Geisteswissenschaft als Erkenntnis
der Grundimpulse sozialer Gestaltung
GA 199
21 August 1920, Dornach
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Eine wirkliche Erkenntnis desjenigen, was in der Menschheit als verschiedene Impulse waltet, und was erkannt werden muß, wenn man nach irgendeiner Richtung hin Stellung nehmen will innerhalb der Menschheit, ist nur möglich, wenn man versucht, sich zu vertiefen in die Verschiedenheiten, die bestehen zwischen der Seelenverfassung des einen Gliedes der Menschheit und der des andern Gliedes der Menschheit. Gewiß, notwendig ist es zum richtigen Fortschritt innerhalb der ganzen Menschheit, daß sich die Menschen verstehen, daß es also unter den Menschen ein Gemeinschaftliches gibt. Aber dieses Gemeinschaftliche kann sich nur entwickeln, wenn der Blick gerichtet wird auf das, was als Verschiedenheiten in den Seelenveranlagungen, in den Seelenentwikkelungen bei den verschiedenen Gliedern der Menschheit da ist. In einem Zeitalter des abstrakten Denkens, des bloßen Intellektualismus, wie es dasjenige ist, in dem wir jetzt leben, sieht man zu gerne nur nach den abstrakten Einheiten. Dadurch kommt man überhaupt nicht zum Verständnis der wirklichen konkreten Einheit. Man muß gerade durch das Erfassen der Verschiedenheiten zu der Einheit kommen. Und ich habe von den verschiedensten Gesichtspunkten aus hingewiesen namentlich auf die gegenseitigen Beziehungen, die sich zwischen dem Westen und dem Osten der Erdenbevölkerung aus diesen Verschiedenheiten heraus ergeben. Heute möchte ich wiederum von einem andern Gesichtspunkte auf solche Differenzierungen innerhalb der Menschheit hinweisen. Wenn man heute dasjenige nimmt, was einem gewöhnlich in die Augen fällt, wenn man auf die allgemeine Bildung hinsieht, was hat man denn dann eigentlich? Man hat, wenn man den Blick auf das richtet, was gewissermaßen die meisten Menschen in der zivilisierten Welt als ihre Gedankenformen haben, im Grunde genommen darinnen etwas, was im wesentlichen westliche Färbung und seinen Ursprung in der besonderen Charakterveranlagung des Westens hat. Ich meine so: Wenn Sie heute eine Zeitung in die Hand nehmen, die in Amerika, in England, in Frankreich, in Deutschland, in Österreich oder in Rußland erscheint, so werden Sie ja gewiß verspüren, daß da gewisse Unterschiede in der Art des Denkens und so weiter sind, aber Sie werden ein Gemeinsames bemerken. Dieses Gemeinsame rührt aber nicht davon her, daß etwa, wenn ich da das westliche Gebiet, da das mittlere Gebiet und da das Ostgebiet habe (siehe Zeichnung), dasjenige, was, sagen wir, in den Zeitungen und auch in den gewöhnlichen populären und wissenschaftlichen Literaturwerken zutage tritt, überall aufsteigen würde aus dem, was in den Tiefen der Volkstümer ruht. Sie lesen nicht zum Beispiel in einer Petersburger Zeitung, was aus dem Volkstum des Russentums aufsteigt, Sie lesen heute nicht einmal in einer Wiener oder Berliner Zeitung, was aus dem Volkstum der mittleren Welt aufsteigt, sondern dasjenige, was die Grundkonfiguration, den Grundcharakter angibt, das ist im Grunde genommen aus dem Westen aufgestiegen und hat sich hier in diese einzelnen Gebiete herein ergossen. Es ist also im wesentlichen über die zivilisierte Welt verbreitet die Grundnuance desjenigen, was eigentlich aus den Volkstümern des Westens aufgestiegen ist.
[ 2 ] Man kann das, wenn man oberflächlich die Dinge ansieht, bezweifeln; aber wenn man etwas tiefer geht, so kann man die Dinge nicht mehr bezweifeln, von denen hier die Rede ist. Nehmen Sie, was etwa heute Gesinnung, Grundempfindung, Vorstellungsform, sagen wir, einer Wiener, Berliner Zeitung oder eines Wiener oder Berliner belletristischen oder auch wissenschaftlichen Buches ist. Vergleichen Sie das mit einem Londoner Buche — ganz abgesehen jetzt von der Sprache —, dann finden Sie darinnen bei einem solchen Vergleichen zwischen dem Wiener, Berliner und Londoner oder Pariser Buch oder selbst New Yorker und Chicagoer Buche mehr Ähnlichkeit als zwischen dem, was heute in der belletristischen und wissenschaftlichen Literatur an Gedanken und Vorstellungsformen in Wien oder Berlin zutage tritt, und dem, was zum Beispiel Fichte als seine besondere Nuance hat, die er durch seine Gedanken hindurch als belebendes Element ergießt. Ich will Ihnen einen einzelnen Fall sagen, an dem Sie das sehen können.
