Geisteswissenschaft als Erkenntnis
der Grundimpulse sozialer Gestaltung
GA 199
7 August 1920, Dornach
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Ich habe gestern in einem bestimmten Zusammenhange darauf hingewiesen, was eigentlich Parteimeinungen hier auf dem physischen Plane sind. Und da unser gegenwärtiges Leben durchaus beherrscht ist von Parteimeinungen aller Nuancen, so gehört es schon einmal zu den notwendigen Erkenntnissen, daß man sich mit dem Wesen der Parteimeinungen etwas befaßt. Ich habe gestern auch darauf hingewiesen, wie die Menschen heute, im abstrahierenden Zeitalter, geneigt sind, sich immerhin im allgemeinen zu einem solchen Satze zu bekennen: Alles ist Erscheinung, was man mit den Sinnen wahrnehmen oder mit dem gewöhnlichen Verstand begreifen kann, alles das ist Maja. — Aber wenn es dann darauf ankommt, solch eine allgemeine, abstrakte Wahrheit, zu der man vorgibt, sich zu bekennen, im Leben umfassend anzuwenden, dann reißt sozusagen der Lebensfaden, durch den bei den meisten Menschen heute die Seele verbunden wird mit der Lebenswirklichkeit. Parteimeinungen auf dem physischen Plane muß man ebenso als Abbilder auffassen von etwas, was übersinnlicher Natur ist, was in den geistigen Welten seine Wirklichkeit hat, hier in der physischen Welt nur sein Bild hat, wie man das zum Beispiel bei Naturerscheinungen oder für die kompliziertesten Naturerscheinungen für den physischen Menschen anerkennen muß. Ich sagte schon gestern: Parteimeinungen bilden sich dadurch, daß sich eine Anzahl von Menschen unter irgendeinem mehr oder weniger klar umrissenen, abstrakten Programm zusammentun. Man stellt eine Anzahl von Forderungen auf, die erfüllt werden sollen durch das oder jenes, man tut dann das oder jenes — meistens redet man das oder jenes —, um solchen Programmen, solchen Parteiideen zur Verwirklichung zu verhelfen. Also Menschengruppen, vereinigt gewissermaßen unter der Flagge einer abstrakten Idee, von der man aber hofft, daß sie sich verwirklichen könne: das ist dasjenige, was eine Partei ausmacht.
[ 2 ] Für denjenigen, der tiefer, vor allen Dingen geisteswissenschaftlich in die Dinge hineinschauen will, kommt nicht so sehr das Programmmäßige in Betracht, denn das Wesen dieses Programmäßig en in seinem Weltzusammenhang muß er erst untersuchen. Für ihn kommt zunächst als äußere Erscheinung in Betracht, daß sich Menschengruppen bilden.
[ 3 ] Nun sagte ich gestern: Wenn man von dem physischen Plan in die höheren Welten, in die Welten jenseits der Schwelle aufsteigt, dann gibt es nicht Abstraktionen, dann gibt es nicht abstrakte Forderungen, wie man sie als Parteiprogramme aufstellt, sondern sobald man die Schwelle übertritt, sobald man vorbeikommt an dem Hüter der Schwelle und nicht bei ihm stehenbleibt, was sehr viele tun, dann findet man, daß jenseits der Schwelle nur Wesenheiten sind. Da kann man gar nicht einem Programm folgen, da kann man nur dieser oder jener Wesenheit folgen, da kann man sich nicht gruppieren nach Maßgabe einer abstrakten Idee, sondern da muß man sich gruppieren um eine Wesenheit herum. In bezug auf solche Sachen wäre heute der Menschheit ein Wissen intensiv notwendig. Aber gerade in bezug auf solche Dinge sträuben sich heute die Menschen in ganz erheblichem Maße gegen ein solches Wissen. Denn es ist dem Menschen der Gegenwart einmal ans Herz gewachsen, sich unter abstrakten Programmen zu vereinigen und nach einer gewissen Verwirklichung solcher abstrakter Programme zu sehnen. Daß abstrakte Programme nur in der physischen Welt existieren, daß dasjenige, was man in abstrakte Ideen fassen kann, nur Gegenstand der physischen Welt sein kann, das wollen die Menschen, sie wollen es nicht einsehen, denn es ist ihnen unbequem. So vereinigen sich die Menschen — wenn ich hier durch diese Linie die Schwelle anzeige (siehe Zeichnung Seite 30), hier die Parteigruppen (blaue Kreise), hier ihre Programme (X) —, so vereinigen sich diese Menschen zu Gruppen unter Parteiprogrammen. Aber diesen Parteiprogrammen entsprechen in der geistigen Welt Wesen (orange), und damit hängen diejenigen, die sich an ein Parteiprogramm ketten, gewissen Wesen der übersinnlichen Welt an. Wir haben entsprechend dem, was in der physischen Welt bloß Bild ist, in der überphysischen Welt Gruppierungen um Wesen (rote Kreise).
