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Spiritual Scientific Insight into the
Fundamental Impulses of Social Organization
GA 199

21 August 1920, Dornach

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Siebenter Vortrag

Seventh Lecture

[ 1 ] Eine wirkliche Erkenntnis desjenigen, was in der Menschheit als verschiedene Impulse waltet, und was erkannt werden muß, wenn man nach irgendeiner Richtung hin Stellung nehmen will innerhalb der Menschheit, ist nur möglich, wenn man versucht, sich zu vertiefen in die Verschiedenheiten, die bestehen zwischen der Seelenverfassung des einen Gliedes der Menschheit und der des andern Gliedes der Menschheit. Gewiß, notwendig ist es zum richtigen Fortschritt innerhalb der ganzen Menschheit, daß sich die Menschen verstehen, daß es also unter den Menschen ein Gemeinschaftliches gibt. Aber dieses Gemeinschaftliche kann sich nur entwickeln, wenn der Blick gerichtet wird auf das, was als Verschiedenheiten in den Seelenveranlagungen, in den Seelenentwikkelungen bei den verschiedenen Gliedern der Menschheit da ist. In einem Zeitalter des abstrakten Denkens, des bloßen Intellektualismus, wie es dasjenige ist, in dem wir jetzt leben, sieht man zu gerne nur nach den abstrakten Einheiten. Dadurch kommt man überhaupt nicht zum Verständnis der wirklichen konkreten Einheit. Man muß gerade durch das Erfassen der Verschiedenheiten zu der Einheit kommen. Und ich habe von den verschiedensten Gesichtspunkten aus hingewiesen namentlich auf die gegenseitigen Beziehungen, die sich zwischen dem Westen und dem Osten der Erdenbevölkerung aus diesen Verschiedenheiten heraus ergeben. Heute möchte ich wiederum von einem andern Gesichtspunkte auf solche Differenzierungen innerhalb der Menschheit hinweisen. Wenn man heute dasjenige nimmt, was einem gewöhnlich in die Augen fällt, wenn man auf die allgemeine Bildung hinsieht, was hat man denn dann eigentlich? Man hat, wenn man den Blick auf das richtet, was gewissermaßen die meisten Menschen in der zivilisierten Welt als ihre Gedankenformen haben, im Grunde genommen darinnen etwas, was im wesentlichen westliche Färbung und seinen Ursprung in der besonderen Charakterveranlagung des Westens hat. Ich meine so: Wenn Sie heute eine Zeitung in die Hand nehmen, die in Amerika, in England, in Frankreich, in Deutschland, in Österreich oder in Rußland erscheint, so werden Sie ja gewiß verspüren, daß da gewisse Unterschiede in der Art des Denkens und so weiter sind, aber Sie werden ein Gemeinsames bemerken. Dieses Gemeinsame rührt aber nicht davon her, daß etwa, wenn ich da das westliche Gebiet, da das mittlere Gebiet und da das Ostgebiet habe (siehe Zeichnung), dasjenige, was, sagen wir, in den Zeitungen und auch in den gewöhnlichen populären und wissenschaftlichen Literaturwerken zutage tritt, überall aufsteigen würde aus dem, was in den Tiefen der Volkstümer ruht. Sie lesen nicht zum Beispiel in einer Petersburger Zeitung, was aus dem Volkstum des Russentums aufsteigt, Sie lesen heute nicht einmal in einer Wiener oder Berliner Zeitung, was aus dem Volkstum der mittleren Welt aufsteigt, sondern dasjenige, was die Grundkonfiguration, den Grundcharakter angibt, das ist im Grunde genommen aus dem Westen aufgestiegen und hat sich hier in diese einzelnen Gebiete herein ergossen. Es ist also im wesentlichen über die zivilisierte Welt verbreitet die Grundnuance desjenigen, was eigentlich aus den Volkstümern des Westens aufgestiegen ist.

[ 1 ] A true understanding of the various impulses at work within humanity—and of what must be recognized if one wishes to take a stand in any particular direction within humanity—is possible only if one attempts to delve deeply into the differences that exist between the spiritual constitution of one member of humanity and that of another. Certainly, for true progress within all of humanity, it is necessary for people to understand one another—that is, for there to be a sense of commonality among them. But this commonality can only develop when one’s gaze is directed toward the differences that exist in the dispositions of the soul and in the development of the soul among the various members of humanity. In an age of abstract thinking, of mere intellectualism—such as the one in which we now live—people are all too eager to look only at abstract unities. As a result, one fails entirely to grasp the true, concrete unity. It is precisely by grasping these differences that one must arrive at unity. And I have pointed out, from a wide variety of perspectives, the mutual relationships that arise between the Western and Eastern halves of the world’s population as a result of these differences. Today I would like to draw attention once again, from yet another perspective, to such distinctions within humanity. If one considers today what usually catches one’s eye when looking at general education, what does one actually find? If one directs one’s gaze toward what, so to speak, most people in the civilized world regard as their thought forms, one essentially finds something that is fundamentally Western in character and has its origin in the particular disposition of the West. What I mean is this: If you pick up a newspaper today published in America, England, France, Germany, Austria, or Russia, you will certainly sense that there are certain differences in the way of thinking and so on, but you will also notice something in common. This commonality, however, does not stem from the fact that—if I were to divide the world into the Western region, the Central region, and the Eastern region (see diagram)—what appears, say, in the newspapers and also in ordinary popular and scholarly works of literature would everywhere arise from what lies deep within the national character. For example, you do not read in a St. Petersburg newspaper what arises from the folk culture of Russia; nor do you read today in a Viennese or Berlin newspaper what arises from the folk culture of Central Europe; rather, what defines the basic configuration and character has, in essence, arisen from the West and has flowed into these individual regions. Thus, the fundamental nuance of what actually arose from the folk traditions of the West is, in essence, widespread throughout the civilized world.

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[ 2 ] Man kann das, wenn man oberflächlich die Dinge ansieht, bezweifeln; aber wenn man etwas tiefer geht, so kann man die Dinge nicht mehr bezweifeln, von denen hier die Rede ist. Nehmen Sie, was etwa heute Gesinnung, Grundempfindung, Vorstellungsform, sagen wir, einer Wiener, Berliner Zeitung oder eines Wiener oder Berliner belletristischen oder auch wissenschaftlichen Buches ist. Vergleichen Sie das mit einem Londoner Buche — ganz abgesehen jetzt von der Sprache —, dann finden Sie darinnen bei einem solchen Vergleichen zwischen dem Wiener, Berliner und Londoner oder Pariser Buch oder selbst New Yorker und Chicagoer Buche mehr Ähnlichkeit als zwischen dem, was heute in der belletristischen und wissenschaftlichen Literatur an Gedanken und Vorstellungsformen in Wien oder Berlin zutage tritt, und dem, was zum Beispiel Fichte als seine besondere Nuance hat, die er durch seine Gedanken hindurch als belebendes Element ergießt. Ich will Ihnen einen einzelnen Fall sagen, an dem Sie das sehen können.

[ 2 ] One might doubt this if one looks at things superficially; but if one delves a little deeper, one can no longer doubt the things being discussed here. Take, for example, what today constitutes the mindset, underlying sentiment, and mode of thought—let’s say—of a Viennese or Berlin newspaper, or of a Viennese or Berlin work of fiction or even a scholarly book. Compare that with a London book—leaving aside the language for now—and you will find that such a comparison reveals more similarities between the Viennese, Berlin, and London or Parisian books—or even New York and Chicago books—than between the ideas and forms of thought that emerge today in Viennese or Berlin fiction and scholarly literature, and what, for example, Fichte possesses as his distinctive nuance, which he infuses throughout his thoughts as a vitalizing element. I’ll give you a specific example where you can see this.

[ 3 ] Es gibt einen Satz von Fichte, der ist so charakteristisch für diesen Johann Gottlieb Fichte, den großen Philosophen von der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert, daß ihn heute kein Mensch versteht. Dieser Satz heißt: «Die äußere Welt ist das versinnlichte Material der Pflicht.» Der Satz heißt nämlich nichts Geringeres als: Wenn man hinausschaut in die Welt der Berge, in die Welt der Wolken, Wälder, Flüsse, Tiere, Pflanzen, Mineralien, das alles ist etwas, was für sich selber gar keine Bedeutung, gar keine Realität hat, das alles ist eine bloße Erscheinung. Es ist bloß dazu da, daß der Mensch in seiner Entwickelung seine Pflicht verrichten kann; denn ich kann nicht meine Pflicht verrichten, wenn ich in einer Welt stehe, in der ich nicht umgeben bin von irgend etwas, das ich angreifen kann. Es muß Holz da sein, es muß ein Hammer da sein: das ist für sich gar nicht bedeutend, hat keine Materialität, sondern es ist nur das versinnlichte Material meiner Pflicht. Und dasjenige, was da draußen ist, ist dazu da, daß die Pflicht überhaupt zutage treten kann. Das hat ein Mensch aus den innersten Empfindungen seiner Seele, aus der innersten Nuance seiner Seelenverfassung heraus und dann aus dem Volkstum heraus vor einem Jahrhundert geprägt. Das ist nicht populär geworden. Wenn heute die Leute von Johann Gottlieb Fichte reden, Bücher über ihn schreiben, in Zeitungsartikeln von ihm reden, dann reden sie so, daß sie bloß die äußere Wortform wahrnehmen. Verstehen tut keiner etwas von Fichte. Sie können alles, was jetzt über Fichte so von der gewöhnlichen Belletristik und Wissenschaft notifiziert wird, ruhig als etwas nehmen, was mit Johann Gottlieb Fichte überhaupt nichts zu tun hat; aber viel hat es zu tun mit dem, was aus dem westlichen Volkstum aufgestiegen ist, und was sich herüberergossen hat in dasjenige, was auch sonstige zivilisierte Welt ist.

