Spiritual Scientific Insight into the
Fundamental Impulses of Social Organization
GA 199
15 August 1920, Dornach
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Spiritual Scientific Insight into the Fundamental Impulses of Social Organization, tr. SOL
Fünfter Vortrag
Fifth Lecture
[ 1 ] Ich möchte heute einiges für manchen hier schon wiederholentlich Vorgebrachtes vor Ihnen entwickeln, was zu gleicher Zeit in gewisser Beziehung als eine Vorbereitung dienen kann für das, was morgen hier über die Bildung des sozialen Urteils vorzubringen sein wird. Ich möchte zunächst darauf aufmerksam machen, wie wir innerhalb der Bildungsgewohnheiten der Gegenwart davon ausgehen, über Weltanschauungsfragen so zu diskutieren, so uns Ansichten zu bilden, daß es uns dabei darauf ankommt, im logischen Sinne zu entscheiden: Was ist wahr, was ist falsch? Gerade das aber ist etwas, was sich wandeln muß in der Gegenwart. Johann Gottlieb Fichte sagte ja die schönen Worte: Man hat eine solche Philosophie, wie man ein Mensch ist.— Nun, man bildet sich nach seiner Veranlagung eine mehr materialistische oder spiritualistische Weltanschauung, eine realistische, eine idealistische oder eine liberale oder eine konservative oder eine sozialistische, eine politische Weltanschauung, oder auch man bildet sich eine philiströse oder eine fortschrittliche Ansicht in der Frauenfrage. Ich könnte noch lange diese Dinge hier aufzählen. Man bildet sich Ansichten, und man vertritt dann diese Ansichten, indem man sich vorstellt, man selbst habe das Richtige, der andere, der das Entgegengesetzte vertritt, habe das Falsche. Richtig und falsch ist etwas, was uns heute bei der Bildung eines Urteils ganz besonders interessiert.
[ 1 ] Today I would like to elaborate on some points that have already been raised here repeatedly, which at the same time can serve, in a certain sense, as a preparation for what will be discussed here tomorrow regarding the formation of social judgment. I would first like to draw your attention to how, within the educational practices of the present day, we assume that we should discuss questions of worldview and form our views in such a way that our primary concern is to decide, in a logical sense: What is true, and what is false? Yet this is precisely what must change in the present. Johann Gottlieb Fichte, after all, spoke these beautiful words: “One’s philosophy is a reflection of the kind of person one is.”—Well, depending on one’s disposition, one forms a more materialistic or spiritualistic worldview, a realistic, idealistic, liberal, conservative, or socialist worldview—or even a philistine or progressive view on the issue of women’s rights. I could go on listing these things for a long time. One forms views, and one then defends these views by imagining that one’s own position is correct, while the other, who holds the opposite view, is wrong. Right and wrong are concepts that are of particular interest to us today when forming a judgment.
[ 2 ] Allerdings, man sieht schon — wie wir gleich nachher deutlich ausführen werden —, daß ein Übergang von diesem «Wahr und Falsch» zu etwas ganz anderem seinen Anfang nimmt. Aber vorerst wollen wir uns klarmachen, daß dieses «Wahr und Falsch» nicht immer so war wie heute. Noch in den älteren Zeiten des Christentums oder gar in den Zeiten des Ägyptertums, des Chaldäertums, gar nicht zu reden von den Zeiten, die vorangegangen sind diesen Kulturepochen, galt etwas ganz anderes, wenn man sich ein Urteil bilden wollte. Man bildete sich ein Urteil nicht so, daß man zunächst auf seine Logizität sah, sondern man hatte das Gefühl: Wenn jemand in einer bestimmten Weise urteilt, so urteilt er gesund; wenn er in einer andern Weise urteilt, so urteilt er krank. — Geradeso wie man sagt, wenn man jemanden pausbackig, gerötet, ein bißchen belebt sieht, er sei gesund, und wie man sagt, wenn man jemanden ganz dürr findet, käsig, weiß, mit schwarzen Rändern an den Augen, er sei kränklich, so sagte man, wenn jemand so oder so urteilte, er urteile gesund oder krank. Man sah also in der Art und Weise, wie jemand urteilte, geradeso einen Ausfluß der ganzen Menschheitsorganisation wie im pausbackigen oder im hageren oder im käsigen Aussehen. Man beurteilte den Menschen mehr mit Bezug auf das, was er an sich ist, weniger mit Bezug auf das, was er gegenüber einer Umgebung ist, über die er sich Vorstellungen von richtig oder falsch macht.
[ 2 ] However, it is already apparent—as we will explain in detail shortly—that a transition from this “true and false” to something entirely different is beginning. But first, let us make it clear that this “true and false” was not always as it is today. Even in the earlier times of Christianity, or even in the times of Egyptian and Chaldean civilizations—not to mention the times that preceded these cultural epochs—something entirely different applied when one sought to form a judgment. One did not form a judgment by first looking at its logical consistency, but rather had the feeling: If someone judges in a certain way, they judge soundly; if they judge in another way, they judge unsoundly. — Just as one says, when seeing someone with chubby cheeks, a rosy complexion, and a bit of vitality, that they are healthy, and just as one says, when finding someone quite gaunt, sallow, pale, with dark circles under their eyes, that they are sickly—so too did people say that if someone judged in one way or another, they were judging in a healthy or sickly manner. Thus, the way someone judged was seen as a reflection of their entire human constitution, just as much as a chubby, gaunt, or sallow appearance. People were judged more in terms of what they are in themselves, and less in terms of how they relate to an environment about which they form ideas of right or wrong.
[ 3 ] Ich habe hier bereits früher hervorgehoben, für eine Anzahl von Ihnen, die damals dagewesen sind, daß wir in einer gewissen Weise auf diese Anschauungsart wiederum zurückkommen müssen. In einer gewissen Art ist ja der Entwickelungsgang der Menschheit so, daß bestimmte instinktive, atavistische Wahrheiten aus den alten Mysterien stammten, die dann verintellektualisiert, verabstrahiert worden sind. Und in diesem Intellektualismus, in dieser Abstraktion leben wir noch heute. Aber die neuere Initiationswissenschaft, die sich geltend machen muß, muß aus dem vollen Bewußtsein in gewisser Weise wieder auf frühere Empfindungen zurückkommen. Und so wird man sich in der Zukunft nicht darüber streiten — obzwar in einer für die allgemeine Menschheit mehr oder weniger fernen Zukunft —, ob ein Urteil richtig oder falsch ist, wenn man sich ernstlich bemüht, an dem Aufgang der menschlichen Zivilisation mitzuarbeiten. Man wird jemanden, der zum Beispiel Atome und Moleküle in der äußeren Welt sucht, statt geistige Wesenheiten hinter dem Schleier des Sinnlichen zu sehen, als krankhaft urteilend bezeichnen; man wird finden, daß er an einer gewissen Art von Krankheit der Seele leidet, die man als Schwachsinn bezeichnen kann. Schwachsinnig wird man die Anschauung finden, daß die äußere Welt nicht in Goetheschem Sinne «Phänomen» ist, sondern daß dahinter so etwas wie reale Atome oder Moleküle verborgen seien. Schwachsinnig, nicht falsch, wird man das nennen, weil man finden wird, daß das aus einer unzulänglichen Organisation des ganzen Menschen hervorgeht. Und wenn jemand das, was aus seiner Organisation, aus dem Kochen und Brodeln von Leber, Magen und so weiter aufsteigt, was da aus dem Blute kommt, wenn jemand das wie eine erhabene Mystik beschreibt — es kann richtig so beschrieben werden, aber es handelt sich darum, wie man sich dazu stellt —, wenn jemand so sich dazu stellt, daß er darin etwas anderes sieht als die Flamme, welche aufbrennt aus der Organisation, dann wird man nicht sagen, das sei falsch, sondern man wird sagen, das sei kindsköpfig. «Kindsköpfig», habe ich Ihnen gesagt, ist ein Wort, welches von jenseits der Schwelle etwas anderes bedeutet als von diesseits der Schwelle. Von diesseits wird die Sache so aussehen, daß man sagt: Der Mensch muß reif werden im Verlaufe seines Lebens zwischen Geburt und Tod; er muß gesetzt, nüchtern werden, er kann nicht spielerisch in seinem Urteil bleiben wie das Kind. — Wenn man aber von jenseits der Schwelle, von der übersinnlichen Welt aus auf die sinnliche Welt blickt und sieht das aufwachsende Kind, dann sieht man, wie der Mensch heruntergestiegen ist aus der geistigen Welt, sich des physischen Leibes bemächtigt hat, wie dann das, was da heruntergestiegen ist, plastizierend an dem Fleischlich-Leiblichen der physischen Welt arbeitet. Und man sieht dann in ganz anderer Weise, wie das Geistig-Seelische viel vollkommener ist als das, was wir im Leben zwischen Geburt und Tod als unseren Verstand, als unsere Geistigkeit ausbilden können.
