Heilfaktoren für den sozialen Organismus
GA 198
9 Juli 1920, Dornach
Zwölfter Vortrag
[ 1 ] Heute möchte ich Ihnen wiederum von etwas sprechen, von dem zwar hier öfter schon gesprochen worden ist, das man aber doch so, wie es zu durchdringen notwendig ist, nur durchdringt, wenn man es öfter und von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachtet. Wer heute bewußt das geistige und schließlich auch das materielle Leben der Gegenwart mitlebt und sich wirklich innerlich seelisch eingelebt hat in das, was wir hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nennen, dem muß sich angesichts unserer Ereignisse eine schwere Kultursorge auf die Seele legen. Diese schwere Kultursorge kann man etwa so beschreiben: Auf der einen Seite sieht man die Notwendigkeit, daß dasjenige, was wir Initiationswissenschaft, Geisteswissenschaft nennen, die ergründet werden kann zuletzt nur durch die Methode der Einweihung, daß diese Wissenschaft sich womöglich über alle denkenden Menschen verbreiten muß, wenigstens der Hauptsache nach, wenn wir nicht weiter in den Niedergang hineinkommen wollen. Die Menschen haben einfach nötig, das in ihr Empfindungsleben aufzunehmen und sich anregen zu lassen für den wechselseitigen Verkehr, für das wechselseitige Handeln untereinander durch diese Initiationswissenschaft. Auf der anderen Seite lebt bei der weitaus größten Anzahl der Menschen — wir brauchen nur auf die paar Bekenner der Geisteswissenschaft hinzusehen —, also bei dem weitaus größten Teil der Menschheit besteht das Gefühl, daß sie diese Initiationsweisheit ablehnen, daß sie fortleben sollen auf dieselbe Weise, wie sie bisher gelebt haben, ohne irgendwie beeinflußt zu werden von dem, was ihnen durch diese Initiationsweisheit werden kann. Man möchte also sagen, auf der einen Seite liegt vor die dringendste Notwendigkeit der Offenbarung geistiger Welten, auf der anderen Seite die radikale Ablehnung dieses Erkennens.
[ 2 ] Man darf sich darüber keinen Illusionen hingeben, daß im Grunde genommen die Art und Weise, wie die Menschen bisher von den traditionellen Bekenntnissen angehalten worden sind über das Geistige zu denken, heute viel Schuld trägt an dieser radikalen Ablehnung einer Weisheit von den geistigen Welten. Machen wir uns doch klar, daß vor allen Dingen die traditionellen Bekenntnisse die Menschen nur bekanntmachen mögen mit einer Seite, sagen wir des Ewigen im Menschen, mit derjenigen Seite, die über den Tod hinaus liegt, und daß eine entschiedene Ablehnung von seiten der traditionellen Bekenntnisse vorhanden ist, die Menschen heute hinzuweisen auf dasjenige, was von dem Ewig-Seelischen im Menschen vorhanden ist vor der Geburt, oder sagen wir vor der Empfängnis. Viel wird gesprochen, wenn auch in höchst unbestimmter Weise und indem immer nicht auf ein Wissen, nur auf ein Glauben hingewiesen wird, von dem Dasein der Seele nach dem Tode. Dagegen abgelehnt wird alles Sprechen über das Dasein der Seele vor der Geburt oder vor der Empfängnis. Das hat seine Bedeutung nicht nur innerhalb des Theoretischen, das wir jetzt gerade angeführt haben, innerhalb der reinen Erkenntnisurteile, die da sagen: Auf die Zeit nach dem Tode wollen wir hinschauen; auf die Zeit vor der Geburt wollen wir nicht hinschauen —, sondern das hat seine Bedeutung für das ganze Wesen des Menschen. Denn es hängt ab die Art und Weise, wie man über das Unsterbliche im Menschen spricht, von dieser Ablehnung des Vorgeburtlichen. Vergegenwärtigen Sie sich nur einmal, wie zumeist von den Bekenntnissen über die Seelenunsterblichkeit zu den Menschen gesprochen wird. Es wird appelliert an die feineren egoistischen Instinkte der Menschen. Diese feineren Instinkte der Menschen gehen ja dahin, das Dasein nach dem Tode zu begehren. In den verschiedensten Formen ist in den Menschen die Begierde vorhanden nach diesem Dasein nach dem Tode, und man muß, indem man in der gebräuchlichen Weise von diesem Dasein nach dem Tode redet, immer wieder appellieren an diese egoistischen Instinkte der Menschen, an dieses Wollen eines Daseins nach dem Tode. Man muß also appellieren in einem gewissen Sinne an die menschliche Unsterblichkeitsbegierde. Und indem man an sie appelliert, findet man den Zugang zum Glauben der Menschen an diese Unsterblichkeit nach dem Tode. Man würde nicht ohne weiteres denselben Glauben für dieselbe Art der Sprache finden, wenn man sprechen würde von dem Ewigen der menschlichen Seele, wie es vorhanden ist vor der Geburt oder vor der Empfängnis. Bedenken Sie nur eines: Man spricht von Unsterblichkeit. Man spricht nicht von irgend etwas, was in gleichem Sinne über die Geburt hinausgeht, denn man hat darüber gar nicht in ordentlichem Sinne ein Wort in der Sprache. Unsterblichkeit, dieses Wort, das hat man; Ungeburtlichkeit, Ungeborenwerden — das hat man nicht, das müßte man erst ausbilden, damit es den Menschen geläufig würde. Daran schon können Sie sehen, wie einseitig das Reden über die Unsterblichkeit auf seiten der traditionellen Bekenntnisse ist. Und warum ist das so? Ja, es ist doch ganz anders, wenn man zu den Menschen sprechen soll davon, daß sie ihr jetziges Leben, das sie von der Geburt an geführt haben und weiter führen bis zum Tode, als die Fortsetzung eines geistigen Lebens betrachten sollen, wie sie betrachten wollen das geistige Leben nach dem Tode als eine Fortsetzung dieses Erdenlebens. Denn für die Menschen ist es schon einmal so: Zu erfahren von dem nachtodlichen Leben ist für sie in gewissem Sinne ein Genuß; zu erfahren von dem vorgeburtlichen Leben ist nicht in gleichem Sinne ein Genuß, denn dasjenige, was uns Menschen geworden ist durch die Geburt, das haben wir, das besitzen wir; das begehren wir also nicht. So kann nicht durch die Aufstachelung einer Begierde von dem Ewigen vor der Geburt gesprochen werden, und so muß man erst, wenn man von diesem Ewigen vor der Geburt sprechen will, in dem Menschen den Trieb anregen, auf so etwas überhaupt hinzusehen, für so etwas sich erkenntnisbereit zu erklären.
[ 3 ] Das hängt damit zusammen, daß in der Tat Geisteswissenschaft vor dem Erkennen voraussetzen muß ein gewisses Bereitsein. Das, was ich gestern im öffentlichen Vortrage genannt habe «intellektuelle Bescheidenheit»: sich zu fühlen den großen Erkenntnissen der Natur gegenüber wie das Kind, wenn es fühlen könnte, sich fühlen müßte mit fünf Jahren gegenüber einem Buche Goethescher Lyrik, mit dem es auch nichts anfangen kann, bevor es zu seinem Verstehen erzogen ist — so müßte sich der Mensch fühlen gegenüber der sich ausbreitenden Natur. Er kann nichts anfangen, bevor er sich vorbereitet hat, in sie einzudringen. Daher muß schon von diesem Vorbereiten in intellektueller Bescheidenheit gesprochen werden. Und wir müssen uns als Menschen innerlich bereit finden, aus uns etwas anderes zu machen, als wir sind, wenn wir noch nicht unser Inneres in die Hand genommen haben, um es weiterzubringen im seelisch-geistigen Leben. Dazu ist aber nötig, daß man auf gewisse Dinge hinsieht, auf die man in dem allgemeinen Weltenschlaf, dem man sich hingibt, doch eigentlich gar nicht hinsehen möchte.
