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Spiritual Scientific Insight into the
Fundamental Impulses of Social Organization
GA 199

14 August 1920, Dornach

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Vierter Vortrag

Lecture Four

[ 1 ] Sie werden aus dem Zusammenhange mancher Darlegungen der letzten Zeit mit allerlei Kundgebungen von außen eines wohl entnehmen können, daß unsere anthroposophische Bewegung in ein Stadium eingetreten ist, welches von jedem einzelnen, der sich an ihr beteiligen will, voraussetzt, daß er diese Beteiligung mit einem sehr ernsten Verantwortlichkeitsgefühl verbindet. Es ist ja in dieser Richtung öfters von mir gesprochen worden. Allein es wird nicht immer der Zusammenhang, um den es sich dabei handelt, in durchdringender Weise ins Auge gefaßt. Wir dürfen eben, gerade weil wir innerhalb unserer Bewegung stehen, nicht aus dem Auge verlieren, in welch ungeheuer ernster Zeit die europäische Zivilisation mit ihrem amerikanischen Anhange sich gegenwärtig befindet. Und wenn wir auch gar nicht von uns aus das eine oder das andere sagen würden — was aber durchaus zu sagen notwendig ist —, was als Zusammenhang besteht zwischen den Impulsen, die aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft kommen, und den zeitgeschichtlichen Ereignissen der Gegenwart: diese Ereignisse der Gegenwart würden heranschlagen an das, womit wir uns beschäftigen, und würden ganz zweifellos auch ohne unser Zutun sich mit dem beschäftigen, was in unserer Linie liegt. Es handelt sich darum, daß wir tatsächlich nicht die Augen verschließen vor der ganzen Bedeutung dessen, was mit solchen Worten angedeutet ist.

[ 1 ] By linking much of what has been said lately with various outside information, you will have gathered one thing, namely, that our anthroposophical movement has entered a state that expects of each individual seeking to participate in it that he associate this participation with a profound sense of responsibility. I have repeatedly alluded to this but it is not always envisaged thoroughly enough. Just because we are placed within our movement, we must not lose sight of the terribly grave time presently faced by European civilization and its American cousins. Even if we ourselves would say nothing about the connection between the impulses generated by anthroposophically oriented spiritual science and contemporary historical events—although it is certainly necessary to speak up—such events would make an impact on our activities and inevitably would play a part in them without our having a hand in the matter. Therefore, the point is not to shut our eyes to the importance of what is indicated by such words.

[ 2 ] Es ist vielleicht einer Reihe von Freunden, denen es früher noch nicht klar war, gerade aus den gestrigen Darlegungen von Dr. Boos klar geworden, in welch notwendigem und sachlichem Zusammenhange die Dreigliederungsidee mit alledem steht, was auf dem Grunde der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft gewollt ist.

[ 2 ] From the interpretations put forward by Dr. Boos20Dr. Roman Boos's descriptions, given on August 13, 1920, were not recorded. He reported orally on them to Dr. Steiner. yesterday, a number of friends who had not realized it before may have understood the necessary and practical connection existing between the idea of the threefold social order and the aims of anthroposophy.

[ 3 ] Der Weltengang gleicht gegenwärtig einem außerordentlich komplizierten Organismus, und aus den mannigfaltigsten Erscheinungen, die man sorgfältig beobachten muß, geht hervor, welchen Gang dieser Organismus nimmt. Es geschieht heute sehr vieles, was zunächst scheinbar unbedeutend ins Dasein tritt. Dieses Unbedeutende, dieses scheinbar Unbedeutende bedeutet aber zuweilen etwas außerordentlich Einschneidendes und Eingreifendes. Es geschehen Dinge wiederum, die im eminentesten Sinne zeigen, wie außerordentlich schwer es ist, sich aus den altgewohnten Vorstellungen heraus zu einer Anschauung aufzuschwingen, die der heutigen Zeit angemessen ist.

[ 3 ] The course of world events presently resembles that of an unusually complicated organism, and from all the various phenomena that must be carefully observed, the direction being taken by this organism becomes obvious. Much is happening today that initially makes an insignificant appearance. These seemingly unimportant events, however, frequently point to something immensely incisive and drastic. Again, things go on that clearly show the extraordinary difficulty we have in freeing ourselves from old familiar ideas in order to rise to a perception of what is in keeping with the times.

[ 4 ] Sie sehen aus mancherlei Zeitungsäußerungen der letzten Tage, wie das, was hier von Dornach ausgeht, hinauswirkt in die Welt, wie es zum Teil von diesem oder jenem aufgenommen wird, und man soll eben solche Ereignisse außerordentlich ernst betrachten. Man soll sich darüber klar sein, daß im Grunde genommen jedes Wort, das von uns heute ausgesprochen wird, durch und durch bedacht sein muß, und daß wichtige Worte eigentlich nicht ausgesprochen werden sollten, ohne daß man sich die Verpflichtung auferlegt, sich von dem allgemeinen Weltengang, wie er eben heute ein außerordentlich komplizierter Organismus ist, Kenntnis zu verschaffen. Auf Dinge, die hier in Betracht kommen, wird mir noch obliegen, in der allernächsten Zeit einzugehen; aber ich möchte heute einleitend doch dieses bemerken, daß gerade durch die Verknüpfungen unserer Bewegung mit dem allgemeinen Weltengange es uns vor allen Dingen obliegt, wirklich ein volles Verständnis dafür zu erwerben, daß wir nicht mehr unsere Bewegung irgendwie sektenmäßig betreiben dürfen. Ich habe über dieses Faktum des öfteren gesprochen. Durchaus ist heute die Zeit gekommen, wo wir nötig haben, jeden einzelnen Mitarbeiter zu übernehmen, aber jeden einzelnen Mitarbeiter mit der breiten vollen Verantwortung für dasjenige, was er im Sinne unserer Bewegung vertritt. Und diese Verantwortung sollte doch so gestaltet sein, daß sie eben verknüpft ist damit, sich verpflichtet zu fühlen, nichts zu sagen, was nicht durch innere Gründe in rechtem Zusammenhang erscheint mit dem allgemeinen Gang der heutigen Weltereignisse. Am wenigsten im Einklang mit den heutigen Weltereignissen ist ein sektiererisches Treiben. Was heute vertreten werden soll, muß durchaus im Angesichte der ganzen Welt vertreten werden können und darf weder einen sektiererischen noch einen dilettantischen Charakter tragen, gleichgültig, ob es Gesprochenes oder ob es Getanes ist. Wir dürfen nicht zurückschrecken davor, durchzusegeln zwischen der Skylla und der Charybdis.

[ 4 ] You can see from a number of newspaper reports of the last few days21Refers to a news report carried by the French, German and Swiss press, according to which the German Foreign Minister, Simons, had supposedly told a reporter of the “Impartial” that he was a follower of the reforms suggested by Rudolf Steiner (the threefold social organism). See, among others, “Basler Nachrichte,” 1920, #345, August 14, in which an article is quoted from the “Vossische Zeitung” of August 6. In the lecture of April 22, 1921, in answer to a particularly crude article in which Simons was described as “the favorite disciple of the Theosophist, Steiner,” Rudolf Steiner made the following comment: “In the weekly magazine which is primarily the mouthpiece of widespread public opinion, we note in the last issue that public sentiment was being worked up against Simons' policies. It goes without saying that neither anthroposophical spiritual science nor the threefold movement have anything to do with Simons' politics. It is out of a spirit of deep untruthfulness that anthroposphical spiritual science is lumped together with Simons' policies.” the effect made on the world by what issues forth from Dornach, how certain aspects of it are received by a number of persons. We should give these matters serious consideration, recognizing that every word we utter today must be well thought out. We should not say important things without assuming the obligation to inform ourselves about the course of world affairs in what is currently a most complicated organism. At the earliest opportunity I shall have to go into additional matters that have a bearing here; today I only wish to introduce the subject by saying that because of the connections of our movement with general world affairs it is above all else our duty to acquire a full understanding of the fact that we can no longer indulge in any sectarianism whatever in our movement. I have often mentioned this. The present time makes it necessary for us to rely on each individual co-worker, but each one bearing the full responsibility for what he represents in reference to our movement. This responsibility should take the form of an obligation never to say anything that does not appear through inner reasons to have the right relationship to the general course of contemporary world events. Sectarian activities are least of all in harmony with present-day world events. What is to be advocated today must be of a nature that can be represented before the whole world. It must be free in word and deed of any sectarian or dilettante character. We should never allow fear to deter us from sailing between Scylla and Charybdis.