[ 3 ] I have already emphasized here before—for some of you who were present at that time—that, in a certain sense, we must return to this way of looking at things. In a certain sense, the course of human development is such that certain instinctive, atavistic truths originated in the ancient mysteries, which were then intellectualized and abstracted. And we still live today within this intellectualism, within this abstraction. But the newer science of initiation, which must assert itself, must, in a certain sense, return from full consciousness to earlier perceptions. And so in the future—albeit in a future that is more or less distant for humanity at large—there will be no dispute over whether a judgment is right or wrong when one earnestly strives to contribute to the rise of human civilization. One will regard someone who, for example, seeks atoms and molecules in the external world instead of seeing spiritual beings behind the veil of the sensory as having a pathological mindset; one will find that he suffers from a certain kind of illness of the soul that can be described as mental deficiency. One will regard as feeble-minded the view that the external world is not a “phenomenon” in Goethe’s sense, but that something like real atoms or molecules is hidden behind it. One will call this feeble-minded, not wrong, because one will find that it arises from an inadequate organization of the whole human being. And if someone describes what rises from their constitution—from the boiling and bubbling of the liver, stomach, and so on—what comes from the blood—if someone describes this as a sublime mysticism—it can indeed be described that way, but the point is how one relates to it—if someone relates to it in such a way that they see in it something other than the flame that burns up from the organism, then one will not say that this is wrong, but rather that it is childish. “Childish,” as I have told you, is a word that means something different on the other side of the threshold than it does on this side. From this side, the matter will appear as follows: one says that a human being must mature in the course of their life between birth and death; they must become settled and level-headed; they cannot remain playful in their judgment like a child. — But when one looks at the sensory world from beyond the threshold, from the supersensible world, and sees the growing child, then one sees how the human being has descended from the spiritual world, has taken possession of the physical body, and how what has descended there works in a formative way upon the physical-material aspects of the physical world. And one then sees in a completely different way how the spiritual-soul aspect is far more perfect than what we are able to develop in life between birth and death as our intellect, as our spirituality.
[ 4 ] Ich habe früher angedeutet, daß diejenige Weisheit, welche aus der geistigen Welt heraus an der plastischen Gestaltung des menschlichen Gehirnes und der übrigen Menschheitsorganisation arbeitet, von dem Menschen innerlich errungen werden kann zwischen Geburt und Tod. Und Philosophen, wie zum Beispiel Max Dessoir, haben sich an solchen Dingen gestoßen, weil sie, wenn sie von der Seele reden, eben keine Ahnung haben von dem, was eigentlich das Geistig-Seelische ist. Kindsköpfig — von jenseits der Schwelle gesprochen — bedeutet eben, daß das Geistig-Seelische des Kindskopfes arbeitet an dem physischen Kopf. Und was wir hier von diesseits der Schwelle die Genialität eines Menschen nennen, ist nichts anderes als das Erhalten eines Quantums von dieser Kindsköpfigkeit durch das ganze Leben hindurch. Nur wenn man sich zuviel von dieser Kindsköpfigkeit erhält und nicht einsehen kann, wie das als das innere Fünklein, als der innere Gott und so weiter herausbrandet aus dem brodelnden Organismus, dann hat man nicht Genialität; dann hat man eben zuviel Kindsköpfiges. Das ist etwas, was eben objektiv in dieser Weise eingesehen werden muß. Wir müssen uns nur klar sein, daß die Dinge von jenseits der Schwelle anders zu benennen sind als von diesseits, daß die Worte eine andereBedeutung erhalten. Sprechen wir von diesseits der Schwelle von Kindsköpfigkeit, so meinen wir eigentlich etwas Schimpfliches; wenn wir von jenseits der Schwelle sprechen, so meinen wir das, was im richtigen Sinne als Genialität und im krankhaften Sinne als falsche Mystik im Menschen bleibt. Also solche falsche Mystik wird man krankhaft, wird man auch kindsköpfig nennen. Man wird übergehen zu solchen Bezeichnungen, die von dem bloß Abstrakt-Logischen wiederum zu dem Realen gehen. Wenn man von Richtig und Falsch spricht, dann meint man etwas, was im Menschen eben nur als Gedanke lebt, eine bloße Nichtübereinstimmung des Inneren mit dem Äußeren. Wenn man aber von krankhaftem Urteil spricht, dann meint man, daß im Menschen etwas nicht in Ordnung ist; das ist zum Beispiel der Fall, sagen wir, wenn er die phänomenale Welt für eine wirkliche materielle Welt hält, oder wenn er die Mystik für eine unmittelbare göttliche Kundgebung in seinem Inneren hält, nicht für ein Aufflackern der organischen Prozesse, Also man wird die Erkenntnis als Tat aufzufassen haben. Das ist das Wesentliche, dem wir durch die Geisteswissenschaft zusteuern müssen: wiederum Tatsächliches, Reales zu meinen, nicht bloß Logisches, wenn wir von dem sprechen, was vom Menschen kommt.
[ 4 ] I have previously suggested that the wisdom which, from the spiritual world, works on the formative shaping of the human brain and the rest of the human organism can be attained inwardly by the human being between birth and death. And philosophers, such as Max Dessoir, have stumbled over such matters because, when they speak of the soul, they simply have no idea what the spiritual-soul aspect actually is. “Childlike”—speaking from beyond the threshold—simply means that the spiritual-soul aspect of the childlike mind is at work on the physical head. And what we here on this side of the threshold call a person’s genius is nothing other than the preservation of a measure of this childlike quality throughout one’s entire life. Only when one retains too much of this childlike quality and cannot perceive how it bursts forth—as the inner spark, as the inner God, and so on—from the seething organism, then one lacks genius; then one simply has too much childishness. This is something that must be objectively understood in this way. We must simply be clear that things beyond the threshold must be named differently than on this side, that the words take on a different meaning. When we speak of childishness on this side of the threshold, we actually mean something derogatory; when we speak of it on the other side of the threshold, we mean that which remains in human beings—in the true sense as genius and, in a pathological sense, as false mysticism. Thus, such false mysticism will be called pathological, and it will also be called childish. We will move on to terms that go from the merely abstract-logical back to the real. When we speak of right and wrong, we mean something that lives in a person only as a thought—a mere lack of correspondence between the inner and the outer. But when one speaks of pathological judgment, one means that something is not right within a person; this is the case, for example, when a person regards the phenomenal world as a real material world, or when they regard mysticism as a direct divine manifestation within themselves, rather than as a flare-up of organic processes. Thus, one must understand knowledge as an act. This is the essential point toward which we must strive through spiritual science: to mean, once again, the factual and the real—not merely the logical—when we speak of what comes from the human being.
