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Geisteswissenschaft als Erkenntnis
der Grundimpulse sozialer Gestaltung
GA 199

5 September 1920, Dornach

Vierzehnter Vortrag

[ 1 ] Es wird nötig sein, um über einiges, das im Anschlusse an das in der letzten Zeit Vorgebrachte gesagt werden muß, Verständnis hervorzurufen, Tatsachen, die schon erwähnt worden sind, ins Gedächtnis zurückzurufen, Wir haben ja gesehen, wie der Mensch zusammenhängt mit seiner Umgebung, mit den andern Reichen des Daseins. Wir haben gesehen, wie der ätherische Leib des Menschen hinweist auf das Tierreich, wie der astralische Leib des Menschen auf das Pflanzenreich hinweist, und das Ich des Menschen hinweist auf das mineralische Reich, und wir haben dann gesehen, wie durch die Arbeit, die das Ich an sich verrichtet in Gemeinschaft mit den andern Menschen, das heißt in der sozialen Ordnung, dasjenige entsteht, was wir eigentlich zunächst kennen als die Kulturentwickelung der Menschheit in Kunst, Religion und Wissenschaft. Im Grunde genommen sind die Inhalte, so sagte ich gestern, von Kunst, Religion und Wissenschaft ja nichts anderes als das, was durch diese Arbeit des menschlichen Ich an sich selbst entsteht. So daß wir da eines der Beispiele haben, wie der Mensch auch mit dem sozialen Leben zusammenhängt. Kunst, Religion, Wissenschaft, sind ja in weitestem Umfange die Inhalte des eigentlichen Geistgebietes des sozialen Organismus.

[ 2 ] Wir haben dann dasjenige, was entsteht durch die Umwandlung des astralischen Leibes. Diese Umwandlung muß natürlich bei der gegenwärtigen Entwickelungsetappe der Menschheit wesentlich unterbewußter sein als das, was sich vollzieht im geistigen Gebiete der Kunst, Religion und Wissenschaft. Und das, was da durch die Umwandlung des astralischen Leibes entsteht, ist ja im wesentlichen das, was wir als das Rechtsgebiet im sozialen Organismus zu bezeichnen haben. Dann haben wir noch viel unbewußter das, was durch Umwandlung des menschlichen ÄÄtherleibes in Gemeinschaft entsteht dadurch, daß Menschen zusammen sind. Und alles, was aus dem entspringt, was die Menschen tun, weil sie ihren Ätherleib umwandeln, das gehört im sozialen Organismus dem Wirtschaftsgebiete an. Da haben wir also die Beziehung, das Verhältnis des Menschen nach außen. Und wir haben gestern ja auch schon gesehen, was das für eine Bedeutung hat, daß der Mensch solche Beziehungen nach dem sozialen Leben draußen hat; denn dadurch bereitet der Mensch im wesentlichen eigentlich die Naturgrundlage für sein nächstes Erdenleben vor, wie wir gesehen haben. Er arbeitet gewissermaßen dadurch an dem Schaffen des irdischen Daseins selber. Und es wäre wünschenswert, daß in der Gegenwart das außerordentlich Wichtige und Bedeutungsvolle des Momentes, in dem wir in der Menschheitsentwickelung stehen, von möglichst vielen Leuten begriffen würde.

[ 3 ] Man kann sagen, bis zu dieser weltgeschichtlichen Stunde hat für die Entwickelung der Menschheit im Grunde gesorgt dasjenige an Wesenheit, was über den Menschen stand in den höheren Hierarchien. Die Menschheit hat sich heraufgebildet, wie wir wissen, zu einer gewissen Entwickelung des Ätherleibes schon in der alten indischen Kulturzeit, zu einer gewissen Entwickelung des astralischen Leibes in der alten persischen Zeit, zu einer gewissen Entwickelung der Empfindungsseele in der ägyptisch-chaldäischen Zeit, zu einer Entwickelung der Verstandesseele in der griechisch-lateinischen Zeit. Und jetzt ist die Menschheit daran, die Bewußtseinsseele aus den Tiefen des seelischen Daseins heraufzuheben. Aber es kündigt sich, weil immer der Keim des folgenden in den vorhergehenden Entwickelungen sein muß, schon dasjenige an, was Inhalt der nächsten Kulturepoche sein muß: die Entwickelung des Geistselbstes. Diese Entwickelung des Geistselbstes, die muß aber schon eine solche sein, die vom Menschen selbst ausgeht.

