Spiritual Scientific Insight into the
Fundamental Impulses of Social Organization
GA 199
14 August 1920, Dornach
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Spiritual Scientific Insight into the Fundamental Impulses of Social Organization, tr. SOL
Vierter Vortrag
Fourth Lecture
[ 1 ] Sie werden aus dem Zusammenhange mancher Darlegungen der letzten Zeit mit allerlei Kundgebungen von außen eines wohl entnehmen können, daß unsere anthroposophische Bewegung in ein Stadium eingetreten ist, welches von jedem einzelnen, der sich an ihr beteiligen will, voraussetzt, daß er diese Beteiligung mit einem sehr ernsten Verantwortlichkeitsgefühl verbindet. Es ist ja in dieser Richtung öfters von mir gesprochen worden. Allein es wird nicht immer der Zusammenhang, um den es sich dabei handelt, in durchdringender Weise ins Auge gefaßt. Wir dürfen eben, gerade weil wir innerhalb unserer Bewegung stehen, nicht aus dem Auge verlieren, in welch ungeheuer ernster Zeit die europäische Zivilisation mit ihrem amerikanischen Anhange sich gegenwärtig befindet. Und wenn wir auch gar nicht von uns aus das eine oder das andere sagen würden — was aber durchaus zu sagen notwendig ist —, was als Zusammenhang besteht zwischen den Impulsen, die aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft kommen, und den zeitgeschichtlichen Ereignissen der Gegenwart: diese Ereignisse der Gegenwart würden heranschlagen an das, womit wir uns beschäftigen, und würden ganz zweifellos auch ohne unser Zutun sich mit dem beschäftigen, was in unserer Linie liegt. Es handelt sich darum, daß wir tatsächlich nicht die Augen verschließen vor der ganzen Bedeutung dessen, was mit solchen Worten angedeutet ist.
[ 1 ] You can probably gather from the context of some recent statements, along with various external reactions, that our anthroposophical movement has entered a stage that requires every individual who wishes to participate in it to approach that participation with a very serious sense of responsibility. I have, in fact, spoken about this on several occasions. Yet the context at hand is not always grasped in a penetrating way. Precisely because we are part of our movement, we must not lose sight of the immensely grave times in which European civilization, along with its American followers, currently finds itself. And even if we were to say nothing of our own accord—though it is absolutely necessary to speak out—about the connection between the impulses arising from anthroposophically oriented spiritual science and the contemporary historical events of the present: these current events would impact what we are engaged in and would, without a doubt, even without our intervention, engage with what lies within our field of study. The point is that we must not, in fact, turn a blind eye to the full significance of what is implied by such words.
[ 2 ] Es ist vielleicht einer Reihe von Freunden, denen es früher noch nicht klar war, gerade aus den gestrigen Darlegungen von Dr. Boos klar geworden, in welch notwendigem und sachlichem Zusammenhange die Dreigliederungsidee mit alledem steht, was auf dem Grunde der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft gewollt ist.
[ 2 ] Perhaps it has now become clear to a number of friends—who had not yet realized this—precisely from Dr. Boos’s remarks yesterday, just how necessary and substantive the connection is between the idea of the threefold social order and everything that is intended on the basis of anthroposophically oriented spiritual science.
[ 3 ] Der Weltengang gleicht gegenwärtig einem außerordentlich komplizierten Organismus, und aus den mannigfaltigsten Erscheinungen, die man sorgfältig beobachten muß, geht hervor, welchen Gang dieser Organismus nimmt. Es geschieht heute sehr vieles, was zunächst scheinbar unbedeutend ins Dasein tritt. Dieses Unbedeutende, dieses scheinbar Unbedeutende bedeutet aber zuweilen etwas außerordentlich Einschneidendes und Eingreifendes. Es geschehen Dinge wiederum, die im eminentesten Sinne zeigen, wie außerordentlich schwer es ist, sich aus den altgewohnten Vorstellungen heraus zu einer Anschauung aufzuschwingen, die der heutigen Zeit angemessen ist.
[ 3 ] The course of world events currently resembles an extraordinarily complex organism, and the direction this organism takes becomes apparent from the most diverse phenomena, which must be carefully observed. Many things are happening today that initially appear insignificant. Yet this seemingly insignificant—this apparently insignificant—sometimes signifies something extraordinarily decisive and far-reaching. There are also events that demonstrate, in the most profound sense, how extraordinarily difficult it is to rise above long-held notions and adopt a perspective appropriate to the present age.
[ 4 ] Sie sehen aus mancherlei Zeitungsäußerungen der letzten Tage, wie das, was hier von Dornach ausgeht, hinauswirkt in die Welt, wie es zum Teil von diesem oder jenem aufgenommen wird, und man soll eben solche Ereignisse außerordentlich ernst betrachten. Man soll sich darüber klar sein, daß im Grunde genommen jedes Wort, das von uns heute ausgesprochen wird, durch und durch bedacht sein muß, und daß wichtige Worte eigentlich nicht ausgesprochen werden sollten, ohne daß man sich die Verpflichtung auferlegt, sich von dem allgemeinen Weltengang, wie er eben heute ein außerordentlich komplizierter Organismus ist, Kenntnis zu verschaffen. Auf Dinge, die hier in Betracht kommen, wird mir noch obliegen, in der allernächsten Zeit einzugehen; aber ich möchte heute einleitend doch dieses bemerken, daß gerade durch die Verknüpfungen unserer Bewegung mit dem allgemeinen Weltengange es uns vor allen Dingen obliegt, wirklich ein volles Verständnis dafür zu erwerben, daß wir nicht mehr unsere Bewegung irgendwie sektenmäßig betreiben dürfen. Ich habe über dieses Faktum des öfteren gesprochen. Durchaus ist heute die Zeit gekommen, wo wir nötig haben, jeden einzelnen Mitarbeiter zu übernehmen, aber jeden einzelnen Mitarbeiter mit der breiten vollen Verantwortung für dasjenige, was er im Sinne unserer Bewegung vertritt. Und diese Verantwortung sollte doch so gestaltet sein, daß sie eben verknüpft ist damit, sich verpflichtet zu fühlen, nichts zu sagen, was nicht durch innere Gründe in rechtem Zusammenhang erscheint mit dem allgemeinen Gang der heutigen Weltereignisse. Am wenigsten im Einklang mit den heutigen Weltereignissen ist ein sektiererisches Treiben. Was heute vertreten werden soll, muß durchaus im Angesichte der ganzen Welt vertreten werden können und darf weder einen sektiererischen noch einen dilettantischen Charakter tragen, gleichgültig, ob es Gesprochenes oder ob es Getanes ist. Wir dürfen nicht zurückschrecken davor, durchzusegeln zwischen der Skylla und der Charybdis.
[ 4 ] From various newspaper reports in recent days, you can see how what emanates from Dornach here has an impact on the world, how it is received in one way or another by this or that person, and one should take such events extremely seriously. One must be clear that, fundamentally, every word we utter today must be thoroughly considered, and that important words should not, in fact, be spoken without imposing upon oneself the obligation to gain an understanding of the general course of world events—which today constitute an extraordinarily complex organism. It will be my duty to address the matters at hand in the very near future; but I would like to begin today by noting that, precisely because of our movement’s connections to the general course of world events, it is our foremost duty to truly gain a full understanding that we can no longer conduct our movement in a sectarian manner. I have spoken about this fact on numerous occasions. The time has certainly come when we need to take on every single collaborator—but every single collaborator must bear the broad, full responsibility for what they represent in the spirit of our movement. And this responsibility should be structured in such a way that it is linked to a commitment not to say anything that, based on inner reasons, does not appear to be in proper context with the general course of today’s world events. Sectarian activity is the least in harmony with today’s world events. What is to be advocated today must be able to be advocated in full view of the entire world and must not have a sectarian or amateurish character, regardless of whether it is something spoken or something done. We must not shy away from navigating between Scylla and Charybdis.
[ 5 ] Gewiß wird sich mancher sagen und damit auf eine gewisse Skylla deuten: Wie soll ich mich denn darüber informieren, was heute geschieht, da der Gang der Ereignisse ein so verwickelter geworden ist, da man heute so schwer aus den Symptomen auf die innere Bewegung der Tatsachen schließen kann? — Aber das soll eben nicht, ich möchte sagen, zur Charybdis hinführen, das heißt, tatenlos zu sein; sondern es sollte eben zum richtigen Durchsegeln führen, nämlich zum Fühlen der Verpflichtung, sich, so gut es geht, mit allen nur zugänglichen Mitteln in Einklang zu versetzen mit dem Gang der allgemeinen Weltenereignisse. Es ist ja gewiß leichter, sich zu sagen: Da ist die Anthroposophie, die lerne ich; auf ihrem Boden denke ich auch ein bißchen nach, erforsche das eine oder das andere und das vertrete ich dann vor der Welt. — Gerade dadurch kommen wir in die Sektiererei hinein, wenn wir so, gewissermaßen mit Scheuledern gegenüber den so großen, wichtigen Ereignissen der Gegenwart, einfach ohne rechts und links zu sehen, auf einem solchen Wege tätig sein wollen, wie ich es eben angedeutet habe. Uns obliegt es, den Gang der Ereignisse der Gegenwart zu studieren und vor allen Dingen bei diesem Studieren zugrunde zu legen dasjenige, was uns an Urteilen zukommen kann durch die Tatsachen, die aus anthroposophischer Geisteswissenschaft selber folgen.
