Geisteswissenschaft als Erkenntnis
der Grundimpulse sozialer Gestaltung
GA 199
27 August 1920, Dornach
Neunter Vortrag
[ 1 ] Heute vor hundertfünfzig Jahren wurde in Stuttgart Hegel geboren, und man muß, indem man an diesem Tage sich dieser Tatsache erinnert, eigentlich unwillkürlich von dem Gefühl durchdrungen sein der ungeheuren Veränderung und Umwandlung, welche die Zeiten erfahren haben seit der Geburt dieses für die ganze moderne Zivilisation so außerordentlich charakteristischen Geistes. Hegel schließt ja in sich gewissermaßen den Extrakt des Geisteslebens jenes mitteleuropäischen Gebietes, das sich nach seinem Wirken so wesentlich verändert hat, das jetzt beginnt, von diesem mitteleuropäischen Gebiete, in dem es eine gewisse Rolle gespielt hat, geradezu ideell zu verschwinden.
[ 2 ] Hegel ist in Stuttgart, im Schwabenlande geboren, hat die Jahre seiner Reifung, die Jahre der Entwickelung der besonderen Art seines Geistes in Mitteldeutschland verlebt und war dann in der letzten Epoche seines Lebens eine in Norddeutschland einflußreiche Persönlichkeit, einflußreich insbesondere für das Unterrichtswesen, aber auch für manche andere geistige Angelegenheiten Norddeutschlands. Am 27. August 1770 in Stuttgart geboren, kam Hegel, der sich langsam aus einer gewissen schwerfälligen Geistigkeit heraus entwickelte, im achtzehnten Lebensjahre an die Tübinger Universität, studierte dort Theologie und machte die Bekanntschaft vor allen Dingen des viel beweglicheren, geistig regsameren, jugendlichen Schelling, machte die Bekanntschaft des, ich möchte sagen, die schwermütigsten Empfindungen des alten Griechenland in die neuere Zeit heraufhebenden Hölderlin, verbrachte mit diesen beiden, mit Hölderlin und Schelling, in inniger Kameradschaft seine Studienjahre in Tübingen, wandte sich dann gleich Schelling Mitteldeutschland, Thüringen, der Jenenser Universität zu, wo er zunächst, ebenso wie Schelling, angezogen durch die Persönlichkeit Johann Gottlieb Fichtes, seine ersten Versuche in Ausarbeitung eigener Weltanschauungsideen machte. Er wirkte an der Universität bis zum Jahre 1806. In diesem Jahre vollendete er sein erstes größeres, selbständiges Werk, «Die Phänomenologie des Geistes», wie man sagt, während die Kanonen Napoleons um Jena herum donnerten. In diesem Werke ist enthalten der Versuch, alles dasjenige in Gedanken wiederzuerleben, was das menschliche Bewußtsein erleben kann von seinen dumpfesten Welteindrücken bis zu jener Klarheit herauf, wo der Mensch in einer solchen Intensität die Ideenwelt durchlebt, daß ihm diese Ideenwelt selbst als die Substanz des Geistes erscheint. Man möchte sagen, etwas wie eine Weltreise des Geistes ist diese «Phänomenologie des Geistes».
[ 3 ] Die damals schwierigen Verhältnisse in Deutschland brachten Hegel um seine Stellung an der Universität in Jena. Er blieb aber weiter im mittleren Deutschland und redigierte zunächst ein Jahr etwa eine politische Zeitung in Bamberg, war dann Gymnasialdirektor in Nürnberg, bis er für wenige Jahre Universitätsprofessor in Heidelberg wurde. Während seiner Nürnberger Zeit arbeitete er sein bedeutsamstes Werk, die «Wissenschaft der Logik» aus. In Heidelberg schrieb er seine «Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften». Dann wurde er berufen an die ja aus dem Geiste Fichtes und Humboldts heraus begründete Berliner Universität, an der er eine einflußreiche Tätigkeit ausübte, welche Tätigkeit sich eben ausdehnte über das gesamte Unterrichtswesen, das von Berlin aus verwaltet werden konnte, und auch über andere geistige Angelegenheiten.
[ 4 ] Hegel war eine merkwürdige Persönlichkeit schon äußerlich, wenn er vortrug.Er hatte seine geschriebenen Manuskriptblätter vor sich, die aber immer, wie es scheint, ungeordnet waren, so daß er fortwährend blätterte, suchte. Er war etwas ungelenk im Darstellen, brachte nur schwer seine Sachen hervor. Der Gedanke in ihm arbeitete, arbeitete aus tiefen Untergründen der Seele heraus, während er vortrug, gestaltete sich außerordentlich schwer zum Worte, das wie stotternd und wie abgerissen hervorkam. Dennoch aber soll sein Vortrag, der in dieser Weise, wie fortwährend sich unterbrechend, an die Zuhörer herantrat, einen außerordentlich großartigen Eindruck gemacht haben auf diejenigen, die einen Sinn dafür hatten, auf eine solche Persönlichkeit einzugehen. Aber auch sonst hatte Hegel merkwürdige persönliche Eigenschaften. Er lebte sich wirklich ein in die ganze Struktur der Umgebung, in der er sich befand, er erlebte mit die Struktur dieser Umgebung. Und so kann man bemerken, wie er tatsächlich aus dem schwäbischen Milieu herauswächst, wie er gewissermaßen den Schwabengeist mit all seinen besonderen charakteristischen Merkmalen in sich hat, bis er — nachdem er die Universität absolviert hatte, war er einige Zeit auch Hauslehrer in der Schweiz und in Frankfurt am Main —, bis er in die Schweiz und nach Frankfurt am Main kam, wo er sich verhältnismäßig schnell wiederum in die andere Umgebung einlebte.