[ 4 ] Wir sind durch die verschiedenen Erdenleben hindurchgegangen. Wenn wir von den Menschen der indischen Urzeit reden, der alten persischen Zeit, der ägyptisch-chaldäischen Zeit, der griechisch-lateinischen Zeit, so reden wir eigentlich von uns selber, denn wir waren es, welche dazumal unter ganz andern Verhältnissen gelebt haben, und wir waren es, die in einer tierischen, pflanzlichen, mineralischen Umgebung lebten, welche uns gewissermaßen noch zubereitet war aus dem Vermächtnis unserer göttlichen Vorfahren, die Menschen waren auf Mond, Sonne, Saturn, die dazumal dasjenige durchgemacht haben auf den Vorfahren der Erde, was wir jetzt durchmachen. Es bleibt immer für eine nächste planetarische Form, was Inhalt einer früheren planetarischen Form war. Wir haben gelebt von dem, was uns die Götter, die Wesen der höheren Hierarchien hinterlassen haben. Und jetzt stehen wir auf dem Punkt, wo die Erde vertrocknen und verdorren würde, wenn der Mensch nicht aus sich heraus gewissermaßen einen neuen Faden des Lebens spinnen würde.

[ 5 ] Bedenken Sie, wie das eigentlich vorbereitet worden ist. Natürlich, wir haben in unserem sozialen Leben ein geistiges Leben drinnen, und die Menschen des Abendlandes sind stolz auf das Geistesleben, sind stolz auf ihre Kunst, Religion und Wissenschaft. Man muß aber unterscheiden zwischen dem, was das Mysterium von Golgatha war: eine Tatsache, und der Art und Weise, wie es bisher verstanden worden ist durch das, was man an Vorstellungen, an Begriffen aus Religion, Kunst und Wissenschaft herausbekommen konnte. Man hat den Christus begriffen nach Maßgabe dessen, was man an Geistesinhalt hatte. Und wir haben im Abendland etwas begründet, was wie eine Fortsetzung der alten Geistigkeit ist. Aber im Grunde genommen, wenn man vermag, unbefangen auf das einzugehen, was an eigentlichem Geistesleben in Europa und seinem amerikanischen Anhang begründet worden ist, so ist es alles letzten Endes orientalisches Erbgut. Es ist nichts anderes. Gewiß, wir haben manches umgewandelt. Ich habe schon hingedeutet in diesen Vorträgen, wie ja dasjenige, was im Orient ganz anders war, was im Orient einstmals grandios erfassen konnte die gesetzmäßigen Zusammenhänge zwischen den aufeinanderfolgenden Erdenleben des Menschen, was dann schattenhaft abgetönt war in der griechischen Weltanschauung zu dem Fatum, zu dem Schicksal, wie das durch das lateinisch-römische Element bis zu etwas Juristischem geworden ist. Ich habe angedeutet, wie man das empfindet, wenn man das Bild Michelangelos in der Sixtinischen Kapelle anschaut, wo der Christus wie ein Weltenrichter, wie der Universaljurist dasteht und zwischen den Guten und den Bösen nach Juristischem entscheidet! Die Weltanschauung ist durchjuristet geworden. Das war sie als orientalische Weltanschauung nicht.

[ 6 ] Und dann ist dazugekommen, was aus dem wirtschaftlichen Denken stammt. Bacon war derjenige, der eigentlich ganz vom wirtschaftlichen Denken ausgegangen ist, und ganz Europa ist in die Schule Bacons gegangen. Und was wir in unseren Wissenschaften haben, was heute als populäre Weltanschauung alle europäischen Kreise durchzieht, das ist das Ergebnis des westlichen, wirtschaftlichen Denkens, das, wie ich angedeutet habe, nur nicht beim wirtschaftlichen Gebiete stehengeblieben ist, sondern sich in die höheren Gebiete, in das Rechtsgebiet und auch in das geistige Gebiet hineinbegeben hat. Würden Geister, wie Huxley und Spencer, ihr Denken dazu verwenden, um wirtschaftliche Zusammenhänge zu ordnen, dann würden sie am rechten Platze sein. Dadurch, daß sie ihr besonders geartetes Denken dazu verwenden, um Wissenschaft zu begründen, sind sie deplaciert. Aber die ganze Welt hat es ihnen nachgemacht.

