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Healing Factors for the Social Organism
GA 198

9 July 1920, Dornach

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Healing Factors for the Social Organism, tr. SOL
  1. Heilfaktoren für den sozialen Organismus

Zwölfter Vortrag

Twelfth Lecture

[ 1 ] Heute möchte ich Ihnen wiederum von etwas sprechen, von dem zwar hier öfter schon gesprochen worden ist, das man aber doch so, wie es zu durchdringen notwendig ist, nur durchdringt, wenn man es öfter und von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachtet. Wer heute bewußt das geistige und schließlich auch das materielle Leben der Gegenwart mitlebt und sich wirklich innerlich seelisch eingelebt hat in das, was wir hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nennen, dem muß sich angesichts unserer Ereignisse eine schwere Kultursorge auf die Seele legen. Diese schwere Kultursorge kann man etwa so beschreiben: Auf der einen Seite sieht man die Notwendigkeit, daß dasjenige, was wir Initiationswissenschaft, Geisteswissenschaft nennen, die ergründet werden kann zuletzt nur durch die Methode der Einweihung, daß diese Wissenschaft sich womöglich über alle denkenden Menschen verbreiten muß, wenigstens der Hauptsache nach, wenn wir nicht weiter in den Niedergang hineinkommen wollen. Die Menschen haben einfach nötig, das in ihr Empfindungsleben aufzunehmen und sich anregen zu lassen für den wechselseitigen Verkehr, für das wechselseitige Handeln untereinander durch diese Initiationswissenschaft. Auf der anderen Seite lebt bei der weitaus größten Anzahl der Menschen — wir brauchen nur auf die paar Bekenner der Geisteswissenschaft hinzusehen —, also bei dem weitaus größten Teil der Menschheit besteht das Gefühl, daß sie diese Initiationsweisheit ablehnen, daß sie fortleben sollen auf dieselbe Weise, wie sie bisher gelebt haben, ohne irgendwie beeinflußt zu werden von dem, was ihnen durch diese Initiationsweisheit werden kann. Man möchte also sagen, auf der einen Seite liegt vor die dringendste Notwendigkeit der Offenbarung geistiger Welten, auf der anderen Seite die radikale Ablehnung dieses Erkennens.

[ 1 ] Today I would like to speak to you once again about something that has indeed been discussed here on several occasions, but which one can only truly grasp—in the way necessary to fully comprehend it—by considering it repeatedly and from a wide variety of perspectives. Anyone who today consciously participates in the spiritual—and ultimately also the material—life of the present, and who has truly immersed themselves inwardly and spiritually in what we here call anthroposophically oriented spiritual science, must feel a deep concern for our culture weighing heavily on their soul in the face of current events. This deep cultural concern can be described roughly as follows: On the one hand, one sees the necessity that what we call the science of initiation—a spiritual science that can ultimately be fathomed only through the method of initiation—must, if possible, spread among all thinking people, at least in its essential aspects, if we do not wish to sink further into decline. People simply need to take this into their emotional lives and allow themselves to be inspired to engage in mutual interaction and mutual action with one another through this science of initiation. On the other hand, among the vast majority of people—we need only look at the few who profess an interest in spiritual science—that is, among the vast majority of humanity, there is a feeling that they reject this initiatory wisdom, that they should continue to live in the same way they have lived until now, without being influenced in any way by what this initiatory wisdom might offer them. One might therefore say that, on the one hand, there is the most urgent need for the revelation of spiritual worlds, and on the other hand, the radical rejection of this knowledge.

[ 2 ] Man darf sich darüber keinen Illusionen hingeben, daß im Grunde genommen die Art und Weise, wie die Menschen bisher von den traditionellen Bekenntnissen angehalten worden sind über das Geistige zu denken, heute viel Schuld trägt an dieser radikalen Ablehnung einer Weisheit von den geistigen Welten. Machen wir uns doch klar, daß vor allen Dingen die traditionellen Bekenntnisse die Menschen nur bekanntmachen mögen mit einer Seite, sagen wir des Ewigen im Menschen, mit derjenigen Seite, die über den Tod hinaus liegt, und daß eine entschiedene Ablehnung von seiten der traditionellen Bekenntnisse vorhanden ist, die Menschen heute hinzuweisen auf dasjenige, was von dem Ewig-Seelischen im Menschen vorhanden ist vor der Geburt, oder sagen wir vor der Empfängnis. Viel wird gesprochen, wenn auch in höchst unbestimmter Weise und indem immer nicht auf ein Wissen, nur auf ein Glauben hingewiesen wird, von dem Dasein der Seele nach dem Tode. Dagegen abgelehnt wird alles Sprechen über das Dasein der Seele vor der Geburt oder vor der Empfängnis. Das hat seine Bedeutung nicht nur innerhalb des Theoretischen, das wir jetzt gerade angeführt haben, innerhalb der reinen Erkenntnisurteile, die da sagen: Auf die Zeit nach dem Tode wollen wir hinschauen; auf die Zeit vor der Geburt wollen wir nicht hinschauen —, sondern das hat seine Bedeutung für das ganze Wesen des Menschen. Denn es hängt ab die Art und Weise, wie man über das Unsterbliche im Menschen spricht, von dieser Ablehnung des Vorgeburtlichen. Vergegenwärtigen Sie sich nur einmal, wie zumeist von den Bekenntnissen über die Seelenunsterblichkeit zu den Menschen gesprochen wird. Es wird appelliert an die feineren egoistischen Instinkte der Menschen. Diese feineren Instinkte der Menschen gehen ja dahin, das Dasein nach dem Tode zu begehren. In den verschiedensten Formen ist in den Menschen die Begierde vorhanden nach diesem Dasein nach dem Tode, und man muß, indem man in der gebräuchlichen Weise von diesem Dasein nach dem Tode redet, immer wieder appellieren an diese egoistischen Instinkte der Menschen, an dieses Wollen eines Daseins nach dem Tode. Man muß also appellieren in einem gewissen Sinne an die menschliche Unsterblichkeitsbegierde. Und indem man an sie appelliert, findet man den Zugang zum Glauben der Menschen an diese Unsterblichkeit nach dem Tode. Man würde nicht ohne weiteres denselben Glauben für dieselbe Art der Sprache finden, wenn man sprechen würde von dem Ewigen der menschlichen Seele, wie es vorhanden ist vor der Geburt oder vor der Empfängnis. Bedenken Sie nur eines: Man spricht von Unsterblichkeit. Man spricht nicht von irgend etwas, was in gleichem Sinne über die Geburt hinausgeht, denn man hat darüber gar nicht in ordentlichem Sinne ein Wort in der Sprache. Unsterblichkeit, dieses Wort, das hat man; Ungeburtlichkeit, Ungeborenwerden — das hat man nicht, das müßte man erst ausbilden, damit es den Menschen geläufig würde. Daran schon können Sie sehen, wie einseitig das Reden über die Unsterblichkeit auf seiten der traditionellen Bekenntnisse ist. Und warum ist das so? Ja, es ist doch ganz anders, wenn man zu den Menschen sprechen soll davon, daß sie ihr jetziges Leben, das sie von der Geburt an geführt haben und weiter führen bis zum Tode, als die Fortsetzung eines geistigen Lebens betrachten sollen, wie sie betrachten wollen das geistige Leben nach dem Tode als eine Fortsetzung dieses Erdenlebens. Denn für die Menschen ist es schon einmal so: Zu erfahren von dem nachtodlichen Leben ist für sie in gewissem Sinne ein Genuß; zu erfahren von dem vorgeburtlichen Leben ist nicht in gleichem Sinne ein Genuß, denn dasjenige, was uns Menschen geworden ist durch die Geburt, das haben wir, das besitzen wir; das begehren wir also nicht. So kann nicht durch die Aufstachelung einer Begierde von dem Ewigen vor der Geburt gesprochen werden, und so muß man erst, wenn man von diesem Ewigen vor der Geburt sprechen will, in dem Menschen den Trieb anregen, auf so etwas überhaupt hinzusehen, für so etwas sich erkenntnisbereit zu erklären.

[ 2 ] We must not delude ourselves into thinking that, fundamentally, the way in which people have hitherto been encouraged by traditional creeds to think about the spiritual realm bears much of the blame today for this radical rejection of wisdom from the spiritual worlds. Let us be clear that, above all, the traditional faiths tend to acquaint people only with one aspect—let us say, of the eternal in the human being—namely, the aspect that lies beyond death, and that there is a decisive refusal on the part of the traditional creeds to point people today toward that which pertains to the eternal-spiritual aspect of the human being prior to birth—or, let us say, prior to conception. Much is spoken of—albeit in a highly vague manner and always referring not to knowledge but only to faith—regarding the existence of the soul after death. In contrast, any discussion of the soul’s existence before birth or before conception is rejected. This has significance not only within the theoretical realm we have just mentioned—within the pure judgments of knowledge that say: “Let us look to the time after death; let us not look to the time before birth”—but it also has significance for the entire being of the human being. For the way in which one speaks of the immortal in the human being depends on this rejection of the pre-birth realm. Just consider for a moment how people are generally addressed in the creeds concerning the immortality of the soul. An appeal is made to people’s finer egoistic instincts. These finer instincts in people are, after all, directed toward a longing for existence after death. The desire for this existence after death is present in people in the most varied forms, and when speaking of this existence after death in the customary way, one must repeatedly appeal to these selfish instincts in people, to this desire for an existence after death. So, in a certain sense, one must appeal to the human desire for immortality. And by appealing to it, one finds a way into people’s belief in this immortality after death. One would not readily find the same belief with the same kind of language if one were to speak of the eternal nature of the human soul as it exists before birth or before conception. Just consider one thing: We speak of immortality. We do not speak of anything that, in the same sense, extends beyond birth, for we do not even have a proper word for it in our language. Immortality—that word exists; pre-birth existence, becoming unborn—those do not exist; they would first have to be coined so that people could become familiar with them. From this alone you can see how one-sided the discourse on immortality is on the part of traditional creeds. And why is that so? Well, it is quite different when one is to speak to people about the fact that they should regard their present life—which they have led from birth and will continue to lead until death—as the continuation of a spiritual life, just as they wish to regard spiritual life after death as a continuation of this earthly life. For one thing, this is true of human beings: learning about life after death is, in a certain sense, a pleasure for them; learning about life before birth is not a pleasure in the same sense, for what has become part of us as human beings through birth—that is what we have, what we possess; therefore, we do not desire it. Thus, one cannot speak of the eternal before birth by stirring up a desire for it; and so, if one wishes to speak of this eternal before birth, one must first awaken in human beings the impulse to look toward such a thing at all, to declare themselves open to knowledge of it.

[ 3 ] Das hängt damit zusammen, daß in der Tat Geisteswissenschaft vor dem Erkennen voraussetzen muß ein gewisses Bereitsein. Das, was ich gestern im öffentlichen Vortrage genannt habe «intellektuelle Bescheidenheit»: sich zu fühlen den großen Erkenntnissen der Natur gegenüber wie das Kind, wenn es fühlen könnte, sich fühlen müßte mit fünf Jahren gegenüber einem Buche Goethescher Lyrik, mit dem es auch nichts anfangen kann, bevor es zu seinem Verstehen erzogen ist — so müßte sich der Mensch fühlen gegenüber der sich ausbreitenden Natur. Er kann nichts anfangen, bevor er sich vorbereitet hat, in sie einzudringen. Daher muß schon von diesem Vorbereiten in intellektueller Bescheidenheit gesprochen werden. Und wir müssen uns als Menschen innerlich bereit finden, aus uns etwas anderes zu machen, als wir sind, wenn wir noch nicht unser Inneres in die Hand genommen haben, um es weiterzubringen im seelisch-geistigen Leben. Dazu ist aber nötig, daß man auf gewisse Dinge hinsieht, auf die man in dem allgemeinen Weltenschlaf, dem man sich hingibt, doch eigentlich gar nicht hinsehen möchte.

[ 3 ] This is related to the fact that spiritual science must, in fact, presuppose a certain readiness before any understanding can take place. What I referred to yesterday in my public lecture as “intellectual humility”: to feel, in the face of nature’s great revelations, like a child—if that child could feel, or were compelled to feel—at the age of five when confronted with a book of Goethe’s poetry, which it cannot make sense of until it has been educated to understand it—that is how a human being ought to feel in the face of nature as it unfolds. One cannot make sense of it until one has prepared oneself to penetrate it. Therefore, we must already speak of this preparation in terms of intellectual humility. And we, as human beings, must find ourselves inwardly ready to transform ourselves into something other than what we are—if we have not yet taken our inner selves in hand to advance them in the spiritual and soul life. For this, however, it is necessary to look at certain things that, in the general slumber of the world to which we have surrendered, we would actually prefer not to look at at all.

