Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Heilfaktoren für den sozialen Organismus
GA 198

20 März 1920, Dornach

Erster Vortrag

[ 1 ] Was heute den Menschen als eine fast unumstrittene Autorität gilt, das ist Wissenschaft, Wissenschaft eben in demjenigen Sinne, in dem diese Wissenschaft heute auf unseren staatlich abgestempelten Lehranstalten getrieben wird. Wir haben öfters über die Geltungsmöglichkeiten dieser Wissenschaft gesprochen, haben auch hingewiesen darauf, wie gerade von dieser Autorität die Menschheit der Gegenwart loskommen müsse. Heute will ich darauf hinweisen, daß es ja eine charakteristische Erscheinung geworden ist — auch erst seit den letzten drei bis vier Jahrhunderten -, als eine von diesen Wissenschaften, die Geltung haben, die Autorität haben, die Medizin zu betrachten. Alles, was mit der Medizin zusammenhängt, ist eben eine Wissenschaft unter den anderen, eine Wissenschaft, welche in ihrem weiteren Verfolge führen soll zum Heilen, zum Heilen des kranken Menschen. Man denkt kaum heute daran, daß dieses Verhältnis von Medizin zu anderen Wissenschaften und zu der Gesamtheit der Wissenschaften sich auch erst in den letzten drei bis vier Jahrhunderten herausgebildet hat. Denn je weiter wir in der Menschheitsentwickelung zurückgehen, desto mehr sehen wir, wie alles, was der Mensch an Wissenschaft, an Erkenntnis ausbilden konnte, mehr oder weniger als medizinisch angesehen wurde, als etwas angesehen wurde, was mit Heilen etwas zu tun hat. Und wenn wir zurückgehen insbesondere in die Entwickelung der okkulten Wissenschaften in älteren Zeiten, so ist mit dem Begriff der okkulten Wissenschaften, der Geheimwissenschaften, der Begriff des Heilens immer verbunden gewesen. Immer hatten mit irgendeiner Art des Heilens die geistigen Wissenschaften etwas zu tun. So daß man damals in älteren Zeiten nicht sagen konnte: Medizin ist eine Wissenschaft unter vielen -, sondern daß man sagte in diesen älteren Zeiten, in denen höchstens das rein Intellektuelle nicht zu dem Okkulten gerechnet worden ist: In aller Wissenschaft, in aller Erkenntnis muß etwas gesucht werden, das zuletzt abzweckt auf ein Heilen des ganzen Menschen. — Man sprach also in dem Sinne, daß man sich diesen Gedanken vor die Seele rückte.

