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Healing Factors for the Social Organism
GA 198

4 July 1920, Dornach

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Healing Factors for the Social Organism, tr. SOL
  1. Heilfaktoren für den sozialen Organismus

Elfter Vortrag

Eleventh Lecture

[ 1 ] Es mußte gestern leider die angestellte Betrachtung in nicht sehr gutklingenden Tönen endigen, aber es muß schon von Zeit zu Zeit auf solche Dinge in unseren Reihen hingewiesen werden. Eigentlich fügte sich aber dasjenige, was ich wider Willen gestern am Schlusse sagen mußte, doch in die Reihe unserer Betrachtungen ein, denn diese Betrachtungen gehen alle im Grunde genommen darauf hinaus, zu zeigen, wie notwendig ein geisteswissenschaftlicher Einschlag für unsere Kultur ist. Vorgestern versuchte ich Ihnen zu zeigen, welche Hintergründe vorhanden sind für so etwas wie die Oswald Spenglersche Betrachtung über den Niedergang der abendländischen Kultur. Gestern versuchte ich Ihnen zu zeigen, wie die Schatten älterer Kulturen in unsere Zeit hereinreichen, wie diese Schatten älterer Kulturen aus einem bei ihnen ja begreiflichen Streben sich gegen alles wenden, was gerade von seiten der hier gemeinten Geisteswissenschaft kommen muß. Ich möchte nun heute einiges Prinzipielle in unsere Betrachtungen einreihen, damit wir gewissermaßen die Kulturentwickelung der Gegenwart im Laufe der nächsten Vorträge noch genauer, eingehender verfolgen können.

[ 1 ] Unfortunately, yesterday’s discussion had to end on a somewhat sour note, but from time to time we must point out such things within our own ranks. In fact, however, what I was forced to say at the end yesterday, against my will, actually fit into the sequence of our reflections, for these reflections all essentially boil down to showing how necessary a spiritual-scientific approach is for our culture. The day before yesterday, I tried to show you the background behind something like Oswald Spengler’s view on the decline of Western culture. Yesterday I tried to show you how the shadows of older cultures extend into our time, how these shadows of older cultures—arising from a striving that is, after all, understandable in their context—turn against everything that must come precisely from the spiritual science I am referring to here. Today I would like to introduce some fundamental principles into our considerations so that, in a sense, we can trace the cultural development of the present in even greater detail and depth over the course of the next lectures.

[ 2 ] Ich habe öfters betont, wie die eigentliche Wirkung geisteswissenschaftlicher Vertiefung nicht etwa bloß darinnen liegen soll, daß gewisse durch die Geisteswissenschaft konstatierte Wahrheiten von unserer Seele aufgenommen werden, von dieser unserer Seele als Inhalt bewahrt werden, als Inhalt über allerlei Lebenszusammenhänge, an denen wir als Menschen interessiert sind. Das aber ist es für unsere Zeit nicht allein, was dem Menschen werden soll als Wirkung von seiten der Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist. Was dem Gegenwartsmenschen vor allen Dingen aus dieser Geisteswissenschaft kommen soll, das ist, daß seine ganze Art des Vorstellens, die Konfiguration des Denkens, Empfindens und Wollens durch diese geisteswissenschaftliche Vertiefung jene Umformung erfährt, die eben verlangt wird von den Bedürfnissen der Gegenwart, damit wir nicht nur in den Niedergang der abendländischen Zivilisation hineingehen, sondern damit wir aus diesem Niedergang heraustragen können Keime zu einem Aufstieg. Ich habe es ja öfters erwähnt, daß jene Gebundenheit des Denkens, des Empfindens an den physischen menschlichen Organismus, wie der Materialismus sie sich vorstellt, durchaus keine Schimäre ist. Ich habe es öfters betont, daß der Materialismus nicht bloß eine falsche Weltanschauung ist, sondern daß der Materialismus im eigentlichen Sinne des Wortes eine Zeitanschauung ist, vielleicht noch besser gesagt: eine Zeiterscheinung. Es ist einmal so, daß man nicht bloß sagen kann, es sei unwahr, daß das menschliche Denken, das menschliche Empfinden, überhaupt das seelische Wollen an den physischen Organismus gebunden sei, und daß man eine andere Anschauung anstelle dieser Anschauung setzen müsse. Das erschöpft nicht die volle Wahrheit auf diesem Gebiete; sondern die Sache ist vielmehr so, daß in der Tat durch das, was heraufgezogen ist in der Zivilisation des Abendlandes in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, das Seelisch-Geistige des Menschen, das Denken, das Empfinden, das Wollen in der Tat in eine enge Abhängigkeit gekommen sind von dem physischen Organismus, und daß in einer gewissen Beziehung heute der Mensch eine richtige Anschauung wiedergibt, wenn er sagt: Es besteht diese Abhängigkeit. — Denn die Aufgabe ist nicht heute, eine theoretische Anschauung zu überwinden, die Aufgabe ist heute, die Tatsache, daß die menschliche Seele in Abhängigkeit gekommen ist vom Leibe, zu überwinden. Die Aufgabe ist heute nicht, zu widerlegen den Materialismus, sondern die Aufgabe ist, heute jene Arbeit, jene geistig-seelische Arbeit zu verrichten, welche die Seele des Menschen wiederum loslöst aus den Banden des Materiellen.

[ 2 ] I have often emphasized that the true effect of deepening one’s understanding of the humanities should not lie merely in the fact that certain truths established by the humanities are absorbed by our soul, preserved by it as content, and applied to all manner of life contexts in which we, as human beings, are interested. But for our time, that is not the only thing that should come to human beings as an effect of spiritual science, as it is understood here. What should come to contemporary human beings above all else from this spiritual science is that their entire mode of imagination, the configuration of thought, feeling, and willing—undergoes, through this deepening of spiritual science, the very transformation demanded by the needs of the present, so that we do not merely enter into the decline of Western civilization, but so that we may carry forth from this decline the seeds of a new ascent. I have often mentioned that this binding of thinking and feeling to the physical human organism—as materialism conceives it—is by no means a chimera. I have often emphasized that materialism is not merely a false worldview, but that materialism, in the true sense of the word, is a conception of time—or perhaps better said: a phenomenon of our time. The fact is that one cannot simply say it is untrue that human thinking, human feeling, and indeed the soul’s volition are bound to the physical organism, and that one must substitute another view for this one. That does not exhaust the full truth in this area; rather, the fact is that, through what has emerged in Western civilization over the last three to four centuries, the human soul and spirit—thought, feeling, and will—have in fact become closely dependent on the physical organism, and that, in a certain sense, people today express a correct view when they say: This dependence exists. — For the task today is not to overcome a theoretical view; the task today is to overcome the fact that the human soul has become dependent on the body. The task today is not to refute materialism; rather, the task today is to perform that work—that spiritual and soul work—which will once again free the human soul from the bonds of the material.

[ 3 ] Daß man auf einem solchen Gebiet klar sehen könne, daß einem solche Dinge, wie ich sie jetzt eben ausgesprochen habe, nicht bloß als Widersprüche, als paradoxe Behauptungen erscheinen, dafür kann man eigentlich eine hinlängliche Anschauung nur aus der Geisteswissenschaft selbst gewinnen. Ich werde heute ein besonderes Kapitel aus dem Leben der neueren Zeit, der Gegenwart, herauszugreifen haben, um Ihnen zu zeigen, wie dasjenige, was nicht bloß Anschauung, sondern was Tatsache ist — die Abhängigkeit des Geistig-Seelischen vom Leiblichen —, wie das ins soziale Leben hineinwirkt. Daraus werden Sie dann ersehen können, daß schon mehr in unserer Zeit zu überwinden ist als eine bloße theoretische Anschauung.

[ 3 ] The fact that, in such a field, one can clearly see that things like those I have just mentioned do not merely appear as contradictions or paradoxical assertions—one can actually gain a sufficient understanding of this only from spiritual science itself. Today I will focus on a specific aspect of modern life, of the present, to show you how what is not merely a concept but a fact—the dependence of the spiritual-soul aspect on the physical—how this influences social life. From this, you will then be able to see that there is already more to be overcome in our time than a mere theoretical insight.