[ 3 ] Es gibt einen Satz von Fichte, der ist so charakteristisch für diesen Johann Gottlieb Fichte, den großen Philosophen von der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, daß ihn heute kein Mensch versteht. Dieser Satz heißt: «Die äußere Welt ist das versinnlichte Material der Pflicht.» Der Satz heißt nämlich nichts Geringeres als: Wenn man hinausschaut in die Welt der Berge, in die Welt der Wolken, Wälder, Flüsse, Tiere, Pflanzen, Mineralien, das alles ist etwas, was für sich selber gar keine Bedeutung, gar keine Realität hat, das alles ist eine bloße Erscheinung. Es ist bloß dazu da, daß der Mensch in seiner Entwickelung seine Pflicht verrichten kann; denn ich kann nicht meine Pflicht verrichten, wenn ich in einer Welt stehe, in der ich nicht umgeben bin von irgend etwas, das ich angreifen kann. Es muß Holz da sein, es muß ein Hammer da sein: das ist für sich gar nicht bedeutend, hat keine Materialität, sondern es ist nur das versinnlichte Material meiner Pflicht. Und dasjenige, was da draußen ist, ist dazu da, daß die Pflicht überhaupt zutage treten kann. Das hat ein Mensch aus den innersten Empfindungen seiner Seele, aus der innersten Nuance seiner Seelenverfassung heraus und dann aus dem Volkstum heraus vor einem Jahrhundert geprägt. Das ist nicht populär geworden. Wenn heute die Leute von Johann Gottlieb Fichte reden, Bücher über ihn schreiben, in Zeitungsartikeln von ihm reden, dann reden sie so, daß sie bloß die äußere Wortform wahrnehmen. Verstehen tut keiner etwas von Fichte. Sie können alles, was jetzt über Fichte so von der gewöhnlichen Belletristik und Wissenschaft notifiziert wird, ruhig als etwas nehmen, was mit Johann Gottlieb Fichte überhaupt nichts zu tun hat; aber viel hat es zu tun mit dem, was aus dem westlichen Volkstum aufgestiegen ist, und was sich herüberergossen hat in dasjenige, was auch sonstige zivilisierte Welt ist.
[ 4 ] Diese feineren Zusammenhänge, die durchschaut man nicht. Daher kommt man gar nicht darauf, in einer intensiv erschöpfenden Weise zu charakterisieren, worin das Wesentliche liegt, das aus den verschiedenen Volkstümern aufsteigt. Denn es ist heute ja alles überflossen von dem, was vom Westen aufsteigt und in das übrige hineinfließt. In Mitteleuropa, im Osten glauben die Leute in ihrem Volkstum zu denken. Das ist nicht der Fall zunächst. Sie denken gar nicht in ihrem Volkstum, sie denken in dem, was sie vom Westen angenommen haben.
[ 5 ] In dem, was ich jetzt sage, liegt viel beschlossen von dem, was eigentlich das Rätsel der Gegenwart ist. Dieses Rätsel der Gegenwart kann nur dann gelöst werden, wenn man sich bewußt wird, welche spezifischen Qualitäten aus diesen einzelnen Gebieten aufsteigen. Da haben wir zunächst den Osten, diesen Osten, der ja heute sein wahres Bild nicht darbietet. Wäre nicht überhaupt die Verlogenheit zunächst die Grundeigenschaft des ganzen öffentlichen Lebens unserer Zeit, so würde ja die Welt heute nicht so unbekannt sein damit, daß dasjenige, was man Bolschewismus nennt, sich mit rasender Eile über den ganzen Osten ausbreitet, nach Asien hinein, daß das schon sehr weit ist. Die Leute sehnen sich darnach, zu verschlafen, was eigentlich geschieht, und sind sehr froh, wenn man ihnen nicht sagt, was da eigentlich geschieht. Daher kann man ihnen auch das natürlich sehr leicht vorenthalten, was in Wirklichkeit geschieht. So wird man es erleben, daß der Osten, daß ganz Asien überflossen wird von dem, was das äußerste, radikalste Produkt des Westens ist, von dem Bolschewismus, das heißt von einem ihm durch und durch fremden Elemente.
[ 6 ] Will man hineinschauen in das, was die Welt des Ostens aus den Tiefen des Volkstums aufsteigen läßt, dann kann man gewahr werden — weil der Osten in bezug auf das Urelement vollständig in die Dekadenz gekommen ist und eigentlich seiner selbst nicht mehr bewußt ist, weil der Osten gerade sich überschwemmen läßt von dem, was ich als den äußersten radikalen Ausläufer des Westens charakterisiert habe —, daß man die eigentliche Grundnuance des Empfindens des Ostens nur dann finden kann, wenn man in ältere Zeiten zurückgeht und sich an ihnen belehrt. Gewiß, es ist alles das noch in der Menschheit des Ostens enthalten, was einstmals in ihr enthalten war, aber es ist heute alles übergossen. Was im Osten gelebt hat, was im Osten die Seelen durchzittert hat, das lebt in den äußersten Ausläufern zuletzt da, wo es nicht mehr verstanden wird, wo es abergläubischer Kultus geworden ist, wo es heuchlerisches Gemurmel der Popen geworden ist in dem letzten, eben orthodox-russischen Kultus, unverstanden auch von denen, die diesen orthodoxen russischen Kultus zu verstehen glaubten. Es war eine Linie vom alten Indertum bis zu diesen bloß noch auf den Lippen heuchlerisch in die Menge hineingeplärrten Formeln des russischen Kultus. Denn diese ganze Veranlagung, die sich da auslebte, die diesem Osten seelisch das Gepräge gab, die es ihm auch heute gibt, aber unterdrückt, das ist die Veranlagung dazu, eine solche geistige Verfassung zu entwickeln, welche den Menschen zu dem Vorgeburtlichen hinlenkt, zu dem, was in unserem Leben vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis liegt. Ganz ursprünglich war dasjenige, was als Weltanschauung und Religiosität diesen Osten durchdrang, so, daß es zusammenhing damit, daß dieser Osten einen Begriff hatte, der dem Westen ja ganz verlorengegangen ist. Der Westen hat, wie ich das schon einmal hier erwähnt habe, den Begriff der Unsterblichkeit, aber nicht der Ungeburtlichkeit, des Ungeborenseins. Unsterblichkeit sagen wir, aber wir sagen nicht Ungeburtlichkeit. Das heißt, wir setzen in Gedanken das Leben fort nach dem Tode, wir setzen es aber nicht fort hinaus in die vorgeburtliche Zeit. Aber dieser Osten war durch die besondere Veranlagung seiner Seele, welche noch Imagination, Inspiration in die Gedanken, in die Vorstellungen hereinnahm, dazu veranlagt, durch dieses besondere inhaltliche Ausleben der Vorstellungswelt weniger hinzusehen auf das nachtodliche Leben als vielmehr auf das vorgeburtliche, und dieses Leben hier in der Sinneswelt für den Menschen als etwas zu betrachten, was ihm zukommt, nachdem er seine Aufgaben empfangen hat vor der Geburt, was er hier auszuführen hat im Sinne der empfangenen Aufgabe. Er war dazu veranlagt, dieses Leben als die Pflicht aufzufassen desjenigen, was einem von den Göttern gegeben worden ist, bevor man in diesen irdisch-fleischlichen Leib heruntergestiegen ist. Es ist eine selbstverständliche Forderung, daß eine solche Weltanschauung die wiederholten Erdenleben und die Leben zwischen Tod und Geburt in sich einbezieht, denn man kann wohl von einem einmaligen Leben nach dem Tode reden, aber nicht von einem einmaligen vor der Geburt. Das würde eine unmögliche Lehre sein. Denn derjenige, der überhaupt redet von der Präexistenz, der redet dann nicht von nur einem Erdenleben, wie Sie bei einer rechten Überlegung sich klarmachen können. Es war ein Hinaufblicken in die übersinnliche Welt, welches durch die ganze Veranlagung dieser östlichen Seelen hervorgerufen war, aber es war ein Hinaufblicken so, daß man im Grunde genommen im Auge hatte dieses Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, bevor wir hier in das Erdenleben eingezogen sind. Alles andere, was gedacht wurde in politischer, in sozialer, in historischer Beziehung, in wirtschaftlicher Beziehung, es war nur eine Konsequenz von dem, was in der Seele ruhte in bezug auf dieses Hingeordnetsein auf das Leben vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis.