[ 4 ] Wir haben als Menschen die Fähigkeit, durch unsere Vorstellungen, durch unser Denken über die Welt uns zu unterrichten. Wir denken aber nicht viel darüber nach, welche besondere Eigentümlichkeit dieses Denken eigentlich hat. Es hat dieses Denken schon eine besondere Eigentümlichkeit, denn dem äußeren Leben gegenüber ist es eigentlich unnötig. Wir machen uns dieses gewöhnlich nicht klar. Abgesehen davon, daß die Tiere auch leben können, ihre Nahrung aufsuchen können, sich fortbringen zwischen Geburt und Tod, ohne daß sie in der menschlichen Weise denken, abgesehen davon, daß man schon daraus entnehmen kann, daß wir gewisse niedere Aufgaben des Lebens auch verrichten können, wenn wir nicht auf menschliche Weise denken, brauchen wir ja nur einer etwas gründlicheren Lebenserwägung uns hinzugeben, und wir werden gleich sehen, wie für das äußere physische Leben das Denken eigentlich unnötig ist. In bezug auf gewisse Dinge können wir uns gar nicht auf das Denken verlassen. Nicht wahr, wir treiben Wissenschaft. Nehmen Sie irgendeine Wissenschaft heraus, zum Beispiel die Physiologie, durch die wir uns über die Art und Weise unterrichten, wie die menschlichen Organe funktionieren. Wir lernen in der Physiologie, so gut es auf materialistischem oder auf spirituellem Gebiet geht, erkennen, welcher Art der Verdauungsvorgang ist. Aber wir können niemals warten auf das denkende Erkennen des Verdauungsvorganges; wir müssen vorher regelrecht verdauen. Wir würden im Leben nicht fortkommen, wenn wir warten müßten, bis wir über das Verdauen gedacht haben, bis wir das erkannt haben. Wir müssen die Verdauungstätigkeit unbedacht ausführen, und so auch die anderen Tätigkeiten unseres Organismus. Gerade mit Bezug auf dasjenige, was wir als Menschen ausführen, kommt das Denken immer hinterher. Für das Leben in der Sinneswelt könnten wir also das Denken im Grunde genommen entbehren.

[ 4 ] As human beings, we have the ability to educate ourselves through our ideas and our thinking about the world. However, we do not give much thought to what this thinking actually has in common. This thinking does indeed have a special characteristic, for it is actually unnecessary in relation to external life. We usually do not realize this. Aside from the fact that animals can also live, seek out their food, and carry on from birth to death without thinking in the human way—and aside from the fact that we can already infer from this that we, too, can perform certain basic tasks of life even when we are not thinking in the human way—we need only engage in a somewhat more thorough reflection on life, and we will immediately see how thinking is actually unnecessary for external physical life. With regard to certain things, we cannot rely on thinking at all. After all, we engage in science. Take any science, for example physiology, through which we learn about the way human organs function. In physiology, we learn—as far as is possible in the materialistic or spiritual realm—to recognize the nature of the digestive process. But we can never wait for a conceptual understanding of the digestive process; we must first actually digest our food. We wouldn’t get anywhere in life if we had to wait until we’d thought about digestion, until we’d understood it. We must carry out the act of digestion without thinking, and the same goes for the other activities of our organism. Especially when it comes to what we do as human beings, thinking always lags behind. So, for life in the sensory world, we could essentially do without thinking.

[ 5 ] Da beginnt die große Frage, die jetzt auftaucht vor dem Geisteswissenschafter: Was hat es mit diesem Denken, das uns im gewöhnlichen physisch-sinnlichen Leib ja gar keine Dienste leisten kann, eigentlich für eine Bewandtnis? — Auf ein Wichtiges muß man natürlich hinweisen. Dasjenige, was uns in der äußeren Technik vorliegt, würde uns nicht vorliegen, wenn wir es nicht zuerst bedenken würden. Aber im Grunde genommen setzt das Denken mit seiner positiven Bedeutung erst ein bei der äußeren Technik und alledem, was äußere Technik fordert. Bei alledem, was nicht äußere Technik fordert, ist das Denken etwas, was eigentlich hinterher einsetzt und was sich gegenüber unserem sinnlichen Dasein als überflüssig erweist. Wir tragen also ein Element in uns, welches zu unserem sinnlichen Dasein keinen Beitrag liefert. Das sagt sich der Geisteswissenschafter, und dann kommt er dazu, noch zu untersuchen, was eigentlich dieses Denken ist. Dann findet er, wie ich Ihnen öfter auseinandergesetzt habe, daß dieses Denken eigentlich eine Erbschaft von unserem vorgeburtlichen Dasein ist, daß gerade das Denken dasjenige ist, welches wir am intensivsten ausgebildet haben zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt, daß wir die Fähigkeit dieses Denkens hereintragen in dieses sinnliche Dasein, daß dieses Denken eigentlich ausgebildet war für die übersinnliche Welt. Wir verstehen die Bedeutung dieses Denkens gar nicht, wenn wir nicht wissen, daß es unsere Erbschaft aus der übersinnlichen Welt ist.

[ 5 ] This is where the big question arises for the scholar of the humanities: What is the true nature of this thinking, which, in our ordinary physical-sensory body, cannot actually be of any use to us? — Of course, one must point out something important. What we encounter in external technology would not be present to us if we did not first consider it. But fundamentally, thinking, in its positive sense, only begins with external technology and everything that external technology demands. In everything that external technology does not demand, thinking is something that actually comes into play later and proves to be superfluous in relation to our sensory existence. We therefore carry within us an element that makes no contribution to our sensory existence. This is what the scholar of the spiritual sciences tells himself, and then he proceeds to investigate what this thinking actually is. Then he discovers, as I have often explained to you, that this thinking is actually an inheritance from our pre-birth existence; that thinking, in particular, is what we developed most intensively between our last death and this birth; that we bring the capacity for this thinking into this sensory existence; and that this thinking was actually developed for the supersensible world. We cannot understand the significance of this thinking at all unless we know that it is our legacy from the supersensible world.

[ 6 ] So rankt sich allmählich der Geisteswissenschafter dazu auf, in dem Denken die Erbschaft zu sehen des Lebens, das er verbracht hat zwischen dem letzten Tode und dieser Geburt. Was ist da eigentlich abgestreift worden seit dem letzten Leben? Abgestreift worden ist ganz und gar die begierdemäßige Beziehung zur Umwelt, denn indem wir mit unserem Erkennen denkend die Welt auffassen, sind wir ja ohne Begierde. Das ist das Eigentümliche des Erkennens, daß eine Begierde dieses Erkennen nicht durchdringt. Daher muß der Mensch zum Erkennen erzogen werden. Er muß erst darauf hingeführt werden, das Erkennen zu gebrauchen. Denn im Grunde genommen begehrt er zunächst nach den Dingen nicht, die ihm durch das Erkennen werden. Aber Geisteswissenschaft zeigt uns da auf diesem Gebiete doch etwas anderes. Sie zeigt uns, indem wir das Erkennen, das denkende Erkennen haben, daß wir ein ganz unnützes Glied haben für die sinnliche Welt, daß also dieses Denken in uns Menschen zu etwas anderem da sein muß als zum bloßen sinnlichen Leben, und daß wir dieses Denken mißbrauchen, wenn wir es unangewendet lassen, wenn wir es nicht anwenden, um einzudringen nicht bloß in das Sinnliche, sondern in das Übersinnliche. Wir haben das Denken als ein Geschenk, als eine Erbschaft des Übersinnlichen und müssen erkennen, daß wir es auch zur Aneignung des Übersinnlichen anwenden müssen.

[ 6 ] Thus, the humanities scholar gradually comes to view thought as the legacy of the life he has lived between his last death and this birth. What, in fact, has been shed since the last life? What has been shed entirely is the desire-driven relationship to the environment, for when we perceive the world through thinking and cognition, we are, after all, free of desire. This is the distinctive feature of cognition: that desire does not permeate it. Therefore, human beings must be educated in cognition. They must first be guided to make use of cognition. For, fundamentally speaking, they do not initially desire the things that come to them through cognition. But spiritual science reveals something different to us in this regard. It shows us that, in possessing cognition—thinking cognition—we have a completely useless faculty for the sensory world; that this thinking within us humans must therefore serve a purpose other than mere sensory life; and that we misuse this thinking if we leave it unused, if we do not apply it to penetrate not only the sensory but also the supersensory. We have thinking as a gift, as an inheritance from the supersensible, and must recognize that we must also use it to appropriate the supersensible.

[ 7 ] Was ich Ihnen da gesagt habe, das kommt im Leben in der verschiedensten Weise zum Ausdruck. Wir können, wenn wir das Leben richtig anschauen, auf solche Dinge wie die eben ausgesprochenen kommen. Wie kommen wir denn eigentlich in dieses Leben herein? Indem gewissermaßen aus dunklen Tiefen unseres Inneren immer mehr und mehr die Fähigkeit des Denkens sich ablöst, indem wir immer mehr und mehr in uns die Kraft, denkend die Welt zu überschauen, entwickeln. Wie kommen wir da herein, und wie stellen wir uns immer mehr in diese Welt hinein? Fragen Sie sich einmal recht gründlich selbsterkennend, fragen Sie sich, was für ein Bewußtsein Sie verknüpfen, indem Sie immer denkender und denkender werden. Sie verknüpfen unmittelbar mit diesem Denkendwerden das Mitteilungsbedürfnis. Wenn Sie denken, können Sie gar nicht anders, als wollen, daß Ihre Gedanken auch anderen Menschen in die Seele gehen, daß Sie in die Lage kommen, Ihre Gedanken anderen Menschen mitzuteilen. Mit unserem Denken wächst in einer gewissen Weise dieses heran, die Gedanken anderen mitteilen zu wollen.

[ 7 ] What I have just told you is expressed in life in a wide variety of ways. If we look at life correctly, we can arrive at such things as those just mentioned. How do we actually enter into this life? By the ability to think gradually emerging, as it were, from the dark depths of our inner being, and by developing within ourselves, more and more, the power to survey the world through thought. How do we enter into it, and how do we place ourselves more and more within this world? Ask yourself this question thoroughly, with self-awareness: Ask yourself what kind of consciousness you connect with as you become more and more capable of thinking. You directly associate this growing capacity for thought with the need to communicate. When you think, you cannot help but want your thoughts to reach the souls of other people, to be able to share your thoughts with them. In a certain sense, this desire to share our thoughts with others grows along with our thinking.

[ 8 ] Man braucht sich nur einmal hypothetisch vorzustellen, was es hieße, seine Gedanken für sich allein haben zu müssen, niemanden zu finden, dem man die Gedanken mitteilen könnte! Aber das ist ganz gewiß für die meisten Menschen ein Bedürfnis, das für die Gedankenwelt allein dasteht. Bei anderen Besitztümern gilt es für die meisten Menschen nicht, und wenn man auch wirklich Menschen findet, die gerne von anderen Besitztümern geben, ebensogern vielleicht geben — das «ebensogern» ist wirklich zuviel gesagt —, von seinen Gedanken gibt jeder reichlich gern, von seinen anderen Besitztümern gibt er nicht immer so reichlich gern; das ist ja immerhin bekannt! Aber es gibt Menschen, die wirklich gern geben. Aber dann muß man dieses Gerngeben auch ein wenig analysieren, und dann wird man sich klar darüber, daß dieses Gerngeben doch wieder zusammenhängt mit dem Denken. Der Gedanke: Was wird der andere über dich denken, welche Gemeinsamkeit wird sich herausbilden, wenn du ihm gibst —, das ist etwas, das sehr stark das Geben von anderen Gütern beeinflußt, so daß auch beim Schenken oder für einen anderen Arbeiten sehr stark das Mitteilungsbedürfnis mitlebt. Das Streben nach Gemeinsamkeit im Denken, das ist es, was da mitspielt.

[ 8 ] One need only imagine, hypothetically, what it would mean to have to keep one’s thoughts to oneself, to find no one with whom to share them! But for most people, this is certainly a need that exists solely within the realm of thought. This does not apply to most people when it comes to other possessions, and even if one does find people who are happy to give of their other possessions—perhaps just as happy to give them—though “just as happy” is really an overstatement—everyone is more than happy to share their thoughts, whereas they are not always so willing to share their other possessions; after all, that is a well-known fact! But there are people who truly love to give. But then one must analyze this willingness to give a little more closely, and one realizes that this willingness to give is, after all, connected to one’s thinking. The thought: “What will the other person think of you? What common ground will emerge when you give to them?”—this is something that strongly influences the giving of other goods, so that even when giving a gift or working for someone else, the need to communicate plays a very significant role. The striving for common ground in thought—that is what comes into play here.

[ 9 ] Wenn man recht viel über eine Frage nachdenkt, über die sich eine Anzahl unserer Anthroposophen in der letzten Zeit gründlich unterrichten mußten, über die pädagogisch-didaktische Frage, die viel erörtert werden mußte bei der Begründung oder Fortführung der Waldorfschule, die ja bald das erste Jahr ihres Bestandes nun hinter sich haben wird, dann kommt man darauf, daß eigentlich derjenige zunächst den besten Lehrberuf hat, der das größte Mitteilungsbedürfnis hat. Wenn einer gern Lehrer ist, so rührt das davon her, daß das Mitteilungsbedürfnis, das Leben in gemeinsamem Denken mit den anderen in ihm besonders stark ausgebildet ist, besonders stark mitgebracht wird aus der Welt, aus der wir kommen, wenn wir durch die Geburt dieses sinnliche Dasein betreten. Und da es leichter ist, Kindern Gedanken mitzuteilen, bei Kindern Entgegenkommen zu finden als bei Erwachsenen, so ist der Lehrberuf derjenige, der gerade aus einem intensiven Ersehnen eines Erfolges bei dem Mitteilungsbedürfnis entspringt.