[ 5 ] Und dann kam er nach Jena, wo Fichtes Feuergeist wirkte, wo vor allen Dingen etwas war wie eine Zusammenfassung des ganzen mitteleuropäischen Geisteswesens, eine Zeit, von der sich heute die Menschen kaum noch eine Vorstellung machen können. Es war ja so, daß, wenn Fichte in seiner Art die durchaus voll auf einer hohen geistigen Stufe stehenden Auseinandersetzungen im Hörsaale machte, die aber trotzdem auf einer abstrakten Höhe standen, diese Auseinandersetzungen sich in Debatten bis in die Straßen und öffentlichen Plätze in Jena fortsetzten; so daß in der Tat solch ein Vortrag Fichtes nicht bloß eine Auseinandersetzung mit irgendwelchen Problemen war, sondern ein Ereignis war, ein Ereignis auch in der Hinsicht, daß von allen irgendwie nicht allzuweit von Jena abliegenden Orten dazumal nach Weltanschauung bedürftige Persönlichkeiten in Jena sich einfanden. Und wer Briefschaften liest, die ja reichlich vorhanden sind, in denen Persönlichkeiten sich aussprechen, die in Jena Fichte gehört haben, der stößt immer wieder und wiederum auf Stellen, die von dem ungeheuren geistigen Einfluß Fichtes sprechen. Ja, man muß sagen, nach vielen Jahren, nachdem Fichte längst gestorben war, nach Jahrzehnten noch drücken sich Persönlichkeiten, die ihn in Jena gehört haben, in der Weise aus, daß sie von jenem großen Einflusse auf ihre Seele sprechen, den sie erfahren haben durch Fichte in Jena.
[ 6 ] Angeregt durch das, was da Gewaltiges an Geist in die Welt floß, war der philosophische Feuergeist Schelling, war auch der schwerfälligere Georg Friedrich Wilhelm Hegel, der sich aber mit Schelling zusammentat, um die Fichtesche Philosophie weiterzubilden. Schelling und Hegel gaben dazumal in Jena im Beginne des vorigen Jahrhunderts das «Kritische Journal der Philosophie» heraus, das sich in seinen Artikeln durchaus auf den höchsten Höhen philosophischen abstrakten Denkens bewegte, aber so, daß man sieht: die in dünne Abstraktionen gesenkten Auslassungen beschäftigen sich, wie unmittelbar aus dem menschlichen Herzen hervorsprudelnd, mit denjenigen Angelegenheiten des Menschen- und Weltlebens, die die Gipfelpunkte alles Weltanschauungsstrebens nun einmal sind. Dann arbeitete sich Hegel zu einer gewissen Selbständigkeit heraus und schrieb eben bis 1806 seine «Phänomenologie des Geistes», die aber eigentlich eine Phänomenologie des Bewußtseins ist.
[ 7 ] Immer stand Hegel, wie ich sagte, in dem ganzen Milieu darinnen. Tief in seinem Inneren arbeiteten die Rätsel, die in seiner Umgebung waren. Und so, wie es der Schwabengeist war mit seiner — nun, ich will nicht unhöflich sein — bei einzelnen auserlesenen Schwaben sich findenden Tiefe, wie es der Schwabengeist war in seiner Jugend, der in ihm so recht zur Offenbarung kam, so war es dieser ganze, das neuere Geistesstreben in Konzentration zusammenfassende Philosophengeist, der ihn in Jena im Beginne des 19. Jahrhunderts ergriff, und aus dem heraus er schrieb und wirkte, aus diesem philosophischen Geist, der sich aber immer nährte an einem Überblicke, den er sich unaufhörlich über die allgemeine Weltlage machte.
[ 8 ] Aus diesem heraus entstand auch Hegels «Logik», keine gewöhnliche Logik, sondern etwas ganz anderes. Sie ist im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts geschrieben. Man möchte sagen: Die allereigentümlichste Art des Strebens der Menschheit auf der höchsten Höhe tritt gerade in dieser Hegelschen Logik zutage.
[ 9 ] Logik ist für Hegel etwas wie eine Art Zusammenfassung desjenigen, was das Griechentum in einer etwas andern Art, als es Hegel tat, unter Logos verstand — die Weltvernunft. Hegel war dazu gekommen, während jenes inneren, tiefen Erlebens, das er durchmachte bei der Ausarbeitung seiner «Phänomenologie des Geistes», so recht zu fühlen: Wenn der Mensch sich erhebt bis zum intensiven Erleben der Idee, also der Ideen der Welt, dann ist dieses Erleben der Idee nicht mehr ein Gedankenerleben bloß, dann ist dieses Erleben der Idee ein Erleben des göttlichen Weltelementes in seiner Wahrheit, in seiner Reinheit, in seiner lichten Klarheit. Etwas, was in Mitteleuropa in den Geistern, in den Seelen seit Jahrhunderten pulste, es kam auf besondere Art in Hegel dazumal zum innerlich seelischen Dasein. Man braucht sich nur zu erinnern an die tiefe Mystik des Meister Eckhart, des Johannes Tauler wir haben sie in diesen Tagen von einer andern Seite kennengelernt, aber tief bleibt sie doch, und das Erleben bleibt ja dasselbe, auch wenn man die tieferen okkulten Untergründe kennt, von denen ich vor einigen Tagen hier gesprochen habe —, man braucht nur zu denken an dieses mystische Erleben, wie es dann etwa in Valentin Weigel, selbst in Paracelsus, in Jakob Böhme innerliche Offenbarung wurde, und man braucht sich nur dasjenige, was Geister wie der Meister Eckhart oder der Johannes Tauler mehr aus einem intensiven Gefühle heraus als abstrakt erlebten, was Jakob Böhme in Bildern auseinanderlegte durch inneres Erleben, man braucht sich das nur in die helle, lichte Klarheit der Weltideen zu verwandeln und also an die Stelle von Gefühls- und Bildermystik Ideenmystik zu setzen, dann hat man das Erleben, das Hegels Erleben war, als er die «Logik» schrieb: ein Aufgehen der Seele in reinen Ideen, aber mit der Überzeugung, daß diese Ideen die Weltsubstanz sind, ein Leben in dem, was Nietzsche später genannt hat die kalte, eisige Ideenregion, aber bei Hegel ein Erleben der Ideen mit dem Bewußtsein, daß dieses Erleben der Ideen ein Zwiegespräch mit dem Weltengeiste selber ist.