[ 2 ] Nun muß man aber fragen: Was sollte denn da geheilt werden, was war denn da zu heilen? — Heute, in der Zeit des Materialismus, spricht man von Krankheit, wenn am Menschen durch äußere materielle Vorgänge oder durch sein Verhalten in der sinnlichen Welt irgend etwas Abnormes zu bemerken ist. Auch dieser, man möchte sagen materialistische Begriff von Krankheit, auch er ist im Grunde genommen erst ein Produkt der neueren Entwickelung der Menschheit, ein Produkt der nachgriechischen Zeit. Denn in jenem Griechenland, in dem eine aufgewecktere, für die Welt empfänglichere Menschheit wohnte, als die spätere Menschheit es ist, war im Grunde genommen noch jener Begriff von Krankheit, und namentlich Krankheitsmöglichkeit, vorhanden, der allen Zeiten eigen war, die weiter zurückliegen als etwa zwei, drei vorchristliche Jahrhunderte. Man muß solche Dinge, damit sie verstanden werden, damit man nicht ihre eigentliche Bedeutung doch überhöre, man muß solche Dinge etwas radikal sagen. Die Grundanschauung in älteren Zeiten war, daß eigentlich die ganze Menschheit fortwährend die Anlage zum ständigen Kranksein mit sich herumträgt. Alle Menschen sind im Grunde genommen fortwährend mit Krankheitsanlagen in der Welt herumgehend — das ist im Grunde die Anschauung gewesen. Alle Menschen sind wenigstens der vorbeugenden Heilung bedürftig; man muß fortwährend heilen an der Menschheit, das war die Meinung. Vielleicht wird man am besten verständlich in diesen Sachen, wenn man diese Meinung vergleicht mit einer, die uns insbesondere heute aus unseren sozialen Verhältnissen und sozialen Forderungen häufig entgegentritt. Wir sehen heute auftreten viele Menschen, welche sich berufen fühlen, agitatorisch zu sprechen von dem, was der Menschheit, sagen wir, in sozialer Beziehung oder in anderer Beziehung notwendig ist, damit sie einer besseren Zukunft entgegengehe. Diese Menschen schildern ungefähr dasjenige, was erreicht werden würde, wenn ihre Ideen zur Geltung kommen, als eine Art Paradies auf Erden. Man sagt wohl auch, das Tausendjährige Reich müsse nun endlich anbrechen, wenn die Ideen gewisser Menschen sich Geltung verschaffen könnten. Gewiß, es ist eine Meinung, die vielleicht das Gute will, aber aus schlechtem Verstande und aus noch schlechterer Vernunft kommt, aber es ist eine Meinung, die agitatorisch wirken kann. Und was sollte agitatorischer wirken, als wenn man den Menschen, namentlich einer materialistischen Zeit, das Paradies auf Erden verspricht! Wenn man es ihnen noch gar verspricht für die Zeit, bevor sie selber sterben, so hat man sie mit einer großen Wahrscheinlichkeit zu Anhängern.

[ 3 ] Demgegenüber wird ja schwer aufkommen, wenn so etwas auftritt wie die Idee von der «Dreigliederung des sozialen Organismus», die nicht von dem Paradies auf Erden spricht, sondern von dem, was lebensfähig als sozialer Organismus ist, was leben kann. Gegenüber dieser Anschauung, die es ja involviert, daß ein solches Paradies auf Erden möglich sei, daß eine allgemeine, ideal wirkende Gesundung der Menschen durch bloße Einrichtungen auf dem physischen Plane sich herstellen lassen könne, gegenüber dieser Meinung steht mit einer ganz anderen Empfindungsfärbung da jene Meinung in alten Zeiten, die ich versuchte, Ihnen zu charakterisieren, indem ich sagte, diese Meinung ging dahin: Alle Menschen, insofern sie hier auf dem physischen Plane leben und wirken, sind bis zu einem gewissen Grade mit Krankheitsanlagen behaftet und bedürfen fortwährend der Heilung. - Denn diese Anschauung fußte auf dem Folgenden. Sie sagte: Hier in der physischen Welt kann der Mensch dasjenige tun, was zu Einrichtungen auf diesem physischen Plane führt. Der Mensch kann dasjenige tun, was seine Wirtschaft besorgt, was sein Recht besorgt und so weiter. — Aber wenn alles das, was so besorgt wird, nur durch seine eigene Kraft fortläuft, wenn nichts hineinwirkt als dasjenige, was sich auf die äußeren Institutionen des physischen Planes bezieht, dann wird der soziale Organismus der Menschheit immer kränker und kränker. Man kann nämlich gar nicht durch äußere Maßnahmen einen gesunden sozialen Organismus hervorrufen, sondern nur einen solchen, der immer kränker und kränker wird. Damit er das nicht werde, hat man nötig, parallel gehen zu lassen den Maßnahmen, die für die physische Welt getroffen werden, geistiges Leben. Und dieses geistige Leben wirkt so, daß es gewissermaßen die Krankheitskeime, die sich fortwährend in dem Menschen erzeugen, paralysiert. Jede Erkenntnis, so dachte man, die nicht darauf hinausläuft, das sich fortwährend bildende Gift der sozialen Ordnung zu resorbieren, jede solche Erkenntnis ist ein Unding in der Menschheit. Erkenntnisprozeß ist Heilungsprozeß. Und würde, so dachte man in alten Zeiten, die Erkenntnis für irgendeine Epoche ganz aussetzen, dann würde der soziale Organismus in Krankheit verfallen. Daher bezeichnete man erkennende Kraft von vornherein als heilende Kraft; und erst im Laufe der Zeit haben sich abgesondert von dem Mysterienerkenner — der zu gleicher Zeit Führer der sozialen Ordnung, Arzt und Priester war — der Arzt, der Lehrer, der Priester und so weiter. Das hat sich alles erst aus dem herausdifferenziert, was gemeinsam in dem Menschen lebte, der jene Erkenntnis in sich besaß, die zu gleicher Zeit durch ihre Eigenart die Medizin der Menschheit war. Man hat sich auch in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung viel, viel weniger mit einzelnen Krankheiten befaßt als heute. Man hatte über diese einzelnen Erkrankungen seine besonderen Ansichten, die man dem heutigen Menschen gar nicht einmal sagen darf, denn sie verletzen sein Gefühl, sie kommen ihm grausam vor. Aber dafür war dasjenige, was man trieb, was man versuchte zu schöpfen aus tiefen Erkenntnisquellen, gedacht als soziale Medizin.