[ 5 ] Wie gesagt, noch in den älteren Zeiten des Griechentums würde man ein solches Sprechen von Richtig und Falsch, wie wir es heute im Sinne der Logik meinen, nicht verstanden haben. Da hat man noch gesprochen von gesundem und ungesundem Urteil. Dann haben sich die Nachfolger des Platonismus allmählich zu der Logizität herausgearbeitet, die dann in der römischen Kultur am höchsten gekommen und dann in die späteren Zeiten übergegangen ist. Und eine besondere Ausprägung hat dieses Wahr und Falsch unter bestimmten Voraussetzungen in der Scholastik erhalten, die wie der Nachklang — nur auf einem andern Gebiete — der römischen Art des Urteilens war. In unserer Zeit ist man noch weit entfernt davon, sich wiederum in spiritueller Weise ein Verständnis von gesundem und krankhaftem Urteil zu erarbeiten, sondern man arbeitet sich in unserer Zeit zu etwas anderem hin. Man hat sich durchgearbeitet zu etwas, was nun ganz und gar vom Menschen losgelöst ist in bezug auf das Urteil. Wenn ich sage: Der Mensch urteilt gesund oder krank —, so weise ich auf seine Organisation hin; wenn ich sage: Der Mensch urteilt wahr oder falsch —, so sage ich wenigstens etwas über seinen Seelen- und Gemütszustand aus. Ich drücke damit aus, daß er ein Dummkopf oder ein gescheiter Mensch ist, das sind immerhin noch Eigenschaften von ihm. Davon aber ist man in der letzten Zeit abgekommen. Es hat sich eine besondere Weltanschauung schon einzelner Menschen bemächtigt. Und unter denen, die sich nicht in geisteswissenschaftliche Anschauungen finden werden, wird diese Weltanschauung populär werden, wird sich immer mehr und mehr verbreiten. Es ist das, was von Amerika ausgeht, aber sich auch schon im Abendlande geltend macht, zunächst allerdings unter den Philosophen, die immer mit solchen Sachen anfangen. Es ist der sogenannte Pragmatismus. Der redet auch schon nicht mehr von Wahr und Falsch im Sinne der alten Logik, der redet davon, daß Wahr dasjenige ist, was den Menschen befähigt, sich ins Leben zu schicken. Wenn jemand etwas behauptet, wobei er sich nicht ins Leben schickt, so behauptet er etwas Schädliches. Wenn jemand aber etwas behauptet, wodurch er sich gut durchfrißt durchs Leben, dann behauptet er etwas Nützliches. Wahr und Falsch, das betrachtet man in diesen Kreisen, die vom Pragmatismus ausgehen, schon mehr oder weniger als Wischiwaschi, etwas, dem sich die Menschen hingeben als eine Illusion. Dem gibt sich heute schon eine Philosophenschule hin, die, wie gesagt, in Amerika noch eine größere Ausbreitung hat als in Europa, aber immerhin in Europa in den verschiedensten Formen auch schon auftritt. Sie urteilt so, daß Wahr und Falsch nur Illusion ist, daß dasjenige, was man wahr nennt, eigentlich nur das ist, was der Mensch deshalb behauptet, weil es ihm nützlich fürs Leben ist. Falsch ist das, was der Mensch behauptet, weil es ihm schädlich fürs Leben wird. Diese Anschauung ist in Deutschland, wo man immer in diesen Dingen am gründlichsten ist, zu einer ganz besonderen Ausbildung gekommen durch die sogenannte «Philosophie des Als Ob». Diese «Philosophie des Als Ob», die von einem gewissen Vaihinger herrührt und die auch schon eine gewisse Verbreitung gefunden hat — ich glaube, es gibt jetzt sogar schon eine «Als Ob-Wissenschaft» oder so etwas Ähnliches —, die sagt: Das kann man allerdings nicht behaupten, daß es Atome gibt, daß es Moleküle gibt. Aber man kann sagen: Wir betrachten die Welt so, daß es uns nützlich ist, und da ist es uns nützlich, wenn wir die Welt betrachten, «als ob» es Moleküle und Atome gäbe, wir betrachten den Weltengang so, «als ob» sich sittliche Ideale verwirklichten. Das ist uns nützlich. Wir betrachten die Welt so, «als ob» sie von einem Gotte regiert würde. Diese Als Ob-Philosophie, die Philosophie des «Als Ob» ist sehr charakteristisch für unsere Zeit. Sie ist die deutsche Ausgestaltung des amerikanischen Pragmatismus, der aber Schüler gefunden hat; zum Beispiel ist einer der Schüler Wilhelm Jerusalem, und der hat schon gesagt: «Wahr und falsch bedeutet ursprünglich gar nichts anderes als nützlich oder schädlich im biologischen Sinn». Wenn man von jemand sagen muß, daß er etwas Falsches behauptet, er aber dabei ein vermögender Mann wird, sich ins Leben schicken kann, dann sagen diese Logiker: Das ist wahr. — Aber das ist uns eine Illusion. In Wirklichkeit ist es nicht wahr, sondern etwas, was ihm nützlich ist, und das wird dann uminterpretiert, das wird dann «wahr» genannt. Und was ihm schädlich ist, das ist dann unrichtig, unwahr.
[ 5 ] As I said, even in the early days of Greek civilization, people would not have understood such talk of right and wrong as we mean it today in the sense of logic. Back then, people still spoke of sound and unsound judgment. Then the successors of Platonism gradually developed a logical approach, which reached its peak in Roman culture and was carried forward into later times. And under certain conditions, this concept of true and false took on a particular form in Scholasticism, which was like an echo—albeit in a different field—of the Roman way of judging. In our time, we are still far from developing, in a spiritual sense, an understanding of sound and unhealthy judgment; rather, we are working toward something else. We have worked our way toward something that is now completely detached from the human being with regard to judgment. When I say, “A person judges in a healthy or unhealthy way,” I am referring to their constitution; when I say, “A person judges true or false,” I am at least saying something about their state of soul and mind. I am thereby expressing that they are a fool or a wise person—these are, after all, still qualities of theirs. But people have strayed from this in recent times. A particular worldview has already taken hold even among individual people. And among those who will not find themselves in spiritual scientific views, this worldview will become popular and will spread more and more. It is what is coming out of America but is already making its mark in the West—initially, however, among philosophers, who are always the first to take up such matters. It is so-called pragmatism. It no longer speaks of true and false in the sense of traditional logic; rather, it asserts that what is true is that which enables a person to throw themselves into life. If someone asserts something that does not enable them to throw themselves into life, then they are asserting something harmful. But if someone asserts something that helps them get by well in life, then they are asserting something useful. In these circles, which are based on pragmatism, truth and falsehood are already regarded more or less as wishy-washy concepts—something to which people cling as an illusion. A school of philosophy has already embraced this view; as mentioned, it is even more widespread in America than in Europe, though it is already appearing in Europe as well in a wide variety of forms. It holds that truth and falsehood are merely illusions, and that what is called true is actually only what a person asserts because it is useful to them in life. False is what people assert because it is harmful to their lives. In Germany, where people are always the most thorough in such matters, this view has taken on a very distinctive form through the so-called “Philosophy of As If.” This “Philosophy of As If,” which originates from a certain Vaihinger and has already gained some traction—I believe there is now even an “As If Science” or something similar—states: One certainly cannot claim that atoms exist, that molecules exist. But one can say: We view the world in a way that is useful to us, and it is useful to us when we view the world “as if” there were molecules and atoms; we view the course of the world “as if” moral ideals were being realized. That is useful to us. We view the world “as if” it were governed by a God. This “as if” philosophy, the philosophy of the “as if,” is very characteristic of our time. It is the German interpretation of American pragmatism, which has, however, found followers; for example, one of its followers is Wilhelm Jerusalem, who has already said: “True and false originally mean nothing other than useful or harmful in the biological sense.” If one must say of someone that he asserts something false, yet in doing so becomes a wealthy man and is able to make his way in life, then these logicians say: That is true. — But that is an illusion to us. In reality, it is not true, but rather something that is useful to him, and that is then reinterpreted; it is then called “true.” And whatever is harmful to him is then incorrect, untrue.
[ 6 ] Eine andere Stelle bei Jerusalem sagt: «Die Wertung, die eine vollzogene Deutung auf Grund der Nützlichkeit oder Schädlichkeit der auf Grund derselben getroffenen Maßnahmen erfährt, diese Wertung und nichts anderes ist der Ursprung der Begriffe wahr und falsch.» — Ja, ich kann es Ihnen nicht anders vorlesen, es ist Philosophenstil!