[ 4 ] Wir haben als Menschen die Fähigkeit, durch unsere Vorstellungen, durch unser Denken über die Welt uns zu unterrichten. Wir denken aber nicht viel darüber nach, welche besondere Eigentümlichkeit dieses Denken eigentlich hat. Es hat dieses Denken schon eine besondere Eigentümlichkeit, denn dem äußeren Leben gegenüber ist es eigentlich unnötig. Wir machen uns dieses gewöhnlich nicht klar. Abgesehen davon, daß die Tiere auch leben können, ihre Nahrung aufsuchen können, sich fortbringen zwischen Geburt und Tod, ohne daß sie in der menschlichen Weise denken, abgesehen davon, daß man schon daraus entnehmen kann, daß wir gewisse niedere Aufgaben des Lebens auch verrichten können, wenn wir nicht auf menschliche Weise denken, brauchen wir ja nur einer etwas gründlicheren Lebenserwägung uns hinzugeben, und wir werden gleich sehen, wie für das äußere physische Leben das Denken eigentlich unnötig ist. In bezug auf gewisse Dinge können wir uns gar nicht auf das Denken verlassen. Nicht wahr, wir treiben Wissenschaft. Nehmen Sie irgendeine Wissenschaft heraus, zum Beispiel die Physiologie, durch die wir uns über die Art und Weise unterrichten, wie die menschlichen Organe funktionieren. Wir lernen in der Physiologie, so gut es auf materialistischem oder auf spirituellem Gebiet geht, erkennen, welcher Art der Verdauungsvorgang ist. Aber wir können niemals warten auf das denkende Erkennen des Verdauungsvorganges; wir müssen vorher regelrecht verdauen. Wir würden im Leben nicht fortkommen, wenn wir warten müßten, bis wir über das Verdauen gedacht haben, bis wir das erkannt haben. Wir müssen die Verdauungstätigkeit unbedacht ausführen, und so auch die anderen Tätigkeiten unseres Organismus. Gerade mit Bezug auf dasjenige, was wir als Menschen ausführen, kommt das Denken immer hinterher. Für das Leben in der Sinneswelt könnten wir also das Denken im Grunde genommen entbehren.
[ 5 ] Da beginnt die große Frage, die jetzt auftaucht vor dem Geisteswissenschafter: Was hat es mit diesem Denken, das uns im gewöhnlichen physisch-sinnlichen Leib ja gar keine Dienste leisten kann, eigentlich für eine Bewandtnis? — Auf ein Wichtiges muß man natürlich hinweisen. Dasjenige, was uns in der äußeren Technik vorliegt, würde uns nicht vorliegen, wenn wir es nicht zuerst bedenken würden. Aber im Grunde genommen setzt das Denken mit seiner positiven Bedeutung erst ein bei der äußeren Technik und alledem, was äußere Technik fordert. Bei alledem, was nicht äußere Technik fordert, ist das Denken etwas, was eigentlich hinterher einsetzt und was sich gegenüber unserem sinnlichen Dasein als überflüssig erweist. Wir tragen also ein Element in uns, welches zu unserem sinnlichen Dasein keinen Beitrag liefert. Das sagt sich der Geisteswissenschafter, und dann kommt er dazu, noch zu untersuchen, was eigentlich dieses Denken ist. Dann findet er, wie ich Ihnen öfter auseinandergesetzt habe, daß dieses Denken eigentlich eine Erbschaft von unserem vorgeburtlichen Dasein ist, daß gerade das Denken dasjenige ist, welches wir am intensivsten ausgebildet haben zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt, daß wir die Fähigkeit dieses Denkens hereintragen in dieses sinnliche Dasein, daß dieses Denken eigentlich ausgebildet war für die übersinnliche Welt. Wir verstehen die Bedeutung dieses Denkens gar nicht, wenn wir nicht wissen, daß es unsere Erbschaft aus der übersinnlichen Welt ist.
[ 6 ] So rankt sich allmählich der Geisteswissenschafter dazu auf, in dem Denken die Erbschaft zu sehen des Lebens, das er verbracht hat zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt. Was ist da eigentlich abgestreift worden seit dem letzten Leben? Abgestreift worden ist ganz und gar die begierdemäßige Beziehung zur Umwelt, denn indem wir mit unserem Erkennen denkend die Welt auffassen, sind wir ja ohne Begierde. Das ist das Eigentümliche des Erkennens, daß eine Begierde dieses Erkennen nicht durchdringt. Daher muß der Mensch zum Erkennen erzogen werden. Er muß erst darauf hingeführt werden, das Erkennen zu gebrauchen. Denn im Grunde genommen begehrt er zunächst nach den Dingen nicht, die ihm durch das Erkennen werden. Aber Geisteswissenschaft zeigt uns da auf diesem Gebiete doch etwas anderes. Sie zeigt uns, indem wir das Erkennen, das denkende Erkennen haben, daß wir ein ganz unnützes Glied haben für die sinnliche Welt, daß also dieses Denken in uns Menschen zu etwas anderem da sein muß als zum bloßen sinnlichen Leben, und daß wir dieses Denken mißbrauchen, wenn wir es unangewendet lassen, wenn wir es nicht anwenden, um einzudringen nicht bloß in das Sinnliche, sondern in das Übersinnliche. Wir haben das Denken als ein Geschenk, als eine Erbschaft des Übersinnlichen und müssen erkennen, daß wir es auch zur Aneignung des Übersinnlichen anwenden müssen.
[ 7 ] Was ich Ihnen da gesagt habe, das kommt im Leben in der verschiedensten Weise zum Ausdruck. Wir können, wenn wir das Leben richtig anschauen, auf solche Dinge wie die eben ausgesprochenen kommen. Wie kommen wir denn eigentlich in dieses Leben herein? Indem gewissermaßen aus dunklen Tiefen unseres Inneren immer mehr und mehr die Fähigkeit des Denkens sich ablöst, indem wir immer mehr und mehr in uns die Kraft, denkend die Welt zu überschauen, entwickeln. Wie kommen wir da herein, und wie stellen wir uns immer mehr in diese Welt hinein? Fragen Sie sich einmal recht gründlich selbsterkennend, fragen Sie sich, was für ein Bewußtsein Sie verknüpfen, indem Sie immer denkender und denkender werden. Sie verknüpfen unmittelbar mit diesem Denkendwerden das Mitteilungsbedürfnis. Wenn Sie denken, können Sie gar nicht anders, als wollen, daß Ihre Gedanken auch anderen Menschen in die Seele gehen, daß Sie in die Lage kommen, Ihre Gedanken anderen Menschen mitzuteilen. Mit unserem Denken wächst in einer gewissen Weise dieses heran, die Gedanken anderen mitteilen zu wollen.
[ 8 ] Man braucht sich nur einmal hypothetisch vorzustellen, was es hieße, seine Gedanken für sich allein haben zu müssen, niemanden zu finden, dem man die Gedanken mitteilen könnte! Aber das ist ganz gewiß für die meisten Menschen ein Bedürfnis, das für die Gedankenwelt allein dasteht. Bei anderen Besitztümern gilt es für die meisten Menschen nicht, und wenn man auch wirklich Menschen findet, die gerne von anderen Besitztümern geben, ebensogern vielleicht geben — das «ebensogern» ist wirklich zuviel gesagt —, von seinen Gedanken gibt jeder reichlich gern, von seinen anderen Besitztümern gibt er nicht immer so reichlich gern; das ist ja immerhin bekannt! Aber es gibt Menschen, die wirklich gern geben. Aber dann muß man dieses Gerngeben auch ein wenig analysieren, und dann wird man sich klar darüber, daß dieses Gerngeben doch wieder zusammenhängt mit dem Denken. Der Gedanke: Was wird der andere über dich denken, welche Gemeinsamkeit wird sich herausbilden, wenn du ihm gibst —, das ist etwas, das sehr stark das Geben von anderen Gütern beeinflußt, so daß auch beim Schenken oder für einen anderen Arbeiten sehr stark das Mitteilungsbedürfnis mitlebt. Das Streben nach Gemeinsamkeit im Denken, das ist es, was da mitspielt.
[ 9 ] Wenn man recht viel über eine Frage nachdenkt, über die sich eine Anzahl unserer Anthroposophen in der letzten Zeit gründlich unterrichten mußten, über die pädagogisch-didaktische Frage, die viel erörtert werden mußte bei der Begründung oder Fortführung der Waldorfschule, die ja bald das erste Jahr ihres Bestandes nun hinter sich haben wird, dann kommt man darauf, daß eigentlich derjenige zunächst den besten Lehrberuf hat, der das größte Mitteilungsbedürfnis hat. Wenn einer gern Lehrer ist, so rührt das davon her, daß das Mitteilungsbedürfnis, das Leben in gemeinsamem Denken mit den anderen in ihm besonders stark ausgebildet ist, besonders stark mitgebracht wird aus der Welt, aus der wir kommen, wenn wir durch die Geburt dieses sinnliche Dasein betreten. Und da es leichter ist, Kindern Gedanken mitzuteilen, bei Kindern Entgegenkommen zu finden als bei Erwachsenen, so ist der Lehrberuf derjenige, der gerade aus einem intensiven Ersehnen eines Erfolges bei dem Mitteilungsbedürfnis entspringt.
