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Spiritual Scientific Insight into the
Fundamental Impulses of Social Organization
GA 199

20 August 1920, Dornach

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Sechster Vortrag

Sixth Lecture

[ 1 ] Ich möchte heute wieder einiges zusammenfassen von dem, was in den letzten Zeiten hier vorgebracht worden ist. Wir haben gesprochen von der sinnlichen Außenwelt im Verhältnis zu der menschlichen Innenwelt, und ich habe auf zweierlei besonders scharf hingewiesen. Ich habe darauf hingewiesen, daß die sinnliche Außenwelt durchaus aufgefaßt werden muß als eine Welt der Erscheinung, daß es zu den Vorurteilen unserer Zeit gehört, diese Anschauung von der Welt der Erscheinungen nicht in richtiger Weise zu deuten. Gewiß, da und dort taucht eine gewisse Erkenntnis davon auf, daß die sinnliche Außenwelt eine phänomenale, das heißt, eine Welt von Erscheinungen ist, nicht von irgendwelchen auch nur materiellen Wirklichkeiten. Aber man sucht dann hinter dieser Welt der äußeren Erscheinungen nach materiellen Realitäten, zum Beispiel nach Atomen, nach Molekülen und dergleichen. Dieses Suchen nach Atomen, Molekülen, kurz, überhaupt nach einer hinter der Erscheinungswelt stehenden Welt materieller Wirklichkeit, ist ganz genauso, wie wenn jemand, der zum Beispiel im Regenbogen, der eben augenscheinlich nur eine Erscheinung, ein Phänomen ist, nach allerlei molekularischen Entitäten suchen würde, nach molekularischen Materialitäten, die dahinterstehen müßten. Dieses Suchen nach materieller Realität gegenüber der Außenwelt, das ist, wie uns ja aus den verschiedensten Ecken her die Geisteswissenschaft zeigt, etwas völlig Unbegründetes. Wir müssen uns klar sein darüber: Wir haben um uns herum in dem, was Sinneswelt ist, eine Erscheinungswelt, und wir dürfen nicht den Tastsinn gegenüber der Sinneswelt anders auffassen als so wie die andern Sinne.So wie wir den Regenbogen mit Augen sehen und dahinter nicht eine materielle Realität suchen, sondern eben als Erscheinung ihn hinnehmen, so müssen wir die ganze äußere Welt so hinnehmen, wie sie ist, in dem Sinne, wie ich das in meiner Einleitung zum FarbenlehreBand der Goetheschen Naturwissenschaftlichen Schriften vor Jahrzehnten dargestellt habe. Und die Frage stellt sich dann vor uns hin: Was ist nun hinter dieser Welt der Erscheinungen? Da sind nicht materielle Atome dahinter, da sind dahinter geistige Wesenheiten, da ist Geistigkeit dahinter. Das bedeutet viel, dies anzuerkennen; denn es bedeutet ja, daß wir zugeben: Wir sind nicht in einer materiellen Welt, sondern wir sind in einer Welt geistiger Realitäten!

[ 1 ] Today I would like to summarize once again some of what has been discussed here recently. We have spoken of the external sensory world in relation to the inner human world, and I have emphasized two points in particular. I have pointed out that the external sensory world must be understood as a world of appearances, and that one of the prejudices of our time is a failure to interpret this view of the world of appearances correctly. Certainly, here and there a certain recognition emerges that the external sensory world is a phenomenal world—that is, a world of appearances, not of any kind of reality, not even material reality. But people then search behind this world of external appearances for material realities, for example, for atoms, molecules, and the like. This search for atoms, molecules—in short, for any world of material reality lying behind the world of appearances—is exactly the same as if someone were to search, for example, within a rainbow—which is obviously nothing more than an appearance, a phenomenon—for all sorts of molecular entities, for molecular materialities that must lie behind it. This search for material reality in relation to the external world is, as spiritual science shows us from a wide variety of perspectives, something completely unfounded. We must be clear about this: We are surrounded by a world of appearances in what constitutes the sensory world, and we must not regard the sense of touch in relation to the sensory world any differently than we regard the other senses. Just as we see the rainbow with our eyes and do not seek a material reality behind it, but rather accept it as an appearance, so must we accept the entire external world as it is, in the sense that I described decades ago in my introduction to the *Theory of Colors* volume of Goethe’s *Scientific Writings*. And the question then arises before us: What, then, lies behind this world of appearances? There are no material atoms behind it; there are spiritual beings behind it; there is spirituality behind it. Recognizing this means a great deal; for it means, after all, that we admit: We are not in a material world, but we are in a world of spiritual realities!

[ 2 ] Also wir haben, wenn wir uns als Menschen nach außen wenden — wenn das (siehe Schema) gewissermaßen die Grenze unseres Leibes ist —, die Sinneswelt, und hinter derselben die Welt geistiger Realitäten, geistiger Wesenheiten (rechts).

[ 2 ] So when we, as human beings, turn our attention outward—where that (see diagram) is, so to speak, the boundary of our body—we encounter the sensory world, and beyond it the world of spiritual realities and spiritual beings (on the right).

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[ 3 ] Gehen wir jetzt in das menschliche Innere hinein, also wenden wir uns nach innen zu, dann haben wir zunächst, wenn wir von unseren Sinnen nach innen gehen, dasjenige, was Inhalt unserer Vorstellungswelt, Inhalt unserer Seelenwelt ist. Wenn wir die Sinneswelt die Welt sinnlicher Phänomene nennen, sinnlicher Erscheinungen, so haben wir, wenn wir von unseren Sinnen nach innen gehen, die Welt der geistigen Erscheinungen (links). Denn natürlich sind zunächst so, wie sie in uns sind, unsere Gedanken, unsere Vorstellungen keine Realitäten, sondern es sind geistige Erscheinungen. Und nun kommt eben alles darauf an, daß wir nicht glauben, wenn wir von dieser Seelenwelt noch tiefer in unser Inneres hineinsteigen, daß wir da kommen zu dem, was mystische Träumer voraussetzen, zu einer besonderen höheren Welt, sondern da kommen wir in die Welt unseres Organismus hinein, da kommen wir eben hinein in die Welt materieller Realitäten.

[ 3 ] If we now enter into the inner world of the human being—that is, if we turn inward—then, when we move inward from our senses, we first encounter what constitutes the content of our world of imagination, the content of our inner world. If we call the sensory world the world of sensory phenomena, of sensory appearances, then when we turn inward from our senses, we encounter the world of mental appearances (left). For, of course, as they exist within us, our thoughts and ideas are not realities, but rather mental appearances. And now it all depends on the fact that, as we descend even deeper from this world of the soul into our inner being, we do not believe that we are arriving at what mystical dreamers presuppose—a special, higher world—but rather that we are entering the world of our organism; we are entering the world of material realities.