[ 7 ] Und so können wir sagen: Was wir an eigentlicher Geistigkeit haben, das ist im Grunde genommen nur veraltetes Erbgut des alten Orients. Dann hat begonnen in Griechenland, in Rom das juristische Denken, das staatsmäßige Denken. Es wäre einfach ein Unsinn, zu denken, daß im alten orientalischen Staatsgebilde dieses vorhanden gewesen wäre, Diese würdigen, patriarchalischen Gebilde, von denen die frühere chinesische Verfassung noch das letzte Bild gezeigt hat, sie waren nicht etwa in dem Sinne, wie der Europäer das auffassen kann, Staatsgebilde. Was wir als Rechtsgebilde haben, das war im Orientalismus noch gar nicht vorhanden. Das kam eigentlich schwach durch das griechische Denken und dann ganz stark durch das lateinische Denken in die abendländische Kultur hinein. So daß wir sagen müssen: Im Grunde genommen hat das ganze Geistesleben noch einen Charakter, der ihm gegeben war durch das, was der Orientale hatte. Aber bedenken Sie, wie ich die Entstehung dieses orientalischen Geisteslebens schildern mußte. Aus dem Stoffwechsel des Menschen, aus den inneren Impulsen des Stoffwechsels ist es aufgestiegen in den Veden, in der herrlichen Poesie des Orients. Man hat es zu suchen, wie es aus dem Stoffwechsel neu hervorwächst, so wie die Blüten und Früchte der Bäume heranwachsen. Und derjenige, der auf die Zusammenhänge sehen kann, wie sie in der Wirklichkeit sind, der weiß hinzuschauen auf die Blüten und Früchte der Bäume und sagt sich: Da ist der Saft, der aus der Erde heraussprießt, der in den Stamm geht, der in die Zweige schießt, der in den Blättern sich vergrünt, in den Blüten sich verfärbt, in den Früchten sich erreift; das bietet sich dann den Augen dar. — Sehen wir hin auf das, was als Stoffwechselergebnis da ist von dem, was eben mit dem Stoffe aus der Erde herausgezogen und vom Menschen aufgenommen wird, sehen wir uns das an, wie es sich verdaut, verkocht, wie es in das Blut übergeht, wie es sich verfeinert, verätherisiert im Leibe, im irdischen Leibe, so sprießt es und sproßt es und reift herauf wie das, was zu Blüten und Früchten und Bäumen wird. Es wird nur etwas anderes, wenn es durch Menschenorgane sprießt und sproßt und reift, es wird die poetische Frucht der Veden, es wird die philosophische Frucht der Vedantaphilosophie. Man hat dasjenige, was man da im Orient als Geistesleben angesehen hat, geradeso angesehen als eine Frucht der Erde, des Stoffwechsels, der durch den Menschen geht, wie man angesehen hat, was durch den Baum gehend grünt und Früchte trägt. Eng verbunden mit dem Wesen der Erde ist es, was in den Veden, was in der orientalischen Poesie erscheint. Es ist die Blüte der Erde. Und es ist Unsinn, wenn heute die Menschen unsere Erde zu jenem toten Produkt machen, als das sie etwa die Geologie anschaut, denn zur Erde gehört nicht nur, was aus ihr heraussprießt an Blüten und Früchten, sondern es gehört auch dasjenige dazu, was in der Menschheit Urzeiten in den Veden und in der Philosophie der Vedanta heraufgezogen ist. Und wer nur die Steine in oder auf der Erde entstehen sehen will, wer nur den Ackerboden sieht, wer also die Erde nur als ein Mineralisches annimmt, der kennt die Erde nicht, denn zur Erde ist auch das zu rechnen, was sie als Blüte und Frucht durch den Menschenleib in alten Zeiten trug.

[ 8 ] Dann ist die andere Zeit gekommen, wo der Mensch sich schon von der Erde emanzipiert hat, wo der Mensch nicht mehr mit der Erde zusammenhängt, wo er nur noch zusammenhängt mit dem Klima, mit der Atmosphäre, wo er mehr sein rhythmisches System zum Ausdruck bringt als sein Stoffwechselsystem. Das ist die Zeit, in der nicht mehr die großen geistigen Intuitionen des Altertums entstehen, sondern wo die Rechtsbegriffe sich entwickeln.

[ 9 ] Und nun hat der Mensch begonnen in der neueren Zeit, namentlich mit Bacon, völlig in sich selbst sich zusammenzuschließen, sich abzusondern von der Erde, und das, was nur in ihm lebt, herauszugestalten als den bloßen Verstand im wirtschaftlichen Denken des Erdenwestens. So ist, ich möchte sagen, über die Erde hin differenziert dasjenige, was sich durch den Menschen entwickelt.