[ 3 ] There is a statement by Fichte that is so characteristic of Johann Gottlieb Fichte—the great philosopher of the turn of the 18th to the 19th century—that no one understands it today. This statement reads: “The external world is the sensed material of duty.” For this statement means nothing less than this: When one looks out into the world of mountains, into the world of clouds, forests, rivers, animals, plants, and minerals—all of this is something that, in and of itself, has no meaning whatsoever, no reality at all; all of this is a mere appearance. It exists solely so that human beings, in the course of their development, can fulfill their duty; for I cannot fulfill my duty if I find myself in a world where I am not surrounded by anything I can interact with. There must be wood, there must be a hammer: these things have no significance in and of themselves, no materiality; rather, they are merely the sensually perceived material of my duty. And what exists out there is there so that duty can come to light at all. A person shaped this a century ago, drawing from the innermost feelings of his soul, from the innermost nuances of his state of mind, and then from the folk tradition. It has not become popular. When people today speak of Johann Gottlieb Fichte, write books about him, or discuss him in newspaper articles, they do so in a way that perceives only the outward form of the words. No one understands anything about Fichte. You can safely regard everything that is currently reported about Fichte in popular literature and academia as having absolutely nothing to do with Johann Gottlieb Fichte; but it has a great deal to do with what has arisen from Western folk culture and what has spilled over into what is also known as the rest of the civilized world.

[ 4 ] Diese feineren Zusammenhänge, die durchschaut man nicht. Daher kommt man gar nicht darauf, in einer intensiv erschöpfenden Weise zu charakterisieren, worin das Wesentliche liegt, das aus den verschiedenen Volkstümern aufsteigt. Denn es ist heute ja alles überflossen von dem, was vom Westen aufsteigt und in das übrige hineinfließt. In Mitteleuropa, im Osten glauben die Leute in ihrem Volkstum zu denken. Das ist nicht der Fall zunächst. Sie denken gar nicht in ihrem Volkstum, sie denken in dem, was sie vom Westen angenommen haben.

[ 4 ] These more subtle connections are not readily apparent. Consequently, one does not even think to characterize, in an intensive and exhaustive manner, what constitutes the essence that arises from the various folk cultures. For today, everything is, after all, overwhelmed by what arises from the West and flows into the rest. In Central Europe and in the East, people believe they are thinking in terms of their own folk culture. That is not the case at first glance. They do not think in terms of their own folk culture at all; they think in terms of what they have adopted from the West.

[ 5 ] In dem, was ich jetzt sage, liegt viel beschlossen von dem, was eigentlich das Rätsel der Gegenwart ist. Dieses Rätsel der Gegenwart kann nur dann gelöst werden, wenn man sich bewußt wird, welche spezifischen Qualitäten aus diesen einzelnen Gebieten aufsteigen. Da haben wir zunächst den Osten, diesen Osten, der ja heute sein wahres Bild nicht darbietet. Wäre nicht überhaupt die Verlogenheit zunächst die Grundeigenschaft des ganzen öffentlichen Lebens unserer Zeit, so würde ja die Welt heute nicht so unbekannt sein damit, daß dasjenige, was man Bolschewismus nennt, sich mit rasender Eile über den ganzen Osten ausbreitet, nach Asien hinein, daß das schon sehr weit ist. Die Leute sehnen sich darnach, zu verschlafen, was eigentlich geschieht, und sind sehr froh, wenn man ihnen nicht sagt, was da eigentlich geschieht. Daher kann man ihnen auch das natürlich sehr leicht vorenthalten, was in Wirklichkeit geschieht. So wird man es erleben, daß der Osten, daß ganz Asien überflossen wird von dem, was das äußerste, radikalste Produkt des Westens ist, von dem Bolschewismus, das heißt von einem ihm durch und durch fremden Elemente.

[ 5 ] Much of what I am about to say touches on what is, in fact, the enigma of our time. This enigma of our time can only be solved when one becomes aware of the specific qualities that emerge from these individual regions. First, there is the East—this East, which, after all, does not present its true image today. If hypocrisy were not, in the first place, the fundamental characteristic of all public life in our time, the world would not be so unaware today that what is called Bolshevism is spreading with breakneck speed across the entire East, into Asia—and that it has already gone very far. People long to remain oblivious to what is actually happening and are very glad when they are not told what is actually taking place there. That is why it is, of course, very easy to withhold from them what is actually happening. Thus we will witness the East—indeed, all of Asia—being overwhelmed by what is the most extreme, most radical product of the West: Bolshevism, that is, by an element that is thoroughly alien to it.

[ 6 ] Will man hineinschauen in das, was die Welt des Ostens aus den Tiefen des Volkstums aufsteigen läßt, dann kann man gewahr werden — weil der Osten in bezug auf das Urelement vollständig in die Dekadenz gekommen ist und eigentlich seiner selbst nicht mehr bewußt ist, weil der Osten gerade sich überschwemmen läßt von dem, was ich als den äußersten radikalen Ausläufer des Westens charakterisiert habe —, daß man die eigentliche Grundnuance des Empfindens des Ostens nur dann finden kann, wenn man in ältere Zeiten zurückgeht und sich an ihnen belehrt. Gewiß, es ist alles das noch in der Menschheit des Ostens enthalten, was einstmals in ihr enthalten war, aber es ist heute alles übergossen. Was im Osten gelebt hat, was im Osten die Seelen durchzittert hat, das lebt in den äußersten Ausläufern zuletzt da, wo es nicht mehr verstanden wird, wo es abergläubischer Kultus geworden ist, wo es heuchlerisches Gemurmel der Popen geworden ist in dem letzten, eben orthodox-russischen Kultus, unverstanden auch von denen, die diesen orthodoxen russischen Kultus zu verstehen glaubten. Es war eine Linie vom alten Indertum bis zu diesen bloß noch auf den Lippen heuchlerisch in die Menge hineingeplärrten Formeln des russischen Kultus. Denn diese ganze Veranlagung, die sich da auslebte, die diesem Osten seelisch das Gepräge gab, die es ihm auch heute gibt, aber unterdrückt, das ist die Veranlagung dazu, eine solche geistige Verfassung zu entwickeln, welche den Menschen zu dem Vorgeburtlichen hinlenkt, zu dem, was in unserem Leben vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis liegt. Ganz ursprünglich war dasjenige, was als Weltanschauung und Religiosität diesen Osten durchdrang, so, daß es zusammenhing damit, daß dieser Osten einen Begriff hatte, der dem Westen ja ganz verlorengegangen ist. Der Westen hat, wie ich das schon einmal hier erwähnt habe, den Begriff der Unsterblichkeit, aber nicht der Ungeburtlichkeit, des Ungeborenseins. Unsterblichkeit sagen wir, aber wir sagen nicht Ungeburtlichkeit. Das heißt, wir setzen in Gedanken das Leben fort nach dem Tode, wir setzen es aber nicht fort hinaus in die vorgeburtliche Zeit. Aber dieser Osten war durch die besondere Veranlagung seiner Seele, welche noch Imagination, Inspiration in die Gedanken, in die Vorstellungen hereinnahm, dazu veranlagt, durch dieses besondere inhaltliche Ausleben der Vorstellungswelt weniger hinzusehen auf das nachtodliche Leben als vielmehr auf das vorgeburtliche, und dieses Leben hier in der Sinneswelt für den Menschen als etwas zu betrachten, was ihm zukommt, nachdem er seine Aufgaben empfangen hat vor der Geburt, was er hier auszuführen hat im Sinne der empfangenen Aufgabe. Er war dazu veranlagt, dieses Leben als die Pflicht aufzufassen desjenigen, was einem von den Göttern gegeben worden ist, bevor man in diesen irdisch-fleischlichen Leib heruntergestiegen ist. Es ist eine selbstverständliche Forderung, daß eine solche Weltanschauung die wiederholten Erdenleben und die Leben zwischen Tod und Geburt in sich einbezieht, denn man kann wohl von einem einmaligen Leben nach dem Tode reden, aber nicht von einem einmaligen vor der Geburt. Das würde eine unmögliche Lehre sein. Denn derjenige, der überhaupt redet von der Präexistenz, der redet dann nicht von nur einem Erdenleben, wie Sie bei einer rechten Überlegung sich klarmachen können. Es war ein Hinaufblicken in die übersinnliche Welt, welches durch die ganze Veranlagung dieser östlichen Seelen hervorgerufen war, aber es war ein Hinaufblicken so, daß man im Grunde genommen im Auge hatte dieses Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, bevor wir hier in das Erdenleben eingezogen sind. Alles andere, was gedacht wurde in politischer, in sozialer, in historischer Beziehung, in wirtschaftlicher Beziehung, es war nur eine Konsequenz von dem, was in der Seele ruhte in bezug auf dieses Hingeordnetsein auf das Leben vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis.