[ 4 ] Solch eine Anschauung konnte allerdings nur vorhanden sein mit ihrer ganzen Kraft in einer Zeit, in der der Mensch anders zu sich selbst stand als heute. Wir haben es ja öfters besprochen, daß der Intellektualismus, der heute insbesondere auch im Erkennen herrscht, im Grunde genommen auch nur, so wie er heute herrscht, in dieser Form zwei, drei, vier Jahrhunderte alt ist. Dieser Intellektualismus, der sein Ideal in durch abstrakte Gedanken wahrzunehmenden Naturgesetzen sieht, der greift nicht ein in die menschliche Persönlichkeit. Ich habe es Ihnen öfters charakterisiert, wie dieses Nichteingreifen sich darstellt. Stellen Sie sich einmal den heutigen Studenten irgendeiner Wissenschaft vor, irgendeines Wissenschaftsgebietes an einer unserer gebräuchlichen Lehranstalten über die ganze zivilisierte Welt hin. Es ist so, daß man sagen muß: Dieser Student sitzt da, er hört nur mit seinem Kopf, mit seinem Verstande, mit seinem Intellekt dasjenige an, was ihm vorgebracht wird, sieht dasjenige an, was ihm vorexperimentiert wird; aber in einem sehr geringen Grade ist sein Gemüt, sein Herz, sein ganzer Mensch beteiligt bei dem, was da vorgebracht wird. Das war bei der alten Mysterienweisheit nicht so. Da konnte man nicht in dieser Weise gleichgültig bleiben. Da war alles, was auf den Kopf wirkte, was auf den Intellekt wirkte, zu gleicher Zeit den ganzen Menschen ergreifend, das war Gemüt und Willen erfassend, das war so, daß man eben als ganzer Mensch dabei sein konnte. Durch das abstrakte Denken, durch das abstrakte Naturforschen ist auch unser Leben abstrakt geworden, so abstrakt geworden, daß der Mensch heute kaum ein Organ hat, dasjenige noch im rechten Lichte zu sehen, was verbunden war mit dem ganzen sozialen Leben einer alten Menschheit. Wir haben öfters auch hier schon gesprochen von dem, was man im hebräischen Altertum den unaussprechlichen Namen des Gottes genannt hat, der dann in der Folge aussprechbar wurde, in der Lautfolge J-A-H-V-E. Warum war dieser Name unaussprechlich? Weil, wer ihn in jenen alten Zeiten aussprach, durch die Gewalt der Laute die alltägliche Gesinnung, das alltägliche Bewußtsein abgedämpft erhielt. Eine andere Welt stand vor ihm auf, und gefährlich war es, den Namen auszusprechen, weil die gewöhnliche Besinnung schwinden mußte. Es war tatsächlich so, daß der Mensch fühlte: Wenn dieser Name vibriert durch seine Leiblichkeit, dann ist er als Mensch in eine andere Welt entrückt, in eine Welt, in der andere Dinge vorgehen als in dieser physischen Welt. — Das ist eine Seelenverfassung des Menschen, von der der heutige Mensch keine Ahnung mehr hat, von der er nichts wissen kann. Denn eine Lautzusammenstellung hat heute nicht jene erschütternde Wirkung, die sie einstmals hatte.