[ 7 ] Dieses Leben aber, diese Seelenverfassung ist besonders geeignet dazu, den menschlichen Seelenblick hinaufzurichten nach dem Geistigen, zu erfüllen den Menschen mit der übersinnlichen Welt. Denn er betrachtet sich ja hier ganz und gar als ein Geschöpf der übersinnlichen Welt, als etwas, was nur das übersinnliche Leben hier durch das sinnliche Leben fortsetzt. Alles das, was dann später in die Dekadenz gekommen ist an Reichsgebilden, an sozialen Gebilden des alten Orients bis in die Konstitution hinein, ist so geworden, weil diese besondere Seelenverfassung zugrunde lag. Und heute ist diese Seelenverfassung, ich möchte sagen, überschüttet, weil sie schwach geworden ist, gelähmt geworden ist, weil sie nur, ich möchte sagen, wie aus rachitischen Seelengliedern heraus so verkündet worden ist, wie etwa durch Rabindranath Tagore, wie etwas, das in unbestimmte, nebulose Formeln ergossen wird. Heute ist man in praxi überschwemmt von dem, was als äußerster radikaler Flügel des Westens im Bolschewismus sich auslebt, und der Westen wird es zu erleben haben, daß das, was er selbst nicht haben will, sich nach dem Osten hinüber abschiebt, und daß ihm in einer gar nicht fernen Zeit von dem Osten dasjenige entgegenkommt, was er selber dorthin abgeschoben hat. Und es wird dann eine merkwürdige Selbsterkenntnis sein.
[ 8 ] Aber wozu hat diese merkwürdige Entwickelung des Ostens geführt? Sie hat dazu geführt, daß die Menschen des Ostens all den heiligen inneren Eifer, den sie einmal dazu verwendet haben, um dem Impuls nach der übersinnlichen Welt Nahrung zu geben, um das Geistige in seiner Reinheit zu begreifen, nunmehr dazu verwenden, um die allermaterialistischste Anschauung von dem äußeren Leben mit religiöser Inbrunst aufzunehmen. Und immer mehr wird sich der Bolschewismus nach Asien hin so verwandeln, trotzdem er die alleräußerste Konsequenz der allermaterialistischsten Weltanschauung und sozialen Anschauung ist, immer mehr wird er sich dahin verwandeln, daß er da mit derselben religiösen Inbrunst ergriffen wird, wie ergriffen worden ist einstmals die übersinnliche Welt. Und man wird im Osten in denselben Formeln, in denen man einstmalsgeredet hat von dem heiligen Brahman, reden von dem wirtschaftlichen Leben. Denn dasjenige, was Grundveranlagung des Seelischen ist, das ändert sich nicht, das bleibt; denn nicht der Inhalt ist es, auf den es dabei ankommt. Man kann mit derselben religiösen Inbrunst das Allermaterialistischste ergreifen, mit der man vorher das Geistigste, das Spirituellste ergriffen hat.