[ 10 ] Das sind alles Dinge, auf die der Mensch in der Gegenwart hinschauen soll. Allerdings, dann muß der Mensch, wenn er auf diese Dinge hinschauen will, seine Seele innerlich zum Erwachen bringen. Er muß zu verstehen suchen, was ihm geistige Wissenschaft geben kann. Er muß sich sagen: Die Zeit ist vorüber, in der man sich einfach hinsetzen kann, nachdem gewissermaßen intensiv die Woche hindurch gearbeitet worden ist, und dann sich ein Abstraktes über den Zusammenhang des Menschen mit einer göttlichen Weltenordnung beibringen lassen kann. Die Zeiten sind vorüber. Das ist antiquiert. An der Menschheit ist es heute, in der Konkretheit zu begreifen, wie die menschliche Wesenheit selbst zusammenhängt mit dem Kosmos, wie sie hineingestellt ist in den Kosmos. Und nur eine Folge dieses Erfassens wird sein, daß die Menschen die Notwendigkeit begreifen, das soziale Leben zu gliedern in das Geistesleben — das ja im Grunde genommen zunächst nur eine Art Erbschaft aus dem Oriente ist, das immer toter und toter geworden ist, denn unser Geistesleben ist heute tot — und die andern beiden Glieder. Der alte Orientale, der Orientale der Urweltzeiten, der würde noch gar nicht begriffen haben, was es heißt, man verstehe das Leben nicht. Heute sagen wir: wir verstehen das Leben nicht, denn wir leben nur — allerdings mit dem Ich, was der Orientale noch nicht getan hat —, aber eben nur im mineralischen, toten Reiche. Aber da muß Leben hineinkommen. Und was ist es denn im Grunde genommen, wenn wir als Menschen darnach streben, das Geistgebiet besonders hinzustellen in dem sozialen Organismus? Was ist es denn eigentlich, was wir da wollen?

[ 11 ] Solange das Geistgebiet im Zusammenhang steht mit dem ganz anders gearteten Rechts- oder Staatsgebilde, oder gar mit dem Wirtschaftsleben, so lange kann die einzelne menschliche Individualität in dieses Geistesleben nicht das hineintragen, was in diesem Geistesleben drinnen sein muß. Verstehen wir uns gerade in diesem Punkte! Es ist aus den Denkgewohnheiten der Gegenwart heraus nicht leicht, gerade das zu verstehen, worauf es ankommt. Ich will in der folgenden Weise versuchen, verständlich zu machen, was eigentlich in diesem Punkte verstanden werden sollte.

[ 12 ] Denken Sie sich einmal, der Staat macht seine Schulverordnungen. Diese Schulverordnungen werden gemacht, sei es nun aus despotisch-tyrannischem Sinne heraus, sei es aus demokratischem Sinne heraus, aber diese Schulverordnungen werden gemacht. Wie werden sie gemacht? Nun, nehmen wir die Sache einmal einfach. Denken Sie sich einmal, drei Menschen setzen sich zusammen. Wenn sich drei Menschen zusammensetzen, sind sie furchtbar gescheit in abstracto. Es ist einmal so, drei Menschen, die sich zusammensetzen, wissen im Grunde genommen über alle Dinge immer alles, und das wird nicht anders, auch wenn sich dreihundertsechzig Menschen zusammensetzen in irgendeiner Partei; sie wissen über alle Dinge immer alles. Man weiß ganz genau Paragraph i zu machen, wie in Religion unterrichtet werden soll, Paragraph 2, wie im Deutschen oder wie in einer andern Sprache unterrichtet werden soll, Paragraph 3, wie im Rechnen, Paragraph 4, wie in der Geographie unterrichtet werden soll. Man kann wunderbare Paragraphen ausarbeiten, die dann einen Idealzustand des Erziehungswesens darstellen würden, und man kann dann das zum Gesetze machen, das Gesetz kann realisiert werden. Es ist ganz gleichgültig, ob es drei Menschen oder dreihundert Menschen machen, es wird immer sehr gescheit sein, denn die Menschen sind ja sehr klug, wenn sie in Abstraktionen etwas zusammenfügen. Dann wird es Gesetz. Aber es ist dann anders, wenn man zum Beispiel vor der Schulklasse steht mit ganz bestimmten fünfzig Kindern, die haben ganz bestimmte Charaktere, die sind nicht das Wachs, für das man sie hält, wenn man Paragraph i, 2 aus der vollen Klugheit heraus gestaltet hat, die sind etwas, was man nur so weit bringen kann, als es eben gebracht werden kann nach seinen besonderen Eigentümlichkeiten, nach seinen besonderen Fähigkeiten.