[ 5 ] Mit alldem hängt es zusammen, daß auch aufsteigen konnte aus jener anderen Seelen- und Leibesverfassung des alten Menschen mehr, als heute aus der Seelen- und Leibesverfassung des Menschen aufsteigen kann. Heute steigt aus dieser Seelen- und Leibesverfassung zunächst das Organische auf. Hunger, Durst, andere Emotionen steigen auf, diese oder jene Begehrungen, diese oder jene Gemütsbewegungen, diese oder jene Sympathien und Antipathien steigen auf. All das, was so aufsteigt aus der Organisation des Menschen, es bezieht sich im Grunde genommen auf den einzelnen Menschen, auf das einzelne menschliche Ego. Aber bei den alten Menschen kam herauf mit Hunger und Durst, mit den Begehrungen, die sich aufs gewöhnliche Leben beziehen, Offenbarung eines Göttlichen. Der alte Mensch fühlte in dem, was er gewissermaßen aus seiner eigenen Leiblichkeit und aus seiner eigenen Seelischkeit heraus verwendete, den Gott mit, der wie in der Natur so auch in ihm wirkte. Das, was aufstieg, das ließ in diesen alten Menschen die Fähigkeit erstehen, in der ganzen umgebenden Natur nicht nur das zu sehen, was wir heute sehen, sondern zu sehen Geistiges. Davon macht sich der heutige Mensch überhaupt nicht gern eine Vorstellung, daß selbst das Auffassungsvermögen beim früheren Menschen anders war als beim heutigen Menschen.

[ 6 ] Dieses Vorurteil ist ja allerdings ein recht begreifliches, das darin besteht, daß man annimmt, so, wie wir heute die Welt sehen, habe man sie immer gesehen. Aber selbst äußerliche Tatsachen beweisen für den, der nur solche Beweise haben will, mit aller nur nötigen Klarheit, daß selbst schon die Griechen — wir brauchen also nicht weit zurückzugehen in der Entwickelung der Menschheit — die den Menschen umgebende Natur anders gesehen haben als wir. Geisteswissenschaft kommt durch das geistige Schauen mit voller Klarheit darauf; aber auf das, was in dieser Beziehung Geistesschau mit voller Klarheit an die Oberfläche bringt, kann man auch schon durch die äußere Erkenntnis der physischen Tatsachen kommen, wenn man in der griechischen Literatur Umschau hält und die eigentümliche Tatsache bemerkt, daß die Griechen ein Wort hatten für Grün: chlorós. Aber kurioserweise bezeichneten sie mit demselben Worte, das sie für das, was wir Grün nennen, anwendeten, den gelben Honig und die gelben Blätter im Herbst; die gelben Harze bezeichneten sie so. Die Griechen hatten ein Wort, welches sie gebrauchten, wenn sie dunkle Haare benennen wollten; mit demselben Wort bezeichneten sie den Stein Lapislazulii, den blauen Stein. Niemand wird annehmen können, daß die Griechen blaue Haare hatten. Solche Dinge kann man wirklich bis zu einem hohen Grade von Beweiskraft bringen, und man sieht daraus, daß die Griechen einfach als Volk Gelb von Grün nicht unterschieden haben, Blau als Farbe nicht so bemerkt haben wie wir, daß sie alles lebendig nach dem Rötlichen, nach dem Gelblichen hin gesehen haben. Das alles wird noch bekräftigt dadurch, daß uns die römischen Schriftsteller erzählen, die griechischen Maler hätten mit nur vier Farben gemalt, mit Schwarz und Weiß, mit Rot und Gelb