[ 6 ] Another passage in *Jerusalem* states: “The evaluation that a completed interpretation undergoes based on the usefulness or harmfulness of the measures taken on the basis of that interpretation—this evaluation, and nothing else, is the origin of the concepts of true and false.” — Yes, I can’t read it to you any other way—it’s philosophical style!
[ 7 ] Es ist schon fast Juristendeutsch. Also Sie sehen, hier werden die Begriffe Wahr und Falsch auf die Begriffe Nützlich und Schädlich zurückgeführt. Das ist der äußerste Tiefstand. Wir kommen her von den Begriffen Gesund und Krank, finden dann die Begriffe Wahr und Falsch. Die haften noch am Menschen: wenn einer wahr urteilt, ist er gescheit, wenn einer falsch urteilt, ist er dumm. Also es ist immerhin etwas, was noch auf menschliche Eigenschaften weist. Nun kommen wir dazu, das Wahre nur im Nützlichen, das Falsche nur im Schädlichen zu finden. Das ist Gegenwartswahrheit! Die Philosophen sprechen es aus, aber die andern Menschen urteilen im Grunde genommen heute schon fast geradeso; sie wissen es nur nicht, aber sie urteilen im Grunde genommen ebenso. Und namentlich, wenn soziale Urteile gefällt werden, dann werden sie nicht anders als unter diesem Gesichtspunkte gefällt.
[ 7 ] It’s almost like legalese. So you see, here the concepts of “true” and “false” are reduced to the concepts of “useful” and “harmful.” That’s the absolute rock bottom. We start with the concepts of “healthy” and “sick,” then encounter the concepts of “true” and “false.” These are still tied to human beings: if someone judges correctly, they are smart; if they judge incorrectly, they are stupid. So at least this still points to human characteristics. Now we come to the point where we find the “true” only in what is “useful,” and the “false” only in what is “harmful.” That is the truth of our time! Philosophers articulate this, but other people today, deep down, already judge almost exactly the same way; they just don’t realize it, but fundamentally, they judge in the same way. And especially when social judgments are made, they are made exclusively from this perspective.
[ 8 ] Die Entwickelung muß wiederum aufwärts gehen. Wir müssen zunächst in die Lage kommen, bei dem Wahren eine Empfindung, ein. inneres Erlebnis zu haben, das uns selber die Empfindung des Gesunden gibt. Wir müssen uns gewissermaßen glücklich fühlen bei diesem Wahren und unglücklich beim Falschen. Das ist die Forderung der Zeit, die man in gesunder Weise anstreben muß. Wir müssen wieder zurückkehren zu Wahr und Falsch, aber mit Empfindung.
[ 8 ] Development must once again move upward. We must first be able to have a feeling, an inner experience of what is true, which itself gives us a sense of what is wholesome. We must, so to speak, feel happy with what is true and unhappy with what is false. This is the demand of the times, which we must strive to meet in a healthy way. We must return to true and false, but with feeling.
[ 9 ] Das ist dasjenige, was als innerliche Zivilisationserziehung die Menschheit ergreifen muß, daß man nicht in gleichgültiger Weise sich über das Wahre und Falsche ergeht, wie man es jetzt tut, sondern innerlichen Anteil muß der Mensch haben können an der Wahrheit, an der Falschheit. Das empfindet man, wenn man heute hineinschaut in die Notwendigkeiten der Zeit, mit so furchtbarem Schmerz, daß die Menschen nach und nach so gleichgültig geworden sind gegen die eine oder gegen die andere Behauptung. Das war selbst noch vor einem Jahrhundert anders. Man hätte nur sehen sollen, wenn man vor einem Jahrhundert einer Versammlung gesagt hätte: Kindsköpfig, von jenseits angesehen, bedeutet dasselbe, was von diesseits angesehen unter Umständen als Genialität zu bezeichnen ist! — Wie von ihren Sitzen aufgefahren wären ein Wilhelm von Humboldt oder ein Fichte oder dergleichen Leute, wenn man desgleichen damals gesagt hätte, wie der Mensch damals noch mit seinem ganzen Wesen bei diesen Dingen war. Heute kocht und brodelt das Blut nicht, wenn die eine oder die andere Behauptung getan wird. Die Seelen sind schlafend geworden. Das ist es, was den, der die Forderungen der Zeit durchschaut, mit Schmerz erfüllt, daß er so sehr die schlafenden Seelen sehen muß. Und wir haben ja als äußerste Blüte dieser Schläfrigkeit der Zeit jene theosophische Bewegung bekommen, wo man im Zuhören innerliche Wollust empfinden will, wo man will, daß die Dinge so gesagt werden, daß man sanft beruhigt und immer beruhigter wird, und daß sich harmonische Stimmung ausgießt über die Zuhörer, so daß alles sanft nach und nach einschlafen kann. Und gerade dann fühlt man das ewig Mystische, wenn nach und nach sanft alles einschlafen kann!
[ 9 ] This is what must take hold of humanity as an inner education in civilization: that people should not treat truth and falsehood with indifference, as they do now, but that each person must be able to take an inner interest in truth and in falsehood. One feels this, when looking today at the necessities of the times, with such terrible pain that people have gradually become so indifferent to one assertion or another. Things were different even a century ago. One need only imagine what would have happened a century ago if someone had said to an assembly: “Childish,” viewed from the other side, means the very same thing that, viewed from this side, might under certain circumstances be called genius! — How a Wilhelm von Humboldt or a Fichte or people of that caliber would have leaped to their feet had such a thing been said back then, when people were still fully engaged with these matters with their whole being. Today, blood does not boil or seethe when one assertion or another is made. Souls have fallen asleep. This is what fills the one who sees through the demands of the age with sorrow—that he must witness these sleeping souls. And indeed, as the ultimate flowering of this drowsiness of our time, we have been given that theosophical movement, where people seek to feel inner pleasure in listening, where they want things to be said in such a way that they are gently soothed and become ever more at peace, and where a harmonious mood washes over the listeners, so that everything can gently drift off to sleep little by little. And it is precisely then—when everything can gradually and gently drift off to sleep—that one feels the eternal mystical!
[ 10 ] Das ist dasjenige, was wiederum anders werden muß, das ist dasjenige, was wir brauchen, daß unser Herz nach der einen oder nach der andern Seite springt, je nachdem die eine oder die andere Behauptung getan wird. Dann wird man nicht mehr mit bloßer logischer Neutralität untersuchen, ob etwas richtig oder unrichtig ist, sondern man wird selber gesund oder krank fühlen, je nachdem man etwas als wahr oder als falsch empfindet. Und dann wird man weiter aufsteigen. Aber Geisteswissenschaft muß das schon jetzt kultivieren als etwas, was in uns hineinfahren muß. Man wird in voller Bewußtheit zurückzukehren haben zu dem Urteil: gesund oder krank —, und das muß auf den Willen wirken. Wir müssen gleichsam innerlich von Willen erfüllt werden bei dem, was wir früher nur als wahr und als falsch empfunden haben. Der Wille muß sich regen. Wir müssen das Richtige wollen; wir müssen nicht wollen, sondern vernichten dasjenige, was unrichtig, das heißt krank ist. Diese Umstimmung des Menschen ist es, die angestrebt werden muß. Nicht bloß wiederum irgendeine andere mehr oder weniger richtige Anschauung darf angestrebt werden, über die man dann diskutieren kann, sondern angestrebt muß werden, was die Menschen innerlich gesund macht, das heißt, mit der Erkenntnis muß nicht bloß etwas angestrebt werden, worüber man sagen kann: Das ist logisch richtig — sondern mit der Erkenntnis angestrebt werden muß etwas, was Tat ist, was Realität ist, wodurch etwas geschieht.