[ 6 ] If one wishes to look into what the world of the East brings forth from the depths of its folk culture, then one can become aware—because the East has completely fallen into decadence with regard to the primordial element and is, in fact, no longer conscious of itself; because the East is currently allowing itself to be overwhelmed by what I have characterized as the most extreme, radical offshoot of the West —that one can find the true fundamental nuance of Eastern sensibility only by going back to earlier times and learning from them. Certainly, everything that was once contained within the humanity of the East is still there, but today it is all overwhelmed. What once lived in the East, what once made souls tremble there, lives on in its outermost reaches—where it is no longer understood, where it has become a superstitious cult, where it has become the hypocritical mutterings of the popes in the final, specifically Orthodox Russian cult, misunderstood even by those who believed they understood this Orthodox Russian cult. It was a continuum stretching from ancient Indian culture all the way to these formulas of the Russian cult, now merely hypocritically blurted out to the masses. For this entire disposition, which found its full expression there, which gave this East its spiritual character—a character it still possesses today, though suppressed—is the disposition to develop a spiritual state of mind that directs human beings toward the pre-birth realm, toward that which lies in our lives before birth or, rather, before conception. Originally, what permeated this East as a worldview and religiosity was such that it was connected to the fact that this East had a concept that has been completely lost to the West. The West, as I have already mentioned here, has the concept of immortality, but not that of “unbornness,” of being unborn. We speak of immortality, but we do not speak of “unbornness.” That is to say, in our thoughts we extend life beyond death, but we do not extend it back into the pre-birth period. But the East, due to the special disposition of its soul—which still incorporated imagination and inspiration into its thoughts and concepts— was predisposed, through this particular, substantive immersion in the world of imagination, to focus less on life after death than on pre-birth life, and to regard this life here in the sensory world as something that is rightfully his, having received his tasks before birth—tasks he must carry out here in accordance with the mission he has received. He was predisposed to regard this life as the duty to fulfill what had been given to him by the gods before he descended into this earthly, physical body. It is a self-evident requirement that such a worldview incorporate repeated earthly lives and the lives between death and birth, for one may well speak of a single life after death, but not of a single life before birth. That would be an impossible doctrine. For anyone who speaks of pre-existence at all is not speaking of just one earthly life, as you can see for yourself upon careful reflection. It was a gaze upward into the supersensible world, brought about by the very nature of these Eastern souls, but it was a gaze such that, fundamentally, they had in mind this life between death and a new birth, before we entered into earthly life here. Everything else that was thought about in political, social, historical, and economic terms was merely a consequence of what lay within the soul with regard to this alignment with life before birth or, rather, before conception.

[ 7 ] Dieses Leben aber, diese Seelenverfassung ist besonders geeignet dazu, den menschlichen Seelenblick hinaufzurichten nach dem Geistigen, zu erfüllen den Menschen mit der übersinnlichen Welt. Denn er betrachtet sich ja hier ganz und gar als ein Geschöpf der übersinnlichen Welt, als etwas, was nur das übersinnliche Leben hier durch das sinnliche Leben fortsetzt. Alles das, was dann später in die Dekadenz gekommen ist an Reichsgebilden, an sozialen Gebilden des alten Orients bis in die Konstitution hinein, ist so geworden, weil diese besondere Seelenverfassung zugrunde lag. Und heute ist diese Seelenverfassung, ich möchte sagen, überschüttet, weil sie schwach geworden ist, gelähmt geworden ist, weil sie nur, ich möchte sagen, wie aus rachitischen Seelengliedern heraus so verkündet worden ist, wie etwa durch Rabindranath Tagore, wie etwas, das in unbestimmte, nebulose Formeln ergossen wird. Heute ist man in praxi überschwemmt von dem, was als äußerster radikaler Flügel des Westens im Bolschewismus sich auslebt, und der Westen wird es zu erleben haben, daß das, was er selbst nicht haben will, sich nach dem Osten hinüber abschiebt, und daß ihm in einer gar nicht fernen Zeit von dem Osten dasjenige entgegenkommt, was er selber dorthin abgeschoben hat. Und es wird dann eine merkwürdige Selbsterkenntnis sein.

[ 7 ] But this way of life, this state of mind, is particularly suited to directing the human soul’s gaze upward toward the spiritual realm, to filling the human being with the supersensible world. For here, the human being regards himself entirely as a creature of the supersensible world, as something that merely continues the supersensible life here through the sensory life. Everything that later fell into decadence—from the structures of empires to the social structures of the ancient Orient, right down to the constitution itself—became what it did because this particular state of mind lay at its foundation. And today this state of mind is, I would say, overwhelmed, because it has grown weak, has become paralyzed, because it has been proclaimed—I would say—as if from rickety limbs of the soul, as, for example, by Rabindranath Tagore, as something poured out into vague, nebulous formulas. Today, in practice, we are inundated by what is playing itself out as the most extreme radical wing of the West in Bolshevism, and the West will have to experience that what it itself does not want is being pushed off toward the East, and that in a not-too-distant time, what it has itself pushed off there will come back to meet it from the East. And that will then be a remarkable moment of self-realization.

[ 8 ] Aber wozu hat diese merkwürdige Entwickelung des Ostens geführt? Sie hat dazu geführt, daß die Menschen des Ostens all den heiligen inneren Eifer, den sie einmal dazu verwendet haben, um dem Impuls nach der übersinnlichen Welt Nahrung zu geben, um das Geistige in seiner Reinheit zu begreifen, nunmehr dazu verwenden, um die allermaterialistischste Anschauung von dem äußeren Leben mit religiöser Inbrunst aufzunehmen. Und immer mehr wird sich der Bolschewismus nach Asien hin so verwandeln, trotzdem er die alleräußerste Konsequenz der allermaterialistischsten Weltanschauung und sozialen Anschauung ist, immer mehr wird er sich dahin verwandeln, daß er da mit derselben religiösen Inbrunst ergriffen wird, wie ergriffen worden ist einstmals die übersinnliche Welt. Und man wird im Osten in denselben Formeln, in denen man einstmalsgeredet hat von dem heiligen Brahman, reden von dem wirtschaftlichen Leben. Denn dasjenige, was Grundveranlagung des Seelischen ist, das ändert sich nicht, das bleibt; denn nicht der Inhalt ist es, auf den es dabei ankommt. Man kann mit derselben religiösen Inbrunst das Allermaterialistischste ergreifen, mit der man vorher das Geistigste, das Spirituellste ergriffen hat.

[ 8 ] But what has this strange development in the East led to? It has led to the people of the East now directing all the sacred inner zeal they once used to nourish their impulse toward the supersensible world—to comprehend the spiritual in its purity—toward embracing the most materialistic view of external life with religious fervor. And Bolshevism, as it spreads toward Asia—even though it is the most extreme consequence of the most materialistic worldview and social outlook—will increasingly transform itself to the point where it is embraced there with the same religious fervor with which the supersensible world was once embraced. And in the East, people will speak of economic life in the very same terms in which they once spoke of the sacred Brahman. For what constitutes the fundamental disposition of the soul does not change; it remains; for it is not the content that matters here. One can grasp the most materialistic things with the same religious fervor with which one previously grasped the most intellectual and spiritual things.

[ 9 ] Wenden wir den Blick von da ab nach dem Westen. Der Westen hat die verhältnismäßig am spätesten liegende menschliche Seelenentwickelung heraufgebracht. Sie muß uns besonders interessieren, denn sie hat diejenige Anschauung gebracht, die aufgestiegen ist wie ein Nebel im Westen und sich herüber ergießt über die ganze zivilisierte Welt. Es ist die Anschauungsweise, die am bedeutsamsten zum Ausdruck gekommen ist schon in Baco von Verulam, in Hobbes, in solchen Geistern, wie etwa unter den neueren der Nationalökonom Adam Smith, unter den Philosophen John Stuart Mill, unter den Historikern Buckle und so weiter. Es ist diejenige Denkweise, wo in den Vorstellungen, in den Gedanken nichts mehr liegt von Imagination, Inspiration, wo der Mensch ganz und gar angewiesen ist, nur sein Vorstellungsleben nach außen, nach der Sinneswelt zu richten und die Eindrücke der Sinneswelt nach den Verkettungen von Gedanken aufzunehmen, die sich gerade an der Sinneswelt ergeben. Philosophisch ist es am eklatantesten zum Ausdruck gekommen in David Hume, auch in andern, in Locke und so weiter. Es ist etwas sehr Eigentümliches, das aber gesagt werden muß. Wenn man nach diesem Westen blickt, dann muß man hinsehen, wie Geister wie zum Beispiel John Stuart Mill über die menschliche Gedankenverkettung sprechen. Das Wort Vorstellungsassoziation ist eigentlich ganz ein westliches Gebilde; aber es ist zum Beispiel in Mitteleuropa schon seit mehr als einem halben Jahrhundert so gang und gäbe geworden, daß man von diesen Vorstellungsassoziationen wie von etwas eigenem spricht. Man sagt zum Beispiel, wenn man Psychologie lehrt in John Stuart Millschem Sinn: Gedanken in der menschlichen Seele verbinden sich erstens so, daß ein Gedanke den andern umspannt, oder daß ein Gedanke sich an den andern schließt, oder daß ein Gedanke den andern durchdringt. Das heißt, man schaut auf die Gedankenwelt hin und sieht die einzelnen Gedanken wie einzelne kleine Bälle, die sich miteinander verbinden, die sich assoziieren (siehe Zeichnung). Wenn man konsequent wäre, müßte man alles Ich und alles Astralische ausstreichen und müßte da innerlich einen bloßen Mechanismus der Gedanken aufführen, und sehr viele Leute sprechen ja auch von diesem innerlichen Mechanismus der Gedanken. Der Mensch wird gewissermaßen seelisch ausgeweidet. Wenn man John Stuart Mill liest und seine deduktive und induktive Logik, so fühlt man sich seelisch versetzt in einen Seziersaal, wo verschiedene Tiere hängen, die ausgeweidet werden, denen das Innere herausgenommen wird. So fühlt man bei Mill des Menschen geistig-seelisches Wesen herausgenommen. Er nimmt zuerst das Innere heraus und läßt die bloße äußere Hülle. Ja, da erscheinen dann die Gedanken nur wie sich assoziierende atomistische Gebilde, die sich zusammenballen, wenn wir ein Urteil bilden. Der Baum ist grün: da ist der eine Gedanke, grün, der andere, der Baum; die schwimmen zusammen. Da ist nicht das Innerste mehr lebendig, das ist ausgeweidet, da ist nur der Mechanismus der Gedanken und so weiter.