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[ 13 ] Aber es kommt noch etwas anderes dazu. Man steht nun selbst vor der Klasse und hat besondere Fähigkeiten. Die sind auch begrenzt. Und wer Erfahrung hat, der weiß, daß man in abstracto Gesetze machen kann, die so gut sind (siehe Zeichnung, links), aber, der gescheite Lehrer kann sie nur so gut erfüllen (siehe Zeichnung, rechts). Denn in Abstraktionen kann man alles zusammenbringen. In der Realität handelt es sich aber darum, daß man eben mit Realität zu rechnen hat. Der Staat als solcher kann über das Erziehungswesen, das ein Teil des Geistgebietes ist, nichts anderes zustande bringen als solche Abstraktionen. Die können ganz wunderbar sein, hervorragend gut, aber lassen Sie den Staat beiseite, lassen Sie ihn draußen aus dem Unterrichtswesen, aus dem Erziehungswesen, das ein Teil des Geisteslebens ist, machen Sie das Erziehungswesen abhängig von den Lehrern, die gerade in irgendeinem Zeitalter da sind: dann wird es Realität, dann wird es Wirklichkeit, dann wird es nicht zu einer Lüge, sondern zu dem, was es sein kann nach dem betreffenden Zeitalter. Das ist es, was nach Wirklichkeiten hinarbeiten heißt. Aber ein anderes tritt dafür ein: Paragraph i, 2, 3, 10, 5o, sie sind alle tot, und wie sie beobachtet werden, das ist im Grunde genommen etwas absolut Irrationales. Dasjenige, was durch die reale Lehrerschaft lebt, was im lebendigen Verkehre der realen Lehrerschaft zustande kommt, das lebt. Da haben Sie den Punkt, wo in das aus dem Mineralischen stammende Tote Leben hineinkommt. Es geht eine Sphäre höher. Wir bringen Leben, durchleuchtetes Leben in das Geistgebiet hinein, indem wir dieses Geistgebiet auf die menschlichen Individualitäten, nicht auf Paragraph i, 2 und so weiter stellen. Wir bringen Leben hinein, wir durchdringen mit einem Ätherleib das Geistgebiet um uns herum aus dem, was aus dem lebendigen Menschen heraus kommt. Wenn Sie Ihre eigene Geistverfassung haben, wird dasjenige, was sonst tot ist, was sonst maschineller Gedanke, Maschinelles ist, ein lebendiges Wesen. Um die ganze Erde herum verbreitet sich das Geistgebiet als etwas innerlich Lebendiges. Das ist, was man innerlich verstehen muß. Man muß fühlen, wie Leben einströmt aus einer ungeahnten Seelentiefe heraus in das selbständige Geistesleben, wie wir tatsächlich dieses selbständige Geistesleben dadurch beleben, daß wir es auf die menschliche Individualität stellen.

[ 14 ] Sie sehen, sehr intensiv hat mit Realitäten zu tun dasjenige, was aus der Geisteswissenschaft für das unmittelbare Leben geschöpft wird. Man möchte schon verzweifeln, möchte ich sagen, wenn man sieht, wie wenig Energie, wie wenig Enthusiasmus eigentlich in der Menschheit aufzubringen ist für dieses Beleben des Geistgebietes. Es ist einem dann, als ob die Menschen von derselben Gesinnung beseelt wären, wie etwa der beseelt ist, der da möchte, daß nur totgeborene Kinder zur Welt kämen, der nicht möchte, daß der Funke des Lebens in das hineinkommt, was sonst tot zur Welt käme. So ist es einem gegenüber der heutigen Menschheit. Sie sitzt auf einer toten Kultur, wie mit Pech an ihre bequemen Stühle angeklebt, und will sich nicht erheben zur Begeisterung für die Belebung des Geisteslebens. Begeisterung brauchen wir vorallen Dingen, denn aus dem toten Gebräuchlichen wird dieses Geistesleben nicht belebt.