[ 5 ] Certainly, some will say to themselves—and thereby allude to a certain Scylla—How am I supposed to keep myself informed about what is happening today, since the course of events has become so convoluted, and since it is so difficult today to infer the underlying dynamics of events from their outward signs? — But that is precisely not meant, I would say, to lead to Charybdis—that is, to inaction—but rather it should lead to navigating through it correctly, namely, to feeling the obligation to bring oneself, as best one can and with all available means, into harmony with the course of general world events. It is certainly easier to say to oneself: Here is anthroposophy; I will study it; on that foundation I will also reflect a little, explore one thing or another, and then present that to the world. — It is precisely through this that we fall into sectarianism if, so to speak, with blinders on in the face of the great and important events of the present, we simply want to proceed along the path I have just indicated without looking to the right or to the left. It is our duty to study the course of current events and, above all, to base this study on the judgments that can be derived from the facts that follow from anthroposophical spiritual science itself.
[ 6 ] Die ganzen Jahre her sind hier Tatsachen zusammengetragen worden mit dem Zwecke, daß auf Grundlage dieser Tatsachen der einzelne in die Lage kommt, sich ein Urteil zu bilden. Es dürfen diese Tatsachen nicht unberücksichtigt bleiben, wenn man von unseren Beobachtungen aus ein Urteil über irgend etwas, was heute geschieht, fällen will. Dies möchte ich heute nur im allgemeinen hingestellt haben und werde in der allernächsten Zeit auf Einzelheiten nach dieser Richtung eingehen.
[ 6 ] Over the years, facts have been compiled here with the aim of enabling individuals to form their own judgments based on these facts. These facts must not be ignored if one wishes to form a judgment, based on our observations, about anything that is happening today. I would like to leave this at a general level for now and will go into more detail in this regard in the very near future.
[ 7 ] Ich möchte heute einiges von dem vorbringen, was ergänzen wird, was ich letzten Sonntag hier über das Wesen des menschlichen Sinnesorganismus vorgebracht habe. Und ich möchte davon ausgehen, daß ich einen Gegensatz vor Sie hinstelle, den ich oftmals schon gerade an diesem Orte zum Ausdruck gebracht habe. Es besteht ja heute, ohne daß das große Publikum viel davon weiß, aber doch in dieser Richtung denkt, ich möchte sagen, das Infiziertsein durch die naturwissenschaftliche Denkweise auf der einen Seite, und auf der andern Seite besteht bei dem einen noch ein alter traditioneller Glaube an sittliche oder religiöse Ideale, bei dem andern besteht nurmehr Skeptizismus, Zweifelsucht in dieser Beziehung, bei dem dritten Gleichgültigkeit und so weiter. Dieser große Gegensatz, der durchzittert und durchzuckt heute im Grunde die ganze Menschheit: Wie verhält sich der notwendige Gang der Naturereignisse zu dem, was die Geltung der ethischen, sittlichen und religiösen Ideale ist?
[ 7 ] Today I would like to present some thoughts that will supplement what I said here last Sunday about the nature of the human sensory organism. And I would like to begin by presenting a contrast that I have often expressed right here in this very place. Today, without the general public being very aware of it—though they do tend to think along these lines—there is, I would say, on the one hand, an influence of the scientific way of thinking; and on the other hand, in some people there remains an old, traditional belief in moral or religious ideals, while in others there is now only skepticism and a tendency to doubt in this regard, and in still others, indifference, and so on. This great contrast, which essentially shakes and pierces all of humanity today: How does the inevitable course of natural events relate to the validity of ethical, moral, and religious ideals?
[ 8 ] Noch einmal will ich erwähnen, was ich ja vor eine große Anzahl von Ihnen bereits hingestellt habe: Wir haben eine naturwissenschaftliche Weltanschauung auf der einen Seite; sie glaubt, durch ihre Tatsachen etwas ausmachen zu können über den Weltengang, namentlich den Weltengang der Erde. Und wenn sie auch dasjenige, was sie sagt, als hypothesenhaft betrachtet, so impft sich das doch dem ganzen Denken, dem ganzen Empfinden und dem ganzen Fühlen der Menschheit ein. Man führt unser Erdendasein auf eine Art Nebelzustand zurück. Man betrachtet dann als durch rein naturgesetzliche Notwendigkeit hervorgebracht alles, was aus diesem Nebelzustand hervorgegangen ist, und man sieht auf den Endzustand unseres Erdendaseins hin, indem man wiederum starre, notwendige Naturgesetze zugrunde legt und sich Vorstellungen darüber macht, wie diese Erde zugrunde gehen wird. Und man hat, indem man eine solche Anschauung aufstellt, eine Grundvorstellung, welche heute auch schon ganz populär geworden ist, welche den Kindern in der Schule beigebracht wird; man hat die Grundvorstellung, daß der Stoff des Weltenalls, gleichgültig ob man ihn aus Atomen oder Ionen und dergleichen bestehen läßt, unzerstörbar sei, daß also gewissermaßen der Stoff beim Ausgangspunkt der Erdenbildung in einer gewissen Weise geballt war, sich dann umgewandelt, metamorphosiert hat, aber daß im Grunde genommen heute derselbe Stoff da ist, der im Beginn der Erdenentwickelung da war, und daß derselbe Stoff am Ende der Erdenentwickelung da sein wird, nur anders geballt, daß der Stoff unzerstörbar ist, daß alles nur Verwandlungen im Stoffe sind. Man hat hinzugefügt zu dieser Anschauung diejenige von der sogenannten Erhaltung der Kraft, indem man eine gewisse Summe von Kräften im Beginne annimmt, sie sich umwandelnd denkt und sich im Grunde genommen wiederum dieselbe Summe von Kräften im Endzustande der Erde vorstellt.
[ 8 ] Once again, I would like to mention what I have already presented to many of you: On the one hand, we have a scientific worldview; it believes that, through its facts, it can determine something about the course of the universe, specifically the course of the Earth. And even if it regards what it says as hypothetical, this nevertheless permeates the entire thinking, the entire sensibility, and the entire feeling of humanity. Our existence on Earth is traced back to a kind of nebulous state. Everything that has emerged from this nebulous state is then regarded as having been brought about by the pure necessity of natural laws, and we look toward the final state of our existence on Earth by again basing our understanding on rigid, necessary natural laws and forming ideas about how this Earth will come to an end. And by adopting such a view, one holds a fundamental notion—one that has already become quite widespread today and is taught to children in school— one holds the basic notion that the matter of the universe—regardless of whether one conceives it as consisting of atoms, ions, or the like—is indestructible; that is, that the matter was, so to speak, concentrated in a certain way at the starting point of Earth’s formation, then transformed and metamorphosed, but that, fundamentally speaking, the same matter exists today that existed at the beginning of the Earth’s development, and that the same matter will exist at the end of the Earth’s development, merely concentrated differently; that matter is indestructible; and that everything is merely a transformation of matter. To this view has been added the principle of the so-called conservation of energy, by assuming a certain sum of forces at the beginning, conceiving of them as transforming, and imagining that, in essence, the same sum of forces will exist again in the Earth’s final state.
[ 9 ] Es sind nur einzelne mutige Geister gewesen, welche sich gegen so etwas aufgebäumt haben. Einen habe ich als typisches Beispiel öfters vor Ihnen angeführt, Herman Grimm, der ja gesagt hat: Von einem Nebelzustand, von der Kant-Laplaceschen Nebelessenz im Beginne des Erdendaseins oder des Weltendaseins spricht man; da soll sich durch rein natürliche Vorgänge alles herausgeballt haben, was auf unserer Erde ist, inbegriffen der Mensch. Und dann soll sich das umwandeln, bis es zuletzt als Schlacke wiederum in die Sonne zurückfällt. Herman Grimm meint, ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund herumläuft, sei ein appetitlicherer Anblick als diese Kant-Laplacesche Theorie vom Weltendasein, und es würde künftigen Zeiten schwer sein, kulturhistorisch zu erhärten, wie es hat sein können, daß das 19. und 20. Jahrhundert von dieser Krankheit, so etwas zu denken, hat ergriffen werden können. Einzelne mutige Geister, wie gesagt, haben sich aufgelehnt gegen diese Dinge. Aber diese Dinge werden heute so gelehrt, daß man von demjenigen, der dagegen etwas einwendet, wenn es ein Herman Grimm ist, sagt: Nun ja, ein Kunstgelehrter braucht ja von der Naturwissenschaft nichts zu verstehen. — Und wenn es ein anderer sagt, der von der Naturwissenschaft etwas verstehen will, so hält man ihn für einen Narren. Derlei Dinge gelten heute für selbstverständlich, und die wenigsten Menschen empfinden, welche Bedeutung dieses Selbstverständlichsein eigentlich hat. Wenn diese Anschauung auch nur ein Atom Richtigkeit hat, dann hat alles Reden von sittlichen und religiösen Idealen keinen Sinn, dann sind sittliche und religiöse Ideale aus den Gehirnen der Menschen herausgeboren und steigen auf wie Blasen — die sozialdemokratischen Theoretiker nennen sie eine Ideologie, um die Menschen zu äffen —, die sich ja nur herausgeballt haben aus den Verwandlungen des Stoffes und die verschwinden werden, wenn unsere Erde in ihrem Endzustand angelangt ist. Alles, was wir uns vorstellen an sittlichen, an religiösen Idealen, ist lediglich Schaumblase dann. Denn die Realität, welche die naturwissenschaftliche Weltanschauung fordert, ist so geartet, daß sie gar nicht eine sittliche oder religiöse Weltanschauung zuläßt, wenn man diese naturwissenschaftliche Weltanschauung so hinnimmt, wie sie von der Mehrzahl der Menschen geglaubt wird. Daher handelt es sich darum, daß die Zeit, die heute reif ist auf der einen Seite, dringend notwendig macht auf der andern Seite, daß aus ganz andern Quellen heraus, als die heutige Bildung sie hat, eine Weltanschauung geholt werde.