[ 5 ] Gewiß wird sich mancher sagen und damit auf eine gewisse Skylla deuten: Wie soll ich mich denn darüber informieren, was heute geschieht, da der Gang der Ereignisse ein so verwickelter geworden ist, da man heute so schwer aus den Symptomen auf die innere Bewegung der Tatsachen schließen kann? — Aber das soll eben nicht, ich möchte sagen, zur Charybdis hinführen, das heißt, tatenlos zu sein; sondern es sollte eben zum richtigen Durchsegeln führen, nämlich zum Fühlen der Verpflichtung, sich, so gut es geht, mit allen nur zugänglichen Mitteln in Einklang zu versetzen mit dem Gang der allgemeinen Weltenereignisse. Es ist ja gewiß leichter, sich zu sagen: Da ist die Anthroposophie, die lerne ich; auf ihrem Boden denke ich auch ein bißchen nach, erforsche das eine oder das andere und das vertrete ich dann vor der Welt. — Gerade dadurch kommen wir in die Sektiererei hinein, wenn wir so, gewissermaßen mit Scheuledern gegenüber den so großen, wichtigen Ereignissen der Gegenwart, einfach ohne rechts und links zu sehen, auf einem solchen Wege tätig sein wollen, wie ich es eben angedeutet habe. Uns obliegt es, den Gang der Ereignisse der Gegenwart zu studieren und vor allen Dingen bei diesem Studieren zugrunde zu legen dasjenige, was uns an Urteilen zukommen kann durch die Tatsachen, die aus anthroposophischer Geisteswissenschaft selber folgen.

[ 5 ] Indicating a certain Scylla, many people may certainly say: How am I supposed to inform myself about what happens today when the course of events has become so complex, when it is so difficult to deduce the inner trends of facts from the symptoms? However, this should not lead to the Charybdis of doing nothing; it should induce us to steer the correct course, namely, to make us aware of our obligation to be in harmony with world events as far as possible, using all available means. It is certainly easier to say: This is anthroposophy and I am studying it; based on it, I engage in a little thinking, researching one or the other subject which I then represent before the world. If we wish to be active in the way indicated above without looking left or right, wearing blinkers in a sense in face of the great, important events of the present, we head straight for sectarianism. We are duty bound to study the contemporary course of events and, above all, to base our observations on the judgment we can acquire through the facts engendered by spiritual science itself.

[ 6 ] Die ganzen Jahre her sind hier Tatsachen zusammengetragen worden mit dem Zwecke, daß auf Grundlage dieser Tatsachen der einzelne in die Lage kommt, sich ein Urteil zu bilden. Es dürfen diese Tatsachen nicht unberücksichtigt bleiben, wenn man von unseren Beobachtungen aus ein Urteil über irgend etwas, was heute geschieht, fällen will. Dies möchte ich heute nur im allgemeinen hingestellt haben und werde in der allernächsten Zeit auf Einzelheiten nach dieser Richtung eingehen.

[ 6 ] Throughout the years, facts have been gathered together here for the purpose of enabling each individual person to form a judgment on the basis of these facts. They must not be left out of consideration when, based on our observations, a person wishes to give an opinion about something that is happening today. I mean to refer to this only in general terms, but plan to discuss it in greater detail at the first opportunity.

[ 7 ] Ich möchte heute einiges von dem vorbringen, was ergänzen wird, was ich letzten Sonntag hier über das Wesen des menschlichen Sinnesorganismus vorgebracht habe. Und ich möchte davon ausgehen, daß ich einen Gegensatz vor Sie hinstelle, den ich oftmals schon gerade an diesem Orte zum Ausdruck gebracht habe. Es besteht ja heute, ohne daß das große Publikum viel davon weiß, aber doch in dieser Richtung denkt, ich möchte sagen, das Infiziertsein durch die naturwissenschaftliche Denkweise auf der einen Seite, und auf der andern Seite besteht bei dem einen noch ein alter traditioneller Glaube an sittliche oder religiöse Ideale, bei dem andern besteht nurmehr Skeptizismus, Zweifelsucht in dieser Beziehung, bei dem dritten Gleichgültigkeit und so weiter. Dieser große Gegensatz, der durchzittert und durchzuckt heute im Grunde die ganze Menschheit: Wie verhält sich der notwendige Gang der Naturereignisse zu dem, was die Geltung der ethischen, sittlichen und religiösen Ideale ist?

[ 7 ] Today I should like to present something that will supplement what I said last Sunday about the nature of the human sense organism.22See Lecture III of this volume. I shall begin by pointing out a certain contradiction that I have often dwelt on before. On the one hand, without the general public knowing much about it, but nevertheless thinking along these lines, there exists the condition today of being infected in a sense with the natural scientific mode of thinking. On the other hand, we have one type of person still holding to the old traditional belief regarding moral or religious ideals; another has only skepticism and doubt, while for a third it is a matter of indifference. This great contradiction basically stirs and vibrates through all humanity today: How is the inevitable course of natural events related to the validity of ethical, moral and religious ideals?

[ 8 ] Noch einmal will ich erwähnen, was ich ja vor eine große Anzahl von Ihnen bereits hingestellt habe: Wir haben eine naturwissenschaftliche Weltanschauung auf der einen Seite; sie glaubt, durch ihre Tatsachen etwas ausmachen zu können über den Weltengang, namentlich den Weltengang der Erde. Und wenn sie auch dasjenige, was sie sagt, als hypothesenhaft betrachtet, so impft sich das doch dem ganzen Denken, dem ganzen Empfinden und dem ganzen Fühlen der Menschheit ein. Man führt unser Erdendasein auf eine Art Nebelzustand zurück. Man betrachtet dann als durch rein naturgesetzliche Notwendigkeit hervorgebracht alles, was aus diesem Nebelzustand hervorgegangen ist, und man sieht auf den Endzustand unseres Erdendaseins hin, indem man wiederum starre, notwendige Naturgesetze zugrunde legt und sich Vorstellungen darüber macht, wie diese Erde zugrunde gehen wird. Und man hat, indem man eine solche Anschauung aufstellt, eine Grundvorstellung, welche heute auch schon ganz populär geworden ist, welche den Kindern in der Schule beigebracht wird; man hat die Grundvorstellung, daß der Stoff des Weltenalls, gleichgültig ob man ihn aus Atomen oder Ionen und dergleichen bestehen läßt, unzerstörbar sei, daß also gewissermaßen der Stoff beim Ausgangspunkt der Erdenbildung in einer gewissen Weise geballt war, sich dann umgewandelt, metamorphosiert hat, aber daß im Grunde genommen heute derselbe Stoff da ist, der im Beginn der Erdenentwickelung da war, und daß derselbe Stoff am Ende der Erdenentwickelung da sein wird, nur anders geballt, daß der Stoff unzerstörbar ist, daß alles nur Verwandlungen im Stoffe sind. Man hat hinzugefügt zu dieser Anschauung diejenige von der sogenannten Erhaltung der Kraft, indem man eine gewisse Summe von Kräften im Beginne annimmt, sie sich umwandelnd denkt und sich im Grunde genommen wiederum dieselbe Summe von Kräften im Endzustande der Erde vorstellt.

[ 8 ] I now wish to repeat what many of you may have already heard me say.23See the lecture of March 18, 1920; printed in “Menschenschule,” Pamphlet 6, 1958. On the one side, we have the natural scientific world concept. It supposes that by means of its facts it can determine something about the course of the universe, in particular, that of the earth. And although it may consider its assertions to be hypothetical, they are imprinted into humanity's whole thinking, attitude and feeling. Our earthly existence is traced back to a kind of nebular condition. It is thought that everything arising out of this nebula is brought about entirely through the compulsion of natural laws. Again, the final condition of our earth's existence is also viewed as being based upon inflexible imperative laws, and concepts are formed about how the earth will meet destruction. Scientists base this kind of view on a widely accepted fundamental concept—even taught to school children—that the substance of the entire universe is indestructible, regardless of whether it is pictured as consisting of atoms, ions or the like. It is thought that at the beginning of earth's formation this substance was in some way compressed, then changed and metamorphosed, but that fundamentally the same substance is present today that existed at the beginning of earth evolution and that it will be present at the end, although compressed in a different form. It is supposed that this substance is indestructible, that everything consists only of transformations of this substance. The concept of the so called conservation of energy was added to this by assuming that in the beginning there were a number of forces which are then pictured as undergoing changes. Basically, the same sum of forces is again imagined to exist in the final condition of earth.