[ 4 ] Vielleicht mache ich mich etwas verständlicher über dasjenige, was ich eben ausgesprochen habe, wenn ich erinnere an etwas, was ich auch schon hier erwähnt habe, was aber das heute zu Sagende in einem gewissen Sinne illustrieren kann. Ich habe Ihnen erzählt, wie ich als Lehrer der Arbeiterbildungsschule in Berlin durch die Intrigen der Führer der Sozialdemokratie herausgeworfen worden bin, weil das, was ich dazumal auf den verschiedensten Gebieten zu lehren hatte, nicht echter Marxismus und vor allen Dingen auf dem Gebiete der Geschichte nicht materialistische Geschichtsanschauung sei. Ich hatte nicht etwa die Anschauung vertreten, daß die materialistische Geschichtsauffassung absolut falsch sei, aber eben gerade die Art und Weise, wie ich mich zur materialistischen Geschichtsauffassung stellen mußte, zu jener Auffassung, daß alles ethische, alles wissenschaftliche, alles religöse, alles rechtliche Leben nur gewissermaßen ein Oberbau, eine Art Rauch sei gegenüber demjenigen, was die einzige Wirklichkeit sei im materiellen wirtschaftlichen Prozesse, gerade die Art und Weise, wie ich mich zu dieser Geschichtsauffassung stellen mußte, das konnte nicht verstanden werden. Es konnte nicht verstanden werden selbstverständlich von denjenigen, die gar nicht herangegangen waren an ein innerliches Durchdringen der Sache. Die Arbeiter, die meinen Vorträgen zugehört haben, die haben die Sache schon nach und nach verstanden; aber es sind eben gerade durch dieses Verstehen dazumal die Führer dahintergekommen. Was ich gelehrt habe, war dies: Es beginnt, sagte ich, ungefähr um die Mitte des 15. Jahrhunderts, zuerst langsam, dann immer rascher vom 16. Jahrhundert ab tatsächlich jener Prozeß in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, durch den die geistigen, die rechtlichen, die ethischen Produktionen der Menschheit sich in voller Abhängigkeit befinden von den Produktionsprozessen, von der Art und Weise, wie das Wirtschaftsleben verläuft. Es wird nach und nach alles Geistige und Rechtliche abhängig vom Wirtschaftsleben. Daher, sagte ich, ist die materialistische Geschichtsauffassung relativ berechtigt für die Interpretation der letzten drei bis vier Jahrhunderte des menschlichen Geschichtsverlaufes; man kommt aber in eine unmögliche Geschichtsauffassung hinein, wenn man hinter das 15. Jahrhundert zurückgeht und ältere Zeiten im Sinne der materialistischen Geschichtsauffassung verstehen möchte. Und man tut völlig unrecht, wenn man diese materialistische Geschichtsauffassung als etwas Absolutes ansieht und sagt: In der Zukunft wird alles ethische, alles rechtliche, alles wissenschaftliche Leben nur eine Art Rauch sein, der aus dem Wirtschaftsleben aufsteigt. — Im Gegenteil, es ist die Aufgabe der Gegenwart, zu überwinden dasjenige, was sich herausgebildet hat als Abhängigkeit des Geisteslebens vom Wirtschaftlichen in den letzten drei bis vier Jahrhunderten. Es ist dasjenige als Tatsache zu überwinden, wofür die materialistische Geschichtsauffassung richtig ist.

[ 4 ] Perhaps I can make what I just said a little clearer by recalling something I have already mentioned here, which, in a certain sense, can illustrate what I have to say today. I have told you how, as a teacher at the Workers’ Educational School in Berlin, I was expelled due to the intrigues of the leaders of the Social Democratic Party, because what I was teaching at the time in a wide variety of fields was not genuine Marxism and, above all, in the field of history, did not represent a materialist view of history. I had not, by any means, taken the view that the materialist conception of history was absolutely wrong, but precisely the way in which I had to relate to the materialist conception of history—to the view that all ethical, scientific, religious, and legal life is, so to speak, merely a superstructure, a kind of smoke, in contrast to what is said to be the only reality in the material economic process—precisely the way in which I had to relate to this conception of history—that could not be understood. Of course, it could not be understood by those who had not even attempted to gain an inner understanding of the matter. The workers who listened to my lectures gradually came to understand it; but it was precisely through this understanding that the leaders at the time caught on. What I taught was this: It begins, I said, around the middle of the 15th century—at first slowly, then increasingly rapidly from the 16th century onward—with that very process in the history of human development through which humanity’s spiritual, legal, and ethical productions become fully dependent on the processes of production, on the way economic life unfolds. Gradually, everything intellectual and legal becomes dependent on economic life. Therefore, I said, the materialist conception of history is relatively justified for interpreting the last three to four centuries of human history; but one arrives at an untenable conception of history if one goes back beyond the 15th century and attempts to understand earlier times in terms of the materialist conception of history. And one is completely mistaken if one regards this materialist conception of history as something absolute and says: In the future, all ethical, all legal, and all scientific life will be nothing more than a kind of smoke rising from economic life. — On the contrary, it is the task of the present to overcome what has developed over the last three to four centuries as the dependence of spiritual life on the economic. It is necessary to overcome, as a fact, that which the materialist conception of history correctly describes.

[ 5 ] Sie sehen, man hat es zu tun, wenn man wirklich geisteswissenschaftlich verfährt, mit einer anderen Denkweise, mit der Denkweise, die eigentlich bricht mehr in den Gedankenformen, in der ganzen Struktur des Weltanschauens mit dem Hergebrachten. Und wahrhaftig, viel mehr kommt es der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft darauf an, heranzubilden in der Menschheitsentwickelung diese Umgestaltung, diese Metamorphose in der Struktur des Empfindens, des Denkens, des Wollens, als nur irgendeinen Inhalt über verschiedene menschliche Leiber und dergleichen den Menschen zu tradieren. Gewiß, diese Inhalte, sie kommen heraus, diese Ergebnisse treten uns gerade durch eine solche Metamorphose der Denkstruktur vor das geistige Auge. Aber das Wesentliche ist die andere Einstellung gegenüber der Welt; das Wesentliche ist, daß wir in gewisser Beziehung die ganze Verfassung unserer Seele zu ändern vermögen. Sieht man das ein, dann merkt man eigentlich erst, wie im gegenwärtigen Denken der weitesten Kreise der abendländischen Zivilisation durchaus noch tätig sind die Reste des traditionellen Denkens, Empfindens und Wollens, die sich eben einfach aus urältesten Zeiten in die Gegenwart herein fortsetzen. Nur einzelne Menschen hat es eigentlich gegeben, die, ich möchte sagen, aus der breiten Masse heraus auf den verschiedensten Gebieten ein Gefühl, eine Ahnung entwickelt haben davon, wie morsch gerade die‘ Denkformen, die Denkstrukturen des Alten sind. Sie konnten zumeist nicht zur Geisteswissenschaft vordringen, und so blieben sie im Negativen stecken.

[ 5 ] You see, when one truly proceeds in the spirit of the spiritual sciences, one is dealing with a different way of thinking—a way of thinking that actually breaks with traditional thought forms and the entire structure of the worldview. And indeed, what matters far more to anthroposophically oriented spiritual science is to foster this transformation—this metamorphosis in the structure of feeling, thinking, and willing—in the course of human evolution, rather than merely passing down some content to humanity through various human bodies and the like. Certainly, these contents do emerge; these results appear before our inner eye precisely through such a metamorphosis of the structure of thought. But what is essential is the different attitude toward the world; what is essential is that we are able, in a certain sense, to change the entire constitution of our soul. Once one recognizes this, one actually begins to realize how, in the current thinking of the broadest circles of Western civilization, the remnants of traditional thinking, feeling, and willing are still very much at work—remnants that have simply carried on from the most ancient times into the present. There have actually been only a few individuals who, I would say, have emerged from the broad masses in the most diverse fields to develop a sense, an inkling, of just how rotten the old forms of thought and thought structures really are. For the most part, they were unable to advance to spiritual science, and so they remained stuck in the negative.

[ 6 ] Eine außerordentlich interessante Erscheinung in bezug auf dieses Steckenbleiben ist Overbeck, der Freund Friedrich Nietzsches, der zur Zeit Nietzsches an der Universität Basel gewirkt hat und der ja insbesondere ein interessantes Buch über die gegenwärtige Berechtigung des Christentums geschrieben hat. Es ist eine der interessantesten Erscheinungen auf dem Gebiete der neueren Literatur, daß einechristliche Theologie die Frage aufwirft: Sind wir noch Christen? — Diese Frage hat nicht bloß der materialistische Theologe David Friedrich Strauß aufgeworfen, sondern auch dieser an der Theologischen Fakultät in Basel wirkende Theologe Overbeck, Nietzsches Freund, hat diese Frage aufgeworfen. Und eigentlich kommt Overbeck zu der Anschauung: Es gibt wohl noch eine christliche Theologie, aber nicht mehr ein Christentum.

[ 6 ] An exceptionally interesting figure in connection with this impasse is Overbeck, a friend of Friedrich Nietzsche’s who taught at the University of Basel during Nietzsche’s time and who, in particular, wrote an interesting book on the contemporary legitimacy of Christianity. It is one of the most interesting developments in the field of modern literature that a Christian theologian raises the question: Are we still Christians? — This question was raised not only by the materialist theologian David Friedrich Strauss, but also by Overbeck, Nietzsche’s friend, who taught at the Faculty of Theology in Basel. And in fact, Overbeck comes to the conclusion: There is still such a thing as Christian theology, but Christianity no longer exists.