[ 9 ] If one thinks quite a lot about a question that a number of our anthroposophists have recently had to study thoroughly—namely, the pedagogical and didactic question that had to be discussed at length when the Waldorf School was founded or continued, a school that will soon have completed its first year of existence— then one comes to realize that, in fact, the person who has the greatest need to communicate is the one best suited for the teaching profession. If someone enjoys being a teacher, it stems from the fact that this need to communicate—this life of shared thinking with others—is particularly strongly developed within them; it is brought with them in a particularly strong way from the world from which we come when we enter this sensory existence through birth. And since it is easier to share thoughts with children and to find receptiveness in them than in adults, the teaching profession is one that arises precisely from an intense longing for success in fulfilling this need to communicate.

[ 10 ] Aber wenn man das einmal erkennt, wenn man so, ich möchte sagen, die Seelenlehre des Lehrens erkennt, dann tut sich die andere Frage auf, die Frage, welche bei der Ausbildung einer Pädagogik für die Waldorfschule die größte Rolle gespielt hat. Es klingt den heutigen Menschen noch paradox, diese andere Seite des Lehrens der Pädagogik, und doch, bei der Ausbildung der Pädagogik der Waldorfschule hat diese andere Seite die größte Rolle gespielt, und das ist diese, daß wir zu gleicher Zeit es zur Erkenntnis bringen, daß die Kinder, die hereinwachsen in die Welt, jedes für sich ein Rätsel ist und daß wir wirklich von den Kindern lernen können. Indem wir Lehrer sind, befriedigen wir nicht bloß unser Mitteilungsbedürfnis, sondern zu gleicher Zeit unser Erkenntnisbedürfnis, indem wir uns sagen: Du bist älter geworden, aber diejenigen, die jetzt hereinkommen, die bringen dir aus späterer Zeit Nachricht aus der geistigen Welt her, die enthüllen dir dasjenige aus der geistigen Welt, was seit deiner eigenen Geburt in der geistigen Welt sich zugetragen hat, denn die sind länger drinnengeblieben in der geistigen Welt. In den verschiedensten Gestalten wurde das gerade den Lehrern der Waldorfschule beigebracht, Botschaften aus der geistigen Welt in dem heranwachsenden Kinde entgegenzunehmen, wirklich daran zu denken in jedem Augenblicke, und namentlich zu empfinden: In dem Kind, das dir da übergeben wird, enthüllt sich dir dasjenige, was dir aus der geistigen Welt hereingeschickt wird.

[ 10 ] But once one recognizes this—once one recognizes, so to speak, the spiritual aspect of teaching—then another question arises, the question that has played the greatest role in the development of a pedagogy for the Waldorf school. To people today, this other aspect of teaching still sounds paradoxical, and yet, in the development of the Waldorf school’s pedagogy, this other aspect has played the greatest role—namely, that we come to realize that each child entering the world is an enigma in and of themselves, and that we can truly learn from the children. By being teachers, we satisfy not only our need to communicate but also, at the same time, our need for knowledge, as we say to ourselves: You have grown older, but those who are now entering bring you news from the spiritual world from a later time; they reveal to you what has taken place in the spiritual world since your own birth, for they have remained in the spiritual world longer. In a wide variety of ways, this was taught specifically to the teachers of the Waldorf School: to receive messages from the spiritual world through the growing child, to truly keep this in mind at every moment, and above all to feel: In the child who is entrusted to you, what is sent to you from the spiritual world is revealed.

[ 11 ] Dadurch paart sich mit dem Geben ein Nehmen, dadurch wächst man praktisch hinein in das Zusammenleben mit der geistigen Welt. Die Pädagogik der Waldorfschule beruht schon auf solchem tatsächlichen Aufnehmen von Dingen der geistigen Welt. Nicht bloß, daß man theoretisch irgendeine Pädagogik auseinandersetzen will, die von den abstrakten Prinzipien der Anthroposophie ausgeht. Darauf kommt es nicht an, sondern um die Lehrpraxis handelt es sich, die bei der Behandlung der Kinder unmittelbar zum Ausdrucke kommt. Es ist etwas anderes, ob man voraussetzt, das Kind trägt dir Botschaft aus der geistigen Welt in diese Welt herein, du hast das Rätsel zu lösen, das dir da hereingebracht wird aus der geistigen Welt, als wenn man das Kind als eine beliebige plastische Substanz betrachtet, das man bloß auszubilden hat. Dieses Rätsel lösen, das führt zu dem, was als Lebenspraxis heraus folgt aus dem, was lebendig angeschaute und lebendig in sich aufgenommene anthroposophische Geisteswissenschaft ist. Und diese anthroposophische Geisteswissenschaft ist dazu da, daß sie nicht bloß Prinzipien vertritt, nicht bloß Theorien vertritt, sondern in die einzelnen Zweige des Lebens wirklich aufgenommen zu werden. Das ist es, um was es sich handelt.

[ 11 ] In this way, giving is paired with receiving, and through this process one practically grows into a life lived in harmony with the spiritual world. The pedagogy of the Waldorf school is based precisely on this actual reception of things from the spiritual world. It is not merely a matter of theoretically analyzing some pedagogical approach based on the abstract principles of anthroposophy. That is not what matters; rather, it is about the practical teaching that finds direct expression in the way children are guided. It is one thing to assume that the child brings you a message from the spiritual world into this world—and that you must solve the riddle brought to you from the spiritual world—and quite another to regard the child as some kind of malleable substance that simply needs to be shaped. Solving this riddle leads to what emerges as a way of life from anthroposophical spiritual science—one that is vividly observed and deeply internalized. And this anthroposophical spiritual science exists not merely to advocate principles or theories, but to be truly integrated into the individual spheres of life. That is what it is all about.

[ 12 ] Damit haben wir aber hingewiesen darauf, wie dieses Arbeiten im Erziehen, im Mitteilen seiner Gedanken — und schließlich ist es ein Mitteilen von Gedanken, ob ich jemandem etwas erzähle, oder ob ich einen Roman schreibe, oder, wenn wir den Gedanken im weiteren Umfange denken, ob ich ein anderes Kunstwerk produziere —, wie dieses ganze Leben in Gedanken ein Zusammenleben mit der geistigen Welt ist, ein Hereintragen desjenigen, was wir vorgeburtlich erlebt haben, in diese Welt hier. Diese besondere Eigentümlichkeit dessen, was man geistiges Erleben nennt, was man geistige Zivilisation nennt, das muß schon einmal von Anthroposophen ins Auge gefaßt werden. Denn dadurch bekommt dieses Geistesleben sein besonderes Gepräge, daß wir uns, indem wir in diesem Geistesleben stehen, bewußt werden: Wir hängen dadurch zusammen mit alledem, was vor unserer Geburt liegt, was noch nach unserer Geburt liegt, indem die Kinder es uns aus den übersinnlichen Welten hereintragen. — Dadurch bekommt aber dieses geistige Leben sein besonderes Gepräge. Es ist da einmal das, was sein sollte, daß der Anthroposoph die Welt viel realer ansieht als der andere Mensch heute, daß der Anthroposoph lernt, auf diese Feinheiten des Lebens hinzuschauen. Also er soll erkennen, wie das äußere Zivilisationsleben in dem Betrieb des Geistigen zusammenhängt mit dem Vorgeburtlichen, und wie eigentlich da in dem Geistigen sich etwas entfaltet, was reicher ist als der einzelne Mensch, was über den einzelnen Menschen hinübergreift. Nicht wahr, wenn wir darauf angewiesen sind, unsere Gedanken anderen mitzuteilen, also sie auch in den Herzen, in den Empfindungen anderer zu finden, so weist uns eben das Geistesleben auf eine Gemeinsamkeit hin, auf etwas hin, was wir nur mit anderen Menschen zusammen erleben können. Es stattet uns das Geistesleben mit etwas aus, was wir gar nicht allein haben wollen.

[ 12 ] In doing so, however, we have pointed out how this work of education, of communicating one’s thoughts—and ultimately it is a communication of thoughts, whether I am telling someone something, or writing a novel, or, if we consider the idea in a broader sense, producing another work of art— how this entire life of thought is a coexistence with the spiritual world, a bringing into this world here of what we experienced before birth. This particular characteristic of what is called spiritual experience, what is called spiritual civilization, must first be taken into account by anthroposophists. For it is this that gives this spiritual life its distinctive character: that, as we stand within this spiritual life, we become aware that we are connected to everything that lies before our birth and everything that lies after our birth—as our children bring it to us from the supersensible worlds. —But it is this that gives this spiritual life its distinctive character. There is, first of all, the fact that the anthroposophist should view the world much more realistically than other people do today, that the anthroposophist learns to look for these subtleties of life. So they should recognize how external civilizational life, in the workings of the spiritual realm, is connected to the pre-birth realm, and how something actually unfolds there in the spiritual realm that is richer than the individual human being, something that extends beyond the individual human being. Isn’t it true that when we are dependent on communicating our thoughts to others—that is, on finding them also in the hearts and feelings of others—spiritual life points us toward a sense of community, toward something we can only experience together with other human beings? Spiritual life endows us with something we do not wish to possess alone.

[ 13 ] Wir wissen gewissermaßen mehr — wenn ich mich jetzt paradox ausdrücken soll —, als wir für uns behalten dürfen, und es kreuzen sich in dieser Beziehung unsere Bedürfnisse. Wer einem anderen etwas mitteilt, dem soll wiederum von einem anderen etwas mitgeteilt werden. Anders geht es ja gar nicht. Also wir überschütten uns mit dem geistigen Leben, wir schütten die Güter gegenseitig aus. Das ist wiederum eine Eigentümlichkeit dieses geistigen Lebens. Wir haben zuviel. Wir bringen eben zuviel für diese Sinnlichkeit mit, weil dieses Geistesleben, das wir als denkendes Wesen mitbringen, zugleich für das Übersinnliche bestimmt ist. Weil darinnen das Übersinnliche sich auslebt, so überschwemmt es gleichsam flutartig diese physische Welt. Ganz anders ist es, wenn wir den Blick auf das wirtschaftliche Leben richten. Da ist es nicht so, daß wir so leicht die Gedanken dem anderen mitteilen. Erstens wollen wir das oftmals nicht. Wenn wir Gedanken des wirtschaftlichen Lebens anderen so leicht mitteilen wollten wie die Gedanken des reinen lehrhaften Lebens, so würde niemand sich irgend etwas patentieren lassen, es würde niemand ein Geschäftsgeheimnis bewahren. Da ist das Mitteilungsbedürfnis gar nicht so groß wie auf dem Gebiete der geistigen Kultur. Und Sie brauchen sich nur auszumalen, wie es im wirtschaftlichen Leben steht, dann werden Sie sogleich sehen, daß da gar nicht eine solche Gedankenflut von einem zum anderen geht, sondern daß sich da die Dinge ganz anders verhalten.

[ 13 ] In a sense, we know more—if I may put it paradoxically—than we are allowed to keep to ourselves, and in this regard, our needs intersect. Whoever shares something with another person should, in turn, receive something from yet another person. It simply cannot be any other way. So we shower one another with spiritual life; we pour out these gifts to one another. This, in turn, is a distinctive feature of this spiritual life. We have too much. We simply bring too much with us for this physical existence, because this spiritual life—which we bring with us as thinking beings—is at the same time destined for the supersensible. Because the supersensible finds its full expression within it, it floods this physical world, as it were, like a torrent. It is quite different when we turn our attention to economic life. There, we do not so readily share our thoughts with others. For one thing, we often do not want to. If we were to share thoughts about economic life with others as readily as we do thoughts about purely academic life, no one would ever apply for a patent, and no one would keep a trade secret. The need to share information is not nearly as great there as it is in the realm of intellectual culture. And you need only imagine what economic life is like to see immediately that there is no such flood of ideas flowing from one person to another—rather, things are quite different there.

[ 14 ] Ich konnte in der letzten Zeit öfters auf ein Beispiel hinweisen, durch das man, was ich eigentlich meine, sehr gut sehen kann. Es begann so in der Mitte des 19. Jahrhunderts unter den Leuten, die über solche Fragen etwas zu sagen haben, der Drang, über den freien Welthandel sich auszusprechen und den Freihandel, also keine Zollschranken, zum allgemeinen Verkehr, zu der allgemeinen Verkehrsart der Menschen auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens über die Erde hin zu machen. Gleichzeitig mit diesem Denken über den Freihandel kam eine andere Tendenz: an die Stelle des Bimetallismus, der Gold- und Silberwährung, die Goldwährung einzuführen. Dieses Bestreben nach der einheitlichen Goldwährung ging ja namentlich von England aus; aber es ergriff auch andere Länder, wie Sie wissen. Und Sie können in einer bestimmten Zeit des 19. Jahrhunderts in den Parlamentsberichten, oder sonst, wo über solche Dinge diskutiert wurde, überall sehen, wie die Leute, wie sie meinen, großartig praktisch, sich aussprachen über die Wirkung der Goldwährung. Sie sagten: Der Freihandel wird sich unter der Wirkung der Goldwährung entwickeln, die Goldwährung bringt den Freihandel von selber! — Und nachdem bis in die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts hinein von den angesehensten Parlamentariern und Praktikern diese Theorie verfochten worden ist — was ist wirklich eingetreten? Überall sind unter dem Einfluß der Goldwährung die Zollschranken aufgerichtet worden! Das genaue Gegenteil von dem, was die größten Theoretiker und Praktiker vorausgesagt hatten!