[ 9 ] Let us turn our gaze away from there and toward the West. The West has brought forth the stage of human soul development that has emerged relatively most recently. This must be of particular interest to us, for it has brought forth the worldview that has risen like a mist in the West and is spreading across the entire civilized world. It is the worldview that found its most significant expression already in Bacon of Verulam, in Hobbes, and in such minds as, among more recent figures, the economist Adam Smith, the philosopher John Stuart Mill, the historian Buckle, and so on. It is a way of thinking in which there is nothing left of imagination or inspiration in concepts or thoughts, in which human beings are entirely dependent on directing their mental life outward, toward the sensory world, and on taking in the impressions of the sensory world according to the chains of thought that arise precisely from the sensory world. Philosophically, this has found its most striking expression in David Hume, as well as in others, such as Locke, and so on. It is something very peculiar, but it must be said. When one looks to the West, one must observe how thinkers such as John Stuart Mill speak of the chain of human thought. The term “association of ideas” is actually a purely Western construct; yet in Central Europe, for example, it has become so commonplace over the past half-century that people speak of these associations of ideas as if they were something distinct in their own right. For example, when teaching psychology in the sense of John Stuart Mill, one says: Thoughts in the human soul connect, first of all, in such a way that one thought encompasses another, or that one thought follows on from another, or that one thought permeates another. That is to say, one looks at the world of thoughts and sees the individual thoughts as individual little balls that connect with one another, that associate with one another (see diagram). If one were to be consistent, one would have to eliminate everything related to the “I” and everything astral, and would have to present, inwardly, a mere mechanism of thoughts—and indeed, many people do speak of this inner mechanism of thoughts. The human being is, so to speak, spiritually eviscerated. When one reads John Stuart Mill and his deductive and inductive logic, one feels as if one has been transported, spiritually speaking, into a dissection room where various animals are hanging, being gutted, their insides removed. With Mill, one feels as if the human being’s spiritual-soul nature has been removed. He first takes out the inner core and leaves only the outer shell. Indeed, thoughts then appear merely as associative, atomistic entities that coalesce when we form a judgment. “The tree is green”: there is one thought, “green,” and another, “the tree”; they merge together. The innermost essence is no longer alive—it has been gutted—leaving only the mechanism of thought and so on.

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[ 10 ] Dieses Vorstellen kommt nicht von der äußeren Sinneswelt, sondern es wird der äußeren Sinneswelt aufgedrängt. Ich habe daher in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie» darauf aufmerksam gemacht, daß solch ein Geist wie John Stuart Mill gar nicht irgendwie verwandt ist mit der inneren Welt, sondern sich einfach hingibt und sich nur wie ein bloßer Zuschauer verhält, in dem die äußere Welt sich spiegelt. Es handelt sich darum, daß durch diese Denkweise gerade dasjenige kommt, was ich öfter charakterisiert habe: der Materialismus hat die Tragik, die Materie nicht mehr zu erkennen. Wie kann denn der Materialismus eindringen in die Materie, wenn er erst das, was die Materie eigentlich darstellt — denn wir haben gesehen: wenn man untertaucht in den Menschen, taucht man ja in das wahre Materielle der Erde ein —, wenn er das erst ausweidet in Gedanken. Es ist das jetzt schon zu einer äußersten Konsequenz gekommen in dieser Beziehung.

[ 10 ] This conception does not originate from the external sensory world, but is imposed upon it. I therefore pointed out in my book *The Riddles of Philosophy* that a mind such as John Stuart Mill’s is in no way connected to the inner world, but simply surrenders to it and behaves merely as a spectator in whom the external world is reflected. The point is that this way of thinking gives rise to precisely what I have often characterized: the tragedy of materialism is that it can no longer recognize matter. How, then, can materialism penetrate matter if it first strips away—in thought—what matter actually represents—for we have seen that when one delves into the human being, one is in fact delving into the true materiality of the earth? This has now reached an extreme consequence in this regard.

[ 11 ] Diese äußerste Konsequenz ist heute schon zu verfolgen, nur daß die Leute niemals die Dinge im Zusammenhange sehen, sondern heute nur immer Einzelheiten sehen. Bedenken Sie, wohin es kommen muß, wenn alles wirkliche innere bewegliche Ich weg ist, also das, was gerade über den Geist in der Sinneswelt Aufklärung geben kann, aus dem Menschen herausgeweidet wird — denken Sie, wohin muß es denn zuletzt kommen? Dazu kommt es, daß der Mensch dann fühlt, er hat ja eigentlich nichts mehr vom wirklichen Inhalt der Welt. Er schaut hinaus in die Sinneswelt. Er weiß nicht, daß dasjenige wahr ist, was wir gestern gesagt haben, daß hinter der äußeren Sinneswelt geistige Wesenheiten sind. Wenn er sich Illusionen hingibt, ja, dann nimmt er draußen Atome und Moleküle an. Er träumt von Atomen und Molekülen. Wenn er sich keiner Illusion hingibt in bezug auf das Äußere, so kann er nichts anderes sagen als: Dieses ganze Äußere enthält ja keine Wahrheit. Es ist ja eigentlich nichts. — Aber innerlich hat er nichts gefunden. Er ist leer. Er muß sich selber suggerieren, daß irgend etwas in seinem Inneren ist. Er hat den Geist nicht, daher suggeriert er sich den Geist. Er bildet sich die Suggestion des Geistes. Und er ist nicht imstande, diese Suggestion aufrechtzuerhalten, wenn er nicht mit aller Schärfe abweist die Realität der Materie. Das heißt, er lebt sich vollständig ein in eine Weltanschauung, die den Geist nicht erkennt, sondern sich ihn suggeriert, sich bloß den Glauben an den Geist einsuggeriert und die Materie ableugnet. Sie haben den äußersten Ausläufer im Westen, Sie haben das Gegenbild dessen, was ich Ihnen im Osten eben charakterisiert habe, in der Christian Science der Mrs. Eddy. Sie mußte entstehen als die letzte Konsequenz solcher Anschauungen, wie die von Locke oder David Hume oder von John Stuart Mill. Es ist die Anschauung, die aber auch die letzte Konsequenz desjenigen ist, was heraufgezogen ist in der neueren Zeit in der unseligen Gliederung des ganzen menschlichen Seelenlebens in das Wissen und in den Glauben.

[ 11 ] This extreme consequence can already be observed today, except that people never see things in context; instead, they always focus only on details. Consider where this must lead if the entire real, inner, dynamic “I”—that is, the very thing that can shed light on the sensory world through the spirit—is torn out of the human being—think about where this must ultimately lead. Added to this is the fact that the human being then feels that he actually has nothing left of the world’s true content. He looks out into the sensory world. They do not know that what we said yesterday—that there are spiritual beings behind the outer sensory world—is true. If they give in to illusions, yes, then they assume there are atoms and molecules out there. They dream of atoms and molecules. If they do not give in to any illusions regarding the external world, they can say nothing other than: This entire external world contains no truth. It is, in fact, nothing. — But inwardly, he has found nothing. He is empty. He must convince himself that there is something within him. He does not possess the spirit, so he convinces himself of the spirit. He creates the illusion of the spirit. And he is unable to maintain this illusion unless he categorically rejects the reality of matter. That is to say, he immerses himself completely in a worldview that does not recognize the spirit but instead suggests it to himself—merely suggesting to himself the belief in the spirit and denying matter. You find its extreme manifestation in the West; you find the antithesis of what I have just characterized for you in the East in Mrs. Eddy’s Christian Science. It had to arise as the ultimate consequence of such views as those of Locke, David Hume, or John Stuart Mill. It is a view that is also the ultimate consequence of what has emerged in recent times in the unfortunate division of the entire life of the human soul into knowledge and faith.