[ 7 ] Aber insbesondere, muß ich sagen, war es mir ein merkwürdiges Zusammentreffen, daß, nachdem ich Ihnen gestern diese verschiedenen Proben der theologischen Denkart geben mußte, wobei ich Ihnen zu zeigen hatte, daß man dem Theologischen gegenüber ebenso sich zu beklagen hat, wenn sie einem Freund werden, wie wenn sie einem Feind werden. Es war mir sehr bezeichnend, daß gerade in diesen Tagen im Beiblatt zu den «Basler Nachrichten» eine nachgelassene Produktion von Overbeck besprochen wird, und daß da auf einen Satz hingewiesen wird, den dieser christliche Theologe niedergeschrieben hat. Ein christlicher Theologe hat den Satz niedergeschrieben: Die Theologen sind die Dümmlinge in der modernen Gesellschaft; das ist öffentliches Geheimnis in dieser modernen Gesellschaft.

[ 7 ] But in particular, I must say, I found it a curious coincidence that, after I had to present you yesterday with these various examples of theological thinking—in which I had to show you that one has just as much cause to complain about theologians when they become friends as when they become enemies— I found it very telling that, just in the last few days, the supplement to the *Basler Nachrichten* has been reviewing a posthumous work by Overbeck and has highlighted a sentence written by this Christian theologian. A Christian theologian wrote the following: “Theologians are the fools of modern society; that is an open secret in this modern society.”

[ 8 ] So der Theologe in Basel, Overbeck! Man hat nicht nötig, aus der Sphäre herauszugehen, wenn man ein solches Urteil einsammeln will. Allerdings, Overbeck war neben dem, daß er Theologe war, Denker, und Theologe zu sein, war mehr sein Schicksal als sein Wille. Vielleicht war es auch seine Schwäche, Theologe zu bleiben. Das alles aber obliegt mir heute nicht, zu untersuchen. Aber immerhin, bemerkenswert ist es, daß ein solcher Ausspruch nicht von einem Monisten geprägt worden ist, sondern von einem Theologen: Die Theologen sind die Dümmlinge in der modernen Gesellschaft, und es ist öffentliches Geheimnis in der modernen Gesellschaft, daß es so ist.

[ 8 ] So says Overbeck, the theologian in Basel! One need not venture beyond that sphere to come across such a judgment. However, Overbeck was not only a theologian but also a thinker, and being a theologian was more his fate than his choice. Perhaps it was also his weakness to remain a theologian. But it is not my task today to examine all of that. Still, it is noteworthy that such a statement was not made by a monist, but by a theologian: Theologians are the fools of modern society, and it is an open secret in modern society that this is the case.

[ 9 ] Nun, es ragen eben in die Gegenwart herein die Dinge, die nur noch Schatten alter Weltanschauungen, Lebensgestaltungen und so weiter sind. Um heute Christ zu sein, bedarf es eben einer neuen Erfassung des Mysteriums von Golgatha, wie ich es Ihnen gestern bereits auseinandergesetzt habe. Aber auch um die heutigen sozialen Forderungen zu verstehen, bedarf es einer ganz anderen Struktur des Denkens und Empfindens, als diejenige ist, die aus alten Zeiten in die breiten Massen der gegenwärtigen Menschheit hereinragt. Und davon möchte ich Ihnen heute ein Beispiel geben. Man kann zwei so verschiedene soziale Denker nehmen, wie, sagen wir, Marx, der Abgott der Sozialdemokratie einer ist, und wie Rodbertus einer ist, der mehr, ich möchte sagen, eine Stütze ist für diejenigen, welche eine Lösung der sozialen Frage auf nationalem Gebiete suchen. In einer gewissen Beziehung sind beide, Rodbertus und Marx, Sozialisten; aber sie sind eigentlich Antipoden. Aber in einem wichtigen Punkte stimmen sie überein. Sie stimmen überein in einer gewissen Auffassung der Grundfrage, die heute eigentlich von allen aufgeworfen wird, die sich im Grunde tiefer mit der sozialen Frage befassen. Es ist die Frage: Was produziert eigentlich wirtschaftliche Güter? Was produziert wirtschaftliche Güter, die im Wirtschaftsleben zirkulieren, Güter, die für den wirtschaftlichen Konsum des Menschen dienstbar sind? — Marx sowohl wie Rodbertus beantworteten diese Frage dahin, daß sie sagen: Nur die körperliche Arbeit produziert wirtschaftliche Güter. — Also alles dasjenige, was im Wirtschaftsleben produktiv ist, führt auf körperliche Arbeit zurück. Mit anderen Worten: Will man davon sprechen, wo die Arbeit zu suchen ist, die irgendeine zusammenhängende Reihe wirtschaftlicher Güter erzeugt, so muß man, zum Beispiel bei einer Eisenbahn, beginnen bei dem ersten Spatenstich, nicht aber bei der Arbeit der Ingenieure, nicht bei der Arbeit derjenigen, die aus irgendwelchen Lebenszusammenhängen heraus den Gedanken produzieren, daß in dieser oder jener Gegend eine Eisenbahn zu bauen sei. Karl Marx zum Beispiel sagt: Arbeit, körperliche Arbeit produziert allein die wirtschaftlichen Güter. Wenn man, so sagt er, in Indien einen Buchhalter anstellt in einer Gemeinde, so ist die Arbeit dieses Buchhalters nicht etwas, was wirkliche wirtschaftliche Güter erzeugt. Zwar ist die Arbeit dieses Buchhalters notwendig, aber sie erzeugt keine wirtschaftlichen Güter. Wirtschaftliche Güter erzeugt einzig und allein die körperliche Arbeit derjenigen, die unmittelbar körperlich an der Erzeugung der Güter sich betätigen. Alles andere ist ausgeschlossen davon, mitgerechnet zu werden zu den Produktionselementen der wirtschaftlichen Güter. Wovon wird, so sagt Karl Marx, der indische Buchhalter entlohnt? Von einem Abzug, den man macht. Man muß erst dasjenige, was eigentlich alle anderen verdienen sollten, die körperlich arbeiten, man muß erst von dem etwas abziehen und es ihm geben, weil er doch notwendig ist. Man kann ohne ihn nicht produzieren, aber er erzeugt keine Güter. Also muß man denjenigen, die Güter erzeugen, das abnehmen, was man ihm zu geben hat. — Und mit Verfolgung dieses Gedankens kommt schließlich Karl Marx dazu, daß alle geistige Arbeit, alles geistige Produzieren nicht herausgenommen wird aus den wirtschaftlichen Gütern so, daß es beteiligt wäre an der Produktion dieser wirtschaftlichen Güter, sondern daß es abgezogen wird denjenigen, die wirklich wirtschaftlich produzieren.

[ 9 ] Well, the things that are now intruding into the present are merely shadows of old worldviews, ways of life, and so on. To be a Christian today requires a new understanding of the mystery of Golgotha, as I already explained to you yesterday. But understanding today’s social demands also requires a completely different structure of thought and feeling than the one that has carried over from ancient times into the broad masses of contemporary humanity. And I would like to give you an example of this today. One can take two social thinkers as different as, say, Marx—who is the idol of social democracy—and Rodbertus, who is, I would say, more of a pillar of support for those seeking a solution to the social question on a national level. In a certain sense, both Rodbertus and Marx are socialists; but they are, in fact, polar opposites. Yet on one important point they agree. They agree on a certain conception of the fundamental question that is actually raised today by everyone who, at heart, deals more deeply with the social question. The question is: What actually produces economic goods? What produces the economic goods that circulate in economic life—goods that serve human economic consumption? —Both Marx and Rodbertus answered this question by stating: Only physical labor produces economic goods. —Thus, everything that is productive in economic life can be traced back to physical labor. In other words: If one wishes to determine where to find the labor that produces any coherent series of economic goods, one must—taking a railroad as an example—begin with the groundbreaking, not with the work of the engineers, nor with the work of those who, based on certain life circumstances, conceive the idea that a railroad should be built in this or that region. Karl Marx, for example, says: Labor—physical labor—alone produces economic goods. If, he says, an accountant is hired in a municipality in India, the work of this accountant is not something that produces real economic goods. Although the work of this accountant is necessary, it does not produce economic goods. Economic goods are produced solely by the physical labor of those who are directly and physically engaged in the production of those goods. Everything else is excluded from being counted among the elements of production of economic goods. From what, says Karl Marx, is the Indian accountant paid? From a deduction that is made. One must first take from what should actually go to all the others who perform physical labor; one must first deduct something from that and give it to him, because he is, after all, necessary. One cannot produce without him, but he does not produce goods. So one must take from those who produce goods what one has to give to him. — And by pursuing this line of thought, Karl Marx ultimately concludes that all intellectual labor, all intellectual production, is not extracted from economic goods in such a way that it would participate in the production of these economic goods, but rather that it is deducted from those who actually engage in economic production.