[ 10 ] That is precisely what must change; that is what we need—for our hearts to lean one way or the other, depending on which assertion is made. Then we will no longer examine whether something is right or wrong with mere logical neutrality, but we will ourselves feel healthy or sick, depending on whether we perceive something as true or false. And then we will ascend further. But spiritual science must cultivate this already now as something that must take root within us. We will have to return, in full consciousness, to the judgment: healthy or sick—and this must act upon the will. We must, as it were, be filled inwardly with will regarding what we previously perceived only as true or false. The will must be stirred. We must will what is right; we must not merely refrain from wanting, but must destroy that which is wrong—that is, sick. It is this transformation of the human being that must be sought. We must not merely strive for yet another more or less correct view—one that can then be discussed—but rather we must strive for what makes people inwardly healthy; that is to say, through knowledge we must not merely strive for something about which one can say: ‘That is logically correct’—but rather, through knowledge, we must strive for something that is action, that is reality, through which something happens.


[ 11 ] Sie sehen, auf das Leben kommt es an bei der wahren, wirklichen Geisteswissenschaft und nicht auf das, was heute etwa im Kopfe eines Professors lebt, der auf seinem Stuhle sitzt und da sich mit einer vollkommenen Gleichgültigkeit über das Wahre und Falsche ergeht, während man über seine Neutralität in eine Stimmung kommen könnte, daß man die Wände hinaufkriechen möchte. Gewiß wird mancher sagen: Ja, aber es soll ja gerade innerliche Gelassenheit, innerliche Ruhe entwickelt werden. — Solche Dinge darf man nicht mißverstehen. Innerliche Gelassenheit, innerliche Ruhe bedeuten Gleichgewicht, und es handelt sich darum, daß wir tatsächlich, sagen wir, bei einem gesunden Urteil nach der einen Seite ausschlagen können, aber auch die Möglichkeit haben, die Gegenkräfte zu entwickeln, so daß wir trotz des Ausschlagens eben im Gleichgewichte sind, das heißt, daß wir uns immer in der Hand haben. Bewußtes Gleichgewicht ist etwas anderes als schläfriges Gleichgewicht. Sie sehen also, bis in das Innerste der Wahrheitsbenennung muß hineingreifen das, was wir eine Evolution nennen im geisteswissenschaftlichen Sinne.
[ 11 ] You see, true, genuine spiritual science is all about life itself—not about what might be going on today in the mind of a professor who sits in his chair and pontificates with complete indifference to what is true and what is false, while his neutrality might put one in such a mood that one feels like climbing the walls. Certainly, some will say: Yes, but the point is precisely to develop inner serenity, inner peace. — One must not misunderstand such things. Inner serenity and inner peace mean balance, and the point is that we can indeed, let’s say, swing to one side in the exercise of sound judgment, but we also have the ability to develop the counterforces so that, despite this swing, we remain in balance—that is, we always remain in control of ourselves. Conscious balance is different from a lethargic balance. So you see, what we call evolution in the spiritual-scientific sense must penetrate to the very core of the naming of truth.
[ 12 ] Wir können nicht über die Eigenschaften des Menschen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sprechen, wenn wir uns nicht daran gewöhnen, die Worte in einem ganz andern Sinne zu gebrauchen, als es in dem Gebiete unserer heutigen Umgangssprache geschieht. Daher werden natürlich immer diejenigen Menschen, die nur das hören wollen, was sie schon haben, die Sprache der Geisteswissenschaft unverständlich finden, weil sie sich nicht nur daran gewöhnen müssen, daß die Worte in anderer Weise zusammengefügt werden, sondern daß auch in das Innere der Worte etwas anderes ergossen wird, als bisher ergossen worden ist. Wenn wir so in die Entwickelung des Menschen hineinschauen, dann bekommen wir erst ein Urteil darüber, wie anders der Mensch in der Vorzeit war, wie anders er wiederum werden wird in einer fernen Zukunft, und wie wir zu bewerten haben dasjenige, was in unserer Mittellage der Zivilisation vorhanden ist. Unsere Zeit ist von einer solchen Katastrophe durchschauert, daß es wichtig ist, sich zu einer wirklichen Menschenerkenntnis zu bequemen. Wir stehen gewissermaßen in diesen Tagen in einer Zeit allerwichtigster europäischer Entscheidung, und die Menschen ahnen kaum, was eben in diesem komplizierten Organismus vor sich geht, der das öffentliche Leben bildet. Fast noch wichtiger als Tage jüngster Vergangenheit sind die Tage jetzt für den weiteren Fortgang der europäischen Zivilisation. Man wird sich schon in die Tatsächlichkeit hineinfinden müssen, daß alles Haftenwollen am Alten verderblich ist, daß nur ein gründliches Schöpfen aus den Quellen, die durch die Geisteswissenschaft wieder eröffnet werden, zum Ziele führen kann.
[ 12 ] We cannot speak of the characteristics of a human being between death and a new birth unless we accustom ourselves to using words in a completely different sense than is customary in our everyday language today. Therefore, of course, those who wish to hear only what they already possess will find the language of spiritual science incomprehensible, because they must not only get used to the fact that words are combined in a different way, but also that something different is poured into the very essence of the words than has been poured in until now. When we look in this way at human development, only then do we gain an understanding of how different human beings were in ancient times, how different they will again become in the distant future, and how we must evaluate what exists in our present stage of civilization. Our time is so permeated by catastrophe that it is important to make the effort to gain a true understanding of humanity. In a sense, we are currently living in a time of the most crucial European decisions, and people have scarcely any inkling of what is actually taking place within this complex organism that constitutes public life. The days we are living through now are almost even more important for the future course of European civilization than the days of the recent past. We will have to come to terms with the reality that any desire to cling to the old is destructive, and that only a thorough drawing from the sources reopened by spiritual science can lead to the goal.
[ 13 ] Es ist merkwürdig, wie das, was einen gewissen Anblick gewährt jenseits der Schwelle, in den geistigen Welten, heute seine Schatten hereinwirft in diese so urmaterialistische Zeit. Man wurde ausgelacht vor zwei, drei Jahren, wenn man über die Impulse gesprochen hat, welche von gewissen Geheimgesellschaften des Westens und anderer Erdengebiete die öffentlichen Angelegenheiten bedingen. Über diese Dinge habe ich hier eine ganze Reihe von Vorträgen gehalten, und einer Reihe von Ihnen wird der Inhalt dieser Vorträge ja auf die eine oder andere Weise bekanntgeworden sein. Aber man wurde mehr oder weniger ausgelacht, wenn man davon sprach, daß die öffentlichen Angelegenheiten von Kräften durchsetzt sind, deren Ursprung man findet, wenn man hineinleuchtet in gewisse Geheimgesellschaften, die Traditionen alter Initiationsweisheit haben und sie in falscher Richtung anwenden. Heute, in verhältnismäßig kurzer Zeit, ist das anders geworden. Die nüchterne englische Presse, die sich wahrhaftig zu besonderen Sprüngen nicht herbeiläßt, bringt jetzt wochenlang Artikel über das Bestehen von Geheimgesellschaften; und wenn auch diese Artikel von Ausgangspunkten handeln, die nichts anderes sind als eine aufgelegte Jesuitenmache, so muß man immerhin sagen: Wenn auch die Leute den Wind aus einer ganz falschen Ecke heraus spüren, man sieht heute schon auf so etwas hin. Und was wochenlang besprochen wird, was, ich möchte sagen, mit philologischer Genauigkeit besprochen wird, das weist darauf hin, wie gründlich sich in dieser Beziehung die Welt seit ein paar Jahren gewandelt hat. Nur übersehen es die Leute leicht, wenn selbst, wie gesagt, in den nüchternen englischen Zeitungen heute Zusammenstellungen gebracht werden wie diese, daß 1897 etwas vor die Welt trat wie eine Beschreibung künftiger Ereignisse. Man bringt das heute, indem man es auf der linken Seite in Spalten aufschreibt und auf der rechten Seite die Programme der Bolschewisten bringt und dasjenige, was jetzt geschieht. Was 1897 bereits bekannt war, es geschieht heute, und man kann es philologisch nachweisen, daß das heute Geschehende mit dem Früheren stimmt. Natürlich weisen die Leute, ohne daß sie irgendeine Kenntnis von den tieferen Zusammenhängen haben, journalistisch auf diese Dinge hin. Natürlich spüren heute noch die wenigsten, um was es sich handelt bei solchen Dingen, daß es sich darum handelt, daß Leute, die tief im Hintergrunde der Erscheinungen stehen, aber deshalb doch die Fäden der Erscheinungen stramm in der Hand halten, unbekannt bleiben möchten und daher ihre Spuren auf andere überführen. Das ganze ist eine Mache, was da gedruckt wird, aber es ist eine wohlberechnete Mache, wenn man auf die Ursprünge zurücksieht, denn sie ist darauf berechnet, andere anzuschuldigen, damit die Menschheit nicht an diejenigen denke, die wirklich die Fäden in der Hand haben. Wie gesagt, es ist heute schon so, daß man die Verantwortung empfinden muß, hinzuschauen auf das, was sich eigentlich zuträgt.