[ 10 ] Aber wenn man das einmal erkennt, wenn man so, ich möchte sagen, die Seelenlehre des Lehrens erkennt, dann tut sich die andere Frage auf, die Frage, welche bei der Ausbildung einer Pädagogik für die Waldorfschule die größte Rolle gespielt hat. Es klingt den heutigen Menschen noch paradox, diese andere Seite des Lehrens der Pädagogik, und doch, bei der Ausbildung der Pädagogik der Waldorfschule hat diese andere Seite die größte Rolle gespielt, und das ist diese, daß wir zu gleicher Zeit es zur Erkenntnis bringen, daß die Kinder, die hereinwachsen in die Welt, jedes für sich ein Rätsel ist und daß wir wirklich von den Kindern lernen können. Indem wir Lehrer sind, befriedigen wir nicht bloß unser Mitteilungsbedürfnis, sondern zu gleicher Zeit unser Erkenntnisbedürfnis, indem wir uns sagen: Du bist älter geworden, aber diejenigen, die jetzt hereinkommen, die bringen dir aus späterer Zeit Nachricht aus der geistigen Welt her, die enthüllen dir dasjenige aus der geistigen Welt, was seit deiner eigenen Geburt in der geistigen Welt sich zugetragen hat, denn die sind länger drinnengeblieben in der geistigen Welt. In den verschiedensten Gestalten wurde das gerade den Lehrern der Waldorfschule beigebracht, Botschaften aus der geistigen Welt in dem heranwachsenden Kinde entgegenzunehmen, wirklich daran zu denken in jedem Augenblicke, und namentlich zu empfinden: In dem Kind, das dir da übergeben wird, enthüllt sich dir dasjenige, was dir aus der geistigen Welt hereingeschickt wird.
[ 11 ] Dadurch paart sich mit dem Geben ein Nehmen, dadurch wächst man praktisch hinein in das Zusammenleben mit der geistigen Welt. Die Pädagogik der Waldorfschule beruht schon auf solchem tatsächlichen Aufnehmen von Dingen der geistigen Welt. Nicht bloß, daß man theoretisch irgendeine Pädagogik auseinandersetzen will, die von den abstrakten Prinzipien der Anthroposophie ausgeht. Darauf kommt es nicht an, sondern um die Lehrpraxis handelt es sich, die bei der Behandlung der Kinder unmittelbar zum Ausdrucke kommt. Es ist etwas anderes, ob man voraussetzt, das Kind trägt dir Botschaft aus der geistigen Welt in diese Welt herein, du hast das Rätsel zu lösen, das dir da hereingebracht wird aus der geistigen Welt, als wenn man das Kind als eine beliebige plastische Substanz betrachtet, das man bloß auszubilden hat. Dieses Rätsel lösen, das führt zu dem, was als Lebenspraxis heraus folgt aus dem, was lebendig angeschaute und lebendig in sich aufgenommene anthroposophische Geisteswissenschaft ist. Und diese anthroposophische Geisteswissenschaft ist dazu da, daß sie nicht bloß Prinzipien vertritt, nicht bloß Theorien vertritt, sondern in die einzelnen Zweige des Lebens wirklich aufgenommen zu werden. Das ist es, um was es sich handelt.
[ 12 ] Damit haben wir aber hingewiesen darauf, wie dieses Arbeiten im Erziehen, im Mitteilen seiner Gedanken — und schließlich ist es ein Mitteilen von Gedanken, ob ich jemandem etwas erzähle, oder ob ich einen Roman schreibe, oder, wenn wir den Gedanken im weiteren Umfange denken, ob ich ein anderes Kunstwerk produziere —, wie dieses ganze Leben in Gedanken ein Zusammenleben mit der geistigen Welt ist, ein Hereintragen desjenigen, was wir vorgeburtlich erlebt haben, in diese Welt hier. Diese besondere Eigentümlichkeit dessen, was man geistiges Erleben nennt, was man geistige Zivilisation nennt, das muß schon einmal von Anthroposophen ins Auge gefaßt werden. Denn dadurch bekommt dieses Geistesleben sein besonderes Gepräge, daß wir uns, indem wir in diesem Geistesleben stehen, bewußt werden: Wir hängen dadurch zusammen mit alledem, was vor unserer Geburt liegt, was noch nach unserer Geburt liegt, indem die Kinder es uns aus den übersinnlichen Welten hereintragen. — Dadurch bekommt aber dieses geistige Leben sein besonderes Gepräge. Es ist da einmal das, was sein sollte, daß der Anthroposoph die Welt viel realer ansieht als der andere Mensch heute, daß der Anthroposoph lernt, auf diese Feinheiten des Lebens hinzuschauen. Also er soll erkennen, wie das äußere Zivilisationsleben in dem Betrieb des Geistigen zusammenhängt mit dem Vorgeburtlichen, und wie eigentlich da in dem Geistigen sich etwas entfaltet, was reicher ist als der einzelne Mensch, was über den einzelnen Menschen hinübergreift. Nicht wahr, wenn wir darauf angewiesen sind, unsere Gedanken anderen mitzuteilen, also sie auch in den Herzen, in den Empfindungen anderer zu finden, so weist uns eben das Geistesleben auf eine Gemeinsamkeit hin, auf etwas hin, was wir nur mit anderen Menschen zusammen erleben können. Es stattet uns das Geistesleben mit etwas aus, was wir gar nicht allein haben wollen.
[ 13 ] Wir wissen gewissermaßen mehr — wenn ich mich jetzt paradox ausdrücken soll —, als wir für uns behalten dürfen, und es kreuzen sich in dieser Beziehung unsere Bedürfnisse. Wer einem anderen etwas mitteilt, dem soll wiederum von einem anderen etwas mitgeteilt werden. Anders geht es ja gar nicht. Also wir überschütten uns mit dem geistigen Leben, wir schütten die Güter gegenseitig aus. Das ist wiederum eine Eigentümlichkeit dieses geistigen Lebens. Wir haben zuviel. Wir bringen eben zuviel für diese Sinnlichkeit mit, weil dieses Geistesleben, das wir als denkendes Wesen mitbringen, zugleich für das Übersinnliche bestimmt ist. Weil darinnen das Übersinnliche sich auslebt, so überschwemmt es gleichsam flutartig diese physische Welt. Ganz anders ist es, wenn wir den Blick auf das wirtschaftliche Leben richten. Da ist es nicht so, daß wir so leicht die Gedanken dem anderen mitteilen. Erstens wollen wir das oftmals nicht. Wenn wir Gedanken des wirtschaftlichen Lebens anderen so leicht mitteilen wollten wie die Gedanken des reinen lehrhaften Lebens, so würde niemand sich irgend etwas patentieren lassen, es würde niemand ein Geschäftsgeheimnis bewahren. Da ist das Mitteilungsbedürfnis gar nicht so groß wie auf dem Gebiete der geistigen Kultur. Und Sie brauchen sich nur auszumalen, wie es im wirtschaftlichen Leben steht, dann werden Sie sogleich sehen, daß da gar nicht eine solche Gedankenflut von einem zum anderen geht, sondern daß sich da die Dinge ganz anders verhalten.
[ 14 ] Ich konnte in der letzten Zeit öfters auf ein Beispiel hinweisen, durch das man, was ich eigentlich meine, sehr gut sehen kann. Es begann so in der Mitte des 19. Jahrhunderts unter den Leuten, die über solche Fragen etwas zu sagen haben, der Drang, über den freien Welthandel sich auszusprechen und den Freihandel, also keine Zollschranken, zum allgemeinen Verkehr, zu der allgemeinen Verkehrsart der Menschen auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens über die Erde hin zu machen. Gleichzeitig mit diesem Denken über den Freihandel kam eine andere Tendenz: an die Stelle des Bimetallismus, der Gold- und Silberwährung, die Goldwährung einzuführen. Dieses Bestreben nach der einheitlichen Goldwährung ging ja namentlich von England aus; aber es ergriff auch andere Länder, wie Sie wissen. Und Sie können in einer bestimmten Zeit des 19. Jahrhunderts in den Parlamentsberichten, oder sonst, wo über solche Dinge diskutiert wurde, überall sehen, wie die Leute, wie sie meinen, großartig praktisch, sich aussprachen über die Wirkung der Goldwährung. Sie sagten: Der Freihandel wird sich unter der Wirkung der Goldwährung entwickeln, die Goldwährung bringt den Freihandel von selber! — Und nachdem bis in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts hinein von den angesehensten Parlamentariern und Praktikern diese Theorie verfochten worden ist — was ist wirklich eingetreten? Überall sind unter dem Einfluß der Goldwährung die Zollschranken aufgerichtet worden! Das genaue Gegenteil von dem, was die größten Theoretiker und Praktiker vorausgesagt hatten!
