Die neue Geistigkeit und das
Christus-Erlebnis des zwanzigsten Jahrhunderts
GA 200
30 Oktober 1920, Dornach
Sechster Vortrag
[ 1 ] Soll das Verständnis für dasjenige, was man nennen kann die Wiedererscheinung des Christus, in der richtigen Art in der Seele Platz greifen, dann ist nötig, daß man sich ein vorbereitendes Verständnis verschafft für den Gang, den die Christus-Idee, die Christus-Vorstellung im Laufe der Menschheitsgeschichte genommen hat. Wir erinnern uns, daß die Menschheitsentwickelung von einer Seelenverfassung ausgegangen ist, die wir oft genannt haben eine Art instinktiver Anschauung, eine Hellsichtigkeit, welche dumpf, traumhaft war. Nun haben wir ja zu wiederholten Malen die verschiedenen Epochen der Menschheitsentwickelung so charakterisiert, daß wir die entsprechende Form dieser Seelenverfassungen in die Zeiten hineingestellt haben.
[ 2 ] Heute wollen wir uns daran erinnern, daß starke Reste des alten hellsichtigen Zustandes der Menschheit noch vorhanden waren in der Zeit, als das Mysterium von Golgatha geschah. Das Mysterium von Golgatha hat man zunächst aufzufassen als eine Tatsache, aber als eine solche Tatsache, die ihrer Wesenheit nach niemals durchschaut werden kann mit dem Intellekt, der seit der Mitte des 15. Jahrhunderts die Seelenverfassung der modernen Zivilisation ausmacht, der aber sich schon vorbereitete seit der griechischen, der römischen Zeit. So daß man sagen kann: Während die griechische Geschichte abläuft, die römische Geschichte abläuft und das Mysterium von Golgatha sich auf der Erde vollzieht, sind noch starke Reste des alten Hellsehens unter vielen Menschen vorhanden. Andere Menschen haben dieses Hellsehen schon verloren, sind durchaus schon in den Anfängen der intellektuellen Entwickelung darinnen. Das war insbesondere bei den Römern der Fall. Und man kann daher sagen, daß seiner Wirklichkeit nach, seiner Wesenheit nach zunächst das Mysterium von Golgatha nur von denjenigen aufgefaßt werden konnte, die noch Reste des alten Hellsehens hatten. Es konnte beschrieben werden, es konnte das Symbol auch angedeutet werden bei denen, die solche Reste des alten Hellsehens nicht hatten. Dieses instinktive Hellsehen war insbesondere eine Eigenschaft der alten orientalischen Bevölkerung, und im wesentlichen ist es auch in seinen Resten vorzugsweise bei den Orientalen vorhanden gewesen. Schließlich ist ja unter den Orientalen auch der Christus Jesus über die Erde gegangen. So daß aus den Resten alter orientalischer Weisheit zunächst das Mysterium von Golgatha verstanden worden ist. Als dann dieses Mysterium von Golgatha herüberwanderte nach dem Westen zu den Griechen, zu den Römern, da konnte man dasjenige übernehmen, was solche Leute sagten, welche aus den Resten des alten Hellsehens heraus noch verstanden hatten, was da eigentlich auf der Erde sich zugetragen hatte. Und damit auch eine Anschauung durch seelische Augenzeugenschaft vorhanden sei, erstand in Paulus durch eine besondere, im späteren Lebensalter erst eintretende Erleuchtung der Zustand eines solchen Hellsehens, in dem er, Paulus, sich überzeugen konnte von der Wahrheit, von der Echtheit des Mysteriums von Golgatha. Was Paulus sagen konnte aus seiner Überzeugung heraus, was diejenigen, die sich die Reste alten Hellsehens bewahrt hatten, aus der alten orientalischen Urweisheit heraus aufstellen konnten über das Mysterium von Golgatha, das konnte man dann übernehmen als Nachrichten, konnte es einkleiden in die Form des aufkeimenden Intellektes; aber eigentlich durchschauen konnte man mit diesem Intellekt zunächst das Mysterium von Golgatha nicht. Die Art und Weise, wie diejenigen, die noch Reste alten Hellsehens hatten, von dem Mysterium von Golgatha sprachen, die bezeichnete man als die gnostische. Und ich möchte sagen, die Form, vom Mysterium von Golgatha zu sprechen, so wie man es eben vermochte mit diesen Resten alten Hellsehens, das ist die christliche Gnosis. Auf die Art und Weise, wie ich es geschildert habe in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache», ist dann die Darstellung des Mysteriums von Golgatha auf die Nachwelt gekommen. Also das erste Verständnis des Mysteriums von Golgatha wurde erreicht durch diese Reste des alten Hellsehens, durch altes orientalisches instinktives Anschauen. Man möchte sagen, dieses alte orientalische instinktive Anschauen hat sich bis zu dem Mysterium von Golgatha in genügender Ausdehnung erhalten, damit auch noch eine wirkliche menschliche Auffassung dieses Mysteriums Platz greifen könne, ehe der Intellekt hereinbricht und das Verständnis für das Mysterium von Golgatha nicht mehr vorhanden sein kann. Wäre das Mysterium von Golgatha in der Zeit der Vollblüte des Intellekts gekommen, so hätte es auf die Menschheit selbstverständlich gar keinen Eindruck gemacht.
