Heilfaktoren für den sozialen Organismus
GA 198
18 Juli 1920, Dornach
Siebzehnter Vortrag
[ 1 ] Gestern versuchte ich, die ganze Bedeutung des Ernstes anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft dadurch vor Ihnen aufzurollen, daß ich mich bemühte, zu zeigen, welcher Unterschied besteht zwischen bloß abstrakten Vorstellungen und Begriffen und demjenigen, was auch in der Seele in der Form von Vorstellungen und Begriffen entsteht, was auch die Gestalt von Vorstellungen und Begriffen annimmt, dann aber Realität ist, Wirklichkeit ist. Es handelt sich darum, daß man in aller Stärke einsieht, wie der Mensch, indem er immer mehr und mehr durch seine materialistische Gesinnung, dadurch, daß er sich ganz abwendet von geistigen Begriffen, sich nur beschäftigt mit Begriffen des Natürlichen und so weiter, immer ähnlicher und ähnlicher sich macht dem Materiellen, wie er tatsächlich mehr und mehr hinuntersteigt in dieses Materielle, so daß es zuletzt nicht mehr falsch ist, wenn er behauptet, das Materielle seines Leibes denke, sein Gehirn denke, sondern daß sogar das das Richtige ist, daß der Mensch tatsächlich eine Art Automat des Weltenalls wird und nach und nach durch das Verleugnen des Geistig-Seelischen auch das Verlieren dieses Geistig-Seelischen eintritt. Ich sagte, daß dies natürlich für viele eine unbequeme Weltanschauung ist, und daß viele diese Weltanschauung für etwas halten, das sie durchaus nicht annehmen wollen aus dem Grunde, weil sie glauben, der Mensch könne ohne sein Zutun irgendwie auf die Dauer sein Geistig-Seelisches gerettet bekommen. Das ist aber nicht der Fall. Der Mensch kann eben so stark in das Materielle hinein aufgehen, daß er sich losschnürt von dem Geistig-Seelischen, daß er in die ahrimanischen Mächte hinein sich versenkt und mit den ahrimanischen Mächten in einer unserer Welt fremden Weltenströmung weitergeht, aber ohne sein Ich, das ja nicht zur ahrimanischen Welt gehören kann, sondern das nur seine wirkliche Entwickelung finden kann, wenn der Mensch der normal fortschreitenden Evolution folgt, das heißt, wenn er sich verbindet mit alledem, was zusammenhängt mit dem Mysterium von Golgatha; wenn er vor allen Dingen in unserer Zeit erkennt, wie man den Zusammenhang zu suchen hat mit dem, was durch geistige Forschung an die Menschheit herangebracht werden kann. Es ist ja in dieser Menschheitsevolution seit der Mitte des 15. Jahrhunderts für unser Abendland der Zeitabschnitt eingetreten, in welchem der Mensch, wenn er hinausschaut in seine Umgebung, nur die sinnliche Welt wahrnimmt. Und wenn er in sich hineinschaut, wird er seit dieser Mitte des 15. Jahrhunderts immer mehr und mehr dazu verleitet, die inneren Seelenerlebnisse zu verabstrahieren, zu intellektualisieren, sie dünn zu machen.
[ 2 ] Was wir heute erleben als Begriffe, was wir für unsere Weltanschauung aus den gebräuchlichen offiziellen Wissenschaftlichkeiten heraus bekommen, das enthält im Grunde genommen gar keine Beziehung zum Dasein. Das kann auch nicht dazu verwendet werden, in die Wirklichkeiten einzudringen. Es ist nur ein Vorurteil, wenn man glaubt, daß der Mensch, indem er sich die gewöhnlichen abstrakten Gedanken macht, eigentlich seelisch lebt. Diese abstrakten Gedanken sind eigentlich ein wirklichkeitsfremdes Element, sind bloß eine Summe von Bildern, so daß wir sagen können: Außen sieht der Mensch die Sinneswelt und innen sieht der Mensch dasjenige, was im Grunde genommen nur Bilderwelt ist, was im Grunde genommen kein wirkliches Verhältnis zum Dasein hat. — Das ist eigentlich das Schicksal der Menschheit seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, außen die Sinneswelt wahrzunehmen - und wir werden gleich sehen, was diese Sinneswelt gegenüber der Gesamt-Weltauffassung für eine Bedeutung hat — und innen zu erleben ein immer mehr und mehr zum bloßen Bild werdendes Seelisches. Man kann die Frage aufwerfen: Warum ist denn die Menschheit der zivilisierten Welt seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in bezug auf das seelische Dasein immer mehr und mehr zum bloßen Bild geworden? Das ist so aus dem Grunde, weil nur dadurch der Mensch aufsteigen kann zu einer wirklichen Freiheit.