[ 15 ] Das ist ein sehr interessantes Beispiel für das Denken auf wirtschaftlichem Gebiete. Wer heute überhaupt in das Wirtschaftliche hineinschaut — die Leute, die Praktiker bemerken das nicht —, der merkt, daß es auf allen Gebieten so zugeht. Von demjenigen, was die Leute voraussagen, tritt in der Regel im geschäftlichen Verkehr das Gegenteil ein. Man braucht nur einmal die konkreten Fälle zu studieren, braucht nur nicht zu berücksichtigen das, was man als sogenannter Lebenspraktiker, der auf alles Idealistische hocherhaben herunterschaut, deklamieren will, sondern wirklich auf das, was vorgeht, hinschauen, dann findet man schon, daß das so ist.
[ 16 ] Ich will also sagen — so werden Sie voraussetzen —, daß das alles Dummköpfe waren, die in den Parlamenten und in den Debatten vorausgesagt haben, von der Goldwährung werde kommen der Freihandel, während in Wirklichkeit die Aufrichtung der Zollschranken gekommen ist. Nein, das will ich gar nicht sagen. Ich will gar nicht sagen, daß das Dummköpfe waren. Sie waren sehr, sehr gescheite Leute — zum Teil selbstverständlich; es waren unter ihnen außerordentlich gescheite Leute. Und wer durchgeht dasjenige, was sie an Gründen vorgebracht haben, und eben nicht tiefer hineinschaut in das ganze Gewebe menschlichen Zusammenlebens, der kann nicht anders, als zunächst oftmals staunen ob der Gescheitheit, von der solche Leute beherrscht waren bei dem Deklamieren einer ganz falschen Prophetie.
[ 17 ] Woher kommt das? Eben davon, daß wir in der neueren Zeit hereingewachsen sind in den Individualismus des Denkens, daß jeder für sich selber in solchen Dingen denken wollte. Geradeso nun, wie wir, was wir als das eigentlich geistige Denken mitbringen, für alle anderen haben, wie wir da die anderen überschütten können, so haben wir dasjenige Denken, das wir erst herauslösen sollen aus dem Leben, keineswegs so zum Ausschütten. Das können wir uns im Leben nur so aneignen, daß wir es sehr partiell haben, daß wir es immer zur Kariikatur verzerren, wenn wir es allgemein anwenden wollen. Unser Urteil, mit dem wir geboren werden, das haben wir nicht nur so, daß wir über die Welt urteilen können, sondern das haben wir so, daß es auch noch ausreicht, dem anderen etwas abzugeben, daß er auch nach unserem Urteil urteilen kann. Unser wirtschaftliches Urteil und dasjenige, was dem wirtschaftlichen Urteil ähnlich ist, das ist kürzer geschürzt. Das reicht nicht aus, um es dem anderen mitzuteilen, sondern um das wirksam zu machen, ist es nötig, daß sich Assoziationen bilden, daß sich Gruppen von Menschen zusammentun mit den gleichen Interessen, Konsumenteninteressen oder Interessen einer bestimmten Betriebsart und so weiter; denn da können nur Menschengruppen zusammen die lebendige Erfahrung desjenigen bewirken, was der andere ihnen beisteuern kann, was er also wissen kann und was der andere ihm glauben muß, auf Vertrauen hin glauben muß, wenn er mit ihm in der Assoziation zusammen ist.
[ 18 ] Da entsteht wiederum eine große Frage für den, der nun, ich möchte sagen, mit hellem Seelenauge die Welt betrachtet. Er sagt sich: Wir bringen eine gewisse Summe von Urteilen mit, die wir überschütten, die wir ausschütten können an andere Menschen. Die verbinden uns mit dem Leben vor der Geburt. Dann aber eignen wir uns brauchbare Urteile auf dem Gebiete des äußeren, namentlich wirtschaftlichen Lebens nur an, wenn wir uns mit anderen bleibend zusammentun, wenn wir Assoziationen mit ihnen bilden, wenn wir zusammen mit ihnen urteilen, wenn wir gewissermaßen unser Urteil und ihre Urteile zusammenstückeln. Wir können ihnen nichts mitteilen, sondern wir müssen, damit überhaupt unser Urteil bestehen kann, unser Urteil mit ihrem zusammenstückeln. Woher kommt denn das? Das ist die große Frage. Das kommt davon, daß wir als Menschen wirklich mindestens ein Doppelwesen sind. Wir sind eigentlich ein dreifaches Wesen, aber darauf will ich heute nicht Rücksicht nehmen, Sie können das Genauere darüber in meinem Buche «Von Seelenrätseln» nachlesen; aber ich will zunächst auf das Doppelwesen Rücksicht nehmen, indem ich das zweite und dritte mehr zusammenfasse. — Was wir aus der geistigen Welt heraus bringen in diese Welt herein, was wir über den Menschen ausschütten können, das formt an uns das Haupt, den Kopf, der nun wirklich mehr ist als ein bloßer Ausdruck, ein bloßes Werkzeug, der wirklich ist ein Abbild desjenigen, was wir vor der Geburt waren, der unser Seelisches ja auch physiognomisch ausdrückt, also mehr tut als der übrige Organismus, der nun wahrhaftig nicht gerade unser Seelisches, wenn wir uns nicht bewegen, also unmittelbar unser Seelisches in Regsamkeit vergegenwärtigt, der wahrhaftig nicht unser Seelisches unmittelbar ausdrückt, wie das Gesicht, der Kopf unser Seelisches ausdrückt.
[ 19 ] Wir sind auf der einen Seite also wirklich Hauptesmenschen, tragen durch den Kopf das äußere Abbild desjenigen in die Welt hinein, was uns vor der Geburt geworden ist. Und dem gliedert sich an der übrige menschliche Organismus. Dieser ist es nun, der nur mit Hilfe des Hauptes über so etwas urteilen muß wie das wirtschaftliche Leben. Mit dem Kopf urteilen wir gar nicht über das wirtschaftliche Leben, denn der Kopf interessiert sich nämlich nicht sehr für das wirtschaftliche Leben. Er will allerdings auch nebenbei ernährt sein, aber diesen Anspruch stellt er nur an den eigenen Organismus, nicht an die Außenwelt. Der Kopf selber entspricht mit seinen Ernährungsbedürfnissen nur dem übrigen Organismus. Er ist ja tatsächlich auch auf diesen übrigen Organismus so aufgesetzt, daß er gewissermaßen wirklich von diesem übrigen Organismus sich tragen läßt. Wie der Mensch in einer Droschke, so sitzt unser Haupt auf dem übrigen Organismus darauf und macht die Bewegungen nicht mit. So wenig, wie wir in der Droschke, wenn wir drinnen fahren, uns anzustrengen brauchen, mit den Armen und Beinen etwa an der Vorwärtsbewegung der Droschke zu arbeiten, ebensowenig macht unser Haupt die Bewegung der Beine und Füße mit. Unser Haupt ist etwas, was ruht auf dem übrigen Organismus. Es ist eine Organisation ganz anderer Art als der übrige Organismus, und es urteilt so, daß es die Kraft dieses Urteils sich durch die Geburt mitbringt in das physische Dasein. Der übrige Organismus wird aus dieser Welt heraus aufgebaut. Das kann man auch mit Hilfe der Embryologie nachweisen, wenn man nur wirklich Embryologie treibt, nicht die Karikatur von Embryologie, wie sie die heutige Wissenschaft treibt. Die Art und Weise, wie die Embryologie entwickelt ist, beweist das unmittelbar, was ich hier ausspreche. Dieser übrige ÖOrganismus, er ist dasjenige, was nun mit der ganzen übrigen Welt, auch mit der sozialen Welt, in einen Verkehr tritt, was angewiesen ist auf die Gliederungen, in die wir in der äußeren Welt eingehen.