[ 14 ] Lately, I have often been able to point to an example that clearly illustrates what I actually mean. In the mid-19th century, among those who had a say in such matters, there arose a desire to speak out in favor of free world trade and to make free trade—that is, the absence of tariff barriers—the universal norm, the standard mode of economic interaction among people across the globe. Alongside this thinking about free trade, another trend emerged: to replace bimetallism—the gold and silver standard—with the gold standard. This drive toward a uniform gold standard originated primarily in England; but it also spread to other countries, as you know. And if you look at parliamentary reports or other sources from a certain period in the 19th century where such matters were discussed, you can see everywhere how people—believing themselves to be highly practical—spoke out about the effects of the gold standard. They said: Free trade will develop under the influence of the gold standard; the gold standard will bring about free trade all on its own! — And after this theory had been championed by the most respected parliamentarians and practitioners well into the 1870s—what actually happened? Under the influence of the gold standard, tariff barriers were erected everywhere! The exact opposite of what the greatest theorists and practitioners had predicted!

[ 15 ] Das ist ein sehr interessantes Beispiel für das Denken auf wirtschaftlichem Gebiete. Wer heute überhaupt in das Wirtschaftliche hineinschaut — die Leute, die Praktiker bemerken das nicht —, der merkt, daß es auf allen Gebieten so zugeht. Von demjenigen, was die Leute voraussagen, tritt in der Regel im geschäftlichen Verkehr das Gegenteil ein. Man braucht nur einmal die konkreten Fälle zu studieren, braucht nur nicht zu berücksichtigen das, was man als sogenannter Lebenspraktiker, der auf alles Idealistische hocherhaben herunterschaut, deklamieren will, sondern wirklich auf das, was vorgeht, hinschauen, dann findet man schon, daß das so ist.

[ 15 ] This is a very interesting example of thinking in the economic sphere. Anyone who actually looks into economic matters today—though practitioners tend not to notice this—will see that this is how things work in all areas. In business dealings, the opposite of what people predict usually comes to pass. One need only study specific cases—ignoring what so-called “practical people,” who look down on everything idealistic from their lofty heights, might claim—and instead really look at what is actually happening; then one will find that this is indeed the case.

[ 16 ] Ich will also sagen — so werden Sie voraussetzen —, daß das alles Dummköpfe waren, die in den Parlamenten und in den Debatten vorausgesagt haben, von der Goldwährung werde kommen der Freihandel, während in Wirklichkeit die Aufrichtung der Zollschranken gekommen ist. Nein, das will ich gar nicht sagen. Ich will gar nicht sagen, daß das Dummköpfe waren. Sie waren sehr, sehr gescheite Leute — zum Teil selbstverständlich; es waren unter ihnen außerordentlich gescheite Leute. Und wer durchgeht dasjenige, was sie an Gründen vorgebracht haben, und eben nicht tiefer hineinschaut in das ganze Gewebe menschlichen Zusammenlebens, der kann nicht anders, als zunächst oftmals staunen ob der Gescheitheit, von der solche Leute beherrscht waren bei dem Deklamieren einer ganz falschen Prophetie.

[ 16 ] So I’m saying—as you will assume—that all of them were fools who predicted in parliaments and in debates that the gold standard would lead to free trade, whereas in reality it led to the establishment of tariff barriers. No, that’s not what I’m saying at all. I don’t mean to say at all that they were fools. They were very, very intelligent people—some of them, of course; there were extraordinarily intelligent people among them. And anyone who merely goes through the arguments they put forward, without looking more deeply into the entire fabric of human coexistence, cannot help but be astonished at first by the intelligence with which such people were guided as they proclaimed a completely false prophecy.

[ 17 ] Woher kommt das? Eben davon, daß wir in der neueren Zeit hereingewachsen sind in den Individualismus des Denkens, daß jeder für sich selber in solchen Dingen denken wollte. Geradeso nun, wie wir, was wir als das eigentlich geistige Denken mitbringen, für alle anderen haben, wie wir da die anderen überschütten können, so haben wir dasjenige Denken, das wir erst herauslösen sollen aus dem Leben, keineswegs so zum Ausschütten. Das können wir uns im Leben nur so aneignen, daß wir es sehr partiell haben, daß wir es immer zur Kariikatur verzerren, wenn wir es allgemein anwenden wollen. Unser Urteil, mit dem wir geboren werden, das haben wir nicht nur so, daß wir über die Welt urteilen können, sondern das haben wir so, daß es auch noch ausreicht, dem anderen etwas abzugeben, daß er auch nach unserem Urteil urteilen kann. Unser wirtschaftliches Urteil und dasjenige, was dem wirtschaftlichen Urteil ähnlich ist, das ist kürzer geschürzt. Das reicht nicht aus, um es dem anderen mitzuteilen, sondern um das wirksam zu machen, ist es nötig, daß sich Assoziationen bilden, daß sich Gruppen von Menschen zusammentun mit den gleichen Interessen, Konsumenteninteressen oder Interessen einer bestimmten Betriebsart und so weiter; denn da können nur Menschengruppen zusammen die lebendige Erfahrung desjenigen bewirken, was der andere ihnen beisteuern kann, was er also wissen kann und was der andere ihm glauben muß, auf Vertrauen hin glauben muß, wenn er mit ihm in der Assoziation zusammen ist.

[ 17 ] Where does this come from? Precisely from the fact that, in more recent times, we have grown accustomed to individualistic thinking, to the idea that everyone wants to think for themselves in such matters. Just as we possess—for the benefit of everyone else—what we bring with us as true spiritual thinking, and can thus bestow it upon others, so too do we not possess that very thinking—which we must first extract from life—in a form that can simply be poured out. We can only acquire it in life in such a way that we possess it only very partially, and that we always distort it into a caricature whenever we try to apply it generally. The judgment with which we are born is not merely something that allows us to judge the world; rather, it is sufficient to impart something to others so that they, too, can judge according to our judgment. Our economic judgment—and that which is similar to economic judgment—is more limited. It is not sufficient to simply communicate it to others; rather, to make it effective, it is necessary for associations to form, for groups of people to come together based on shared interests—whether consumer interests or the interests of a particular type of business, and so on; for only groups of people together can bring about the living experience of what the other can contribute to them—that is, what he knows and what the other must believe, must believe on trust, when he is part of the association with him.

[ 18 ] Da entsteht wiederum eine große Frage für den, der nun, ich möchte sagen, mit hellem Seelenauge die Welt betrachtet. Er sagt sich: Wir bringen eine gewisse Summe von Urteilen mit, die wir überschütten, die wir ausschütten können an andere Menschen. Die verbinden uns mit dem Leben vor der Geburt. Dann aber eignen wir uns brauchbare Urteile auf dem Gebiete des äußeren, namentlich wirtschaftlichen Lebens nur an, wenn wir uns mit anderen bleibend zusammentun, wenn wir Assoziationen mit ihnen bilden, wenn wir zusammen mit ihnen urteilen, wenn wir gewissermaßen unser Urteil und ihre Urteile zusammenstückeln. Wir können ihnen nichts mitteilen, sondern wir müssen, damit überhaupt unser Urteil bestehen kann, unser Urteil mit ihrem zusammenstückeln. Woher kommt denn das? Das ist die große Frage. Das kommt davon, daß wir als Menschen wirklich mindestens ein Doppelwesen sind. Wir sind eigentlich ein dreifaches Wesen, aber darauf will ich heute nicht Rücksicht nehmen, Sie können das Genauere darüber in meinem Buche «Von Seelenrätseln» nachlesen; aber ich will zunächst auf das Doppelwesen Rücksicht nehmen, indem ich das zweite und dritte mehr zusammenfasse. — Was wir aus der geistigen Welt heraus bringen in diese Welt herein, was wir über den Menschen ausschütten können, das formt an uns das Haupt, den Kopf, der nun wirklich mehr ist als ein bloßer Ausdruck, ein bloßes Werkzeug, der wirklich ist ein Abbild desjenigen, was wir vor der Geburt waren, der unser Seelisches ja auch physiognomisch ausdrückt, also mehr tut als der übrige Organismus, der nun wahrhaftig nicht gerade unser Seelisches, wenn wir uns nicht bewegen, also unmittelbar unser Seelisches in Regsamkeit vergegenwärtigt, der wahrhaftig nicht unser Seelisches unmittelbar ausdrückt, wie das Gesicht, der Kopf unser Seelisches ausdrückt.

[ 18 ] This, in turn, raises a major question for those who now—I would say—view the world with the clear eye of the soul. They tell themselves: We bring with us a certain set of judgments that we can bestow upon, that we can share with, other people. These connect us to life before birth. But then we acquire useful judgments in the realm of external, specifically economic, life only when we form lasting partnerships with others, when we form associations with them, when we judge together with them, when we, so to speak, piece together our judgments and theirs. We cannot simply communicate our judgments to them; rather, in order for our judgments to exist at all, we must piece them together with theirs. Where does this come from? That is the big question. It comes from the fact that we, as human beings, are truly at least dual beings. We are actually triune beings, but I do not wish to go into that today; you can read more details about it in my book *On the Mysteries of the Soul*; but for now I want to focus on the dual nature by grouping the second and third aspects together. — What we bring from the spiritual world into this world, what we can pour out upon human beings—this forms in us the head, which is truly more than a mere expression or a mere tool; it is truly a reflection of what we were before birth, expressing our soul life physiognomically as well, and thus does more than the rest of the organism, which—when we are not moving—does not exactly bring our soul life to life through movement, nor does it directly express our soul life in the same way that the face and the head do.

[ 19 ] Wir sind auf der einen Seite also wirklich Hauptesmenschen, tragen durch den Kopf das äußere Abbild desjenigen in die Welt hinein, was uns vor der Geburt geworden ist. Und dem gliedert sich an der übrige menschliche Organismus. Dieser ist es nun, der nur mit Hilfe des Hauptes über so etwas urteilen muß wie das wirtschaftliche Leben. Mit dem Kopf urteilen wir gar nicht über das wirtschaftliche Leben, denn der Kopf interessiert sich nämlich nicht sehr für das wirtschaftliche Leben. Er will allerdings auch nebenbei ernährt sein, aber diesen Anspruch stellt er nur an den eigenen Organismus, nicht an die Außenwelt. Der Kopf selber entspricht mit seinen Ernährungsbedürfnissen nur dem übrigen Organismus. Er ist ja tatsächlich auch auf diesen übrigen Organismus so aufgesetzt, daß er gewissermaßen wirklich von diesem übrigen Organismus sich tragen läßt. Wie der Mensch in einer Droschke, so sitzt unser Haupt auf dem übrigen Organismus darauf und macht die Bewegungen nicht mit. So wenig, wie wir in der Droschke, wenn wir drinnen fahren, uns anzustrengen brauchen, mit den Armen und Beinen etwa an der Vorwärtsbewegung der Droschke zu arbeiten, ebensowenig macht unser Haupt die Bewegung der Beine und Füße mit. Unser Haupt ist etwas, was ruht auf dem übrigen Organismus. Es ist eine Organisation ganz anderer Art als der übrige Organismus, und es urteilt so, daß es die Kraft dieses Urteils sich durch die Geburt mitbringt in das physische Dasein. Der übrige Organismus wird aus dieser Welt heraus aufgebaut. Das kann man auch mit Hilfe der Embryologie nachweisen, wenn man nur wirklich Embryologie treibt, nicht die Karikatur von Embryologie, wie sie die heutige Wissenschaft treibt. Die Art und Weise, wie die Embryologie entwickelt ist, beweist das unmittelbar, was ich hier ausspreche. Dieser übrige ÖOrganismus, er ist dasjenige, was nun mit der ganzen übrigen Welt, auch mit der sozialen Welt, in einen Verkehr tritt, was angewiesen ist auf die Gliederungen, in die wir in der äußeren Welt eingehen.

[ 19 ] On the one hand, then, we are truly “head-people”; through our heads, we carry into the world the outward image of what we became before birth. And the rest of the human organism is structured around this. It is this organism that must judge matters such as economic life solely with the help of the head. We do not judge economic life with the head at all, for the head is not particularly interested in economic life. It does, of course, need to be nourished as well, but it makes this demand only of its own organism, not of the outside world. The head itself, with its nutritional needs, is merely in harmony with the rest of the organism. Indeed, it is positioned atop the rest of the organism in such a way that, in a sense, it is truly carried by the rest of the organism. Just as a person in a horse-drawn carriage sits atop the rest of the organism and does not participate in its movements, so too does our head sit atop the rest of the organism and does not participate in its movements. Just as we, when riding in a carriage, do not need to exert ourselves—for example, by using our arms and legs to help propel the carriage forward—so, too, does our head not participate in the movements of the legs and feet. Our head is something that rests upon the rest of the organism. It is an organism of a completely different kind than the rest of the body, and it judges in such a way that it brings the power of this judgment into physical existence at birth. The rest of the body is built up from this world. This can also be demonstrated with the help of embryology, provided one truly practices embryology—not the caricature of embryology practiced by modern science. The way embryology has developed directly proves what I am saying here. This remaining organism is what now enters into interaction with the rest of the world, including the social world; it is dependent on the structures we encounter in the external world.