[ 10 ] Und zu ganz derselben Ansicht kommt auch der Antipode von Karl Marx, Rodbertus. Es gibt nun mancherlei, daß eben aus der Denkweise, die sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte als ein Schatten alter Denkweisen ergeben hat, solche Anschauungen entstanden sind. Denn man merkt, wie solche Anschauungen entstehen, wenn man hinsieht, in welcher Art Arbeit, Beziehung der Arbeit zu der Erzeugung wirtschaftlicher Güter angesehen wird von solchen Theoretikern, und die Anschauung dieser Theoretiker, die ist eigentlich heute vor allen Dingen in das gesamte Proletariat übergegangen. Was im gesamten Proletariat als Lebensanschauung vorhanden ist, das ist geradezu ein Ergebnis solcher Vorstellungen, von denen ich Ihnen nun einige Beispiele geben will. Da fragen die Leute, etwa Karl Marx: Wofür bekommt eigentlich der Arbeiter seinen Lohn? — Sie beantworten sich diese Frage dahin, daß der Arbeiter seinen Lohn bekommt für die aufgewendete Arbeit, daß also die aufgewendete Arbeit ihm entlohnt werde, und sie sagen: Sie muß entlohnt werden, denn indem der Arbeiter Güter hervorbringt, gibt er seine eigene Arbeitskraft hin. — Ich habe Ihnen ja öfters diese Anschauung charakterisiert als diejenige, die die Anschauung des gegenwärtigen Proletariats ist: Der Arbeiter gibt seine Arbeitskraft hin, seine Arbeitskraft wird verbraucht; sie muß ersetzt werden. Man gibt ihm also Lohn, also wirtschaftliche Güter, denn dafür ist ja nur der Geldlohn als Stellvertreter da; man gibt ihm Lohn, damit die verbrauchte, die im Erzeugen der wirtschaftlichen Güter verbrauchte körperliche Arbeitskraft wieder ersetzt werden könne. — Dieser Gedanke kehrt immer wieder, diesen Gedanken finden wir in den mannigfaltigsten Varianten.

[ 10 ] And Karl Marx’s polar opposite, Rodbertus, also arrives at exactly the same view. There are, in fact, various reasons why such views have arisen precisely from the way of thinking that has emerged over the course of the last three to four centuries as a shadow of older ways of thinking. For one can see how such views arise by examining the way in which these theorists view work and the relationship of work to the production of economic goods—and the views of these theorists have, in fact, now been adopted above all by the entire proletariat. What exists as a worldview throughout the entire proletariat is precisely the result of such ideas, of which I will now give you a few examples. People—such as Karl Marx—ask: For what, exactly, does the worker receive his wages? — They answer this question by saying that the worker receives his wages for the labor expended, that is, that the labor expended is remunerated, and they say: It must be compensated, for in producing goods, the worker expends his own labor power.—I have often characterized this view for you as the view of the present-day proletariat: The worker expends his labor power; his labor power is consumed; it must be replaced. So he is given wages—that is, economic goods—for monetary wages serve only as a substitute for them; he is given wages so that the physical labor expended in the production of economic goods can be replenished. — This idea recurs time and again; we find it in the most diverse variations.

[ 11 ] Was liegt da eigentlich für eine Anschauung zugrunde? Die Anschauung, die da zugrunde liegt, man merkt sie am besten, wenn man auf ein Wort hinschaut, das Karl Marx und seine Anhänger immer wieder und wiederum gebraucht haben. Sie haben das Wort gebraucht: die Arbeit gerinne in das Produkt hinein. — Gewissermaßen — wenn das Produkt erzeugt ist — ist die Arbeit in das Produkt hineingeronnen. Somit wäre auch die Arbeitskraft beziehungsweise ihr Ergebnis in das wirtschaftliche Gut, in das Produkt hineingeronnen. Man sagt: Geistige Kraft kann nicht in das Produkt hineingerinnen, körperliche Kraft nur kann hineingerinnen in das Produkt. — Man hat also die Vorstellung, daß die Arbeitskraft so irgendwie vom Menschen in das Produkt übergeht, dann ist sie, da draußen, ins Produkt hineingeronnen; dann ißt man und dann wird sie wieder ersetzt.

[ 11 ] What, exactly, is the underlying concept here? The underlying concept is best understood by examining a phrase that Karl Marx and his followers used time and again. They used the phrase: “labor is embodied in the product.” — In a sense—once the product is produced—labor has been “embedded” in the product. Thus, labor power—or rather, its result—would also have been “embedded” in the economic good, in the product. It is said: Mental power cannot be “embedded” in the product; only physical power can be “embedded” in the product. — So the idea is that labor power somehow passes from the person into the product; once it’s out there, it has “coagulated” into the product; then one consumes it, and it is replaced again.

[ 12 ] Solch eine Vorstellung sitzt ganz fest aus gewissen materialistischen Untergründen der neueren Zeit in den Menschen drinnen, und wenn man ankämpft gegen eine solche Anschauung, erscheint man sogar als ein Mensch, der zu Paradoxem neigt, denn diese Dinge sind allmählich etwas geworden, das den heutigen Menschen ganz natürlich erscheint. Und in Rußland wird eben jetzt Sozialismus gemacht bloß unter dem Einfluß solcher aus dem Untergrund des Materialismus herausgewachsenen Anschauungen.

[ 12 ] Such a notion is deeply ingrained in people due to certain materialistic influences of recent times, and if one opposes such a view, one even appears to be someone prone to paradoxes, for these things have gradually become something that seems entirely natural to people today. And in Russia, socialism is currently being implemented solely under the influence of such views, which have sprung from the depths of materialism.

[ 13 ] Nun ist es wirklich so — es ist ja außerordentlich schwer zuzugeben, aber es ist wirklich so —, daß zuweilen Anschauungen populär werden, wie etwas Selbstverständliches überall vertreten werden, und sie eigentlich gar keinen Grund und Boden haben. Diese Anschauungsweise, als ob die Arbeit so hinausgerissen würde in das Produkt, hat wirklich keinen Grund und Boden, denn man kann wirklich nicht sagen, daß dasjenige, was da verbraucht wird während der Arbeit, durch das Essen wiederum ersetzt werde. Man braucht sich ja nur im Ernste zu fragen, ob denn derjenige, der nun gar nicht arbeitet, nicht auch essen muß, wenn er leben will. Es kann doch der Ersatz einer"verlorengegangenen Kraft, auf die es hier ankommt, wahrhaftig nicht davon abhängen, daß diese Kraft in die Arbeit hineingegangen ist; denn wenn sie nicht in die Arbeit hinausgeht, muß sie auch ersetzt werden. Da muß ein kapitaler Denkfehler drinnenstecken, ein kapitaler Denkfehler, der einfach populär geworden ist, den zu machen populär geworden ist. Man glaubt nämlich gar nicht, wie sehr wir heute in verkehrten Denkgewohnheiten drinnenstecken. Man muß gegenüber diesen verkehrten Denkgewohnheiten einmal die Seele zum Wachen bringen. Das geht nicht an, daß gegenüber diesen verkehrten Denkgewohnheiten die Seele weiter schläft.

[ 13 ] Now, it is indeed true—and while it is extremely difficult to admit, it is indeed true—that sometimes certain views become popular, are held everywhere as self-evident, and yet have absolutely no basis whatsoever. This way of looking at things—as if labor were simply extracted into the product—really has no basis whatsoever, for one cannot truly say that what is consumed during labor is replaced by food. One need only seriously ask oneself whether someone who does not work at all does not also have to eat if he wants to live. After all, the replacement of “lost energy”—which is what matters here—cannot truly depend on that energy having gone into work; for if it does not go into work, it must still be replaced. There must be a major error in reasoning here—a major error that has simply become popular, and which people have come to make a habit of committing. For people have no idea just how deeply we are entrenched in distorted patterns of thought today. We must awaken our souls to these distorted patterns of thought. It is unacceptable for the soul to remain asleep in the face of these distorted patterns of thought.

[ 14 ] Ich habe in einer anderen Form den Gedanken schon einmal vor Ihnen ausgesprochen. Derjenige, dem es nun kein Bedürfnis ist, oder der, sagen wir besser, durch seine Lebenszusammenhänge nicht in eine solche Situation hineingestellt worden ist, daß er Holz hackt oder eine ähnliche körperliche Arbeit verrichtet, der wird manchmal seine Kraft ausleben, sagen wir im Sport. Da wendet er auch seine Kraft an. Und Sie werden leicht zugeben können, daß man unter Umständen dasselbe Maß von Kraft verwenden kann zum Holzhacken wie zum Sport. Man kann gerade so müde werden vom Sport wie vom Holzhacken. Man kann einen gerade so guten Schlaf haben nach dem Sport wie nach dem Holzhacken. Dasselbe Maß von Arbeit kann in dem einen Fall und in dem anderen rein formell verrichtet werden. Es kann sich also doch nicht darum handeln, wieviel Arbeit man verrichtet und wieviel Kraft man auslebt in diesem Arbeiten-Verrichten, sondern es ist augenscheinlich, daß es sich um ganz etwas anderes handelt, um die Art und Weise, wie die Arbeit hineingestellt ist in den ganzen sozialen Prozeß. Es handelt sich darum, daß man absehen lernt von diesem Ausleben von menschlicher Lebenskraft in Arbeit, in der Erzeugung von Gütern. Es kann sich ja höchstens darum handeln, daß der FleiRige etwas mehr zu essen braucht als der Faule, obwohl das auch mit den Lebensgewohnheiten mancher Menschen nicht ganz übereinstimmt. Aber jedenfalls, diese merkwürdige Anschauungsweise, als ob man bei nationalökonomischem Denken darauf zu sehen habe, wie die aufgewendete menschliche Arbeitskraft ersetzt werden müsse durch dasjenige, was man im Lohn empfängt, diese Anschauungsweise ist jedenfalls ganz ohne Grund und Boden. Es kann eben einfach nicht so gedacht werden, wenn man zu irgendeinem Ziele kommen will.