[ 20 ] Wir können sagen, der Mensch setzt der Welt zwei ganz verschiedene Organisationen entgegen. Dem geistigen Leben setzt er sein Haupt entgegen, dem wirtschaftlichen Leben seinen übrigen Organismus. Der übrige Organismus zeigt aber schon seine Abhängigkeit von der menschlichen Außenwelt durch seine rein natürliche Beschaffenheit. Denken Sie sich: in bezug auf den übrigen Organismus ist das Menschengeschlecht in Männer und Frauen gespalten, und daß die Welt als Menschengeschlecht Bestand hat, rührt von dem Zusammenwirken von Männern und Frauen her. Also hier haben Sie schon das Urbild des sozialen Zusammenwirkens. Dasjenige, was die Hauptesorganisation ist, das ist nicht irgendwie angewiesen darauf, mit anderem in der Weise zusammenzuwirken, daß die Betätigungen aneinandergefügt werden, sondern da geben wir dasjenige, was das Haupt produziert, an die anderen Menschen ab, überschütten gleichsam die anderen Menschen. Dieses Ausgestalten von Assoziationen, dieses Zusammenleben mit anderen Menschen in Assoziationen, das ist nur, ich möchte sagen, eine weitere Ausgestaltung des Zusammenlebens, in das der Mensch eintritt durch seine übrige Organisation, abgesehen vom Haupte. Da tritt etwas ganz anderes in der Welt auf, als auftritt durch unsere Hauptesorganisation. Da kommt das in Betracht, wovon wir sagen müssen: Wir bekommen es im eminenten Sinne erst, indem wir uns hier in diese physische Welt eingliedern. — Zunächst wird dieser andere Teil der menschlichen Organisation eigentlich nur so geboren, daß er in seiner astralen Art vorhanden ist: Begehren ohne Weisheit. Während das Haupt nicht Begierde entwickelt, erst heranerzogen werden muß, die Welt erkennend zu begehren, entwickelt der Mensch durch seinen übrigen Organismus die Begierde, die aber nicht von Weisheit durchzogen ist, die ihre Weisheit sich erst im Zusammenleben mit dem Haupte suchen muß.
[ 21 ] Auf der einen Seite haben Sie die geistige Welt mit ganz anderen Eigenschaften als die Welt, die wir auf der anderen Seite haben, die Welt des wirtschaftlichen Lebens: Die Welt der Geistigkeit habe ich Ihnen charakterisiert, indem ich Ihnen gezeigt habe, wie sie hereingetragen wird aus unserem vorgeburtlichen Leben; die Welt des wirtschaftlichen Lebens wird ausgebildet, kann aber von den einzelnen Menschen nicht vollkommen ausgebildet werden, sondern nur im Zusammenleben mit anderen Menschen, in Assoziation, die eigentlich hauptsächlich sich auf die Begierde erstreckt, bei der die Weisheit gar nicht in einem Menschen das Begehrte umfaßt. Diese völlig andere Welt, wir wollen sie im dreigliedrigen Organismus eben wirklich in der richtigen Weise mit der anderen Welt in Beziehung bringen. Aber wir können hinschauen auf diese beiden Welten, und etwas wird sich uns klarmachen, was wir heute im Beginn unserer Betrachtungen angeführt haben. Zu der Begierde spricht dasjenige, was im wirtschaftlichen Leben, im äußeren Leben überhaupt vorhanden ist. An das wenden sich aber auch die traditionellen Bekenntnisse; sie wenden sich an die Begierde. Sie wenden sich also an dasjenige, was dem Egoismus der Menschen unterliegt. Sie stacheln den Egoismus auf, um die Menschen empfänglich zu machen für die Unsterblichkeitsidee. Unsere Geisteswissenschaft will etwas anderes. Sie will nicht den Egoismus der Menschen aufstacheln, um zur Unsterblichkeitsidee zu kommen, sondern sie will dasjenige, was der Mensch durch die Geburt hereinträgt aus seinem Ungeburtlichen, das will sie im Menschen ausbilden. Sie will zu dem sprechen, was im Menschen von der Begierde absteht, was nicht dem menschlichen Egoismus unterliegt. Sie will zu der menschlichen Erkenntnis sprechen, nicht zu dem menschlichen Begehren, von der unsterblichen oder ungeborenen Menschenseele. Sie will also zu dem Reinsten im Menschen sprechen, zu der lichtvollen Erkenntnis, und möchte, daß die Menschen auf diesem Wege durch die lichtvolle Erkenntnis sich aufschwingen zum Ergreifen des Ewigen in der Menschennatur. Dadurch wird aber in das Leben überhaupt ein neues Element hereingebracht. Dadurch erscheint uns dieses Erdenleben als eine Fortsetzung des vorgeburtlichen Lebens. Dann aber wird das Erdenleben von einem Elemente der Verantwortlichkeit durchzogen, das es sonst nicht hat. Man wird dann aufmerksam darauf, daß man aus höheren Welten in dieses Erdenleben hereingeschickt wird, und daß man in diesem Erdenleben eine Mission zu erfüllen hat.
[ 22 ] Man kann es auch anders aussprechen: daß auf dieses unser menschliches Erdenleben andere Wesen rechnen, und diese Wesen sprechen wir eigentlich an als unsere Götter, als die über uns stehenden geistigen Wesen. Sie leben mit uns zusammen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Da sind wir gewissermaßen mit ihnen in lebendigem Verkehre, Dann tritt für jeden Menschen der Augenblick ein, wo gewissermaßen diese geistigen Wesen, diese göttlichen Weltenwesen sich sagen: Hier in dieser Welt des Geistes können wir es mit dem Menschen nur bis zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit bringen; wir können ihn jetzt nicht mehr herinnen lassen in unserer Welt. Wir würden dasjenige durch den Menschen nicht erreichen, was durch den Menschen erreicht werden soll, wenn wir den Menschen in dieser Welt herinnen ließen. Wir müssen ihn hinausschicken. Da wird er uns, den Göttern, auch das erobern, was er uns hier herinnen nicht erobern kann, was wir Götter uns nicht erobern können, wenn wir die Menschen nicht hinausschicken in die andere Welt herein. — Also von den Göttern sind wir hier herausgeschickt, damit wir innerhalb des Erdenleibes dasjenige ausbilden, was in der geistigen Welt nicht ausgebildet werden könnte.
[ 23 ] So erscheint die Unsterblichkeit nach dem Tode, die gewiß nur allzu berechtigt ist — wir wissen das und wir schildern sie ja auch —, sie erscheint wie etwas, was der Mensch genießen will. Wenigstens den Gedanken davon möchte er sein Leben hindurch genießen. Die Ungeburtlichkeit hängt zusammen mit einer gewissen Lebensverantwortlichkeit und Lebensverpflichtung, mit einer Mission dahingehend, daß wir dieses Leben versuchen sollen so aufzufassen, daß wir den Göttern wirklich beim Tode zurückbringen dasjenige, was sie von uns erwarten. Unser Leben bekommt durch Geisteswissenschaft dadurch einen Inhalt. Eine Bedeutung erhält unser Leben mit für die geistige Welt. Wir leben nicht umsonst auf dieser Erde. Wir erleben nicht nur für uns, sondern auch für die Götter dasjenige auf der Erde, was erlebt werden muß, damit es auch die Götter haben. Das Leben bekommt eben dadurch einen Sinn, und ohne einen solchen Sinn kann ja nicht gelebt werden.
[ 24 ] Man kann gewiß sagen, wenn man sich die wissenschaftliche Fragestellung der Gegenwart angewöhnt hat, es sei gar nicht nötig, nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Man lebt halt und fragt nicht nach dem Sinn des Lebens. Aber gewiß, man brauchte nicht nach dem Sinn des Lebens zu fragen, wenn man die Sache so einfach legt, daß man eben nur aus Willkür nach dem Sinn des Lebens fragt. Man fragt nach dem Sinn des Lebens gar nicht aus Willkür, sondern wenn man merkt, oder merken müßte, daß man einen Sinn des Lebens nicht finden kann, dann wird das Leben sinnlos. Nicht nach dem Sinn des Lebens fragen heißt zugleich, den Unsinn des Lebens konstatieren. Das ist das Wichtige. Das ist ein Unterschied, ob man bloß aus der menschlichen Willkür heraus nach dem Sinn des Lebens fragt, oder ob man sich klar ist darüber, daß nicht nach dem Sinn des Lebens fragen hieße, das Leben als Unsinn konstatieren. Das aber heißt, den Geist als solchen leugnen, und wer nicht nach dem Sinn des Lebens fragt, der leugnet den Geist. Nur von diesem Gesichtspunkte aus fällt dann auch auf den wirklichen Sinn des Lebens ein entsprechendes Licht, und wir können uns dann sagen: Dieses Leben hat einen Sinn, weil das Übersinnliche dieses sinnliche Leben zu seiner Ergänzung braucht. Daraus aber werden Sie sehen, wie unendlich falsch die Welt gegenwärtig denkt, da sie aus der Erziehung der zivilisierten Menschheit heraus, die in den letzten drei bis vier Jahrhunderten stattgefunden hat, ein soziales Dasein begründen will, in dem die Menschen zwischen Geburt und Tod eigentlich alle restlos glücklich sein möchten, restlos alles erleben möchten, was nur erlebt werden kann.