[ 9 ] Only a few courageous minds have rebelled against such ideas. I have often cited one of them as a typical example: Herman Grimm, who said: People speak of a state of nebula, of the Kant-Laplacean nebular essence at the beginning of the Earth’s existence or the existence of the world; everything on our Earth, including humankind, is said to have coalesced from this through purely natural processes. And then it is supposed to undergo transformation until it finally falls back into the sun as slag. Herman Grimm believes that a carcass bone, around which a hungry dog circles, is a more appetizing sight than this Kant-Laplacean theory of the universe’s existence, and that it would be difficult for future generations to substantiate, from a cultural-historical perspective, how it could have been that the 19th and 20th centuries could have been seized by this disease of thinking such things. A few courageous minds, as I said, have rebelled against these ideas. But these ideas are taught today in such a way that when someone objects to them—even if it is a Herman Grimm—people say: “Well, a scholar of the arts doesn’t need to understand anything about the natural sciences.”—And if someone else says it—someone who does want to understand the natural sciences—they are considered a fool. Such things are taken for granted today, and very few people realize what this assumption of self-evidence actually means. If this view has even a shred of truth to it, then all talk of moral and religious ideals is meaningless; then moral and religious ideals are born out of people’s minds and rise up like bubbles — Social Democratic theorists call them an “ideology” to mock people — that have merely bubbled up from the transformations of matter and will vanish when our Earth reaches its final state. Everything we imagine in terms of moral and religious ideals is merely a bubble of foam, then. For the reality demanded by the scientific worldview is such that it does not permit a moral or religious worldview at all, if one accepts this scientific worldview as it is believed by the majority of people. Therefore, the issue is that the times—which are ripe today on the one hand—make it urgently necessary on the other hand to derive a worldview from sources entirely different from those of today’s education.
[ 10 ] Diese Quellen, die es möglich machen, daß eine sittliche und eine religiöse Weltanschauung neben der naturwissenschaftlichen bestehe, können einzig und allein die geisteswissenschaftlichen Quellen sein. Aber diese geisteswissenschaftlichen Quellen müssen dann da aufgesucht werden, wo sie im vollen Ernst sprechen. Das Aufsuchen dieser Quellen wird vielen Menschen der Gegenwart schwer. Sie wollen sich lieber hinwegsetzen über jenen reinen Widerspruch, den ich heute wiederum vor Sie hingestellt habe, denn man hat nicht den Mut, der naturwissenschaftlichen Weltanschauung selber zu Leibe zu gehen. Man hört von denen, die man als Autoritäten betrachtet, das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft sei sichergestellt und jeder sei ein Dilettant, der sich nicht an diese Gesetze hält. Man bringt eben gegenüber der ungeheuren Last der falschen Autorität, die heute auf der Menschheit liegt, den Mut nicht auf, von dieser Autorität weg zu den Quellen der Geisteswissenschaft zu gehen. |
[ 10 ] The only sources that make it possible for a moral and religious worldview to coexist alongside the scientific worldview can be the sources of the humanities. But these sources of the humanities must be sought out where they speak with the utmost seriousness. Seeking out these sources is difficult for many people today. They would rather ignore the clear contradiction that I have once again presented to you today, because they lack the courage to grapple with the scientific worldview itself. One hears from those regarded as authorities that the law of conservation of matter and energy is certain, and that anyone who does not adhere to these laws is a dilettante. Faced with the immense burden of false authority that weighs upon humanity today, people simply cannot muster the courage to turn away from this authority and turn instead to the sources of spiritual science. |
[ 11 ] Und auch das lehren die äußeren Tatsachen, daß das Heil des Christentums, das Heil eines wirklichen Begreifens des Mysteriums von Golgatha von der Hinwanderung zu den Quellen der Geisteswissenschaft abhängt. Der äußere Gang der Ereignisse zeigt das ja. Sehen Sie sich die sogenannten fortgeschrittenen Theologen an, sehen Sie sich an, was von den fortgeschritteneren Vertretern des Christentums gelehrt wird. Der Materialismus hat ja auch die Religion ergriffen. Nicht mehr kann man einsehen, wie das geistig-göttliche Prinzip, das mit dem Namen des Christus umrissen ist, vereinigt ist mit der menschlichen Persönlichkeit des Jesus von Nazareth, denn diese Vereinigung kann heute nur aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraus gekannt werden.
[ 11 ] And the external facts also teach us that the salvation of Christianity—the salvation of a true understanding of the Mystery of Golgotha—depends on turning to the sources of spiritual science. The external course of events clearly shows this. Look at the so-called progressive theologians; look at what is being taught by the more progressive representatives of Christianity. Materialism has, after all, taken hold of religion as well. It is no longer possible to understand how the spiritual-divine principle, embodied in the name of Christ, is united with the human personality of Jesus of Nazareth, for this union can be known today only through the sources of spiritual science.
[ 12 ] Und so ist es denn dahin gekommen, daß auch die Theologie materialistisch geworden ist, nur von dem «schlichten Manne aus Nazareth» spricht, von einem Menschen, der ja Großartigeres gelehrt haben soll als andere, der aber eben doch nur als ein großartigerer Lehrer in Betracht kommt, der nicht in Betracht kommt durch dasjenige Wesen, das er in seinem Leibe getragen hat. Und einer der bedeutendsten Theologen der Gegenwart, Adolf Harnack, hat ja das Wort geprägt: Nicht der Christus, sondern der Vater gehört in das Evangelium —, das heißt, das Evangelium soll nicht sprechen von dem Christus, weil solche Theologen wie Harnack im Grunde genommen den Christus gar nicht mehr kennen, sondern nur den Lehrer von Nazareth. Die Lehre dieses Menschen von Nazareth wollen sie noch annehmen; die Lehre von dem väterlichen Schöpfer der Welt, die gehöre ins Evangelium, nicht aber eine Lehre über den Christus Jesus selber!
[ 12 ] And so it has come to pass that theology, too, has become materialistic, speaking only of the “simple man from Nazareth”—a man who is said to have taught greater things than others, but who is regarded merely as a greater teacher, and not in light of the very Being he bore in his body. And one of the most significant theologians of our time, Adolf Harnack, coined the phrase: “It is not Christ, but the Father who belongs in the Gospel”—that is to say, the Gospel should not speak of Christ, because theologians like Harnack, in essence, no longer know Christ at all, but only the teacher from Nazareth. They are still willing to accept the teaching of this man from Nazareth; the teaching about the Father, the Creator of the world, belongs in the Gospel, but not a teaching about Christ Jesus himself!
[ 13 ] Auf dieser Bahn der Naturalisierung, der Materialisierung würde das Christentum zweifellos fortschreiten, wenn ein geisteswissenschaftlicher Einschlag für dasselbe nicht kommen würde. Aus dem, was von altersher die Menschheit überkommen hat, kann sie in ehrlichem Sinne keinen Begriff aufbringen über die Vereinigung der göttlichen und der menschlichen Natur in dem Christus Jesus. Dazu ist die Eröffnung neuer Quellen geistiger Wissenschaft notwendig. Und diese Eröffnung brauchen wir für das religiöse Leben; diese Eröffnung, wir brauchen sie aber auch für die von den Zeitereignissen geforderte Neugestaltung der sozialen Verhältnisse innerhalb unserer Zivilisation. Und wir brauchen vor allen Dingen eine völlige Neugestaltung der Wissenschaft, eine Durchdringung aller Wissenschaften mit geisteswissenschaftlichen Quellen. Ohne diese geht es nicht weiter. Und derjenige, der glaubt, man brauche sich nicht zu kümmern um den Gang des religiösen Lebens, um den Gang des sozialen Lebens, um den Gang der öffentlichen Ereignisse über die zivilisierte Welt hin, um den Gang der wissenschaftlichen Leistungen, wer da glaubt, man könne in sektiererischer Abgeschlossenheit Anthroposophie treiben vor irgendeinem zusammengewürfelten Kreis, der sich dann als eine Summe von Fremdlingen innerhalb dieser Welt ausnimmt, der ist eben durchaus in einem schweren Irrtum befangen.