[ 13 ] It is remarkable how what offers a certain glimpse beyond the threshold, into the spiritual worlds, now casts its shadow into this age of such raw materialism. Two or three years ago, people would laugh at you if you spoke of the forces originating from certain secret societies in the West and other parts of the world that influence public affairs. I have given a whole series of lectures here on these matters, and some of you will have become familiar with the content of these lectures in one way or another. But one was more or less laughed at if one spoke of public affairs being permeated by forces whose origin can be traced by shining a light into certain secret societies that possess traditions of ancient initiatory wisdom and apply them in the wrong direction. Today, in a relatively short time, things have changed. The sober English press, which truly does not lend itself to wild speculations, has now been publishing articles for weeks about the existence of secret societies; and even if these articles are based on premises that are nothing more than a fabricated Jesuit plot, one must at least say: Even if people are sensing the wind blowing from a completely wrong direction, one can already see a trend toward such things today. And what has been discussed for weeks—what, I might say, has been discussed with philological precision—indicates just how thoroughly the world has changed in this regard over the past few years. But people easily overlook the fact that even—as I said—in the sober English newspapers today, compilations like this are being published, showing that as early as 1897 something emerged that resembled a description of future events. Today, this is presented by setting it out in columns on the left-hand page, while the Bolsheviks’ programs and what is happening now are shown on the right-hand page. What was already known in 1897 is happening today, and it can be demonstrated philologically that what is happening today corresponds to what happened earlier. Of course, people—without having any knowledge of the deeper connections—point these things out in a journalistic manner. Of course, very few people today sense what such matters are really about: that people who stand deep in the background of these events—yet who nevertheless hold the reins of these events firmly in their hands—wish to remain unknown and therefore shift the blame onto others. The whole thing—what is printed there—is a ruse, but it is a well-calculated ruse when one looks back at its origins, for it is designed to shift the blame onto others so that humanity does not think of those who truly hold the strings. As I said, it is already the case today that one must feel a sense of responsibility to look closely at what is actually taking place.
[ 14 ] Ich habe zu manchem 1914 gesagt: Die Geschichte jener Kriegskatastrophe, die 1914 begonnen hat, darf nicht so geschrieben werden, wie frühere Dinge geschrieben wurden, einfach aus den Archiven heraus. Wenn man wirklich einsehen will, was 1914 begonnen hat, dann muß man zu okkulter Denkweise übergehen, dann muß man sich klar sein, daß wichtigste Persönlichkeiten, die über die ganze zivilisierte Welt hin an der Herbeiführung der Katastrophe beteiligt waren, umnebelt, im Bewußtsein getrübt waren. Diejenigen Momente aber, wo die Menschen im Bewußtsein getrübt werden, das sind die Tore, durch die die ahrimanischen Mächte lenkend und leitend in die Welt hereinkommen. Wenn jemand an einem wichtigen Posten sitzt und in einem wichtigen Momente in seinem Bewußtsein getrübt wird, dann regiert nicht mehr er, dann regiert durch ihn Ahriman. Es regieren geistige Mächte in die Welt herein, solche wie ich jetzt meine, in diesem Falle ahrimanischer Art. Nur wenn man diese Zusammenhänge auf geisteswissenschaftliche Art verfolgen will, kann man die Ereignisse der letzten Jahre verstehen; und immer weniger und weniger wird es möglich sein, das, was über die zivilisierte Welt hin geschieht, zu verstehen, wenn man es nicht von geisteswissenschaftlichen Grundlagen aus verstehen will; man wird lange diskutieren können, ob der oder jener dies oder jenes gesagt hat vor drei oder vier oder mehr Jahren, oder es heute sagt. Viel wichtiger ist es heute, sich Menschenkenntnis anzueignen, so daß man weiß, wie gesund oder ungesund der oder jener an jener Stelle war oder ist, denn von dem hängt es ab, ob gute oder schlimme Mächte in den Gang der Ereignisse hereinwirken. Es ist richtig, daß der Weg zu dem Urteilen auf diese Art nicht gerade mit Rosen gebettet ist; denn wenn die Menschen in dieser Weise bei dem Hereinspielen übersinnlicher oder untersinnlicher Mächte in diese sinnliche Welt urteilen sollen, dann werden sie leicht dazu verführt, schwärmerisch zu werden, mystisch erhaben zu werden.
[ 14 ] I said the following about 1914: The history of that war catastrophe that began in 1914 must not be written the way earlier events were written—simply based on archival records. If one truly wants to understand what began in 1914, then one must turn to occult thinking; one must realize that the most important figures throughout the entire civilized world who were involved in bringing about the catastrophe were clouded, their consciousness obscured. But those moments when people’s consciousness is clouded are the gateways through which the Ahrimanic forces enter the world to guide and direct it. When someone holds an important position and, at a crucial moment, their consciousness becomes clouded, then they no longer rule—Ahriman rules through them. Spiritual forces, such as those I am referring to now—in this case, of an Ahrimanic nature—rule the world. Only by tracing these connections from the perspective of spiritual science can one understand the events of recent years; and it will become less and less possible to understand what is happening throughout the civilized world unless one seeks to understand it on the basis of spiritual science; one could spend a long time debating whether this or that person said this or that three, four, or more years ago, or is saying it today. What is far more important today is to acquire an understanding of human nature, so that one knows how sound or unsound this or that person was or is in that situation, for it depends on this whether good or evil forces are at work in the course of events. It is true that the path to judging in this way is not exactly strewn with roses; for when people are to judge in this manner the interplay of supersensible or subsensible forces in this sensory world, they are easily led to become fanciful or mystically exalted.
[ 15 ] Notwendig ist für den, der Geisteswissenschaft im Ernste pflegen soll, nicht bloß der gewöhnliche Grad von Nüchternheit, sondern ein höherer Grad von Nüchternheit; gar keine Schwärmerei, gar kein Sich-Verlieren, ein festes Stehen auf einem festen Boden der Wirklichkeit, das ist notwendig. Zur Realität müssen wir uns erziehen, wenn wir so urteilen wollen, wie eigentlich heute schon geurteilt werden müßte.
[ 15 ] For anyone who is to seriously pursue spiritual science, what is necessary is not merely the usual degree of sobriety, but a higher degree of sobriety; no enthusiasm whatsoever, no losing oneself—a firm standing on solid ground in reality—that is what is necessary. We must train ourselves to face reality if we are to judge as we ought to be judging today.
[ 16 ] Es ist eine große Gefahr, wenn jemand sagt, das, was er ausspricht, sei Ergebnis nicht von dem, was er will oder nicht will, sondern von höheren Mächten. Hinter dem steckt ja gewöhnlich nichts anderes als der purste Egoismus. Und die Mystiker, die sich der Welt vorstellen als Träger von dieser oder jener Geistigkeit, sind zumeist die größten Egoisten. Deshalb ist das erste, was notwendig ist auf dem Wege zu einer gewissen höheren Erkenntnis, das Nüchternwerden, das Hinwegsehenkönnen über all dasjenige, was mit dem Egoismus zusammenhängt. Schwärmerei ist in der Regel nur eine andere Form des Egoismus. Und insbesondere wird notwendig sein, daß die Menschheit auf dem Wege zur Geistigkeit sich einen gewissen Humor zulegt. Von diesem Humor ist die Welt heute weit entfernt. Und es ist außerordentlich schwer, mit dem Urteil der Welt zurechtzukommen, wenn es sich um solche Dinge handelt, weil ja da alles mögliche, was in den Tiefen der menschlichen Natur organisch west und webt, mitspricht.