[ 3 ] Sehen wir uns, um das zu verstehen, einmal unsere Welt, so wie sie uns heute vorliegt, und wie wir selbst drinnen stehen, näher an. Sehen Sie einmal ab von dem Menschen selbst in der ganzen weiten Welt, sehen Sie auf alles dasjenige, was sich in der ganzen weiten Welt findet, sagen wir als Wolken, Berge, Flüsse, als die Gebilde des mineralischen, des pflanzlichen, des tierischen Reiches, und fragen wir uns: Was ist denn eigentlich in dem ganzen Umkreise dessen, was man so bezeichnen darf, wie ich es eben getan habe? — Wollen wir uns einmal schematisch das aufzeichnen, um was es sich da handelt. Sagen wir: Alles dasjenige, was wir über uns sehen können (siehe Zeichnung, oben), alles dasjenige, was sich als Mineralisches (rot), als Pflanzliches (grün) und bis zu einem gewissen Grade auch als tierisches Leben um uns ausbreitet - von dem Menschen sehen wir dabei ab, was es ja natürlich in Wirklichkeit gar nicht geben kann, was wir uns eben hypothetisch vor die Seele führen können -, also wir stellen uns vor, das sei die menschenentblößte Natur. Da, in dieser ganzen menschenentblößten Natur, gibt es keine Götter. Das ist dasjenige, was durchschaut werden muß! Es gibt in dieser menschenentblößten Natur ebensowenig Götter, wie es in der abgesonderten Austernschale die Auster gibt oder in der abgesonderten Schneckenschale die Schnecke gibt. Diese ganze Welt, von der ich Ihnen jetzt hypothetisch gesprochen habe, bei der wir absehen vom Menschen, sie ist dasjenige, was die Götterwesen im Laufe der Entwickelung abgesondert haben, wie die Auster ihre Schale absondert. Aber die Götter, die geistigen Wesen, sind nicht mehr darinnen, so wenig wie die Auster oder die Schnecke in ihren abgesonderten Schalen sind. Was wir als die Welt, die ich bezeichnet habe, um uns haben, ist ein Vergangenes. Indem wir hinschauen auf die Natur, schauen wir auf die Vergangenheit des Geistigen hin und auf das, was aus dieser Vergangenheit des Geistigen als ein Rückstand geblieben ist. Daher gibt es auch keine Möglichkeit, zu einem wirklich religiösen Bewußtsein bloß durch die Anschauung der Außenwelt zu kommen; denn man soll nur ja nicht glauben, daß in dieser Außenwelt irgend etwas vorhanden ist von dem, was die eigentlich menschheitsschöpferischen geistig-göttlichen Wesen sind. Elementarwesen, gewiß, niedere geistige Wesenheiten, das ist etwas anderes; aber dasjenige, was eigentlich die schöpferischen geistigen Wesenheiten sind, die in das religiöse Bewußtsein als solches einzugehen haben, das gehört dieser Welt nur insofern an, als diese Welt die Schale davon ist, das Residuum, der Rückstand.
[ 4 ] Solche Dinge wie das eben Berührte werden ja manchmal von einzelnen hervorragenden Persönlichkeiten wie ernste Wahrheiten gefühlt, die in der Seele solcher Persönlichkeiten aufgehen. Derjenige, der in der geistigen Entwickelung des 19. Jahrhunderts am tiefsten gefühlt hat, wie das, was als Natur den Menschen umgibt, ein Rückstand göttlich-geistiger Entwickelung ist, das ist Philipp Mainländer, der durch die ganze Schwere dieser Erkenntnis zu seiner Philosophie des Selbstmordes gekommen ist und dann auch im Selbstmord geendet hat. Es ist manchmal das Schicksal der Menschen, in solche einseitigen Wahrheiten sich zu vertiefen durch ihr Karma. Dann wird auch dieses Schicksal selbst für eine Inkarnation einseitig und schwierig; so bei Philipp Mainländer, dem unglücklichen deutschen Philosophen.