[ 12 ] Geht man einmal dazu über, das Wissen auf der einen Seite zu haben, den Glauben auf der andern Seite, jenen Glauben, der nicht mehr Erkenntnis sein will, so führt das in letzter Konsequenz dahin, daß man überhaupt nicht mehr den Geist hat. Der Glaube hört schließlich auf, einen Inhalt zu haben. Dann muß man sich den Inhalt suggerieren. Man sucht nicht durch eine geistige Wissenschaft zum reinen Geist zu gelangen, man sucht eben den Geist und gelangt zu der Christian Science der Mrs. Eddy, diesen Geist, der als letzte Konsequenz in der Christian Science der Mrs. Eddy zum Ausdruck gekommen ist. Und diesen Geist atmet schon die ganze Politik des Westens seit längerer Zeit. Sie lebt nicht von Wirklichkeiten, sie lebt von selbstgemachten Suggestionen. Man kann ja selbstverständlich dann, wenn man nicht in die Tiefe hinein zu kurieren hat, auch mit der Christian Science bekanntlich kurieren, und die wunderbarsten Kuren werden erzählt. Ebenso kann man mit der Suggestionspolitik des Westens allerlei Erbauliches ausführen.

[ 12 ] Once one begins to separate knowledge on the one hand from faith on the other—that faith which no longer seeks to be knowledge—this ultimately leads to the point where one no longer possesses the Spirit at all. Faith eventually ceases to have any substance. Then one must conjure up that substance for oneself. One does not seek to arrive at pure spirit through a spiritual science; rather, one seeks spirit itself and arrives at Mrs. Eddy’s Christian Science—that spirit which, as a final consequence, has found expression in Mrs. Eddy’s Christian Science. And Western politics as a whole has been breathing this spirit for quite some time. It does not thrive on realities; it thrives on self-generated suggestions. Of course, as is well known, one can also use Christian Science to heal—provided one does not have to treat the root cause—and stories of the most miraculous cures are told. Similarly, one can accomplish all sorts of uplifting things through the West’s politics of suggestion.

[ 13 ] Aber diese Anschauung des Westens, sie hat doch Qualitäten, sie hat bedeutende Qualitäten. Sie hat die Qualitäten, die wir am besten erkennen, wenn wir sie kontrastieren mit dem, was die Qualitäten des Ostens sind. Blicken wir zurück auf diejenigen Zeiten, wo die Qualitäten des Ostens besonders hervorgetreten sind, so waren es die Qualitäten, die zunächst das vorgeburtliche Leben ins Auge fassen konnten, ins Seelenauge fassen konnten, die also besonders auch geeignet sind, dasjenige eigentlich zu konstituieren, was in einem sozialen Organismus die geistige Welt sein kann, das geistige Glied sein kann. Im Grunde genommen ist alles, was wir in Mitteleuropa und im Westen aufgebracht haben, in einer gewissen Weise Erbgut des Ostens. Ich habe ja das schon einmal bei einer andern Gelegenheit erwähnt. Dieser Osten war besonders dazu veranlagt, das geistige Leben zu kultivieren. Der Westen ist ja besonders dazu veranlagt, Gedankenformen auszubilden; ich habe sie jetzt in einem etwas unvorteilhaften Lichte geschildert. Sie sind aber auch in einem vorteilhaften Lichte zu schildern, wenn man nämlich dasjenige, was von Baco von Verulam, von Buckle, von Mill, Thomas Reid, von Locke, von Hume, von Adam Smith, von Spencer oder von ähnlichen Geistern herrührt, Bentham zum Beispiel, wenn man all das nimmt und sich auf der einen Seite gesteht: Ja, das ist ja ganz gewiß nicht geeignet, durch Imagination oder Inspiration in eine geistige Welt einzudringen, die das vorgeburtliche Leben begreift. Aber andererseits muß man sagen, gerade wenn man studiert, wie eingedrungen ist diese Denkweise in unsere Wissenschaft des Abendlandes, wie sie lebt in unserer Wissenschaft des Abendlandes, man muß sagen, das alles zeigt sich besonders geeignet für das wirtschaftliche Denken. Und wenn einmal das wirtschaftliche Glied des sozialen Organismus ausgebildet werden soll, dann wird man in die Schule gehen müssen beim Westen: bei "Thomas Reid, John Stuart Mill, Buckle, Adam Smith und so weiter. Sie haben nur den Fehler, daß sie auf die Wissenschaft, auf die Erkenntnis, auf das Geistesleben ihr Denken angewendet haben. Wenn man sich schult an diesem Denken und darüber nachdenkt, wie man Assoziationen zu bilden hat, wie man am besten zu wirtschaften hat, dann ist dieses Denken am Platze. Mill hätte nicht eine Logik schreiben sollen, sondern er hätte die geistige Kapazität, die er gehabt hat, um eine Logik zu schreiben, dazu verwenden sollen, einmal das Gefüge einer gewissen gewerblichen Assoziation in allen Einzelheiten zu beschreiben. Und man muß sagen, wenn man heute so etwas zustande bringen will wie mein Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage», dann muß man gelernt haben, zu verstehen, auf welche Art im orientalischen Sinne man zum Geistigen gelangt, und auf welche Weise man, wenn auch noch jetzt sehr auf Irrpfaden, im Westen zum wirtschaftlichen Denken gelangt. Denn beide Dinge gehören zueinander, beide sind notwendig miteinander.

[ 13 ] But this Western perspective does have qualities—significant qualities, in fact. These are qualities we recognize best when we contrast them with the qualities of the East. If we look back to those times when the qualities of the East were particularly prominent, these were the qualities that were first able to perceive prenatal life—to perceive it with the eye of the soul—and which are therefore especially suited to constituting what, in a social organism, can be the spiritual world, the spiritual element. Essentially, everything we have developed in Central Europe and in the West is, in a certain sense, a legacy of the East. I have, in fact, mentioned this before on another occasion. The East was particularly predisposed to cultivating spiritual life. The West, on the other hand, is particularly predisposed to developing forms of thought; I have just described them in a somewhat unfavorable light. But they can also be portrayed in a favorable light, namely when one considers what stems from Bacon of Verulam, Buckle, Mill, Thomas Reid, Locke, Hume, Adam Smith, Spencer, or similar minds—Bentham, for example—and when one takes all of that and admits to oneself, on the one hand: Yes, this is certainly not suited to penetrating, through imagination or inspiration, into a spiritual world that encompasses prenatal life. But on the other hand, one must say—especially when one studies how deeply this way of thinking has penetrated our Western scholarship, how it lives on in our Western scholarship—one must say that all of this proves particularly well-suited to economic thinking. And if the economic aspect of the social organism is to be developed, then one will have to look to the West for guidance: to “Thomas Reid, John Stuart Mill, Buckle, Adam Smith, and so on.” Their only mistake is that they applied their thinking to science, to knowledge, and to intellectual life. If one trains oneself in this way of thinking and reflects on how to form associations and how best to manage economic affairs, then this way of thinking is appropriate. Mill should not have written a treatise on logic; rather, he should have used the intellectual capacity he possessed—which was sufficient to write such a treatise—to describe in detail the structure of a certain commercial association. And it must be said that if one wants to produce something today like my book *The Key Points of the Social Question*, one must have learned to understand the Eastern approach to the spiritual realm and the Western approach to economic thinking—even if the latter is still very much on the wrong path. For both things belong together; both are mutually necessary.

[ 14 ] Auf dem Gebiete der Weltanschauung führt das allerdings zu solchen Aftergebilden, wie dieses von Mrs. Eddy eines ist, die Christian Science. Aber man muß die Dinge nicht betrachten nach dem, was sie nicht sein können, man muß die Dinge betrachten nach dem, was sie sein können. Denn durch Zusammenwirken aller Menschen über das Erdenrund muß dasjenige entstehen, was Einheit der Menschen ist, nicht durch irgendein abstraktes theoretisches Gebilde, das man einfach hinpfahlt und das man dann als Einheit betrachtet.

[ 14 ] In the realm of worldview, however, this leads to such aberrations as Mrs. Eddy’s Christian Science. But one must not view things in terms of what they cannot be; one must view things in terms of what they can be. For it is through the cooperation of all people across the globe that the unity of humanity must arise—not through some abstract theoretical construct that one simply imposes and then regards as unity.

[ 15 ] Und man kann nun sich fragen: Woher eigentlich aus der menschlichen Organisation kommt dieses besondere Millsche, Bucklesche, Adam Smithsche Denken? Das orientalische Denken ist im Grunde genommen, besonders wenn man in die älteren Zeiten des Orientalismus zurückschaut, aus einem Verkehr mit der Welt entstanden, es ist dasjenige Denken, dasjenige Empfinden, welches einem so erscheint, wie wenn, ich möchte sagen, aus der Erde selbst die Wurzeln eines Baumes herauswachsen und Blätter kriegen. So erscheint einem zum Beispiel der altindische Mensch mit der ganzen Erde verbunden und seine Gedanken erscheinen einem hervorgewachsen aus dem irdischen Dasein auf geistige Weise, wie die Blätter, die Blüten eines Baumes einem hervorgewachsen erscheinen aus diesem Baume durch die ganzen Kräfte der Erde.

[ 15 ] And one might now ask: Where, exactly, within human society does this particular way of thinking—characteristic of Mill, Buckle, and Adam Smith—actually come from? Oriental thought, especially when one looks back to the earlier days of Orientalism, essentially arose from an interaction with the world; it is the kind of thinking, the kind of feeling, that appears to one as if—I might say—the roots of a tree were growing out of the earth itself and sprouting leaves. Thus, for example, the ancient Indian seems to us to be connected to the entire earth, and his thoughts appear to have grown out of earthly existence in a spiritual way, just as the leaves and blossoms of a tree seem to have grown out of that tree through all the forces of the earth.