[ 10 ] Was da Hegel erlebte, nicht in vagen Definitionen von einer Einheit der Welt, nicht in solchen vagen Begriffen, wie sie die Pantheisten auseinandersetzen, sondern in konkreten Ideen, die zu verfolgen waren von dem einfachen Sein bis herauf zu der vollerfüllten Idee des Organismus und des Geistes, was da erlebt werden kann in aller Breite der entwickelten Ideenwelt, das faßte Hegel zusammen in seiner «Logik»; so daß in seiner «Logik» gegeben werden will ein Organismus der dem Menschen möglichen Ideen, die aber zu gleicher Zeit, indem sie der Mensch erlebt, die Gewißheit zeigen, daß sie dasselbe sind, wonach der Weltengeist die Wirklichkeit werden läßt. Daher nennt Hegel auch den Inhalt seiner «Logik» die Göttlichkeit vor der Erschaffung der Welt. Aber eisig ist die Region, in die der Mensch versetzt wird, der Hegels «Logik» nachstudiert, eisig ist diese Region, denn Hegel bewegt sich durchaus in demjenigen, was der gewöhnliche Mensch die äußerste Abstraktion nennt. Er beginnt als die einfachste Idee das Sein hinzusetzen, geht dann in das Nichts über, schreitet fort vom Sein durch das Nichts dialektisch zum Werden, zum Dasein und so weiter, zum Für-sich-Sein, zum Wesen, zur Substantialität, zur Kausalität und so weiter; und man bekommt nicht dasjenige, was der gewöhnliche Mensch will, wenn er innerlich in seiner Seele erfüllt werden will von der göttlichen Weltenwärme; man bekommt eine Summe von, wie eben im gewöhnlichen Leben gesagt wird, abstrakten Ideen.
[ 11 ] Was ist. diese «Logik»? Diese «Logik», wenn man sich in sie vertieft, sie wird schon zu einem Erlebnis; sie wird sogar zu einem Erlebnis, das einem viel Aufschluß geben kann über manche Geheimnisse des Menschen und der Welt überhaupt. Man möchte sagen: Dasjenige, was man da erlebt an Hegels «Logik», es läßt sich im Grunde genommen erst durch die Geisteswissenschaft richtig charakterisieren. Man findet erst aus der Geisteswissenschaft heraus Worte, durch die man dieses Erlebnis charakterisieren kann. Es geht einem da ganz merkwürdig. Rosenkranz, der Schüler Hegels, der seinem Meister ganz ergeben war, er hat uns eine wirklich nicht nur liebenswürdig, sondern auch geistvoll geschriebene Biographie von Hegel geschenkt. Er spricht in dieser Hegel-Biographie Worte aus, die, ich möchte sagen, für die Zeitentwickelung in gewisser Beziehung signifikant sind. Er sagt, etwa so Mitte der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts: Wir sind eigentlich die Totengräber der großen Philosophen. Und er zählt dann auf, wie die großen Philosophen um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert aus der europäischen Zivilisation aufgestiegen sind, und wie sie eigentlich in jener Zeit gestorben waren. Man bekommt ein wehmütiges Gefühl, wenn man gerade diese Stelle in Rosenkranz’ Hegel-Biographie liest, denn es ist etwas sehr Wahres ausgesprochen. Dieses 19. Jahrhundert, indem es immer mehr und mehr vorrückte, wurde zum Totengräber nicht nur der Philosophen, sondern der Philosophie, ja der großen Weltanschauungsfragen überhaupt. Dasjenige, was uns jetzt entgegentritt mit solchen Riesenschritten, der Verfall der europäischen Zivilisation, er zeigte sich zuerst auf den philosophischen Höhen. Die anmaßenden philosophischen Systeme aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind ja im Grunde genommen Niedergang.
[ 12 ] Aber auf dem Boden der Geisteswissenschaft kann man nicht so sprechen, wie Rosenkranz gesprochen hat; auf dem Boden der Geisteswissenschaft muß, ich möchte sagen, auch lebendig werden dasjenige, was äußerlich physisch tot ist. Denn dasjenige, was im Menschen ewig ist, wirkt ja ewig fort, auf der einen Seite in übersinnlichen Welten, auf der andern Seite aber auch in der irdischen Welt selber; und wenn es den Niedergangsimpulsen zufällt, die Totengräber zu haben, so fällt es der Geisteswissenschaft zu, das seelisch Ewig-Lebendige aus dem Toten herauszusuchen und es in seinem Fortleben vor die Welt hinzustellen. Deshalb möchte ich auch heute nicht von dem toten Hegel sprechen, sondern von dem lebendigen Hegel.