[ 9 ] Wenden wir den Blick von da ab nach dem Westen. Der Westen hat die verhältnismäßig am spätesten liegende menschliche Seelenentwickelung heraufgebracht. Sie muß uns besonders interessieren, denn sie hat diejenige Anschauung gebracht, die aufgestiegen ist wie ein Nebel im Westen und sich herüber ergießt über die ganze zivilisierte Welt. Es ist die Anschauungsweise, die am bedeutsamsten zum Ausdruck gekommen ist schon in Baco von Verulam, in Hobbes, in solchen Geistern, wie etwa unter den neueren der Nationalökonom Adam Smith, unter den Philosophen John Stuart Mill, unter den Historikern Buckle und so weiter. Es ist diejenige Denkweise, wo in den Vorstellungen, in den Gedanken nichts mehr liegt von Imagination, Inspiration, wo der Mensch ganz und gar angewiesen ist, nur sein Vorstellungsleben nach außen, nach der Sinneswelt zu richten und die Eindrücke der Sinneswelt nach den Verkettungen von Gedanken aufzunehmen, die sich gerade an der Sinneswelt ergeben. Philosophisch ist es am eklatantesten zum Ausdruck gekommen in David Hume, auch in andern, in Locke und so weiter. Es ist etwas sehr Eigentümliches, das aber gesagt werden muß. Wenn man nach diesem Westen blickt, dann muß man hinsehen, wie Geister wie zum Beispiel John Stuart Mill über die menschliche Gedankenverkettung sprechen. Das Wort Vorstellungsassoziation ist eigentlich ganz ein westliches Gebilde; aber es ist zum Beispiel in Mitteleuropa schon seit mehr als einem halben Jahrhundert so gang und gäbe geworden, daß man von diesen Vorstellungsassoziationen wie von etwas eigenem spricht. Man sagt zum Beispiel, wenn man Psychologie lehrt in John Stuart Millschem Sinn: Gedanken in der menschlichen Seele verbinden sich erstens so, daß ein Gedanke den andern umspannt, oder daß ein Gedanke sich an den andern schließt, oder daß ein Gedanke den andern durchdringt. Das heißt, man schaut auf die Gedankenwelt hin und sieht die einzelnen Gedanken wie einzelne kleine Bälle, die sich miteinander verbinden, die sich assoziieren (siehe Zeichnung). Wenn man konsequent wäre, müßte man alles Ich und alles Astralische ausstreichen und müßte da innerlich einen bloßen Mechanismus der Gedanken aufführen, und sehr viele Leute sprechen ja auch von diesem innerlichen Mechanismus der Gedanken. Der Mensch wird gewissermaßen seelisch ausgeweidet. Wenn man John Stuart Mill liest und seine deduktive und induktive Logik, so fühlt man sich seelisch versetzt in einen Seziersaal, wo verschiedene Tiere hängen, die ausgeweidet werden, denen das Innere herausgenommen wird. So fühlt man bei Mill des Menschen geistig-seelisches Wesen herausgenommen. Er nimmt zuerst das Innere heraus und läßt die bloße äußere Hülle. Ja, da erscheinen dann die Gedanken nur wie sich assoziierende atomistische Gebilde, die sich zusammenballen, wenn wir ein Urteil bilden. Der Baum ist grün: da ist der eine Gedanke, grün, der andere, der Baum; die schwimmen zusammen. Da ist nicht das Innerste mehr lebendig, das ist ausgeweidet, da ist nur der Mechanismus der Gedanken und so weiter.
[ 10 ] Dieses Vorstellen kommt nicht von der äußeren Sinneswelt, sondern es wird der äußeren Sinneswelt aufgedrängt. Ich habe daher in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» darauf aufmerksam gemacht, daß solch ein Geist wie John Stuart Mill gar nicht irgendwie verwandt ist mit der inneren Welt, sondern sich einfach hingibt und sich nur wie ein bloßer Zuschauer verhält, in dem die äußere Welt sich spiegelt. Es handelt sich darum, daß durch diese Denkweise gerade dasjenige kommt, was ich öfter charakterisiert habe: der Materialismus hat die Tragik, die Materie nicht mehr zu erkennen. Wie kann denn der Materialismus eindringen in die Materie, wenn er erst das, was die Materie eigentlich darstellt — denn wir haben gesehen: wenn man untertaucht in den Menschen, taucht man ja in das wahre Materielle der Erde ein —, wenn er das erst ausweidet in Gedanken. Es ist das jetzt schon zu einer äußersten Konsequenz gekommen in dieser Beziehung.
[ 11 ] Diese äußerste Konsequenz ist heute schon zu verfolgen, nur daß die Leute niemals die Dinge im Zusammenhange sehen, sondern heute nur immer Einzelheiten sehen. Bedenken Sie, wohin es kommen muß, wenn alles wirkliche innere bewegliche Ich weg ist, also das, was gerade über den Geist in der Sinneswelt Aufklärung geben kann, aus dem Menschen herausgeweidet wird — denken Sie, wohin muß es denn zuletzt kommen? Dazu kommt es, daß der Mensch dann fühlt, er hat ja eigentlich nichts mehr vom wirklichen Inhalt der Welt. Er schaut hinaus in die Sinneswelt. Er weiß nicht, daß dasjenige wahr ist, was wir gestern gesagt haben, daß hinter der äußeren Sinneswelt geistige Wesenheiten sind. Wenn er sich Illusionen hingibt, ja, dann nimmt er draußen Atome und Moleküle an. Er träumt von Atomen und Molekülen. Wenn er sich keiner Illusion hingibt in bezug auf das Äußere, so kann er nichts anderes sagen als: Dieses ganze Äußere enthält ja keine Wahrheit. Es ist ja eigentlich nichts. — Aber innerlich hat er nichts gefunden. Er ist leer. Er muß sich selber suggerieren, daß irgend etwas in seinem Inneren ist. Er hat den Geist nicht, daher suggeriert er sich den Geist. Er bildet sich die Suggestion des Geistes. Und er ist nicht imstande, diese Suggestion aufrechtzuerhalten, wenn er nicht mit aller Schärfe abweist die Realität der Materie. Das heißt, er lebt sich vollständig ein in eine Weltanschauung, die den Geist nicht erkennt, sondern sich ihn suggeriert, sich bloß den Glauben an den Geist einsuggeriert und die Materie ableugnet. Sie haben den äußersten Ausläufer im Westen, Sie haben das Gegenbild dessen, was ich Ihnen im Osten eben charakterisiert habe, in der Christian Science der Mrs. Eddy. Sie mußte entstehen als die letzte Konsequenz solcher Anschauungen, wie die von Locke oder David Hume oder von John Stuart Mill. Es ist die Anschauung, die aber auch die letzte Konsequenz desjenigen ist, was heraufgezogen ist in der neueren Zeit in der unseligen Gliederung des ganzen menschlichen Seelenlebens in das Wissen und in den Glauben.