[ 3 ] Nun also lebten die Mitteilungen von dem Mysterium von Golgatha in den Berichten der alten Hellseher, und im Grunde genommen — Sie wissen das ja aus meiner Darstellung im «Christentum als mystische Tatsache» — sind die Evangelien nichts weiter als solche durch Hellsehen gewonnene Nachrichten über das Mysterium von Golgatha. Nun aber breitete sich über die Menschheitsentwickelung jene Welle aus, die schon im Griechentum, wie ich Ihnen dargestellt habe, Wurzel gefaßt hat, welche vorzugsweise ihren Quell im Römertum hat, und die man bezeichnen kann als die Welle, welche die spätere Intellektualität vorbereitete, in der diese Intellektualität aber schon lebte. Es breitete sich aus das juristisch-dialektische Denken, dasjenige Denken, das dann auch zum staatlich-politischen Denken geführt hat. Das breitete sich vom Süden her aus, drang in jene Gegenden, in denen, wie ich Ihnen gestern gesagt habe, noch Naturalwirtschaft war, drang ein in die nördlichen Gebiete. Es bildete sich die mitteleuropäische Zivilisation, die zunächst, von Rom aus genährt, vorzugsweise im Zeichen der intellektualistischen, also eigentlich der juristisch-dialektischen Entfaltung der menschlichen Seele stand. Innerhalb alles dessen, was sich da abspielte, konnte man nicht mehr im Sinne der alten Geistigkeit das Mysterium selber anschauen, sondern man bekam eben die Berichte, man bekam die Tradition und kleidete das in die Form der Seelenverfassung, die man hatte. Man kleidete es immer mehr und mehr in die Dialektik. Durch das Römertum wurde das Mysterium von Golgatha eingekleidet in diese Dialektik. Aus dem, was christliche Gnosis war, was noch auf Schauen beruhte, bildete sich heraus die reine dialektische Theologie, die Hand in Hand ging mit der Einrichtung der europäischen Reichsgebilde, die dann später zu Staaten wurden. Aber das erste große Reich war eigentlich das verweltlichte Kirchenreich, das von römisch-juristischen Formen durchzogene Kirchenreich. Äußerlich haben sich ja viele Tatsachen abgespielt, welche zeigen, wie sich dieses juristisch-dialektische, politische Denken, in das sich das alte orientalische Schauen einkleidete, über Europa ausbreitete.
[ 4 ] Karl der Große zum Beispiel wurde ein Lehensträger des Papstes. Seine Kaiserwürde war ihm vom Papste verliehen. Und wenn man die Ausbreitung der ganzen Herrschaft Karls des Großen studiert, so findet man auf der einen Seite unter den Kräften, durch die diese Herrschaft Karls des Großen sich ausbreitete, den kirchlich-theologischen Einfluß. Eine Art theokratischen Reiches breitete sich aus; aber das wird überall durchsetzt von den Formen des Juristisch-Dialektischen. Die Geistlichen sind die Beamten; sie bekleiden die Staatsämter, sie vereinigen in ihrer Person das politische Element mit dem kirchlichen Elemente. Das alte, auf Schauen beruhende geistige Leben, das den Geist überhaupt schon im Jahre 869 abgeschafft hatte, wie wir öfter besprochen haben, geht ganz und gar über in ein politisches Kirchenreich, das sich über den größten Teil der europäischen Territorien ausbreitete.