[ 14 ] I have already expressed this idea to you before, albeit in a different form. Those who do not feel the need—or, let us say, whose life circumstances have not placed them in a situation where they chop wood or perform similar physical labor—will sometimes channel their energy into, say, sports. That is where they also apply their energy. And you will readily admit that, under certain circumstances, the same amount of energy can be expended in chopping wood as in sports. One can become just as tired from sports as from chopping wood. One can sleep just as well after sports as after chopping wood. The same amount of work can be performed in one case as in the other, purely in formal terms. So it cannot be a matter of how much work one does and how much energy one expends in performing this work; rather, it is evident that it is about something entirely different—the way in which work is embedded within the entire social process. It is about learning to move beyond this expending of human vitality in work, in the production of goods. At most, it can be a matter of the hard-working person needing a little more to eat than the lazy one, although that does not entirely correspond to the lifestyle habits of some people. But in any case, this peculiar way of thinking—as if, in economic theory, one had to focus on how the human labor expended must be replaced by what one receives in wages—this way of thinking is, in any case, completely without foundation. One simply cannot think this way if one wants to achieve any goal at all.

[ 15 ] Darauf wollte ich von einer anderen Seite wiederum aufmerksam machen, hinweisen, wie unser ganzes Leben beherrscht wird von verkehrten Vorstellungen, von Denkgewohnbheiten, die ja für frühere Zeiten vielleicht ihre Berechtigung hatten, die aber heute eine solche Berechtigung nicht mehr haben.

[ 15 ] I wanted to draw attention to this from a different perspective, pointing out how our entire lives are dominated by mistaken ideas and habits of thought that may have been justified in the past but are no longer justified today.

[ 16 ] Ein anderer Gedankengang, der einem auch oftmals wiederkehrt bei den Betrachtern des Wirtschaftslebens, die mehr oder weniger abhängig sind von Karl Marx, ist dieser, sie sagen: Wenn eine körperliche Arbeit verrichtet wird und im Verlaufe des Verrichtens dieser körperlichen Arbeit ein wirtschaftliches Gut entsteht, dann ist diese Arbeit verbraucht. Wenn das Gut wieder da sein soll, muß es eben wiederum durch dieselbe Arbeit erzeugt werden. Wenn einer eine Idee ausdenkt, so ist diese Idee da. Sie bleibt da, sie wird nicht verbraucht. Und nach dieser Idee können vielleicht unzählige Arbeitsprozesse vollzogen werden. — Also: körperliche Arbeit, die. auf Erzeugen von Gütern angewendet wird, wird verbraucht in ihrem Produkte, geistige Arbeit wird nicht verbraucht in ihrem Produkte, sondern die Produkte bleiben — das erscheint furchtbar plausibel, wenn man eine solche Idee ausspricht. Aber da tritt dann doch die Frage auf: Ist in fruchtbarer Weise im nationalökonomischen Denken mit einer solchen Idee etwas anzufangen? Es handelt sich dann immer darum, daß diejenigen, die einer solchen Idee nachgehen, nicht in der Lage sind, den ganzen Prozeß zu verfolgen, den eine solche Idee durchmacht, indem sie Wirklichkeit wird. Ist denn, so möchte man fragen, auch nur ein einziges Mal der Fall vorhanden, daß irgendein Erfinder eine Idee produziert, und, ohne daß eine weitere geistige Arbeit verrichtet werde, diese Idee unzählige Male verwirklicht werden kann? — Das ist nicht der Fall. Vielmehr muß man da folgendes sagen; man muß sagen: Wie ist eigentlich der Zusammenhang zwischen demjenigen, was durch den Geistesmenschen produziert wird, und demjenigen, was äußerliche, zum Beispiel wirtschaftliche Güter sind? — Sehen Sie nur einmal hin auf die Erzeugung von wirtschaftlichen Gütern. Können Sie sich denken, daß wirtschaftliche Güter erzeugt werden, ohne daß geistige Richtkraft, geistige Führung zugrunde liegt? Sie können nämlich geradezu beweisen, daß bis ins Innerste hinein geistige Führung in der materiellen Arbeit, in der Erzeugung der materiellen Güter zutage tritt. Man muß nur immer weit genug zurückgehen. Ich habe öfters Ihnen das Beispiel angeführt: Wir betrachten den Gotthardtunnel oder den Suezkanal oder irgend etwas; solche Dinge können heute nicht ausgeführt werden ohne Differential- oder Integralrechnung. Es hilft alle körperliche Arbeit nichts, wenn diese Dinge nicht zugrunde liegen. Diese Dinge aber, Differential- und Integralrechnung, sind einstmals ausgebildet worden in der einsamen Gedankenstube des Leibniz oder — wir brauchen uns ja damit nicht heute in einen nationalen Prioritätsstreit einzulassen —in der einsamen Denkerstube des Newton, aber jedenfalls bei Denkern, im geistigen Produzieren sind diese Ideen entstanden. Bei alledem, was im Grunde genommen da ist im Gotthardtunnel, im Suezkanal und in ähnlichen Arbeiten, welchen Produkten ja wiederum zugrunde liegen die Erzeugung wirtschaftlicher Güter, bei alledem liegen nur die Ergebnisse dessen vor, was einstmals ein geistiger Keim war. Und nichts könnte da sein von alledem, was physische Arbeit ist, wenn der geistige Keim nicht dagewesen wäre. Sehen Sie sich irgend etwas an, was produziert wird, Sie werden sich überall sagen müssen: Die körperliche Arbeit kann man nicht einmal anfangen, wenn die geistige Arbeit nicht vorangegangen ist; und wenn sie anfängt, und die geistige Arbeit aufhören würde, würde sie auch nicht sehr weit kommen. Ja, man könnte ebenso strenge beweisen, wie Karl Marx und Rodbertus zu beweisen meinten, daß aus der körperlichen Arbeit allein wirtschaftliche Güter entstehen, daß nur geistige Arbeit wirtschaftliche Güter hervorbringt, daß die körperliche Arbeit überhaupt ganz und gar das Ergebnis der geistigen Arbeit ist. Diese Dinge sind durchaus zueinander relativ. Und dieselbe Strenge der Beweisführung, die die Marxisten aufbringen können für den Gedankengang, daß nur körperliche Arbeit wirtschaftliche Güter erzeugt, dieselbe Strenge der Beweisführung könnte man finden in dem Gedankengang, daß nur geistige Kraft wirtschaftliche Güter erzeugt.

[ 16 ] Another line of thought that often recurs among observers of economic life—who are more or less influenced by Karl Marx—is this: They say that when physical labor is performed and, in the course of performing this physical labor, an economic good is produced, then that labor is consumed. If the good is to be produced again, it must be created anew through the same labor. When someone conceives an idea, that idea exists. It remains; it is not consumed. And based on that idea, countless labor processes can perhaps be carried out. — So: physical labor applied to the production of goods is consumed in its product, while intellectual labor is not consumed in its product—the products remain. This seems incredibly plausible when such an idea is articulated. But then the question arises: Can such an idea be fruitfully applied in economic thought? The issue is always that those who pursue such an idea are unable to trace the entire process that such an idea undergoes as it becomes reality. One might ask: Has there ever been a single instance in which an inventor produced an idea, and—without any further intellectual work being performed—that idea could be realized countless times? — That is not the case. Rather, one must say the following: What is the actual connection between what is produced by the spiritual human being and what constitutes external goods—for example, economic goods? — Just consider the production of economic goods. Can you imagine that economic goods are produced without spiritual guidance and direction underlying them? For you can actually prove that spiritual guidance manifests itself right down to the very core of material labor, in the production of material goods. One simply has to go back far enough. I have often given you this example: Consider the Gotthard Tunnel or the Suez Canal or something similar; such projects cannot be carried out today without differential or integral calculus. All physical labor is of no use if these principles do not underlie it. But these principles—differential and integral calculus—were once developed in the solitary study of Leibniz or—and we need not get involved in a dispute over national priority today—in the solitary study of Newton; in any case, these ideas arose through the intellectual work of thinkers. In everything that essentially exists in the Gotthard Tunnel, the Suez Canal, and similar projects—which, in turn, underlie the production of economic goods—all that is present are the results of what was once an intellectual seed. And none of this physical labor could exist if that intellectual seed had not been there. Look at anything that is produced, and you will have to conclude everywhere: Physical labor cannot even begin unless intellectual labor has preceded it; and if it were to begin, and the intellectual labor were to cease, it would not get very far either. Yes, one could prove just as rigorously as Karl Marx and Rodbertus claimed to prove that economic goods arise from physical labor alone, that only intellectual labor produces economic goods, and that physical labor is entirely and completely the result of intellectual labor. These things are entirely relative to one another. And the same rigor of argument that Marxists can muster for the line of reasoning that only physical labor produces economic goods—that same rigor of argument could be found in the line of reasoning that only intellectual power produces economic goods.