[ 15 ] Und für sich das Rechtsgebiet als zweites (siehe Schema Seite 233): Es ist aus Instinkten, aus halben Instinkten, sagte ich, herausgeboren. Es war noch etwas halb Unbewußtes, so daß es ins Bewußtsein heraufschillerte, indem das Rechtsgebiet bisher aus dem griechischen, aber namentlich aus dem lateinischen, römischen Leben geboren wurde und dann weiter ausgebaut wurde. Nun soll es selbständig auf seine eigene demokratische Basis gestellt werden. Was ist entstanden unter dem, was der Impuls des Rechtsgebietes bisher war? Da sind eben gerade die Rechtsparagraphen entstanden, jene Rechtsparagraphen, an denen der Mensch so wenig Anteil hat, daß ich sagen muß, mir war im Leben kaum etwas, was mir so viel Bitterkeit auf die Zunge gelegt hat, als wenn ich mit irgendeinem Rechtsanwalt zu tun hatte. Es ist mir ja im Leben öfter passiert. Da kommt man zu dem, der der Vertreter des Rechtes ist, der der Gelehrte des Rechtes ist. Ein bestimmter Fall liegt vor. Man sieht diesen Rechtsanwalt zu irgendeinem Schrank gehen, zu irgendeinem Fach dieses Schrankes. Er nimmt ein Aktenbündel heraus. Er bringt mit aller Mühe dasjenige zusammen, was er im Augenblicke liest; er steht ganz außerhalb der Sache. Man will wissen, wie das sich in den Rechtsorganismus einfügt. Er geht zu seiner Bibliothek, nimmt irgendein Gesetzbuch heraus und blättert und blättert, und es kommt nichts heraus, weil er im Grunde genommen ganz unbekannt damit ist. Nichts von dem, was menschlich zusammenhängt mit den Dingen, liegt in solcher Sache. Mir ist einmal passiert, daß eine Art Prozeß, den ich zu führen hatte, durch Jahre alle möglichen Hinschriften und Herschriften veranlaßt hat; ich will den ganzen Hergang nicht erzählen. Dann stellte sich zuletzt heraus, daß es nötig war, auch ein internationales Gesetzbuch zu der Sache zu haben. Nun hatte die ganze Sache zweieinhalb Jahre vielleicht gedauert, da sagte mir der gute Mann: Ja, ein internationales Gesetzbuch habe ich nicht, das müssen Sie mir beschaffen. Sie müssen mir überhaupt die Unterlagen schaffen, wenn ich Ihnen weiter Rat geben soll! — Nun, wer mich kennt, weiß, daß ich in solchen Sachen ganz gewiß nicht renommiere. Ich bilde mir auch gar nichts ein. Ich habe dann jenes internationale Gesetzbuch beschafft, und in zwei Stunden war mir klar, wie der ganze Fall liegt. Denn man braucht nur mit gesundem Sinn in die Dinge hineinzublicken, so weiß man, daß in zwei Stunden erledigt werden kann, was sonst durch zwei Jahre sich hinzieht. So weit entfernt steht das, was im sozialen Organismus aus den drei Gliedern sich verquickt hat, das, was menschlicher Anteil ist, von dem, was als Rechtsordnung eigentlich besteht. Wir müssen zurück zu einem Leben, welches das, was im Recht lebt, so empfindet, wie wir die äußeren Sinnesdinge empfinden. Wir müssen lebendig mit dem, was als Rechtsorganismus da ist, zusammenhängen.

[ 16 ] Das ist der wahre Sinn der Demokratie, daß Menschliches hineinkomme in die toten Paragraphen, daß mitempfunden wird, was in den toten Paragraphen sonst lebt. Und so, wie in das Geistgebiet durch das, was aus der Geisteswissenschaft geboren werden kann, das Leben hineinkommt, so wird durch das, was gewollt wird durch Geisteswissenschaft, in das Rechtsgebiet die Empfindung hineinkommen. Empfunden wird werden, was von Mensch zu Mensch lebt.

[ 17 ] Und wir gehen zum dritten Gebiet, zum Wirtschaftsgebiet. Wir wissen, daß sich das sehr im Unterbewußten vollzieht, daß der einzelne Mensch heute gar nicht in der Lage ist, aus dem, was vorliegt, in vollbewußter Weise zu durchdringen, was im Wirtschaftsgebiet vorliegt. Es müssen sich Assoziationen bilden, wo die Erfahrung des einen durch die Erfahrung des andern ergänzt wird. Aus den Assoziationen, aus Gruppenbildungen heraus muß sich dann das Urteil bilden. Während wir auf dem Geistgebiet, jeder einzelne individuell, das, was unseren Anlagen gemäß ist, heraussetzen müssen, muß das, was im Wirtschaftsgebiet tätig ist, aus dem Gruppenurteil herauskommen. Dann wird aus diesem Gruppenurteil dasjenige herauskommen, was waltende Vernunft ist. Im Wirtschaftsleben wird waltende Vernunft sein.