[ 4 ] Und deshalb ist es wichtig, nicht zu glauben, daß man durch Hineinbrüten in sich ein Geistiges finden kann, sondern da soll man gerade suchen die Konstitution des menschlichen materiellen Organismus. Man soll nicht alle möglichen mystischen Realitäten in sich suchen, wie ich das ja von den verschiedenen Gesichtspunkten aus hervorgehoben habe, sondern man soll suchen hinter dem, was sich heraufdrängt in die Seele, das heißt, was geistige Erscheinung wird — gerade je tiefer und tiefer man in sich hineinsteigt —, das Zusammenwirken von Leber, Herz, Lunge und so weiter, von noch andern Organen auch, die gerade Mystiker nicht gerne genannt wissen wollen. Da lernen wir das eigentlich Materielle unseres irdischen Daseins kennen. Und gar mancher — das habe ich ja oft hervorgehoben —, der glaubt, da tief in sein Inneres hineinzusteigen und mystische Realitäten zu treffen, der trifft nur das, was seine Leber, seine Galle und ähnliche andere Organe ausbrüten. Wie sich der Talg zur Flamme bildet, so bildet sich dasjenige, was Leber, Lunge, Herz, Magen ausbrüten, zu dem, was dem Bewußtsein heraufleuchtet als mystische Erscheinungen.

[ 4 ] And that is why it is important not to believe that one can find something spiritual by brooding over oneself; rather, one should seek the constitution of the human material organism. One should not seek all manner of mystical realities within oneself—as I have emphasized from various perspectives—but rather one should look behind what pushes its way up into the soul, that is, what becomes a spiritual phenomenon—precisely as one delves deeper and deeper within oneself— the interplay of the liver, heart, lungs, and so on, as well as other organs that mystics in particular do not like to have mentioned. There we come to know the truly material aspect of our earthly existence. And many a person—as I have often emphasized—who believes they are delving deep into their inner being to encounter mystical realities actually encounters only what their liver, gallbladder, and other similar organs are producing. Just as tallow forms a flame, so too does what the liver, lungs, heart, and stomach produce take shape as what shines up into consciousness as mystical phenomena.

[ 5 ] Das ist es eben gerade, daß wirkliche Geisteswissenschaft den Menschen hinausführt über jegliche Art von Illusion. Es ist die Illusion der Materialisten, daß sie hinter der Sinneswelt nicht geistige Realitäten, sondern physische, materielle Realitäten finden können. Es ist die Illusion der Mystiker, daß sie finden können, wenn sie in ihre eigene Wesenheit hinuntersteigen, nicht die Welt der materiellen Organisation, sondern irgendwelche besonders göttliche Funken und dergleichen.

[ 5 ] That is precisely the point: true spiritual science leads people beyond any kind of illusion. It is the illusion of the materialists that behind the sensory world they can find not spiritual realities, but physical, material realities. It is the illusion of the mystics that when they descend into their own being, they can find not the world of material organization, but some kind of particularly divine sparks and the like.

[ 6 ] Das ist wichtig für echte Geisteswissenschaft, daß wir nicht suchen in der Außenwelt das Materielle, daß wir nicht suchen in der Innenwelt so, wie man sie zunächst durch innerliches Bebrüten bekommt, das Geistige.

[ 6 ] It is important for genuine spiritual science that we do not seek the material in the external world, and that we do not seek the spiritual in the inner world as it is initially perceived through inner contemplation.

[ 7 ] Dies nun, was ich jetzt sagte, hat ja bedeutsame Folgen für unsere ganze Weltanschauung. Bedenken Sie nur, daß wir ja darlegen müssen, daß der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen mit seinem astralischen Leib und mit seinem Ich außerhalb des physischen Leibes und Ätherleibes ist. Wo ist er dann? — Das müssen wir uns ja als Frage vorlegen: Wo ist er denn dann? — Wenn wir annehmen, daß da draußen die Welt ist, welche die Physiker beschreiben, dann hat es überhaupt keinen Sinn, von einem Außer-dem-physischen-Leibe-Bestehen des astralischen Leibes oder des Ich zu sprechen. Wenn wir aber wissen, daß da jenseits der Sinneswelt die Welt der geistigen Realitäten liegt, aus der die Sinnenwelt hervorsprießt, dann haben wir eine Möglichkeit, uns vorzustellen, daß astralischer Leib und Ich in die geistige Welt, die hinter der Sinnenwelt liegt, hineinziehen. Sie sind wirklich in dem Teile der geistigen Welt, der der Sinnenwelt zugrunde liegt; so daß man also sagen kann: Schlafend dringt der Mensch in jene geistige Welt ein, die der Sinnenwelt zugrunde liegt. Aufwachend allerdings dringt er ein mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe in dasjenige, was zunächst ätherische Wesenheit ist, und was die Welt materieller Organisation ist.

[ 7 ] What I have just said has significant implications for our entire worldview. Just consider that we must demonstrate that, from the moment a person falls asleep until they wake up, their astral body and their “I” are outside the physical body and the etheric body. Where, then, is the human being? — We must ask ourselves this question: Where, then, is the human being? — If we assume that the world described by physicists lies out there, then it makes no sense at all to speak of the astral body or the “I” existing outside the physical body. But if we know that beyond the sensory world lies the world of spiritual realities, from which the sensory world springs forth, then we can imagine that the astral body and the “I” are drawn into the spiritual world that lies behind the sensory world. They are truly in that part of the spiritual world that underlies the sensory world; so that one can say: While sleeping, the human being enters that spiritual world which underlies the sensory world. Upon waking, however, he enters—with his “I” and his astral body—into what is first and foremost etheric being, and what is the world of material organization.