[ 4 ] Es ist durchaus zu beachten, daß zu einer gedeihlichen Entwickelung in die Zukunft hinein dieses Wissen durchaus notwendig ist, weil immer mehr und mehr die Bewußtheit an die Stelle des Instinktes treten muß, wenn die Menschheit in ihrer Entwickelung voranschreiten will. Es ist durchaus noch ein Überbleibsel alter instinktiver Zusammenrottungen, wenn die Menschen sich heute unter Parteiprogrammen vereinigen und glauben, das, was sie da tun mit den Gruppierungen, das sei erschöpft mit ihrer Zusammenrottung und mit ihrem Bekenntnis zu dem entsprechenden Programm und mit ihren Taten oder meistens Worten, welche zur Verwirklichung dieses Programms getan oder gesprochen ' werden. Die Menschen geben vor, anzugehören irgendeiner Partei, einer sozialistischen oder liberalen Partei, einer Frauenbewegungspartei, einer spiritistischen Partei und so weiter; es würde, wenn ich Ihnen nur einen kleinen Teil von allen heute existierenden Parteien aufzählen würde, den heutigen Abend furchtbar in die Länge ziehen. Indem die Menschen glauben, mit dem, was sie da tun und reden innerhalb einer Partei, erschöpfe sich das Wesen dessen, was sie hier treiben auf dem physischen Plan, folgen sie unbewußt einer Wesenheit in der übersinnlichen Welt, die sie nicht kennen wollen. Denn dadurch, daß die Menschen etwas nicht wissen, macht das ja nicht, daß es nicht real ist. Wenn irgend jemand ein Liberaler ist und einem liberalen Programm angehört, wenn irgend jemand ein Frauenrechtler ist und einem Frauenrechtlerprogramm angehört, so bedeutet das deshalb, weil er nicht weiß, daß er da gewissen Wesenheiten der übersinnlichen Welt folgt, nicht, daß er ihnen nicht in Wirklichkeit folgt. Er folgt ihnen in Wirklichkeit, er bildet die Gefolgschaft. Dadurch aber widerstrebt er gerade dem ganzen Geiste der Fortentwickelung unseres Zeitalters. Denn dieser Geist fordert die Umwandlung alles instinktiv Unbewußten und Unterbewußten in ein bewußtes Wollen, in ein bewußtes Tun und Reden und Denken.
[ 5 ] Wir kennen ja auch ältere Gruppierungen von Menschen, ältere Gruppierungen von Rassenzusammenhängen, und dann diejenigen Gruppierungen von Menschen, die heute noch ein ephemeres Schattendasein, aber ein deshalb nicht weniger lautes und wahnbehaftetes Dasein führen: die Gruppierungen in Völker, wir kennen es ja. Und wenn Sie sich an den Zyklus erinnern, den ich 1910 in Kristiania gehalten habe über das Wesen der Volksseelen, dann werden Sie finden, daß man, wenn man diese Zusammenhänge von Rassen und Völkern ins Auge fassen will, auch nicht auf dem physischen Plan stehenbleiben kann, daß man auch dann nötig hat, in die überphysischen Welten hinaufzusteigen. Wir haben in diesem Vortragszyklus ja angeführt, wie solche Menschengruppierungen zusammengehalten und geführt sind von Wesen, die wir zu der Hierarchie der Archangeloi zu rechnen haben. Wir haben da gesehen, wie auch in solchen Völkergruppierungen eben übersinnliche Wesen unter den Menschen stehen.
[ 6 ] Stellen wir uns jetzt vor das Seelenauge den Unterschied zwischen dem Verhältnis, in dem die Menschengruppen als Rassen, als Völker zu ihren übersinnlichen Wesenheiten stehen, und demjenigen Verhältnis, in welchem die Parteigruppen zu den übersinnlichen Wesenheiten stehen, so ist es so, daß die ersteren durchaus die Impulse, die ihnen gegeben werden von diesen übersinnlichen Wesenheiten, instinktiv zur Ausführung, zur Verwirklichung bringen. Und da ist es berechtigt, daß Instinktivität waltet in dem Befolgen der Impulse dieser übersinnlichen Wesenheiten. Die Menschheit mußte sich herausarbeiten aus diesem instinktiven Folgen gegenüber den übersinnlichen Wesenheiten. — Es ist ja selbstverständlich, daß die Menschheit nicht gleich vom Anfange an in einer bewußten Weise etwa Völkergeistern, Erzengeln folgen konnte, sondern daß da instinktive Kräfte in dieses Folgen hineinspielen mußten. Die Menschen mußten gewissermaßen erst nach und nach zur Bewußtheit erzogen werden.