[ 13 ] Christianity would undoubtedly continue along this path of naturalization and materialization were it not for the emergence of a spiritual-scientific movement. From what humanity has inherited since time immemorial, it cannot, in any genuine sense, form a concept of the union of the divine and human natures in Christ Jesus. For this, the opening of new sources of spiritual science is necessary. And we need this opening for religious life; but we also need it for the restructuring of social conditions within our civilization, as demanded by current events. And above all, we need a complete restructuring of science, an infusion of spiritual-scientific sources into all branches of science. Without this, we cannot move forward. And anyone who believes that one need not concern oneself with the course of religious life, with the course of social life, with the course of public events across the civilized world, or with the course of scientific achievements—anyone who believes that one can practice anthroposophy in sectarian isolation before some motley group that then appears as a collection of strangers within this world—such a person is indeed caught in a grave error.
[ 14 ] Bei allem, was hier von mir gesprochen wird, liegt immer zugrunde die Verantwortung gegenüber dem ganzen Gang der gegenwärtigen Weltereignisse. Bei jedem einzelnen Satze, bei jedem einzelnen Worte liegt diese Verantwortung zugrunde. Ich muß das schon erwähnen aus dem Grunde, weil es nicht immer in aller Schärfe eingesehen wird. Wenn heute in derselben Weise fortgefahren wird, von Mystik zu reden, wie viele im Laufe des 19. Jahrhunderts von Mystik geredet haben, dann steht das nicht mehr im Einklange mit dem, was die Welt heute fordert. Und wenn nur zu dem, was sonst im Gang der Weltereignisse geschieht, der Inhalt der anthroposophischen Lehre hinzugesetzt wird, so steht das ebenfalls nicht im Einklange mit den Anforderungen der Gegenwart. Erinnern Sie sich, wie im Mittelpunkt der Betrachtungen, die ich seit Jahrzehnten pflege, das Problem, das Rätsel der menschlichen Freiheit steht. Dieses Problem der menschlichen Freiheit, wir müssen es heute in den Mittelpunkt einer jeglichen und wirklich geisteswissenschaftlichen Betrachtung stellen.
[ 14 ] Everything I say here is always grounded in a sense of responsibility toward the entire course of current world events. This responsibility underlies every single sentence, every single word. I must mention this because it is not always fully appreciated. If we continue today to speak of mysticism in the same way that many spoke of it during the 19th century, then this is no longer in harmony with what the world demands today. And if the content of the anthroposophical teaching is simply added to what is otherwise happening in the course of world events, that, too, is not in harmony with the demands of the present. Remember how the problem—the enigma—of human freedom has been at the center of the reflections I have been cultivating for decades. This problem of human freedom—we must place it today at the center of every truly spiritual-scientific reflection.
[ 15 ] Wir müssen dies aus zwei Gründen tun. Erstens deshalb, weil alles, was aus den alten Mysterien heraus aufgebracht worden ist, was durch die Initiationswissenschaft der alten Zeit vor die Welt hingestellt worden ist, weil alles das ohne ein wirkliches Begreifen des Rätsels der menschlichen Freiheit dasteht. Großartiges, Gewaltiges haben die Lehrer der alten Mysterien der Menschheit überliefern können. Großartiges, Gewaltiges liegt in den mythischen Überlieferungen der verschiedenen Völker, die ja auch esoterisch erläutert werden dürfen, freilich nicht so, wie man es oft macht. Großartiges liegt in den sonstigen Überlieferungen, die ihren Quell in der Initiationswissenschaft alter Zeit haben, wenn man sie nur in der richtigen Weise versteht. Aber eines liegt in alledem nicht, eines liegt nicht in der Initiationswissenschaft der alten Mysterien, nicht in den Mythen der verschiedenen Völker, auch wenn sie esoterisch verstanden werden, nicht in den Traditionen, die sich herschreiben aus dieser Initiationswissenschaft: das ist das Rätsel von der menschlichen Freiheit. Denn derjenige, der von einer Initiationswissenschaft, von einer Einweihung der Gegenwart ausgeht, der begreift, wie Einweihung der Gegenwart sich hinstellt neben Einweihung der Vergangenheit, der weiß, daß die Menschheit in ihrer Entwickelung über die Erde hin erst jetzt in das Stadium wirklicher Freiheit eintritt, und daß es einfach früher nicht nötig war, der Menschheit eine Initiationswissenschaft zu geben, die ganz imprägniert wäre von dem Rätsel der Freiheit. Was alles das Rätsel der Freiheit umschließt, in welche Lage die menschliche Seele versetzt ist, wenn sie das Rätsel der Freiheit völlig klar auf sie abgeladen findet, das ahnen die wenigsten Menschen heute. Alle Initiationswissenschaft muß ja ein neues Licht empfangen durch dieses Rätsel der menschlichen Freiheit. Das auf der einen Seite. Wir sehen, wie sich fortsetzen aus alten Zeiten in direkter Kontinuation, möchte ich sagen, Geheimgesellschaften, die zum Teil recht stark in demLeben der Gegenwart stehen, die aber nur das Alte bewahren, nur das Alte nachahmen, nur fortwirken im Sinne des Alten, und die doch nichts weiter sind, als Schatten des Alten, die nichts weiter sind als etwas, was, wenn es heute wirkt, der Menschheit schädlich sein muß.
[ 15 ] We must do this for two reasons. First, because everything that has been brought forth from the ancient mysteries—everything that was presented to the world through the initiatory science of antiquity—stands there without a true understanding of the enigma of human freedom. The teachers of the ancient mysteries were able to bequeath something magnificent and awe-inspiring to humanity. Something magnificent and awe-inspiring lies in the mythical traditions of the various peoples, which may indeed be explained esoterically—though certainly not in the way it is often done. Something magnificent lies in the other traditions that have their source in the initiatory science of ancient times, provided they are understood in the right way. But one thing is not found in all of this; one thing is not found in the initiatory science of the ancient mysteries, nor in the myths of the various peoples—even when understood esoterically—nor in the traditions derived from this initiatory science: that is the enigma of human freedom. For whoever proceeds from a science of initiation, from an initiation of the present, who understands how the initiation of the present stands alongside the initiation of the past, knows that humanity, in its development across the Earth, is only now entering the stage of true freedom, and that it was simply not necessary earlier to give humanity a science of initiation that would be entirely imbued with the mystery of freedom. Very few people today have even the faintest inkling of what the mystery of freedom encompasses, or of the situation into which the human soul is placed when it finds the mystery of freedom laid upon it with complete clarity. All initiatory science must, after all, receive a new light through this mystery of human freedom. That is one side of the matter. We see how secret societies—carrying on from ancient times in direct continuity, I might say—continue to exist; some of them are quite deeply embedded in contemporary life, yet they merely preserve the old, merely imitate the old, and merely carry on in the spirit of the old, and which are, after all, nothing more than shadows of the past—nothing more than something that, when it exerts its influence today, cannot but be harmful to humanity.
[ 16 ] Man muß einsehen, daß selbst die einstmals größten Mysterien, wollte sie heute jemand lehren, schädlich für die Menschheit wären. Niemand, der das Wesen gegenwärtiger Initiation versteht, kann wie etwas Gegenwärtiges lehren, was einst in den ägyptischen, in den chaldäischen, in den indischen, selbst in den griechischen Mysterien, die uns noch so nahestehen, gelehrt worden ist. Aber schließlich ist alles, was an Lehre über das Christentum vorgebracht worden ist bis jetzt, aus diesen traditionellen Lehren heraus vorgebracht worden. Und nötig haben wir, aus einer neuen Lehre neu das Mysterium von Golgatha zu verstehen. Das, wie gesagt, auf der einen Seite.
[ 16 ] One must realize that even the greatest mysteries of the past, were anyone to teach them today, would be harmful to humanity. No one who understands the nature of present-day initiation can teach as something relevant today what was once taught in the Egyptian, Chaldean, Indian, or even Greek mysteries—which are still so close to us. But after all, everything that has been taught about Christianity up to now has been derived from these traditional teachings. And what we need is to understand the mystery of Golgotha anew through a new teaching. That, as I said, is on the one hand.
[ 17 ] Auf der andern Seite sehen wir den Gang der Zeitereignisse. Wir sehen, wie aus unterbewußten, tiefliegenden Gründen der Menschenseele heraufzieht das Streben nach dem Freiheitsimpuls. Wir sehen, wie gewissermaßen dieser Ruf nach Freiheit das menschliche Streben der neueren Zeit durchtönt. Ja, er durchtönt dieses Streben, aber es durchtönt so vieles das menschliche Streben, was nicht klar verstanden wird, was nur aus unterbewußten Tiefen herauftönt und was eben mit klarem Verständnis erst durchdrungen werden muß. Man möchte sagen: Die Menschheit lechzt nach Freiheit! Die Initiationswissenschaft weiß, daß sie eine Initiationswissenschaft geben muß, beleuchtet von dem Lichte der Freiheit.