[ 17 ] Was folgt denn daraus? Ich sage ausdrücklich: Dieselbe Strenge der Beweisführung kann in dem einen Fall wie in dem anderen Fall stattfinden; das heißt, es kann in dem einen oder in dem anderen Fall das Folgende eintreten. Karl Marx hat das eine vertreten. Es könnte einer kommen, der ebenso streng bewiese, daß nur geistige Arbeit wirtschaftliche Güter erzeuge. Es ist nur durch die materialistischen Verhältnisse der neueren Zeit bedingt, daß nicht ein solcher Marx aufgetreten ist für spirituelle Verhältnisse, wie Marx aufgetreten ist für die materiellen Verhältnisse. Beide aber, wenn sie aufgetreten wären, hätten Anhänger gewinnen können. Karl Marx hat ja genug Anhänger gewonnen; der andere hätte auch Anhänger gewinnen können. Die Ausführungen von beiden könnten auf dieselbe strenge Beweisführung hinweisen, die Sie heute finden, wenn die Leute, selbstverständlich immer im guten Glauben, in modernen Versammlungen diese oder jene Reformfragen behandeln. Da wird meistens alles sehr streng bewiesen, denn man ist heute sehr gescheit. Oder wenn die Leute auf den Kathedern dies oder jenes beweisen, es wird alles streng bewiesen. Aber man kann das Entgegengesetzte ebenso streng beweisen. Das will man eben gerade nicht glauben, daß der logische Beweis nicht etwas ist, was das Leben tragen kann, sondern daß zu dem logischen Beweis oder zu demjenigen, was doch nur aus dem logischen Beweis gewonnen ist, hinzukommen muß Wirklichkeitssinn, Verbundensein mit der Wirklichkeit. Nur aus dem Leben heraus läßt sich das Leben halten, nicht aus den intellektualistisch orientierten Beweisen. Nur dem Umstande, daß die Instinkte der Menschen in den letzten drei bis vier Jahrhunderten materialistisch orientiert waren, ist es zuzuschreiben, daß just die Beweisführung auf materialistischer Seite so streng geworden ist wie im Marxismus. Man kommt in der Regel mit Widerlegungen ja nicht zurecht, weil es bei Beweisen sich nicht darum handelt, daß man etwas beweist, sondern daß der andere den Beweis annehme. Die Annahme des Beweises aber beruht nicht auf der Logik des Beweises, sondern — so wie nun einmal die Menschen sind, wenn sie nicht in Geisteswissenschaft eindringen — sie beruht auf gewissen Instinkten, auf Gewohnheiten, insbesondere auch auf Denkgewohnheiten. Und so muß man sagen: Das Leben wird uns heute verwirrt dadurch, daß die Seelen nicht heraus wollen aus ihrem Schlafe gegenüber den Impulsen der Wirklichkeit, daß die Seelen vor allen Dingen nicht durchdringen wollen dazu, sich zu sagen: Es kommt darauf an, den richtigen Gesichtspunkt zu finden, nicht von jedem beliebigen Gesichtspunkt aus die Welt anzuschauen.

[ 17 ] What, then, follows from this? I state explicitly: The same rigor of reasoning can apply in one case as in the other; that is to say, the following can occur in either case. Karl Marx advocated one position. Someone could come along who proved just as rigorously that only intellectual labor produces economic goods. It is only due to the materialistic conditions of modern times that no such Marx has emerged to advocate for spiritual conditions, just as Marx emerged to advocate for material conditions. But both, had they emerged, could have gained followers. Karl Marx certainly gained enough followers; the other could have gained followers as well. The arguments of both could point to the same rigorous line of reasoning that you find today when people—always in good faith, of course—discuss this or that reform issue in modern gatherings. There, everything is usually proven very rigorously, for people today are very clever. Or when people at the lecterns prove this or that, everything is rigorously proven. But one can prove the opposite just as rigorously. What people simply refuse to believe is that logical proof alone is not something that can sustain life, but that logical proof—or that which is derived solely from logical proof—must be supplemented by a sense of reality and a connection to reality. Life can be sustained only from within life itself, not from intellectually oriented proofs. It is solely due to the fact that human instincts have been materialistically oriented over the last three to four centuries that the materialist line of reasoning has become as rigorous as it is in Marxism. As a rule, one cannot really cope with refutations, because proof is not about proving something, but about the other person accepting the proof. The acceptance of proof, however, does not rest on the logic of the proof itself, but—as is simply the nature of human beings when they do not delve into spiritual science—it rests on certain instincts, on habits, and in particular on habits of thought. And so one must say: Life today is confused for us by the fact that souls do not want to awaken from their slumber in the face of the impulses of reality, that souls, above all, do not want to penetrate to the point of telling themselves: What matters is finding the right point of view, not viewing the world from just any point of view.

[ 18 ] Heute handelt es sich darum, daß man einen Gesichtspunkt gewinne, der nicht mehr Vorurteile in dem Sinne hervorruft, daß man eine einseitige Beweisführung für richtig hält, sondern der gestattet, das Leben so universell zu übersehen, daß man wirklich das Gewicht der einen Gründe, wie auch das Gewicht der Gründe auf der Gegenseite abwägen kann. Man muß heute einsehen, wieviel für sich haben die Gründe auf der einen Seite, auf der materialistischen Seite, und wieviel für sich haben die Gründe auf der spirituellen Seite. Das heißt, niemals war es so notwendig wie gegenwärtig, daß die Menschen keine Fanatiker seien. Aber der Fanatismus, der heute geradezu eine Zeiterscheinung ist, kann nur überwunden werden, wenn der Mensch in sich selber eröffnet den Quell, der ihn zu einer wirklichen Einsicht in die geistigen Zusammenhänge der Welt führt. Daher ist die Befruchtung unserer abendländischen Zivilisation mit den Ergebnissen der Geisteswissenschaft eben eine so eminente Notwendigkeit. Man kann also sagen in strenger Beweisführung, wenn man will — darauf kommt es immer an, daß man will —, man kann sagen, geistige Arbeit gerinne in das Produkt. Man kann auch sagen, körperliche Arbeit gerinne in das Produkt. Aber womit hat man es denn in Wirklichkeit zu tun? In Wirklichkeit hat man es damit zu tun, daß gewisse Vorgänge in der äußeren Welt von den Menschen in einer gewissen Weise geleistet werden. Nehmen Sie an, ich pflücke einen Apfel vom Baum. Das ist eben doch etwas, was auch als ein Addend in der Summe wirtschaftlicher Zusammenhänge etwas zu tun hat. Man muß ja sehen, welche Elemente die Wirklichkeit zusammensetzen. Wenn ich einen Apfel vom Baum pflücke, so rufe ich eine Veränderung in der Außenwelt hervor, eine Metamorphose: Erst ist der Apfel auf dem Baum oben, dann liegt er vielleicht in meinem Körbchen drin. Diese Veränderung habe ich hervorgerufen. Gewiß, es hat sich in mir ein Vorgang abgespielt, im Verlauf dessen auch körperliche Kraft verbraucht worden ist, die wieder ersetzt worden ist. Aber wenn ich in derselben Zeit, in der ich den Apfel gepflückt hätte, ein paar Schritte meines Spazierganges gemacht hätte, hätte ich ebenso die Kraft verbraucht. Es handelt sich nicht darum, was in mir geschieht, und es kann sich im nationalökonomischen Zusammenhang nicht um irgend etwas handeln, was auf den menschlichen Organismus Bezug hat. Es kann sich nicht darum handeln, die Frage aufzuwerfen: Was hat der Mensch zu bekommen, weil er Ersatz zu leisten hat für verbrauchte körperliche Kraft? —, sondern es kann sich lediglich darum handeln: Welche innere Bedeutung kommt jener Metamorphose zu, die sich im Grunde genommen ganz außerhalb des Menschen vollzieht, die er nur dirigiert, die er nur leitet, jener Metamorphose, daß der Apfel zuerst auf dem Baum oben und dann in seinem Körbchen ist? Denken Sie einmal, Sie zeichneten den ganzen Vorgang, oder malten ihn. Sie malen den Baum, daneben den Menschen. Sie malen jetzt, wie der Mensch seine Hand ausstreckt, eine Leiter aufstellt und seine Hand ausstreckt, den Apfel pflückt, und malen dann, wie er ihn ins Körbchen tut. Jetzt machen Sie sich einmal, sagen wir, das Vergnügen: Sie radieren den Menschen ganz aus, Sie radieren alles dasjenige weg, was Ihre Malerei vom Menschen war, und betrachten bloß dieses objektiv außerhalb des Menschen Vor-sich-Gehende: der Apfel ist oben, bewegt sich herunter, ist im Körbchen drinnen; Sie haben den Menschen ganz ausgeschaltet. Den Vorgang, der aber im Leben volkswirtschaftlich in Betracht kommt, den haben Sie da streng ins Auge gefaßt. Der ist darinnen geblieben, um den handelt es sich, wenn es sich um eine wirtschaftliche Betrachtung handelt. Und jedesmal wird die rein wirtschaftliche Betrachtung auf einen falschen Boden gestellt, wenn man in die wirtschaftliche Betrachtung den Verbrauch der Lebenskraft oder Körperkraft und dergleichen einschaltet, wie es Lassalle, wie es Marx, wie es aber auch fast alle anderen akademischen Nationalökonomen tun.