[ 20 ] Wir können sagen, der Mensch setzt der Welt zwei ganz verschiedene Organisationen entgegen. Dem geistigen Leben setzt er sein Haupt entgegen, dem wirtschaftlichen Leben seinen übrigen Organismus. Der übrige Organismus zeigt aber schon seine Abhängigkeit von der menschlichen Außenwelt durch seine rein natürliche Beschaffenheit. Denken Sie sich: in bezug auf den übrigen Organismus ist das Menschengeschlecht in Männer und Frauen gespalten, und daß die Welt als Menschengeschlecht Bestand hat, rührt von dem Zusammenwirken von Männern und Frauen her. Also hier haben Sie schon das Urbild des sozialen Zusammenwirkens. Dasjenige, was die Hauptesorganisation ist, das ist nicht irgendwie angewiesen darauf, mit anderem in der Weise zusammenzuwirken, daß die Betätigungen aneinandergefügt werden, sondern da geben wir dasjenige, was das Haupt produziert, an die anderen Menschen ab, überschütten gleichsam die anderen Menschen. Dieses Ausgestalten von Assoziationen, dieses Zusammenleben mit anderen Menschen in Assoziationen, das ist nur, ich möchte sagen, eine weitere Ausgestaltung des Zusammenlebens, in das der Mensch eintritt durch seine übrige Organisation, abgesehen vom Haupte. Da tritt etwas ganz anderes in der Welt auf, als auftritt durch unsere Hauptesorganisation. Da kommt das in Betracht, wovon wir sagen müssen: Wir bekommen es im eminenten Sinne erst, indem wir uns hier in diese physische Welt eingliedern. — Zunächst wird dieser andere Teil der menschlichen Organisation eigentlich nur so geboren, daß er in seiner astralen Art vorhanden ist: Begehren ohne Weisheit. Während das Haupt nicht Begierde entwickelt, erst heranerzogen werden muß, die Welt erkennend zu begehren, entwickelt der Mensch durch seinen übrigen Organismus die Begierde, die aber nicht von Weisheit durchzogen ist, die ihre Weisheit sich erst im Zusammenleben mit dem Haupte suchen muß.

[ 20 ] We can say that human beings bring two entirely different aspects of their being to bear on the world. They bring their head to bear on spiritual life, and the rest of their organism to bear on economic life. The rest of the organism, however, already reveals its dependence on the external world through its purely natural nature. Just consider this: with regard to the rest of the organism, the human race is divided into men and women, and the fact that the world as the human race endures stems from the interaction between men and women. So here you already have the archetype of social interaction. The head—as the primary organization—is not in any way dependent on interacting with others in such a way that activities are joined together; rather, we pass on what the head produces to other people, showering them with it, as it were. This formation of associations, this living together with other people in associations, is, I would say, merely a further manifestation of the communal life into which the human being enters through the rest of their organization, apart from the head. Here something entirely different emerges in the world than what arises through our head organization. Here comes into play what we must say: We only truly acquire it in the highest sense by integrating ourselves into this physical world. — At first, this other part of the human organism is actually born in such a way that it exists in its astral form: desire without wisdom. While the head does not develop desire—it must first be educated to desire the world through knowledge—the human being develops desire through the rest of their organism; however, this desire is not imbued with wisdom and must first seek its wisdom through coexistence with the head.

[ 21 ] Auf der einen Seite haben Sie die geistige Welt mit ganz anderen Eigenschaften als die Welt, die wir auf der anderen Seite haben, die Welt des wirtschaftlichen Lebens: Die Welt der Geistigkeit habe ich Ihnen charakterisiert, indem ich Ihnen gezeigt habe, wie sie hereingetragen wird aus unserem vorgeburtlichen Leben; die Welt des wirtschaftlichen Lebens wird ausgebildet, kann aber von den einzelnen Menschen nicht vollkommen ausgebildet werden, sondern nur im Zusammenleben mit anderen Menschen, in Assoziation, die eigentlich hauptsächlich sich auf die Begierde erstreckt, bei der die Weisheit gar nicht in einem Menschen das Begehrte umfaßt. Diese völlig andere Welt, wir wollen sie im dreigliedrigen Organismus eben wirklich in der richtigen Weise mit der anderen Welt in Beziehung bringen. Aber wir können hinschauen auf diese beiden Welten, und etwas wird sich uns klarmachen, was wir heute im Beginn unserer Betrachtungen angeführt haben. Zu der Begierde spricht dasjenige, was im wirtschaftlichen Leben, im äußeren Leben überhaupt vorhanden ist. An das wenden sich aber auch die traditionellen Bekenntnisse; sie wenden sich an die Begierde. Sie wenden sich also an dasjenige, was dem Egoismus der Menschen unterliegt. Sie stacheln den Egoismus auf, um die Menschen empfänglich zu machen für die Unsterblichkeitsidee. Unsere Geisteswissenschaft will etwas anderes. Sie will nicht den Egoismus der Menschen aufstacheln, um zur Unsterblichkeitsidee zu kommen, sondern sie will dasjenige, was der Mensch durch die Geburt hereinträgt aus seinem Ungeburtlichen, das will sie im Menschen ausbilden. Sie will zu dem sprechen, was im Menschen von der Begierde absteht, was nicht dem menschlichen Egoismus unterliegt. Sie will zu der menschlichen Erkenntnis sprechen, nicht zu dem menschlichen Begehren, von der unsterblichen oder ungeborenen Menschenseele. Sie will also zu dem Reinsten im Menschen sprechen, zu der lichtvollen Erkenntnis, und möchte, daß die Menschen auf diesem Wege durch die lichtvolle Erkenntnis sich aufschwingen zum Ergreifen des Ewigen in der Menschennatur. Dadurch wird aber in das Leben überhaupt ein neues Element hereingebracht. Dadurch erscheint uns dieses Erdenleben als eine Fortsetzung des vorgeburtlichen Lebens. Dann aber wird das Erdenleben von einem Elemente der Verantwortlichkeit durchzogen, das es sonst nicht hat. Man wird dann aufmerksam darauf, daß man aus höheren Welten in dieses Erdenleben hereingeschickt wird, und daß man in diesem Erdenleben eine Mission zu erfüllen hat.

[ 21 ] On the one hand, you have the spiritual world, with characteristics entirely different from those of the world we have on the other hand—the world of economic life: I have characterized the spiritual world for you by showing how it is brought in from our prenatal life; the world of economic life is formed, but it cannot be fully formed by individual human beings; rather, it is formed only through living together with others, in association, which actually extends primarily to desire, in which wisdom does not at all encompass what is desired within a single human being. We want to relate this completely different world to the other world in the right way within the threefold social order. But we can look at these two worlds, and something will become clear to us—something we mentioned at the beginning of our reflections today. Desire is addressed by whatever exists in economic life and in external life in general. But traditional creeds also address this; they address desire. They thus address that which is subject to human selfishness. They stir up selfishness in order to make people receptive to the idea of immortality. Our spiritual science aims for something else. It does not seek to stir up human selfishness in order to arrive at the idea of immortality; rather, it seeks to develop within the human being that which the person brings with them at birth from their pre-birth existence. It seeks to speak to that which in the human being stands apart from desire, that which is not subject to human selfishness. It seeks to speak to human knowledge—not to human desire—regarding the immortal or pre-birth human soul. It thus seeks to speak to the purest aspect of the human being, to luminous knowledge, and wishes for people to rise, through this path of luminous knowledge, to grasp the eternal within human nature. Through this, however, a new element is introduced into life as a whole. As a result, this earthly life appears to us as a continuation of prenatal life. But then earthly life becomes permeated by an element of responsibility that it otherwise lacks. One then becomes aware that one has been sent into this earthly life from higher worlds, and that one has a mission to fulfill in this earthly life.

[ 22 ] Man kann es auch anders aussprechen: daß auf dieses unser menschliches Erdenleben andere Wesen rechnen, und diese Wesen sprechen wir eigentlich an als unsere Götter, als die über uns stehenden geistigen Wesen. Sie leben mit uns zusammen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Da sind wir gewissermaßen mit ihnen in lebendigem Verkehre, Dann tritt für jeden Menschen der Augenblick ein, wo gewissermaßen diese geistigen Wesen, diese göttlichen Weltenwesen sich sagen: Hier in dieser Welt des Geistes können wir es mit dem Menschen nur bis zu einem gewissen Grade der Vollkommenheit bringen; wir können ihn jetzt nicht mehr herinnen lassen in unserer Welt. Wir würden dasjenige durch den Menschen nicht erreichen, was durch den Menschen erreicht werden soll, wenn wir den Menschen in dieser Welt herinnen ließen. Wir müssen ihn hinausschicken. Da wird er uns, den Göttern, auch das erobern, was er uns hier herinnen nicht erobern kann, was wir Götter uns nicht erobern können, wenn wir die Menschen nicht hinausschicken in die andere Welt herein. — Also von den Göttern sind wir hier herausgeschickt, damit wir innerhalb des Erdenleibes dasjenige ausbilden, was in der geistigen Welt nicht ausgebildet werden könnte.

[ 22 ] One can also put it this way: other beings are watching over our human life on earth, and we actually refer to these beings as our gods, as the spiritual beings who stand above us. They live together with us between death and a new birth. In a sense, we are in living communion with them. Then the moment comes for every human being when, so to speak, these spiritual beings, these divine beings of the worlds, say to one another: Here in this world of the spirit, we can only bring the human being up to a certain degree of perfection; we can no longer allow him to enter our world. We would not achieve through human beings what is meant to be achieved through them if we were to allow them into this world. We must send them out. There, they will also attain for us, the gods, what they cannot attain here within—what we gods cannot attain ourselves—if we do not send human beings out into the other world. — So we have been sent out from the gods so that we may develop within the earthly body that which could not be developed in the spiritual world.

[ 23 ] So erscheint die Unsterblichkeit nach dem Tode, die gewiß nur allzu berechtigt ist — wir wissen das und wir schildern sie ja auch —, sie erscheint wie etwas, was der Mensch genießen will. Wenigstens den Gedanken davon möchte er sein Leben hindurch genießen. Die Ungeburtlichkeit hängt zusammen mit einer gewissen Lebensverantwortlichkeit und Lebensverpflichtung, mit einer Mission dahingehend, daß wir dieses Leben versuchen sollen so aufzufassen, daß wir den Göttern wirklich beim Tode zurückbringen dasjenige, was sie von uns erwarten. Unser Leben bekommt durch Geisteswissenschaft dadurch einen Inhalt. Eine Bedeutung erhält unser Leben mit für die geistige Welt. Wir leben nicht umsonst auf dieser Erde. Wir erleben nicht nur für uns, sondern auch für die Götter dasjenige auf der Erde, was erlebt werden muß, damit es auch die Götter haben. Das Leben bekommt eben dadurch einen Sinn, und ohne einen solchen Sinn kann ja nicht gelebt werden.

[ 23 ] Thus, immortality after death—which is certainly all too justified, as we know and indeed describe—appears to be something that human beings wish to enjoy. At the very least, they wish to savor the thought of it throughout their lives. Immortality is connected to a certain responsibility and obligation toward life, to a mission whereby we should strive to understand this life in such a way that, upon death, we truly return to the gods what they expect of us. Through spiritual science, our life thereby gains substance. Our life acquires significance for the spiritual world. We do not live on this earth in vain. We experience on earth—not only for ourselves but also for the gods—what must be experienced so that the gods may also have it. Life gains meaning precisely through this, and without such meaning, one cannot live.

[ 24 ] Man kann gewiß sagen, wenn man sich die wissenschaftliche Fragestellung der Gegenwart angewöhnt hat, es sei gar nicht nötig, nach dem Sinn des Lebens zu fragen. Man lebt halt und fragt nicht nach dem Sinn des Lebens. Aber gewiß, man brauchte nicht nach dem Sinn des Lebens zu fragen, wenn man die Sache so einfach legt, daß man eben nur aus Willkür nach dem Sinn des Lebens fragt. Man fragt nach dem Sinn des Lebens gar nicht aus Willkür, sondern wenn man merkt, oder merken müßte, daß man einen Sinn des Lebens nicht finden kann, dann wird das Leben sinnlos. Nicht nach dem Sinn des Lebens fragen heißt zugleich, den Unsinn des Lebens konstatieren. Das ist das Wichtige. Das ist ein Unterschied, ob man bloß aus der menschlichen Willkür heraus nach dem Sinn des Lebens fragt, oder ob man sich klar ist darüber, daß nicht nach dem Sinn des Lebens fragen hieße, das Leben als Unsinn konstatieren. Das aber heißt, den Geist als solchen leugnen, und wer nicht nach dem Sinn des Lebens fragt, der leugnet den Geist. Nur von diesem Gesichtspunkte aus fällt dann auch auf den wirklichen Sinn des Lebens ein entsprechendes Licht, und wir können uns dann sagen: Dieses Leben hat einen Sinn, weil das Übersinnliche dieses sinnliche Leben zu seiner Ergänzung braucht. Daraus aber werden Sie sehen, wie unendlich falsch die Welt gegenwärtig denkt, da sie aus der Erziehung der zivilisierten Menschheit heraus, die in den letzten drei bis vier Jahrhunderten stattgefunden hat, ein soziales Dasein begründen will, in dem die Menschen zwischen Geburt und Tod eigentlich alle restlos glücklich sein möchten, restlos alles erleben möchten, was nur erlebt werden kann.

