem zur Mysterienweisheit wiederum aufgestiegen wird. Dann erhebt sich der Mensch durch Ausbildung derselben Fähigkeiten, durch die er das Geistig-Seelische gerettet hat für das physisch-leibliche Dasein, durch klares Denken, das sich aber entwickelt zu Imagination, Inspiration, Intuition, wiederum in die geistige Welt hinein, die durchlebt wird zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Hier, innerhalb dieser physischen Welt, erlebt man ein völliges Hineinleuchten jener Fähigkeiten, die da zu entwickeln sind, nur, wenn man das Problem der Freiheit betrachtet. Ich habe mich daher in meiner «Philosophie der Freiheit» darauf beschränkt, dieses Problem der Freiheit zu betrachten. Da mußte man schon, aber jetzt für bloß irdische Probleme, dieselbe Fähigkeit anwenden, die, wenn man sie dann weiter ausbildet, den Blick erhebt über dasjenige, was über Geburt und Tod hinausliegt. .

[ 21 ] Sie sehen, in einem gewissen Sinne ist auch die Welt dreigeteilt in ihrer Entwickelung: Im alten Orient die instinktive Weisheit, in der Mitte ein gewisses dialektisch-intellektuelles Leben, im Westen heute noch der Materialismus, der in seinem Schoß einen Zukunftsspiritualismus in sich trägt. Von der instinktiven Weisheit war im alten Orient alles abhängig. Ein politisches Leben in unserem Sinne gab es da nicht. Diejenigen, die die Vorsteher der Mysterien waren, gaben auch die Richtung für das politische und wirtschaftliche Leben an. Denn groß war der alte Orientale für das geistige Leben, das sich bei ihm instinktiv ausbildete. Von diesem geistigen Leben war abhängig das politische und wirtschaftliche Leben. Dann kam das Leben der europäischen Mitte, vom Süden natürlich; schon in Ägypten hatte es seine ersten Anfänge. Da entwickelte sich ein Leben, das es dann brachte zu einem dialektischen Ausdenken des staatlich-politischen Elementes. Gerade innerhalb dieser Kultur der Mitte wurde ja das staatlich-politische Leben ausgestaltet. Das geistige Leben hatte man da nur als eine Erbschaft. Und gar im Westen, etwa im Puritanertum, da hat man das Geistige als etwas ganz Abstraktes, das man sektiererisch betreiben kann, das man hineinleuchten läßt in das gewöhnliche physische Leben des Alltags.

[ 22 ] Hier in der europäischen Mitte ist also der Boden gewesen, auf dem die staatlichen Ideen sich besonders ausbildeten, wie zum Beispiel bei Wilhelm von Humboldt, und auf dem sie sogar solche wunderbaren Formen annehmen als gesellschaftliche Gemeinsamkeit wie in Schillers «Ästhetischen Briefen», wo sie in so grandiosen Bildern vor die Menschen sich hinstellen wie bei Goethe, denn es ist im Grunde genommen Staatsidee, die sich in Goethes «Märchen» von der grünen Schlange und der schönen Lilie darstellt.

[ 23 ] Dann haben wir im Westen heute erst ausgebildet dasjenige, was einmal notwendigerweise einmünden muß in die Dreigliederung des sozialen Organismus, wir haben es erst ausgebildet im materiell-wirtschaftlichen Gebiet. Staatsidee ist im Westen nur eine Erbschaft der Kultur der Mitte. Es gibt ein dickes Buch von dem einstmals so berühmten Woodrow Wilson über den Staat. Da drinnen steht gar nichts Westliches, sondern es ist ganz und gar nur ein Abklatsch desjenigen, was an Staatstheorien bis in die speziellen Ideen hinein in der Mitte entwickelt worden ist. Es ist auch ins Deutsche übersetzt, denn es gab auch in Deutschland eine Zeit, wo man Woodrow Wilson für einen großen Mann angesehen hat.