[ 9 ] Es sind nur einzelne mutige Geister gewesen, welche sich gegen so etwas aufgebäumt haben. Einen habe ich als typisches Beispiel öfters vor Ihnen angeführt, Herman Grimm, der ja gesagt hat: Von einem Nebelzustand, von der Kant-Laplaceschen Nebelessenz im Beginne des Erdendaseins oder des Weltendaseins spricht man; da soll sich durch rein natürliche Vorgänge alles herausgeballt haben, was auf unserer Erde ist, inbegriffen der Mensch. Und dann soll sich das umwandeln, bis es zuletzt als Schlacke wiederum in die Sonne zurückfällt. Herman Grimm meint, ein Aasknochen, um den ein hungriger Hund herumläuft, sei ein appetitlicherer Anblick als diese Kant-Laplacesche Theorie vom Weltendasein, und es würde künftigen Zeiten schwer sein, kulturhistorisch zu erhärten, wie es hat sein können, daß das 19. und 20. Jahrhundert von dieser Krankheit, so etwas zu denken, hat ergriffen werden können. Einzelne mutige Geister, wie gesagt, haben sich aufgelehnt gegen diese Dinge. Aber diese Dinge werden heute so gelehrt, daß man von demjenigen, der dagegen etwas einwendet, wenn es ein Herman Grimm ist, sagt: Nun ja, ein Kunstgelehrter braucht ja von der Naturwissenschaft nichts zu verstehen. — Und wenn es ein anderer sagt, der von der Naturwissenschaft etwas verstehen will, so hält man ihn für einen Narren. Derlei Dinge gelten heute für selbstverständlich, und die wenigsten Menschen empfinden, welche Bedeutung dieses Selbstverständlichsein eigentlich hat. Wenn diese Anschauung auch nur ein Atom Richtigkeit hat, dann hat alles Reden von sittlichen und religiösen Idealen keinen Sinn, dann sind sittliche und religiöse Ideale aus den Gehirnen der Menschen herausgeboren und steigen auf wie Blasen — die sozialdemokratischen Theoretiker nennen sie eine Ideologie, um die Menschen zu äffen —, die sich ja nur herausgeballt haben aus den Verwandlungen des Stoffes und die verschwinden werden, wenn unsere Erde in ihrem Endzustand angelangt ist. Alles, was wir uns vorstellen an sittlichen, an religiösen Idealen, ist lediglich Schaumblase dann. Denn die Realität, welche die naturwissenschaftliche Weltanschauung fordert, ist so geartet, daß sie gar nicht eine sittliche oder religiöse Weltanschauung zuläßt, wenn man diese naturwissenschaftliche Weltanschauung so hinnimmt, wie sie von der Mehrzahl der Menschen geglaubt wird. Daher handelt es sich darum, daß die Zeit, die heute reif ist auf der einen Seite, dringend notwendig macht auf der andern Seite, daß aus ganz andern Quellen heraus, als die heutige Bildung sie hat, eine Weltanschauung geholt werde.

[ 9 ] There have been only a few brave spirits who have rebelled against ideas of this kind. One of these I have often mentioned as a typical example, namely, Herman Grimm,24Hermann Grimm: 1828–1901, Goethe-Vorlesungen, Vol. 2, Berlin, 1877. who has said: People talk of a nebulous state, of the nebulous essence of Kant-Laplace, at the beginning of the earth's or the world's existence. From it, it is supposed that everything on the earth, including the human being, has been compressed through purely natural processes. Furthermore, it is assumed that this undergoes changes until it finally falls back into the sun as a cinder. Now, Herman Grimm is of the opinion that a hungry dog nosing around the bone of a carcass presents a more attractive picture than this theory of Kant-Laplace concerning world existence, and that from a cultural and historical point of view people of the future will find it difficult to grasp how it had been possible for the nineteenth and twentieth century to have fallen victim to such pathological thinking. As I said, a few courageous individuals have opposed these ideas. The latter are so widespread today, however, that when somebody like Herman Grimm rejects them, it is said of him: Well, an art historian need not understand anything about natural science. When someone who claims that he is knowledgeable about natural science raises objections, he is regarded as a fool. These ideas are taken today as self-evident and the significance of this attitude is sensed by very few people. For, if this conception has even the slightest justification, all talk of moral and religious ideals is meaningless, for according to this conception these ideals are simply the product of human brains and rise up like bubbles. The social-democratic theorists label these ideals an ideology which has arisen through the transformations of substance, and which will vanish when our earth comes to an end. All our moral and religious concepts are then simply delusions. For the reality postulated by the natural scientific world-view is of a kind that leaves no room for a moral or religious outlook, if this scientific view of life is accepted in the way it is interpreted by the majority of people today. The point is, therefore, that, on the one hand, the time is ripe and, on the other, urgently requires that a world conception be drawn from quite different sources than those of today's education.

[ 10 ] Diese Quellen, die es möglich machen, daß eine sittliche und eine religiöse Weltanschauung neben der naturwissenschaftlichen bestehe, können einzig und allein die geisteswissenschaftlichen Quellen sein. Aber diese geisteswissenschaftlichen Quellen müssen dann da aufgesucht werden, wo sie im vollen Ernst sprechen. Das Aufsuchen dieser Quellen wird vielen Menschen der Gegenwart schwer. Sie wollen sich lieber hinwegsetzen über jenen reinen Widerspruch, den ich heute wiederum vor Sie hingestellt habe, denn man hat nicht den Mut, der naturwissenschaftlichen Weltanschauung selber zu Leibe zu gehen. Man hört von denen, die man als Autoritäten betrachtet, das Gesetz von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft sei sichergestellt und jeder sei ein Dilettant, der sich nicht an diese Gesetze hält. Man bringt eben gegenüber der ungeheuren Last der falschen Autorität, die heute auf der Menschheit liegt, den Mut nicht auf, von dieser Autorität weg zu den Quellen der Geisteswissenschaft zu gehen. |

[ 10 ] The only sources that make it possible for a moral and religious world concept to exist side by side with the natural scientific one are those of spiritual science. But they must be sought where they find expression in full earnestness. It is difficult for many people nowadays to seek out these sources. They prefer to ignore the glaring contradiction that I have once again brought to your notice, for they do not have the courage to assail the natural scientific world-view itself. They hear from those they look upon as authorities that the law of the conservation of matter and of energy25This law was first proclaimed by Julius Robert Mayer (1814–1878), doctor and scientist. See Rudolf Steiner: Erdensterben und Weltenleben, GA 181, Lecture XII (not included in English translation of this cycle). Dornach, 1967. is irrefutable, and that anyone who questions it is a mere dilettante. Oppressed by the tremendous weight of this false authority, mankind lacks the courage to turn from it to the sources of spiritual science.

[ 11 ] Und auch das lehren die äußeren Tatsachen, daß das Heil des Christentums, das Heil eines wirklichen Begreifens des Mysteriums von Golgatha von der Hinwanderung zu den Quellen der Geisteswissenschaft abhängt. Der äußere Gang der Ereignisse zeigt das ja. Sehen Sie sich die sogenannten fortgeschrittenen Theologen an, sehen Sie sich an, was von den fortgeschritteneren Vertretern des Christentums gelehrt wird. Der Materialismus hat ja auch die Religion ergriffen. Nicht mehr kann man einsehen, wie das geistig-göttliche Prinzip, das mit dem Namen des Christus umrissen ist, vereinigt ist mit der menschlichen Persönlichkeit des Jesus von Nazareth, denn diese Vereinigung kann heute nur aus den Quellen der Geisteswissenschaft heraus gekannt werden.

[ 11 ] External facts also demonstrate that the well-being of Christianity, a true understanding of the Mystery of Golgotha, depends upon our turning to the sources of spiritual science. The external course of events does indeed show this. Look at the so-called progressive theologians and what is expounded by the more advanced representatives of Christianity. Materialism has, after all, fastened its hold even upon religion. One can no longer understand how the spiritual, divine principle that is indicated by the name, Christ, is united with the human personality of Jesus of Nazareth. For, today, it is only through the sources of spiritual science that insight concerning this union can be acquired.

[ 12 ] Und so ist es denn dahin gekommen, daß auch die Theologie materialistisch geworden ist, nur von dem «schlichten Manne aus Nazareth» spricht, von einem Menschen, der ja Großartigeres gelehrt haben soll als andere, der aber eben doch nur als ein großartigerer Lehrer in Betracht kommt, der nicht in Betracht kommt durch dasjenige Wesen, das er in seinem Leibe getragen hat. Und einer der bedeutendsten Theologen der Gegenwart, Adolf Harnack, hat ja das Wort geprägt: Nicht der Christus, sondern der Vater gehört in das Evangelium —, das heißt, das Evangelium soll nicht sprechen von dem Christus, weil solche Theologen wie Harnack im Grunde genommen den Christus gar nicht mehr kennen, sondern nur den Lehrer von Nazareth. Die Lehre dieses Menschen von Nazareth wollen sie noch annehmen; die Lehre von dem väterlichen Schöpfer der Welt, die gehöre ins Evangelium, nicht aber eine Lehre über den Christus Jesus selber!

[ 12 ] Thus, matters have reached the point where even theology has grown materialistic and speaks only of “the humble man from Nazareth,” of a man who is reputed to have taught something more sublime than others, but in the end is only to be considered as a great teacher. One of the most eminent among present-day theologians, Adolf Harnack,26Adolf von Harnack: 1851–1930. The quotation literally says: “Not the Son, but only the Father belongs in the Gospel, as Jesus proclaimed it.” In Das Wesen des Christentums, Leipzig, 1900. actually coined the words: “It is the Father, not the Christ, Who belongs in the Gospel.” In other words, the Gospel is not supposed to speak of Christ, because theologians such as Harnack are no longer familiar with the Christ; they know only the teacher from Nazareth. They are still willing to accept his teaching. The teachings concerning the Father, the Creator of the world, belong in the Gospel, but not a teaching about Christ Jesus himself!