[ 12 ] Geht man einmal dazu über, das Wissen auf der einen Seite zu haben, den Glauben auf der andern Seite, jenen Glauben, der nicht mehr Erkenntnis sein will, so führt das in letzter Konsequenz dahin, daß man überhaupt nicht mehr den Geist hat. Der Glaube hört schließlich auf, einen Inhalt zu haben. Dann muß man sich den Inhalt suggerieren. Man sucht nicht durch eine geistige Wissenschaft zum reinen Geist zu gelangen, man sucht eben den Geist und gelangt zu der Christian Science der Mrs. Eddy, diesen Geist, der als letzte Konsequenz in der Christian Science der Mrs. Eddy zum Ausdruck gekommen ist. Und diesen Geist atmet schon die ganze Politik des Westens seit längerer Zeit. Sie lebt nicht von Wirklichkeiten, sie lebt von selbstgemachten Suggestionen. Man kann ja selbstverständlich dann, wenn man nicht in die Tiefe hinein zu kurieren hat, auch mit der Christian Science bekanntlich kurieren, und die wunderbarsten Kuren werden erzählt. Ebenso kann man mit der Suggestionspolitik des Westens allerlei Erbauliches ausführen.
[ 13 ] Aber diese Anschauung des Westens, sie hat doch Qualitäten, sie hat bedeutende Qualitäten. Sie hat die Qualitäten, die wir am besten erkennen, wenn wir sie kontrastieren mit dem, was die Qualitäten des Ostens sind. Blicken wir zurück auf diejenigen Zeiten, wo die Qualitäten des Ostens besonders hervorgetreten sind, so waren es die Qualitäten, die zunächst das vorgeburtliche Leben ins Auge fassen konnten, ins Seelenauge fassen konnten, die also besonders auch geeignet sind, dasjenige eigentlich zu konstituieren, was in einem sozialen Organismus die geistige Welt sein kann, das geistige Glied sein kann. Im Grunde genommen ist alles, was wir in Mitteleuropa und im Westen aufgebracht haben, in einer gewissen Weise Erbgut des Ostens. Ich habe ja das schon einmal bei einer andern Gelegenheit erwähnt. Dieser Osten war besonders dazu veranlagt, das geistige Leben zu kultivieren. Der Westen ist ja besonders dazu veranlagt, Gedankenformen auszubilden; ich habe sie jetzt in einem etwas unvorteilhaften Lichte geschildert. Sie sind aber auch in einem vorteilhaften Lichte zu schildern, wenn man nämlich dasjenige, was von Baco von Verulam, von Buckle, von Mill, Thomas Reid, von Locke, von Hume, von Adam Smith, von Spencer oder von ähnlichen Geistern herrührt, Bentham zum Beispiel, wenn man all das nimmt und sich auf der einen Seite gesteht: Ja, das ist ja ganz gewiß nicht geeignet, durch Imagination oder Inspiration in eine geistige Welt einzudringen, die das vorgeburtliche Leben begreift. Aber andererseits muß man sagen, gerade wenn man studiert, wie eingedrungen ist diese Denkweise in unsere Wissenschaft des Abendlandes, wie sie lebt in unserer Wissenschaft des Abendlandes, man muß sagen, das alles zeigt sich besonders geeignet für das wirtschaftliche Denken. Und wenn einmal das wirtschaftliche Glied des sozialen Organismus ausgebildet werden soll, dann wird man in die Schule gehen müssen beim Westen: bei "Thomas Reid, John Stuart Mill, Buckle, Adam Smith und so weiter. Sie haben nur den Fehler, daß sie auf die Wissenschaft, auf die Erkenntnis, auf das Geistesleben ihr Denken angewendet haben. Wenn man sich schult an diesem Denken und darüber nachdenkt, wie man Assoziationen zu bilden hat, wie man am besten zu wirtschaften hat, dann ist dieses Denken am Platze. Mill hätte nicht eine Logik schreiben sollen, sondern er hätte die geistige Kapazität, die er gehabt hat, um eine Logik zu schreiben, dazu verwenden sollen, einmal das Gefüge einer gewissen gewerblichen Assoziation in allen Einzelheiten zu beschreiben. Und man muß sagen, wenn man heute so etwas zustande bringen will wie mein Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage», dann muß man gelernt haben, zu verstehen, auf welche Art im orientalischen Sinne man zum Geistigen gelangt, und auf welche Weise man, wenn auch noch jetzt sehr auf Irrpfaden, im Westen zum wirtschaftlichen Denken gelangt. Denn beide Dinge gehören zueinander, beide sind notwendig miteinander.
[ 14 ] Auf dem Gebiete der Weltanschauung führt das allerdings zu solchen Aftergebilden, wie dieses von Mrs. Eddy eines ist, die Christian Science. Aber man muß die Dinge nicht betrachten nach dem, was sie nicht sein können, man muß die Dinge betrachten nach dem, was sie sein können. Denn durch Zusammenwirken aller Menschen über das Erdenrund muß dasjenige entstehen, was Einheit der Menschen ist, nicht durch irgendein abstraktes theoretisches Gebilde, das man einfach hinpfahlt und das man dann als Einheit betrachtet.
[ 15 ] Und man kann nun sich fragen: Woher eigentlich aus der menschlichen Organisation kommt dieses besondere Millsche, Bucklesche, Adam Smithsche Denken? Das orientalische Denken ist im Grunde genommen, besonders wenn man in die älteren Zeiten des Orientalismus zurückschaut, aus einem Verkehr mit der Welt entstanden, es ist dasjenige Denken, dasjenige Empfinden, welches einem so erscheint, wie wenn, ich möchte sagen, aus der Erde selbst die Wurzeln eines Baumes herauswachsen und Blätter kriegen. So erscheint einem zum Beispiel der altindische Mensch mit der ganzen Erde verbunden und seine Gedanken erscheinen einem hervorgewachsen aus dem irdischen Dasein auf geistige Weise, wie die Blätter, die Blüten eines Baumes einem hervorgewachsen erscheinen aus diesem Baume durch die ganzen Kräfte der Erde.