[ 25 ] Woher rührt denn das, daß man überhaupt die Frage nach dem Sinn des Lebens so stellt? Es rührt lediglich davon her, daß man den Sinn des sinnlichen Lebens im Übersinnlichen nicht mehr erfaßt, daß eben die letzten drei bis vier Jahrhunderte einen solchen Materialismus heraufgebracht haben, daß man den Sinn nur zwischen Geburt und Tod sucht, oder keinen Sinn des Lebens da findet, sondern ihn eigentlich nur aus der Begierde heraus entwickeln möchte. Das führt zur Aufstellung solcher sozialistischer Ideale, wie sie im Leninismus und im Trotzkismus zutage treten. Sie sind nur das Ergebnis der materialistischen Empfindungsweise und können auch nicht anders aus der Welt geschafft werden als dadurch, daß man zu einer geistigen Empfindungsweise zurückkehrt.
[ 26 ] Immer wieder und wiederum muß auf die eigentümliche Tatsache hingewiesen werden — es kann gar nicht scharf genug darauf hingewiesen werden —, die sich dadurch ausspricht, daß man die Frage beantwortet: Was ist denn die eigentliche Staatsphilosophie der gegenwärtigen russischen Sowjetregierung, des Bolschewismus? — Man muß, wenn man diese Frage beantworten will, nicht nach Rußland gehen, denn die Staatsphilosophie des Bolschewismus ist eine Philosophie, die wahrhaftig begründet worden ist von einem recht braven Bourgeois, von Avenarius, und von den Schülern des Mach, dem Schüler von Avenarius, der ja nicht in der Schweiz gelebt hat, aber viele der Schüler Machs haben in der Schweiz gelebt. Der eine ist... der hauptsächlichste ist Friedrich Adler, der den österreichischen Grafen Stürgkh erschossen hat; er hat in Zürich doziert. Damals waren sie — Adler nicht mehr, aber Mach und Avenarius —, ganz gewiß brave Bourgeois, die im äußeren Leben nicht angestoßen waren. Aber sie haben aus dem Materialismus heraus eine Philosophie entwickelt, eine ganz. konsequente, scharf ausgebildete. Diese Philosophie leuchtet gerade solchen Leuten ein, die auf praktischem, politischem Gebiete so im Leninschen, im Trotzkischen Sinne denken. Es ist nicht bloß deshalb, weil viele Bolschewisten in der Schweiz studiert haben, daß die Avenariussche Philosophie, wie sie in den siebziger Jahren hier in der Schweiz, in Zürich gepflegt worden ist, jetzt Staatsphilosophie des Bolschewismus ist, sondern es ist so, daß für den, der die Dinge nicht nur nach ihrer abstrakten Logik sieht, sondern nach ihrem Wirklichkeitszusammenhang, daß für den aus dem Dozieren, das nach Art des Avenarius erfolgt, nach ein paar Jahrzehnten, wenn die zweitnächste Generation kommt, der Bolschewismus daraus wird. Aus den materialistischen Lehren auf den Kathedern entsteht in der zweitnächsten Generation der Bolschewismus. Das ist der tatsächliche Zusammenhang. Und derjenige, der den Materialismus weiterpflegen will in der Erkenntnis, der muß sich schon aus der Geisteswissenschaft heraus bewußt sein, daß er — nach zwei Generationen wird es ja viel schlimmer sein — etwas viel Schlimmeres heraufbeschwört als das, was jetzt da ist, denn in Rußland sind es [1920] etwa sechshunderttausend Menschen — mehr Leninisten sind nicht da —, welche die Millionen beherrschen. Die anderen müssen ihnen gegenwärtig viel stärker parieren, als jemals die Katholiken ihren Bischöfen pariert haben.
[ 27 ] Diese Dinge entwickeln sich alle mit einer inneren Notwendigkeit, und der Materialismus, wie er gepflegt worden ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hängt innig zusammen mit dem, was jetzt als soziales Chaos auftritt. Die Heilung liegt nur in der Richtung, daß man im Denken, im Empfinden, in den Willensimpulsen zurückkehrt zu einem Erfassen des Geistes, zu einem Sich-Durchdringen in der Empfindung mit dem Geiste, zu einem Wirkenlassen von Impulsen, die aus dem Geiste kommen, im Willen. Der Appell an das geistige Leben spricht sich in solchen Betrachtungen aus, und das ist die Kultursorge. Dieser Appell ist ein nur allzu berechtigter, denn auf der anderen Seite steht die Zurückweisung gerade des geistigen Lebens in den weitesten Kreisen.
[ 28 ] Wenn wir oftmals die Entwickelung dieser unserer gegenwärtigen Kultur miteinander betrachtet haben, so mußten wir sagen: Der Materialismus geht in der Mitte des 15. Jahrhunderts allmählich auf, nimmt die Geister gefangen und erreicht in der Gegenwart seine Kulmination. Vorher waren andere Seelenempfindungen der Kultur zugrunde liegend, jener Kulturperiode, welche begann im 8. Jahrhundert vor der Entstehung des Christentums und etwa in der Mitte des 15. Jahrhunderts geendet hat und die wir die griechisch-lateinische Kulturperiode nennen. Dann gehen wir weiter zurück in die ägyptisch-chaldäische, in die urpersische, urindische Zeit, bis wir zur atlantischen Katastrophe kommen. Wenn wir uns diese Kulturströmungen vergegenwärtigen, können wir sagen, wir haben also eine urindische Kultur, eine urpersische, eine ägyptisch-chaldäische, eine griechisch-lateinische, dann die unsrige, die in der Mitte des 15. Jahrhunderts beginnt. Es ist nicht so, daß wir mit einem solchen schematischen Gleichsetzen der einzelnen aufeinanderfolgenden Kulturen auskommen, sondern wenn wir zurückblicken in die älteren Kulturen — es sind eigentlich nur von der dritten nachatlantischen Kultur an schriftliche Dokumente vorhanden, auf die früheren können wir nur mit Hilfe der Akasha-Chronik zurückblicken —, so bekommen wir allmählich gerade dadurch, daß wir uns selber wiederum die geistige Welt erobern, die große Ehrfurcht vor den Urkulturen. Wenn heute die äußeren Gelehrten in der Archäologie, in der Anthropologie und so weiter die Urkunden über ältere Kulturen sammeln, so ist mit dem, was dadurch aufgebracht wird, wenig Verständnis verknüpft. Diese Urkunden werden in äußerlicher Weise behandelt. Wenn man aber nach und nach sich selber durch die geisteswissenschaftlichen Methoden in die geistige Welt hineinarbeitet, kann man neuerdings wiederum etwas erkennen lernen von den Geheimnissen der geistigen Welt, und dann zurückblicken auf die früheren Kulturen. Dann erscheinen sie einem in anderem Lichte; dann sagt man sich: Zwar haben diese älteren Völker eine atavistische Art des Sehens gehabt, eine instinktivere Art des Sehens. Wir müssen uns durchringen, damit wir überhaupt an die geistige Welt herankommen, zu einem Bewußtsein von der geistigen Welt. Die alten Völker hatten nicht ein so deutliches Bewußtsein davon, aber ein mythisierendes SichHinaufleben. Aber dann, wenn man sieht, was der Niederschlag ist von diesem atavistischen, von diesem instinktiven Eindringen in die geistige Welt, der Niederschlag in den Veden, in der Vedantaphilosophie, in den persischen, selbst in den chinesischen Urkunden, dann bekommt man die große Ehrfurcht, auch wenn man noch nicht auf die Mysterienkultur eingeht, die große Ehrfurcht vor dem, was der Menschheit einmal als Urweisheit gegeben worden ist und was eigentlich immer mehr und mehr abgenommen hat. Je weiter wir zurückgehen, desto mehr erweisen sich die Menschheitskulturen durchtränkt von Geistigem, wenn es auch eine erahnte Geistigkeit war, eine instinktive Geistigkeit. Dann glimmt die Geistigkeit ab, versiegt nach und nach, und am meisten versiegt ist sie in unserem fünften nachatlantischen Zeitalter, das mit der Mitte des 15. Jahrhunderts begonnen hat.