[ 13 ] Auf dieser Bahn der Naturalisierung, der Materialisierung würde das Christentum zweifellos fortschreiten, wenn ein geisteswissenschaftlicher Einschlag für dasselbe nicht kommen würde. Aus dem, was von altersher die Menschheit überkommen hat, kann sie in ehrlichem Sinne keinen Begriff aufbringen über die Vereinigung der göttlichen und der menschlichen Natur in dem Christus Jesus. Dazu ist die Eröffnung neuer Quellen geistiger Wissenschaft notwendig. Und diese Eröffnung brauchen wir für das religiöse Leben; diese Eröffnung, wir brauchen sie aber auch für die von den Zeitereignissen geforderte Neugestaltung der sozialen Verhältnisse innerhalb unserer Zivilisation. Und wir brauchen vor allen Dingen eine völlige Neugestaltung der Wissenschaft, eine Durchdringung aller Wissenschaften mit geisteswissenschaftlichen Quellen. Ohne diese geht es nicht weiter. Und derjenige, der glaubt, man brauche sich nicht zu kümmern um den Gang des religiösen Lebens, um den Gang des sozialen Lebens, um den Gang der öffentlichen Ereignisse über die zivilisierte Welt hin, um den Gang der wissenschaftlichen Leistungen, wer da glaubt, man könne in sektiererischer Abgeschlossenheit Anthroposophie treiben vor irgendeinem zusammengewürfelten Kreis, der sich dann als eine Summe von Fremdlingen innerhalb dieser Welt ausnimmt, der ist eben durchaus in einem schweren Irrtum befangen.

[ 13 ] Without doubt, Christianity would continue on this path of naturalization, of materialization, if a spiritual-scientific impulse were not forthcoming for it. In all honesty, no conception concerning the union of the divine and the human natures in Christ Jesus can be derived by humanity from what has been handed down to it by tradition. For that we require the uncovering of new sources of spiritual science. We need this for the religious life and also for giving the social conditions of our civilization the new structure demanded by current events. Above all, we need a complete reconstruction of science, a permeation of all scientific fields with what flows from the spiritual-scientific sources. Without this, we cannot progress. Those who think that it is unnecessary to be concerned with the course of the religious or the social life, the course of public events throughout the civilized world or the accomplishments of science; those who believe they can present anthroposophy in sectarian seclusion to a haphazardly thrown together group that is looked upon as a circle of strangers by the rest of the world, are definitely victims of a grievous delusion.

[ 14 ] Bei allem, was hier von mir gesprochen wird, liegt immer zugrunde die Verantwortung gegenüber dem ganzen Gang der gegenwärtigen Weltereignisse. Bei jedem einzelnen Satze, bei jedem einzelnen Worte liegt diese Verantwortung zugrunde. Ich muß das schon erwähnen aus dem Grunde, weil es nicht immer in aller Schärfe eingesehen wird. Wenn heute in derselben Weise fortgefahren wird, von Mystik zu reden, wie viele im Laufe des 19. Jahrhunderts von Mystik geredet haben, dann steht das nicht mehr im Einklange mit dem, was die Welt heute fordert. Und wenn nur zu dem, was sonst im Gang der Weltereignisse geschieht, der Inhalt der anthroposophischen Lehre hinzugesetzt wird, so steht das ebenfalls nicht im Einklange mit den Anforderungen der Gegenwart. Erinnern Sie sich, wie im Mittelpunkt der Betrachtungen, die ich seit Jahrzehnten pflege, das Problem, das Rätsel der menschlichen Freiheit steht. Dieses Problem der menschlichen Freiheit, wir müssen es heute in den Mittelpunkt einer jeglichen und wirklich geisteswissenschaftlichen Betrachtung stellen.

[ 14 ] The sense of responsibility in face of the whole trend of present events underlies everything that I say here. It is the basis of every sentence, of every word. I have to mention this because it is not always understood with all seriousness. If people today continue referring to mysticism in the same manner as was done by many during the course of the nineteenth century, it is no longer in harmony with what the world currently demands. If the content of anthroposophical teaching is merely added to what otherwise takes place in the course of world events, this is also not in harmony with present-day requirements. Remember how the problem, the riddle of human freedom has been the central theme of the studies I have conducted for decades. This enigma of human freedom must be placed by us today in the center of each and every true spiritual-scientific consideration.

[ 15 ] Wir müssen dies aus zwei Gründen tun. Erstens deshalb, weil alles, was aus den alten Mysterien heraus aufgebracht worden ist, was durch die Initiationswissenschaft der alten Zeit vor die Welt hingestellt worden ist, weil alles das ohne ein wirkliches Begreifen des Rätsels der menschlichen Freiheit dasteht. Großartiges, Gewaltiges haben die Lehrer der alten Mysterien der Menschheit überliefern können. Großartiges, Gewaltiges liegt in den mythischen Überlieferungen der verschiedenen Völker, die ja auch esoterisch erläutert werden dürfen, freilich nicht so, wie man es oft macht. Großartiges liegt in den sonstigen Überlieferungen, die ihren Quell in der Initiationswissenschaft alter Zeit haben, wenn man sie nur in der richtigen Weise versteht. Aber eines liegt in alledem nicht, eines liegt nicht in der Initiationswissenschaft der alten Mysterien, nicht in den Mythen der verschiedenen Völker, auch wenn sie esoterisch verstanden werden, nicht in den Traditionen, die sich herschreiben aus dieser Initiationswissenschaft: das ist das Rätsel von der menschlichen Freiheit. Denn derjenige, der von einer Initiationswissenschaft, von einer Einweihung der Gegenwart ausgeht, der begreift, wie Einweihung der Gegenwart sich hinstellt neben Einweihung der Vergangenheit, der weiß, daß die Menschheit in ihrer Entwickelung über die Erde hin erst jetzt in das Stadium wirklicher Freiheit eintritt, und daß es einfach früher nicht nötig war, der Menschheit eine Initiationswissenschaft zu geben, die ganz imprägniert wäre von dem Rätsel der Freiheit. Was alles das Rätsel der Freiheit umschließt, in welche Lage die menschliche Seele versetzt ist, wenn sie das Rätsel der Freiheit völlig klar auf sie abgeladen findet, das ahnen die wenigsten Menschen heute. Alle Initiationswissenschaft muß ja ein neues Licht empfangen durch dieses Rätsel der menschlichen Freiheit. Das auf der einen Seite. Wir sehen, wie sich fortsetzen aus alten Zeiten in direkter Kontinuation, möchte ich sagen, Geheimgesellschaften, die zum Teil recht stark in demLeben der Gegenwart stehen, die aber nur das Alte bewahren, nur das Alte nachahmen, nur fortwirken im Sinne des Alten, und die doch nichts weiter sind, als Schatten des Alten, die nichts weiter sind als etwas, was, wenn es heute wirkt, der Menschheit schädlich sein muß.

[ 15 ] This must be done for two reasons. First, because all that has come down to us from the old Mysteries, all that has been presented to the world by the initiation knowledge of old is lacking in any real comprehension of the riddle of human freedom. Sublime and mighty were the traditions those mystery teachers could pass on to posterity. There is greatness and power in the mythological traditions of the various peoples that can indeed be interpreted esoterically, although not in the way it is usually done. Something grand is contained in the other traditions that have as their source the initiation science of ancient times, if only the latter is correctly understood. One aspect is lacking, however; there is no reference at all to the riddle of human freedom in the initiation science of the ancient Mysteries, in the myths of the various peoples—even when they are comprehended esoterically—or in the traditions deriving from this initiation science. For, whoever proceeds from a present-day initiation knowledge, from an initiation of today, knows how present initiation compares to that of the past. He knows that in the course of its worldwide evolution mankind is only now entering the stage of real freedom, and that formerly it was simply not necessary to give to human beings an initiation science impregnated completely with the riddle of freedom. Today, hardly anybody has an inkling of what this riddle of freedom includes, what condition the human soul finds itself in when it becomes clearly aware of the burden it shoulders due to this enigma. New light must be shed, after all, on all initiation knowledge due to this riddle of human freedom. We observe how certain secret societies carry on in direct continuation from former times, some of them being quite strongly involved in present-day life. They only preserve the traditions of the past, however, only imitating and continuing on in the sense of the old practices. These societies are nothing more than mere shadows of the past; indeed, they represent something that can only do harm to mankind if it is active nowadays.

[ 16 ] Man muß einsehen, daß selbst die einstmals größten Mysterien, wollte sie heute jemand lehren, schädlich für die Menschheit wären. Niemand, der das Wesen gegenwärtiger Initiation versteht, kann wie etwas Gegenwärtiges lehren, was einst in den ägyptischen, in den chaldäischen, in den indischen, selbst in den griechischen Mysterien, die uns noch so nahestehen, gelehrt worden ist. Aber schließlich ist alles, was an Lehre über das Christentum vorgebracht worden ist bis jetzt, aus diesen traditionellen Lehren heraus vorgebracht worden. Und nötig haben wir, aus einer neuen Lehre neu das Mysterium von Golgatha zu verstehen. Das, wie gesagt, auf der einen Seite.

[ 16 ] We have to realize that if anyone today were to teach even the loftiest former mysteries, they would be detrimental to humanity. No one who understands the nature of present initiation can possibly teach in a timely sense applicable to our age what was once taught in the Egyptian, Chaldean, the Indian or even those still so near our time, the Greek mysteries. After all, what has been propagated up to now as doctrine concerning Christianity has all been produced by these traditional teachings. What is needed is that we comprehend the Mystery of Golgotha anew based on a new teaching. This is what must be considered on the one side.