[ 8 ] Man bekommt von dem, was man als anthroposophische Weltanschauung aufnehmen kann, überhaupt nur klare Vorstellungen, wenn man sich über solche Dinge klare Vorstellungen machen kann. Denn man wird sich dann vor allen Dingen nicht der Täuschung hingeben, daß man irgendwie das Göttliche oder das unserem Menschen zugrunde liegende Geistige hinter der sinnlichen Umgebung suchen könne. Da ist nur das Geistige, das diese Sinnenwelt aus sich hervorbringt. Wir selbst als Menschen, wir wurzeln in der Geisteswelt. Aber in welcher Geisteswelt? In derjenigen Geisteswelt, die wir ja verlassen, indem wir in unseren physischen Leib uns verkörpern. Wir kommen ja aus jener geistigen Welt, die wir durchleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt; wir treten durch die Geburt oder durch die Empfängnis in dieses physische Dasein ein. Die Welt aber, in der wir sind zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, die wir da verlassen, die ist eine andere geistige Welt als diese; sie ist eine geistige Welt und dadurch mit dieser verwandt. Aber jene geistige Welt spritzt aus sich hervor unsere Sinnenwelt. Diejenige geistige Welt, von der wir sprechen — ich habe sie besprochen in dem Zyklus «Inneres Wesen des Menschen und Leben zwischen Tod und neuer Geburt» —, diejenige Welt, die wir da durchleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, die uns hervorspritzt, die uns hervorbringt, die erfassen wir nicht, wenn wir sie hinter der Sinneswelt suchen, die erfassen wir auch nicht, wenn wir sie in uns selber suchen. Da finden wir nur das Materielle unserer eigenen Organisation. Die erfassen wir, wenn wir überhaupt aus dem ganzen Raume herauskommen. Die ist nicht im Raume. Von der kann nur gesprochen werden, wie ich das auch oftmals betont habe, wenn wir einzig und allein die Zeit zugrunde legen, wenn wir sie als eine zeitliche auffassen. Daher kann alles, was wir an Beschreibungen haben über diese Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, selbstverständlich nur Imagination, nur Bild sein. Und wir dürfen nicht verwechseln diese Bilder, in denen wir uns notwendigerweise ausdrücken müssen, mit den Realitäten, in denen wir leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Es ist so notwendig, daß man auf dem Boden anthroposophischer Weltanschauung nicht bloß von allerlei phantastischen Dingen spricht, die man mit den alten Worten bezeichnet, wobei man doch mit den alten Worten nichts Neues eigentlich bezeichnet, sondern es ist notwendig, daß man seine Begriffs-, seine Vorstellungswelt bereichert, wenn man in diejenige Welt hinein senden will seine Gedanken, seine Vorstellungen, die wir durchleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. So daß wir uns eine Vorstellung aneignen können, welche außerordentlich wichtig ist, welche auch der Anlaß sein kann zu einem tiefen Nachdenken, allerdings zu einem unbequemen Nachdenken. Das ist die Vorstellung: Wenn wir durchlebt haben das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, so verkörpern wir uns hier im Raume. Wir dringen aus etwas, was nicht räumlich ist, in den Raum ein. Der Raum hat nur eine Bedeutung für dasjenige, was hier von uns erlebt wird zwischen der Geburt und dem Tode. Und wiederum, wir dringen nicht nur aus unserem Leibe mit unserer Seele heraus, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, wir dringen aus dem Raume heraus; das ist wichtig.

[ 8 ] One can only gain a clear understanding of what one is capable of absorbing from the anthroposophical worldview if one is able to form clear ideas about such matters. For then, above all, one will not succumb to the delusion that one can somehow seek the divine or the spiritual that underlies our humanity behind the sensory environment. There is only the spiritual that brings this sensory world forth from within itself. We ourselves, as human beings, are rooted in the spiritual world. But in which spiritual world? In the spiritual world that we leave behind when we incarnate in our physical bodies. We come from that spiritual world which we experience between death and a new birth; we enter this physical existence through birth or conception. But the world in which we find ourselves between death and a new birth—the one we leave behind—is a different spiritual world from this one; it is a spiritual world and, as such, related to this one. Yet that spiritual world gives rise to our sensory world. The spiritual world of which we speak—I have discussed it in the lecture series “The Inner Being of the Human Being and Life Between Death and a New Birth” —that world we experience between death and a new birth, which springs forth from us, which brings us into being—we do not grasp it when we seek it behind the sensory world, nor do we grasp it when we seek it within ourselves. There we find only the material aspect of our own physical constitution. We can grasp it only if we step out of the realm of space altogether. It is not in space. As I have often emphasized, we can speak of it only if we take time as our sole basis—if we conceive of it as a temporal phenomenon. Therefore, all the descriptions we have of this world between death and a new birth can, of course, be nothing but imagination, nothing but images. And we must not confuse these images, in which we are necessarily compelled to express ourselves, with the realities in which we live between death and a new birth. It is so necessary that, on the basis of the anthroposophical worldview, one does not merely speak of all sorts of fantastical things designated by the old terms—whereby one actually designates nothing new with those old terms—but rather it is necessary to enrich one’s world of concepts and ideas if one wishes to send one’s thoughts and ideas into that world which we experience between death and a new birth. So that we may acquire a concept that is extraordinarily important, one that can also be the occasion for deep reflection—albeit an uncomfortable one. This is the concept: When we have lived through the life between death and a new birth, we incarnate here in space. We emerge from something that is not spatial and enter into space. Space has meaning only for what we experience here between birth and death. And again, when we pass through the gate of death, we do not merely emerge from our body with our soul; we emerge from space—that is important.

[ 9 ] Diese Vorstellung, die so geläufig war den Menschen noch bis zum 4, 5., 6. nachchristlichen Jahrhundert, ja noch geläufig war solch einem Menschen, der erst im 9. Jahrhundert gelebt hat, wie Scotus Erigena, diese Vorstellung, daß das dem Menschen zugrunde liegende Geistige, das er durchlebt, wie man damals gemeint hat, nur nach dem Tode — wie wir jetzt sagen müssen: überhaupt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt —, diese Vorstellung ist der neueren Zeit ganz verlorengegangen. Die neuere Zeit ist stolz, hochmütig auf ihr Denken, aber sie kann ja eigentlich nur das Räumliche denken. Sie lebt in jedem Gedanken nur so, daß sie den Raum mitdenkt. Aber man muß sich bemühen, um das Geistige zu denken, den Raum selber in seinem Denken zu überwinden. Sonst werden wir niemals in das wirkliche Geistige hineinkommen und werden vor allen Dingen niemals auch nur zu einer annähernd richtigen Naturwissenschaft kommen, geschweige denn zu einer Geisteswissenschaft. Gerade gegenüber unserer Zeit ist es von unendlicher Wichtigkeit, sich mit diesen feineren Unterscheidungen geisteswissenschaftlichen Erkennens bekanntzumachen. Denn das, was wir durch solche Begriffe uns aneignen, ist ja nicht bloß irgendeine Weltanschauung, irgendein Gedankeninhalt. Dieses Sich-Aneignen eines Gedankeninhaltes ist schließlich das Allerwenigste, was uns werden kann durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Denn es ist ganz gleich, ob nun schließlich jemand glaubt, die Welt besteht aus Molekülen und Atomen, oder ob er glaubt, der Mensch besteht aus dem physischen Leib, dann aus etwas, was dünner ist, dem Ätherleib, dann aus etwas, was noch dünner, noch nebuloser ist, dem Astralleib, was noch dünner ist, was weiß ich, was dann kommt: aus Mentalleib, und was noch kommt — immer dünner, dünner, dünner —, während schon der Ätherleib gar nicht mehr getroffen wird, wenn man nur von der Dünnheit spricht! Es ist schließlich gleich, ob man Materialist ist und die Welt als Atome sich vorstellt, oder ob man diese grobmaterialistische Vorstellung hegt, die gerade das Gemeingut der sogenannten theosophischen Gesellschaftslehren, oder wie man das nun nennen will, ist. Worauf es ankommt, das ist ja etwas ganz anderes, das ist, daß wir in der Lage sind, unsere ganze Seelenverfassung umzuwandeln, daß wir uns anstrengen müssen, anders zu denken für das Geistige, als wir gewohnt sind, für die äußere Sinneswelt zu denken. Nicht, wenn wir etwas anderes als die Sinneswelt als geistig denken, treten wir in Geisteswissenschaft ein, sondern wenn wir anders denken über das Geistige, als wir über die Sinneswelt denken. Über die Sinneswelt denken wir räumlich. Über das Geistige können wir höchstens innerhalb gewisser Grenzen zeitlich denken, weil wir uns selber in dieser geistigen Welt denken müssen. Und wir sind ja in der Zeit in einer gewissen Weise bedingt auch geistig, indem wir eben in einem bestimmten Zeitpunkte aus dem Leben zwischen Tod und Geburt in das Leben zwischen Geburt und Tod hineinversetzt werden.