[ 7 ] Aber je mehr man zurückgeht in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit, desto mehr findet man, daß die Menschen alter Zeiten, wenn auch ein instinktives, so doch ein deutliches Bewußtsein gehabt haben, daß sie als Menschengruppen, als Rassegruppen, als Völkergruppen solchen übersinnlichen Wesenheiten folgten. Gewiß, in der mittleren Zeit, an die sich unsere neueste anschließt, ist solches Bewußtsein zum Teil verlorengegangen. Die Menschen haben ja immer mehr und mehr ihr Wissen von den übersinnlichen Welten abstellen müssen; aber eben, je mehr wir zurückgehen, desto mehr finden wir, wie die Menschen — wenn auch, wie gesagt, nur instinktiv — ihre Zusammengehörigkeit zu Rassen und Völkern so deuten, daß sie als Führer eine geistige, eine übersinnliche Wesenheit anerkennen. In älteren Zeiten, wenn auch ein sichtbarer Führer von Menschengruppen anerkannt wird, so ist es doch bei dem weitaus größten Teil derjenigen, die einem solchen sichtbaren Führer folgten, in ihrem deutlichen Bewußtsein gelegen, daß in diesem sichtbaren Führer inkarniert, verkörpert war der Volksgeist, so daß solche Menschengruppen fühlen, wie auch das, was sie sehen, die äußere Menschengestalt nur, gewissermaßen innerlich besessen ist von dem übersinnlichen Führer. Man mag das heute ansehen, wie man will, man mag das für einen alten Aberglauben halten: diejenigen, die über diese Dinge vom alten Aberglauben anders denken, die können ja warten bis in das dritte Jahrtausend, ob unsere Chemie, unsere Botanik, unsere Zoologie auch als ein Aberglaube des 19. und 2o. Jahrhunderts angesehen werden von denjenigen, die dem Geiste derjenigen gleichkommen, die heute von altem Aberglauben in dem Falle sprechen.
[ 8 ] Aber was ist denn nun für ein Unterschied zwischen der Art, wie solche Menschengruppen zu ihrer geistigen Führung stehen, und derjenigen Stellung, welche heute Parteimeinungen zu ihrer geistigen Führung haben? Parteiprogramme, die man in abstrakten Ideen umrissen entwickelt, die hatten diese alten Menschen nicht. Timur-Khan, oder Dschingis-Khan oder einem dergleichen wäre es schlecht bekommen, wenn er erst ein Parteiprogramm vor seine Menschengruppierungen hingestellt hätte wie etwa Dschingis-Khan, der gegenwärtige, den man heute Lenin nennt, etwa erst ein Parteiprogramm zwischen sich und die Seinigen hinstellt! Das ist ein beträchtlicher Gegensatz. Die Groß-Khane der ehemaligen Mongolen waren ohne Programm, aber diejenigen, die etwas wußten, die sahen in ihnen die lebendigen Verkörperungen übersinnlicher Wesenheiten. Die Groß-Khane der Gegenwart, Lenin und Trotzkij, tragen statt des Bewußtseins, die Sendboten eines höheren Wesens zu sein, ein abstraktes Parteiprogramm in ihrer Seele herum. Das ist ein beträchtlicher Unterschied, denn dadurch ist ja gesagt: diejenigen, die da unten im Parteiwesen herumlungern, die haben in ihrem Bewußtsein nur die abstrakten Ideen und sie leugnen es bewußt sich selber ab, daß sie in der Gefolgschaft irgendwelcher übersinnlicher Wesenheiten stehen.