[ 5 ] Sie kennen aus der Geschichte und aus dem, was ich hier schon dargestellt habe vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte, wie dieses fortwährende Ineinanderfluten des Römisch-Kirchlichen und dessen, was mehr oder weniger sich wiederum losmachen wollte vom RömischKirchlichen, gegeneinander kämpfte, und wie diese Kämpfe im Grunde genommen einen großen Teil der mittelalterlichen Geschichte bilden. Aber schauen muß man auf den gewaltigen Unterschied, der besteht zwischen der ganzen sozialen Struktur dieses mittelalterlichen Gebildes, das dann in die neueren Staaten aufging, und der sozialen Struktur des alten Orients, die durchaus durchgeistigt war von dem alten instinktiven Schauen und von alledem, was dieses Schauen im Gefolge hatte.
[ 6 ] Woher kam denn eigentlich das, was der Inhalt des alten orientalischen Schauens war? Es kam, man kann nicht anders sagen, vom Angeborensein; denn diejenigen, die Mysterienweise waren, suchten eben zu ihren Schülern wiederum Menschen, die solche angeborenen Fähigkeiten hatten, daß sie zu diesem instinktiven Schauen kommen konnten. Man wählte aus der großen Masse der Menschen diejenigen aus, denen es im Blute lag, solches Schauen zu haben. Man war sich also klar darüber, daß einfach in den Menschen, die aus geistigen Welten als Kinder in diese physische Welt hereingesandt werden, Reste der Erlebnisse in den geistigen Welten mitkommen. Ich rede immer von den Zeiten, in denen das Mysterium von Golgatha herannahte oder schon da war. Mit dem einen kam weniger, mit dem anderen kam mehr herein. Ich möchte sagen, mit dem Blute kamen noch Nachklänge aus den Erlebnissen der geistigen Welten herein. Diejenigen, welche die allermeisten instinktiven Erinnerungen hatten an das Erleben vor der Geburt oder vor der Empfängnis, die waren die geeigneten Mysterienschüler. Sie konnten begreifen und schauen, beziehungsweise sie konnten durch begreifendes Schauen erkennen, was die Götter mit den Menschen für Absichten hatten, denn sie hatten das erlebt vor der Geburt, und sie hatten eine instinktive Erinnerung daran in diesem Erdenleben. Und sie wurden ausgesucht von den Mysterienweisen, von den Priestern, um nun wiederum vor die Menschheit hingestellt zu werden als diejenigen, die nun Zeugen waren für das, was die geistige Welt mit der physischen Welt will. Solche Menschen waren es, die zuerst reden konnten von dem Mysterium von Golgatha. Man kann sagen, es war das ein ganz anderes Hineinstellen des Menschen in die soziale Ordnung. Er wurde so hineingestellt in diese soziale Ordnung, wie die Mysterien erkannten, daß er von den Göttern selber da hineingestellt war.
[ 7 ] An die Stelle der angeborenen Fähigkeiten durch die Blutwirkung trat nun jene mittelalterliche Welt, wo nichts mehr oder immer weniger in den Menschen war, wo jedenfalls in den maßgebenden Menschen nichts mehr war von dem, was durch die Geburt aus geistigen Welten in die physische Welt hereingebracht wird, wo nichts mehr als instinktive Erinnerung da war. Worauf konnte man also dasjenige begründen, was soziale Struktur unter den Menschen war? Worauf konnte man das im dialektisch-juristischen Zeitalter begründen? Man konnte es nur begründen auf Autorität. Die Autorität, welche vor allen Dingen die römischen Päpste für sich in Anspruch nahmen, diese Autorität war es, welche an die Stelle dessen trat, was erkennend die alten Mysterienpriester schauten als das von den geistigen Welten Herübergebrachte. Nach dem, was aus den geistigen Welten herübergebracht wurde, hatte man in alten Zeiten auch das entschieden, was im sozialen Leben geschehen soll. Jetzt konnte man das nur dadurch entscheiden, daß gewissen Leuten, also den römischen Päpsten, und in übertragener Bedeutung dann den einzelnen Lehensfürsten der römischen Päpste, den Königen und anderen Fürsten, eine gewisse Autorität auf Erden zugesprochen wurde, daß ihnen gewissermaßen durch juristische Rechtfertigung, durch formales Recht solch eine Autorität zugesprochen wurde. Die Menschen hatten jetzt zu befehlen, da die Götter nicht mehr befahlen. Und dieses: wer zu befehlen hatte, das mußte eben nur durch äußeres Recht festgelegt werden.