[ 16 ] It is a great danger when someone claims that what they say is not the result of what they want or do not want, but of higher powers. After all, there is usually nothing behind this but the purest selfishness. And the mystics who present themselves to the world as bearers of this or that spirituality are, for the most part, the greatest egoists. That is why the first thing necessary on the path to a certain higher understanding is to become sober-minded, to be able to look beyond everything connected with egoism. Enthusiasm is, as a rule, merely another form of egoism. And in particular, it will be necessary for humanity to develop a certain sense of humor on the path to spirituality. The world today is far removed from this kind of humor. And it is extraordinarily difficult to cope with the world’s judgment when it comes to such matters, because everything that organically grows and weaves in the depths of human nature has a say in the matter.
[ 17 ] Es ist vielleicht damit zunächst einmal angedeutet, was angedeutet werden mußte, um auf die Wichtigkeit des Weges hinzuweisen, zu einem geistigen Urteile zu kommen auf der einen Seite, und auf die Schwierigkeit, auf das Gefahrvolle dieses Weges auf der andern Seite. Auf diese beiden Dinge muß man hinschauen. Man darf sich nicht zurückhalten lassen vor den Gefahren; man darf aber auch nicht lässig werden gegenüber den Anstrengungen, die zu machen sind, um wirklich zu einem geistgemäßen Urteil zu kommen. Diese Dinge muß man immer im Auge haben, wenn man den Menschen in der Gegenwart verstehen will. Und ohne daß man den Menschen in der Gegenwart versteht, kann man zu keinem sozialen Urteil kommen. Den Menschen in der Gegenwart muß man so verstehen, daß man ihn wirklich voll ansieht als Seele, Leib und Geist, daß man nicht nur hinzusehen vermag auf sein Leben zwischen Geburt und Tod, sondern auch auf das zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Und im Grunde genommen hat das Urteil «nützlich» oder «schädlich» keinen Sinn für das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, aber sehr viel Sinn gerade für diese Zeit zwischen Tod und neuer Geburt hat das Urteil «gesund» und «krank». Da sind die Seelen gesund unter den Nachwirkungen des irdischen Lebens, oder sie sind krank unter den Nachwirkungen des irdischen Lebens. Nützlich oder schädlich in dem Sinne, wie wir das hier erklären, für wahr oder falsch anzusehen, bedeutet zugleich, alle Weltbetrachtung nur auf die physische Welt beschränken. Und daß es einen Pragmatismus und eine Philosophie des «Als Ob» in der Gegenwart gibt, das ist das sicherste Zeichen dafür, daß die Menschen kein Gefühl haben für alles das, was jenseits der Schwelle von der physischen Welt zur geistigen Welt liegt.
[ 17 ] This may, for the time being, serve to indicate what needed to be indicated in order to highlight, on the one hand, the importance of the path toward reaching a spiritual judgment, and, on the other hand, the difficulty and danger of that path. One must keep these two things in mind. One must not allow oneself to be deterred by the dangers; nor, however, must one become complacent regarding the efforts required to truly arrive at a spiritual judgment. One must always keep these things in mind if one wishes to understand people in the present. And without understanding people in the present, one cannot arrive at any social judgment. One must understand people today in such a way that one truly views them in their entirety—as soul, body, and spirit—so that one is able to look not only at their life between birth and death, but also at the life between death and a new birth. And fundamentally, the judgment “useful” or “harmful” has no meaning for the life between death and a new birth, but the judgment “healthy” and “sick” has great significance precisely for this time between death and a new birth. There, souls are healthy under the aftereffects of earthly life, or they are sick under the aftereffects of earthly life. To regard “useful” or “harmful”—in the sense we are explaining here—as true or false means, at the same time, limiting one’s entire view of the world to the physical world alone. And the fact that there is a pragmatism and a philosophy of “as if” in the present is the surest sign that people have no sense of all that lies beyond the threshold from the physical world to the spiritual world.
[ 18 ] Ein gesundes soziales Urteil wird aber nur zustande kommen auf der Grundlage dieser Initiationswissenschaft. Denn sehen Sie, nehmen wir das eine Gebiet des dreigliedrigen sozialen Organismus, nehmen wir das Materiellste und Prosaischeste, wie manche sagen, das Wirtschaftsleben. Wir wissen, dieses Wirtschaftsleben wird sich in einer gesunden Weise nur entwickeln, wenn es sich unter dem Assoziationsprinzip entwickelt. Was heißt das? Das heißt, daß in der Zukunft die Menschen ein wirtschaftliches Urteil sich überhaupt nicht aus der einzelnen Individualität heraus entwickeln werden. Es wird natürlich erkenntnistheoretisch aus der Individualität stammen, aber gebildet werden wird es nicht aus der Individualität heraus. Ein wirtschaftliches Urteil bloß aus der Individualität heraus zu bilden, wird den Menschen der Zukunft, wenn sie sich richtig entwickeln, so vorkommen, wie der berühmte Jean Paulsche Schläfer, der mitten in der Nacht im finstern Zimmer aufwacht, nichts sieht, nichts hört, und nachdenkt, wieviel Uhr es ist, und es durch Nachdenken herauskriegen will. Man muß im Einklange mit seiner Umgebung stehen, wenn man sich mitten in der Nacht ein Urteil bilden will, wieviel Uhr es ist. Und man wird in der Zukunft, wenn man sich ein wirtschaftliches Urteil bilden will, sagen wir, ein Preisurteil oder ein Urteil, wieviel Arbeiter in einer bestimmten Branche arbeiten dürften, man wird um sich haben müssen Assoziationen, solche Assoziationen, welche in dieser Branche produzieren, solche Assoziationen, welche in dieser Branche konsumieren. Und aus dem Zusammenfluß dessen, was von diesen Assoziationen ausgeht, wird man sich ein Urteil bilden. So wie man das heute will, von der Individualität aus, das würde eben: dem Schläfer gleichkommen, der aus sich selbst herauskriegen will, wieviel Uhr es ist. Das hat sich ja eben gerade gezeigt, wie weit man mit einem solchen Urteil kommt, welches nicht auf assoziative Erfahrung gestellt ist.
[ 18 ] However, sound social judgment can only arise on the basis of this science of initiation. For you see, if we take one area of the threefold social organism—if we take the most material and prosaic aspect, as some say—economic life. We know that this economic life will develop in a healthy way only if it develops under the principle of association. What does that mean? It means that in the future, people will not form economic judgment at all from the individual self. It will, of course, originate epistemologically from the individual self, but it will not be formed from the individual self. To form an economic judgment solely from one’s individuality will seem to the people of the future—if they develop properly—like Jean Paul’s famous sleeper, who wakes up in the middle of the night in a dark room, sees nothing, hears nothing, and wonders what time it is, trying to figure it out through thought alone. One must be in harmony with one’s surroundings if one wants to form a judgment in the middle of the night about what time it is. And in the future, if one wants to form an economic judgment—say, a judgment about prices or about how many workers should be employed in a particular industry—one will need to have associations around oneself: associations that produce within that industry, and associations that consume within that industry. And from the convergence of what emanates from these associations, one will form a judgment. To try to do this today, as is currently desired—based on individuality—would be precisely like the sleeper who wants to figure out what time it is on his own. We have just seen exactly how far one can get with such a judgment, which is not grounded in associative experience.