[ 5 ] Nun können Sie, nachdem Sie das in sich aufgenommen haben, was wir von dieser hypothetischen äußeren Natur sagen müssen, fragen: Wo sind denn dann die Götter, diejenigen Götter, von denen wir als den eigentlich schöpferischen sprechen müssen? — Da muß ich Ihnen die schematische Zeichnung anders machen, da muß ich Ihnen schematisch den Menschen hineinzeichnen und in den Menschen die Götter. Wenn ich mich so ausdrücken darf: Innerhalb der menschlichen Haut, in den menschlichen Organen sind die eigentlich schöpferischen Götter (siehe Zeichnung: O). Die Menschen sind in ihrer Wesenheit die Träger des gegenwärtigen Göttlich-Geistigen. Also das GöttlichGeistige, das auch das eigentlich Schöpferische in der Gegenwart ist, es ist in dem Menschen drinnen. Und wenn Sie heute sich die ganze äußere Natur vorstellen und dann sich denken eine Zukunft, die so und so viele Tausende von Jahren vor uns liegt, es wird nichts da sein von diesen Wolken, von diesen Mineralien, von diesen Pflanzen und selbst von den Tieren. Es wird nichts da sein von alledem, was außerhalb der menschlichen Häute in der Natur lebt. Aber das wird seine Fortentwickelung gewinnen, was die menschliche Organisation im Inneren durchgeistigt und beseelt, das wird Zukunft sein.
[ 6 ] Soll ich das schematisch zeichnen, so müßte ich sagen: Wenn das die Natur ist (großer Kreis), das der Mensch (kleiner Kreis) und das im Inneren des Menschen das Menschlich-Göttliche, so wird die Natur zerstoben sein in der Zukunft (Strahlen). Der Mensch wird zur Welt erweitert sein, und dasjenige, was heute in ihm ist, wird seine äußerliche Umgebung sein (rot), wird selber dann Natur sein.
[ 7 ] Die Einsicht in die Tatsache, daß das Göttlich-Geistige, das wir als wirklich Schöpferisches der Gegenwart anzusprechen haben, innerhalb der menschlichen Häute liegt, das ist eine ungemein ernste Erkenntnis. Denn das legt dem Menschen eine Verantwortlichkeit auf gegenüber dem ganzen Weltenall. Es macht dieses den Menschen fähig, zu verstehen so etwas wie ein Christus-Wort: «Himmel und Erde werden vergehen», das heißt, die äußere Welt, «aber meine Worte werden nicht vergehen.» Und wenn das Paulinische Wort sich in dem einzelnen Menschen erfüllt: «Nicht ich, sondern der Christus in mir», so leben wiederum die Worte des Christus in dem einzelnen Menschen: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte» in dem einzelnen Menschen, das heißt: dasjenige, was innerhalb der menschlichen Haut ist und von dem Christus aufgenommen wird, «werden nicht vergehen.»