[ 8 ] So kam das Autoritätsprinzip des Mittelalters herauf, und man kann sagen, in dieses Autoritätsprinzip wurde auch eingegliedert die ganze Anschauung von dem Mysterium von Golgatha, die man ja eben nur als Mitteilung empfing. Höchstens konnte man sie in Symbole kleiden, wo man aber nur Bilder hatte. Ein solches Symbol ist das Meßopfer mit dem heiligen Abendmahl, ist alles das, was der Christ in der Kirche erleben konnte. In dem Abendmahl hatte er unmittelbar gegenwärtig nach seiner Auffassung, was das Hereinkraften der ChristusKraft in die physische Welt war. Daß diese Christus-Kraft für die Gläubigen hereinströmen konnte in die physische Welt, das wurde unter Autorität gestellt, das ging wiederum aus von den Weihen der römischen Kirche.
[ 9 ] Aber das, was sich da als juristisch-dialektisch-römisches Element heraufentwickelte, das trug gewissermaßen in seinem Schoße auch seine andere Seite. Es trug wiederum den fortwährenden Protest in sich gegen die Autorität. Denn wenn alles auf Autorität gestellt ist, wie es im Mittelalter der Fall war, dann äußert sich im Menschen schon wiederum dasjenige, was zukünftig kommen soll: der innerliche Protest gegen die Autorität. Dieser innerliche Protest gegen die Autorität trat durch die verschiedensten geschichtlichen Erscheinungen zutage durch solche Leute wie Wyclif, Hus und so weiter, die sich auflehnten gegen das bloße Autoritätsprinzip, die den Christus aus ihrem Inneren heraus begreifen wollten, wozu die Zeit aber dazumal noch nicht da war. So daß man sich im Grunde genommen nur der Täuschung hingeben konnte, man begreife den Christus aus dem Inneren heraus.
[ 10 ] Diejenigen, die noch in mittelalterlichen Zeiten als Mystiker auftraten, sprachen auch von dem Christus, aber sie hatten noch nicht das Christus-Erlebnis. Sie hatten doch im Grunde genommen nur die alten Nachrichten von dem Christus. Und immer stärker und stärker wurde diese Auflehnung gegen die Autorität. Dadurch wurde auch natürlich immer stärker der Drang, diese Autorität zu befestigen. Und die stärkste Aufwendung von Kraft, um diese Autorität zu befestigen, um gewissermaßen das, was von dem Mysterium von Golgatha ausgeht, nur auf Autorität zu stellen, gewissermaßen so auf Autorität zu stellen, daß es ewig nur auf Autorität sein könne, das ist dann der Jesuitismus. Der Jesuitismus hat nichts mehr von dem Christus. Der Jesuitismus enthält in sich schon die ganze volle Auflehnung gegen das erste Verständnis des Christus. Das erste Verständnis war eben mit den Resten des orientalischen Hellsehens in der Gnosis geschehen. Der Jesuitismus nahm nur das Intellektuell-Dialektische in sich auf, er wies zurück das Christus-Prinzip. Er bildete keine Christologie aus, er bildete eine Kampflehre für den Jesus aus, eine Jesulogie. Wenn auch der Jesus angesehen wurde als etwas über alle Menschen Hinausragendes, so sollte aber doch dasjenige, was durch den Jesuitismus zu dem Mysterium von Golgatha hinführte, eben nur etwas sein, was rein auf Autorität gestellt ist.