[ 9 ] Nur einzelne Menschengruppierungen lassen sich auf derlei Dinge nicht ein. Eine solche Gruppe habe ich Ihnen ja gestern bereits angeführt, die Gruppe der Jesuiten. Sie läßt sich auf die Kinderei von Parteiprogrammen nicht ein. Lesen Sie eben jenen Vortragszyklus, den ich unter dem Titel «Von Jesus zu Christus» in Karlsruhe gehalten habe, und der ja unserer hiesigen Klerisei ausgeliefert worden ist, dann werden Sie die Übungen verfolgen können, welche der Jesuit zu machen hat, um auf seinem Posten der rechte Mann zu sein. Dem überträgt man kein Parteiprogramm, dem kleidet man nicht irgendwelche abstrakte Forderungen in abstrakte Formeln, sondern dem zeigt man in Übungen, wie er dem geistigen Führer nachzufolgen hat; den erzieht man dazu, sich in der Gefolgschaft gegenüber einem übersinnlichen Wesen zu wissen. Und so wiederum ist es bei andern, sich mehr oder weniger geheimhaltenden Gruppierungen von Menschen in der Gegenwart, auch bei denjenigen, die vom Westen aus die große Politik machen, die ja fast Schritt für Schritt sich buchstäblich so verwirklicht, wie sie seit langer Zeit von diesen Trägern einer gewissen okkulten Politik im Westen vorgezeichnet worden ist. Das aber ist es, worauf es ankommt, daß man beachte den Geist des Fortschritts für unsere Zeit, daß man wiederum ein Bewußtsein erlange von dem Zusammenhang des Menschen mit der geistigen Welt und auch von dem Zusammenhange all desjenigen, was der Mensch hier auf Erden tut, mit Geschehnissen, mit Wesenhaftem in der geistigen Welt. Suchen sollte man nach denjenigen Wesenheiten in der geistigen Welt, welche an der Konstitution, an der Führung unserer Welt beteiligt sind, damit man wissen könne, in welche Gefolgschaft man sich mit dem einen oder dem andern, was man tut, wirklich begibt. Und man kann nicht heute irgend etwas für den gedeihlichen Fortschritt der Menschheit tun, ohne daß man auch nicht nur für die egoistischen Innenbedürfnisse der Seelen sich des Zusammenhanges mit der geistigen Welt bewußt wird, sondern man kann nur dann für diesen gedeihlichen Fortschritt der Menschheit etwas tun, wenn man sich voll bewußt wird, daß man auch mit denjenigen äußeren Taten, die sich zum Beispiel ausdrücken in den Parteimeinungen und ihren Nuancierungen, einen Zusammenhang mit der geistigen Welt schafft. Geisteswissenschaft soll nicht nur unsere Seele gewissermaßen beruhigen über die engsten Angelegenheiten unserer individuellen Persönlichkeit, sondern Geisteswissenschaft soll Impulse liefern für die ganze Gestaltung des Lebens. Das ist es, was in den letzten Zeiten wie ein Grundton durch alle meine Vorträge durchging. Denn wir sind nun einmal zur Abstraktheit gekommen und müssen aus der Abstraktheit heraus. Wir sind insbesondere in dem sogenannten praktischen Leben tief, tief in der Abstraktheit darinnen und insbesondere in dem Parteiwesen sind wir in der Abstraktheit darinnen. Wir müssen aus diesem abstrakten Wesen heraus, wenn die europäische Katastrophe nicht zu einer vollständigen werden soll. Es handelt sich auf allen Gebieten darum, richtig zu sehen.
[ 10 ] Vor allen Dingen aber ist das in Betracht zu ziehen, was ich einer Anzahl der Hiersitzenden schon vor meiner Reise nach Stuttgart gesagt habe, was ich aber auch heute wiederholen möchte aus dem Grunde, weil so zahlreiche fremde Gäste anwesend sind, und weil eigentlich für solche Dinge, die heute einmal in die Seelen einziehen müssen, jede Gelegenheit zu ergreifen ist, um sie geltend zu machen. Ich sagte gestern: Was als Geisteswissenschaft getrieben wird, muß eine ganz andere Art der Erkenntnis sein als das, was man heute gewöhnt ist, Erkenntnis oder Wissen zu nennen. Es muß eine Erkenntnis als Tat sein. Man muß sich bewußt sein, daß, indem man Erkenntnisse anstrebt, man von Realitäten zu reden hat, nicht von bloßen logischen Schemen. Ich sagte, man ist heute gewöhnt zu sagen: Der bekennt sich zum Materialismus, der Materialismus ist falsch, also widerlegt man ihn, und man glaubt, mit dieser Widerlegung habe man etwas getan. Ich habe gestern Beispiele dafür angeführt, wie solche Begriffe wie «richtig» und «unrichtig» weichen müssen viel realeren Begriffen auf dem Gebiete anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft. «Gesund» und «ungesund», das ist etwas, was auf Reales im Menschenleben hindeutet. Wir erkennen nicht bloß richtige und falsche Erkenntnisse an, wir erkennen gesunde und kranke Erkenntnisse an. Wir tauchen ein, indem wir die bloße Abstraktheit abstreifen, in das Gebiet der konkreten Wirklichkeit.