[ 17 ] On the other hand, we see the course of historical events. We see how, from subconscious, deep-seated motives within the human soul, the striving for freedom arises. We see how, in a sense, this call for freedom resonates throughout human striving in modern times. Yes, it resonates through this striving, but so much else resonates through human striving—things that are not clearly understood, that rise only from subconscious depths, and that must first be penetrated by clear understanding. One might say: Humanity yearns for freedom! The science of initiation knows that there must be a science of initiation illuminated by the light of freedom.
[ 18 ] Und diese zwei Dinge, dieses Streben der Menschheit und dieses Herausschaffen einer Initiationsweisheit, beleuchtet mit dem Lichte der Freiheit, diese zwei Dinge müssen zusammenkommen. Sie müssen zusammenkommen auf allen Gebieten. Daher darf man heute nicht aus allen möglichen alten Untergründen heraus über die soziale Frage reden. Man kann heute über sie nur dann reden, wenn man sie im Lichte der Geisteswissenschaft betrachtet. Das wird gerade der heutigen Menschheit so schwer. Warum? — Ja, die Menschheit strebt nach Freiheit, nach Freiheit der einzelnen Individualität, und mit Recht strebt sie darnach. Ich sage durchaus: mit Recht. Die Menschen können nicht mehr im Sinne des alten Gruppensystems mit den Gruppenseelen wirken. Die Menschen müssen Individualitäten bilden. Aber dieses Streben, Individualitäten zu bilden, das scheint zu widersprechen dem Hinhorchen auf das, was aus der Initiationswissenschaft kommt und was ja selbstverständlich zunächst durch einzelne Individuen kommen muß. Der alte Initiierte hatte Mittel und Wege, sich seine Schüler auszusuchen, seinen Schülern die Initiationsweisheit zu übertragen und auch Anerkennung für sie zu schaffen und Anerkennung für sich und seine Mysterienstätte. Der moderne Initiierte kann das nicht haben, denn es würde notwendig machen, daß man aus gewissen Kräften und Impulsen der Gruppenseelenhaftigkeit heraus wirke, und das geht heute nicht. So steht heute die Menschheit da; jeder möchte von dem Standpunkte aus, auf dem er gerade steht, eine Individualität werden. Da will er selbstverständlich nicht auf das hören, was da durch Menschen als Initiationswissenschaft kommt. Aber ehe nicht die Menschen einsehen, daß sie nur gerade dadurch Individualitäten werden können, daß sie wiederum durch andere menschliche Individualitäten den Inhalt der Initiationswissenschaft aufnehmen, eher kann es nicht besser werden. Das hängt nicht nur zusammen mit einzelnen Weltanschauungsfragen, das hängt zusammen mit dem Grundcharakter unseres ganzen Zeitalters und mit den Auswirkungen dieses Zeitalters auf geistigem, auf staatlichem und wirtschaftlichem Gebiete. Nach Freiheit dürstet die Menschheit. Von Freiheit möchte die Initiationswissenschaft sprechen. Wir sind aber im gegenwärtigen Entwickelungsstadium der Menschheit eigentlich erst da angekommen, wo Freiheit durch den gesunden Menschenverstand wirklich begriffen werden kann. Heute muß man manches einsehen, was Sie aus unserer anthroposophischen Literatur entnehmen können und was ich hier wiederum von gewissen Gesichtspunkten aus kurz zusammenfassen möchte. Man muß heute begreifen, was für eine Art von Wesen der Mensch ist. Alles abstrakte Schwätzen von Monismus läuft gerade vorbei an dem wahren Monismus, der errungen sein will, nachdem man manches andere durchgemacht hat, den man aber nicht von vornherein als eine Weltanschauung deklamieren kann.
[ 18 ] And these two things—this striving of humanity and this bringing forth of initiatory wisdom, illuminated by the light of freedom—these two things must come together. They must come together in all areas. That is why, today, one must not speak of the social question from all sorts of old, underlying perspectives. Today, one can speak of it only if one views it in the light of spiritual science. This is precisely what is so difficult for humanity today. Why? — Yes, humanity strives for freedom, for the freedom of the individual, and it strives for this rightly. I say quite emphatically: rightly. People can no longer work with group souls in the sense of the old group system. People must develop individualities. But this striving to develop individualities seems to contradict listening to what comes from the science of initiation—which, of course, must first come through individual human beings. The ancient initiate had ways and means of selecting his disciples, imparting the wisdom of initiation to them, and also establishing recognition for them, as well as for himself and his place of mystery. The modern initiate cannot do this, for it would require acting out of certain forces and impulses associated with group soulhood, and that is not possible today. This is the state of humanity today: everyone wants to become an individual from the standpoint on which they currently stand. Naturally, they do not want to listen to what comes through human beings as the science of initiation. But until people realize that they can become individuals only by absorbing the content of the science of initiation through other human individuals, things cannot improve. This is not merely a matter of individual worldviews; it is connected to the fundamental character of our entire age and to the effects of this age in the spiritual, political, and economic spheres. Humanity thirsts for freedom. The science of initiation wishes to speak of freedom. But at the present stage of humanity’s development, we have actually only just reached the point where freedom can truly be understood through common sense. Today we must come to understand many things that you can glean from our anthroposophical literature and which I would like to briefly summarize here from certain perspectives. Today we must understand what kind of being the human being is. All the abstract chatter about monism completely misses the mark of true monism—a monism that must be attained after one has gone through certain experiences, but which cannot be proclaimed as a worldview from the outset.
[ 19 ] Der Mensch ist ein Doppelwesen. Auf der einen Seite steht dasjenige, was man — das Wort führt zu Mißverständnissen, aber wir haben ja in der Sprache so wenig Worte, die wirklich adäquat dasjenige ausdrücken, was man eigentlich ausdrücken möchte vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus —, was man die niedere Natur des Menschen nennen könnte, die physisch-körperhafte Organisation, aus der zunächst der Mensch besteht. Diese physisch-körperhafte Organisation habe ich Ihnen das letzte Mal im Zusammenhange gerade mit der Sinnesorganisation geschildert, Wir wollen heute zunächst davon absehen und morgen auf die Sache wieder zurückkommen. Aber jeder von Ihnen, der einigermaßen die anthroposophische Literatur verfolgt hat, hat ja eine Vorstellung von dieser physisch-körperhaften Organisation des Menschen und auch davon, daß sie zusammenhängt mit dem, was zunächst unsere Umwelt ist. Das, was da draußen die Welt konstituiert, was draußen im mineralischen, im pflanzlichen, im tierischen Reiche lebt, das konstituiert physisch-körperhaft auch uns Menschen. Wir sind ja eine Art Zusammenfassung, heraufgehoben auf eine höhere Stufe, und man kann bildhaft sagen: die Krone der Schöpfung. Aber wir sind eben in physisch-körperhafter Weise ein Zusammenfluß dessen, was an Kräfte- und Stoffwirkungen außer uns vorgeht und was vor uns auftaucht durch unsere Sinneswahrnehmungen.
[ 19 ] Human beings are dual beings. On the one hand, there is what one might call—the word leads to misunderstandings, but we have so few words in our language that truly and adequately express what one actually wishes to convey from the standpoint of spiritual science—what one might call the lower nature of the human being, the physical-bodily organization of which the human being is primarily composed. I described this physical-bodily organization to you last time in connection specifically with the sensory organization. Let us set that aside for now and return to the subject tomorrow. But anyone among you who has followed anthroposophical literature to any extent already has an idea of this physical-bodily organization of the human being and also of the fact that it is connected to what is, first and foremost, our environment. That which constitutes the world out there—that which lives out there in the mineral, plant, and animal kingdoms—also constitutes us human beings in a physical-bodily sense. We are, after all, a kind of synthesis, raised to a higher level, and one might figuratively say: the crown of creation. But in a physical-bodily sense, we are precisely a convergence of the forces and material processes occurring outside of us and of what appears before us through our sensory perceptions.