[ 8 ] Aber worauf weist denn dasjenige, was ich gesagt habe, hin? Es weist darauf hin, daß der Mensch durch seine abstrakten Begriffe, durch dasjenige, was er intellektualisiert, in seinem Inneren sich seit der Mitte des 15. Jahrhunderts gewissermaßen leer macht. Wozu macht er sich denn leer? Er macht sich leer, gerade um den Christus-Impuls, das heißt, das Schöpferisch-Göttliche in sein Inneres aufzunehmen. Wir schauen in die äußere Welt, sagte ich, wir sehen nur das Sinnliche. Da sehen wir nur göttliche Vergangenheit. Unter dem, was aus dieser göttlichen Vergangenheit geblieben ist, sind auch die Elementargeister und so weiter, die auf niederen Stufen stehengeblieben sind. Wir sehen in unser Inneres und sehen in diesem Inneren zunächst die bloß bildhaften, abstrakten Begriffe, das immer mehr und mehr Intellektualisierte, das nur dadurch ein Konkretes, ein Reales wird, daß der Mensch den Geistesimpuls durch geistige Wissenschaft aufnimmt und ihn mit seinem Inneren verbindet. Der Mensch hat die Wahl —- und diese Wahl wird immer ernster seit der Mitte des 15. Jahrhunderts —, entweder stehenzubleiben bei den intellektualistischen, abstrakten Begriffen, oder“ aufzunehmen den lebendigen Inhalt der Geisteswissenschaft. Bleibt er stehen bei den intellektualistischen, abstrakten Begriffen, da wird er eine brillante Naturwissenschaft ausbauen, denn diese Begriffe sind tot, und er wird die tote Natur mit den toten Begriffen in einer wunderbaren Weise begreifen. Aber all das macht ihn zur Mumie, all das verähnlicht ihn der Materie, all das führt dazu, daß er im Ahrimanischen untergeht. Zur Fortführung der irdischen Angelegenheiten, zur Fortführung der ganzen Erdenentwickelung braucht er die Aufnahme des Geistigen, das heute nicht atavistisch instinktiv an den Menschen herankommt, sondern das von den Menschen erarbeitet werden muß. So ist die Aufnahme der Geisteswissenschaft nicht eine Theorie, sondern sie ist die Erarbeitung eines Realen. Sie ist die Ausfüllung des sonst leeren Seeleninneren mit spirituellem, mit geistigem Inhalte. Innen leer, außen der Vergangenheit gegenüberstehend, so möchte die Menschheit in ihren Massen heute bleiben, indem sie nur gelten lassen will die Gedankenlogik mit der Experimentierkunst und nicht aufnehmen will, was lebendiges Geistesleben ist. Die Welt steht heute nicht nur vor der Gefahr, im Ahrimanischen unterzugehen, sondern die Welt steht heute vor der Gefahr, daß die Erdenmission verlorengehe.
[ 9 ] Wer das durchdenkt und durchempfindet, der wird den ganzen Ernst erst recht empfinden, der mit der Aneignung der Geisteswissenschaft als solcher verbunden sein soll. Und er wird dann die Erkenntnis nicht gering achten, die Menschenerkenntnis ist. Menschenerkenntnis, sie gibt es innerhalb des heutigen naturwissenschaftlichen Wissens und innerhalb der alten religiösen Traditionen ja gar nicht. Was bieten die alten religiösen Traditionen? Sie lenken den Blick des Menschen in abstrakte, weltfremde Höhen hinauf, sie reden nicht davon, wie die Götter im Inneren der menschlichen Wesenheit doch organisch wohnen. Sie würden diesen Gedanken als einen im eminentesten Sinne ketzerischen erklären. Wollte man heute den traditionellen europäischen und amerikanischen Religionsbekenntnissen beibringen wollen, daß die Götter in den Menschen wohnen, daß das alte Wort ein Wahrheitswort ist: Der menschliche Leib ist der Tempel des Gottes -, sie würden sich aufbäumen gegen solche Ketzerei. Das auf der einen Seite.