[ 11 ] Das müssen wir noch in einem viel höheren Sinne betrachten. Wir wissen ja aus der jetzt schon so zahlreich veröffentlichten anthroposophischen Literatur, daß der Mensch aus einem geistig-seelischen Teil besteht — ich will ihn skizzenhaft hier so andeuten (siehe Zeichnung, blau) — und aus einem physischen Teil (rot). Wir wissen nun, daß gewisse theoretische Materialisten des 19. Jahrhunderts gesagt haben: Ach was, geistig-seelisch, das ist etwas, wovon man nicht zu sprechen hat, das ist etwas, was gegenüber der menschlichen Erkenntnis nirgends auftritt. Was in der sogenannten Menschenseele lebt als Denken, Fühlen und Wollen, das ist ja nur das Ergebnis des physischen Nervensystems, des physischen Gehirnes. Sie wissen, diesen theoretischen Materialismus müssen wir unterscheiden von dem praktischen Materialismus, der noch etwas ganz anderes ist und der insbesondere heute ganz kraß immer noch waltet. Der theoretische Materialismus hat seine Hochflut gehabt im 19. Jahrhundert. Derjenige, der nun nur gewöhnt ist, sich in den Vorstellungsarten zu bewegen, die man heute eben hat, der sagt: Nun ja, der Materialismus, der da behauptet, menschliche Gedankenempfindungen, Willensimpulse, seien nur der Ausfluß des Nervensystems, des Gehirns, dieser Materialismus ist falsch. Man muß ihn widerlegen. Und wenn man ihn widerlegt hat, so hat man bewiesen, daß der Mensch eben nicht bloß aus seinem physischen Leibe mit dem Nervensystem und dem Gehirn bestehe, sondern daß er ein Geistig-Seelisches habe. — Aber bei solcher Widerlegung kann die hier gemeinte Geisteswissenschaft nicht stehenbleiben, denn sie ist nicht bloß etwas, was in Logizität abläuft, sondern sie ist etwas, was im Tatsächlichen abläuft. Alles, was hier in der physischen Welt lebt, ist ein Abbild der geistigen, der seelischen Welt, aber nicht nur etwa so, wie man ein Bild hat, das man an die Wand malt, sondern es ist ein Abbild auch mit allen seinen Tätigkeiten, mit allen seinen Lebensäußerungen. So ist es in bezug auf den Menschen so: Der Mensch steigt herab aus der geistig-seelischen Welt durch die Konzeption oder durch die Geburt in die physische Welt; was er sich mitbringt aus der geistig-seelischen Welt, dieser Zusammenhang von Kräften, der arbeitet an jenem physischen Leib, der aus der Vererbungsströmung übernommen wird. Dieser Leib mit seiner ganzen Konfiguration wird ausgebildet durch das Geistig-Seelische, das herabsteigt (siehe Zeichnung Seite 35). Er wird aber nicht nur ausgebildet in bezug auf seine äußere Form, sondern auch mit Bezug auf seine inneren Tätigkeiten. So daß, wenn Sie dasjenige nur denken, was in Ihrer äußeren sinnlichen Wirklichkeit ist, Sie das ganz gut mit dem bloßen Gehirn denken können. Denn dieses Gehirn ist auch mit seinen Fähigkeiten ein Abbild des Geistig-Seelischen. Und wer sich einfach darauf beschränkt, nur das zu verarbeiten, was die äußere Sinneswelt gibt, oder was die gegenwärtigen Wissenschaften geben, der denkt eben bloß mit dem Gehirn, der ist bloß denkende Materie. Da ist gar nichts darüber zu sagen, der ist bloß denkende Materie. Heute ist die Zeit, wo man darüber hinauskommt, bloß denkende Materie zu sein, dadurch, daß man solche Gedanken denkt, die nicht aus der Sinneswelt gewonnen sind, wie zum Beispiel die anthroposophisch orientierten Gedanken. Diejenigen Menschen, die heute durchaus sich nur an die Sinneswelt halten wollen, finden diese anthroposophischen Gedanken verrückt, irreal, phantastisch, weil sie in dem Momente, wo sie diese Gedanken denken sollen, eine starke Kraft anwenden müssen; sie müssen loskommen. Sie wollen diese Gedanken mit ihrem Gehirn denken. Damit kann man aber nur die äußeren physischen Gedanken denken, das äußere Physische. Mit diesen Gedanken kann man ganz gut Atome und Moleküle denken nach Art des gestern angeführten Schwachsinns; aber was in einem solchen Buche wie die «Geheimwissenschaft im Umriß» steht, das denkt sich nicht durch dieses Gehirn. Also ist es für sie eine Phantasie. Man muß sich einen Ruck geben, um loszubekommen das Geistig-Seelische. Dann kann man diese Gedanken schon denken, dann findet man diese Gedanken gar nicht mehr phantastisch und absurd, dann kann man sie denken, dann findet man sie in vollem Einklange mit dem Leben.