[ 11 ] So wurde vorbereitet, was dann kam, und dessen Kulmination wir dann im 19. Jahrhundert die Menschen erleben sehen, wo der ChristusImpuls als etwas Spirituelles, als etwas Geistiges vollständig verlorengegangen war, wo die Theologie, insofern sie moderne Theologie sein wollte, nur noch von dem Menschen Jesus reden wollte. Indem diese ganze Entwickelung vor sich gegangen war, hatten sich aber manche, ich möchte sagen, Mißstände ergeben. Nehmen Sie die Tatsache, daß von dem römischen Prinzip in rein juristischer Dialektik übernommen worden ist, was an Nachrichten über das Mysterium von Golgatha vorhanden war, daß es übernommen worden ist durch äußere Symbolik, die gedeutet werden kann: dann war keine Möglichkeit, die Nachrichten, wie sie vorhanden waren, unter die Gläubigen kommen zu lassen. Daher das strenge Verbot für die Gläubigen Roms, die Bibel zu lesen. Das ist ja die wichtigste kirchliche Tatsache bis ins späteste Mittelalter herein, daß das Verbot bestand für die Gläubigen, die Bibel zu lesen. Als das Furchtbarste sah man an innerhalb der Priesterschaft, innerhalb der leitenden katholischen Kreise, wenn das Evangelium bekannt würde in der breiten Masse der Gläubigen. Denn das Evangelium stammt aus einer ganz anderen Seelenverfassung. Das Evangelium ist nur verständlich aus einer geistigen Seelenverfassung heraus. Eine dialektische Seelenverfassung kann mit dem Evangelium gar nichts anfangen. Es ist unmöglich gewesen daher für diese Zeiten, in denen sich der Intellekt, in denen sich die Dialektik vorbereitete, das Evangelium in die Massen kommen zu lassen. Die Kirche kämpft wütend gegen das Bekanntwerden des Evangeliums, und sie sieht als die wildesten Ketzer diejenigen an, die sich gegen das Verbot des Lesens des Evangeliums auflehnen, wie zum Beispiel die Waldenser oder die Albigenser; die machten Ansprüche darauf, durch das Evangelium selber unterrichtet zu werden über das Mysterium von Golgatha. Dagegen lehnte sich die Kirche auf, denn die Kirche wußte ganz gut: Mit der Art, wie sie das Mysterium von Golgatha behandelte, ist das Bekanntwerden des Evangeliums nicht vereinbar, denn dieses Evangelium in seiner wahren Gestalt besteht ja aus vier Evangelien, die einander widersprechen. Man wußte, wenn man der großen Masse der Gläubigen hinausgibt die Evangelien, so bekommen sie zunächst nichts anderes als widersprechende Berichte, die sie aber unter der aufkeimenden Intellektualität nur als etwas auffassen konnten, das sie so verstehen mußten, wie man auf dem physischen Plan versteht. Ja, bei einem Ereignis auf dem physischen Plan kann man nicht verstehen, daß es in vier verschiedenen Formen beschrieben werden soll. Für ein Ereignis, das verstanden werden muß mit höheren Kräften, kommt es darauf an, wie es, da es immer von verschiedenen Seiten angesehen werden muß, von der einen oder von der anderen Seite sich ausnimmt. Ich habe öfter gesagt, selbst für Träume gilt das; Menschen können das Gleiche träumen, das heißt, in ihrem Inneren kann das Gleiche vorgehen; dasjenige aber, was sich ihnen in Bildern formt, das kann in der verschiedensten Weise differieren. So können für den, der in einer spirituellen Art zu dem Mysterium von Golgatha steht, die Widersprüche der Evangelien nichts bedeuten. Aber in spirituellem Verhältnis standen ja die Menschen des heraufkommenden Mittelalters nicht, sie standen im Zeichen der Dialektik bis in die untersten Schichten des Volkes hinein. Für diese Dialektik konnte man nicht ein vierfach sich widersprechendes Berichterstatten über das Mysterium von Golgatha herausgeben. Und als die Kirche das Bibelverbot nicht mehr halten konnte, als der Protestantismus heraufkam, da ergab sich eben jene Diskrepanz im europäischen Leben, die dann zu der modernen Theologie des 19. Jahrhunderts führte, wo man zuletzt alles hinwegradiert hat aus den Evangelien, was sich widersprach. Und zuletzt ist ja nun wirklich aus den Evangelien ein sehr gerupftes Hühnchen geworden. Das Magerste, was entstanden ist, das am meisten Gerupfte sind die Dinge, die der von dieser Seite her berühmte Schmiedel herausgefunden hat, der die Stellen, wo irgend jemand in den Evangelien nicht gelobt wird, wo irgend etwas Abfälliges gesagt wird, für das einzig Echte hielt und alles übrige abfertigte. Und so entstanden die Jesus-Beschreibungen der Theologen des 19. Jahrhunderts und des beginnenden 20. Jahrhunderts, die nur den Menschen Jesus beschreiben wollten und glaubten, sie könnten damit noch innerhalb des Christentums stehen. Innerhalb des Christentums konnte eine intellektualistisch-dialektische Zeit nur stehen bei dem Verbot der Evangelien. Mit den Evangelien konnte eine dialektisch-juristische Zeit nur das bewirken, daß sie den Christus nach und nach als solchen vollständig ausschaltete.