[ 20 ] Dann haben wir unser Innenleben. Wir haben unser Wollen, unser Fühlen, unser Denken, unser Vorstellen. Wir können, wenn wir uns auf uns selbst besinnen, aufmerksam werden auf dieses Wollen, Fühlen, Denken in uns, und wir können dieses Wollen, Fühlen und Denken mit dem durchdringen, was wir unsere religiösen, unsere sittlichen und sonstigen Ideale nennen. Wir kommen da zu etwas, was man — wiederum führt das leicht zu Mißverständnissen, aber man braucht dieses Wort den seelisch-geistigen Menschen nennen kann. Man kommt nicht zurecht, wenn man nicht den Seelenblick hinwendet einerseits auf diesen geistig-seelischen Menschen, andererseits auf den physisch-körperlichen Menschen. Aber es ist notwendig, daß man, sei es durch ein wirklich unbefangenes Verfolgen der Tatsachen der Natur, sei es durch Vertiefung in die Geisteswissenschaft, es ist notwendig, daß man sich zum Bewußtsein bringe: diese physisch-körperhafte Organisation liegt eigentlich zunächst nicht vor in demjenigen, was irgendwelche menschliche Wissenschaft, wie sie heute in der exoterischen Welt existiert, umfassen kann. Wenn ich das schematisch durch eine Zeichnung klarmachen soll, so möchte ich sagen: Wenn ich alles das zusammenfasse, was menschlich-physische Organisation ist und was im Zusammenhange steht mit der ganzen Umwelt (siehe Zeichnung, rot), so geht das bis zu einem gewissen Punkte — ich will das hier durch eine Linie zeichnen —, und straff davon verschieden, trotz aller moderner dilettantischer psychologischer Einwände, straff davon verschieden ist dasjenige, was man die geistig-seelische Natur des Menschen nennen kann (gelb), die ihrerseits mit einer Welt des Geistig-Seelischen in Verbindung steht, mit einer Welt, die der heutigen Menschheit sehr abstrakt vorkommt, weil sie sie nur auffaßt im Sinne der abstrakt-sittlichen oder im Sinne der religiösen Ideale, die auch immer mehr und mehr zu abstrakten Vorstellungen geworden sind. Beiden Gliedern der menschlichen Natur gegenüber muß man aber sagen: Das, was man heute als Wissenschaft ansieht, das umfaßt weder die physisch-körperliche noch die geistig-seelische Natur des Menschen. Die physisch-körperliche Natur des Menschen, man kann sie nicht erkennen. Lesen Sie die Gründe, warum man sie nicht erkennen kann, in meinem kleinen Büchelchen «Durch den Geist zur Wirklichkeits-Erkenntnis der Menschenrätsel». Wenn der Mensch nämlich bei einer Innenschau sich selber durchschauen würde, das heißt, bis auf den Grund hinunterschauen würde auf das, was da im Inneren eigentlich vorgeht, dann würde er genau sehen können, was im Inneren vorgeht, in dem Sinne genau, wie die heutige Wissenschaft etwas «genau sehen» nennt. Dann würde der Mensch aber nicht das Wesen sein können, das er heute ist, denn er würde dann kein Gedächtnis haben können, er würde kein Erinnerungsvermögen haben. Indem wir die Welt anschauen, bleiben uns die Bilder der Welt als Erinnerungen, das heißt, die Welteindrücke schlagen überhaupt nur bis zu dieser Grenze hier (siehe Zeichnung, Pfeile) und da schlagen sie in die Seele zurück, und wir erinnern uns an sie. Und was da aus uns selbst in die Erinnerung zurückschlägt, das verdeckt uns das physisch-leibliche Innere des Menschen. Wir können da nicht hineinschauen, denn würden wir hineinschauen können, so wäre jeder Eindruck nur ein Augenblickseindruck. Es würde nichts als Erinnerung zurückgeworfen. Nur dadurch, daß sich diese Grenze hier verhält, wie sich ein Spiegel verhält — wir können auch nicht hinter den Spiegel schauen, sondern es werden uns die Eindrücke zurückgeworfen —, können wir nicht in unser Inneres schauen, es werden uns die Eindrücke zurückgeworfen, wenn wir nicht zur Geisteswissenschaft aufsteigen. Und würden sie nicht zurückgeworfen, so würden wir eben auch nicht im gewöhnlichen Leben die zurückgeworfenen Eindrücke der Erinnerung haben. Wir müssen als Menschen im Leben so organisiert sein, daß wir Erinnerungen haben. Dadurch aber ist uns verschlossen unsere physisch-leibliche Organisation. Wie man durch den Spiegel nicht hindurchschauen kann auf das, was hinter dem Spiegel ist, so kann man gewissermaßen nicht hinter den Erinnerungsspiegel oder unter den Erinnerungsspiegel schauen, auf das, was die leiblich-physische Organisation des Menschen ist.
[ 20 ] Then there is our inner life. We have our will, our feelings, our thoughts, and our imagination. When we turn our attention inward, we can become aware of this willing, feeling, and thinking within us, and we can infuse this willing, feeling, and thinking with what we call our religious, moral, and other ideals. We arrive at something that one might call—and again, this can easily lead to misunderstandings—the soul-spiritual human being. One cannot find one’s way unless one turns one’s soul’s gaze, on the one hand, toward this soul-spiritual human being and, on the other hand, toward the physical-bodily human being. But it is necessary—whether through a truly unbiased examination of the facts of nature or through immersion in spiritual science—to bring oneself to the realization that this physical-bodily organization is not, in fact, initially present in what any human science, as it exists today in the exoteric world, can encompass. If I am to illustrate this schematically with a drawing, I would say: If I summarize everything that constitutes human physical organization and that is connected to the entire environment (see drawing, red), this extends to a certain point—I will mark this here with a line—and sharply distinct from it, despite all modern amateurish psychological objections, is what can be called the spiritual -soul nature of the human being (yellow), which in turn is connected to a world of the spiritual-soul, a world that seems very abstract to humanity today because it is understood only in terms of abstract moral or religious ideals, which have themselves become increasingly abstract concepts. However, with regard to both aspects of human nature, it must be said: what is regarded today as science encompasses neither the physical-bodily nor the spiritual-soul nature of the human being. The physical-bodily nature of the human being cannot be known. You can read the reasons why it cannot be known in my little book *Through the Spirit to a Real Understanding of the Mysteries of Humanity*. For if a person, in a process of introspection, were to see right through themselves—that is, were to look down to the very depths of what is actually taking place within—then they would be able to see exactly what is happening inside, in the very sense that modern science refers to “seeing something exactly.” But then a human being could not be the being that he is today, for he would then be unable to have a memory; he would have no capacity for recollection. As we look at the world, the images of the world remain with us as memories; that is to say, impressions of the world only penetrate as far as this boundary here (see drawing, arrows), and there they rebound into the soul, and we remember them. And what is reflected back from within us into memory is obscured by the physical, bodily interior of the human being. We cannot look inside there, for if we could look inside, every impression would be nothing more than a fleeting moment. Nothing but memory would be reflected back. It is only because this boundary here behaves like a mirror—we cannot look behind the mirror either, but the impressions are reflected back to us—that we cannot look into our inner being; the impressions are reflected back to us unless we ascend to spiritual science. And if they were not reflected back to us, we would not have the reflected impressions of memory in ordinary life either. As human beings, we must be organized in life in such a way that we have memories. But this very fact closes off our physical-bodily organization from us. Just as one cannot see through a mirror to what lies behind it, so, in a sense, one cannot look behind the mirror of memory or beneath it to see what the physical-bodily organization of the human being is.
[ 21 ] Das ist wahre Psychologie, das ist das wahre Wesen der Erinnerung. Und erst dann, wenn geisteswissenschaftliche Methoden so diesen Spiegel durchbrechen, daß für die geisteswissenschaftlichen Methoden — was ich auch schon in öffentlichen Vorträgen gesagt habe — eben nicht an das Erinnerungsvermögen appelliert wird, sondern ohne Erinnerung und jedesmal mit neuen Eindrücken gearbeitet wird, erst dann kommt man auch auf das Leiblich-Seelische, auf seine wahre Gestalt.
[ 21 ] That is true psychology; that is the true nature of memory. And only when the methods of the humanities break through this mirror in such a way that—as I have already said in public lectures—they do not appeal to the power of memory, but instead work without memory and each time with new impressions, only then does one arrive at the physical-psychic realm, at its true form.
[ 22 ] Ebenso ist es nach der andern Seite hin. Würden wir das GeistigSeelische, von dem ich Ihnen ja letzten Sonntag zeigte, wie es hinter dem Sinnlichen ist — nicht Atome oder Moleküle sind dahinter, sondern das Geistig-Seelische ist da in Wahrheit dahinter —, würden wir dies mit unserem gewöhnlichen alltäglichen Erkenntnisvermögen durchschauen, würden wir uns gewissermaßen nicht stoßen an den Pfählen, an den Grenzen der Naturwissenschaft, dann wäre in uns das nicht vorhanden, was wir wiederum zum menschlichen Leben brauchen, was wir erziehen müssen hier zwischen Geburt und Tod, dann wäre in uns nicht vorhanden die menschliche Liebefähigkeit. Die menschliche Liebefähigkeit wird in uns dadurch erzogen, daß wir zunächst in diesem Leben zwischen Geburt und Tod, wenn wir nicht zur Geisteswissenschaft schreiten, zu verzichten haben auf das Durchschauen des Sinnenschleiers, auf das Hineinschauen in die geistige Welt. Und Erinnerungsvermögen können wir nur dadurch haben, daß wir verzichten auf das Hineinschauen in das Leiblich-Physische. Dadurch aber sind wir zwei großen Täuschungen ausgesetzt. Der einen Täuschung unterliegen die dogmatischen Anhänger der naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Sie hören nicht hin auf die Initiationswissenschaft und kommen nicht in der Art, wie ich Ihnen das letzten Sonntag auseinandergesetzt habe, darauf, daß hinter dem Sinnenschleier nicht Materie, nicht Stoff, nicht das, was die Naturwissenschaft Kraft nennt, vorhanden ist, sondern durch und durch geistig-seelische Wesenheit. Es ist auch heute von mir noch mit aller Schärfe dasselbe zu betonen, was ich in meinem Kommentar zum dritten Bande von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften, zu Goethes «Farbenlehre» hervorgehoben habe. Da draußen ist der Farbenteppich der Welt, da draußen ist Rot und Blau und Grün, und da draußen sind die andern Empfindungen. Hinter diesen stecken nicht Atome, stecken nicht Moleküle, hinter diesen stecken geistige Wesenheiten. Was aus diesen geistigen Wesenheiten an die Oberfläche getrieben wird, das lebt sich aus im Farbenteppich der Welt, im Tonzusammenhange, im Wärmezusammenhange der Welt und in all den andern Empfindungen, die uns die Welt vermittelt.