[ 12 ] Aber im Laufe der letzten Jahrhunderte, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, ist die Menschheit immer mehr dazu gekommen, ich möchte sagen, in sich selbst zusammenzusinken, das Geistig-Seelische einschlafen zu lassen und sich hineinsinken zu lassen in die Materialität des Körperlichen und nur zu denken mit dem physischen Gehirn, dieses physische Gehirn automatisch ablaufen zu lassen nach dem, was der Professor, wenn er da oben sitzt auf dem Katheder, in seinem eigenen Gehirn ebenso automatisch ablaufen läßt. Da oben der Gehirnautomat — da unten der Gehirnautomat folgt dem Automaten. Und ganze Gruppierungen von Menschen gehen über zu einem bloßen materiellen Funktionieren des Gehirnes, was ja das physische Denken ist, sinken in die Körperlichkeit hinein, geben sich nicht den Ruck von innen heraus, um dasjenige zu erfassen, was aus der übersinnlichen Welt gewonnen ist. So ist es immer mehr und mehr mit den Menschen der sogenannten zivilisierten Welt seit der Mitte des i5. Jahrhunderts geworden. Und in der Mitte des 19. Jahrhunderts war gerade derjenige Teil der Menschheit, den man innerhalb dieses zivilisierten Teiles von Europa und Amerika die Intellektuellen nennt, physische Denker geworden.
[ 13 ] Wenn nun Büchner oder Moleschott oder der dicke Vogt kamen und ein bißchen nachdachten und sich nicht bewußt wurden, daß da in ihrem eigenen Denken doch etwas dahintersteckt, was sich einen Ruck geben sollte, dann schauten sie sich die Menschen ihrer Gegenwart an und sie interpretierten sie ganz richtig, indem sie sagten: Individualismus, Spiritualismus — falsch; die Gehirne denken! — Es dachten ja auch nur die Gehirne, der Materialismus hatte ja recht. Das ist gerade das Geheimnis, daß die theoretischen Materialisten des 19. Jahrhunderts nichts Falsches sagten, sondern daß sie durchaus Richtiges sagten. Es wäre sogar eine Beleidigung gewesen, wenn der Kollege X von dem Kollegen Y gesagt hätte, er hätte Geist und Seele, denn jener konnte von ihm der Wahrheit gemäß nur sagen, daß da ein Hirn automatisch denkt. Es war also der Materialismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Grunde genommen richtig, denn er bezieht sich auf ein gewisses Stadium in der Entwickelung der Menschheit, das dadurch charakterisiert ist, daß die Menschen eben materiell geworden sind, daß ihr Denken, Empfinden und Wollen aus der Materie heraus aufsteigt. Es sind dann sogar Mystiker gekommen, die sich in ihr Inneres vertieft haben; aber wir wissen ja: gerade diese Mystiker beobachteten nur das innere Kochen der Materialität innerhalb der Haut, bis es zur Flamme wird und ins Bewußtsein hineinleuchtet.
[ 14 ] Geisteswissenschaft würde Unrecht tun, wenn sie sich nun auf einen bloß logischen Standpunkt stellen würde. Sie darf nicht sagen: Der Materialismus ist falsch, man widerlege ihn. — Solches Widerlegen ist die Sehnsucht unseres abstrahierenden Zeitalters. Geisteswissenschaft muß in der Erkenntnis Taten verrichten. Also erstens: die Widerlegung des Materialismus für die materiell gewordenen Menschen ist nicht wahr, zweitens ist nichts getan, wenn man den Materialismus bloß widerlegt, sondern es handelt sich darum, daß man heute unter die Menschen dasjenige bringt, was sie dazu veranlaßt, sich einen Ruck zu geben und wiederum herauszukommen aus der Materialität, Gedanken zu hegen und zu pflegen, die nachgedacht sind übersinnlichen Ergebnissen. Nicht zu widerlegen, sondern zu überwinden ist der Materialismus! Die Menschen müssen wiederum geistig-seelisch werden, müssen wiederum aufwecken ihr Geistig-Seelisches. Tat muß es sein, den richtigen Materialismus zu überwinden, nicht irgendwie ihn falsch zu widerlegen. Daß der Materialismus für die neuere Kulturentwickelung richtig geworden ist, das eben ist die üble Tatsache, nicht daß er eine falsche Weltanschauung ist. Und nicht darum kann es sich handeln, eine falsche Weltanschauung zu widerlegen, sondern den Menschen in bezug auf ihre seelischen Taten das an die Hand zu geben, daß sie das Materiellwerden der Menschheit überwinden, sich herausholen aus dem Materiellen. Tat muß die hier gemeinte Erkenntnis sein, nicht bloße Logik. Das ist es, um was es sich handelt.