[ 9 ] This concept, which was so familiar to people as late as the 4th, 5th, 6th centuries A.D.—and was indeed still familiar to someone who lived as late as the 9th century, such as Scotus Erigena—this idea that the spiritual essence underlying human beings, which they experience throughout their lives, as was believed at the time, only after death—as we must now say: at all between death and a new birth—this idea has been completely lost in modern times. Modern times are proud, even arrogant, of their thinking, but in reality they can only conceive of the spatial. In every thought, they live only in such a way that they think of space as well. But in order to think the spiritual, one must strive to overcome space itself in one’s thinking. Otherwise, we will never enter into the true spiritual realm and, above all, will never even come close to a truly accurate natural science, let alone a spiritual science. Precisely in light of our times, it is of infinite importance to familiarize ourselves with these finer distinctions of spiritual scientific knowledge. For what we acquire through such concepts is not merely some worldview or some content of thought. This acquisition of a content of thought is, after all, the very least that can come to us through anthroposophically oriented spiritual science. For it makes no difference whether someone ultimately believes that the world consists of molecules and atoms, or whether they believe that the human being consists of the physical body, then of something more subtle, the etheric body, then of something even more subtle, even more nebulous, the astral body, and what is even more subtle—who knows what comes next: the mental body, and whatever else may follow—ever more subtle, more subtle, more subtle—while even the etheric body is no longer adequately described when one speaks merely of “subtlety”! Ultimately, it makes no difference whether one is a materialist and conceives of the world as atoms, or whether one holds this crudely materialistic view, which is precisely the common ground of the so-called teachings of the Theosophical Society—or whatever one wishes to call it. What really matters is something entirely different: it is that we are able to transform our entire state of mind, that we must make an effort to think differently about the spiritual realm than we are accustomed to thinking about the external sensory world. It is not by thinking of something other than the sensory world as spiritual that we enter into spiritual science, but rather by thinking about the spiritual in a different way than we think about the sensory world. We think about the sensory world in spatial terms. We can think of the spiritual realm, at most, in terms of time within certain limits, because we must conceive of ourselves within this spiritual world. And we are, in a certain sense, also spiritually conditioned by time, in that we are transferred at a specific point in time from the life between death and birth into the life between birth and death.

[ 10 ] Dieses Umgestalten der Gemütsverfassung, das ist es, worauf ich öfters hingewiesen habe, und was der gegenwärtigen Menschheit so not tut. Denn wodurch sind wir denn in die Kalamitäten der Gegenwart hineingekommen? Wir sind in die Kalamitäten der Gegenwart hineingekommen dadurch, daß mit den sogenannten neueren Fortschritten die Menschheit ganz und gar verlernt hat, in ihre Vorstellungen überhaupt noch das Geistige aufzunehmen. Dasjenige, was theosophische Lehre der sogenannten 'Theosophischen Gesellschaft ist, ist ja gerade der Versuch, mit materialistischen Gedankenformen das Geistige zu charakterisieren, also den Materialismus bis ins Geistige hineinzutreiben. Dadurch, daß man etwas geistig nennt, hat man ja nicht eine geistige Auffassung, sondern nur dadurch, daß man das für das Sinnliche geeignete Denken umgestaltet.

[ 10 ] This transformation of the state of mind—that is what I have often pointed out, and what humanity today so desperately needs. For how did we end up in the calamities of the present? We have fallen into the calamities of the present because, with so-called modern progress, humanity has completely forgotten how to incorporate the spiritual into its conceptions at all. The so-called “Theosophical Society’s” theosophical teaching is, in fact, precisely the attempt to characterize the spiritual using materialistic thought forms—that is, to drive materialism right into the spiritual realm. Simply calling something “spiritual” does not constitute a spiritual understanding; rather, it arises only from transforming the thinking appropriate to the sensory realm.

[ 11 ] Wenn die Menschen nun miteinander leben sollen, dann sind sie eben nicht in bloß räumlichen Beziehungen, dann sind sie nicht in solchen Beziehungen, die sich ausdenken lassen mit dem, was heute durch die Naturwissenschaft allgemeines Denken geworden ist. Deshalb können wir keine sozialen Vorstellungen mehr ausbilden in der heutigen Weltanschauung, weil das Denken, an das sich die Menschheit gewöhnt hat durch die Naturwissenschaft, eben gar nicht dazu führt, das Zusammenleben der Menschen zu charakterisieren. Daher jene Abirrungen, die wir heute als allerlei soziale Weltauffassungen erleben, und die nur davon herrühren, daß es unmöglich ist, aus den Vorstellungen, von denen aus wir heute etwas als richtig oder unrichtig ansehen, auch wirklich über das Soziale zu denken. Erst wenn man sich bequemen wird, ins Geisteswissenschaftliche einzudringen, wird es wiederum möglich sein, das Soziale so zu denken, wie es gedacht werden muß, wenn nicht der Niedergang weiter erfolgen soll, sondern wenn ein Aufstieg erfolgen soll. Die Erziehung, welche Geisteswissenschaft an uns vollführt, ist viel wichtiger als der Inhalt der Geisteswissenschaft. Sonst kommen wir endlich dazu, immer mehr und mehr zu verlangen, daß die geistigen Dinge, wie man sagt, populär, das heißt, grobsinnlich-wirklich dargelegt werden. Man kommt dazu, solche Dinge, die einfach in einer gewissen Weise gesagt werden müssen, damit man nicht phantasiert, sondern Realitäten sagt, wie das zum Beispiel geschehen mußte sowohl in unseren anthroposophischen Darstellungen, wie auch in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage», man kommt dazu, das dann unanschaulich zu finden. Ja, «anschaulich» ist etwas, worunter heute die Menschheit etwas ganz Sonderbares versteht. Es gibt heute Leute, welche auf diese Sehnsucht der Menschen, grobsinnlich anschaulich alles zu bekommen, spekulieren. Und sie spekulieren schon über den ganzen Umfang der Erde hin, nicht etwa bloß in einzelnen Territorien.