[ 18 ] Today, the issue is to adopt a perspective that no longer gives rise to prejudices—in the sense of considering a one-sided line of reasoning to be correct—but rather one that allows us to view life so comprehensively that we can truly weigh the merits of one side’s arguments as well as those of the opposing side. Today, one must recognize how much merit the arguments on one side—the materialistic side—have, and how much merit the arguments on the spiritual side have. In other words, it has never been as necessary as it is now for people not to be fanatics. But fanaticism, which is virtually a phenomenon of our time, can only be overcome if people open up within themselves the source that leads them to a true understanding of the spiritual interconnections of the world. That is why the enrichment of our Western civilization with the findings of spiritual science is such an eminent necessity. So one can say, using strict logic if one wishes—and it always comes down to whether one wishes to—one can say that spiritual work is embodied in the product. One can also say that physical work is embodied in the product. But what are we actually dealing with? In reality, we are dealing with the fact that certain processes in the external world are carried out by human beings in a certain way. Suppose I pick an apple from a tree. This is, after all, something that also plays a role as a component in the sum of economic relationships. One must, of course, see what elements make up reality. When I pick an apple from a tree, I bring about a change in the external world, a metamorphosis: first the apple is up in the tree, then it may be lying in my basket. I have brought about this change. Certainly, a process has taken place within me, during which physical energy was expended and subsequently replenished. But if, during the same time I would have spent picking the apple, I had taken a few steps on my walk, I would have expended that same amount of energy. The point is not what happens within me, and in the context of national economics, it cannot be about anything related to the human organism. It cannot be a matter of raising the question: What should a person receive because they must compensate for expended physical energy? — but it can only be a matter of: What inner significance does that metamorphosis hold, which essentially takes place entirely outside of the human being—a process they merely direct and guide—that metamorphosis whereby the apple is first high up on the tree and then in their basket? Imagine for a moment that you were to sketch the entire process, or paint it. You paint the tree, with the person beside it. You now paint how the person reaches out, sets up a ladder, reaches out again, picks the apple, and then paint how he places it in the basket. Now, let’s say, treat yourself to the pleasure of: Erase the person entirely; erase everything in your painting that pertained to the person, and consider only this objective process unfolding independently of the person: the apple is up there, moves down, and ends up in the basket; you have completely eliminated the person. But you have strictly focused on the process that matters from an economic perspective in real life. That has remained within it; that is what matters when it comes to an economic analysis. And every time the purely economic analysis is placed on a false foundation, it is when one incorporates the consumption of vital energy or physical strength and the like into the economic analysis, as Lassalle does, as Marx does, and as almost all other academic economists do as well.

[ 19 ] Dasjenige also, worauf es ankommt, das ist, daß wir da, wo es sich um wirtschaftliche Zusammenhänge handelt, den Menschen ausschalten können. Wir müssen dann diesen ausgeschalteten Menschen wiederum für sich betrachten können. Da kommen wir dann zu anderen Zusammenhängen, zu den Zusammenhängen, welche auf einem anderen Boden stehen. Indem wir sagen: Ja, die Menschen müssen aber doch arbeiten, sonst fallen die Apfel nicht von den Bäumen in die Körbchen hinein! — indem wir dieses aussprechen, merken wir: Jetzt können wir den Menschen nicht wegradieren! Aber wir können vor allen Dingen seine Seele nicht wegradieren, wenn er noch Mensch bleiben soll. Wenn der Mensch eben Mensch bleiben soll, so muß der Antrieb zur Arbeit in ihm selbst liegen. Er kann nicht Mensch bleiben, wenn man einen Apparat ersinnt, durch den er so langsam durch irgendwelche technischen Vorgänge hingetrieben wird zu der Leiter, dort sein Arm in die Höhe gehoben wird, die Finger gebogen werden und so weiter, oder wenn man von Staates wegen Arbeitszwang einführen würde; beides kommt ja im Grunde genommen auf dasselbe hinaus. Es handelt sich darum, daß der Impuls im Inneren des Menschen liegen muß. Er wird nicht im Inneren des Menschen liegen, wenn er nicht entzündet wird durch das Verhältnis, durch den Verkehr von Mensch zu Mensch.

[ 19 ] What really matters, then, is that when it comes to economic relationships, we can set people aside. We must then be able to consider these “set-aside” people in and of themselves. This brings us to other relationships—relationships that are grounded in a different context. When we say: “But people have to work, otherwise the apples won’t fall from the trees into the baskets!”—when we say this, we realize: Now we can’t erase the human being! But above all, we cannot erase his soul if he is to remain human. If a person is to remain human, the impulse to work must lie within him. They cannot remain human if one devises a machine through which they are slowly driven by some technical processes to a ladder, where their arm is raised, their fingers bent, and so on, or if the state were to introduce compulsory labor; both amounts to essentially the same thing. The point is that the impulse must lie within the human being. It will not lie within the human being unless it is kindled by relationships, by human interaction.

[ 20 ] Sie sehen, man kommt auch in der Betrachtung auf ein ganz anderes Gebiet als dasjenige, was das wirtschaftliche Gebiet war, wenn man zu dem Antriebe der Arbeit übergeht. Wenn es sich um den Antrieb zur Arbeit handelt, so können Sie nicht absehen vom Menschen, Sie können aber auch nicht absehen von dem Innersten des Menschen. Wenn Sie wirklichkeitsgemäß diese Sache verfolgen, dann werden Sie eben finden: Es ist so radikal verschieden das eine, was ich erwähnt habe, der wirtschaftliche Vorgang, von dem, was eigentlich zur Arbeit führt, was der Impuls der Arbeit ist, daß diese Verschiedenheit in der sozialen Wirklichkeit selbst wurzeln muß.

[ 20 ] You see, when you turn to the motivation for work, your analysis leads you into a completely different realm than the economic one. When it comes to the motivation for work, you cannot ignore the human being, nor can you ignore the innermost being of the human being. If you examine this matter realistically, you will find that what I have mentioned—the economic process—is so radically different from what actually leads to work, from the impulse to work, that this difference must be rooted in social reality itself.

[ 21 ] Nun gibt es ja viele Denkweisen, um zur Dreigliederung des sozialen Organismus zu kommen. Aber man sollte viele Denkwege gehen, denn der Mensch braucht heute einen starken Antrieb, er ist so denkschläfrig! Sie werden vor allen Dingen finden, daß dieses Gestrüpp von Vorstellungen, welches alles zusammenschweißen möchte, was wirtschaftliches, rechtlich-staatliches, was Geistesleben ist, durchaus ersprossen ist aus dem Materialismus, der aber zu gleicher Zeit, indem er als Weltanschauung entsteht, auch die Seele bindet an die körperlichen Vorgänge, damit aber diese Seele auch passiv macht, diese Seele in ihrer Aktivität ertötet. Wir sind nicht etwa bloß materialistisch geworden, theoretisch materialistisch, wir sind materiell geworden. Der Mensch kann deshalb nicht durch eine Umänderung seiner Denkweise allein aus der Katastrophe sich heraus winden, in der er sich heute befindet, sondern er kann nur durch einen Ansporn seines Willens sich herauswinden. Denn der Wille ist dasjenige, was zunächst als erstes Seelisches unabhängig ist vom Leiblichen und nicht ganz, wenn er überhaupt in Anwendung kommt, an das Leibliche gespannt werden kann. Denn in jedem Augenblicke, in dem ich irgendein Äußeres tue, wird mir der unmittelbar anschauliche Beweis geliefert, daß der Wille von dem Materiellen des Leibes unabhängig ist. Denn der Wille ist tätig in dem Herabnehmen des Apfels vom Baum und dem Hineinlegen des Apfels in das Körbchen. Dasjenige, was der Mensch ißt, kann ich von dem rein wirtschaftlichen Prozesse ausschalten; den Willen der Menschen kann ich nicht ausschalten.