[ 15 ] Das aber will man so schwer einsehen heute, wie der Unterschied ist zwischen einem bloßen Herumreden in Bejahungen oder Verneinungen, wobei man nur in der Sphäre abstrakter Begriffe bleibt, und dem, was Tat ist, die unmittelbar aus dem Geistigen herausquillt. Man mache sich nur einmal klar, wie es etwas anderes ist, den Materialismus bloß logisch zu widerlegen, weil man der Meinung ist, er sei falsch, oder den richtigen Materialismus, der die Menschheit als eine Krankheit ergriffen hat, zu überwinden, damit die Gesundung durch die Spiritualität eintrete. Diesen Unterschied muß man sich klarmachen, denn darauf kommt es heute an, daß spirituelle Taten verrichtet werden und diese spirituellen Taten auch hineingetragen werden in das soziale Leben. Dieser Unterschied ist ein ganz intensiver zwischen dem Sich-Wohlgefallen in theoretischer Weltanschauung und dem aktiven Drinnenstehen in der Erkenntnis als Tat.
[ 16 ] Auf diese Dinge muß das Augenmerk gerichtet werden, damit man den Unterschied zwischen anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft und andern ähnlichen Bestrebungen heute gewahr werde. Denn diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft muß durchaus begriffen werden als etwas, was mit den realen Kräften des Auf- und Niederganges im sozialen Leben zusammenhängt, real zusammenhängt.
[ 17 ] Blicken wir heute nach dem europäischen Osten, da sehen wir, wie sich über dem russischen Wesen, von dem sich der Mensch des Westens und Mitteleuropas heute kaum ordentliche Begriffe macht, etwas ausbreitet, was der mitteleuropäische und westeuropäische Mensch gut verstehen kann, wenn er es auch verabscheut, was sich da ausbreitet als Leninismus, als Trotzkiismus. Es gibt viele Menschen, die glauben, mit dem, was da im Osten einmal entstehen werde, habe dieser Leninismus und Trotzkiismus irgend etwas zu tun. Gar nichts haben sie zu tun mit dem, was da im Osten entstehen soll, sondern lediglich mit dem, was im Osten zugrunde geht, was weiter zugrunde gerichtet wird durch den Leninismus und Trotzkiismus. Das sind bloß zerstörende Kräfte, und was im Osten entstehen soll, muß sich gegen diese zerstörenden Kräfte herausentwickeln, Man möchte sagen: Da im Osten hat man irgend etwas als Grundlage (siehe Zeichnung, grün), das beachtet man heute weniger. Darüber hat sich gebreitet in den letzten Jahren. dieser Bolschewismus, Leninismus, Trotzkiismus als zerstörende Kräfte (weiß). Aber das, was ich hier grün angedeutet habe, das will an die Oberfläche. Leninismus und Trotzkiismus sind lediglich die Fortsetzung des alten Zarismus, und Lenin ist, was ich hier schon einmal betont habe, der Zar, bloß in einem andern Gewande, im Grunde ganz dasselbe. Der Zarismus stirbt im Leninismus, aber als Zarismus stirbt er im Leninismus. Aber schon seit Jahrhunderten arbeitet sich auch gegen den Zarismus im Osten etwas heraus, was jetzt sein eigenes Dasein nur mißversteht, wenn es irgendwie dem Leninismus und dem Trotzkiismus entgegenkommt, und bis weit nach Asien hinein geschieht das. Die Menschen werden erst sehen, vor welchen Umwälzungen sie stehen; es ist nur eine Ruhepause zwischen der letzten Katastrophe und der folgenden. Die schlafenden Seelen werden eines Tages recht unsanft aufgeweckt werden aus ihrem Schlaf während der Ruhepause, werden sich die Augen wischen und die Zipfelmütze wegziehen, wenn sich die Katastrophe fortsetzt. Aber was sich trotzdem da herausarbeitet, das ist die Dorfgemeinde. Und nur derjenige versteht, was im Osten als eine soziale Konstitution sich herausarbeitet, der das Wesen der einzelnen Dorfgemeinden versteht. Die Dorfgemeinde ist das einzig Reale im Osten. Alles übrige ist Institution, die zugrunde geht.
[ 18 ] Im Westen wird man zu verstehen haben, wodurch dieses Aggregat der Dorfgemeinde organisiert werden kann. Und wodurch das in einzelne Menschenindividualitäten verfallende Meinungsgewebe des Westens auch organisiert werden kann, das ist lediglich die Dreigliederung des sozialen Organismus. Die Dreigliederung des sozialen Organismus muß aufnehmen die einzelnen Glieder der östlichen Dorfgemeinden und muß die zerfallenden alten Organismen des Westens, die sich individualisieren, die als Aggregate in ihre Einzelheiten zerfallen, vor dem Untergang bewahren.
[ 19 ] Für die nächste Zeit blüht der sogenannten zivilisierten Welt nur eine Alternative: das ist auf der einen Seite Bolschewismus, auf der andern Seite Dreigliederung. Und wer nicht einsieht, daß es nur diese zwei Dinge gibt für die nächste Zeit, der versteht heute von dem Gang der Ereignisse im großen eben nichts. Aber ein wirkliches Verständnis von diesen Dingen kann man sich ja nur verschaffen dadurch, daß man versucht, jene innere Erziehung, die man sich durch Geisteswissenschaft aneignet, auch anzuwenden auf die Betrachtung und die Handhabung der öffentlichen sozialen Verhältnisse.