[ 16 ] Das ist gerade dieses Verwachsensein mit der Außenwelt bei dem orientalischen Menschen, dieses Hereinnehmen jener Geistigkeit, von der ich Ihnen gesprochen habe, daß sie jenseits der Sinneswelt ist. Im Westen wird alles herausgeholt aus den Instinkten der Persönlichkeit, aus den Tiefen der Persönlichkeit. Ich möchte sagen, der Stoffwechsel des Menschen, nicht die äußere Welt ist es. Die Welt beim Orientalen wirkt auf die Sinne, wirkt auf den Geist, die in ihm aufleuchten lassen dasjenige, was er seinen heiligen Brahma nennt. Im Westen ist es das, was aus dem Stoffwechsel des Leibes aufsteigt, und was zu Vorstellungsassoziationen führt, was aber besonders taugt, eben das Wirtschaftsleben zu charakterisieren, was erst für das folgende Erdenleben ist. Denn was wir außer dem Kopf an uns tragen, ist ja das, was erst wahr zum Ausdrucke kommt, wie wir ausgeführt haben, in dem nächsten Erdenleben. Diesen Kopf haben wir von unserem vorigen Erdenleben; unsere Gliedmaßen, unseren Stoffwechsel tragen wir in das nächste Erdenleben hinein. Das ist Metamorphose von Erdenleben zu Erdenleben. Daher denkt man im Westen mit dem, was reif wird erst im nächsten Erdenleben. Es ist daher auch gerade dieses Denken des Westens darauf veranlagt, das Post-mortem-Leben ins Auge zu fassen, statt von der Ewigkeit, von der Unsterblichkeit zu sprechen, nicht zu haben das Wort «ungeburtlich», sondern nur zu haben das Wort «Unsterblichkeit». Es ist der Westen, welcher das Leben nach dem Tode als dasjenige hinstellt, wonach der Mensch vor allen Dingen sehen soll. Aber jetzt schon bereitet sich im Westen aus der ganz materialistischen Kultur in dieser Beziehung, ich möchte sagen, Radikales, aber gerade im radikalen Sinne Edles vor. Wer ein wenig sehen kann in die Tiefen desjenigen, was sich da vorbereiten will, der kommt zu einer merkwürdigen Entdeckung. Es wird zwar in der allerinnigsten Weise gestrebt nach dem Postmortem-Leben, nach irgendeiner Unsterblichkeit, also nach einem egoistischen Leben nach dem 'Tode, aber es wird so gestrebt, daß aus diesem Streben etwas Besonderes sich entwickeln wird; während ein großer Teil der Menschheit noch in einer Illusion lebt in diesem Punkte, entwickelt sich sonderbarerweise im Westen etwas ganz Merkwürdiges. Ein großer Teil der europäischen Menschheit hat ja, weil in ihm gewissermaßen einzelnes sich spiegelt von diesem Post-mortem-Leben, das der Westen sich ausbildete, er hat auch dieses Post-mortem-Leben, dieses Hinschauen auf das Leben nach dem Tode besonders ausgebildet. Aber am liebsten möchte dieser Europäer sagen: Ja, es ist mir verheißen von meiner Religion ein Leben nach dem Tode, aber ich brauche hier in diesem nichtigen, in diesem unbefriedigenden Erdenleben, in diesem nur materiellen Leben nichts zu tun, um die Seele unsterblich zu machen. Christus ist gestorben, damit ich unsterblich sei. Ich brauche nicht zu streben nach dieser Unsterblichkeit. Ich bin einmal unsterblich, Christus macht mich unsterblich. Oder dergleichen.

[ 16 ] It is precisely this fusion with the external world that characterizes the Eastern person—this absorption of that spirituality I have spoken to you about, which lies beyond the sensory world. In the West, everything is drawn from the instincts of the personality, from the depths of the personality. I would say it is the human metabolism, not the external world. For the Eastern person, the world acts upon the senses and upon the spirit, causing within him to shine forth that which he calls his sacred Brahma. In the West, it is that which rises from the body’s metabolism and leads to associations of the imagination—which, however, is particularly suited to characterizing economic life—and which is intended for the next earthly life. For what we carry within us besides the head is, as we have explained, that which will only truly find expression in the next earthly life. We have this head from our previous earthly life; we carry our limbs and our metabolism into the next earthly life. This is metamorphosis from one earthly life to the next. That is why people in the West think with what only matures in the next earthly life. It is therefore precisely this Western way of thinking that is predisposed to contemplate life after death, rather than speaking of eternity or immortality—not using the term “unborn,” but only the term “immortality.” It is the West that presents life after death as that which human beings should seek above all else. But even now, within the West’s entirely materialistic culture, something—I would say radical, yet noble precisely in the radical sense—is taking shape in this regard. Anyone who can glimpse even a little into the depths of what is about to unfold there will make a remarkable discovery. Although there is indeed a most heartfelt striving for life after death, for some form of immortality—that is, for a self-centered life after ‘death’—this striving is such that something special will develop from it; while a large part of humanity still lives under an illusion on this point, something quite remarkable is, strangely enough, developing in the West. A large portion of European humanity, because it reflects, as it were, certain aspects of this afterlife that the West has developed, has also particularly developed this focus on life after death. But what this European would most like to say is: Yes, my religion promises me a life after death, but here in this vain, this unsatisfying earthly life, in this purely material life, I need do nothing to make my soul immortal. Christ died so that I might be immortal. I need not strive for this immortality. I am already immortal; Christ makes me immortal. Or something to that effect.

[ 17 ] Im Westen bereitet sich etwas anderes vor, insbesondere in Amerika. Da sehen wir aus den verschiedensten, manchmal barocksten und trivialsten religiösen Weltanschauungen etwas aufstreben, was zwar ganz materialistische Formen hat, was aber zusammenhängt mit etwas, was Leben der Zukunft sein wird gerade mit Bezug auf diese Weltanschauung der Unsterblichkeit. Es macht sich geltend gerade in gewissen Sekten Amerikas der Glaube, daß man überhaupt nicht leben kann nach dem Tode, wenn man sich hier in diesem Erdenleben nicht angestrengt hat, wenn man nicht irgend etwas getan hat, wodurch man erwirbt dieses Leben nach dem Tode. Nicht bloß nach dem Muster irdischer Wahrheit ins Ewige verlegtes Richten nach Gut und Böse wird gesehen nach dem Tode, sondern derjenige zerfließt, zerflattert im Weltenall, der sich nicht hier anstrengt, damit er seine seelische Entwickelung eben durch den Tod tragen kann. Was man durch den Tod tragen will, das muß hier entwickelt werden. Und derjenige stirbt auch seelisch diesen zweiten Tod — um dieses Paulinische Wort zu gebrauchen —, der hier nicht dafür sorgt, daß seine Seele unsterblich werde. Das ist etwas, was sich allerdings im Westen als Weltanschauung entwickelt, nicht das langsame passive Dahinleben und Zuwarten, was wird nach dem Tode. Das ist dasjenige, was in gewissen Sekten Amerikas hervortritt. Es wird vielleicht heute noch wenig bemerkt, aber zahlreiche Empfindungen streben danach, dieses Leben hier moralisch und auch sonst so anzuschauen, die Lebensführung so einzurichten, daß man durch das, was man hier tut, etwas hindurchträgt durch die Pforte des Todes.

[ 17 ] Something else is taking shape in the West, particularly in America. There, we see something emerging from the most diverse—and at times the most baroque and trivial—religious worldviews; though it takes on entirely materialistic forms, it is connected to what will be the life of the future, precisely in relation to this worldview of immortality. The belief is gaining ground, particularly in certain American sects, that one cannot live at all after death unless one has made an effort here in this earthly life, unless one has done something by which one earns this life after death. The afterlife is not merely seen as a judgment of good and evil—transposed into eternity according to the pattern of earthly truth—but rather, those who do not make an effort here so that they may carry their soul’s development through death will dissolve and scatter into the cosmos. What one wishes to carry through death must be developed here. And the one who does not ensure here that his soul becomes immortal also dies this second death—to use this Pauline term—in the soul. This is something that is indeed developing in the West as a worldview, not the slow, passive drifting through life and waiting to see what will happen after death. This is what is coming to the fore in certain sects in America. It may go largely unnoticed today, but numerous sentiments strive to view this life here—morally and in other respects as well—and to organize one’s way of life in such a way that, through what one does here, one carries something through the gate of death.

[ 18 ] So hat sich einstmals im Orient entwickelt der besondere Hinblick auf das Leben vor der Geburt. Dadurch ist man in die Lage gekommen, dieses Leben hier als eine Fortsetzung dieses vorgeburtlichen, übersinnlichen Geisteslebens zu betrachten, und es hatte dadurch und nicht durch sich selbst seinen Inhalt. Und es entwickelt sich im Westen heute für die Zukunft etwas, was nicht in einer passiven, gleichgültigen Weise hier leben will und warten, bis man stirbt, weil einem dieses Leben nach dem Tode garantiert ist, sondern es entwickelt sich dasjenige, durch das man weiß: man trägt nichts durch die Pforte des Todes, wenn man hier nicht dafür sorgt, daß man etwas durch die Pforte des Todes trägt durch Aufnahme dessen, was aus demjenigen kommt, was man hat.