[ 11 ] If people are to live together, then their relationships are not merely spatial; they are not the kind of relationships that can be conceived of using the way of thinking that has become commonplace today through the natural sciences. That is why we can no longer develop social concepts within today’s worldview, because the way of thinking to which humanity has become accustomed through the natural sciences simply does not lead to a characterization of human coexistence. Hence those aberrations that we experience today as all manner of social worldviews, and which stem solely from the fact that it is impossible to truly think about the social realm based on the concepts by which we today judge something to be right or wrong. Only when we are willing to delve into the spiritual sciences will it once again be possible to think about the social realm as it must be thought of—not if decline is to continue, but if an ascent is to take place. The education that spiritual science provides us is far more important than the content of spiritual science itself. Otherwise, we will eventually come to demand more and more that spiritual matters be presented, as they say, in a “popular” way—that is, in a crude, literal manner. We end up finding such things—which simply must be stated in a certain way so that we do not fantasize but speak of realities, as was necessary, for example, both in our anthroposophical presentations and in my book *The Key Points of the Social Question*—we end up finding them unvivid. Indeed, “vivid” is a term by which humanity today understands something quite peculiar. There are people today who speculate on this human longing to have everything presented in a crudely vivid way. And they speculate on this across the entire globe, not just in individual territories.

[ 12 ] So zum Beispiel finde ich eine interessante Stelle in einem ganz vor kurzem erschienenen Buche, «Les forces morales aux Etats-Unis», von einer Französin geschrieben. Die Unterabteilungen sind: l’élise, l’école, la femme. In diesem Buch findet sich eine interessante kleine Episode, welche zeigt, wie man von gewissen Seiten versucht, die Dinge der Beziehung des Menschen zur geistigen Welt anschaulich zu machen. Die Betreffende erzählt: Eines Abends promenierte ich mit einer Freundin im Broadway. Ich kam vor eine Kirche. Ein Überblick zeigte uns den Platz nur mit Männern angefüllt. Indigniert durch den Anblick, vermieden wir, etwas vorzudringen in das Innere. Ein Priester in der Sutane wurde unser ansichtig, kam heran, uns einzuladen, wir sollten weiter vorwärtsdringen. Da wir zögerten, fragte er uns über unsere Konfession. Wir sind nicht Katholiken, sagte ich. Er drang lebhaft in uns, in seine Kirche einzutreten und lud uns mit erhobenem Zeigefinger ein: Kommen Sie hierher, sagte er mit Überzeugung, hören Sie mich. Wenn Sie zum Beispiel nach Chicago gehen wollen, wie machen Sie das? Sie können, um dahin zu gehen, zu Fuß gehen, zu Wagen, zu Schiff oder mit dem Eisenbahnzug. Logischerweise werden Sie das schnellste und bequemste Mittel wählen. Das ist in diesem Fall der Eisenbahnzug. Selbstverständlich, wenn Sie wollen in den Garten Gottes kommen, werden Sie ebenso wählen diejenige Religion, welche Sie am schnellsten und sichersten dahin führen wird. Das ist die katholische Religion, welche der Expreßzug nach dem Paradiese ist. Die betreffende Mitteilerin sagt nur noch, daß sie so perplex war, daß es ihr gar nicht eingefallen ist, ihm zu sagen, daß er ja in seinem anschaulichen Vergleiche noch den Aeroplan vergessen habe, den er als eine noch schnellere Expedition hätte anführen können, um in das Paradies zu gelangen.

[ 12 ] For example, I found an interesting passage in a book published very recently, *Les forces morales aux États-Unis*, written by a French woman. The sections are: the church, the school, and women. This book contains an interesting little anecdote that illustrates how certain quarters attempt to bring to life the relationship between human beings and the spiritual world. The author recounts: One evening, I was strolling down Broadway with a friend. I came upon a church. A glance revealed that the square was filled exclusively with men. Outraged by the sight, we refrained from venturing inside. A priest in a cassock noticed us, came over, and invited us to come further inside. Since we hesitated, he asked us about our denomination. “We’re not Catholic,” I said. He urged us earnestly to enter his church and, raising his index finger, invited us: “Come here,” he said with conviction, “listen to me.” For example, if you want to go to Chicago, how do you do it? To get there, you can go on foot, by car, by ship, or by train. Logically, you’ll choose the fastest and most comfortable means of transportation. In this case, that’s the train. Of course, if you want to enter the Garden of God, you’ll likewise choose the religion that will lead you there the fastest and most safely. That is the Catholic religion, which is the express train to Paradise. The person sharing this story adds only that she was so perplexed that it didn’t even occur to her to tell him that he had forgotten to include the airplane in his vivid comparison—which he could have cited as an even faster way to reach Paradise.

[ 13 ] Sie sehen, hier wählt jemand, der darauf aus ist, den Vorurteilen der Menschen entgegenzukommen, anschauliche Vorstellungen. Es ist eine anschauliche Vorstellung für die katholische Religion, daß sie «der Exprefßzug nach dem Himmel» ist. Das ist überhaupt der Zug der Zeit, anschauliche Vorstellungen, das heißt, solche Vorstellungen zu suchen, welche an die Leute keine Anforderungen des Denkens stellen. Das ist es aber, wo wir schon sehen müssen den Ernst des heutigen Lebens, der darin besteht, daß wir heraus müssen aus jener Anschaulichkeit, die zur Banalität und Trivialität wird und dadurch gerade den Menschen in den Materialismus für diejenigen Dinge herunterzieht, die eben gerade geistig erfaßt werden müßten. Man muß auch in solchen Symptomen durchaus dasjenige suchen, was für unsere Zeit das Allernotwendigste ist. Und immer wieder muß gesagt werden: Es darf nicht vorbeigegangen werden an solchen Symptomen, wir dürfen nicht mit verbundenen Augen heute durch unsere Welt gehen, die ein Organismus ist, der eben aus seinen Symptomen erkannt sein will, weil in diesen Symptomen dasjenige ruht, was durchschaut werden muß, wenn wir aus unserem allgemeinen Niedergange zu einem Aufstieg kommen wollen.