[ 13 ] Aber allerdings, Lebendige solcher Art, wie Hegel es war, sie werden in gewisser Beziehung zu gleicher Zeit zu scharfen Kritikern desjenigen, was in unserer Zeit zum Teil aus der Schläfrigkeit der Seele, zum Teil aus bösem Willen heraus sein Bündnis mit den Niedergangsmächten schließt. Und so muß ich vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte sagen: Ja, wahr ist es, in einer kalten, eisigen Region zunächst abgezogener Begriffe verläuft die logische Dialektik Hegels. Man lebt eigentlich in lauter Begriffen, indem man die Hegelsche «Logik» durchlebt, die der gedankenlose Mensch nicht liebt, bei denen der gedankenlose Mensch sagt: Das interessiert mich nicht. — Aber gerade diese Begriffswelt Hegels, gerade diese Summe von scheinbaren Abstraktionen, gerade diese eisig kalten Begriffe, was sind sie denn? Man kann nachforschen in dem, was einem gerade die Geisteswissenschaft gibt, was diese Begriffe sind. Sie können ja ganz ohne Zweifel die ewige Weltvernunft selbst nicht sein, denn diese ewige Weltvernunft hätte nimmermehr aus dieser Summe von bloßen Abstraktionen heraus die ganze vielgestaltige und vor allen Dingen nicht die ganze wärmehaltige Welt erbilden können. Wie dünne Begriffsschleier — Hegel nennt selbst seine Ideen der Logik. Schattenbilder —, so nehmen sich diese logischen Begriffe, diese logischen. Ideen aus.
[ 14 ] Also dasjenige, was Hegel zunächst in seinem Glauben erlebte von dieser Logik, das kann sie natürlich nicht sein; sie ist eine Summe von Ideen, die beginnt bei dem Sein, geht durch das Nichts zum Werden und so weiter, durch lauter solche Begriffe, und endet bei der ihren Zweck in sich selber tragenden Idee, also bei dem, was das gewöhnliche Bewußtsein auch noch eine Abstraktion nennt. Also gewiß, die Welt erschaffen aus solchen Ideen hätte man nicht können, und dasjenige, was lebendiger Geist ist, was ja erfaßt werden muß im übersinnlichen Erkennen als lebendiger Geist, das ist auch diese Logik nicht. Es ist schon, ich möchte sagen, aus einem subjektiven Empfinden heraus, wenn Hegel sagt, der Inhalt dieser Logik, das seien die Gedanken Gottes vor der Erschaffung der Welt. Man könnte nimmermehr die reiche Fülle der Welt irgendwie erfassen aus diesen Gedanken heraus. Und dennoch, das Erlebnis, wenn man sich nur überhaupt darauf einläßt, ist ein starkes, ein gewaltiges. Was ist es denn eigentlich, was in dieser Logik enthalten ist?
[ 15 ] Wenn Sie hier unseren Bau betrachten — er soll als die Mittelpunktsgruppe haben am Ostende in der Mitte eine Art Christus-Gestalt, überragt von Luzifer, und darunter, gewissermaßen in die Erde gestoßen von dem Menschheitsrepräsentanten, der in sich das seelische Gleichgewicht vollständig hält, Ahriman. Es soll da dargestellt sein die volle Menschlichkeit in dieser Gruppe. Der Mensch ist ja in Wirklichkeit dasjenige, was das Gleichgewicht suchen muß zwischen dem, was über den Menschen hinaus will, und zwischen dem, was den Menschen zum Boden hinunterzieht, zwischen dem Luziferischen und dem Ahrimanischen. Physiologisch, physisch gesprochen ist ja das Luziferische in uns diejenige Kraft, die den Menschen zum Fieber, zum Pleuritischen bringt, dasjenige, was den Menschen in Wärmeverhältnisse bringt, die ihn auflösen, die ihn in der Welt zerstieben lassen, und dem Ahrimanischen, das ihn verknöchert, verkalkt. Seelisch gesprochen ist der Mensch dasjenige, was das Gleichgewicht suchen muß zwischen schwärmerischer Mystik, zwischen Theorie, zwischen alldem, was zu dem Wesenlosen, aber vom Lichte Durchhellten hinauf will, und demjenigen, was zum Pedantischen, zum Philiströsen, zum Materialistischen, zum Intellektualistischen den Menschen hinunterzieht. Geistig gesprochen muß der Mensch das Gleichgewicht halten zwischen dem, was ihn immer einschläfert, was ihn immer dazu bringt, wie sich hinzugeben an das Weltenall: das Luziferische, und demjenigen, was ihn immerfort aufweckt, was ihn durchzuckt mit jener Gewalt, die ihn nicht schlafen läßt: dem Ahrimanischen. Man begreift das menschliche Wesen nicht, wenn man es nicht hineinstellen kann in die Mitte zwischen dem Luziferischen und dem Ahrimanischen. Aber dasjenige, was da die Menschenseele in dieser Mitte erlebt, ist ein Kompliziertes, und die Menschenseele erlebt eigentlich dieses Komplizierte nur im Laufe der Zeit, im Laufe der Entwickelung, und man muß die einzelnen Etappen dieser Entwickelung verstehen. Man kann sagen: Wer Hegel versteht, wie er seine «Logik» ausarbeitet, der sieht, wie die Menschheit in dieser Zeit, da Hegel seine «Logik» ausarbeitet — im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts —, beginnt zu verkalken, beginnt materialistisch zu werden, dicht zu werden, in die Materie verstrickt zu werden. Wie ein Versinken in die Materie im Wissen, im Erkennen ist es in dieser Zeit. Und es erscheint einem wie im Bilde diese Menschheit, im Materiellen versinkend, Hegel wie in der Mitte stehend, mit aller Gewalt sich herausarbeitend und entreißend Ahriman dasjenige, was Ahriman Gutes hat: die abstrakte Logik, die wir brauchen zu unserer innerlichen Befreiung, ohne die wir nicht zum reinen Denken kommen, diese entreißend den Mächten der Schwere, diese entreißend den irdischen Mächten und sie hinstellend in ihrer ganzen kalten Abstraktheit, damit sie nicht in demjenigen Elemente lebe, das das Ahrimanische im Menschen ist, sondern damit sie heraufkomme in das menschliche Denken. Ja, diese Hegelsche Logik ist den ahrimanischen Mächten entrissen, entrungen und der Menschheit gegeben; sie ist dasjenige, was die Menschheit braucht, ohne das sie nicht vorwärtskommen kann, was aber erst Ahriman entrissen werden mußte.