[ 24 ] So kann man sagen, dasjenige, was uns heute vorschwebt als die Dreigliederung des sozialen Organismus, geschichtlich hat es sich entwickelt durch die Menschheitsgestaltung hindurch in drei Stadien: Vorbildlich-instinktiv als geistiges Leben im alten Orient; in einer gewissen Weise halbinstinktiv — denn so wie bei Humboldt, Schiller, Herder oder auch bei späteren die Staatsidee aufgetreten ist, ist sie halb instinktiv und halb intellektuell — hat sich entwickelt die Staatsidee, das politische Leben, das Rechtsleben in der Kultur der Mitte; das Wirtschaftsleben ist eigentlich zunächst eine Sache des Westens, so stark eine Sache des Westens, daß selbst die Philosophen des Westens eigentlich deplacierte Wirtschafter sind. Spencer hätte viel besser getan, wenn er Fabriken begründet hätte statt Philosophien. Denn die besondere Konfiguration des Westens paßt eigentlich in die Struktur der Fabrik hinein. Da ist alles da, worauf das Spencersche Denken sich erstreckt.

[ 25 ] Man kann die Sache auch noch anders ausdrücken: Der altorientalische Mensch ist aufgestiegen zu dem Göttlichen des Menschen. Ihm war der Mensch in gewisser Weise der Sohn des Gottes, der Ausfluß des Göttlichen. Das Göttliche ragte gewissermaßen für den orientalischen Menschen herab und hatte eine Fortsetzung nach unten, die nur nachgebildet wurde: der irdische Mensch war eine Fortsetzung des göttlichen Vorbildes. Das war für den alten Orient, oben der göttlich-geistige Mensch, unten der physische Mensch als sein sinnlich-irdisches Abbild, nur so etwas, was gewissermaßen noch herunterhängt und in die irdische Welt hineinragt vom himmlichen Menschen. Und als später vergessen wurde der himmlische Mensch, oder nur eine Ahnung noch vorhanden blieb in der dekadenten Kultur, da hatte man keinen Sinn für dasjenige, was da herunterragte von dem göttlichen Menschen in den irdischen Menschen hinein.

[ 26 ] Der Mensch der Mitte ist so organisiert, daß ihm dasjenige, was als der himmlische Mensch herunterragte aus geistigen Höhen, wie eine Art von geschlossenem Halbkreis sich verdichtet hat, und daß sich ihm ansetzt dann darunter der irdische Mensch, so daß ein überschaubares göttlich-geistiges und sinnlich-physisches Wesen herauskommt, wie es so schön in der Hegelschen Philosophie dargestellt wird, wie es Goethe so schön vorgeschwebt hat.

[ 27 ] In der westlichen Kultur ist der Blick hingerichtet auf die Tierwelt, das animalische Wesen. Darwin betrachtet es in seiner Entwickelung großartig. Und das hat nach oben eine Art von Kuppe, auf die man auch nicht recht kommt, die man nur als das oberste Entwickelungsprodukt betrachtet: den Menschen. Eigentlich betrachtet man im Westen nur das Tierische, so wie man im Osten nur das Himmlische, nur den Gott betrachtet hat, der sich im Menschen fortsetzt. Im Westen betrachtet man nur das Tier, das oben eine Kuppe hat, ein Wesen, was da auch noch eine Fortsetzung der Tierreihe ist, so etwas ist wie ein Übertier, das da hinausgeht über das Tierische. Das ist heute allerdings noch der Zustand des Westens. Das ist auch der Zustand, der sich ausdrückt in der westlichen Philosophie und der sich weiterentwickeln wird, indem gerade so, wie der Orientale das Geistige von oben empfangen hat, dereinst der Okzidentale das Geistige von unten ausgestalten wird und in vollem Bewußtsein ausgestalten wird. Die Mitte bildet den Übergang.