[ 22 ] The same is true on the other side. If we were to see the spiritual-soul aspect—which, as I showed you last Sunday, lies behind the physical world—not atoms or molecules lie behind it, but the spiritual-soul aspect is in truth there behind it— if we were to perceive this with our ordinary, everyday powers of cognition—if, so to speak, we were not stymied by the boundaries of natural science—then we would lack within ourselves that which we need for human life, that which we must cultivate here between birth and death; then we would lack the capacity for human love. Our capacity for human love is cultivated within us by the fact that, in this life between birth and death—unless we turn to spiritual science—we must first refrain from seeing through the veil of the senses and from looking into the spiritual world. And we can only possess the faculty of memory by refraining from looking into the physical-bodily realm. As a result, however, we are exposed to two great illusions. The dogmatic adherents of the natural-scientific worldview fall prey to one of these illusions. They do not heed the science of initiation and do not come to realize—in the way I explained to you last Sunday—that behind the veil of the senses there is not matter, not substance, not what natural science calls “force,” but rather a being that is spiritual and soul-like through and through. Even today, I must still emphasize with the utmost clarity what I highlighted in my commentary on the third volume of Goethe’s scientific writings, on Goethe’s *Theory of Colors*. Out there is the world’s tapestry of colors; out there are red, blue, and green; and out there are the other sensations. Behind these lie not atoms, not molecules; behind these lie spiritual beings. What is driven to the surface from these spiritual beings finds its expression in the world’s tapestry of colors, in the world’s interplay of tones and warmth, and in all the other sensations that the world conveys to us.
[ 23 ] Diejenigen aber, die heute dogmatische Anhänger der naturwissenschaftlichen Weltanschauung sind, die durchschauen das nicht. Sie wollen nicht auf die Initiationswissenschaft hinhören. Die Folge davon ist, daß sie anfangen darüber zu spekulieren, was hinter den Farben, der Wärme und so weiter steckt, und dann zu einer stofflichen Konstruktion der Welt kommen. Die ist immer, wenn sie scheinbar noch so gut gegründet ist, wie die moderne Ionentheorie, nur erspekuliert, und man darf nicht hinter die Sinneswelt hinspekulieren, man darf hinter der Sinneswelt nur durch eine höhere, durch eine geistige Welt Erlebnisse haben, sonst muß man bei den Phänomenen stehenbleiben. Die Sinneswelt ist eine Summe von Phänomenen und sie muß als eine Summe von Phänomenen begriffen werden.
[ 23 ] But those who today are dogmatic adherents of the scientific worldview fail to see through this. They do not want to listen to the science of initiation. The result is that they begin to speculate about what lies behind colors, heat, and so on, and then arrive at a materialistic conception of the world. No matter how well-founded it may seem—such as the modern ion theory—it is always merely speculative, and one must not speculate beyond the sensory world; one may only have experiences beyond the sensory world through a higher, spiritual world; otherwise, one must remain confined to the phenomena. The sensory world is a sum of phenomena, and it must be understood as a sum of phenomena.
[ 24 ] So wird uns heute ein Bild der Natur überliefert, das dann ausgedehnt wird über den Anfangszustand, über den Endzustand der Erde, jenes Bild der Natur, das eben sittliche, religiöse Weltanschauung für den ehrlich Denkenden ausschließt.
[ 24 ] Thus, we are presented today with a picture of nature that is then extended to encompass the Earth’s initial and final states—a picture of nature that, for the honest thinker, precludes any moral or religious worldview.
[ 25 ] Auf die andere Klippe kommen diejenigen, welche nun ins Innere hineinschauen. Die bleiben meistens bei dem stehen, was sich spiegelt. Der gewöhnliche Mensch im Alltagsleben nimmt die Erinnerungswirkungen wahr, ich möchte sagen, er erinnert sich an das, was er gestern und vorgestern erlebt hat, wenn auch das Gestern und Vorgestern schon vor Jahren war. Derjenige, der nun ein Mystiker wird, treibt dann allerlei aus seinem Inneren an die Oberfläche und belegt es mit allerlei schönen mystischen Worten und Theorien. Aber es ist doch nichts anderes, als was ich hier neulich angedeutet habe, es ist nichts anderes als das Kochen und Brodeln des organischen Lebens im menschlichen Inneren. Denn durchdringt man diesen Spiegel, dann kommt man nicht zu dem, was etwa der Meister Eckhart oder Johannes Tauler in ihrer Mystik haben, sondern dann kommt man zu organischen Prozessen allerdings, von denen die Welt heute wenig ahnt. Und was noch mit so schönen mystischen Worten dargelegt wird, das verhält sich zu diesen organischen Prozessen nicht anders, als sich bei der Kerze die Flamme zu dem Brennstoff verhält: sie ist das Produkt dieser organischen Prozesse. Die Mystik eines Johannes vom Kreuz, einer Mechthild von Magdeburg, auch des Johannes Tauler und Meister Eckharts, sie sind schön, aber doch nur das, was aus dem organischen Leben heraufbrodelt und was nur deshalb in abstrakten Formen beschrieben wird, weil man nicht einsieht, wie dieses organische Leben tätig ist. Man lernt das geistige Leben nicht kennen, wenn man nicht erst dieses organische Leben kennenlernt. Der kann kein Geisteswissenschafter werden im wahren Sinne des Wortes, der das innerlich-brodelnde organische Leben in Mystik umdeutet. Gewiß, es sind schöne Worte, die da gesprochen werden. Aber man muß sich, wenn man über diese Dinge spricht, auf einen ganz andern Gesichtspunkt stellen können als den der äußeren Welt. Man muß sich eben nicht auf den menschlich hochmütigen Gesichtspunkt stellen, indem man sagt: Das innere organische Leben ist eben niederes Leben. — Es wird dadurch nicht höher, daß man seine Wirkung als Mystik bezeichnet, sondern man wird ins geistige Leben eben gerade dadurch getrieben, daß man dieses organische Leben in seinen organischen Wirkungen durchschaut, daß man: weiß, je tiefer man in die Einzelnatur des Menschen hineinsteigt, desto mehr entfernt man sich vom Geistigen, man kommt ihm nicht näher. Man kommt nur auf geisteswissenschaftliche Weise dem Geistigen näher, nicht dadurch, daß man in sich selber hineinsteigt. Wenn man in sich selber hineinsteigt, dann hat man die Aufgabe, zu untersuchen, wie durch Zusammenwirkung von Herz, Leber und Niere Mystik zustande kommt, denn das tut sie.
[ 25 ] Those who now look inward find themselves on the other cliff. They usually stop at what is reflected. The ordinary person in everyday life perceives the effects of memory; I would say, he remembers what he experienced yesterday and the day before, even if yesterday and the day before were years ago. The one who then becomes a mystic brings all sorts of things from within to the surface and adorns them with all sorts of beautiful mystical words and theories. But it is nothing other than what I hinted at here recently; it is nothing other than the boiling and bubbling of organic life within the human being. For if one penetrates this mirror, one does not arrive at what, say, Meister Eckhart or Johannes Tauler have in their mysticism, but rather at organic processes of which the world today has little inkling. And whatever else is presented with such beautiful mystical words relates to these organic processes no differently than the flame of a candle relates to its fuel: it is the product of these organic processes. The mysticism of John of the Cross, Mechthild of Magdeburg, and also Johannes Tauler and Meister Eckhart—it is beautiful, but it is nonetheless merely what bubbles up from organic life and is described in abstract forms only because one fails to grasp how this organic life is at work. One cannot come to know spiritual life without first coming to know this organic life. No one can become a spiritual scientist in the true sense of the word who reinterprets the innerly bubbling organic life as mysticism. Certainly, the words spoken are beautiful. But when speaking of these things, one must be able to adopt a perspective entirely different from that of the external world. One must not adopt the humanly arrogant perspective by saying: ‘Inner organic life is simply a lower form of life.’—It does not become higher simply by labeling its effects as mysticism; rather, one is driven into spiritual life precisely by seeing through this organic life in its organic effects—by knowing that the deeper one delves into the individual nature of the human being, the further one moves away from the spiritual; one does not come closer to it. One can only draw closer to the spiritual through spiritual science, not by delving into oneself. When one delves into oneself, one’s task is to investigate how mysticism arises through the interaction of the heart, liver, and kidneys, for that is what it does.