[ 16 ] So bleibt die Hegelsche Logik tatsächlich etwas Ewiges, so muß sie fortwirken. Sie muß immer wieder gesucht werden. Man kann ohne sie nicht auskommen. Will man ohne sie auskommen, so verfällt man entweder in die Weichlichkeit der Schleiermacherei, oder man versinkt in dasjenige, in das man sogleich versunken ist, als man an Hegel sich heranmachte und ihn nicht fassen konnte. Denn da steht, ich möchte sagen, während auf der einen Seite das Bild des Hegel auftritt, der sich herauserhebt aus dem Ahrimanischen, der dasjenige, was von Ahriman als reine Logik für die Menschheit zu retten ist, für das menschliche Denken wirklich rettet, da steht auch auf der andern Seite das Bild von Karl Marx auf, der auch sich an Hegel orientierte, das Hegelsche Denken aufnimmt, aber von Ahrimans Klauen ergriffen wird und in die tiefsten Tiefen des materiellen Sumpfes hineingerissen wird, der mit Hegels Methode zum historischen Materialismus kommt. Da sieht man unwillkürlich nebeneinander den nach aufwärts strebenden Geist, der dem Ahriman die Logik entreißt, und neben ihm denjenigen, der mit dieser Logik, weil man mit ihr sich eben aufrechterhalten muß durch alle inneren menschlichen Seelenkräfte, der versinkt in das Ahrimanische.
[ 17 ] So steht schon Hegel da als ein Geist, den man nur fassen kann, wenn man ihn zu fassen sucht mit den Begriffen, die eigentlich nur wiederum die Geisteswissenschaft geben kann. Das ist dasjenige, was Hegel geworden ist aus jenen Wirkungen, die auf ihn ausgeübt worden sind durch die flammenden Fichte-Worte in Jena, deren Extrakt er dann in seiner Art ausgebildet hat während seiner Bamberger, während seiner Nürnberger, während seiner Heidelberger Zeit.
[ 18 ] Und dann wurde er nach Norddeutschland versetzt. Immer stand er darinnen in demjenigen, was seine Umgebung war. Sein Inneres weckte in menschlich-persönlicher Art auf das, was seine Umgebung war. So wurde er eben der einflußreiche Geist der Berliner Universität. Und jetzt erlebte die Welt von ihm dasjenige Werk, das er ja aus der Mitte der modernen Zivilisationswelt heraus schaffen mußte, wenn er wirklich ein solcher Geist war, der dieser Mitte voll angehörte. Wir haben ja charakterisiert in den letzten Wochen den Osten, die Mitte und den Westen, haben gefunden, wie im Westen besonders das wirtschaftliche Denken blüht, im Osten das geistige Denken blühte, wie in der Mitte das Rechtliche, Staatliche zur besonderen Blüte sich erhoben hat. Fichte hat ein Werk über Naturrecht geschrieben. Mit Rechtsideen beschäftigten sich die erleuchtetsten Geister. Hegel stellte vor die Welt hin gerade in der Zeit, als er seinen Übergang nach Norddeutschland fand, seine «Grundlinien der Philosophie des Rechts, oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse». All das, was man nennen könnte Verleumdung Hegels, ist ja vielfach gerade von diesem Buch ausgegangen, das den merkwürdigen Satz enthält: Alles Vernünflige ist wirklich und alles Wirkliche ist vernünftig. — Wer aber ermessen kann, daß ja Hegeles war, der den ahrimanischen Mächten die Menschenvernunft abgerungen hat, der wird auch ermessen, daß er ein Recht dazu hatte, überall in der Welt nun diese Vernunft zu suchen, diese Vernunft geltend zu machen. Und so wurde er — weil er sich lediglich in dem Ahrimanischen bewegte, das nicht hinaufführen kann in dasjenige, was vor der Geburt liegt, in dasjenige,”was nach dem Tode wirkt —, er wurde zum Interpreten der Geistigkeit, aber nur der Geistigkeit des Irdisch-Physischen: er wurde zum Natur- und Geschichtsphilosophen. Aber er stellte dasjenige hin, was lebt in der Außenwelt im Verhältnis von Mensch zu Mensch, was sich dann systematisch ausbildet als organisiertes Menschenleben; er faßte das in seinem Begriff vom objektiven Geiste zusammen. Er sah in dem Ausleben des Rechtes, der Sitte, in dem Ausleben von Verträgen und so weiter, den in der sozialen Organisation selber wirksamen Geist. Er stand mit diesen Dingen nicht nur im räumlichen, sondern auch im zeitlichen Milieu durchaus drinnen. Es war ja noch der Geist der Zeit, wo insbesondere in dem Gebiete, in dem Hegel lebte, der Staat nicht so angebetet worden ist wie später. Deshalb ist es auch nicht richtig, wenn man dasjenige, was bei Hegel als Begriff des Staates auftritt, in demselben Lichte sieht, in dem man später den Staat sehen mußte. Hegel anerkannte zum Beispiel innerhalb seines Staatsgebildes noch freie Korporationen, ein korporatives Leben. Alles dasjenige, was im Preußischen später als antihuman zutage getreten ist, das war ja dazumal noch nicht vorhanden, als Hegel in einer gewissen Weise, ich möchte sagen, die Staatsidee gerade in Preußen theifizierte; aber es ging das hervor aus seinem Streben, in der Welt die Vernunft zu sehen, die Vernunft, die er in seiner Logik dem Ahriman abgerungen hatte.