[ 28 ] Derjenige, der die Wirklichkeiten betrachtet, redet nicht gern von einem Übergangszeitalter. Denn jedes Zeitalter ist selbstverständlich ein Übergangszeitalter, weil immer etwas folgt und immer etwas vorangegangen ist. Aber so wie es bei der Pflanze einen Punkt gibt, wo zum Beispiel der Kelch ist und oben die Blüten und unten die Blätter, wie da deutliche Abschnitte sind, so sind auch schon in der Menschheitsentwickelung solche deutlichen Abschnitte. Und wir können von der Zeit, in der das große Morden geschehen ist, von 1914 an, schon sprechen als von einer Übergangszeit, von einer Zeit, die besonders ausgezeichnet ist in dem geschichtlichen Werden der Menschheit, in der sich auch in einer gewissen Weise innerlich-tragisch das Schicksal des mittleren Menschen entfaltet hat, an den die große Frage herantritt: Wie findet man aus dem physisch-irdischen, zwischen der Geburt und dem Tode liegenden Leben heraus in das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt? Hegels Philosophie ist gleich nachher in Materialismus umgeschlagen. Und die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war ohnmächtig gegenüber der Frage: Wie wird dasjenige, was da für das Irdisch-Geistige gefunden ist, auf das Außerirdische ausgedehnt? Das ist aber die große Frage, die vor uns steht gerade für die Kultur der Mitte. Der Goetheanismus muß seine Weiterentwickelung finden. Er muß sich nach dem Geistig-Seelischen hin entwickeln. Er muß aus dem bloßen Physisch-Menschlichen heraus kosmisch werden. Dieser Versuch wird gemacht gerade durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, die eine Fortsetzung ist des Goetheanismus in das Geistige hinein. Es muß sich der Goetheanismus bis in die Mysterienweisheit hinein erstrecken. Er muß hineinentwickelt werden in die Mysterienweisheit.

[ 29 ] Das ist das Bedeutsame, das uns entgegentritt in der Signatur der Gegenwart, das man verstehen muß, wenn man sich bewußt in das Leben der Gegenwart, in die Aufgaben der gegenwärtigen Zeit hineinstellen will. Trotz seiner starken Prüfungen hat das Mitteleuropäische, wenn es nicht versagt, die Vertiefungen desjenigen zu vollziehen, was ihm entgegentritt für das physisch-sinnliche Dasein des Menschen, das den Geist im physisch-sinnlichen Dasein bewahrt hat. Das muß die Grundlage bilden für das Ausgestalten einer Mysterienweisheit, die denkerisch ebenso scharf ist wie denkerisch war dasjenige, was für das Physisch-Sinnliche erobert worden ist. Daher muß oder müßte gerade in dieser europäischen Mitte ein gründliches Verständnis für den Ausgleich der drei Gebiete — des Geistigen, des Staatlichen, des Wirtschaftlichen — eintreten. Die andern werden schon folgen. Für hier aber ist es die denkbar größte Nachlässigkeit, wenn die Menschen schlafend vorübergehen an dem, was als eine große Notwendigkeit dasteht: zu begreifen und auszuwirken den Impuls von der Dreigliederung des sozialen Organismus.

[ 30 ] Eingeklemmt zwischen den Osten und den Westen ist diese europäische Mitte. Sie liegt heute am Boden. Sie muß gerade aus Dunkelheit, aus Finsternis heraus einen Weg zum Licht finden.

[ 31 ] Was da geschehen wird noch vor der Jahrhundertmitte, über das werden wir das nächste Mal sprechen, wo ich Ihnen auseinandersetzen werde die Erscheinung des Christus vor der Mitte des 20. Jahrhunderts. Von dem, was ich in meinem ersten Mysteriendrama angedeutet habe, dem Wiedererscheinen des Christus, werde ich Ihnen sprechen. Heute will ich nur darauf aufmerksam machen, daß dieses Wiedererscheinen des Christus, das aber innig verbunden ist mit dem Verstehen der Dreigliederung des ganzen Weltenwesens, sich entwickelt, indem die Mitte hinschauen muß auf der einen Seite nach der altgewordenen instinktiv-spirituellen Kultur des Ostens, und hinschauen muß, gründlich verstehend, was sich da vorbereitet, nach der heute noch materialistischen, aber im Materialismus den Keim einer zukünftigen Spiritualität in sich tragenden westlichen Kultur. Da muß sich die Kultur der Mitte hineinstellen, muß die Stärke und die Kraft finden, sich da hineinzustellen und richtunggebend zu werden.