[ 13 ] As you can see, someone who is eager to address people’s prejudices chooses vivid imagery here. It is a vivid image for the Catholic religion that it is “the express train to heaven.” This is, in fact, the trend of the times: vivid imagery—that is, seeking out images that place no demands on people’s thinking. But this is precisely where we must already recognize the gravity of life today, which consists in the fact that we must break free from that vividness that turns into banality and triviality and thereby drags people down into materialism regarding precisely those things that ought to be grasped spiritually. We must also seek within such symptoms what is most essential for our time. And it must be said again and again: We must not overlook such symptoms; we must not walk through our world today with blindfolds on, for it is an organism that demands to be understood through its very symptoms, because within these symptoms lies what must be discerned if we are to rise from our general decline to a state of ascent.

[ 14 ] Es ist aber notwendig, in diesem Punkte manche Dinge im rechten Lichte zu sehen. Dasjenige, was nun wirklich hervorgeholt ist aus geisteswissenschaftlichen Unterlagen in den «Kernpunkten der sozialen Frage», es ist wahrhaftig nicht entstanden aus irgendeiner Theorie heraus, sondern aus dem ganzen breiten Leben heraus, nur daß dieses Leben eben geistig angeschaut ist. Und es kann die Menschheit heute nicht vorwärtskommen, wenn man sich nicht auf ein solches Anschauen des Lebens einstellt.

[ 14 ] However, it is necessary to view certain things in the proper light on this point. What has actually been drawn from spiritual scientific sources in *The Key Points of the Social Question* did not arise from any theory, but from life in all its breadth—only that this life is viewed from a spiritual perspective. And humanity cannot move forward today unless it adjusts to such a way of viewing life.

[ 15 ] Ich möchte zwei Dinge des Lebens zusammenstellen, die mir in diesen Tagen wiederum gezeigt haben, wie nötig es ist, die Menschheit heute hinzuführen zu dieser lebensvollen Erfassung der Wirklichkeit, aber zu gleicher Zeit einer geistigen Erfassung der Wirklichkeit. Denn sehen Sie, da las ich gestern einen Artikel von einem Journalisten, der, wie mir mitgeteilt wird, René Marchand heißt und lange Zeit Journalist des «Figaro», des «Petit Parisien» war und so weiter, der dann mitgemacht hat den Krieg an der russischen Front, der ein gründlicher Gegner der Bolschewiki war, der dann mit dem General der Gegenrevolution zu tun hatte, ihr Anhänger war und der dann in einem Momente sich bekehrt hat zum Rätegedanken, zum Bolschewismus. Aus einem Gegner des Bolschewismus — steht hier — ist er zu einem Verfechter, zu einem rückhaltlosen Anerkenner ihrer Führer sowohl wie des Rätegedankens geworden. Es ist interessant, wie hier ein Mensch, der doch zu den Intellektuellen gehört, denn er ist Journalist, der immerhin mit einer tieferen Auffassung des Lebens, mit einer tieferen Empfindung für das Leben lebt, der in dem lebt, was alttraditionell ist in dem, worinnen die schlafenden Seelen heute zumeist leben, wie ein solcher Mensch dann plötzlich darauf kommt: Das führt ja ganz gewiß zum Untergange! — Und da erscheint ihm als der einzige Zielpunkt nichts anderes als der Bolschewismus. Das heißt, der Mensch sieht nun, daß alles, was nicht Bolschewismus ist, zum Untergange führt. Ich habe Ihnen ja gezeigt, wie Spengler das beschrieben hat. Marchand sieht nur den Bolschewismus, und von dem Bolschewismus glaubte er zunächst, daß er nur eine russische Angelegenheit sei. Aber dann fand er eben etwas ganz anderes, dann fand er, daß der Bolschewismus eine internationale Angelegenheit ist, die in der ganzen Welt sich ausbreiten muß, und: Es wurde mit jetzt klar, daß der Friede erst dann wiederhergestellt werden kann und die Prinzipien, die bis zu diesem Tag von den bürgerlichen Regierungen nur verkündet wurden, um die Massen zu täuschen, erst dann zur Wirklichkeit werden, wenn dieser neue Imperialismus — von der Entente — seinerseits zusammengebrochen ist, und wenn die Völker aller Länder die Leitung ihrer Schicksale frei in die eigenen Hände nehmen werden und so weiter. — Und dann erzählt er, wie er nun zu der Ansicht gekommen ist, daß nur dann, wenn die Welt durch und durch bolschewisiert wird, daß nur dann herrschen wird Gerechtigkeit, Eintracht, Friede, Recht, daß nur dadurch der Wiederaufbau kommen könne. Dieser Mann ist sich klar geworden, alles übrige führe zum Untergange. Und er sagt im Grunde genommen ganz zutreffend: Wenn das, was außer dem Bolschewismus da ist, weiter gepflegt werden soll, so muß es die Diktatur werden des alten Kapitalismus, des Bürgertums oder dessen, was dazugehört. Es muß die Diktatur werden der Lloyd George, Clemenceau, Scheidemann und so weiter. Will man das nicht, will man nicht in den Untergang hineinkommen, so gibt es nichts anderes als die Diktatur, die Diktatur des Bolschewismus. Und darin sieht er dann das einzige Heil.

[ 15 ] I would like to bring together two aspects of life that have once again shown me in recent days just how necessary it is to guide humanity today toward this vibrant grasp of reality—but at the same time, toward a spiritual grasp of reality. For you see, yesterday I read an article by a journalist who, as I’ve been told, is named René Marchand and was for a long time a journalist for *Le Figaro*, *Le Petit Parisien*, and so on, who then fought in the war on the Russian front, who was a staunch opponent of the Bolsheviks, who then became involved with the general of the counterrevolution and was a supporter of his, and who then, in a single moment, converted to the idea of the councils, to Bolshevism. From an opponent of Bolshevism—it says here—he has become a champion, an unreserved supporter of both their leaders and the idea of the councils. It is interesting how a person like this—who, after all, belongs to the intellectuals, since he is a journalist; who lives with a deeper understanding of life, with a deeper feeling for life; who lives within what is old and traditional, within what the slumbering souls of today mostly inhabit—how such a person suddenly comes to the realization: This certainly leads to ruin! — And so the only destination that appears to him is nothing other than Bolshevism. That is to say, he now sees that everything that is not Bolshevism leads to ruin. I have already shown you how Spengler described this. Marchand sees only Bolshevism, and at first he believed that Bolshevism was merely a Russian affair. But then he discovered something entirely different; he realized that Bolshevism is an international affair that must spread throughout the entire world, and: It has now become clear to me that peace can only be restored—and that the principles which, up to this day, have been merely proclaimed by bourgeois governments to deceive the masses—can only become a reality once this new imperialism—that of the Entente—has itself collapsed, and once the peoples of all countries freely take control of their own destinies into their own hands, and so on. — And then he explains how he has now come to the conclusion that only when the world is thoroughly Bolshevized will justice, harmony, peace, and the rule of law prevail, and that only through this can reconstruction take place. This man has come to realize that everything else leads to ruin. And he says, quite accurately in essence: If what exists apart from Bolshevism is to be maintained, it must be the dictatorship of old capitalism, of the bourgeoisie, or of whatever belongs to it. It must be the dictatorship of Lloyd George, Clemenceau, Scheidemann, and so on. If one does not want that—if one does not want to head toward ruin—then there is no alternative but the dictatorship, the dictatorship of Bolshevism. And in that, he sees the only salvation.