[ 17 ] Auf der andern Seite sehen wir den Gang der Zeitereignisse. Wir sehen, wie aus unterbewußten, tiefliegenden Gründen der Menschenseele heraufzieht das Streben nach dem Freiheitsimpuls. Wir sehen, wie gewissermaßen dieser Ruf nach Freiheit das menschliche Streben der neueren Zeit durchtönt. Ja, er durchtönt dieses Streben, aber es durchtönt so vieles das menschliche Streben, was nicht klar verstanden wird, was nur aus unterbewußten Tiefen herauftönt und was eben mit klarem Verständnis erst durchdrungen werden muß. Man möchte sagen: Die Menschheit lechzt nach Freiheit! Die Initiationswissenschaft weiß, daß sie eine Initiationswissenschaft geben muß, beleuchtet von dem Lichte der Freiheit.

[ 17 ] On the other side, we see the course of world events. We see how the striving for the impulse of freedom rises up from subconscious depths of the human soul; how, at the present time, this call for freedom resounds through all human efforts. It does indeed pervade them, but there is so much that resounds in human striving that is not clearly understood, that only echoes up from subconscious levels yet to be permeated by clear comprehension. One might say that mankind thirsts for freedom! Initiation science realizes that it must produce an initiation knowledge that is illuminated by the light of freedom.

[ 18 ] Und diese zwei Dinge, dieses Streben der Menschheit und dieses Herausschaffen einer Initiationsweisheit, beleuchtet mit dem Lichte der Freiheit, diese zwei Dinge müssen zusammenkommen. Sie müssen zusammenkommen auf allen Gebieten. Daher darf man heute nicht aus allen möglichen alten Untergründen heraus über die soziale Frage reden. Man kann heute über sie nur dann reden, wenn man sie im Lichte der Geisteswissenschaft betrachtet. Das wird gerade der heutigen Menschheit so schwer. Warum? — Ja, die Menschheit strebt nach Freiheit, nach Freiheit der einzelnen Individualität, und mit Recht strebt sie darnach. Ich sage durchaus: mit Recht. Die Menschen können nicht mehr im Sinne des alten Gruppensystems mit den Gruppenseelen wirken. Die Menschen müssen Individualitäten bilden. Aber dieses Streben, Individualitäten zu bilden, das scheint zu widersprechen dem Hinhorchen auf das, was aus der Initiationswissenschaft kommt und was ja selbstverständlich zunächst durch einzelne Individuen kommen muß. Der alte Initiierte hatte Mittel und Wege, sich seine Schüler auszusuchen, seinen Schülern die Initiationsweisheit zu übertragen und auch Anerkennung für sie zu schaffen und Anerkennung für sich und seine Mysterienstätte. Der moderne Initiierte kann das nicht haben, denn es würde notwendig machen, daß man aus gewissen Kräften und Impulsen der Gruppenseelenhaftigkeit heraus wirke, und das geht heute nicht. So steht heute die Menschheit da; jeder möchte von dem Standpunkte aus, auf dem er gerade steht, eine Individualität werden. Da will er selbstverständlich nicht auf das hören, was da durch Menschen als Initiationswissenschaft kommt. Aber ehe nicht die Menschen einsehen, daß sie nur gerade dadurch Individualitäten werden können, daß sie wiederum durch andere menschliche Individualitäten den Inhalt der Initiationswissenschaft aufnehmen, eher kann es nicht besser werden. Das hängt nicht nur zusammen mit einzelnen Weltanschauungsfragen, das hängt zusammen mit dem Grundcharakter unseres ganzen Zeitalters und mit den Auswirkungen dieses Zeitalters auf geistigem, auf staatlichem und wirtschaftlichem Gebiete. Nach Freiheit dürstet die Menschheit. Von Freiheit möchte die Initiationswissenschaft sprechen. Wir sind aber im gegenwärtigen Entwickelungsstadium der Menschheit eigentlich erst da angekommen, wo Freiheit durch den gesunden Menschenverstand wirklich begriffen werden kann. Heute muß man manches einsehen, was Sie aus unserer anthroposophischen Literatur entnehmen können und was ich hier wiederum von gewissen Gesichtspunkten aus kurz zusammenfassen möchte. Man muß heute begreifen, was für eine Art von Wesen der Mensch ist. Alles abstrakte Schwätzen von Monismus läuft gerade vorbei an dem wahren Monismus, der errungen sein will, nachdem man manches andere durchgemacht hat, den man aber nicht von vornherein als eine Weltanschauung deklamieren kann.

[ 18 ] And these two, this striving of humanity and the creation of a new initiation wisdom, illuminated by the light of freedom, must come together. They must meet in all areas. Therefore, a discussion of the social question must not be based on all sorts of old premises. We can only speak of it when we view it in the light of spiritual science, and that is what people find so difficult. Why is that? Mankind is indeed striving for freedom, freedom for the individual, and rightfully so. I emphasize: rightfully so. It is no longer possible for human beings to cooperate with group souls in the sense of the ancient group system. They have to develop into individualities. This striving, however, seems to be at variance with what is acquired by listening to initiation science, something that must obviously originate from individual persons in the first place. The ancient initiate had his own ways and means of seeking out his pupils and passing on to them the initiation wisdom, even of gaining recognition for them, himself and his Mystery center. The modern initiate cannot allow that, for it would necessitate working with certain forces and impulses of the group soul nature, something that is not permissible today. Thus, humanity's condition today is one where everyone, proceeding from whatever his standpoint happens to be, wishes to become an individuality. For that reason, he naturally does not care to listen to what comes from a human being as initiation science. Yet, no progress can be made until it is understood that men can become individualities only when, in turn, they accept the content of initiation science from other individualities. This is not only related to isolated ideological questions. It is connected with the basic nature of our whole age and its effects on the cultural, political and economic spheres. Humanity is yearning for freedom, and initiation science would like to speak of this freedom. We have, however, only just reached the point in the stage of mankind's evolution where sound human reasoning can grasp the idea of freedom. Today, we must gain insight into much that can be gathered from anthroposophical literature, and that I should like to summarize in turn from a number of viewpoints. It must be understood today what sort of being man is. All the abstract chatter concerning monism misses the point of true monism which can only be attained after one has gone through much else, but it cannot be proclaimed from the first as a world conception.

[ 19 ] Der Mensch ist ein Doppelwesen. Auf der einen Seite steht dasjenige, was man — das Wort führt zu Mißverständnissen, aber wir haben ja in der Sprache so wenig Worte, die wirklich adäquat dasjenige ausdrücken, was man eigentlich ausdrücken möchte vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus —, was man die niedere Natur des Menschen nennen könnte, die physisch-körperhafte Organisation, aus der zunächst der Mensch besteht. Diese physisch-körperhafte Organisation habe ich Ihnen das letzte Mal im Zusammenhange gerade mit der Sinnesorganisation geschildert, Wir wollen heute zunächst davon absehen und morgen auf die Sache wieder zurückkommen. Aber jeder von Ihnen, der einigermaßen die anthroposophische Literatur verfolgt hat, hat ja eine Vorstellung von dieser physisch-körperhaften Organisation des Menschen und auch davon, daß sie zusammenhängt mit dem, was zunächst unsere Umwelt ist. Das, was da draußen die Welt konstituiert, was draußen im mineralischen, im pflanzlichen, im tierischen Reiche lebt, das konstituiert physisch-körperhaft auch uns Menschen. Wir sind ja eine Art Zusammenfassung, heraufgehoben auf eine höhere Stufe, und man kann bildhaft sagen: die Krone der Schöpfung. Aber wir sind eben in physisch-körperhafter Weise ein Zusammenfluß dessen, was an Kräfte- und Stoffwirkungen außer uns vorgeht und was vor uns auftaucht durch unsere Sinneswahrnehmungen.

[ 19 ] Man is a twofold being. On the one side, we have what may be called man's lower nature—the word leads to misunderstandings, but there are few words in our language that adequately express what one would like to convey from the spiritual-scientific standpoint—namely, the physical, corporeal organization of which he consists in the first place. I have described the latter to you in my last lecture in connection with the sense organization. Today, we shall not go into that but refer to it again tomorrow. Those of you, however, who have studied anthroposophical literature to any extent at all, have some idea of man's physical, bodily organization and know that it is connected to the surrounding environment. What constitutes the outside world and dwells out there in the mineral, plant and animal kingdoms, also constitutes us human beings in the physical, corporeal sense. In a way we are its concentration, elevated to a higher level, and figuratively one could say that we are the crown of creation. In the physical, bodily sense we are a confluence of the effects of forces and substances occurring outside and appearing before us through our sense perceptions.