[ 18 ] This is how the special focus on life before birth once developed in the East. As a result, people came to view this life here as a continuation of that prenatal, supersensible spiritual life, and it derived its meaning from that—not from itself. And something is developing in the West today for the future—not a way of living here passively and indifferently, waiting until one dies because life after death is guaranteed—but rather, something through which one knows: one carries nothing through the gate of death unless one ensures here that one carries something through that gate by taking in what comes from what one already possesses.

[ 19 ] So ist das Denken des Westens auf der einen Seite eingestellt auf das wirtschaftliche Gestalten des sozialen Organismus, auf der andern Seite eingestellt darauf, die einseitige Post-mortem-Lehre auszubilden. Daher konnte auch dort der Spiritismus besonders sich entwickeln und von da aus die übrige Welt überfluten, der ja eigentlich nur erfunden worden ist, um den Menschen, die nicht mehr durch irgendwelche innere Entwickelung zu einer Unsterblichkeitsüberzeugung kommen können, eine Art Schein auszustellen, daß man wirklich unsterblich ist. Denn eigentlich wird man Spiritist zumeist aus dem Grunde, damit einem durch irgend etwas ein Schein der Gewißheit ausgestellt ist, man sei nach dem Tode unsterblich.

[ 19 ] Thus, Western thought is focused, on the one hand, on the economic structuring of the social organism, and on the other hand, on developing a one-sided post-mortem doctrine. This is why spiritualism was able to develop particularly strongly there and, from there, spread throughout the rest of the world—even though it was actually invented solely to provide people who can no longer arrive at a belief in immortality through any kind of inner development with a kind of illusion that they are truly immortal. For in reality, people usually become Spiritists for the sole reason that they wish to be given, through some means, the illusion of certainty that they are immortal after death.

[ 20 ] Zwischen diesen beiden Welten steht drinnen so etwas, wie es in Fichtes Worten liegt: Die äußere Welt ist das versinnlichte Material meiner Pflicht. — Diese Denkweise, ich sagte vorher, eigentlich verstehen sie die Leute heute nicht. Und was heute über Fichte geschrieben wird, das ist eigentlich ebenso, wie wenn der Blinde von der Farbe reden würde. Es ist namentlich in den letzten Jahren ungeheuer viel von dem Fichteschen Satz gesagt und gepredigt worden. Aber das alles war so, daß man sagen möchte: Fichte, der urmitteleuropäische Geist, ist eigentlich von den deutschen Zeitungen, von deutschen Belletristikund Bücherschreibern amerikanisiert worden. Das sind eigentlich amerikanisierte Fichtes, die da einem entgegentreten. Da ist jene Nuance des menschlichen Seelenlebens, welche das mittlere Glied des sozialen Organismus besonders auszubilden hat, dasjenige, welches hervorgeht aus der Beziehung von Mensch zu Mensch. Es wäre ja gut, wenn mancher von Ihnen sich einmal — es ist nicht leicht — vertiefen würde in eine Schrift von Fichte, wo eigentlich so geredet wird, als wenn es überhaupt keine Natur geben würde; es wird zum Beispiel Pflicht und alles deduziert, indem erst bewiesen wird, daß es äußere Menschen auch gibt, in denen das versinnlichte Material der Pflicht zum Dasein kommen kann. Da lebt alles darinnen, ich möchte sagen als Rohmaterial, aus dem sich zusammensetzen muß der Rechts-, der Staatsorganismus im dreigliedrigen sozialen Organismus.

[ 20 ] Between these two worlds lies something akin to what Fichte put into words: “The external world is the sensually perceived material of my duty.” — As I said earlier, people today do not really understand this way of thinking. And what is written about Fichte today is really just like a blind person talking about color. Especially in recent years, an enormous amount has been said and preached about Fichte’s statement. But it has all been such that one is tempted to say: Fichte, the quintessentially Central European spirit, has in fact been Americanized by the German newspapers, by German fiction writers and authors. What we encounter there are, in fact, Americanized versions of Fichte. There is that nuance of human inner life which the middle link of the social organism must particularly develop—the one that arises from the relationship between human beings. It would indeed be good if some of you would once—though it is not easy—delve into a text by Fichte where he actually speaks as if nature did not exist at all; for example, duty and everything else are deduced only after first proving that there are also external human beings in whom the sensed material of duty can come into being. Everything lives within that—I would say as raw material—from which the legal and state organisms must be composed within the threefold social organism.

[ 21 ] Und worauf beruht im Grunde genommen unser katastrophales Ereignis der letzten Jahre? Es beruht darauf, daß solche Dinge eben nicht lebendig durchschaut, nicht lebendig erfühlt worden sind. In Berlin macht man amerikanische Politik. Das taugt für Amerika sehr gut, just für Berlin taugt es nicht. Daher kam diese Berliner Politik in die Nullität. Denn denken Sie, wenn fortwährend in Berlin oder in Wien amerikanische Politik gemacht wurde, im Grunde genommen hätte man, abgesehen von der Sprache, zu Berlin auch sagen können New York und zu Wien Chikago, es wäre gar nicht so besonders verschieden gewesen. Wenn da — in der Mitte — etwas gemacht wird, was eigentlich durch und durch fremd ist, was in den Westen gehört und da gut am Platze ist, dann kommt dasjenige, was Urelement des Volkstums ist, und straft es Lügen, ohne daß die Menschen es wissen. Und so war es im Grunde genommen in den letzten Jahrzehnten. Das ist das Urphänomen dessen, was sich zugetragen hat, das Urphänomen, das darin besteht, daß man zum Beispiel den Fichteanismus mit Füßen getreten hat und zum Beispiel aus einem Instinkt heraus gelesen hat Ralph Waldo Trine. Eigentlich alle die aristokratischen Politikgigerln haben sich mit Ralph Waldo Trine beschäftigt und daher ihre besondere innere Anregung bezogen, oder irgend etwas anderes. Als die Sache besonders heiß geworden ist, ist es sogar Woodrow Wilson geworden. Und derjenige, der jetzt wiederum Präsident der Deutschen Republik werden möchte, der ist jetzt noch immer so, daß sein Gehirn automatisch abrollt die vierzehn Punkte von Woodrow Wilson. So daß wir erlebt haben, daß in der letzten Zeit im Großherzogtum Baden wieder einmal eine ehemals repräsentative deutsche Persönlichkeit Amerikanismus in die Welt hinausgebrüllt hat. Es ist das beste, unmittelbar anschauliche Beispiel, wie die Dinge eigentlich stehen. Nicht wahr, diese Zusammenhänge, diese urphänomenalen Zusammenhänge, sie muß man tatsächlich durchschauen, wenn man verstehen will, was heute eigentlich geschieht. Wenn man bloß die Zeitung hernimmt, die Reden liest des Prinzen Max von Baden, so herausliest, ohne Zusammenhang, dann ist das heute absolut wertlos, hat gar keinen Wert, ist ein bloßes Kaleidoskop von Worten. Derjenige allein versteht etwas von der Welt, der so etwas hineinstellen kann in den ganzen Weltzusammenhang. Und ehe nicht begriffen wird, daß es notwendig ist, daß man heute Verständnis für die Welt sich zu erobern hat, wenn man mitreden will, eher kann es nicht besser werden. Das charakteristischste Zeichen der Gegenwart ist, daß man glaubt, wenn eine Gesellschaft einen blechösen Satz als allgemeines Programm aufstellt — allgemeine Einigkeit unter allen Rassen, Nationen, Farben und so weiter —, so sei damit etwas getan. Damit ist nichts getan, als der Menschheit Sand in die Augen gestreut. Getan ist erst etwas, wenn man auf die Differenzierungen hinschaut, wenn man erkennt, was in der Welt ist. Die Menschen konnten früher aus ihren Instinkten heraus leben. Das ist ihnen jetzt genommen. Sie müssen lernen, bewußt zu leben. Bewußt leben kann man aber nur, wenn man hineinschaut in das, was wirklich geschieht.

[ 21 ] And what, fundamentally, is the root cause of the catastrophic events of recent years? It stems from the fact that such things have simply not been truly understood or felt. In Berlin, American politics is being pursued. That works very well for America, but it simply doesn’t work for Berlin. That is why this Berlin policy has come to nothing. For consider this: if American politics were constantly being pursued in Berlin or Vienna, one could essentially have called Berlin “New York” and Vienna “Chicago”—apart from the language—and there wouldn’t have been much of a difference. When something is done there—in the center—that is actually foreign through and through, that belongs in the West and is right at home there, then that which is the primordial element of national character steps in and proves it false, without people even realizing it. And that is essentially how it has been in recent decades. That is the fundamental phenomenon of what has taken place—the fundamental phenomenon that consists, for example, in trampling Fichteanism underfoot and, out of instinct, reading Ralph Waldo Trine. In fact, all the aristocratic political figures have engaged with Ralph Waldo Trine and drawn their particular inner inspiration from him, or from something else. When things got particularly heated, it even became Woodrow Wilson. And the person who now wants to become president of the German Republic again is still at the point where his mind automatically reels off Woodrow Wilson’s Fourteen Points. So we have witnessed how, recently in the Grand Duchy of Baden, yet another formerly prominent German figure has been bellowing “Americanism” to the world. It is the best, most vivid example of how things actually stand. Isn’t it true that these connections—these fundamental, phenomenal connections—must truly be grasped if one wants to understand what is actually happening today? If one merely picks up the newspaper, reads Prince Max of Baden’s speeches, and extracts them out of context, then that is absolutely worthless today; it has no value at all—it is merely a kaleidoscope of words. Only those who can place such things within the broader context of the world truly understand it. And until people realize that it is necessary to gain an understanding of the world today if they want to have a say in it, things cannot get any better. The most characteristic sign of the present age is the belief that when a society adopts a hollow slogan as its general program—general unity among all races, nations, colors, and so on—something has thereby been accomplished. That accomplishes nothing; it merely throws sand in humanity’s eyes. Something is only accomplished when one looks at the distinctions, when one recognizes what is in the world. People used to be able to live by their instincts. That has now been taken from them. They must learn to live consciously. But one can only live consciously if one looks into what is really happening.