[ 19 ] Ich habe ja auch schon vor einer Anzahl von Ihnen ein anderes Beispiel angeführt. Wir haben im 19. Jahrhundert gebildete Diskussionen gehabt über die Nützlichkeit der Goldwährung, und Sie können von Leuten aller Parlamente Europas und in allen möglichen praktischen Gebieten Europas so in der Mitte des 19. Jahrhunderts und weiter bis in das letzte Drittel hinein immerzu die schönsten und geistreichsten Gründe dafür finden, warum Goldwährung kommen soll anstelle des Bimetallismus. Was haben sich die Leute davon versprochen? Sie haben gesagt, die Goldwährung werde den Freihandel bringen. Und was ist in Wirklichkeit eingetreten? Überall die Schutzzölle, das Gegenteil von dem, was die gescheiten Nationalökonomen und die gescheiten Parlamentarier gesagt haben! Ich meine das jetzt nicht humoristisch, wenn ich sage «die gescheiten Leute». Geirrt haben sich alle, aber ich nenne sie deshalb nicht dumm oder töricht; sie waren wirklich gescheit. Aber sie haben keine Erfahrung gehabt, keine wirtschaftliche Erfahrung; denn diese Erfahrung kann man eben nicht aus den Fingern saugen oder durch Nachdenken entwickeln, sondern nur dann gewinnen, wenn man im assoziativen Zusammenhang seine Fäden zu dem oder jenem zieht. Und wirklich so, wie man von den Uhren die Zeit abliest, so wird man aus den Assoziationen die Grundlagen ablesen für ein wirtschaftliches Urteil, das zu Taten führen kann.
[ 19 ] I have, in fact, already cited another example to some of you. In the 19th century, we had informed discussions about the usefulness of the gold standard, and you can find, from people in all the parliaments of Europe and in all sorts of practical fields across Europe—from the mid-19th century and continuing into the last third of the century—the most elegant and ingenious arguments in favor of replacing bimetallism with the gold standard. What did people hope to gain from it? They said that the gold standard would bring about free trade. And what actually happened? Protective tariffs everywhere—the exact opposite of what the clever economists and the clever parliamentarians had said! I don’t mean this humorously when I say “the clever people.” They were all mistaken, but I do not call them stupid or foolish for that reason; they were truly intelligent. But they lacked experience—economic experience—because such experience cannot be conjured out of thin air or developed through mere reflection; it can only be gained by drawing connections between various factors within an associative context. And just as one reads the time from a clock, so too does one derive from these associations the foundations for an economic judgment that can lead to action.
[ 20 ] Was bedeutet denn das alles? Sie werden sich erinnern, daß ich oftmals gesagt habe, wie an einem gewissen Ausgangspunkte unserer Menschheitsentwickelung eine Art Gruppenurteil, eine Gruppenseele vorhanden war. Da haben die Menschen aus Instinkt heraus in ganzen Gruppen gleich geurteilt, gleich empfunden. Es wären ja niemals Sprachen entwickelt worden, wenn die Menschen nicht in solchen Gruppen geurteilt hätten. Es gab sogar, wie ich das in einigen Zyklen ausgeführt habe, ein Gruppengedächtnis. Also man ist ausgegangen von Gruppen, von instinktivem Gruppenurteil. Man kommt dann zu einem gewissen tiefsten Punkt, und man steigt wiederum hinauf durch die Assoziationen, aber jetzt bewußt, indem man im wirtschaftlichen Leben die Menschen wiederum in Gruppen vereinigt, zu Assoziationen, die sich halten und tragen durch ihr wirtschaftliches Urteil. Man steigt wiederum hinauf zu dem assoziativen Urteil. Nur wird das so werden, daß diese Gruppen bewußt gebildet werden, daß jetzt mit vollem Bewußtsein geschieht, was früher atavistisch instinktiv geschah. Da haben Sie wiederum eine von denjenigen Begründungen, die aus der Geisteswissenschaft heraus gegeben werden können für die Notwendigkeit einer solchen sozialen Entwickelung, wie sie durch die «Kernpunkte der sozialen Frage» hingestellt werden. Diese Dinge sind eben so, daß sie sich mit absolut mathematischer Gewißheit ergeben, wenn man auf die Quellen eines wirklichen Erkennens eingeht. Diese Dinge sind nicht leichtsinnig in die Welt hineingesprochen, sondern aus den Fundamenten des Menschenlebens herausgeholt. Das aber hat unsere Zeit notwendig, daß aus Menschenerkenntnis heraus eine Welt sozial aufgebaut werde. Ohne das kommen wir nicht vorwärts, ohne das bleibt alles Reden von Links- und Rechtspolitik, von allem dogmatischen Diktieren, daß die Menschen an einen Gott zu glauben haben, von der philiströsen bis zur liberalsten Auffassung der Frauenfrage, vom reaktionärsten Flügel bis zum bolschewistischen Flügel, ohne das bleibt das alles ein Herumreden, das keine Wirklichkeit begründen, sondern nur in die Zerstörung führen wird. Nur aus dem geistigen Erleben heraus wird die Wirklichkeit erfaßt werden können. Dann aber muß man auf eine wirkliche Menschenerkenntnis eingehen können, dann muß man sehen, wie so etwas, was als assoziatives Glied im Wirtschaftsleben in voller Bewußtheit gefordert wird, wie das eben im Aufstieg dasjenige ergibt, was im Abstiege verloren worden ist an atavistisch instinktivem Urteil. Mit wirklicher, echter, ganz durchschaubarer Wissenschaft hat man es zu tun; mit einer Wissenschaft, die so durchschaubar ist, wie der pythagoreische Lehrsatz, wenn auch gerade die Wissenschafter von heute auf diese Durchschaubarkeit nicht eingehen. Aber es muß eine genügend große Anzahl von Menschen geben, welche diese innere Kristallklarheit desjenigen Urteils durchschaut, das einzig und allein aus dem Niedergang zum Aufgang führen kann aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraus.
[ 20 ] What does all this mean? You will recall that I have often said how, at a certain starting point in the development of humanity, there existed a kind of group judgment, a group soul. At that time, people—acting on instinct—judged and felt the same way as a whole group. Languages would never have developed if people had not judged in such groups. There was even, as I have explained in several lectures, a group memory. So we started with groups, with instinctive group judgment. We then reach a certain lowest point, and we rise again through associations—but now consciously—by uniting people into groups in economic life, forming associations that are sustained and supported by their economic judgment. We rise again to associative judgment. The difference is that these groups will be formed consciously; what previously occurred atavistically and instinctively will now take place with full consciousness. Here you have yet another of the justifications that can be derived from spiritual science for the necessity of such social development as is outlined in *The Key Points of the Social Question*. These things are such that they follow with absolute mathematical certainty when one delves into the sources of true knowledge. These things are not carelessly thrown into the world, but are drawn from the very foundations of human life. And this is precisely what our time needs: that a social world be built upon an understanding of human nature. Without this, we cannot move forward; without this, all talk of left- and right-wing politics, of all dogmatic dictates that people must believe in a God, of everything from the most philistine to the most liberal views on the women’s question, from the most reactionary wing to the Bolshevik wing—without this, all of that remains mere idle chatter that will not establish any reality but will only lead to destruction. Only through spiritual experience will reality be grasped. But then one must be able to engage with a genuine understanding of human nature; then one must see how something that is demanded with full consciousness as an associative link in economic life yields, in its ascent, precisely that which was lost in its descent—namely, atavistic, instinctive judgment. We are dealing with a genuine, authentic, and completely transparent science—a science as transparent as the Pythagorean theorem, even if today’s scientists themselves do not acknowledge this transparency. But there must be a sufficiently large number of people who perceive this inner crystal clarity of the judgment that alone can lead from decline to ascent, springing from the sources of spiritual science.


[ 21 ] Das habe ich mit auch als eine Art Vorbereitung sprechen wollen für morgen, wo wir dann hier sprechen wollen in Vorträgen und freier Diskussion über die Bildung des sozialen Urteils und über die Notwendigkeiten einer solchen Bildung des sozialen Urteils in den sozialen Zuständen der Gegenwart.
[ 21 ] I also wanted to mention this as a kind of preparation for tomorrow, when we plan to discuss—through lectures and open discussion—the formation of social judgment and the necessity of such a formation in today’s social conditions.