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[ 20 ] Dann haben wir unser Innenleben. Wir haben unser Wollen, unser Fühlen, unser Denken, unser Vorstellen. Wir können, wenn wir uns auf uns selbst besinnen, aufmerksam werden auf dieses Wollen, Fühlen, Denken in uns, und wir können dieses Wollen, Fühlen und Denken mit dem durchdringen, was wir unsere religiösen, unsere sittlichen und sonstigen Ideale nennen. Wir kommen da zu etwas, was man — wiederum führt das leicht zu Mißverständnissen, aber man braucht dieses Wort den seelisch-geistigen Menschen nennen kann. Man kommt nicht zurecht, wenn man nicht den Seelenblick hinwendet einerseits auf diesen geistig-seelischen Menschen, andererseits auf den physisch-körperlichen Menschen. Aber es ist notwendig, daß man, sei es durch ein wirklich unbefangenes Verfolgen der Tatsachen der Natur, sei es durch Vertiefung in die Geisteswissenschaft, es ist notwendig, daß man sich zum Bewußtsein bringe: diese physisch-körperhafte Organisation liegt eigentlich zunächst nicht vor in demjenigen, was irgendwelche menschliche Wissenschaft, wie sie heute in der exoterischen Welt existiert, umfassen kann. Wenn ich das schematisch durch eine Zeichnung klarmachen soll, so möchte ich sagen: Wenn ich alles das zusammenfasse, was menschlich-physische Organisation ist und was im Zusammenhange steht mit der ganzen Umwelt (siehe Zeichnung, rot), so geht das bis zu einem gewissen Punkte — ich will das hier durch eine Linie zeichnen —, und straff davon verschieden, trotz aller moderner dilettantischer psychologischer Einwände, straff davon verschieden ist dasjenige, was man die geistig-seelische Natur des Menschen nennen kann (gelb), die ihrerseits mit einer Welt des Geistig-Seelischen in Verbindung steht, mit einer Welt, die der heutigen Menschheit sehr abstrakt vorkommt, weil sie sie nur auffaßt im Sinne der abstrakt-sittlichen oder im Sinne der religiösen Ideale, die auch immer mehr und mehr zu abstrakten Vorstellungen geworden sind. Beiden Gliedern der menschlichen Natur gegenüber muß man aber sagen: Das, was man heute als Wissenschaft ansieht, das umfaßt weder die physisch-körperliche noch die geistig-seelische Natur des Menschen. Die physisch-körperliche Natur des Menschen, man kann sie nicht erkennen. Lesen Sie die Gründe, warum man sie nicht erkennen kann, in meinem kleinen Büchelchen «Durch den Geist zur Wirklichkeits-Erkenntnis der Menschenrätsel». Wenn der Mensch nämlich bei einer Innenschau sich selber durchschauen würde, das heißt, bis auf den Grund hinunterschauen würde auf das, was da im Inneren eigentlich vorgeht, dann würde er genau sehen können, was im Inneren vorgeht, in dem Sinne genau, wie die heutige Wissenschaft etwas «genau sehen» nennt. Dann würde der Mensch aber nicht das Wesen sein können, das er heute ist, denn er würde dann kein Gedächtnis haben können, er würde kein Erinnerungsvermögen haben. Indem wir die Welt anschauen, bleiben uns die Bilder der Welt als Erinnerungen, das heißt, die Welteindrücke schlagen überhaupt nur bis zu dieser Grenze hier (siehe Zeichnung, Pfeile) und da schlagen sie in die Seele zurück, und wir erinnern uns an sie. Und was da aus uns selbst in die Erinnerung zurückschlägt, das verdeckt uns das physisch-leibliche Innere des Menschen. Wir können da nicht hineinschauen, denn würden wir hineinschauen können, so wäre jeder Eindruck nur ein Augenblickseindruck. Es würde nichts als Erinnerung zurückgeworfen. Nur dadurch, daß sich diese Grenze hier verhält, wie sich ein Spiegel verhält — wir können auch nicht hinter den Spiegel schauen, sondern es werden uns die Eindrücke zurückgeworfen —, können wir nicht in unser Inneres schauen, es werden uns die Eindrücke zurückgeworfen, wenn wir nicht zur Geisteswissenschaft aufsteigen. Und würden sie nicht zurückgeworfen, so würden wir eben auch nicht im gewöhnlichen Leben die zurückgeworfenen Eindrücke der Erinnerung haben. Wir müssen als Menschen im Leben so organisiert sein, daß wir Erinnerungen haben. Dadurch aber ist uns verschlossen unsere physisch-leibliche Organisation. Wie man durch den Spiegel nicht hindurchschauen kann auf das, was hinter dem Spiegel ist, so kann man gewissermaßen nicht hinter den Erinnerungsspiegel oder unter den Erinnerungsspiegel schauen, auf das, was die leiblich-physische Organisation des Menschen ist.

[ 20 ] On the other side, we have our inner life. We have our will, our feeling, our thinking and our conceptual capability. When we reflect upon ourselves, we can observe our own will, feeling and thinking, and permeate these with what we call our religious, moral and other ideals. Here, we arrive at what may be termed the man of soul and spirit. Again, this term may easily lead to misunderstandings, but it must be used. We cannot manage if we do not turn the gaze of our soul on one hand to this soul-spiritual human being, and on the other to the physical, corporeal man. But whether we study the facts of nature impartially or contemplate spiritual science, it is necessary to come to the realization: This physical, bodily organization is not really available to what human science, currently existing in the exoteric world, is able to grasp in any sense. If I am to clarify this schematically by means of a sketch, I should like to say: When I condense all that constitutes the human physical organization and its connection with the whole surrounding world (red in sketch), this continues to a certain point. I shall indicate that here by a line. Despite all modern amateurish objections of psychology, beyond this point and polarically differing from it, we have what may be called the soul-spiritual nature of man (yellow), that, in turn, is linked with a world of soul and spirit. That world appears most abstract to present-day human beings, because they grasp it only in the sense of abstract moral or religious ideals that have also become increasingly abstract conceptions. Yet, in regard to both sides of human nature, we are obliged to say: What is looked upon today as science encompasses neither man's physical body nor his soul-spiritual nature. We cannot recognize the physical corporeal nature of man. You can discover the reasons for this in my little book, Philosophy and Anthroposophy.27Rudolf Steiner: “Durch den Geist zur Wirklichkeits-Erkenntnis der Menschenraetsel: Philosophie und Anthroposophie. Vier Maerchen (aus den Mysteriendramen). Anthroposophischer Seelenkalender. Der Seelen Erwachen, 7.u. 8. Bild,” Berlin, 1918. Compiled upon requests by friends and published in book-form for the German soldiers on the front. For, if man would penetrate into himself with inner vision, that is, if he were to look into the very depths of his being and perceive what is going on there, he would be able to do so exactly in the sense of what modern science deems "exact." Then, however, man could not be the being he is today, for he would have no memory, no facility of recollection. When we look at the world, we retain its pictures in our memory. This means that impressions of the world reach only as far as this barrier (see arrow in sketch). From there, they strike back into the soul and we remember them. What thus strikes back out of our own selves into memory conceals from us our physical bodily nature. We cannot look into it, for if we were able to do so all the impressions would merely be momentary, nothing would be thrown back to form recollections. It is only because this barrier acts as a reflector—after all, we cannot look behind a mirror either, its impressions are reflected back to us—that we cannot see inside ourselves. The impressions are reflected back to us unless we rise to spiritual science. If they were not thrown back, we would not have the reflected impressions of memory in ordinary life. We must be so organized as human beings in life that we have memories. Due to this, however, our physical bodily organization is concealed from us. Just as we cannot see through a mirror to what lies behind it, we cannot look behind or under the mirror of memory and behold the way the physical body of the human being is organized.

[ 21 ] Das ist wahre Psychologie, das ist das wahre Wesen der Erinnerung. Und erst dann, wenn geisteswissenschaftliche Methoden so diesen Spiegel durchbrechen, daß für die geisteswissenschaftlichen Methoden — was ich auch schon in öffentlichen Vorträgen gesagt habe — eben nicht an das Erinnerungsvermögen appelliert wird, sondern ohne Erinnerung und jedesmal mit neuen Eindrücken gearbeitet wird, erst dann kommt man auch auf das Leiblich-Seelische, auf seine wahre Gestalt.

[ 21 ] This is true psychology; this is the true nature of memory. Only when spiritual-scientific methods penetrate through this reflector in such a way that no use is made of the faculty of memory—as I have already mentioned in public lectures—and, instead, without recollection, one works each time with new impressions, only then are the true forms of body and soul discovered.

[ 22 ] Ebenso ist es nach der andern Seite hin. Würden wir das GeistigSeelische, von dem ich Ihnen ja letzten Sonntag zeigte, wie es hinter dem Sinnlichen ist — nicht Atome oder Moleküle sind dahinter, sondern das Geistig-Seelische ist da in Wahrheit dahinter —, würden wir dies mit unserem gewöhnlichen alltäglichen Erkenntnisvermögen durchschauen, würden wir uns gewissermaßen nicht stoßen an den Pfählen, an den Grenzen der Naturwissenschaft, dann wäre in uns das nicht vorhanden, was wir wiederum zum menschlichen Leben brauchen, was wir erziehen müssen hier zwischen Geburt und Tod, dann wäre in uns nicht vorhanden die menschliche Liebefähigkeit. Die menschliche Liebefähigkeit wird in uns dadurch erzogen, daß wir zunächst in diesem Leben zwischen Geburt und Tod, wenn wir nicht zur Geisteswissenschaft schreiten, zu verzichten haben auf das Durchschauen des Sinnenschleiers, auf das Hineinschauen in die geistige Welt. Und Erinnerungsvermögen können wir nur dadurch haben, daß wir verzichten auf das Hineinschauen in das Leiblich-Physische. Dadurch aber sind wir zwei großen Täuschungen ausgesetzt. Der einen Täuschung unterliegen die dogmatischen Anhänger der naturwissenschaftlichen Weltanschauung. Sie hören nicht hin auf die Initiationswissenschaft und kommen nicht in der Art, wie ich Ihnen das letzten Sonntag auseinandergesetzt habe, darauf, daß hinter dem Sinnenschleier nicht Materie, nicht Stoff, nicht das, was die Naturwissenschaft Kraft nennt, vorhanden ist, sondern durch und durch geistig-seelische Wesenheit. Es ist auch heute von mir noch mit aller Schärfe dasselbe zu betonen, was ich in meinem Kommentar zum dritten Bande von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften, zu Goethes «Farbenlehre» hervorgehoben habe. Da draußen ist der Farbenteppich der Welt, da draußen ist Rot und Blau und Grün, und da draußen sind die andern Empfindungen. Hinter diesen stecken nicht Atome, stecken nicht Moleküle, hinter diesen stecken geistige Wesenheiten. Was aus diesen geistigen Wesenheiten an die Oberfläche getrieben wird, das lebt sich aus im Farbenteppich der Welt, im Tonzusammenhange, im Wärmezusammenhange der Welt und in all den andern Empfindungen, die uns die Welt vermittelt.