[ 24 ] Once one has become accustomed to the scientific approach to contemporary issues, one can certainly say that it is not at all necessary to ask about the meaning of life. One simply lives and does not ask about the meaning of life. But certainly, one would not need to ask about the meaning of life if one were to take the matter so simply that one asks about the meaning of life merely out of caprice. One does not ask about the meaning of life out of caprice at all; rather, when one realizes—or ought to realize—that one cannot find a meaning to life, then life becomes meaningless. Not asking about the meaning of life means, at the same time, acknowledging the meaninglessness of life. That is the important point. There is a difference between asking about the meaning of life merely out of human caprice and realizing that not asking about the meaning of life would mean acknowledging life as meaningless. But that means denying the spirit as such, and whoever does not ask about the meaning of life denies the spirit. Only from this perspective does the true meaning of life come into proper light, and we can then say to ourselves: This life has a meaning because the supersensible realm needs this sensible life to complete itself. From this, however, you will see how infinitely mistaken the world’s current thinking is, since—based on the education of civilized humanity that has taken place over the last three to four centuries—it seeks to establish a social existence in which people, between birth and death, would actually like to be completely happy and experience absolutely everything that can be experienced.

[ 25 ] Woher rührt denn das, daß man überhaupt die Frage nach dem Sinn des Lebens so stellt? Es rührt lediglich davon her, daß man den Sinn des sinnlichen Lebens im Übersinnlichen nicht mehr erfaßt, daß eben die letzten drei bis vier Jahrhunderte einen solchen Materialismus heraufgebracht haben, daß man den Sinn nur zwischen Geburt und Tod sucht, oder keinen Sinn des Lebens da findet, sondern ihn eigentlich nur aus der Begierde heraus entwickeln möchte. Das führt zur Aufstellung solcher sozialistischer Ideale, wie sie im Leninismus und im Trotzkismus zutage treten. Sie sind nur das Ergebnis der materialistischen Empfindungsweise und können auch nicht anders aus der Welt geschafft werden als dadurch, daß man zu einer geistigen Empfindungsweise zurückkehrt.

[ 25 ] Where does this tendency to even ask the question about the meaning of life come from? It stems solely from the fact that people no longer perceive the meaning of sensory life in the supersensible; that the last three to four centuries have given rise to such materialism that people seek meaning only between birth and death—or find no meaning in life there at all—but actually wish to develop it solely out of desire. This leads to the formulation of such socialist ideals as those evident in Leninism and Trotskyism. They are merely the result of the materialistic mindset and cannot be eliminated except by returning to a spiritual mindset.

[ 26 ] Immer wieder und wiederum muß auf die eigentümliche Tatsache hingewiesen werden — es kann gar nicht scharf genug darauf hingewiesen werden —, die sich dadurch ausspricht, daß man die Frage beantwortet: Was ist denn die eigentliche Staatsphilosophie der gegenwärtigen russischen Sowjetregierung, des Bolschewismus? — Man muß, wenn man diese Frage beantworten will, nicht nach Rußland gehen, denn die Staatsphilosophie des Bolschewismus ist eine Philosophie, die wahrhaftig begründet worden ist von einem recht braven Bourgeois, von Avenarius, und von den Schülern des Mach, dem Schüler von Avenarius, der ja nicht in der Schweiz gelebt hat, aber viele der Schüler Machs haben in der Schweiz gelebt. Der eine ist... der hauptsächlichste ist Friedrich Adler, der den österreichischen Grafen Stürgkh erschossen hat; er hat in Zürich doziert. Damals waren sie — Adler nicht mehr, aber Mach und Avenarius —, ganz gewiß brave Bourgeois, die im äußeren Leben nicht angestoßen waren. Aber sie haben aus dem Materialismus heraus eine Philosophie entwickelt, eine ganz. konsequente, scharf ausgebildete. Diese Philosophie leuchtet gerade solchen Leuten ein, die auf praktischem, politischem Gebiete so im Leninschen, im Trotzkischen Sinne denken. Es ist nicht bloß deshalb, weil viele Bolschewisten in der Schweiz studiert haben, daß die Avenariussche Philosophie, wie sie in den siebziger Jahren hier in der Schweiz, in Zürich gepflegt worden ist, jetzt Staatsphilosophie des Bolschewismus ist, sondern es ist so, daß für den, der die Dinge nicht nur nach ihrer abstrakten Logik sieht, sondern nach ihrem Wirklichkeitszusammenhang, daß für den aus dem Dozieren, das nach Art des Avenarius erfolgt, nach ein paar Jahrzehnten, wenn die zweitnächste Generation kommt, der Bolschewismus daraus wird. Aus den materialistischen Lehren auf den Kathedern entsteht in der zweitnächsten Generation der Bolschewismus. Das ist der tatsächliche Zusammenhang. Und derjenige, der den Materialismus weiterpflegen will in der Erkenntnis, der muß sich schon aus der Geisteswissenschaft heraus bewußt sein, daß er — nach zwei Generationen wird es ja viel schlimmer sein — etwas viel Schlimmeres heraufbeschwört als das, was jetzt da ist, denn in Rußland sind es [1920] etwa sechshunderttausend Menschen — mehr Leninisten sind nicht da —, welche die Millionen beherrschen. Die anderen müssen ihnen gegenwärtig viel stärker parieren, als jemals die Katholiken ihren Bischöfen pariert haben.

[ 26 ] Time and again, we must point out this peculiar fact—and it cannot be emphasized strongly enough—which becomes evident when we answer the question: What, then, is the actual political philosophy of the current Russian Soviet government, of Bolshevism? — If one wishes to answer this question, one need not go to Russia, for the political philosophy of Bolshevism is a philosophy that was in fact founded by a quite respectable bourgeois, Avenarius, and by the students of Mach—the student of Avenarius—who, though he did not live in Switzerland, had many students who did live there. One of them is… the most prominent is Friedrich Adler, who shot the Austrian Count Stürgkh; he lectured in Zurich. At that time, they—not Adler anymore, but Mach and Avenarius—were certainly respectable bourgeois who had not caused any trouble in their public lives. But they developed a philosophy out of materialism, one that was entirely consistent and sharply defined. This philosophy appeals precisely to those who, in the practical, political sphere, think in the Leninist and Trotskyist sense. It is not merely because many Bolsheviks studied in Switzerland that Avenarius’s philosophy, as it was cultivated here in Switzerland—in Zurich—in the 1870s, is now the state philosophy of Bolshevism; rather, it is the case that for those who view things not only according to their abstract logic but also in their real-world context, the lectures delivered in the manner of Avenarius will, after a few decades—when the generation after the next arrives—give rise to Bolshevism. Bolshevism arises in the generation after the next from the materialist teachings delivered from the university lecterns. That is the actual connection. And anyone who wishes to continue fostering materialism in scholarship must be aware, based on spiritual science, that—after two generations, when things will be much worse—he is conjuring up something far worse than what exists now, for in Russia there are [1920] about six hundred thousand people—there are no more Leninists than that—who rule over millions. The others must currently resist them far more strongly than the Catholics ever resisted their bishops.

[ 27 ] Diese Dinge entwickeln sich alle mit einer inneren Notwendigkeit, und der Materialismus, wie er gepflegt worden ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hängt innig zusammen mit dem, was jetzt als soziales Chaos auftritt. Die Heilung liegt nur in der Richtung, daß man im Denken, im Empfinden, in den Willensimpulsen zurückkehrt zu einem Erfassen des Geistes, zu einem Sich-Durchdringen in der Empfindung mit dem Geiste, zu einem Wirkenlassen von Impulsen, die aus dem Geiste kommen, im Willen. Der Appell an das geistige Leben spricht sich in solchen Betrachtungen aus, und das ist die Kultursorge. Dieser Appell ist ein nur allzu berechtigter, denn auf der anderen Seite steht die Zurückweisung gerade des geistigen Lebens in den weitesten Kreisen.

[ 27 ] All these things develop out of an inner necessity, and materialism, as it was practiced in the second half of the 19th century, is intimately connected with what is now manifesting as social chaos. The remedy lies solely in returning, in thought, feeling, and the impulses of the will, to a grasp of the spirit, to a permeation of feeling with the spirit, and to allowing impulses that come from the spirit to take effect in the will. The call to spiritual life is expressed in such reflections, and this is the concern for culture. This call is all too justified, for on the other hand, there is a rejection of spiritual life itself in the widest circles.

[ 28 ] Wenn wir oftmals die Entwickelung dieser unserer gegenwärtigen Kultur miteinander betrachtet haben, so mußten wir sagen: Der Materialismus geht in der Mitte des 15. Jahrhunderts allmählich auf, nimmt die Geister gefangen und erreicht in der Gegenwart seine Kulmination. Vorher waren andere Seelenempfindungen der Kultur zugrunde liegend, jener Kulturperiode, welche begann im 8. Jahrhundert vor der Entstehung des Christentums und etwa in der Mitte des 15. Jahrhunderts geendet hat und die wir die griechisch-lateinische Kulturperiode nennen. Dann gehen wir weiter zurück in die ägyptisch-chaldäische, in die urpersische, urindische Zeit, bis wir zur atlantischen Katastrophe kommen. Wenn wir uns diese Kulturströmungen vergegenwärtigen, können wir sagen, wir haben also eine urindische Kultur, eine urpersische, eine ägyptisch-chaldäische, eine griechisch-lateinische, dann die unsrige, die in der Mitte des 15. Jahrhunderts beginnt. Es ist nicht so, daß wir mit einem solchen schematischen Gleichsetzen der einzelnen aufeinanderfolgenden Kulturen auskommen, sondern wenn wir zurückblicken in die älteren Kulturen — es sind eigentlich nur von der dritten nachatlantischen Kultur an schriftliche Dokumente vorhanden, auf die früheren können wir nur mit Hilfe der Akasha-Chronik zurückblicken —, so bekommen wir allmählich gerade dadurch, daß wir uns selber wiederum die geistige Welt erobern, die große Ehrfurcht vor den Urkulturen. Wenn heute die äußeren Gelehrten in der Archäologie, in der Anthropologie und so weiter die Urkunden über ältere Kulturen sammeln, so ist mit dem, was dadurch aufgebracht wird, wenig Verständnis verknüpft. Diese Urkunden werden in äußerlicher Weise behandelt. Wenn man aber nach und nach sich selber durch die geisteswissenschaftlichen Methoden in die geistige Welt hineinarbeitet, kann man neuerdings wiederum etwas erkennen lernen von den Geheimnissen der geistigen Welt, und dann zurückblicken auf die früheren Kulturen. Dann erscheinen sie einem in anderem Lichte; dann sagt man sich: Zwar haben diese älteren Völker eine atavistische Art des Sehens gehabt, eine instinktivere Art des Sehens. Wir müssen uns durchringen, damit wir überhaupt an die geistige Welt herankommen, zu einem Bewußtsein von der geistigen Welt. Die alten Völker hatten nicht ein so deutliches Bewußtsein davon, aber ein mythisierendes SichHinaufleben. Aber dann, wenn man sieht, was der Niederschlag ist von diesem atavistischen, von diesem instinktiven Eindringen in die geistige Welt, der Niederschlag in den Veden, in der Vedantaphilosophie, in den persischen, selbst in den chinesischen Urkunden, dann bekommt man die große Ehrfurcht, auch wenn man noch nicht auf die Mysterienkultur eingeht, die große Ehrfurcht vor dem, was der Menschheit einmal als Urweisheit gegeben worden ist und was eigentlich immer mehr und mehr abgenommen hat. Je weiter wir zurückgehen, desto mehr erweisen sich die Menschheitskulturen durchtränkt von Geistigem, wenn es auch eine erahnte Geistigkeit war, eine instinktive Geistigkeit. Dann glimmt die Geistigkeit ab, versiegt nach und nach, und am meisten versiegt ist sie in unserem fünften nachatlantischen Zeitalter, das mit der Mitte des 15. Jahrhunderts begonnen hat.

[ 28 ] As we have often reflected together on the development of our present-day culture, we have had to conclude: Materialism gradually emerged in the mid-15th century, took hold of people’s minds, and has now reached its culmination. Previously, other spiritual sensibilities had formed the foundation of that cultural period, which began in the 8th century before the emergence of Christianity and ended around the middle of the 15th century—a period we call the Greco-Latin cultural era. Then we go further back into the Egyptian-Chaldean, the Proto-Persian, and the Proto-Indian periods, until we reach the Atlantean catastrophe. When we consider these cultural currents, we can say that we have, in turn, a Proto-Indian culture, a Proto-Persian culture, an Egyptian-Chaldean culture, a Greco-Latin culture, and then our own, which began in the mid-15th century. It is not the case that we can make do with such a schematic equating of the individual successive cultures; rather, when we look back at the older cultures—written documents actually exist only from the third post-Atlantean culture onward; we can look back at the earlier ones only with the help of the Akashic Records— we gradually develop—precisely by reconquering the spiritual world for ourselves—a profound reverence for the primordial cultures. When today’s external scholars in archaeology, anthropology, and so on collect records of earlier cultures, there is little understanding attached to what is thereby uncovered. These records are treated in a superficial manner. But if one gradually works one’s way into the spiritual world through the methods of spiritual science, one can once again begin to recognize something of the mysteries of the spiritual world, and then look back upon the earlier cultures. Then they appear to us in a different light; then we say to ourselves: True, these ancient peoples had an atavistic way of seeing, a more instinctive way of seeing. We must summon the resolve to even begin to approach the spiritual world, to develop an awareness of the spiritual world. The ancient peoples did not have such a clear awareness of it, but rather a mythologizing, aspirational way of living. But then, when one sees what the manifestation is of this atavistic, this instinctive penetration into the spiritual world, the legacy in the Vedas, in Vedanta philosophy, in the Persian, and even in the Chinese texts, then one feels a profound sense of awe—even without delving into the culture of the mysteries—a profound sense of awe for what was once given to humanity as primordial wisdom and what has, in fact, been steadily diminishing. The further back we go, the more the cultures of humanity prove to be imbued with the spiritual, even if it was only an intuited spirituality, an instinctive spirituality. Then this spirituality begins to fade, gradually drying up, and it has dried up most of all in our fifth post-Atlantean epoch, which began in the middle of the 15th century.