1. Geistgebiet: Leben Ätherleib
2. Rechtsgebiet: Empfindung Astralleib
3. Wirtschaftsgebiet: Vernunft Ich

[ 18 ] Vernunft wird walten im Wirtschaftsleben. Das heißt, wir tragen das, was wir in uns durch die Erbschaft der Götter entwickelt haben, das, was wir entwickelt haben als Ätherizität, was wir entwickelt haben für die Empfindung als Astralleib, was wir entwickelt haben als Vernunft für das Ich, das tragen wir hinaus. Auf dem Wirtschaftsgebiete müssen wir es noch nicht als Individualitäten hinaustragen, deshalb tragen wir es durch Assoziationen, durch Gruppen hinaus. Aber was wir uns individuell in unserem Ich entwickelt haben, Vernunft, das wird zu einem das ganze Wirtschaftsgebiet Durchdringenden, wenn in der entsprechenden Weise auf Assoziationen hingearbeitet wird. So daß wir hinaustragen in die soziale Ordnung das, was der Impuls in unserem Ätherleib ist, in das Geistesleben, indem wir das Geistesleben beleben. Was in unserem Astralleib als Empfindung pulsiert, wir tragen es hinaus in das Rechtsgebiet, und was in unserem Ich als Vernunft pulsiert, wir tragen es hinaus in das Wirtschaftsgebiet. Wir haben als Menschen in der kosmischen Ordnung ein Dreifaches errungen: Ätherleib, Astralleib und Ich; wir scheiden aus der Welt wieder mit Ätherleib, Astralleib und Ich. Wir geben es an die Welt ab. Wir gestalten aus uns heraus die Weltenordnung. Warum sollte denn das auch anders sein? In den niederen Tierreihen ist uns manches vorgebildet, indem die Spinne zum Beispiel aus sich herausspinnt dasjenige, was da geschehen soll. Der Mensch muß in der Tat zum Weltenschöpfer werden, muß das, was künftig seine Umgebung sein wird, aus sich herausgestalten. Wir tragen die Zukunft in uns. Ich habe es von den verschiedensten Gesichtspunkten aus erörtert.

[ 19 ] Was nützen alle philosophischen Redereien über die Realität der Welt! Wir können uns ja überzeugen von dieser Realität der Welt, indem wir auf die Realitäten der Zukunft schauen. Was in der Zukunft real sein wird, wir tragen es heute in Idealität in uns. Gestalten wir die Welt, dann wird sie real sein. Das darf nicht bloß als Theorie in uns leben, das muß als Empfindung, als innerster Lebensimpuls in uns sein. Dann haben wir ein Erkenntnisverhältnis zu unserer weltlichen Umgebung und zu gleicher Zeit ein religiöses Verhältnis zu unserer Umgebung. Aus diesem Impuls heraus wird auch die Kunst etwas ganz anderes werden in der Zukunft. Es wird die Kunst etwas werden, was sich verbindet mit dem unmittelbaren Leben. Es wird unser Leben selber künstlerisch sich gestalten müssen. Ohne das werden wir in das Banausentum eines Lenin oder Trotzkij oder eines Lunatscharskij hineinsegeln müssen. Denn dasjenige, was errettet aus diesem Sumpfe, das ist allein der Geist, den der Mensch aus sich selber heraus schafft. Und wir werden das Rechtsleben, soll es nicht völlig veröden, mit Empfindungen durchdringen müssen und das Wirtschaftsleben mit Vernunft.

[ 20 ] Es war einer, der blickte zurück auf die Art und Weise, wie sich die Welt entwickelt hat. Er schaute sie an und sagte: Alles Wirkliche ist vernünftig, und alles Vernünftige ist wirklich. — Er schaute eben auf das hin, was die Welt durch die alten Götter geworden ist, er schaute nicht in die Zukunft. Es war Hegel, über den ich hier am 27. August gesprochen habe an seinem hundertfünfzigsten Geburtstag. Aber wir stehen heute auf dem Punkte, wo die Welt unvernünftig wird, wo der Mensch sie wieder vernünftig machen muß. Und das muß man wissen, das muß übergehen in Denken, Fühlen und Wollen. Und es gibt nur diese einzige soziale Reform: zu wissen, was der Mensch für einen Anteil an der Gestaltung der Weltenordnung wird nehmen müssen.

[ 21] Das ist es, was wir uns, ich möchte sagen, jeden Morgen und jeden Abend vorsagen sollen im Geiste, damit wir neu begreifen, welcher Unsinn es ist, wenn wir von einer Ewigkeit der Materie, von einer Erhaltung des Stoffes sprechen. Alles was Stoff um uns ist, es wird vergehen. Was in uns als Ideale lebt, das wird an der Stelle dessen sein, was durch die Vernichtung des Stoffes leere Räume hat, in welche leeren Räume sich dasjenige hineinstellt als künftige Realität, was in uns vorläufig nur als das Ideelle lebt.