[ 19 ] Und nun muß man schon sagen: Das ist ja im Grunde die Tragik, die sich in so erschütternder Weise geschichtlich dann vollzogen hat. Dasjenige, was in Mitteleuropa lebt, es ist ja etwas, was nicht in derselben Weise angeschaut werden darf, wie der Westen es, insbesondere seit den Verlogenheiten der letzten Jahre, ansieht, es ist etwas, was gerade dadurch besonders zu charakterisieren ist, daß es selbst einem solchen Geist, wie Oswald Spengler einer ist, jetzt noch den Eindruck macht, es müsse aus ihm heraus die einzige Rettung, die einzige soziale Rettung geboren werden für die Niedergangszeiten; nicht um den Niedergang aufzuheben — an eine solche Aufhebung glaubt Spengler nicht —, aber um den Niedergang nur erträglich zu machen, der sich vollziehen wird, bis im Beginne des nächsten Jahrtausends die vollständige Barbarei da sein werde.
[ 20 ] Man darf sagen: Hegel steht in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts wie der über das gesamte Unterrichtswesen Preußens gebietende Geist da, steht da mit jener Art von Vernünftigkeit, die ich Ihnen eben jetzt charakterisiert habe, die, ich möchte sagen, aus dem Eis des Ahriman geboren ist, aber die auch etwas hat von einer inneren Straffheit der Geistorganisation, die nichts Mathematisches hat, die aber etwas von einer ungeheuren Kraft hat, etwas von Feingeistigkeit hat.
[ 21 ] Und nun muß man eigentlich gestehen: Dasjenige, was da in diesem Mitteleuropa vorhanden war, was ja immerhin auch durch die Seite zu charakterisieren ist, daß es im 9. Jahrhundert noch Blutopfer in seiner Unkultur hatte, das hat Eigenschaften gezeitigt, die einen gewissen Wert haben dann, wenn sie von einer solchen Geistigkeit befehligt werden, wie sie die Hegelsche war. Aber die ist selten, die wiederholte sich nicht. Die Schüler Hegels waren alle im Grunde genommen kleine Geister, und derjenige, der in gewisser Beziehung ein großer Geist war, Karl Marx, verfiel sogleich den ahrimanischen Mächten, und was sich dann ausbreitete, das war eben dasjenige, was den Sturz in die ahrimanischen Tiefen vollzog. Aus dem, was da stürzte, hat Hegel etwas gerettet, was aber ewig sein muß, und was er daraus nur dadurch retten konnte, daß er es gerade aus diesem Element heraus rettete. Das mußte schon solch ein Extrakt, seelischer Extrakt des mitteleuropäischen Wesens vollbringen, wie Hegel es war: Schwabe von Geburt, Schwabe in bezug auf sein Jugendland, Mitteldeutscher, Franke und Thüringer in bezug auf seine Reifejahre, und in bezug auf die letzte Epoche seines Lebens so stark Preuße, daß er Preußen wie den Mittelpunkt der Welt empfand und Berlin die Mitte des Mittelpunktes nannte. Aber es liegt eine gewisse Kraft, wahrhaftig nicht eine physische Kraft, sondern eine andere Kraft, eine geistige Kraft in diesem Hegeltum, und es liegt in ihm etwas, das aufgenommen werden muß von jeder geistigen Weltanschauung. Denn rachitisch müßte werden jede Geisteswissenschaft, die nicht durchdrungen werden könnte von dem knöchernen Ideensystem, das dem Ahriman, dem verknöchernden Ahriman abgerungen worden ist durch Hegel. Man braucht dieses System. Man muß in einer gewissen Weise daran innerlich stark werden. Man braucht diese kühle Besonnenheit, wenn man nicht in nebuloser, warmer Mystik verkommen will beim geistigen Streben. Man braucht auch die Kraft, die in Hegel lebte, man braucht seine Kraft zum Vernunftbekenntnis, wenn man nicht untersinken will in dasjenige, in das Karl Marx sogleich untergesunken ist, als er selbständig die Hegelsche Geistigkeit in sich verarbeiten wollte.