[ 10 ] Auf der anderen Seite haben wir eine materialistisch orientierte Naturwissenschaft, die gerade deshalb, weil sie materialistisch ist, die Materie nicht versteht. Was versteht diese Naturwissenschaft von der Funktion des menschlichen Gehirnes? Was versteht diese Naturwissenschaft von der Funktion des menschlichen Herzens und so weiter? Ich habe Ihnen schon öfters gezeigt, habe es auch öffentlich ausgesprochen, daß die materialistische Wissenschaft zum Beispiel der Ansicht ist, das menschliche Herz sei eine Art von Pumpe, welche das Blut in den Leib pumpt. Diese allgemeine, als Universitätswissenschaft gelehrte Herzwissenschaft ist ein einfacher Unsinn, nicht mehr und nicht weniger als ein einfacher Unsinn. Denn es handelt sich nicht darum, daß das Herz eine Pumpe ist, welche das Blut nach allen möglichen Seiten drängt und wiederum zurückgehen läßt, sondern das eigentlich Lebendige ist das zirkulierende Blut. Da, im Blut, in der Blutzirkulation selbst lebt dasjenige, was eben im menschlichen Dasein, in der menschlichen Organisation das eigentlich Bewegende ist, und das Herz ist nichts anderes als der Ausdruck dafür. Da zeigt sich die Bewegung (siehe Zeichnung). Wer im Sinne der heutigen Naturwissenschaft heute davon redet, daß das Herz das Blut in den Körper treibe, der redet ungefähr so, wie wenn einer sagt: Als es zehn Minuten vor neun war, da stand der eine Zeiger so gegen neun, der andere Zeiger über zehn, und diese Zeiger mit dem ganzen Uhrwerk, die haben mich hier auf das Podium heraufgetrieben. — Aber das ist ja nicht so; die Uhr ist nur der Ausdruck für dasjenige, was sich zuträgt! Ebensowenig ist das Herz das Pumpwerk, das bewirkt, daß das Blut durch den Körper getrieben wird, sondern es ist der Ausdruck dafür; es ist eingeschaltet in dieses ganze Bewegungssystem und drückt aus dieses Bewegungssystem.
[ 11 ] Die Naturwissenschaft, wie sie heute allgemein üblich ist, führt ebensowenig in das Innere des Menschen hinein; höchstens macht man das Innere zu einem Äußeren, indem man Leichen seziert. Aber dadurch kommt man ja nicht ins Innere, dadurch kommt man nur dazu, das Innere zu einem Äußeren zu machen; denn in dem Augenblick, wo man innen den Menschen anatomiert, macht man das, was man da erreicht, zu einem Äußeren. Also es handelt sich darum, daß heute im ganzen geistigen Leben keine Neigung vorhanden ist, wirklich ins Innere des Menschen hineinzudringen. Das muß eben Geisteswissenschaft bringen, da muß die Geisteswissenschaft Menschenerkenntnis bringen. Vor dieser Menschenerkenntnis schrecken aber die meisten unserer Zeitgenossen zurück. Warum denn? Weil die religiösen Traditionen der Jahrhunderte die Menschen förmlich umnebelt haben gegenüber jedem wirklichen Erkenntnisstreben. Man bedenke doch nur, welche Nebulositäten, welches Schwimmen in Worten die traditionellen Bekenntnisse den Menschen vorbringen, was sie dann steigern zu der Predigt davon, daß der Mensch nicht erkennen soll das Übersinnliche, sondern es glauben soll, bloß dunkel fühlen soll. Das alles ist dazu angetan, in dem Menschen sogar aus seiner Hoffart, aus seiner Selbstüberschätzung und zu gleicher Zeit aus seiner Trägheit heraus die Idee zu gebären: Über das Göttliche braucht man nicht zu denken, das muß in dunklen Gefühlen und Instinkten aus der Tiefe heraufsteigen. — Es steigt aber dann nichts anderes herauf als die Dünste des Organischen, die sich in Illusionen umsetzen, die dann wiederum verwandelt werden von den auf die Bequemlichkeit zählenden Praktikern und Theologen in allerlei nebulose Dinge.
[ 12 ] Durch Jahrhunderte hindurch wurde der Erkenntnisinstinkt, der einzig und allein den Menschen wirklich vorwärtsbringen kann auf der Bahn der irdischen Entwickelung und hinein in die geistige Entwickelung, unterdrückt. Die Menschen bekommen heute förmlich eine Gänsehaut, wenn sie anfangen sollen, nun Wirklichkeitserkenntnis zu entwickeln und in die geistige Welt sich hinaufzuleben. Aber in demselben Maße, wie man diese Gänsehaut bekommt, in demselben Maße schnürt man sich ab von dem geistig-seelischen Wesen und verähnlicht sich dem Materiellen.