[ 16 ] Das ist gerade dieses Verwachsensein mit der Außenwelt bei dem orientalischen Menschen, dieses Hereinnehmen jener Geistigkeit, von der ich Ihnen gesprochen habe, daß sie jenseits der Sinneswelt ist. Im Westen wird alles herausgeholt aus den Instinkten der Persönlichkeit, aus den Tiefen der Persönlichkeit. Ich möchte sagen, der Stoffwechsel des Menschen, nicht die äußere Welt ist es. Die Welt beim Orientalen wirkt auf die Sinne, wirkt auf den Geist, die in ihm aufleuchten lassen dasjenige, was er seinen heiligen Brahma nennt. Im Westen ist es das, was aus dem Stoffwechsel des Leibes aufsteigt, und was zu Vorstellungsassoziationen führt, was aber besonders taugt, eben das Wirtschaftsleben zu charakterisieren, was erst für das folgende Erdenleben ist. Denn was wir außer dem Kopf an uns tragen, ist ja das, was erst wahr zum Ausdrucke kommt, wie wir ausgeführt haben, in dem nächsten Erdenleben. Diesen Kopf haben wir von unserem vorigen Erdenleben; unsere Gliedmaßen, unseren Stoffwechsel tragen wir in das nächste Erdenleben hinein. Das ist Metamorphose von Erdenleben zu Erdenleben. Daher denkt man im Westen mit dem, was reif wird erst im nächsten Erdenleben. Es ist daher auch gerade dieses Denken des Westens darauf veranlagt, das Post-mortem-Leben ins Auge zu fassen, statt von der Ewigkeit, von der Unsterblichkeit zu sprechen, nicht zu haben das Wort «ungeburtlich», sondern nur zu haben das Wort «Unsterblichkeit». Es ist der Westen, welcher das Leben nach dem Tode als dasjenige hinstellt, wonach der Mensch vor allen Dingen sehen soll. Aber jetzt schon bereitet sich im Westen aus der ganz materialistischen Kultur in dieser Beziehung, ich möchte sagen, Radikales, aber gerade im radikalen Sinne Edles vor. Wer ein wenig sehen kann in die Tiefen desjenigen, was sich da vorbereiten will, der kommt zu einer merkwürdigen Entdeckung. Es wird zwar in der allerinnigsten Weise gestrebt nach dem Postmortem-Leben, nach irgendeiner Unsterblichkeit, also nach einem egoistischen Leben nach dem 'Tode, aber es wird so gestrebt, daß aus diesem Streben etwas Besonderes sich entwickeln wird; während ein großer Teil der Menschheit noch in einer Illusion lebt in diesem Punkte, entwickelt sich sonderbarerweise im Westen etwas ganz Merkwürdiges. Ein großer Teil der europäischen Menschheit hat ja, weil in ihm gewissermaßen einzelnes sich spiegelt von diesem Post-mortem-Leben, das der Westen sich ausbildete, er hat auch dieses Post-mortem-Leben, dieses Hinschauen auf das Leben nach dem Tode besonders ausgebildet. Aber am liebsten möchte dieser Europäer sagen: Ja, es ist mir verheißen von meiner Religion ein Leben nach dem Tode, aber ich brauche hier in diesem nichtigen, in diesem unbefriedigenden Erdenleben, in diesem nur materiellen Leben nichts zu tun, um die Seele unsterblich zu machen. Christus ist gestorben, damit ich unsterblich sei. Ich brauche nicht zu streben nach dieser Unsterblichkeit. Ich bin einmal unsterblich, Christus macht mich unsterblich. Oder dergleichen.
[ 17 ] Im Westen bereitet sich etwas anderes vor, insbesondere in Amerika. Da sehen wir aus den verschiedensten, manchmal barocksten und trivialsten religiösen Weltanschauungen etwas aufstreben, was zwar ganz materialistische Formen hat, was aber zusammenhängt mit etwas, was Leben der Zukunft sein wird gerade mit Bezug auf diese Weltanschauung der Unsterblichkeit. Es macht sich geltend gerade in gewissen Sekten Amerikas der Glaube, daß man überhaupt nicht leben kann nach dem Tode, wenn man sich hier in diesem Erdenleben nicht angestrengt hat, wenn man nicht irgend etwas getan hat, wodurch man erwirbt dieses Leben nach dem Tode. Nicht bloß nach dem Muster irdischer Wahrheit ins Ewige verlegtes Richten nach Gut und Böse wird gesehen nach dem Tode, sondern derjenige zerfließt, zerflattert im Weltenall, der sich nicht hier anstrengt, damit er seine seelische Entwickelung eben durch den Tod tragen kann. Was man durch den Tod tragen will, das muß hier entwickelt werden. Und derjenige stirbt auch seelisch diesen zweiten Tod — um dieses Paulinische Wort zu gebrauchen —, der hier nicht dafür sorgt, daß seine Seele unsterblich werde. Das ist etwas, was sich allerdings im Westen als Weltanschauung entwickelt, nicht das langsame passive Dahinleben und Zuwarten, was wird nach dem Tode. Das ist dasjenige, was in gewissen Sekten Amerikas hervortritt. Es wird vielleicht heute noch wenig bemerkt, aber zahlreiche Empfindungen streben danach, dieses Leben hier moralisch und auch sonst so anzuschauen, die Lebensführung so einzurichten, daß man durch das, was man hier tut, etwas hindurchträgt durch die Pforte des Todes.
[ 18 ] So hat sich einstmals im Orient entwickelt der besondere Hinblick auf das Leben vor der Geburt. Dadurch ist man in die Lage gekommen, dieses Leben hier als eine Fortsetzung dieses vorgeburtlichen, übersinnlichen Geisteslebens zu betrachten, und es hatte dadurch und nicht durch sich selbst seinen Inhalt. Und es entwickelt sich im Westen heute für die Zukunft etwas, was nicht in einer passiven, gleichgültigen Weise hier leben will und warten, bis man stirbt, weil einem dieses Leben nach dem Tode garantiert ist, sondern es entwickelt sich dasjenige, durch das man weiß: man trägt nichts durch die Pforte des Todes, wenn man hier nicht dafür sorgt, daß man etwas durch die Pforte des Todes trägt durch Aufnahme dessen, was aus demjenigen kommt, was man hat.