[ 22 ] Es ist notwendig, es wäre notwendig, daß in diesem Zeitpunkte, der vielleicht einer der wichtigsten ist, noch wichtiger als 1914, möglichst viele Menschen sich gerade an das Bedeutsame in Hegel erinnern. Denn die Seelen könnten in einer gewissen Weise aufwachen gerade an Hegel. Und Aufwachen ist nötig. Man glaubt es nicht, man will es nicht glauben, welche Gefahren eigentlich in der Zivilisation Europas und seines amerikanischen Anhanges walten; man will nicht glauben, welche Niedergangskräfte vorhanden sind. Man rechnet ja eigentlich nur mit den Niedergangskräften heute im Öffentlichen Leben. Die Aufgangskräfte will man nicht spüren. Lassen Sie uns einzelne charakteristische Dinge hervorheben, die gerade in den letzten Tagen einem aufstoßen können: Woran denkt denn zum Beispiel dasjenige, was jetzt Gesinnung wird in der zivilisierten Welt gegenüber dem geistigen Leben, jenem geistigen Leben, das eben überkommen ist — es ist nicht unser Geistesleben, wir wollen einen neuen Geist hineinbringen in die Zivilisation der Menschheit —, aber woran denkt denn dasjenige, was jetzt immer mehr und mehr als Gesinnung in bezug auf das geistige Leben sich ausbreitet? — Sie können das entnehmen einem Artikel, den der Rektor der Universität Halle vor ganz kurzer Zeit in den «Hallischen Nachrichten» unter der Überschrift «Abbau der Universitäten?» geschrieben hat! Er schreibt: «Es scheint nun so viel festzustehen, daß tatsächlich von einer Regierungsstelle der Vorschlag gemacht worden ist, einen Teil der deutschen Universitäten abzubauen. Man hält andere erzieherische Aufgaben für wichtiger und glaubt, daß für sie größere Mittel flüssig gemacht werden müßten. Und da diese fehlen, so will man einige Universitäten eingehen lassen, um eine Art Beamtenschule zu gründen, auf der Personen, die nicht durch die Universitäten gegangen sind, so weit gebildet werden sollen, daß sie die ihnen übertragenen Ämter verwalten können.»
[ 23 ] Beamtendressur, da beginnt es! In. Rußland ist es im vollen Gange. Und die westlichen Menschen glauben nicht daran. Sie werden es bitter erleben müssen, daß auch sie werden daran glauben müssen, wenn nicht ein Aufwachen der Seelen stattfindet, wenn selbst die besten Geister fortwährend taube Ohren haben gegen alles dasjenige, was vom Geiste spricht, und in den alten Phrasen von Liberalismus, von Konservatismus, von Pazifismus, von allem möglichen die Welt unterhalten zu ihrem eigenen Amüsement, jedenfalls aber nicht zum Heile dieser Welt.
[ 24 ] Und die Moralität, sie geht gerade unter unseren Intellektuellen in einer rasenden Art bergab. Dafür auch ein kleines Zeichen.
[ 25 ] Ich sende voraus, daß Ernst Haeckel, als er von seiner Jenenser Professur zurücktrat, seinen nach Berlin gekommenen Schüler Plate selbst zu seinem Nachfolger bestimmte. Er setzte ihn ein sozusagen, denn Haeckels Stimme bedeutete an der Universität Jena etwas, als sich Haeckel pensionieren ließ; er setzte Plate ein in alle die Ämter, die er hatte, in die Professur, in die Verwaltung des Zoologischen Instituts, aber auch des Phyletischen Museums, das für Haeckel selber gestiftet worden war durch die Haeckel-Stiftung, die zustande gekommen war; an Haeckels sechzigstem Geburtstag wurde dieses Phyletische Museum gegründet. Das alles war es, wovon Haeckel sich zurückzog und für das er seinen Schüler Plate einsetzte. Nun möchte ich Ihnen eine Nachricht der letzten Tage vorlesen:
[ 26 ] «Vor einem Jahre, acht Tage nach Ernst Haeckels Tode, machte ein Nachruf Dr. Adolf Heilborns im «Berliner Tageblatt» zum erstenmal Mitteilung von dem Martyrium, welches Haeckel durch das Verhalten Professor Ludwig Plates in seinen letzten zehn Lebensjahren auferlegt wurde. Am i. April 1909 hatte Haeckel den zoologischen Lehrstuhl in Jena, den er achtundvierzig Jahre hindurch eingenommen hatte, und das Direktorat des Zoologischen Instituts und des Phyletischen Museums an seinen Berliner Schüler Ludwig Plate abgetreten, wofür dieser der
[ 27 ] So schreiben die Professoren, die «Herren Kollegen», die furchtbar bedauern, daß die Studenten den Plate nicht hinausgegrault haben. Die Herren Kollegen aber, die so schreiben — selbstverständlich in Privatbriefen —, haben es wohl vermieden, unfreundlich zu sein mit Herrn Plate, wenn er ins Kolleg gekommen ist.
[ 28 ] «Heinrich Heine sagt einmal, Lessings Gegner wurden dadurch, daß sie mit ihm in Verbindung gebracht waren, vor dem spurlosen Verschwinden bewahrt, wie das Insekt im Bernstein. Es wäre unhöflich, diesen Vergleich auf Lebende anzuwenden, so gut er auch in eine naturwissenschaftliche Atmosphäre paßt. Wir begnügen uns deshalb mit der Bemerkung Heilborns, daß von Plates Namen und Werk nichts übrig bleiben wird, als die dunkle Erinnerung an das Martyrium, das er Haeckel bereitet hat.»