[ 32 ] Das ist dasjenige, was einem so wehtut, was einem so große Herzschmerzen verursacht, daß kaum die Worte heute mit der Seele gehört werden, die auf die hier berührten Notwendigkeiten hinweisen, daß die Menschen nur schlafen möchten, sich gehen lassen möchten, zurückschreckend vor den großen Aufgaben der Gegenwart. Aber wir müssen hinsehen und müssen verstehen, was im Osten, was im Westen wirkt.

[ 33 ] Wir müssen uns klar sein, wie im Westen eine Anfangskultur vorhanden ist. Wir sehen, wie in diesem Westen sich diese Anfangskultur gerade da am allerstärksten ankündigt, wo, ich möchte sagen, das Wirtschaftliche aus dem Technischen aufsprießt. Nichts ist charakteristischer in dieser Beziehung als jenes Ideal, das einstmals vor einem Amerikaner gestanden hat und was ganz gewiß im Westen einmal verwirklicht werden wird, ein rein ahrimanisches Ideal, aber ein Ideal von hoher Idealität, das darin besteht, daß man die eigenen Vibrationen des menschlichen Organismus benützt, indem man sie fein studiert und sie überträgt auf die Maschine, so daß der Mensch an der Maschine steht und seine kleinsten Vibrationen sich in der Maschine potenzieren, so daß dasjenige, was der Mensch an Nervenvibrationen aufbringt, in die Maschine übergeht. Denken Sie an den Keely-Motor, der ja auf den ersten Anhieb noch nicht so weit gelungen ist, daß er ging, weil er noch zu stark aus dem bloßen Instinkt heraus bearbeitet ist; aber es ist etwas, was durchaus der Verwirklichung entgegengeht. Es ist gewissermaßen das, was noch aus dem ganz grob mechanistischen Material heraus hinweist auf dasjenige, was entstehen muß: der Zusammenschluß des Mechanisch-Materiellen mit dem Geistigen.

[ 34 ] Dagegen sehen wir, wie im Osten das alte Geistige immer mehr und mehr in die Dekadenz, in den Verfall, in den Zustand des Faulens kommt. Wir erleben im Osten durchaus so etwas, daß man sagen kann: Senil ist geworden der einstmals himmlisch-geistige Mensch für die Anschauung; senil, greisenhaft ist er geworden. Er versteht noch nicht dasjenige, was auf der Erde ist, was ja auch den Menschen umkleidet. Während man im Westen nur dieses Irdische versteht, versteht man im Osten nichts davon. Daher ist das Himmlische schon ganz senil, ganz greisenhaft geworden. Es ist daher immer ein großer Fehler, wenn man auf der einen Seite nicht aufmerksam ist, wie aus dem Mechanismus, dem mechanistischen Materialismus des Westens erst das Geistige herausgewonnen werden muß, wie aus der Naturwissenschaft, die auch noch ganz materialistisch-westlich ist, der Geist herausintuitiert werden muß. Und es ist ein ebenso großer Fehler, wenn man nach dem Osten hinschielt und etwa heute noch, wie es einstmals oder auch noch heute die theosophische Adyar-Gesellschaft mit ihren Antiquiertheiten tut, Spirituelles aus dem Osten nach dem Westen tragen will. Wenn man hinüberschaut nach dem Osten, dann hat man es bei allem, was man da findet, mit nichts Gegenwartslebendigem zu tun, sondern mit etwas, was alt geworden ist, was man studieren muß als ein geschichtlich Altgewordenes, was für die Gegenwart keine Bedeutung mehr hat.