[ 22 ] It is the same in the other direction. If, with our ordinary powers of cognition, we could penetrate the soul-spiritual concerning which I told you last Sunday that this is what is in truth located behind the world of the senses rather than atoms and molecules—and if we were not prevented, so to speak, by the boundaries and barriers of natural science, there would not be present in us something that is, in turn, needed in human life and must be developed by us between birth and death, namely, the capacity for love. The human capacity for love is created in us by the fact that, in this life between birth and death, if we do not advance to spiritual science, we have to forego penetrating the veil of the senses and seeing into the spiritual world. We retain the capacity of memory only by renouncing all ability to see into our own physical body. Thereby, however, we are exposed to two great illusions. The dogmatic adherents of the natural scientific world conception are at the mercy of one of these illusions. They pay no attention to initiation knowledge and do not come to the realization—in the way I described it to you last Sunday28See Lecture III of this volume.—that behind the veil of the senses there is no matter, no substance, no energy, of which natural science speaks, but soul-spiritual being through and through. Today, I must still reiterate with the same emphasis what I stressed in my commentary on the third volume of Goethe's scientific writings, namely, Goethe's Theory of Color.29See Note #4 Out there is the world's carpet of colors, the red, blue and green; out there are the other perceptions. No atoms and molecules are concealed behind it all, but spiritual beings. What is driven to the surface from these spiritual beings lives and expresses itself in the world's carpet of colors, in its relationships of sound and warmth and all the other sensations the world transmits to us.

[ 23 ] Diejenigen aber, die heute dogmatische Anhänger der naturwissenschaftlichen Weltanschauung sind, die durchschauen das nicht. Sie wollen nicht auf die Initiationswissenschaft hinhören. Die Folge davon ist, daß sie anfangen darüber zu spekulieren, was hinter den Farben, der Wärme und so weiter steckt, und dann zu einer stofflichen Konstruktion der Welt kommen. Die ist immer, wenn sie scheinbar noch so gut gegründet ist, wie die moderne Ionentheorie, nur erspekuliert, und man darf nicht hinter die Sinneswelt hinspekulieren, man darf hinter der Sinneswelt nur durch eine höhere, durch eine geistige Welt Erlebnisse haben, sonst muß man bei den Phänomenen stehenbleiben. Die Sinneswelt ist eine Summe von Phänomenen und sie muß als eine Summe von Phänomenen begriffen werden.

[ 23 ] Those, however, who are dogmatic followers of the natural scientific world view today do not realize this. They have no desire to listen to initiation science. In consequence, they begin to speculate about what is hidden behind color, warmth, and so forth, and arrive at a material construction of the world. However well founded this construction may seem for example, the modern theory of ions—it is always the result of speculation. We must not speculate about what is behind the world of the senses; we may only gain experiences there by means of a higher spiritual world. Otherwise, we must content ourselves to remain within the phenomena. The sense world is a sum of phenomena and must be comprehended as such.

[ 24 ] So wird uns heute ein Bild der Natur überliefert, das dann ausgedehnt wird über den Anfangszustand, über den Endzustand der Erde, jenes Bild der Natur, das eben sittliche, religiöse Weltanschauung für den ehrlich Denkenden ausschließt.

[ 24 ] Thus, we are given a picture of nature today which is then extended to include the state of the earth at its beginning and at its end—a picture that excludes an ethical and religious world view for the honest thinker.

[ 25 ] Auf die andere Klippe kommen diejenigen, welche nun ins Innere hineinschauen. Die bleiben meistens bei dem stehen, was sich spiegelt. Der gewöhnliche Mensch im Alltagsleben nimmt die Erinnerungswirkungen wahr, ich möchte sagen, er erinnert sich an das, was er gestern und vorgestern erlebt hat, wenn auch das Gestern und Vorgestern schon vor Jahren war. Derjenige, der nun ein Mystiker wird, treibt dann allerlei aus seinem Inneren an die Oberfläche und belegt es mit allerlei schönen mystischen Worten und Theorien. Aber es ist doch nichts anderes, als was ich hier neulich angedeutet habe, es ist nichts anderes als das Kochen und Brodeln des organischen Lebens im menschlichen Inneren. Denn durchdringt man diesen Spiegel, dann kommt man nicht zu dem, was etwa der Meister Eckhart oder Johannes Tauler in ihrer Mystik haben, sondern dann kommt man zu organischen Prozessen allerdings, von denen die Welt heute wenig ahnt. Und was noch mit so schönen mystischen Worten dargelegt wird, das verhält sich zu diesen organischen Prozessen nicht anders, als sich bei der Kerze die Flamme zu dem Brennstoff verhält: sie ist das Produkt dieser organischen Prozesse. Die Mystik eines Johannes vom Kreuz, einer Mechthild von Magdeburg, auch des Johannes Tauler und Meister Eckharts, sie sind schön, aber doch nur das, was aus dem organischen Leben heraufbrodelt und was nur deshalb in abstrakten Formen beschrieben wird, weil man nicht einsieht, wie dieses organische Leben tätig ist. Man lernt das geistige Leben nicht kennen, wenn man nicht erst dieses organische Leben kennenlernt. Der kann kein Geisteswissenschafter werden im wahren Sinne des Wortes, der das innerlich-brodelnde organische Leben in Mystik umdeutet. Gewiß, es sind schöne Worte, die da gesprochen werden. Aber man muß sich, wenn man über diese Dinge spricht, auf einen ganz andern Gesichtspunkt stellen können als den der äußeren Welt. Man muß sich eben nicht auf den menschlich hochmütigen Gesichtspunkt stellen, indem man sagt: Das innere organische Leben ist eben niederes Leben. — Es wird dadurch nicht höher, daß man seine Wirkung als Mystik bezeichnet, sondern man wird ins geistige Leben eben gerade dadurch getrieben, daß man dieses organische Leben in seinen organischen Wirkungen durchschaut, daß man: weiß, je tiefer man in die Einzelnatur des Menschen hineinsteigt, desto mehr entfernt man sich vom Geistigen, man kommt ihm nicht näher. Man kommt nur auf geisteswissenschaftliche Weise dem Geistigen näher, nicht dadurch, daß man in sich selber hineinsteigt. Wenn man in sich selber hineinsteigt, dann hat man die Aufgabe, zu untersuchen, wie durch Zusammenwirkung von Herz, Leber und Niere Mystik zustande kommt, denn das tut sie.

[ 25 ] The victims of the second illusion are those who Look within. For the most part, they do not go beyond what is reflected. Ordinary man in everyday life perceives the effects of memory—he recalls what he experienced yesterday and the day before, indeed, years ago. Someone who becomes a mystic today brings any number of things to the surface from within which he then clothes in beautiful mystical words and theories. But as I have recently pointed out, these things are but the bubbling and seething of his inner organic life. For, if we penetrate this mirror, we do not come to what a Master Eckhart or Johannes Tauler have in their mysticism. We arrive at organic processes of which, it is true, the world today has scarcely any idea. What is clothed in such beautiful words is related to these organic processes as the flame of a candle is related to the flammable material—it is the product of these organic processes. The mysticism of a John of the Cross, of a Mechthild of Magdeburg, or of Johannes Tauler and Master Eckhart is beautiful, but nevertheless, it is only what boils up out of the organic life and is described in abstract forms merely because one lacks the insight into how this organic life is active. He can be no true spiritual scientist who interprets as mysticism the inwardly surging organic life. Certainly, beautiful words are used to describe it, but we must be capable of taking a completely different viewpoint from that of the ordinary world when referring to these matters. We ought not to adopt the humanly arrogant standpoint and say: The inner organic life is the lower form of life. It is not elevated if its effects are designated as mysticism. On the contrary, we are impelled into the life of the spirit when we discern this organic life and its effects and realize that the more we descend into man's individual nature, the more we distance ourselves from the spiritual. We do not approach it more closely. We draw near the spirit only by way of spiritual science, not by descending into ourselves. When we do the latter, it is our task to discover how the collaboration of heart, liver and kidneys produces mysticism; for that is what it does.