[ 16 ] Sie sehen, dieser Mann ist in einer gewissen Weise ehrlich, viel ehrlicher als alle die andern, die den Bolschewismus herankommen sehen und glauben, daß man das alte Regime ihm gegenüberstellen könnte. Er sieht wenigstens von all diesem Alten ein, daß es reif ist zum Uhntergange. Aber eine Frage muß sich einem aufdrängen gerade dann, wenn man auf geisteswissenschaftlichem Boden steht, wenn man so etwas erlebt; denn solch ein Mensch, wie dieser Ren& Marchand, ist eine Ausnahme. Es muß sich einem die Frage aufdrängen: Woher hat denn der Mann seine Kenntnis von dem allem? — Er hat seine Kenntnis daher, woher sie die meisten Menschen der Gegenwart haben, er hat sie aus den Zeitungen, aus den Büchern. Er kennt nicht das Leben. Denn die Menschen, die heute leben, kennen zum großen Teile das Leben überhaupt nur aus den Zeitungen, aus den Büchern. Gerade die führenden Schichten kennen das Leben ja nur aus den Zeitungen. Was haben wir alles erlebt in dieser Beziehung aus den Zeitungen, aus den Büchern! Wir haben es erlebt, daß die Leute sich ihre Weltanschauung gebildet haben vor Jahrzehnten noch aus französischen Komödien, daß sie die Literatur, die in einer Komödie vorkommt, besser kannten als das, was im Leben vorkommt, daß sie an den Wirklichkeiten des Lebens vorübergingen und sich eigentlich nur unterrichteten durch das, was sie von der Bühne herunter gesehen haben. Wir haben es später erlebt, daß die Menschen ihre Weltanschauung gebildet haben aus I/bsen oder aus Dostojewskij oder aus Tolstoj, daß sie nicht das Leben kannten, auch nicht die Bücher nach dem Leben beurteilen konnten, sondern im Grunde genommen nur das abgeleitete, auf dem Papier stehende Leben in sich aufnahmen. Und da entwickeln sie nun ihre Devisen, da gründen sie ihre Vereine für allerlei Reformen, ohne daß sie das wirkliche Leben kennen, das sie nur aus Ibsen oder aus Dostojewskij kennen, oder es so kennen, wie es einem oftmals zum Ekel werden mußte in der Zeit, als in allen Großstädten Europas zum Beispiel Hauptmanns «Weber» aufgeführt wurden. Die Lebensart der Weber, die erschien auf dem Theater. Diejenigen Menschen, die keine Ahnung hatten von dem, was im Leben vorgeht, dessen Karikatur ihnen hier auf der Bühne erschien, die betrachteten nun, weil es ja die «soziale Zeit» war, das Weberelend von den Brettern herunter und redeten auch über alle möglichen sozialen Fragen, indem sie nur in dieser Weise die Sachen kannten. Es sind im Grunde genommen alles Leute, die das Leben nicht kennen, die es nur in seiner Ableitung aus den Zeitungen, aus den Büchern kennen, aus dem, was eben heute Bücher sind. Ich rede nicht gegen die Bücher, man muß sie kennen; aber man muß die Bücher so lesen, daß man durch die Bücher hindurch auf das Leben schaut und schauen kann. Das aber ist es, daß wir heute in einem Zeitalter der Abstraktionen leben, der abstrakten Parteiforderungen, der abstrakten Vereinsforderungen und so weiter. Und so ist es mir interessant, daß auf einer Seite an einen herandringt ein so lebenswahrer Mann wie dieser Rene Marchand, der aber zu gleicher Zeit für viele ein Orakel ist, denn er ist ein Journalist, der also gar nicht in die Lage kommt, sich nun zu fragen: Ja, kommt man von diesem Bolschewismus aus zu einer möglichen Lebensgestaltung? — Denn er kennt ja gar nicht das Leben, er vertauscht nur das, was er kennengelernt hat und was er reif findet zum Untergang, mit einer neuen abstrakten Formel, mit neuen Theorien. Und da mußte ich denn mit diesen Auslassungen eines Intellektuellen einen Brief vergleichen, den ich heute morgen bekam, wo mir jemand schreibt, der im Leben drinnen gestanden hat, der im Leben gerade dasjenige erfahren hat, was man heute zur Beurteilung der sozialen Lage erfahren kann, wie ihm das Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» eine Art Erlösung geworden sei, ein Praktiker, der in der Weberei gearbeitet hat und durch und durch die Praxis kennt. Erst dann wird man überhaupt eine Ahnung haben von dem, was gemeint ist mit den «Kernpunkten der sozialen Frage» als einem Realitätsbuche, das aber aus der geistigen Welt hervorgeholt worden ist, wie alles, was heute dem Leben dienen soll, aus der geistigen Welt hervorgeholt worden sein muß, erst dann wird man wissen, was damit gemeint ist, wenn man es von dem Gesichtspunkte der Lebenspraxis aus beurteilt, wenn man weiß, daß es überall, in jeder Zeile, in jedem Wort nicht Theorie ist, sondern aus der Lebenspraxis herausgeholt ist, wenn man verstehen wird, daß es ein Buch ist für diejenigen, die tatkräftig ins Leben eingreifen wollen, nicht für solche, die über das Leben spintisieren und sozialistisch schwätzen wollen.