[ 13 ] Man kann sagen, wenn solche Dinge im Ernste in Angriff genommen werden, dann schrecken die Menschen gleich davor zurück; denn heute wird alles doch äußerlich betrachtet. Und ich möchte etwas, was ich schon neulich bemerkt habe, hier noch einmal einschaltend wiederholen. Wir haben in Stuttgart die Waldorfschule begründet. Diese Waldorfschule wurde begründet ganz aus dem Geiste der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft heraus, das heißt, es wurde eine Pädagogik und Didaktik denjenigen vorgetragen, die ausdrücklich für diese Schule ausgewählt worden sind. Da handelt es sich tatsächlich um den Geist, der in diese Pädagogik und Didaktik hineingedrungen ist. Heute kommt es nun sogar schon vor — denn alles, was von uns begründet worden ist, wird eine Sensation -, daß Leute diese Waldorfschule besuchen wollen, in ein paar Stunden sich anschauen wollen, um zu sehen, ob in diesen paar Stunden ihnen irgend etwas entgegentreten könnte, das etwas anderes ist wie in sonstigen Schulen, also auch nur eine Sensation! Aber, den Geist der Waldorfschule lernt man erkennen durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, nicht indern man um Hospitierstunden ansucht, sich hinsetzt und den Unterricht mehr oder weniger stört. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in sich aufzunehmen, das ist eben unbequemer und weniger sensationell, als zu hospitieren, und hospitieren heißt doch im Grunde genommen, es sich bequem machen zu wollen.
[ 14 ] Die Pädagogik und Didaktik, um die es sich da handelt, die rechnet mit den geistigen Welten und sie rechnet vor allen Dingen mit der Präexistenz des Menschen. Wie ist es denn mit dieser Präexistenz des Menschen? Nun, wir denken zurück an unser irdisches Geburtsjahr. Nehmen wir an, wir seien zu dieser Zeit hier (siehe Zeichnung, untere Linie) heruntergestiegen zum irdisch-physischen Leben. Kinder, die viel später geboren werden, sind während dieser Zeit noch oben gewesen in der geistigen Welt, steigen zum Beispiel erst da herab (siehe Zeichnung, obere Linie). Wir waren schon auf der Erde während der Zeit, in der diese Kinder noch oben waren. Sie bringen uns etwas mit, was erlebt worden ist in der geistigen Welt, während wir schon unten in der physischen Welt waren.
[ 15 ] Das kann man bewußt sehen in den Kindern, die man vor sich hat, wenn man mit Pädagogik und Didaktik unterrichtet so, wie in der Waldorfschule unterrichtet werden soll. Da soll man sich lebendig hineinstellen in den Geist des Kindes, das heißt, Praxis im alltäglichen Leben ausbilden für die Realität desjenigen, was in Vorstellungen und Ideen aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft heraus gegeben werden muß. Aber gerade von diesen Dingen wurden eben abgehalten die Menschen durch die traditionellen Religionsbekenntnisse, die vor allen Dingen nicht wollten, daß jene innerliche Aktivität in den Menschen großgezogen werde, die dann auch zu wirklicher Menschenerkenntnis führt und die dem Menschen beibringt die tiefe Wahrheit, daß der Ort der Götter innerhalb der menschlichen Haut selber ist.
[ 16 ] Schauen wir unseren Planeten an von außen. In alledem, was sonst auf dem Planeten ist, ist kein Göttlich-Geistiges. Aus den menschenähnlichen Wesen, die darauf sind, aus ihnen leuchtet das Göttliche vom Planeten her (siehe Zeichnung). Ist es deshalb weniger am Planeten, weil es aus den Leibern der Menschen heraus leuchtet? Sie werden sich auch formalistisch befreunden können mit diesem Gedanken, wenn Sie ihn hinwegnehmen vom irdischen Leben und ihn versetzen auf einen anderen Planeten. Indem Sie hier auf der Erde stehen, werden Sie freilich finden, daß der Gedanke etwas Zwängendes und Drängendes hat, daß Sie und Ihre Mitmenschen die Träger des GöttlichGeistigen sind. Wenn Sie aber hinauflenken seelisch den Blick auf einen anderen Planeten, dann werden Sie den Gedanken schon eher fassen können, daß bei denjenigen Wesen, die dort das höchste Naturreich bilden, die Orte sind, aus denen Ihnen das Göttlich-Geistige entgegenglänzt.