[ 22 ] So muß sich der Mensch zusammengebunden fühlen mit der Weltenordnung. So muß der Mensch neuerdings die Christus-Worte fühlen: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.» Wer diesen Ausspruch versteht, der weiß, daß er ein echter und ursprünglich christlicher ist, denn das Christentum geht aus von der Vernichtbarkeit des Stofflichen und der äußeren Kraft, und die neuere naturwissenschaftliche Weltanschauung spottet des Christentums, indem sie die Erhaltung des Stoffes und der Kraft lehrt, Denn Himmel und Erde, das heißt, aller Stoff wird vergehen, und alle Kraft wird vergehen, aber dasjenige, was in des Menschen Seele sich formt und in dem Worte lebt, das wird Welt der Zukunft sein. Das ist Christentum. Dieses Christentum, neu begriffen, das muß ausrotten das Widerchristentum, das Antichristentum der modernen materialistischen Weltanschauung, die von der Erhaltung des Vergänglichen, des Stoffes und der Kraft phantasiert. Und so weit ist es gekommen, daß dasjenige, was Christentum ist: die Ewigkeit des Geistes, die Vergänglichkeit des Stoffes zu bekennen, daß das heute als ein Wahnsinn gilt gegenüber dem festbegründeten Phantasmus von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft. Und so weit ist es gekommen, daß wir lügen, indem wir vorgeben, noch Christen zu sein, während wir die Hand bieten zur Verbreitung einer Weltanschauung, die widerchristlich, antichristlich ist. Wer festhält an den Stoffgrundlagen der neueren Naturwissenschaft, der würde nur wahr und ehrlich sein, wenn er das Christentum abschwören würde. Und gar Vertreter der christlichen Konfessionen, Pfarrer, Pastoren, welche mit der neueren Naturwissenschaft ihre Kompromisse schließen, sie sind ganz gewiß in Wirklichkeit innerlich die schärfsten Feinde des Christentums. Es geht nicht anders, als daß in diesen Dingen begonnen wird, klar und ehrlich zu sehen. Über diese Dinge muß durchaus immer mehr und mehr in vollem Ernste gesprochen werden. Ohne das geht es nicht weiter. Alles Herumreden in den Reformgedanken, von denen heute alle möglichen Vereine, alle möglichen Reformbewegungen schwätzen, ist Phantastik, ist nur Wasser auf die Mühle derer, die den Niedergang herbeiführen. Erneuerung ist allein zu hoffen von dem Erfassen des lebendigen Geistes, jenes lebendigen Geistes, der seinen Quell finden muß in dem, was schaffender Mensch ist, und was die Grundlage ist für die Realität der Zukunft, nicht nur irgendeiner ideellen Zukunft, sondern der kosmischen Zukunft.

[ 23 ] Wahrhaftig, ehe nicht die moderne Menschheit mit derselben Glut diese Metamorphose des modernen Denkens aufnimmt, mit welcher Glut einmal in älteren Zeiten Weltanschauungen aufgenommen worden sind, eher wird der Niedergang sich nicht in den Aufgang verwandeln. Das, was man so sagt, man möchte, daß es nicht bloß mit Vorstellungen bequem erfaßt werde, man möchte, daß es empfunden werde, daß es gefühlt werde, daß es durchpulste den Willen. Denn ehe es nicht empfunden wird, ehe es nicht gefühlt wird, ehe es nicht durchpulst den Willen, ist alles Reden davon, daß aus der katastrophalen Zeit herausgekommen werden soll, ein Unding. Die meisten Menschen wissen nicht, in welcher furchtbaren Weise wir hineinsegeln in den Untergang, der nun schon ergreift das Physische. Aber das Physische, es ist immer die Folge des Geistigen. Das Physische der Zukunft wird die Folge des Geistigen sein, das wir heute in unserer Seele tragen; das Physische, das jetzt geschieht, rührt von vergangenem Geistigen her, und jüngst geschehenes Physisches rührt von längst vergangenem Geistigen der Menschheit her. Wenn uns heute verkündet wird, daß etwa von sechshundert Berliner Schulkindern durchschnittlich weit mehr als hundert keine Schuhe und Strümpfe haben zur Zeit und auch nicht die Aussicht haben, sie zu bekommen, wenn uns verkündet wird, daß weit mehr als hundertfünfzig von diesen sechshundert Kindern solche Eltern haben, die ihnen nicht einmal die Rationen mehr kaufen können, so und so viele, die nicht einmal mehr warmes Frühstück bekommen, bevor sie zur Schule kommen, daß im Laufe des letzten Schuljahres über hundert an Tuberkulose gestorben sind — zählen Sie sich das zusammen —, dann, meine lieben Freunde, haben Sie materielle Vorgänge. Diese materiellen Vorgänge, sie sind die äußere Ausgestaltung desjenigen, was die Menschheit an Geistigkeit in den letzten Jahrhunderten heraufgetragen hat. Fragen möchte man heute: Will man weiter soziale, will man Frauenbewegungen, will man alle möglichen Reformbewegungen in der Fortsetzung der Gedanken pflegen, die solche Früchte getragen haben, oder will man aus einem neuen Quell heraus schaffen und schöpfen? Diese Frage soll mit leuchtenden Lettern sich hinstellen vor unsere Seele, indem wir über den Punkt fühlen und empfinden, an dem wir jetzt stehen.