[ 26 ] Das habe ich ja öfters als die Tragik des modernen Materialismus hingestellt, daß dieser moderne Materialismus zuletzt eben die materiellen Wirkungen nicht erkennen kann, daß er gar nicht bis zu den materiellen Wirkungen kommt. Wir haben ja heute weder eine wirkliche Naturwissenschaft noch eine wirkliche Psychologie; denn eine wirkliche Naturwissenschaft führt zum Geiste, und eine Psychologie, die in dem Sinne, wie wir es heute wollen, fortschreitet, die führt zu der Erkenntnis von Herz, Leber, Niere und nicht zu den abstrakten Dingen, von denen die heutige dilettantische Psychologie redet. Denn was man heute oftmals Wollen, Fühlen, Denken nennt, sind abstrakte Worte, die konkreten Dinge fehlen den Leuten. Und es ist leicht, sogar wirklich ernstgemeinte Geisteswissenschaft des Materialismus zu zeihen, weil sie gerade in das Wesen des Materiellen hineinführt, um auf diesem Wege zum Geiste zu führen.

[ 26 ] I have often pointed out that the tragedy of modern materialism is that it actually cannot perceive the material effects, indeed, that it cannot even reach as far as the material effects. Today we have neither a true natural science nor a genuine psychology. True natural science leads to the spirit, and the kind of psychology progressing in the direction that we have in mind today leads to insight into heart, liver and kidneys, not the abstractions our modern, amateurish psychology speaks of. For what is frequently called thinking, feeling and willing today is an abstract set of words. People lack insight into the concrete aspects, and it is easy to accuse even sincere spiritual science of materialism just because it leads into the nature of material elements in order to guide us in this way to the spirit.

[ 27 ] Der wirkliche Spiritualismus wird gerade das Wesen des Materiellen zu enthüllen haben. Dann wird er zeigen können, wie der Geist im Materiellen wirkt. Denn das muß ganz ernst genommen werden: Geisteswissenschaft darf nicht auf die bloße Logizität der Erkenntnis, sondern muß auf die Erkenntnis als Tat gehen. Es muß etwas getan werden im Erkennen. Es muß das, was im Erkennen sich abspielt, in den Gang der Weltereignisse eingreifen. Es muß etwas Tatsächliches sein. Gerade darauf habe ich mich ja bemüht, letzten Sonntag und in den vorhergehenden Tagen hinzuweisen. Es handelt sich einmal darum, daß man einsehe: Der Geist als solcher muß als Tatsache verstanden werden, es darf nicht eine Theorie vom Geiste ausgebildet werden. Theorien sollen dazu da sein, um zum lebendigen Empfinden des Geistes zu führen. Aus diesem Grunde ist es notwendig, daß von dem wirklichen Geisteswissenschafter so oft paradox gesprochen wird. Man kann heute nicht fortfahren, in den landläufigen Formeln zu sprechen, wenn man von wahrer Geisteswissenschaft spricht, sonst kommt man eben zu dem, wozu eine verderbliche 'Theosophie geführt hat, welche von allen möglichen Gliedern der Menschennatur spricht, vom physischen Menschen, vom ätherischen, vom astralischen Menschen; aber das wird immer nur «dünner». Der physische Mensch ist dicht, der ätherische ist dünner, der astralische ist noch dünner, dann gibt es ganz dünne, mentale und was noch alles, es wird immer dünner und dünner, ein wahrgenommener Nebel, aber Nebel bleibt es, es bleibt Materie! Darauf kommt es nämlich nicht an. Es kommt darauf an, daß man in der Substanz das Materielle überwindet. Da muß man dann oftmals Worte anwenden, die eine andere Prägung haben, als sie im alltäglichen Leben üblich ist.

[ 27 ] It will be the specific task of true spiritualism to unveil the nature of all matter. Then it will be able to show how spirit is effective in matter. It must be taken quite seriously that spiritual science ought not to be concerned with the mere logicality of knowledge, but has to aim for a knowledge that is action. Something must be done—with regard to knowing. What is taking place in the process of cognizing must become involved in the course of world events. It must be something factual. It was just this that I was trying to indicate last Sunday and the days before. It is a matter of arriving at the realization that spirit as such must be comprehended as a fact; no theory concerning the spirit may be developed. Theories should only serve to lead to living experience of the spirit. This is the reason why it is so often necessary for the true spiritual scientist to speak paradoxically. We cannot persist today in talking in the customary formulations when we speak about spiritual science; otherwise, we come to what an erroneous theosophy has led to. It mentions any number of the members of man's being—the physical man, the etheric and astral being—each one more tenuous than the last. Physical man is dense, the etheric is less so, the astral being is still more rarefied. There are utterly tenuous mental and other states that are increasingly delicate, a perceptible mist, but all remain a mist, they all remain matter! That, however, is not the point. What does matter is that one learns in substance itself to overcome material. This is why one must frequently employ words that have a different connotation from the one customary in everyday life.

[ 28 ] Und so muß man schon sagen — morgen wird uns diese Sache noch klarer werden —, so muß man schon sagen: Nehmen wir auf der einen Seite einen Menschen, der durch und durch materialistische Gesinnung hat, der, sagen wir, verführt durch den Materialismus der Gegenwart, sich nicht zu der Anschauung eines Geistigen erheben kann, der durch und durch ein Materialist der Theorie nach ist und alles als Nonsens ansieht, was man über ein Geistiges behauptet, aber dasjenige, was er über die Materie sagt, nehmen wir an, das wäre geistvoll, das wäre etwas, was die Materie wirklich treffen würde, dann hätte der Mann Geist. Er würde zwar durch seinen Geist den Materialismus vertreten, aber er hätte Geist.

[ 28 ] Therefore, we must say—and that matter will become clearer to us tomorrow: Take, on the one side, a person who is of a thoroughly materialistic mind and has been led astray, shall we say, by present-day materialism, one who cannot raise himself to a view of anything spiritual and, according to theory, is a complete materialist, considering any mention of the spirit pure nonsense. Suppose, however, that what he says concerning matter is intelligent and really to the point. This man, then, would have spirit. Although, by means of his spirit, he might uphold materialism, he would have spirit.

[ 29 ] Nehmen wir einen andern, der sich in irgendeiner theosophischen Gesellschaft hat einschreiben lassen und den Standpunkt vertritt: Da ist der physische Leib, dann etwas dünner der ätherische Leib, noch dünner der astralische Leib, noch dünner der Mentalleib und so weiter. Um das zu behaupten, dazu gehört nicht viel Geist. Man kann wenig Geist haben und solch eine Theorie vertreten. Man vertritt im Grunde genommen nur als Lüge eine geistige Welt, denn man vertritt in Wirklichkeit nur eine materielle Welt, die man geistig umschreibt.

[ 29 ] Then, let us look at another person who is a member of a theosophical society and adheres to the viewpoint: This is the physical body, then comes the more rarefied etheric body, followed by a more tenuous astral body, mental body, and so on. It does not take much spirit to make these assertions. Indeed, such a theory can be represented with very little spirit. The expounding of such a spiritual world is then, strictly speaking, a falsehood, because in reality one only pictures a material world phrased in spiritual terms.

[ 30 ] Wo wird derjenige, der nun wirklich auf den Geist geht, den Geist suchen, beim materialistischen Theoretiker, der den Geist hat, nur eben auf eine Weise, die logisch ist, oder bei dem, der sozusagen richtige Behauptungen aufstellt, aber in seinen Worten doch nur von Materie redet? — Der wirkliche Spiritualist wird vom Geiste bei dem ersteren reden, bei dem, der eine materialistische Weltanschauung vertritt, denn da kann Geist eben vorhanden sein, während beim Vertreten einer spirituellen Anschauung eben kein Geist vorhanden zu sein braucht. Und es kommt darauf an, daß der Geist wirkt, nicht daß man vom Geiste redet.

[ 30 ] Where would a person look who is genuinely seeking for the spirit? Will he seek it by turning to the materialistic theorist who has spirit, albeit in a logical manner, or will he turn to the one who makes plausible statements, so to say, but whose words refer only to matter? The true spiritualist will speak of the spirit in connection with the former, the one who represents a materialistic world conception, for there spirit can be present, whereas no spirit need be present in expounding a spiritual view. What is important is that spirit is at work, not that one speaks of spirit.

[ 31 ] Das wollte ich heute nur zur Erläuterung von manchem sagen, was wie paradox sich ausnimmt. Der geistvolle Materialist kann mehr erfüllt sein vom Geiste als derjenige, der eine spirituelle Theorie vertritt, wenn er sie eben geistlos vertritt. Es hört eben bei der wahren Geisteswissenschaft die Möglichkeit auf, bloß logisch über Weltanschauungsgesichtspunkte zu streiten. Da beginnt die Notwendigkeit, den Geist in seiner Realität zu erfassen. Das kann man nicht, ohne daß man sich erst Vorbegriffe klarmacht, wie diejenigen sind, von denen wir heute gesprochen haben, von denen wir morgen weiter sprechen wollen.

[ 31 ] I wished to say this today merely to clear up certain matters that seem paradoxical. The spirited materialist may be more filled with spirit than the exponent of a spiritual theory who presents it spiritlessly. In the case of true spiritual science, the possibility no longer exists merely to dispute logically about ideological standpoints. It becomes imperative to grasp the spirit in its actuality. That is impossible unless one first comprehends some preliminary concepts such as those of which we have spoken today and shall be considering further tomorrow.