[ 19 ] So ist das Denken des Westens auf der einen Seite eingestellt auf das wirtschaftliche Gestalten des sozialen Organismus, auf der andern Seite eingestellt darauf, die einseitige Post-mortem-Lehre auszubilden. Daher konnte auch dort der Spiritismus besonders sich entwickeln und von da aus die übrige Welt überfluten, der ja eigentlich nur erfunden worden ist, um den Menschen, die nicht mehr durch irgendwelche innere Entwickelung zu einer Unsterblichkeitsüberzeugung kommen können, eine Art Schein auszustellen, daß man wirklich unsterblich ist. Denn eigentlich wird man Spiritist zumeist aus dem Grunde, damit einem durch irgend etwas ein Schein der Gewißheit ausgestellt ist, man sei nach dem Tode unsterblich.
[ 20 ] Zwischen diesen beiden Welten steht drinnen so etwas, wie es in Fichtes Worten liegt: Die äußere Welt ist das versinnlichte Material meiner Pflicht. — Diese Denkweise, ich sagte vorher, eigentlich verstehen sie die Leute heute nicht. Und was heute über Fichte geschrieben wird, das ist eigentlich ebenso, wie wenn der Blinde von der Farbe reden würde. Es ist namentlich in den letzten Jahren ungeheuer viel von dem Fichteschen Satz gesagt und gepredigt worden. Aber das alles war so, daß man sagen möchte: Fichte, der urmitteleuropäische Geist, ist eigentlich von den deutschen Zeitungen, von deutschen Belletristikund Bücherschreibern amerikanisiert worden. Das sind eigentlich amerikanisierte Fichtes, die da einem entgegentreten. Da ist jene Nuance des menschlichen Seelenlebens, welche das mittlere Glied des sozialen Organismus besonders auszubilden hat, dasjenige, welches hervorgeht aus der Beziehung von Mensch zu Mensch. Es wäre ja gut, wenn mancher von Ihnen sich einmal — es ist nicht leicht — vertiefen würde in eine Schrift von Fichte, wo eigentlich so geredet wird, als wenn es überhaupt keine Natur geben würde; es wird zum Beispiel Pflicht und alles deduziert, indem erst bewiesen wird, daß es äußere Menschen auch gibt, in denen das versinnlichte Material der Pflicht zum Dasein kommen kann. Da lebt alles darinnen, ich möchte sagen als Rohmaterial, aus dem sich zusammensetzen muß der Rechts-, der Staatsorganismus im dreigliedrigen sozialen Organismus.
[ 21 ] Und worauf beruht im Grunde genommen unser katastrophales Ereignis der letzten Jahre? Es beruht darauf, daß solche Dinge eben nicht lebendig durchschaut, nicht lebendig erfühlt worden sind. In Berlin macht man amerikanische Politik. Das taugt für Amerika sehr gut, just für Berlin taugt es nicht. Daher kam diese Berliner Politik in die Nullität. Denn denken Sie, wenn fortwährend in Berlin oder in Wien amerikanische Politik gemacht wurde, im Grunde genommen hätte man, abgesehen von der Sprache, zu Berlin auch sagen können New York und zu Wien Chikago, es wäre gar nicht so besonders verschieden gewesen. Wenn da — in der Mitte — etwas gemacht wird, was eigentlich durch und durch fremd ist, was in den Westen gehört und da gut am Platze ist, dann kommt dasjenige, was Urelement des Volkstums ist, und straft es Lügen, ohne daß die Menschen es wissen. Und so war es im Grunde genommen in den letzten Jahrzehnten. Das ist das Urphänomen dessen, was sich zugetragen hat, das Urphänomen, das darin besteht, daß man zum Beispiel den Fichteanismus mit Füßen getreten hat und zum Beispiel aus einem Instinkt heraus gelesen hat Ralph Waldo Trine. Eigentlich alle die aristokratischen Politikgigerln haben sich mit Ralph Waldo Trine beschäftigt und daher ihre besondere innere Anregung bezogen, oder irgend etwas anderes. Als die Sache besonders heiß geworden ist, ist es sogar Woodrow Wilson geworden. Und derjenige, der jetzt wiederum Präsident der Deutschen Republik werden möchte, der ist jetzt noch immer so, daß sein Gehirn automatisch abrollt die vierzehn Punkte von Woodrow Wilson. So daß wir erlebt haben, daß in der letzten Zeit im Großherzogtum Baden wieder einmal eine ehemals repräsentative deutsche Persönlichkeit Amerikanismus in die Welt hinausgebrüllt hat. Es ist das beste, unmittelbar anschauliche Beispiel, wie die Dinge eigentlich stehen. Nicht wahr, diese Zusammenhänge, diese urphänomenalen Zusammenhänge, sie muß man tatsächlich durchschauen, wenn man verstehen will, was heute eigentlich geschieht. Wenn man bloß die Zeitung hernimmt, die Reden liest des Prinzen Max von Baden, so herausliest, ohne Zusammenhang, dann ist das heute absolut wertlos, hat gar keinen Wert, ist ein bloßes Kaleidoskop von Worten. Derjenige allein versteht etwas von der Welt, der so etwas hineinstellen kann in den ganzen Weltzusammenhang. Und ehe nicht begriffen wird, daß es notwendig ist, daß man heute Verständnis für die Welt sich zu erobern hat, wenn man mitreden will, eher kann es nicht besser werden. Das charakteristischste Zeichen der Gegenwart ist, daß man glaubt, wenn eine Gesellschaft einen blechösen Satz als allgemeines Programm aufstellt — allgemeine Einigkeit unter allen Rassen, Nationen, Farben und so weiter —, so sei damit etwas getan. Damit ist nichts getan, als der Menschheit Sand in die Augen gestreut. Getan ist erst etwas, wenn man auf die Differenzierungen hinschaut, wenn man erkennt, was in der Welt ist. Die Menschen konnten früher aus ihren Instinkten heraus leben. Das ist ihnen jetzt genommen. Sie müssen lernen, bewußt zu leben. Bewußt leben kann man aber nur, wenn man hineinschaut in das, was wirklich geschieht.