[ 21 ] Now, there are, of course, many ways of thinking that lead to the threefold structure of the social organism. But we should explore many different lines of thought, for people today need a strong impetus—they are so mentally sluggish! Above all, you will find that this tangle of ideas—which seeks to fuse together everything that is economic, legal-political, and spiritual—has sprung entirely from materialism; yet at the same time, as it emerges as a worldview, it also binds the soul to physical processes, thereby rendering the soul passive and stifling its activity. We have not merely become materialistic—theoretically materialistic—we have become material. Human beings cannot, therefore, extricate themselves from the catastrophe in which they find themselves today merely by changing their way of thinking; rather, they can extricate themselves only through a spur to their will. For the will is that which, as the first aspect of the soul, is independent of the physical and—even when it is put into action—cannot be entirely subjugated to the physical. For at every moment when I perform any external action, I am provided with immediate, tangible proof that the will is independent of the physical body. For the will is active in plucking the apple from the tree and placing the apple in the basket. I can exclude what a person eats from the purely economic process; I cannot exclude human will.

[ 22 ] Ich wollte Ihnen damit heute nur wiederum eine Art des Gedankenganges angeben, durch den Sie die tiefe Berechtigung dieser Dreigliederungsideen finden können. Zunächst habe ich Ihnen gezeigt, wie ganz verschieden der Impuls der Arbeit ist von alldem, was ins Wirtschaftsleben eingeschlossen ist. Sie wissen ja, daß er im dreigliedrigen Organismus auf staatlich-rechtlichem Gebiete liegen soll. Aber wenn Sie nach anderen Richtungen hin die heute angeregten Gedankengänge verfolgen, nach der Richtung zum Beispiel, wie verworren die Vorstellungen werden mit Bezug auf den Anteil der körperlichen Arbeit und der geistigen Arbeit bei der Erzeugung des Produktes — wenn man so denkt, wie die letzten drei bis vier Jahrhunderte die Menschen denken gelernt haben —, dann werden Sie auch sehen, wie dieser Denkknäuel, der da entstanden ist, auch wiederum dann verwirrend wirkt, wenn man das geistige Leben rein absondern will vom rechtlichen und wirtschaftlichen Leben. Denn irgendeine Wirkensnotwendigkeit liegt nicht vor, wenn man die Anschauung hat, daß der Mensch eben in der Arbeit Körperkraft verbraucht, die ihm ersetzt werden muß durch den Lohn. Das haben wir ja gesehen, daß eine solche Wirkensnotwendigkeit nicht vorliegt. Wie kommt man denn dazu, einen solchen Gedankengang zu hegen? Wie kommt man dazu, diese Idee überhaupt aufzustellen? Man kommt aus materialistischen Untergründen dazu. Man kann sich in seinem Denken nicht loslösen von der Materie. Man kann nicht finden etwas, was vom Menschen ausgeht und was unabhängig ist von seinem Leibe. So wird man gekettet mit seinen Ideen an den Leib. Die Nationalökonomie wird materialistisch gekettet an den Leib. Weil sie die rein geistigen Zusammenhänge in der Außenwelt im wirtschaftlichen Leben nicht sehen kann, wird sie abgelenkt auf den rein materiellen Vorgang des Körperkraftverbrauches und des Ersatzes: Kraft abgeben, Kraft aufnehmen, Kraft abgeben, Kraft aufnehmen und so weiter! Man will sich ganz im Materiellen bewegen und kann deshalb auf nichts anderes kommen als gewissermaßen auf die Einschaltung des Menschen als Maschine in den nationalökonomischen Organismus.

[ 22 ] My intention today was simply to present you once again with a line of thought through which you can discover the profound validity of these ideas of threefolding. First, I have shown you how very different the impulse of work is from everything else that is part of economic life. As you know, in the threefold social order, this impulse is to be found in the realm of the state and law. But if you follow the lines of thought suggested today in other directions—for example, toward how confused our conceptions become regarding the proportion of physical labor and intellectual labor in the production of a product—if one thinks in the way people have learned to think over the last three to four centuries— then you will also see how this tangled web of thought that has arisen has a confusing effect when one attempts to separate spiritual life entirely from legal and economic life. For there is no practical necessity whatsoever in holding the view that a person simply expends physical energy in work, which must then be compensated for by wages. We have seen, after all, that no such practical necessity exists. How, then, does one come to harbor such a line of thought? How does one come to formulate this idea in the first place? One arrives at it from materialistic foundations. One cannot detach oneself from matter in one’s thinking. One cannot find anything that emanates from the human being and is independent of the body. Thus, one becomes chained to the body through one’s ideas. Political economy is chained to the body in a materialistic way. Because it cannot perceive the purely spiritual interrelationships in the external world of economic life, it is diverted to the purely material process of physical energy expenditure and replenishment: expending energy, replenishing energy, expending energy, replenishing energy, and so on! One seeks to operate entirely within the material realm and can therefore arrive at nothing other than, so to speak, the incorporation of the human being as a machine into the economic organism.

[ 23 ] Es ist heute schon so, daß wir nicht etwa aus den Einrichtungen heraus in der Katastrophe drinnenstecken, sondern daß wir aus dem tiefsten Denken und Empfinden und den Willensimpulsen der Menschen heraus in der Katastrophe drinnenstecken, und daß es im eminentesten Sinne notwendig ist, daß man abkomme von dem Vorurteil, als ob durch bloße Einrichtungen irgendwie ein sozialer Aufschwung geschehen könne. Es ist dringend notwendig, daß man einsehe, daß ein sozialer Aufschwung nur geschehen kann durch eine Umwandlung der Denk- und -Empfindungsrichtung der Menschen, durch ein Ausrotten von alten Denkgewohnheiten, die drohen, uns immer tiefer und tiefer in den Niedergang hineinzubringen. Man muß sich geradezu daran gewöhnen, mit einem gewissen tiefsten Interesse das zu verfolgen, was in den Gedanken der Gegenwartsmenschheit lebt. Man wird einmal finden, wie es nichts nützt, diese Gedanken nach irgendeiner Richtung hin fortzusetzen, sondern wie es lediglich darauf ankommt, auf dem wichtigsten Gebiete heute diese Gedankenrichtungen zu verlassen und neue Gedankenrichtungen aufzunehmen. Die können aber nur aus der tiefsten Grundlage der menschlichen Natur selbst hervorgehen. Und sie können nur dadurch in die Kultur der Menschheit hineinkommen, daß Impulse, die ursprünglich sind, die elementar sind, wirklich von den Menschen berücksichtigt und aufgenommen werden. Aber solche Impulse können eben heute doch nur innerhalb derjenigen Wissenschaft vom Geistigen liegen, die anthroposophisch orientiert ist. Wir brauchen eine neue Menschheitserkenntnis, denn die alte Menschheitserkenntnis hat selbst auf einem solchen Gebiete, wie das ist, was ich Ihnen heute charakterisiert habe, zum Irrtum geführt. Die alte Anschauung ist auch schon im Praktischen so weit, den Menschen als Maschine anzusehen und die Absurdität des Gedankens nicht zu erkennen, daß es eine volkswirtschaftliche Kategorie sei, menschliche Körperkraft zu verbrauchen und sie durch den Lohn als Äquivalent ersetzen zu sollen. Das alles beruht darauf, daß man innerhalb der heutigen Denkweisen den Menschen überhaupt nicht kennen kann und daß man nötig hat, Menschenkenntnis im tiefsten Sinne des Wortes zu erringen. Das wird aber nur möglich sein, wenn unsere ganze Denkungsweise anthroposophisch orientiert wird.

[ 23 ] It is already the case today that we are not caught up in this catastrophe because of institutional structures, but rather because of the deepest thoughts, feelings, and impulses of the human will; and it is absolutely essential, in the truest sense of the word, that we move away from the prejudice that a social revival can somehow come about through institutional structures alone. It is urgently necessary to recognize that a social revival can only come about through a transformation of the way people think and feel, through the eradication of old habits of thought that threaten to drag us deeper and deeper into decline. We must, in fact, accustom ourselves to following with the deepest interest what lives in the thoughts of contemporary humanity. We will eventually discover that it is of no use to carry these thoughts forward in any particular direction, but rather that what matters most today is to abandon these lines of thought in the most crucial areas and to embrace new ones. But these can arise only from the deepest foundations of human nature itself. And they can enter human culture only when impulses that are primordial and elemental are truly taken into account and embraced by people. Yet today, such impulses can lie only within that science of the spiritual which is anthroposophically oriented. We need a new understanding of humanity, for the old understanding of humanity has led to error even in a field such as the one I have described to you today. The old view has already gone so far in practical terms as to regard human beings as machines and to fail to recognize the absurdity of the idea that it is an economic category to consume human physical labor and to replace it with wages as an equivalent. All of this stems from the fact that, within today’s ways of thinking, it is impossible to truly understand human beings, and that we need to attain an understanding of human nature in the deepest sense of the word. But this will only be possible if our entire way of thinking is oriented toward anthroposophy.