[ 29 ] Nun denken Sie sich jemand, der nichts weiß von dieser Geisteswissenschaft, der auch im Ernste nichts wissen will von dieser Geisteswissenschaft, der tritt an die gegenwärtige Kultur des Abendlandes heran, schaut sie an, aber er schaut sie unbefangen an, ohne rhetorische Floskeln und phrasenhafte Deklamationen. Er schaut sie als ein Kenner an, aber er sieht nicht, daß dasjenige, was einmal da war, die Urweisheit der göttlich-geistigen Wesen war, die nach und nach versiegt ist, sondern er sieht nur dasjenige, was da jetzt ist. Er sieht sie an, so wie man gewohnt worden ist, die Dinge anzusehen; er sieht sie an in gewissem Sinne mit dem Blicke des Naturwissenschafters, sieht also auch die Kultur an mit dem Blicke des Naturwissenschafters. Da haben Sie diese abendländische Zivilisation, aber etwas, was aufgegangen ist so, wie die früheren Zivilisationen, und weggeht wie die früheren Zivilisationen. Die Analogie fällt ihm auf mit dem Geborenwerden des äußeren physischen Menschen, mit dem Reifwerden des äußeren physischen Menschen, mit dem Absterben des äußeren physischen Menschen. Das wird der sagen, während wir sagen: Da war nicht nur früher einmal vorhanden diese Urkultur, sondern da war vorhanden eine Urweisheit, nur kam sie immer tiefer herunter, und jetzt in der letzten Kulturperiode ist sie mehr oder weniger versiegt. Aber wenn wir weiterkommen wollen, so müssen wir an das Innere der Menschen appellieren. Dann muß hervorgeholt werden ein neuer Impuls der Geistigkeit, damit wieder angefacht werden kann dasjenige, was in unserer Kultur verschwunden ist: die geistige Weisheit des Menschen. Da muß ein neuer Impuls kommen, ein neuer Aufstieg. Aber der kann nur kommen, indem wir in unser eigenes Innere hinuntersteigen, indem wir den Geist wiederum da herholen. — Wer von alledem nichts weiß, wie betrachtet der die abendländische Kultur? Wer sich nicht diesen geisteswissenschaftlichen Blick angeeignet hat, sondern nur den naturwissenschaftlichen Blick, der wird glauben: Nun ja, wie ein organisches Wesen geboren wird, reift, alt wird, wieder vergeht, so vergehen, entstehen Kulturen nacheinander. — Er wird unsere abendländische Kultur sehen, wird sie vergleichen mit den anderen und wird ausrechnen können, wie lange sie noch dauert bis zu ihrem vollständigen Tode. Weil er aber nicht sieht, daß in dem Menschen selber wieder etwas entstehen müsse, was versiegt ist, so hat er keine Hoffnung. Er sieht keine Aufgangselemente in der Kultur; er redet nur vom Sterben.
[ 30 ] Ein solcher Mensch ist heute nicht mehr Hypothese, denn er ist bereits in allerbedeutsamster Weise da in Oswald Spengler, der ein Buch geschrieben hat über den «Untergang des Abendlandes», der abendländischen Zivilisation. Da haben Sie einen Menschen, der, man kann sagen, zwölf bis fünfzehn gegenwärtige Wissenschaften vollständig beherrscht, der mit dem Blick des Naturforschers die gegenwärtige Zivilisation anschaut, und der nichts weiß von dem, daß einstmals eine Urweisheit da war und versiegt ist, daß jetzt aus dem Inneren des Menschen heraus der Quell des Aufstieges gesucht werden muß, der daher nur den Niedergang sieht und für das 3. Jahrtausend mit einer großen Genialität voraussagt. Das Buch ist mit einer großen Genialität geschrieben. Man kann sagen, zu dem, was wir erleben, daß wir überall den Niedergang sehen, ist nun auch noch der Gelehrte aufgetreten, der beweist, daß dieser Niedergang kommen muß, daß diese abendländische Kultur trostlos sterben muß. Den bitteren Eindruck von dem habe ich mitgebracht, als ich wieder herüberkam aus Deutschland, denn dort hat unter der Jugend dieses Buch Oswald Spenglers den allerbedeutsamsten Eindruck gemacht. Und diejenigen, die noch denken, die denken unter dem Eindruck des Beweises, der jetzt auch vorhanden ist, daß die Barbarei sich ausbreiten muß und da sein muß bis zum Beginn des dritten Jahrtausends innerhalb des Abendlandes und seines amerikanischen Anhanges; denn das ist bewiesen, mit denselben Mitteln streng bewiesen, mit denen die naturwissenschaftlichen Tatsachen streng bewiesen sind, von einem Menschen, der zwölf bis fünfzehn gegenwärtige Wissenschaften beherrscht.
[ 31 ] Das weist schon hin auf den Ernst des Lebens, in dem wir gegenwärtig darinnenstehen, das weist aber auch darauf hin, daß man geradeso wie Spengler durchdrungen ist von dem Ernst des Lebens und nichts weiß und wissen will von dem, was einzig und allein die Rettung sein kann: Geisteswissenschaft, Geistesschau, daß man von gar nichts anderem reden kann, wenn man ehrlich und aufrichtig redet, als gerade von dem Niedergang unserer Zivilisation. Jedes Pochen auf irgendwelche unbestimmte Hoffnung — «es wird schon kommen» —, das macht es heute nicht aus; allein das Bauen auf den menschlichen Willen, das Appellieren an den menschlichen Willen, die Impulse der Geisteswissenschaft aufzunehmen. Die abendländische Kultur und die Entwickelung der Menschheit wird ein frühzeitiges Ende finden, wenn die Menschen sich nicht entschließen, sie zu retten. Es kommt heute auf die Menschen an, und der Beweis gilt, daß dasjenige, was von alters gekommen ist, wenn man sich darauf verlassen will, nur in den Niedergang hineinführt, daß ein Neues gefunden werden muß aus den Tiefen der Menschennatur heraus, wenn die Erde an ihr Ziel kommen soll. Alles bloße Glauben, daß schon Mächte da sein werden, die die Zivilisation weiterführen werden, das gilt heute nicht. Allein das gilt, was die Menschen tun, indem sie die niedergehende Zivilisation aus sich heraus retten. Das muß immer wieder gesagt werden.
[ 32 ] So ernst liegen heute die Dinge. Ich muß sagen, wenn man die Dinge heute ernst nimmt, dann muß man auf sie wohl hinschauen. Ich hatte in Stuttgart vor der Studentenschaft der Technischen Hochschule dortselbst einen Vortrag über unsere Geisteswissenschaft zu halten, und ich weiß, mit welchen Gefühlen ich zu diesem Vortrag ging, durchaus durchdrungen von alledem, was einem als Empfindung sich auf die Seele legen kann aus der Wirkung des Spenglerschen Buches auf die heutige Jugend heraus. Aber das ist ja alles eben hinweisend auf eine Tatsache: die Initiationsweisheit, sie muß ihren Einzug halten in die äußere geistige Kultur. Ohne das kommen wir nicht vorwärts. Auf der anderen Seite liegen die Schwierigkeiten, die dem entgegenstehen. Man ist ja heute, indem man von den Dingen redet, die notwendig sind, nicht immer in der Lage, leicht die Worte zu finden. Ich sage wohl auch mit diesem Satze etwas Paradoxes. Wann hätte man leichter Worte gefunden als heute! Sie brauchen nur die landläufige feuilletonistische Literatur durchzusehen, dasjenige, was die meisten Menschen aus der Zeitung heute anführen. Wo man für das schriftstellerisch sorgt, da findet man wahrhaftig leicht die Worte, da hat man es nicht schwer, die Worte zu finden. Lassen Sie mich ein Beispiel anführen, wahrhaftig nicht aus irgendeiner Albernheit heraus, sondern um eben die Gegenwart zu charakterisieren.