[ 22 ] Groß war der Osten in bezug auf die Präexistenz und in bezug auf die damit zusammenhängenden wiederholten Erdenleben. Groß war der Westen in seiner Veranlagung mit Bezug auf das Post-mortem-Leben. Hier in der Mitte (siehe Zeichnung Seite 126) ist die eigentliche, heute aber noch mißverstandene Geschichtskunde entstanden. Nehmen Sie zum Beispiel Hegel. Bei Hegel ist weder eine Präexistenz noch eine Postexistenz. Es gibt weder eine Vorgeburtlichkeit noch eine Nachtodlichkeit, aber es gibt ein geistvolles Erfassen der Geschichte. Hegel beginnt mit der Logik, kommt dann zur Naturphilosophie, entwickelt die Seelenlehre, entwickelt die Staatslehre und endet mit der Dreiheit: Kunst, Religion, Wissenschaft. Das ist der Weltinhalt. Von einer Präexistenz, von einer unsterblichen Seele ist nicht die Rede, sondern nur von dem Geiste, der hier im Diesseits lebt.

[ 22 ] The East was great in regard to pre-existence and the associated repeated earthly lives. The West was great in its disposition toward the afterlife. Here in the middle (see diagram on page 126) is where true—though today still misunderstood—historical science emerged. Take Hegel, for example. In Hegel’s thought, there is neither pre-existence nor post-existence. There is neither a pre-birth state nor a post-death state, but there is a spiritual grasp of history. Hegel begins with logic, then moves on to the philosophy of nature, develops his theory of the soul, develops his theory of the state, and concludes with the triad: art, religion, and science. This is the content of the world. There is no mention of pre-existence or an immortal soul, but only of the spirit that lives here in this world.

[ 23 ] Präexistenz — Postexistenz — hier ist das unmittelbare Leben in der menschlichen Gegenwart, das Durchdringen der Geschichte. Lesen Sie sich dasjenige durch, was gerade von Hegel als Geschichtsphilosophie verfaßt worden ist. In den Bibliotheken ist es zumeist so, daß, wenn man aufschlägt, eine Seite noch an der andern klebt, man muß sie erst voneinander lösen. Es sind nicht viele Auflagen erschienen gerade von Hegels Büchern. In den achtziger Jahren hat Eduard von Hartmann geschrieben, daß es im ganzen Deutschland, wo es zwanzig Universitäten gibt mit philosophischen Fakultäten, überhaupt nur zwei Menschen gibt unter den Universitätsdozenten, die Hegel gelesen haben! Unwidersprochen konnte es bleiben, denn es war wahr; trotzdem haben selbstverständlich alle Schüler geschworen auf das, was ihnen ihre, den Hegel nicht gelesen habenden Professoren über Hegel gesagt haben. Aber machen Sie sich mit dem bekannt, so werden Sie sehen, daß da in der Tat Geschichtsauffassung zustande gekommen ist, das Erleben dessen, was sich zwischen Mensch und Mensch abspielt. Da ist auch das Holz, aus dem geschnitzt werden muß das Staats- oder rechtliche Glied des dreigliedrigen sozialen Organismus. Die Konstitution des geistigen Organismus ist zu lernen am Orient, die Konstitution des Wirtschaftlichen ist zu lernen am Westen.

[ 23 ] Pre-existence — post-existence — here is the immediate life in the human present, the permeation of history. Read through what Hegel has just written on the philosophy of history. In libraries, it is usually the case that when you open the book, one page is still stuck to another; you must first separate them. Not many editions of Hegel’s books, in particular, have been published. In the 1880s, Eduard von Hartmann wrote that in all of Germany—where there are twenty universities with philosophy departments—there were only two people among the university lecturers who had actually read Hegel! This claim went unchallenged because it was true; nevertheless, all the students, of course, swore by what their professors—who had not read Hegel—had told them about Hegel. But if you familiarize yourself with his work, you will see that a conception of history has indeed emerged there—the experience of what takes place between human beings. There, too, lies the material from which the state or legal component of the threefold social organism must be carved. The constitution of the spiritual organism is to be learned from the East; the constitution of the economic is to be learned from the West.

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[ 24 ] So muß man in die Differenzierung der Menschheit über die Erde hineinschauen, und man kann die Sache von der einen oder von der andern Seite verstehen. Geht man direkt auf das Ziel los, studiert man das soziale Leben, dann kommt man so zur Dreigliederung, wie ich sie in den «Kernpunkten der sozialen Frage» entwickelt habe. Studiert man so das Leben der Menschen über die Erde hin, dann kommt man dazu, sich zu sagen: Es ist etwas da mit besonderer Veranlagung für die Wirtschaft, es ist etwas da mit besonderer Veranlagung für den Staat, es ist etwas da mit besonderer Veranlagung für das geistige Leben. — Hier kann ein dreigliedriges Gebilde geschaffen werden, indem man die eigentliche Wirtschaft nimmt vom Westen, den Staat nimmt von der Mitte, das geistige Leben — selbstverständlich erneuert, das habe ich immer gesagt — vom Osten. Hier hat man den Staat, hier das wirtschaftliche Leben, hier das geistige Leben (siehe Zeichnung); man hat die beiden andern von hier herüberzunehmen. So hat die Menschheit zusammenzuwirken, weil an verschiedenen Orten der Erde die Ursprünge für diese drei Glieder des sozialen Organismus gefunden werden, die deshalb auch überall gehörig auseinandergehalten werden müssen. Und wenn die Menschen vermischen wollen in der alten Weise zum Einheitsstaat dasjenige, was dreigliedrig sein will, so wird doch nichts anderes daraus, als daß eine Einheit im Westen wird, wo das Wirtschaftsleben alles überflutet und alles andere nur in das Wirtschaftsleben eintaucht. Machen dann sich Theoretiker darüber her und studieren das, das heißt, geht Karl Marx von Deutschland nach London, dann studiert er: Alles muß wirtschaftliches Leben sein. — Und wird der Wahnsinn Marxens vollends, dann macht man die drei Glieder nur eingliedrig, aber nur mit dem Charakter der Wirtschaft. Beschränkt man sich auf das, was bloß Staats- oder Rechtsgebilde sein will, so äft! man das Wirtschaftsleben des Westens nach, macht ein Scheingebilde des Wirtschaftslebens durch Jahrzehnte, was dann selbstverständlich zusammenbricht, wenn die Katastrophe kommt, was ja auch geschehen ist!

[ 24 ] One must thus look into the differentiation of humanity across the Earth, and one can understand the matter from one perspective or the other. If one proceeds directly toward the goal and studies social life, one arrives at the threefold social order as I developed it in *The Key Points of the Social Question*. If one studies human life across the globe in this way, one comes to say to oneself: There is a group with a special predisposition for the economy, there is a group with a special predisposition for the state, and there is a group with a special predisposition for spiritual life. — Here, a threefold structure can be created by taking the actual economy from the West, the state from the center, and spiritual life—renewed, of course, as I have always said—from the East. Here is the state, here is economic life, here is spiritual life (see diagram); the other two must be taken from here. This is how humanity must work together, because the origins of these three members of the social organism are found in different parts of the world, and must therefore be kept properly separate everywhere. And if people want to mix together in the old way—into a unitary state—that which is meant to be threefold, the result will be nothing other than a unity in the West, where economic life floods everything and everything else is merely subsumed into economic life. When theorists then take this up and study it—that is, when Karl Marx moves from Germany to London—he concludes: Everything must be economic life. — And when Marx’s madness reaches its peak, the three components are reduced to a single component, but one with only an economic character. If one limits oneself to what merely purports to be a state or legal construct, one imitates the economic life of the West, creating a sham version of economic life that persists for decades—which then, of course, collapses when catastrophe strikes, as indeed has happened!

[ 25 ] Der Orient, der das geistige Leben zunächst abgeschwächt hat, nimmt einfach vom Westen herüber das Wirtschaftsleben und impft sich etwas vollständig Fremdes ein. Gerade wenn man diese Dinge studiert, wird man sehen, daß Segen nur über die Erde kommen kann, wenn man überall dasjenige, was sich an verschiedenen Orten durch Natur entwickelt, durch die menschliche Tätigkeit im dreigliedrigen sozialen Organismus zusammenfaßt.

[ 25 ] The East, which initially weakened spiritual life, is simply adopting economic life from the West and thereby introducing something entirely foreign into itself. It is precisely when one studies these things that one will see that blessings can come upon the earth only when what develops naturally in various places is brought together everywhere through human activity within the threefold social organism.