[ 7 ] Wenn wir nach unseren heutigen Erfahrungen der Farbenlehre urteilen, so müssen wir sagen: Eine wesentliche Eigenschaft der Griechen war, daß sie blaublind waren, daß sie auch die blaue Nuance in dem Grün nicht gesehen haben, sondern nur die gelbe Nuance. Die ganze Umgebung war für die Griechen viel feuriger, weil sie alles nach dem Rötlichen hin gesehen haben. Bis in diese Art, zu sehen, geht dasjenige, was Entwickelungsmetamorphosen in der Menschheit sind. Wie gesagt, man kann das äußerlich zeigen. Die Geistesschau zeigt es mit aller Deutlichkeit, daß der Grieche sein ganzes Farbenspektrum nach der Rotseite hin verschoben hatte und nicht empfand nach der blauen und violetten Seite hin. Das Violett sah er viel röter, als wir es sehen, als es der heutige Mensch sieht. Würden wir nach unserer heutigen Augenvorstellung die Landschaft malen, die der Grieche gesehen hat, so müßten wir sie eben mit ganz anderen Farben malen, als wir heute gewöhnt sind. Und das, was wir als Natur sehen, kannte der Grieche nicht, und dasjenige, was der Grieche als Natur sah, kennen wir nicht. Die Entwickelung der Menschheit schreitet eben metamorphosisch vorwärts, und das Wesentliche ist, daß die Zeit, in der der Intellektualismus heraufgestiegen ist, in der der Mensch nachdenklich wurde - der Grieche war nicht nachdenklich, der Grieche lebte gegenständlich in der natürlichen Welt —, die gleiche Zeit ist, in der sich umsetzte die Empfindung für die dunkle Farbe, für das Blaue, für das Blau-Violette. Nicht verändert sich bloß das Innere der Seelen, sondern es verändert sich auch dasjenige, was von der Seele in die Sinne hineinlebt.

[ 8 ] So können Sie sich sagen: Schon mit Bezug auf die Fähigkeiten unserer Sinne sind wir heute, in der fünften nachatlantischen Zeit, andere Menschen als sogar noch die Menschen, die charakteristische Menschen der vierten nachatlantischen Periode, der griechisch-lateinischen waren. Das alles hängt mit dem vorigen zusammen. In der Zeit, in der noch aus den Emotionen, aus den Sympathien und Antipathien, selbst aus dem Körperlichen, wie Hunger und Durst und Sättigung, aufstiegen spirituelle Kräfte, da ergossen sich diese spirituellen Kräfte bis in die Sinnesorgane hinein, Und die gewissermaßen aus dem Unterleiblichen heraufströmenden, sich in die Sinnesorgane hineinergießenden Kräfte, sie sind für den Sinn des Auges diejenigen, die vorzugsweise die gelben und die roten Farbennuancen beleben, die Fähigkeit beleben, diese Farbennuance wahrzunehmen. Wir sind heute in das Zeitalter eingetreten, wo das Umgekehrte zu einer wichtigen Aufgabe der Menschheit wird. Die Griechen waren noch so organisiert, daß ihre schöne Weltanschauung dadurch durch ihre Sinne vermittelt wurde, daß in diese Sinne sich hineinergoß ihr durchgeistigtes organisches Leben. Wir haben unterdrückt als Menschheit durch Jahrhunderte dieses durchgeistigte organische Leben. Wir müssen es von der Seele aus, vom Geiste aus wieder beleben. Wir müssen uns die Fähigkeit aneignen, ins SeelischGeistige einzudringen, wie das Geisteswissenschaft vermitteln will. Und indem wir uns die Fähigkeit aneignen, ins Geistig-Seelische hineinzudringen, wie das Geisteswissenschaft vermitteln will, werden wir den umgekehrten Weg machen. Bei den Griechen war es so, daß von dem Leiblichen aus gewissermaßen die Strömungen gingen und sich ergossen bis ins Auge hinein (siehe Zeichnung, rot); bei uns muß das Umgekehrte stattfinden. Wir müssen das Geistig-Seelische ausbilden (siehe Zeichnung, blau), die Strömung muß sich von diesem GeistigSeelischen nach der Organisation des Menschen erstrecken, und wir müssen vom Geistig-Seelischen die Strömungen in das Auge und in die anderen Sinne hineinbekommen. Der umgekehrte Weg muß derjenige der Zukunftsmenschheit werden gegenüber dem, der bis in die Mitte der vierten nachatlantischen Kultur der Weg der Menschheit war. Dann wird aus dem nachdenklichen Menschen wiederum der geisterkennende, der in einer anderen Form geist-erkennende Mensch, der von oben angelegt wird. Wir sind hineingewachsen in die Empfänglichkeit für den blauen Teil des Spektrums.