[ 35 ] Ebenso wie wir, ich möchte sagen, als einen noch ganz groben, brutalen mechanistischen Vorläufer einer Zukunftskultur im Westen Keely haben mit seinem Motor, haben wir als den äußersten Ausläufer der geistigen Senilität des Ostens 70lstoj. In Tolstoj sehen wir, wie gewissermaßen konzentriert auftritt dasjenige, was einstmals groß war und was jetzt in der völligen Dekadenz ist, was ein interessantes Phänomen ist, aber für uns nicht die geringste Gegenwartsbedeutung hat. So wie vieles ausgelöscht worden ist mit den Ereignissen seit dem Jahre 1914, so ist ausgelöscht dasjenige, was ein letztes Aufflackern der östlichen Senilität in Tolstoj war. Vor dem Kriege konnte man noch von Tolstoj als von etwas Gegenwärtigem sprechen. Mit dem Kriege ist das vorüber. Das hat keine Gegenwartsbedeutung. Es ist etwas durchaus Antiquiertes, heute von Tolstoj als von irgend etwas zu sprechen, was eine Gegenwartsbedeutung hat. Und man muß sich hüten vor jeder Art des Hinüberschielens nach dem Osten, nach dem alten Osten und auch nach dem, was in einer gewissen Art des Senilwerdens noch zum letzten Mal in einem Menschen wie Tolstoj sich konzentriert hat. Wir müssen ganz auf dem Boden derjenigen Mission stehen, die die Mission der Gegenwart ist. Und das können wir nur, wenn wir aus den eigenen Fundamenten heraus den Impuls von der Dreigliederung des sozialen Organismus begreifen. Gewissermaßen um ein weltgeschichtliches Symbolum hinzustellen, oder auch als ein Symptom, hat der verfaulende Osten zuletzt in einer, man möchte sagen, innerlich strebsamen, aber doch ohnmächtigen Weise wie seinen letzten Ausläufer noch Tolstoj hingestellt, wie der Westen als einen ersten Vorläufer den Keely mit seinem Motor hingestellt hat. Während Tolstoj ausdrückt das vollständige Luziferischwerden der alten orientalischen Kultur, steht die westliche Kultur noch ganz im Zeichen des Ahrimanischen.

[ 36 ] Das ist dasjenige, was in der Gegenwart erfaßt werden muß. Und ohne zu erfassen, wie wir auf der einen Seite uns zu hüten haben vor dem, was von Osten noch herüberragt von der Vergangenheit, auch in einem lebendigen Menschen noch als Vergangenheit herüberragt, und auf der andern Seite uns zu hüten haben vor dem, was im Westen erst im Aufgange ist, ohne daß man das durchschaut, ist man kein Mensch der Gegenwart. Selbstverständlich kann ein Mensch der Gegenwart Engländer, Franzose, Amerikaner, er kann Russe sein, denn das Menschentum muß heute über die geographischen Sphären hinübergehen. Aber wir müssen diese alten Begrenzungen nehmen, weil sie eine Bedeutung haben für den historischen Werdegang der Menschheit. Hinter uns liegt dasjenige, worin die Menschheitsgeschichte sich dreigliedert: Orient, Mitte, Westen. Vor uns liegt — und anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft soll das so scharf wie möglich betonen — das reine Menschsein, zu gleicher Zeit in uns tragend den Osten, die Mitte und den Westen. Der Mensch, der heute als ein lebendiger Mensch, auch als Asiate, geboren wird, kann alle drei in sich tragen. Der Mensch der Mitte braucht sich nicht zu beschränken, bloß die Mitte in sich zu tragen, sondern er muß den historischen Osten als etwas in Dekadenz Befindliches, den historischen Westen als etwas im Aufsteigen Befindliches in sich erleben. Ebenso kann der amerikanische Mensch, wenn er durch die Betrachtung der Mysterienweisheit — und er ist am meisten darauf angewiesen — erheben will sein bloß wirtschaftliches Denken zu einem Denken, das politisch, das geistig ist, Osten, Mitte und Westen in sich tragen.

[ 37 ] Das ist dasjenige, was man heute sagen muß, wenn man die Aufgaben bezeichnen will, die der Mensch als seine innersten Seelenaufgaben erkennen soll aus den großen Notwendigkeiten der Zeit heraus.