[ 33 ] Ich versuchte neulich in Stuttgart in einem öffentlichen Vortrage vor einer größeren Zuhörerschaft zu charakterisieren, wie die Zusammenhänge sind, die in den Leninismus, in den Trotzkismus hineinführen, und ich suchte, rang nach Worten, die ausdrücken, was da herrschte in den Gemütern, als der Übergang gesucht wurde zwischen dem alten bourgeoisen Leben und dem Leninismus, dem Trotzkismus. Ich versuchte, auf diese Instinkte hinzuweisen, auf die ich Sie heute in einer mehr geisteswissenschaftlichen Art hingewiesen habe. Und wahrhaftig, aus einem Ringen nach einem Ausdruck ergab sich mir eben der Ausdruck: Leninismus, Trotzkismus fließt aus «perversen» Instinkten heraus. Ich konnte einen anderen Ausdruck nicht finden. Nach dem Vortrage sprach mich gerade ein Arzt an, der offenbar kommunistisch dachte, der tief verletzt war von diesem Ausdruck. Natürlich, der Arzt, der solche Ausdrücke mit einer ganz anderen Gewichtigkeit nimmt als die übrige Welt heute, die zu sehr an die Feuilletonliteratur und an die Belletristik gewöhnt ist, der Arzt, der empfindet das ganze Gewicht des Ausdruckes «perverse Instinkte» im politischen Leben. Der fühlte sich verletzt und sagte, wie man einen solchen Ausdruck gebrauchen könne. Er wisse, für welche pathologischen Abnormitäten man einen solchen Ausdruck anwende. Aber nach einiger Zeit hatte ich den Herrn doch so weit gebracht, daß er mir sagte: Also ich sehe, Sie meinten das, was Sie sagten, nicht belletristisch, nicht feuilletonistisch; dann ist die Sache was anderes. — Das ist nötig heute, um sich überhaupt erst zu verstehen, daß jemand empfinden lernt: Es gibt ein Ringen nach dem Ausdrucke, es gibt eine Notwendigkeit, erst nach dem Worte zu suchen, während das ganze öffentliche Leben die Worte leicht herbeifließen läßt, aber diese Worte sind dann eben so, daß es im Grunde genommen nach dem Gebrauch, den man heute von den Worten macht, wie eine Frivolität aussieht, wenn man in einem solchen Zusammenhange so starke Worte gebraucht wie «pervers».
[ 34 ] Ich wollte Ihnen solch ein Beispiel sagen, damit Sie sehen, wie heute das allgemeine Denken leichtgeschürzt ist, und wie wir nötig haben, in den Ernst des Lebens hinunterzusteigen. Das kann man durchaus in den Einzelheiten des Lebens wahrnehmen. Wir brauchen heute durchaus Talent dafür, auf die Einseitigkeiten in den Traditionsbekenntnissen hinzuschauen, die nur von der Unsterblichkeit, aber nicht von der Ungeburtlichkeit sprechen, die daher nur zu den egoistischen Instinkten der Menschen sprechen und die es nicht vermögen, an die Selbstlosigkeit des Menschen zu appellieren, wenn von Ewigkeit die Rede ist. Das muß Geisteswissenschaft: von der Ewigkeit sprechen können, indem sie nicht bloß auf den egoistischen Instinkt, das Dasein über den Tod hinüberzutragen, reflektiert, sondern indem sie reflektiert auf die Fortsetzung, die das geistige und vorgeburtliche Leben hier in diesem Leben erfährt, wo uns eine Mission wird, wo wir diesem Leben einen Sinn geben müssen dadurch, daß wir uns bewußt werden, wir tragen etwas Geistiges in diese Welt herein.
[ 35 ] Aber es wird uns nicht ein richtiges Durchschauen des Vorgeburtlichen, wenn wir nicht das Vorgeburtliche und das Nachtodliche im rechten Sinne zu verbinden wissen. Und das tun wir ja lediglich in der Geisteswissenschaft. Denn wenn wir im rechten Sinne verstehen, wie wir das Leben zwischen dem letzten Tode und einer neuen Geburt verbringen, und wiederum zwischen diesem Tode und einer späteren Geburt, dann schließt sich uns Vorgeburtliches und Nachtodliches zusammen zu der Erkenntnis der wiederholten Erdenleben, dann wird diese Überzeugung von den wiederholten Erdenleben eine selbstverständliche Entwickelungswahrheit. Die wiederholten Erdenleben tragen eben das Geheimnis der Präexistenz in sich, jenes Geheimnis der Präexistenz, welches die Bekenntnisse gerade so gern ausmerzen möchten, wovon sie nicht reden möchten. Die Urweisheit der Menschen hat gesprochen von dieser Präexistenz. Verlorengegangen ist erst während des Mittelalters durch die Aufnahme des Aristotelismus diese Lehre von der Präexistenz. Aber wie ein mit dem Christentum zusammenhängendes Dogma betrachten heute die christlichen Bekenntnisse die Ablehnung des vorgeburtlichen Lebens. Diese Ablehnung hat mit dem Christentum nichts zu tun, sie hat nur mit der Philosophie des Aristoteles zu tun. Mit dem Christentum selbst ist jene Idee der Unsterblichkeit durchaus vereinbar, von der wir hier auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft sprechen.
[ 36 ] Nicht eher wird es besser in bezug auf die allgemeine Menschheitskultur, bis die Menschen auch im sozialen Leben zu Taten kommen, die beherrscht sind von dieser Idee der Präexistenz. Ehrlich ist man heute innerhalb der Gegenwartskultur nur, wenn man wie Oswald Spengler spricht von einem Niedergang des Abendlandes, insofern man nichts weiß von Geisteswissenschaft, oder nichts davon wissen will. Denn berechtigt von einem Aufstieg zu sprechen ist nur derjenige, der dem im menschlichen Willen wirksamen Geiste die Macht dieses Aufstieges und die Kraft dieses Aufstieges zuschreibt, der nun wirklich aus innerster Überzeugung sagt: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Dann aber muß man auch diesen Christus in die Unsterblichkeitsidee aufnehmen; dann muß man tatsächlich appellieren an die Wandelung der menschlichen Natur, an die Durchchristung der menschlichen Natur, nicht bloß an das heidnische Aufnehmen der Gottesidee in das Bekenntnis, ohne daß der Mensch sich gewandelt hat. Mehr als man denkt, ist zusammenhängend mit dem Niedergang des Abendlandes, daß man es in weitesten Kreisen des evangelischen Bekenntnisses hingenommen hat, daß der Theologe Harnack sagen konnte: Nur der Vatergott gehört in das Evangelium Jesu, nicht der Christus, denn Jesus hat nur vom Vatergott gelehrt, und es ist erst später eingezogen in das Christentum, den Christus selber als ein göttliches Wesen anzuschauen. — Das ist heutige modernste T’heologie: den Christus Jesus auszuschalten aus dem Christentum. Wir Geisteswissenschafter müssen ihn wieder einschalten. Wir müssen erkennen, wie er sich hineinstellt in die Menschheitsgeschichte, wir müssen die Kulturepochen mit dem Christus durchdringen. Dann werden sie nicht bloß dasjenige, was sie im Spenglerschen Geiste sind, sondern dann werden sie für unsere Zeit etwas, was uns lehrt: Wir brauchen eine Naissance, nicht bloß eine Renaissance, wir brauchen die Neugeburt des Geistes. Dieses Bewußtsein macht eigentlich den Anthroposophen, nicht die Aufnahme von einzelnen Lehren, sondern dieses Bewußtsein, daß wir berufen sind, in unserer Zeit nicht bloß in eine Neugeburt, sondern in eine Geburt eines geistigen Elementes einzutreten. Je mehr wir uns dessen bewußt werden, desto bessere Bekenner der anthroposophisch orientierten Weltanschauung werden wir. Aber um uns dessen bewußt zu werden, ist eben notwendig, daß man sich durch die Lektüre desjenigen, was geboten worden ist, und durch innere geistige Versenkung in dieses Gebotene und Geratene, daß man sich dadurch konkret einlebt in die anthroposophische Denkweise. Sich einleben in die anthroposophische Denkweise bedeutet zugleich alles andere, was aus dem Schoße unseres Bewußtseins auftreten soll. Die Dreigliederung ist nichts anderes als ein Zweig an dem Baume der Anthroposophie.
[ 37 ] Das wollte ich heute, da wir wiederum zusammengeführt worden sind, durch diese Betrachtungen an Ihre Herzen heranbringen. Ich hoffe, daß wir durch solche Betrachtungen immer weiterkommen in dem Durchdrungensein mit dem Bewußtsein, das unseren eigentlichen Zusammenhang mit der Anthroposophie ausmacht.