[ 26 ] Das habe ich ja öfters als die Tragik des modernen Materialismus hingestellt, daß dieser moderne Materialismus zuletzt eben die materiellen Wirkungen nicht erkennen kann, daß er gar nicht bis zu den materiellen Wirkungen kommt. Wir haben ja heute weder eine wirkliche Naturwissenschaft noch eine wirkliche Psychologie; denn eine wirkliche Naturwissenschaft führt zum Geiste, und eine Psychologie, die in dem Sinne, wie wir es heute wollen, fortschreitet, die führt zu der Erkenntnis von Herz, Leber, Niere und nicht zu den abstrakten Dingen, von denen die heutige dilettantische Psychologie redet. Denn was man heute oftmals Wollen, Fühlen, Denken nennt, sind abstrakte Worte, die konkreten Dinge fehlen den Leuten. Und es ist leicht, sogar wirklich ernstgemeinte Geisteswissenschaft des Materialismus zu zeihen, weil sie gerade in das Wesen des Materiellen hineinführt, um auf diesem Wege zum Geiste zu führen.
[ 26 ] I have often described this as the tragedy of modern materialism: that this modern materialism is ultimately unable to recognize material effects, that it does not even reach the level of material effects. After all, we have neither a true natural science nor a true psychology today; for a true natural science leads to the spirit, and a psychology that progresses in the sense we desire today leads to an understanding of the heart, liver, and kidneys—and not to the abstract concepts discussed by today’s amateurish psychology. For what is often called “willing,” “feeling,” and “thinking” today are abstract words; people lack a grasp of concrete things. And it is easy to accuse even genuinely serious spiritual science of materialism, precisely because it leads into the very essence of the material in order to lead to the spirit in this way.
[ 27 ] Der wirkliche Spiritualismus wird gerade das Wesen des Materiellen zu enthüllen haben. Dann wird er zeigen können, wie der Geist im Materiellen wirkt. Denn das muß ganz ernst genommen werden: Geisteswissenschaft darf nicht auf die bloße Logizität der Erkenntnis, sondern muß auf die Erkenntnis als Tat gehen. Es muß etwas getan werden im Erkennen. Es muß das, was im Erkennen sich abspielt, in den Gang der Weltereignisse eingreifen. Es muß etwas Tatsächliches sein. Gerade darauf habe ich mich ja bemüht, letzten Sonntag und in den vorhergehenden Tagen hinzuweisen. Es handelt sich einmal darum, daß man einsehe: Der Geist als solcher muß als Tatsache verstanden werden, es darf nicht eine Theorie vom Geiste ausgebildet werden. Theorien sollen dazu da sein, um zum lebendigen Empfinden des Geistes zu führen. Aus diesem Grunde ist es notwendig, daß von dem wirklichen Geisteswissenschafter so oft paradox gesprochen wird. Man kann heute nicht fortfahren, in den landläufigen Formeln zu sprechen, wenn man von wahrer Geisteswissenschaft spricht, sonst kommt man eben zu dem, wozu eine verderbliche 'Theosophie geführt hat, welche von allen möglichen Gliedern der Menschennatur spricht, vom physischen Menschen, vom ätherischen, vom astralischen Menschen; aber das wird immer nur «dünner». Der physische Mensch ist dicht, der ätherische ist dünner, der astralische ist noch dünner, dann gibt es ganz dünne, mentale und was noch alles, es wird immer dünner und dünner, ein wahrgenommener Nebel, aber Nebel bleibt es, es bleibt Materie! Darauf kommt es nämlich nicht an. Es kommt darauf an, daß man in der Substanz das Materielle überwindet. Da muß man dann oftmals Worte anwenden, die eine andere Prägung haben, als sie im alltäglichen Leben üblich ist.
[ 27 ] True spiritualism will have to reveal the very essence of the material world. Then it will be able to show how the spirit works within the material world. For this must be taken very seriously: spiritual science must not focus merely on the logical nature of knowledge, but must focus on knowledge as action. Something must be done in the act of knowing. What takes place in the act of knowing must intervene in the course of world events. It must be something real. This is precisely what I endeavored to point out last Sunday and in the days preceding it. It is, first of all, a matter of realizing that the spirit as such must be understood as a fact; a theory of the spirit must not be formulated. Theories are meant to lead to a living sense of the spirit. For this reason, it is necessary for the true spiritual scientist to speak in paradoxical terms so often. Today, one cannot continue to speak in conventional terms when discussing true spiritual science; otherwise, one ends up precisely where a pernicious ‘theosophy’ has led—one that speaks of all manner of aspects of human nature: the physical human being, the etheric human being, the astral human being; but these become ever ‘thinner.’ The physical human being is dense, the etheric is thinner, the astral is even thinner; then there are the very thin, the mental, and so on—it becomes thinner and thinner, a perceived mist, but it remains mist; it remains matter! That is not what matters. What matters is that one overcomes the material aspect within the substance. To do this, one must often use words that have a different connotation than is customary in everyday life.
[ 28 ] Und so muß man schon sagen — morgen wird uns diese Sache noch klarer werden —, so muß man schon sagen: Nehmen wir auf der einen Seite einen Menschen, der durch und durch materialistische Gesinnung hat, der, sagen wir, verführt durch den Materialismus der Gegenwart, sich nicht zu der Anschauung eines Geistigen erheben kann, der durch und durch ein Materialist der Theorie nach ist und alles als Nonsens ansieht, was man über ein Geistiges behauptet, aber dasjenige, was er über die Materie sagt, nehmen wir an, das wäre geistvoll, das wäre etwas, was die Materie wirklich treffen würde, dann hätte der Mann Geist. Er würde zwar durch seinen Geist den Materialismus vertreten, aber er hätte Geist.
[ 28 ] And so one really must say—tomorrow this matter will become even clearer to us—one really must say: Let’s take, on the one hand, a person who has a thoroughly materialistic outlook, who—let’s say—seduced by contemporary materialism, cannot rise to the conception of the spiritual, who is a thoroughgoing materialist in theory and regards everything claimed about the spiritual as nonsense, but suppose that what he says about matter were insightful—something that truly captured the essence of matter—then that man would possess a spirit. Although he would advocate materialism through his spirit, he would still possess a spirit.
[ 29 ] Nehmen wir einen andern, der sich in irgendeiner theosophischen Gesellschaft hat einschreiben lassen und den Standpunkt vertritt: Da ist der physische Leib, dann etwas dünner der ätherische Leib, noch dünner der astralische Leib, noch dünner der Mentalleib und so weiter. Um das zu behaupten, dazu gehört nicht viel Geist. Man kann wenig Geist haben und solch eine Theorie vertreten. Man vertritt im Grunde genommen nur als Lüge eine geistige Welt, denn man vertritt in Wirklichkeit nur eine materielle Welt, die man geistig umschreibt.
[ 29 ] Let’s take another person who has joined some theosophical society and holds the view that there is the physical body, then the somewhat more subtle etheric body, the even more subtle astral body, the even more subtle mental body, and so on. It doesn’t take much intellect to make such a claim. One can have little intellect and still espouse such a theory. Essentially, one is merely pretending to believe in a spiritual world, for in reality one believes only in a material world that one describes in spiritual terms.
[ 30 ] Wo wird derjenige, der nun wirklich auf den Geist geht, den Geist suchen, beim materialistischen Theoretiker, der den Geist hat, nur eben auf eine Weise, die logisch ist, oder bei dem, der sozusagen richtige Behauptungen aufstellt, aber in seinen Worten doch nur von Materie redet? — Der wirkliche Spiritualist wird vom Geiste bei dem ersteren reden, bei dem, der eine materialistische Weltanschauung vertritt, denn da kann Geist eben vorhanden sein, während beim Vertreten einer spirituellen Anschauung eben kein Geist vorhanden zu sein braucht. Und es kommt darauf an, daß der Geist wirkt, nicht daß man vom Geiste redet.
[ 30 ] Where will the person who is truly seeking the Spirit look for it—in the materialist theorist, who possesses the Spirit, albeit in a logical sense, or in the one who, so to speak, makes correct assertions but in his words speaks only of matter? — The true spiritualist will speak of the Spirit in the former—the one who holds a materialistic worldview—because the Spirit can indeed be present there, whereas in a spiritual worldview, the Spirit need not be present at all. And what matters is that the Spirit is at work, not that one speaks of the Spirit.
[ 31 ] Das wollte ich heute nur zur Erläuterung von manchem sagen, was wie paradox sich ausnimmt. Der geistvolle Materialist kann mehr erfüllt sein vom Geiste als derjenige, der eine spirituelle Theorie vertritt, wenn er sie eben geistlos vertritt. Es hört eben bei der wahren Geisteswissenschaft die Möglichkeit auf, bloß logisch über Weltanschauungsgesichtspunkte zu streiten. Da beginnt die Notwendigkeit, den Geist in seiner Realität zu erfassen. Das kann man nicht, ohne daß man sich erst Vorbegriffe klarmacht, wie diejenigen sind, von denen wir heute gesprochen haben, von denen wir morgen weiter sprechen wollen.
[ 31 ] I just wanted to say that today to explain some things that may seem paradoxical. The spirited materialist can be more imbued with spirit than someone who advocates a spiritual theory, if that person advocates it in a spiritless way. In true spiritual science, the possibility of merely arguing logically about worldviews comes to an end. That is where the necessity of grasping the spirit in its reality begins. This cannot be done without first clarifying preliminary concepts, such as those we have discussed today and will continue to discuss tomorrow.