AltName

[ 9 ] Wenn ich das schematisch aufzeichnen wollte, so müßte ich so zeichnen: Der Grieche war vorzugsweise empfänglich in dem Rot, er lebte in dem Rot. Der Grieche lebte sich in diesen Teil des Spektrums hinein (siehe Zeichnung, links); wir müssen uns in diesen Teil (siehe Zeichnung, rechts) des Spektrums immer mehr und mehr hineinleben. Aber indem wir uns in diesen Teil des Spektrums hineinleben, indem wir in einer gewissen Weise immer mehr und mehr lieb gewinnen die blaue und blau-violette Farbe, müssen sich ja unsere Sinnesorgane völlig ummetamorphosieren, umwandeln.

AltName

[ 10 ] Die Sinnesorgane müssen in ihrer feineren Struktur etwas ganz anderes werden, als sie waren. Was sich da hineinergießt in die Sinnesorgane, das ist dasjenige, was allmählich auf naturgemäßem Wege durch das Auge zum Beispiel die Imagination ausbildet, durch das Ohr die Inspiration, durch den Wärmesinn die Intuition. Es müssen also ausgebildet werden: durch das Auge: Imagination, durch das Ohr: Inspiration, durch den Wärmesinn: die Intuition.

[ 11 ] Die feinere Struktur im Gange der menschlichen Entwickelung, die feinere Struktur des menschlichen Organismus im Gange der menschlichen Entwickelung macht eine Metamorphose durch, wird eine andere.

[ 12 ] Auf solche Dinge muß der Mensch der Gegenwart hinsehen, denn er steht drinnen in einem wichtigen Übergangszeitpunkt; er steht drinnen in der Zeit, in der sich entscheiden muß, ob er wohl kann den Übergang finden, gewissermaßen die Eindrücke von oben zu empfangen. Wir dürfen nicht beim bloßen Intellektualismus bleiben, wir müssen den Intellektualismus vergeistigen und verseelischen. Dann wird aber dasjenige, was als Geistiges und Seelisches sich in uns ausbildet, bis in die menschliche Organisation hinein wirken. Und wenn wir es nicht ausbilden? Wenn irgendein Organ zu etwas bestimmt ist und man gebraucht es nicht dazu, stirbt es ab, ertötet sich. Da haben Sie in der menschlichen Organisation selber, was eine alte Zeit aus anderen Erkenntnisvoraussetzungen heraus für die Entwickelung der ganzen Menschheit angenommen hat. Sehen Sie auf Ihre Augen hin: in diese Augen hinein muß sich ergießen dasjenige, was von oben herunter als spirituelles Leben in die Zukunftsmenschheit einströmen soll. Strömt es nicht ein, dann sind diese Augen dazu verurteilt, krank zu werden. Durch ihre eigene Natur müssen die Augen der Menschen krank werden, ebenso die Ohren, ebenso der Wärmesinn.