[ 29 ] Nun denken Sie sich jemand, der nichts weiß von dieser Geisteswissenschaft, der auch im Ernste nichts wissen will von dieser Geisteswissenschaft, der tritt an die gegenwärtige Kultur des Abendlandes heran, schaut sie an, aber er schaut sie unbefangen an, ohne rhetorische Floskeln und phrasenhafte Deklamationen. Er schaut sie als ein Kenner an, aber er sieht nicht, daß dasjenige, was einmal da war, die Urweisheit der göttlich-geistigen Wesen war, die nach und nach versiegt ist, sondern er sieht nur dasjenige, was da jetzt ist. Er sieht sie an, so wie man gewohnt worden ist, die Dinge anzusehen; er sieht sie an in gewissem Sinne mit dem Blicke des Naturwissenschafters, sieht also auch die Kultur an mit dem Blicke des Naturwissenschafters. Da haben Sie diese abendländische Zivilisation, aber etwas, was aufgegangen ist so, wie die früheren Zivilisationen, und weggeht wie die früheren Zivilisationen. Die Analogie fällt ihm auf mit dem Geborenwerden des äußeren physischen Menschen, mit dem Reifwerden des äußeren physischen Menschen, mit dem Absterben des äußeren physischen Menschen. Das wird der sagen, während wir sagen: Da war nicht nur früher einmal vorhanden diese Urkultur, sondern da war vorhanden eine Urweisheit, nur kam sie immer tiefer herunter, und jetzt in der letzten Kulturperiode ist sie mehr oder weniger versiegt. Aber wenn wir weiterkommen wollen, so müssen wir an das Innere der Menschen appellieren. Dann muß hervorgeholt werden ein neuer Impuls der Geistigkeit, damit wieder angefacht werden kann dasjenige, was in unserer Kultur verschwunden ist: die geistige Weisheit des Menschen. Da muß ein neuer Impuls kommen, ein neuer Aufstieg. Aber der kann nur kommen, indem wir in unser eigenes Innere hinuntersteigen, indem wir den Geist wiederum da herholen. — Wer von alledem nichts weiß, wie betrachtet der die abendländische Kultur? Wer sich nicht diesen geisteswissenschaftlichen Blick angeeignet hat, sondern nur den naturwissenschaftlichen Blick, der wird glauben: Nun ja, wie ein organisches Wesen geboren wird, reift, alt wird, wieder vergeht, so vergehen, entstehen Kulturen nacheinander. — Er wird unsere abendländische Kultur sehen, wird sie vergleichen mit den anderen und wird ausrechnen können, wie lange sie noch dauert bis zu ihrem vollständigen Tode. Weil er aber nicht sieht, daß in dem Menschen selber wieder etwas entstehen müsse, was versiegt ist, so hat er keine Hoffnung. Er sieht keine Aufgangselemente in der Kultur; er redet nur vom Sterben.

[ 29 ] Now imagine someone who knows nothing about this spiritual science, who, in all seriousness, does not want to know anything about it either; this person approaches contemporary Western culture, looks at it, but views it with an open mind, without rhetorical clichés or flowery declamations. He looks at it as a connoisseur, but he does not see that what once existed—the primordial wisdom of the divine-spiritual beings—has gradually dried up; rather, he sees only what is there now. He looks at it in the way we have become accustomed to looking at things; in a certain sense, he looks at it with the eye of a natural scientist, and thus also views culture through the lens of a natural scientist. There you have this Western civilization—but it is something that has arisen just as earlier civilizations did, and is passing away just as earlier civilizations did. He notices the analogy with the birth of the outer physical human being, with the maturation of the outer physical human being, and with the death of the outer physical human being. That is what he will say, whereas we say: Not only did this primordial culture once exist in the past, but there was also a primordial wisdom; it simply descended deeper and deeper, and now, in the last cultural period, it has more or less dried up. But if we want to make progress, we must appeal to the inner being of human beings. Then a new impulse of spirituality must be brought forth so that what has disappeared from our culture—the spiritual wisdom of humankind—can be rekindled. A new impulse must come, a new ascent. But this can only come about by descending into our own inner being, by bringing the spirit back from there. — How does someone who knows nothing of all this view Western culture? Anyone who has not adopted this spiritual-scientific perspective, but only the natural-scientific one, will believe: Well, just as an organic being is born, matures, grows old, and then passes away, so too do cultures arise and pass away one after another. — They will look at our Western culture, compare it with others, and be able to calculate how long it will last until its complete demise. But because they do not see that something that has dried up must arise anew within human beings themselves, they have no hope. They see no elements of renewal in culture; they speak only of its demise.

[ 30 ] Ein solcher Mensch ist heute nicht mehr Hypothese, denn er ist bereits in allerbedeutsamster Weise da in Oswald Spengler, der ein Buch geschrieben hat über den «Untergang des Abendlandes», der abendländischen Zivilisation. Da haben Sie einen Menschen, der, man kann sagen, zwölf bis fünfzehn gegenwärtige Wissenschaften vollständig beherrscht, der mit dem Blick des Naturforschers die gegenwärtige Zivilisation anschaut, und der nichts weiß von dem, daß einstmals eine Urweisheit da war und versiegt ist, daß jetzt aus dem Inneren des Menschen heraus der Quell des Aufstieges gesucht werden muß, der daher nur den Niedergang sieht und für das 3. Jahrtausend mit einer großen Genialität voraussagt. Das Buch ist mit einer großen Genialität geschrieben. Man kann sagen, zu dem, was wir erleben, daß wir überall den Niedergang sehen, ist nun auch noch der Gelehrte aufgetreten, der beweist, daß dieser Niedergang kommen muß, daß diese abendländische Kultur trostlos sterben muß. Den bitteren Eindruck von dem habe ich mitgebracht, als ich wieder herüberkam aus Deutschland, denn dort hat unter der Jugend dieses Buch Oswald Spenglers den allerbedeutsamsten Eindruck gemacht. Und diejenigen, die noch denken, die denken unter dem Eindruck des Beweises, der jetzt auch vorhanden ist, daß die Barbarei sich ausbreiten muß und da sein muß bis zum Beginn des dritten Jahrtausends innerhalb des Abendlandes und seines amerikanischen Anhanges; denn das ist bewiesen, mit denselben Mitteln streng bewiesen, mit denen die naturwissenschaftlichen Tatsachen streng bewiesen sind, von einem Menschen, der zwölf bis fünfzehn gegenwärtige Wissenschaften beherrscht.

[ 30 ] Such a person is no longer a mere hypothesis today, for he is already present in the most significant way in Oswald Spengler, who wrote a book about the “Decline of the West,” that is, Western civilization. Here you have a person who, one might say, has a complete command of twelve to fifteen contemporary sciences, who views present-day civilization through the eyes of a natural scientist, and who knows nothing of the fact that there once was a primordial wisdom that has dried up, that the source of ascent must now be sought from within the human being—and who therefore sees only decline and predicts it for the third millennium with great genius. The book is written with great genius. One might say that, in addition to what we are experiencing—that we see decline everywhere—a scholar has now emerged who proves that this decline is inevitable, that this Western culture must die a desolate death. I brought back this bitter impression with me when I returned from Germany, for there, among the youth, this book by Oswald Spengler has made the most profound impression. And those who still think—they think under the influence of the proof, which is now also available, that barbarism must spread and must exist until the beginning of the third millennium within the West and its American offshoot; for this has been proven—rigorously proven by the same methods used to rigorously prove scientific facts—by a man who has mastered twelve to fifteen contemporary sciences.

[ 31 ] Das weist schon hin auf den Ernst des Lebens, in dem wir gegenwärtig darinnenstehen, das weist aber auch darauf hin, daß man geradeso wie Spengler durchdrungen ist von dem Ernst des Lebens und nichts weiß und wissen will von dem, was einzig und allein die Rettung sein kann: Geisteswissenschaft, Geistesschau, daß man von gar nichts anderem reden kann, wenn man ehrlich und aufrichtig redet, als gerade von dem Niedergang unserer Zivilisation. Jedes Pochen auf irgendwelche unbestimmte Hoffnung — «es wird schon kommen» —, das macht es heute nicht aus; allein das Bauen auf den menschlichen Willen, das Appellieren an den menschlichen Willen, die Impulse der Geisteswissenschaft aufzunehmen. Die abendländische Kultur und die Entwickelung der Menschheit wird ein frühzeitiges Ende finden, wenn die Menschen sich nicht entschließen, sie zu retten. Es kommt heute auf die Menschen an, und der Beweis gilt, daß dasjenige, was von alters gekommen ist, wenn man sich darauf verlassen will, nur in den Niedergang hineinführt, daß ein Neues gefunden werden muß aus den Tiefen der Menschennatur heraus, wenn die Erde an ihr Ziel kommen soll. Alles bloße Glauben, daß schon Mächte da sein werden, die die Zivilisation weiterführen werden, das gilt heute nicht. Allein das gilt, was die Menschen tun, indem sie die niedergehende Zivilisation aus sich heraus retten. Das muß immer wieder gesagt werden.

[ 31 ] This already points to the gravity of the situation in which we currently find ourselves, but it also indicates that, just like Spengler, one is imbued with the gravity of life and knows nothing—nor wants to know anything—about the one and only thing that can be our salvation: spiritual science, spiritual insight—that if one speaks honestly and sincerely, one can speak of nothing else but the decline of our civilization. Any clinging to some vague hope—“it will all work out”—does not matter today; what matters is building on the human will, appealing to the human will to take up the impulses of spiritual science. Western culture and the development of humanity will come to a premature end if people do not resolve to save them. It depends on people today, and the evidence shows that what has come down from antiquity—if one chooses to rely on it—leads only into decline; something new must be found from the depths of human nature if the Earth is to reach its destination. Merely believing that powers will already be there to carry civilization forward no longer holds true today. The only thing that matters is what people do to save the declining civilization from within themselves. This must be said again and again.

[ 32 ] So ernst liegen heute die Dinge. Ich muß sagen, wenn man die Dinge heute ernst nimmt, dann muß man auf sie wohl hinschauen. Ich hatte in Stuttgart vor der Studentenschaft der Technischen Hochschule dortselbst einen Vortrag über unsere Geisteswissenschaft zu halten, und ich weiß, mit welchen Gefühlen ich zu diesem Vortrag ging, durchaus durchdrungen von alledem, was einem als Empfindung sich auf die Seele legen kann aus der Wirkung des Spenglerschen Buches auf die heutige Jugend heraus. Aber das ist ja alles eben hinweisend auf eine Tatsache: die Initiationsweisheit, sie muß ihren Einzug halten in die äußere geistige Kultur. Ohne das kommen wir nicht vorwärts. Auf der anderen Seite liegen die Schwierigkeiten, die dem entgegenstehen. Man ist ja heute, indem man von den Dingen redet, die notwendig sind, nicht immer in der Lage, leicht die Worte zu finden. Ich sage wohl auch mit diesem Satze etwas Paradoxes. Wann hätte man leichter Worte gefunden als heute! Sie brauchen nur die landläufige feuilletonistische Literatur durchzusehen, dasjenige, was die meisten Menschen aus der Zeitung heute anführen. Wo man für das schriftstellerisch sorgt, da findet man wahrhaftig leicht die Worte, da hat man es nicht schwer, die Worte zu finden. Lassen Sie mich ein Beispiel anführen, wahrhaftig nicht aus irgendeiner Albernheit heraus, sondern um eben die Gegenwart zu charakterisieren.

[ 32 ] That is how serious things are today. I must say, if one takes things seriously today, then one must look at them closely. I was to give a lecture on our spiritual science to the student body at the Technical University in Stuttgart, and I know with what feelings I went into that lecture—thoroughly imbued with everything that can weigh on one’s soul as a result of the impact Spengler’s book has on today’s youth. But all of this points to one fact: the wisdom of initiation must find its way into outer spiritual culture. Without that, we cannot move forward. On the other hand, there are the difficulties that stand in the way. Today, when speaking of the things that are necessary, one is not always able to find the right words easily. I suppose I am also saying something paradoxical with this statement. When would it have been easier to find the right words than today! You need only look through the popular feature-page literature—the very things most people quote from the newspaper today. Where the writing is done professionally, it is truly easy to find the right words; there, one has no trouble finding them. Let me give an example—truly not out of any sense of frivolity, but precisely to characterize the present.