[ 20 ] Es tut einem heute immer furchtbar leid, wenn man Menschen ihre geistige Kapazität verpuffen sieht in allerlei alten Programmen und wenn man so wenig sehen kann, wie die Menschen verstehen wollen, daß ein wirklich Neues notwendig ist, damit der letzte Rest des Alten, die äußerste Reaktion, der äußerste Konservativismus, nämlich der Bolschewismus überwunden werden kann. Mit denjenigen Programmen, die die heutigen mittleren und westlichen Staatsmänner machen, wird der Bolschewismus ganz gewiß nicht überwunden, denn in denen lebt nichts von dem, was in jedem Impuls der Zukunft leben muß, in denen lebt nichts von dem neuen Geist. Diesen neuen Geist aber braucht man. Und wenn dieser neue Geist nicht in den großen kulturpolitischen Unternehmungen vorhanden ist, so sind die kulturpolitischen Unternehmungen nur geeignet, die Menschheit in weitere Katastrophen dahingleiten zu lassen. Wenn dieser neue Geist nicht darinnen ist in den Parteimeinungen: die Menschheit gleitet weiter hinunter in Katastrophen.
[ 21 ] Das ist dasjenige, was man jetzt in allen möglichen Formen überdenken und bedenken sollte. Man wird ja immer wieder gefragt: Ja, Dreigliederung ist schon schön, aber wie wird sich das und jenes ausnehmen, wenn die Dreigliederung des sozialen Organismus eingeführt sein wird? — Da meint eben der Gewürzkrämer, wie wird er dann seine Gewürze verkaufen, wenn die Dreigliederung eingeführt sein wird und so weiter. — Hier in diesem Saale selbst ist ja vor einiger Zeit die Frage gestellt worden, wie es mit dem Besitz einer Nähmaschine im dreigliedrigen sozialen Organismus stehen werde. Wenn man nicht die Möglichkeit hat, diese Fragen im großen anzufassen und sich zu sagen: treten sie im großen in das soziale Leben ein, dann wird sich das einzelne schon nach ihnen ordnen, dann wird das einzelne schon seine Gestalt bekommen; wenn man nicht in der Lage ist, diese große Frage auch im großen anzufassen, so wird man sich niemals auf die Höhe der heutigen so harten Prüfungszeit der Menschheit stellen können. Aber da hat man schon nötig, seine alten, liebgewordenen Ideen heute in spiritueller Metamorphose zu sehen, Wahrscheinlich ist es auch hier noch so, daß, wenn man am Ende eines Schuljahres die Hefte der mitteleuropäischen Schüler und Schülerinnen daraufhin durchsehen würde, was für Aufsätze sie gemacht haben, man bei einer großen Anzahl den Satz als Aufsatzthema finden würde: «Ein jeglicher muß seinen Helden wählen, dem er die Wege zum Olymp hinauf sich nacharbeitet.» Darüber schreiben Pensionatstöchter, Gymnasiasten und Realschüler schöne Aufsätze. Im Leben aber laufen die Menschen abstrakten Parteiprogrammen nach. Auch so etwas wie diesen Dichterspruch, der gewiß an der Stelle, wo er in der Dichtung steht, seine gute Berechtigung hat, muß man hier in spiritueller Metarmorphose lesen. Wir müssen die Anschauung in der geistigen Welt finden, die hinführt zu den geistigen Wesenhaftigkeiten, unter denen wir uns zusammengruppieren.
[ 22 ] Was man früher als konservatives Programm, als liberales Programm anführte, was man heute als sozialdemokratisches Programm, als agrarisches Programm anführt, das alles ist Wischiwaschi, das alles ist abstrakte Formulierung ebenso wie alle Frauenvereinsprogramme, alle vegetarischen Programme und so weiter. Worauf es ankommt, ist, daß man den Gang der Welt kennt in seiner Durchpulsung durch geistige Mächte und daß man zum Beispiel sich die Antwort zu geben vermag, was waltet im Übersinnlichen über derjenigen Menschengruppe, die sich unter irgendeinem frauenvereinlerischen Programm vereinigt und so weiter. Heute muß mit einem gewissen Ernste alles hinaufgehoben werden in die Anschauung von der geistigen, von der übersinnlichen Welt, denn nur in dem Zusammenschauen der übersinnlichen mit der sinnlichen Welt ist es möglich, dasjenige zu finden, was uns in unserer heutigen Zeit schwerer Not und schwerer Prüfung wirklich vorwärtsbringen kann.