[ 22 ] Groß war der Osten in bezug auf die Präexistenz und in bezug auf die damit zusammenhängenden wiederholten Erdenleben. Groß war der Westen in seiner Veranlagung mit Bezug auf das Post-mortem-Leben. Hier in der Mitte (siehe Zeichnung Seite 126) ist die eigentliche, heute aber noch mißverstandene Geschichtskunde entstanden. Nehmen Sie zum Beispiel Hegel. Bei Hegel ist weder eine Präexistenz noch eine Postexistenz. Es gibt weder eine Vorgeburtlichkeit noch eine Nachtodlichkeit, aber es gibt ein geistvolles Erfassen der Geschichte. Hegel beginnt mit der Logik, kommt dann zur Naturphilosophie, entwickelt die Seelenlehre, entwickelt die Staatslehre und endet mit der Dreiheit: Kunst, Religion, Wissenschaft. Das ist der Weltinhalt. Von einer Präexistenz, von einer unsterblichen Seele ist nicht die Rede, sondern nur von dem Geiste, der hier im Diesseits lebt.
[ 23 ] Präexistenz — Postexistenz — hier ist das unmittelbare Leben in der menschlichen Gegenwart, das Durchdringen der Geschichte. Lesen Sie sich dasjenige durch, was gerade von Hegel als Geschichtsphilosophie verfaßt worden ist. In den Bibliotheken ist es zumeist so, daß, wenn man aufschlägt, eine Seite noch an der andern klebt, man muß sie erst voneinander lösen. Es sind nicht viele Auflagen erschienen gerade von Hegels Büchern. In den achtziger Jahren hat Eduard von Hartmann geschrieben, daß es im ganzen Deutschland, wo es zwanzig Universitäten gibt mit philosophischen Fakultäten, überhaupt nur zwei Menschen gibt unter den Universitätsdozenten, die Hegel gelesen haben! Unwidersprochen konnte es bleiben, denn es war wahr; trotzdem haben selbstverständlich alle Schüler geschworen auf das, was ihnen ihre, den Hegel nicht gelesen habenden Professoren über Hegel gesagt haben. Aber machen Sie sich mit dem bekannt, so werden Sie sehen, daß da in der Tat Geschichtsauffassung zustande gekommen ist, das Erleben dessen, was sich zwischen Mensch und Mensch abspielt. Da ist auch das Holz, aus dem geschnitzt werden muß das Staats- oder rechtliche Glied des dreigliedrigen sozialen Organismus. Die Konstitution des geistigen Organismus ist zu lernen am Orient, die Konstitution des Wirtschaftlichen ist zu lernen am Westen.
[ 24 ] So muß man in die Differenzierung der Menschheit über die Erde hineinschauen, und man kann die Sache von der einen oder von der andern Seite verstehen. Geht man direkt auf das Ziel los, studiert man das soziale Leben, dann kommt man so zur Dreigliederung, wie ich sie in den «Kernpunkten der sozialen Frage» entwickelt habe. Studiert man so das Leben der Menschen über die Erde hin, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Es ist etwas da mit besonderer Veranlagung für die Wirtschaft, es ist etwas da mit besonderer Veranlagung für den Staat, es ist etwas da mit besonderer Veranlagung für das geistige Leben. — Hier kann ein dreigliedriges Gebilde geschaffen werden, indem man die eigentliche Wirtschaft nimmt vom Westen, den Staat nimmt von der Mitte, das geistige Leben — selbstverständlich erneuert, das habe ich immer gesagt — vom Osten. Hier hat man den Staat, hier das wirtschaftliche Leben, hier das geistige Leben (siehe Zeichnung); man hat die beiden andern von hier herüberzunehmen. So hat die Menschheit zusammenzuwirken, weil an verschiedenen Orten der Erde die Ursprünge für diese drei Glieder des sozialen Organismus gefunden werden, die deshalb auch überall gehörig auseinandergehalten werden müssen. Und wenn die Menschen vermischen wollen in der alten Weise zum Einheitsstaat dasjenige, was dreigliedrig sein will, so wird doch nichts anderes daraus, als daß eine Einheit im Westen wird, wo das Wirtschaftsleben alles überflutet und alles andere nur in das Wirtschaftsleben eintaucht. Machen dann sich Theoretiker darüber her und studieren das, das heißt, geht Karl Marx von Deutschland nach London, dann studiert er: Alles muß wirtschaftliches Leben sein. — Und wird der Wahnsinn Marxens vollends, dann macht man die drei Glieder nur eingliedrig, aber nur mit dem Charakter der Wirtschaft. Beschränkt man sich auf das, was bloß Staats- oder Rechtsgebilde sein will, so äft! man das Wirtschaftsleben des Westens nach, macht ein Scheingebilde des Wirtschaftslebens durch Jahrzehnte, was dann selbstverständlich zusammenbricht, wenn die Katastrophe kommt, was ja auch geschehen ist!
[ 25 ] Der Orient, der das geistige Leben zunächst abgeschwächt hat, nimmt einfach vom Westen herüber das Wirtschaftsleben und impft sich etwas vollständig Fremdes ein. Gerade wenn man diese Dinge studiert, wird man sehen, daß Segen nur über die Erde kommen kann, wenn man überall dasjenige, was sich an verschiedenen Orten durch Natur entwickelt, durch die menschliche Tätigkeit im dreigliedrigen sozialen Organismus zusammenfaßt.