[ 16 ] You see, this man is, in a certain sense, honest—much more honest than all the others who see Bolshevism approaching and believe that the old regime could stand up to it. At least he recognizes that all of this old order is ripe for destruction. But a question must inevitably arise, especially when one stands on the ground of the humanities, when one experiences something like this; for a person like this Ren& Marchand is an exception. The question must inevitably arise: Where does this man get his knowledge of all this? — He derives his knowledge from the same sources as most people today; he gets it from newspapers and books. He does not know life. For the people living today know life, for the most part, only from newspapers and books. The ruling classes, in particular, know life only from newspapers. How much have we experienced in this regard through newspapers and books! We have seen that, as recently as decades ago, people formed their worldviews based on French comedies; that they were more familiar with the literature featured in a comedy than with what actually happens in life; that they overlooked the realities of life and, in fact, learned only from what they saw on stage. We later witnessed how people formed their worldviews based on Ibsen, Dostoevsky, or Tolstoy—how they did not know life, nor could they judge books by life itself, but essentially absorbed only the derived life as it appeared on paper. And so they develop their mottos, they found their associations for all manner of reforms, without knowing real life—which they know only from Ibsen or Dostoevsky, or know it in a way that must often have been repulsive during the time when, for example, Hauptmann’s *The Weavers* was being performed in all the major cities of Europe. The weavers’ way of life was presented on stage. Those people who had no idea what goes on in life—whose caricature appeared before them here on stage—now, because it was, after all, the “social era,” observed the weavers’ misery from the stage and also discussed all sorts of social issues, since this was the only way they knew about such matters. Basically, these are all people who do not know life, who know it only as it is derived from newspapers, from books—from what books are today. I’m not speaking against books—one must be familiar with them—but one must read them in such a way that one looks through them at life and is able to see it. The point, however, is that we live today in an age of abstractions: abstract party demands, abstract organizational demands, and so on. And so I find it interesting that, on the one hand, we are confronted by a man as true to life as this René Marchand, who is at the same time an oracle to many, for he is a journalist who is thus never in a position to ask himself: “Yes, can one arrive at a viable way of life starting from this Bolshevism?” — For he doesn’t really know life at all; he merely replaces what he has come to know—and what he deems ripe for collapse—with a new abstract formula, with new theories. And so I had to compare these ramblings of an intellectual with a letter I received this morning, in which someone writes to me—someone who has been immersed in real life, who has experienced precisely what one can experience today to assess the social situation, and for whom the book *The Key Points of the Social Question* had become a kind of salvation—a practitioner who worked in a weaving mill and knows the practical side of things through and through. Only then will one have even the slightest inkling of what is meant by *The Core Points of the Social Question* as a book grounded in reality—yet one that has been drawn from the spiritual world, just as everything intended to serve life today must be drawn from the spiritual world; only then will one know what is meant by it when judging it from the perspective of practical life, when one knows that everywhere—in every line, in every word—it is not theory but is drawn from practical life; when one understands that it is a book for those who want to actively engage with life, not for those who want to speculate about life and spout socialist rhetoric.

[ 17 ] Diese Dinge, die sind es, die einem heute solchen Schmerz machen, daß diejenigen, die keine Ahnung von der Wirklichkeit haben, ein Wirklichkeitsbuch ein utopisches nennen, daß diejenigen dann, die keine Ahnung von der Lebenswirklichkeit haben und selber die Literatitis haben, auch ein solches Buch, das herausgeholt ist aus dem Leben, als ein Literatenbuch etwa auffassen. Und heute kommt es auf das Wie an, nicht auf das Was. Es kommt darauf an, daß wir uns Gedankenformen aneignen, die geeignet sind, Instrumente zu sein für die Erfassung des geistigen Lebens, denn in der Wirklichkeit ist überall geistiges Leben. Es gibt in unserer Umgebung da oder von jenseits der Sinneswelt geistige Realitäten, und aus diesen geistigen Realitäten muß der soziale Neuaufbau gemacht werden, nicht aus jenem Geschwätz, das im Leninismus und Trotzkiismus auftritt und das nichts anderes ist als die ausgepreßte Zitrone uralter spießbürgerlicher westlicher Anschauungen, die keine Macht haben überhaupt, irgendeine soziale Idee aus sich hervorzubringen. Man muß fragen, wo die Menschen sind, die heute mit der genügenden Intensität das Leben in dieser Weise durchschauen wollen. Man wird es nicht durchschauen, wenn man es nicht vom Geiste aus durchschaut. Man wird das Leben zwischen Geburt und Tod nicht verstehen, wenn man sich nicht bequemen will, das Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt zu verstehen. Denn man wird entweder krasser Materialist, wenn man nicht zum geistigen Leben gehen will, oder man wird ein Intellektualist, der in solchen Theorien lebt, die ihn nur fähig machen, das Leben zu begreifen, nachdem er es von Ibsen hat dramatisch darstellen gehört, oder von Dostojewskij oder von so jemandem. Aber darauf kommt es an, daß wir alles, was uns literarisch entgegentritt, zu verstehen wissen als eine Art von Fensterscheibe, durch die wir auf das Leben blicken. Das werden wir nur, wenn wir hinter der Sinneswelt die Geisteswelt, die Welt der geistigen Entitäten erblicken, und wenn wir endlich Abschied geben jenen Phantastereien von Atomen und Molekülen, aus denen uns die heutige Physik eine Welt aufbauen will, und aus denen folgen würde, daß die ganze Gegenwartswelt im Grunde genommen wahrhaft real nur aus Atomen und Molekülen besteht, und damit herausgeworfen wird alles Geistige und damit auch alles sittliche und religiöse Ideal. Davon will ich dann morgen weitersprechen.

[ 17 ] These are the very things that cause such pain today: that those who have no idea of reality call a book about reality “utopian,” and that those who have no idea of the reality of life—and who themselves suffer from “literaryitis”—also perceive such a book, drawn from life itself, as merely a “literary” book. And today, it is the “how” that matters, not the “what.” What matters is that we acquire forms of thought that are suitable as instruments for grasping spiritual life, for in reality, spiritual life is everywhere. There are spiritual realities in our surroundings—whether within or beyond the sensory world—and it is from these spiritual realities that social reconstruction must be built, not from the drivel found in Leninism and Trotskyism, which is nothing more than the squeezed-dry remnants of age-old, petty-bourgeois Western views that lack any power whatsoever to generate any social idea of their own. One must ask where the people are today who wish to perceive life in this way with sufficient intensity. One will not perceive it unless one perceives it from the perspective of the spirit. One will not understand life between birth and death unless one is willing to understand life between death and a new birth. For one either becomes a crass materialist if one refuses to turn to spiritual life, or one becomes an intellectual who lives in theories that enable him to grasp life only after hearing it dramatized by Ibsen, or by Dostoevsky, or by someone like that. But what matters is that we know how to understand everything we encounter in literature as a kind of windowpane through which we gaze upon life. We will only do so if we perceive, behind the sensory world, the spiritual world—the world of spiritual entities— and when we finally bid farewell to those fantasies about atoms and molecules, from which modern physics seeks to construct a world for us—and from which it would follow that the entire present world, in essence, consists truly and really only of atoms and molecules—thereby casting out everything spiritual and, with it, every moral and religious ideal. I will speak further on this tomorrow.