[ 33 ] Ich versuchte neulich in Stuttgart in einem öffentlichen Vortrage vor einer größeren Zuhörerschaft zu charakterisieren, wie die Zusammenhänge sind, die in den Leninismus, in den Trotzkismus hineinführen, und ich suchte, rang nach Worten, die ausdrücken, was da herrschte in den Gemütern, als der Übergang gesucht wurde zwischen dem alten bourgeoisen Leben und dem Leninismus, dem Trotzkismus. Ich versuchte, auf diese Instinkte hinzuweisen, auf die ich Sie heute in einer mehr geisteswissenschaftlichen Art hingewiesen habe. Und wahrhaftig, aus einem Ringen nach einem Ausdruck ergab sich mir eben der Ausdruck: Leninismus, Trotzkismus fließt aus «perversen» Instinkten heraus. Ich konnte einen anderen Ausdruck nicht finden. Nach dem Vortrage sprach mich gerade ein Arzt an, der offenbar kommunistisch dachte, der tief verletzt war von diesem Ausdruck. Natürlich, der Arzt, der solche Ausdrücke mit einer ganz anderen Gewichtigkeit nimmt als die übrige Welt heute, die zu sehr an die Feuilletonliteratur und an die Belletristik gewöhnt ist, der Arzt, der empfindet das ganze Gewicht des Ausdruckes «perverse Instinkte» im politischen Leben. Der fühlte sich verletzt und sagte, wie man einen solchen Ausdruck gebrauchen könne. Er wisse, für welche pathologischen Abnormitäten man einen solchen Ausdruck anwende. Aber nach einiger Zeit hatte ich den Herrn doch so weit gebracht, daß er mir sagte: Also ich sehe, Sie meinten das, was Sie sagten, nicht belletristisch, nicht feuilletonistisch; dann ist die Sache was anderes. — Das ist nötig heute, um sich überhaupt erst zu verstehen, daß jemand empfinden lernt: Es gibt ein Ringen nach dem Ausdrucke, es gibt eine Notwendigkeit, erst nach dem Worte zu suchen, während das ganze öffentliche Leben die Worte leicht herbeifließen läßt, aber diese Worte sind dann eben so, daß es im Grunde genommen nach dem Gebrauch, den man heute von den Worten macht, wie eine Frivolität aussieht, wenn man in einem solchen Zusammenhange so starke Worte gebraucht wie «pervers».

[ 33 ] I recently tried, in a public lecture in Stuttgart before a large audience, to describe the connections that lead to Leninism and Trotskyism, and I searched, struggled to find words that would express what was going on in people’s minds as they sought a transition from the old bourgeois way of life to Leninism and Trotskyism. I tried to point out these instincts, which I have described to you today in a more humanities-oriented way. And indeed, in my struggle to find the right expression, the phrase “Leninism and Trotskyism spring from ‘perverse’ instincts” came to me. I could not find another way to put it. After the lecture, a doctor—who was evidently a communist and who was deeply offended by this expression—approached me. Of course, the doctor, who attaches a very different weight to such expressions than the rest of the world does today—a world too accustomed to literary supplements and fiction—feels the full weight of the expression “perverse instincts” in political life. He felt offended and asked how one could use such an expression. He knew for which pathological abnormalities such an expression was applied. But after some time, I had managed to get the gentleman to the point where he said to me: “Well, I see that you didn’t mean what you said in a literary or feature-page sense; in that case, it’s a different matter.” — That’s necessary today, just to understand one another at all, for someone to learn to feel: There is a struggle for expression; there is a necessity to first search for the right word, whereas public life as a whole allows words to flow easily—but these words are such that, given the way words are used today, it essentially looks like frivolity when one uses such strong words as “perverse” in such a context.

[ 34 ] Ich wollte Ihnen solch ein Beispiel sagen, damit Sie sehen, wie heute das allgemeine Denken leichtgeschürzt ist, und wie wir nötig haben, in den Ernst des Lebens hinunterzusteigen. Das kann man durchaus in den Einzelheiten des Lebens wahrnehmen. Wir brauchen heute durchaus Talent dafür, auf die Einseitigkeiten in den Traditionsbekenntnissen hinzuschauen, die nur von der Unsterblichkeit, aber nicht von der Ungeburtlichkeit sprechen, die daher nur zu den egoistischen Instinkten der Menschen sprechen und die es nicht vermögen, an die Selbstlosigkeit des Menschen zu appellieren, wenn von Ewigkeit die Rede ist. Das muß Geisteswissenschaft: von der Ewigkeit sprechen können, indem sie nicht bloß auf den egoistischen Instinkt, das Dasein über den Tod hinüberzutragen, reflektiert, sondern indem sie reflektiert auf die Fortsetzung, die das geistige und vorgeburtliche Leben hier in diesem Leben erfährt, wo uns eine Mission wird, wo wir diesem Leben einen Sinn geben müssen dadurch, daß wir uns bewußt werden, wir tragen etwas Geistiges in diese Welt herein.

[ 34 ] I wanted to give you this example so that you can see how superficial people’s thinking has become today, and how necessary it is for us to delve into the seriousness of life. This can certainly be perceived in the details of life. Today we certainly need the ability to look at the one-sidedness in traditional creeds, which speak only of immortality but not of being born of the Unborn, and which therefore appeal only to people’s selfish instincts and are unable to appeal to human selflessness when speaking of eternity. This is what spiritual science must do: speak of eternity not merely by reflecting on the selfish instinct to carry existence beyond death, but by reflecting on the continuation that spiritual and pre-birth life experiences here in this life—where it becomes our mission, where we must give meaning to this life by becoming aware that we bring something spiritual into this world.

[ 35 ] Aber es wird uns nicht ein richtiges Durchschauen des Vorgeburtlichen, wenn wir nicht das Vorgeburtliche und das Nachtodliche im rechten Sinne zu verbinden wissen. Und das tun wir ja lediglich in der Geisteswissenschaft. Denn wenn wir im rechten Sinne verstehen, wie wir das Leben zwischen dem letzten Tode und einer neuen Geburt verbringen, und wiederum zwischen diesem Tode und einer späteren Geburt, dann schließt sich uns Vorgeburtliches und Nachtodliches zusammen zu der Erkenntnis der wiederholten Erdenleben, dann wird diese Überzeugung von den wiederholten Erdenleben eine selbstverständliche Entwickelungswahrheit. Die wiederholten Erdenleben tragen eben das Geheimnis der Präexistenz in sich, jenes Geheimnis der Präexistenz, welches die Bekenntnisse gerade so gern ausmerzen möchten, wovon sie nicht reden möchten. Die Urweisheit der Menschen hat gesprochen von dieser Präexistenz. Verlorengegangen ist erst während des Mittelalters durch die Aufnahme des Aristotelismus diese Lehre von der Präexistenz. Aber wie ein mit dem Christentum zusammenhängendes Dogma betrachten heute die christlichen Bekenntnisse die Ablehnung des vorgeburtlichen Lebens. Diese Ablehnung hat mit dem Christentum nichts zu tun, sie hat nur mit der Philosophie des Aristoteles zu tun. Mit dem Christentum selbst ist jene Idee der Unsterblichkeit durchaus vereinbar, von der wir hier auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft sprechen.

[ 35 ] But we will not gain a true understanding of the pre-birth realm unless we know how to connect the pre-birth and post-death realms in the proper sense. And we do this only in spiritual science. For when we understand in the proper sense how we spend our lives between the last death and a new birth, and again between this death and a later birth, then the pre-birth and post-death realms merge for us into the realization of repeated earthly lives; then this conviction of repeated earthly lives becomes a self-evident truth of evolution. Repeated earthly lives carry within them the very mystery of pre-existence—that mystery of pre-existence which the creeds are so eager to eradicate, about which they do not wish to speak. The primordial wisdom of humanity has spoken of this pre-existence. It was only during the Middle Ages, with the adoption of Aristotelianism, that this doctrine of pre-existence was lost. But today, the Christian creeds regard the rejection of pre-birth life as a dogma associated with Christianity. This rejection has nothing to do with Christianity; it has to do only with the philosophy of Aristotle. That idea of immortality of which we speak here in the realm of spiritual science is entirely compatible with Christianity itself.

[ 36 ] Nicht eher wird es besser in bezug auf die allgemeine Menschheitskultur, bis die Menschen auch im sozialen Leben zu Taten kommen, die beherrscht sind von dieser Idee der Präexistenz. Ehrlich ist man heute innerhalb der Gegenwartskultur nur, wenn man wie Oswald Spengler spricht von einem Niedergang des Abendlandes, insofern man nichts weiß von Geisteswissenschaft, oder nichts davon wissen will. Denn berechtigt von einem Aufstieg zu sprechen ist nur derjenige, der dem im menschlichen Willen wirksamen Geiste die Macht dieses Aufstieges und die Kraft dieses Aufstieges zuschreibt, der nun wirklich aus innerster Überzeugung sagt: «Nicht ich, sondern der Christus in mir.» Dann aber muß man auch diesen Christus in die Unsterblichkeitsidee aufnehmen; dann muß man tatsächlich appellieren an die Wandelung der menschlichen Natur, an die Durchchristung der menschlichen Natur, nicht bloß an das heidnische Aufnehmen der Gottesidee in das Bekenntnis, ohne daß der Mensch sich gewandelt hat. Mehr als man denkt, ist zusammenhängend mit dem Niedergang des Abendlandes, daß man es in weitesten Kreisen des evangelischen Bekenntnisses hingenommen hat, daß der Theologe Harnack sagen konnte: Nur der Vatergott gehört in das Evangelium Jesu, nicht der Christus, denn Jesus hat nur vom Vatergott gelehrt, und es ist erst später eingezogen in das Christentum, den Christus selber als ein göttliches Wesen anzuschauen. — Das ist heutige modernste T’heologie: den Christus Jesus auszuschalten aus dem Christentum. Wir Geisteswissenschafter müssen ihn wieder einschalten. Wir müssen erkennen, wie er sich hineinstellt in die Menschheitsgeschichte, wir müssen die Kulturepochen mit dem Christus durchdringen. Dann werden sie nicht bloß dasjenige, was sie im Spenglerschen Geiste sind, sondern dann werden sie für unsere Zeit etwas, was uns lehrt: Wir brauchen eine Naissance, nicht bloß eine Renaissance, wir brauchen die Neugeburt des Geistes. Dieses Bewußtsein macht eigentlich den Anthroposophen, nicht die Aufnahme von einzelnen Lehren, sondern dieses Bewußtsein, daß wir berufen sind, in unserer Zeit nicht bloß in eine Neugeburt, sondern in eine Geburt eines geistigen Elementes einzutreten. Je mehr wir uns dessen bewußt werden, desto bessere Bekenner der anthroposophisch orientierten Weltanschauung werden wir. Aber um uns dessen bewußt zu werden, ist eben notwendig, daß man sich durch die Lektüre desjenigen, was geboten worden ist, und durch innere geistige Versenkung in dieses Gebotene und Geratene, daß man sich dadurch konkret einlebt in die anthroposophische Denkweise. Sich einleben in die anthroposophische Denkweise bedeutet zugleich alles andere, was aus dem Schoße unseres Bewußtseins auftreten soll. Die Dreigliederung ist nichts anderes als ein Zweig an dem Baume der Anthroposophie.

[ 36 ] Things will not improve with regard to the general culture of humanity until people begin to act in social life in ways that are guided by this idea of pre-existence. In today’s contemporary culture, one is honest only if, like Oswald Spengler, one speaks of a decline of the West—insofar as one knows nothing of spiritual science, or wishes to know nothing of it. For only those who attribute the power and strength of this ascent to the Spirit active in the human will—and who now truly say out of their innermost conviction, “Not I, but Christ in me”—are justified in speaking of an ascent. But then one must also incorporate this Christ into the idea of immortality; then one must truly appeal to the transformation of human nature, to the Christianization of human nature, and not merely to the pagan incorporation of the idea of God into one’s creed without the human being having been transformed. More than one might think, the decline of the West is connected to the fact that, in the broadest circles of the Protestant faith, it was accepted that the theologian Harnack could say: Only God the Father belongs in the Gospel of Jesus, not Christ, for Jesus taught only about God the Father, and it was only later that the view of Christ himself as a divine being found its way into Christianity. — This is today’s most modern theology: to exclude Christ Jesus from Christianity. We scholars of the humanities must reintroduce him. We must recognize how he inserts himself into the history of humanity; we must permeate the cultural epochs with Christ. Then they will not merely be what they are in the spirit of Spengler, but they will become, for our time, something that teaches us: We need a “Naissance,” not merely a “Renaissance”; we need the rebirth of the spirit. It is this awareness that truly defines an anthroposophist—not the acceptance of individual teachings, but this awareness that we are called, in our time, not merely to a rebirth, but to the birth of a spiritual element. The more we become aware of this, the more fully we will embrace the anthroposophically oriented worldview. But in order to become aware of this, it is precisely necessary to immerse oneself—through reading what has been offered and through inner spiritual contemplation of these teachings—so that one can thereby concretely familiarize oneself with the anthroposophical way of thinking. Familiarizing oneself with the anthroposophical way of thinking simultaneously encompasses everything else that is to arise from the depths of our consciousness. The threefold social order is nothing other than a branch on the tree of anthroposophy.

[ 37 ] Das wollte ich heute, da wir wiederum zusammengeführt worden sind, durch diese Betrachtungen an Ihre Herzen heranbringen. Ich hoffe, daß wir durch solche Betrachtungen immer weiterkommen in dem Durchdrungensein mit dem Bewußtsein, das unseren eigentlichen Zusammenhang mit der Anthroposophie ausmacht.

[ 37 ] That is what I wanted to convey to your hearts today, now that we have been brought together once again, through these reflections. I hope that through such reflections we will continue to deepen our awareness of what constitutes our true connection to anthroposophy.