[ 17 ] Der Gedanke, den wir heute entwickelt haben, ergänzt von einer bestimmten Seite her den anderen ernsten Gedanken, den wir gestern haben vor unsere Seele treten lassen. Wir haben gestern den Gedanken vor unsere Seele treten lassen, daß im menschlichen Inneren sich entwickelt dasjenige, was die weitere Realität der Erdenentwickelung bewirken soll, was die Erdenentwickelung weitertragen soll, während es im Willen des Menschen liegt, diese Erdenentwickelung zu hindern: allein die ahrimanische Strömung aufzunehmen. Und heute setzen wir dazu den anderen Gedanken, daß ja eigentlich alles, was um uns herum ist, vergängliche äußere Natur ist, denn es stellt heute schon nur einen Überrest göttlich-geistigen Schaffens dar. Göttlich-geistiges Schaffen, das in der Gegenwart waltend ist und in dieZukunfthinein walten wird, das ist innerhalb der menschlichen Häute vorhanden; so daß es sich zwar paradox ausnimmt, aber doch wahr ist, wenn man sagt: Alles dasjenige, was Augen sehen, was Ohren hören aus der menschlichen Umgebung, das vergeht mit der Erde. Dasjenige allein, was heute lebt in den Räumen, die umschlossen werden von menschlichen Häuten, das lebt zum Jupiter hinüber, das trägt das Erdendasein in die künftigen planetarischen Entwickelungen hinein. — Man wird wieder einen Drang bekommen, nun wirklich kennenzulernen die Beziehung des Menschen zum Weltenall, wenn man die ungeheuer ernste Notwendigkeit ins Auge faßt, Menschenkenntnis zu lernen.
[ 18 ] Der Mensch lebt ja eigentlich zwischen zwei Extremen drinnen. Wir haben diese Extreme das luziferische und das ahrimanische Extrem genannt. Wir können sie auch, ich möchte sagen, elementarischer fassen. Die Philosophen haben immer davon geredet, daß man an das Sein vom Gedanken heraus eigentlich gar nicht herankommen könne. Das ist eigentlich auch wahr; denn dasjenige, was der Mensch als das Seinsgefühl hat, woher kommt es denn eigentlich? Der Mensch existiert, bevor er durch die Empfängnis beziehungsweise durch die Geburt in das physische Erdendasein eintritt, in übersinnlichen Welten. Er kommt herunter aus übersinnlichen Welten in sein irdisches, physisches, sinnliches Dasein. Da erlebt er vor allen Dingen etwas Neues, was er in den übersinnlichen Welten nicht erlebt hat, was ihn sogleich einfaßt, wenn er heruntergestiegen ist. Das ist dasjenige, was man — aber nur repräsentativ — die Schwere, die Anziehungskraft der Erde nennen kann, was man nennen kann «Gewicht haben». Nun wissen Sie: der Ausdruck «Gewicht haben» ist eigentlich nur von der wichtigsten Erscheinung der Schwere her genommen. Denn was wir zum Beispiel als Ermüdung fühlen, ist auch etwas Ähnliches wie Gewicht haben, und was wir in unseren Gliedern fühlen, wenn wir sie bewegen, ist auch etwas, was mit dem Gewicht haben verwandt ist. Aber weil das Gewicht haben das Repräsentative daraus ist, können wir sagen: Der Mensch stellt sich in die Schwere hinein. Und im Geheimen nimmt der Mensch immer von dieser Schwere etwas wahr, wenn er irgendein Ding der Erde als real bezeichnet.