[ 29 ] Man könnte sehr viel ähnliche Beispiele anführen für die GelehrtenMoral, für die Moral unserer Intelligenz der Gegenwart; denn was dadurch zutage tritt, das ist, daß wir es heute nicht zu tun haben etwa bloß mit dem Kampf dieser oder jener Weltanschauung gegen die andere Weltanschauung; wir haben es zu tun heute mit dem Kampf der Wahrheit gegen die Lüge, und die Lüge ist es, die ihre Waffen gegen die Wahrheit richtet. Und wichtiger als alles Streiten um sonstige Begriffe ist heute der Kampf der Wahrheit gegen die Verlogenheit, die immer weiter und weiter die Menschen ergreift.
[ 30 ] Man hat es vielleicht übertrieben gehalten, als ich gelegentlich eines Vortrages neulich sagte: Die Menschen in Europa schlafen. Sie werden bitter erfahren — ich sagte es aus einem andern Zusammenhange heraus —, sie werden bitter erfahren müssen, wie dasjenige, was sich als äußerster Ausläufer der westeuropäischen Weltanschauung im Bolschewismus über ganz Asien verbreitet, etwas ist, was von Asien, von diesen Menschen Asiens aufgenommen wird mit derselben Inbrunst, mit der sie einstmals ihr heiliges Brahman aufgenommen haben. — Das wird es nämlich, und die moderne Zivilisation wird sich bekanntmachen müssen damit. Und man empfindet den tiefsten Schmerz, wenn man in Europa die schlafenden Seelen sieht, die so gar nicht dazu kommen, sich diesen Ernst, um den es sich heute handelt, wirklich vor die Seele zu rufen. Ein paar Tage, nachdem ich dieses hier ausgesprochen hatte, fand ich die folgende Nachricht: «Vor einigen Tagen hatte ich Gelegenheit, bei einem Vertreter der Sowjet-Republik eine 10 000-Rubelnote zu sehen. Was mich in Erstaunen setzte, war nicht die Höhe der Rubelnote; — was mir an jenem 10 000-Rubelschein auffiel, war vielmehr ein in der Mitte des Papiers fein und deutlich herausgearbeitetes Hakenkreuz, Svastika.» Jenes Zeichen, zu dem einstmals der Inder oder der alte Ägypter hingeblickt hat, wenn er von seinem heiligen Brahman sprach, er erblickt es heute auf der Zehntausend-Rubelnote! Man weiß da, wo große Politik gemacht wird, wie man auf Menschenseelen wirkt. Man weiß, was der Siegeszug des Hakenkreuzes, Svastika, das eine große Anzahl von Menschen in Mitteleuropa bereits trägt — wiederum aus anderen Untergründen heraus —, man weiß was dieses bedeutet, aber man will nicht hinhorchen auf dasjenige, was aus den wichtigsten Symptomen heraus die Geheimnisse des heutigen geschichtlichen Werdens deuten will.
[ 31 ] Diese Deutung kann aber nur erfolgen aus dem, was geisteswissenschaftlich zutage treten kann. Man muß den Blick hinwerfen auf dasjenige, was gegenwärtig ist. Man muß den Blick hinwerfen auf die Verwüstungstendenz gegenüber dem alten Geistesleben, das verwandeln will selbst den Rest dieses alten Geisteslebens in Beamtenschulen und -maschinerien, das zu einer solchen moralischen Tiefe heruntergesunken ist, wie ich es Ihnen in bezug auf Herrn Plate mitgeteilt habe, der der unmittelbare Schüler Haeckels ist, der Lieblingsschüler des seelisch so guten Haeckels. Das hat nicht Haeckel gemacht, das macht die ahrimanisch-materialistische Kultur. In dieser Zeit — in der man aber weiß, da, wo man bewußt zu Werke geht, wie man wirken muß —, in dieser Zeit sollte man zurückdenken an solche Geister, wie es der hundertfünfzig Jahre vorher in Stuttgart geborene Hegel ist, der in innerem seelisch-geistigem Kampfe den ahrimanischen Mächten diejenigen Begriffe und Ideen abgerungen hat, die man braucht, um innerliche geistige Festigkeit genug zu haben, die Leiter hinauf in die geistige Welt zu gehen, der aber auch noch manches andere bietet an innerer Geistesdisziplin. Wahrhaftig, durch das, wie er jetzt leben kann, soll Hegel geschätzt werden von seiten der Geisteswissenschaft, und wegen dessen, was heute von ihm leben kann, sei heute an seinem hundertfünfzigsten Geburtstage an ihn erinnert.
[ 32 ] Er starb am i4. November 183 1 in Berlin an der Cholera, am Todestage Leibnizens, des großen europäischen Philosophen. Was er hinterlassen hat, ist zunächst in der äußerlichen Welt entweder verkannt worden, von Schülern verdummt worden, oder es ist direkt ins Ahrimanische hinuntergezogen worden, wie im Marxismus. Durch Geisteswissenschaft muß sich der Boden finden, wo dasjenige nicht begraben werden darf, was in Georg Friedrich Wilhelm Hegel als ein Ewiges vor hundertfünfzig Jahren in Stuttgart geboren worden ist, was die besten Geistesextrakte Europas in sich schließt, was gewirkt hat durch sechzig Jahre in Mitteleuropa. Es darf nicht begraben werden, es muß in der Geisteswissenschaft zu einem Leben erweckt werden, wie wir es wahrhaftig jetzt in diesem intellektuellen, moralischen und ökonomischen Niedergange brauchen.