[ 13 ] Was müssen wir denn suchen für eine Erkenntnis? Eine diese Krankheitsanlagen unseres eigenen Organismus heilende Erkenntnis. Wir müssen wiederum den Weg zurück finden zu der Auffassung, daß alle Erkenntnis, insofern sie an den Menschen heran will, einen medizinischen Charakter habe. Wir müssen wiederum den Begriff bekommen können, daß wir Erkenntnis um des Heilens willen zu suchen haben, daß Medizin nicht nur ist auch eine Erkenntnis unter anderen Erkenntnissen, und daß alle Erkenntnis im Entwickelungsprozeß der Menschheit ein Heilfaktor sein muß, weil die Menschheit es nötig hat, dasjenige, was in ihr auf dem physischen Plane entsteht, fortwährend geheilt zu bekommen. Nicht derjenige redet der Menschheit das Richtige vor, der ihr ein irdisches Paradies verspricht, sondern derjenige allein redet die Wahrheit, der den Menschen klarmacht: Auch wenn wir alles tun, um brauchbare irdische Zustände herzustellen, so muß der Mensch seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt suchen! — Denn selbst die besten irdischen Zustände müssen fortwährend geheilt werden, geheilt werden bis in den menschlichen Organismus hinein. Auch dieser ist fortwährend mit Krankheitsanlagen durchsetzt. Das heißt, es muß ein Geistesleben in der Menschheit da sein, welches die Kraft hat, heilende Mächte aus sich heraus zu bilden.

[ 14 ] Unter den mancherlei Gründen, die dazu geführt haben, aus anthroposophisch orientierter Weltanschauung die Idee der «Dreigliederung» zu gebären, sind auch diejenigen, die Sie entnehmen können aus meinen heutigen Auseinandersetzungen, denn diese Idee der Dreigliederung ist eine solche, daß man hinschauen kann in diese Ecke, in jene Ecke, in eine dritte und vierte Ecke der Menschheitsentwickelung — wenn man nur richtig beobachten kann, so ergibt sich für die heutigen, wirklich das Wahre wollenden menschlichen Fähigkeiten die Notwendigkeit dieser Dreigliederung. Diejenigen, die da glauben, mit ihrem bißchen Logik, wenn sie einmal von dieser Dreigliederung hören, irgend etwas nicht gleich verstehen zu können oder es mit irgend etwas in Widerspruch zu finden, die sollten warten, bis sie sich genauer mit der Sache bekanntmachen. Dann werden sie sehen, daß es nicht einen Beweis oder eine Beweisströmung für die Notwendigkeit der Dreigliederung gibt, sondern unzählige. Denn wohin man schaut, überall gibt es Beobachtungen, die unabhängig von den anderen dasjenige beweisen, was ich nennen könnte: notwendiges Auftreten der Idee von der «Dreigliederung des sozialen Organismus» in unserer heutigen Gegenwart. Und eine der allerwichtigsten Ecken ist doch die Erkenntnis, die Erfassung der Menschenwesenheit selber. Aber wo ist denn die heutige Wissenschaft, die so stolz auf ihre Abstraktion ist, geneigt, auf das wirklich Konkrete einzugehen? Noch der Grieche hatte ein deutliches Bewußtsein davon: Wenn er aufsteigen läßt seine Emotionen, so offenbart sich ihm ein Göttliches. -— Wir müssen erlangen die Fähigkeit, herabzuholen aus geistigen Höhen die geistigen Seelenkräfte, und sie müssen uns eine Natur offenbaren, sie müssen uns zeigen, wie die Natur ist. Das heißt, wir müssen uns klarwerden können, daß wir durch äußeres Anschauen die Natur nicht erkennen können, sondern nur mit denjenigen Sinnesorganen, die geschärft sind durch dasjenige, was sich von oben ergibt, mit einem Auge, das geschärft ist durch die Imagination, mit einem Ohr, das geschärft ist durch die Inspiration, mit einem Wärmesinn, der geschärft ist durch die Intuition, durch das selbstlose Erleben der Dinge und Vorgänge, die in unserer Umgebung sind.

[ 15 ] Aus dem Willen zum Heilen ist Wissenschaft geworden. In den Willen zum Heilen muß Wissenschaft wiederum einmünden. Was wir heute als Wissenschaft ansehen und so hoch als Autorität verehren, das ist nur ein Zwischenzustand, der aber eigentlich gerade auf sozialem Gebiet zu den fürchterlichsten Disharmonien führt. Von alledem wollen wir dann morgen weiter sprechen.