[ 19 ] Umgekehrt, wenn der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ist, da ist er, so wie er hier auf der Erde mit der Schwere verbunden ist, dann verbunden mit dem Licht. Denn das Licht hat auch einen Sinn; «mit dem Licht» ist wiederum repräsentativ gebraucht, denn weil wir die meisten unserer höheren Sinneswahrnehmungen, wenn wir sehend sind, durch die Augen bekommen, sprechen wir vom Licht. Aber dasjenige, was in der Sinnesempfindung des Auges lebt als Licht, ist dasselbe, was in der Sinnesempfindung des Ohres lebt als Tönendes und sich in einzelnen Tönen kundgibt, wie sich das Licht in den einzelnen Farben kundgibt. Und so ist es auch für die anderen Sinne. Im Grunde genommen ist es die Tingierung aller Sinne, die man repräsentativ als das Licht bezeichnet, wie man die Schwere repräsentativ bezeichnet. Wir werden aufgenommen in das Äußerste der Schwere, wenn wir hinuntersteigen auf die Erde. Wir werden aufgenommen in das Äußerste des Lichtes, wenn wir uns im Tode in die Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt begeben. Und wir sind eigentlich immer eingefügt in den Mittelzustand zwischen Licht und Schwere, und jede Sinnesempfindung ist im Grunde genommen, indem wir sie hier erleben, halb Licht und halb Schwere. In dem Augenblicke, wo wir vielleicht durch Pathologisches oder durch den Traum ohne unsere Schwere erleben, erleben wir bloß Geistiges, wie eben im Traum oder im Fieberparoxysmus. Der Fieberparoxysmus besteht seelisch darinnen, daß der Mensch Erlebnisse hat, ohne daß er seine eigene Schwere damit erlebt. Dieses Gleichgewicht zwischen Schwere und Licht, in das wir hineingestellt sind, das ist für vieles, was wir hier in der Welt erleben, indem wir als Menschen geistig-physische Wesen sind, geradezu dasjenige, was mit dem Welträtsel ganz innig zusammenhängt. Aber es kommen weder die Weltenströmung, die sich auslebt in den traditionellen Religionsbekenntnissen, noch diejenige, die sich auslebt in den naturwissenschaftlichen Phantasien, zu diesem Durchbruch: von den abstrakten Begriffen hinein ins Licht, von den sinnlichen Empfindungen hinunter zur Schwere. Die Menschen sind ja blind und taub und stumpf heute geworden für diese Dinge.
[ 20 ] Der Mensch lebt mit der Schwere verbunden auf der Erde. Die Schwere empfindet er als ihn zur Erde ziehend (Zeichnung links).Nehmen wir einen Kristall; der gibt sich selber seine Form (Zeichnung rechts). Was ist der:n dadrinnen für eine Kraft? Dadrinnen ist dieselbe Kraft, die der Mensch fühlt, ihn hinunterdrückend, dieselbe Kraft, die der ganzen Erde die Form gibt. Nehmen Sie sie doch nur einmal da, wo die Erde Form geben kann: in der ganzen Meeresoberfläche, im Wasser; da gibt die Schwere die Form. So gibt dieselbe Kraft dem Kristall die Form. Nur wirkt sie da im Inneren. Die wissenschaftlichen Phantasien gehen darauf hin, zu sagen: Was da hinter der Materie liegt, oder in der Materie liegt, das weiß man nicht, da ist ein «Weltenrätsel». Das, was hinter der Oberfläche der Materie liegt, wir erleben es, indem wir unsere eigene Schwere erleben, denn wir sind hineingestellt in bezug auf die ganze Erde in dieselben Kräfte, die da zum Beispiel im kleinen Körper wirken und die seine einzelnen Teile zusammenhalten. Man muß eben in der Lage sein, im Großen das Kleine, im Kleinen das Große zu erkennen, nicht zu spekulieren, was da hinter der Materie stecken soll. Was über die Materie hinausgeht, das Göttlich-Geistige, das in den Wesen waltet, das muß man erkennen dadurch, daß man anfeuert dasjenige, was im Inneren angefeuert werden kann, was zu höherem innerem Erleben bringt, was zum Verständnisse bringt von Begriffen und Vorstellungen, die sich wirklich auf das beziehen, was in dem Tempel wohnt, der dargestellt wird nach alten Traditionen durch den Menschen selbst.
[ 21 ] Es ist in alten atavistischen Weistümern, wie ich oftmals hier betont habe, etwas darinnen, was man tief verehren kann. In der Gegenwart ist man dazu berufen, mit vollem Bewußtsein das wiederum aus den Tiefen des Seins herauszuholen und es zur Richtschnur des geistigen und sozialen Handelns und Lebens der Menschen zu machen.