[ 12 ] Unter dieser Unwahrheit entwickelte sich eigentlich die neuere Menschheit. Diese neuere Menschheit ahnt gar nicht, daß sie im Grunde genommen ganz und gar unter dem Prinzip der Autorität lebt, sich aber fortwährend selber ableugnet, daß sie unter diesem Prinzip der Autorität lebt. Es gibt kaum eine stärkere Ausprägung des Autoritätsglaubens, als es bei all denen der Fall ist, welche die heutige offizielle Wissenschaft als das Mafßgebende für die Welt annehmen. Sehen wir doch, wie die Leute sich befriedigt erklären, wenn sie irgendwo gesagt bekommen, irgend etwas sei «wissenschaftlich festgestellt». Sie wissen gar nichts anderes über diese wissenschaftliche Feststellung, als daß es von einem Menschen gesagt worden ist, der sein Gymnasium, seine Universitätsstudien durchgemacht hat, der Privatdozent, Universitätsprofessor geworden ist, der also durch Autoritäten wiederum eingesetzt worden ist; da wird das verbreitet. Dann ist das, was auf diese Weise unter die Menschen kommt, sichere Wissenschaft. Versuchen Sie sich einmal zusammenzuhalten dasjenige, wovon die Menschen heute annehmen, es sei festgestellte sichere Wissenschaft. Es beruht letzten Endes man täuscht sich nur darüber, man gibt sich nur Illusionen darüber hin — auf nichts anderem als auf einem ganz reinen Autoritätsprinzip, auf reinstem Autoritätsglauben. Das ist der Autoritätsglaube, der eben heraufgekommen ist, indem er ersetzt hat die andere Art, auf die soziale Struktur zu wirken, die noch vom Orientalischen herstammte.
[ 13 ] Und begreifen muß man, welcher Haß sich ausbildete innerhalb derjenigen Kreise, die gar kein Verständnis mehr hatten für das Mysterium von Golgatha, die ein nur traditionell durch Autorität Fortgepflanztes hatten, denen angst und bange war vor dem Bekanntwerden des Evangeliums unter der großen Masse, begreifen muß man den Haß, der eigentlich immer stärker und stärker wurde und besonders innerhalb des Jesuitismus dann zum vollständigsten System ausgebildet worden ist: den Haß auf dasjenige, was die Gnosis war. Und heute sehen wir immer noch gerade die Theologen da, wo irgendwo von Gnosis die Rede ist, rote Köpfe bekommen! Wir müssen das aus der historischen Entwickelung der europäischen Menschheit heraus verstehen. Man muß zum Beispiel die Entwickelung der Universitäten verstehen. Wie haben sich die Universitäten entwickelt? Man sehe die Geschichte vom 11. bis zum 13.,14. Jahrhundert nach: Aus der Kirche heraus haben sie sich entwickelt. Die Klosterschulen sind Universitäten geworden. Alles, was gelehrt wurde, sollte von Rom abgestempelt sein, nur was von Rom abgestempelt war, das war wirklich zu glauben. Dafür, daß es von Rom abgestempelt sein sollte, verlor sich dann allmählich der Gedanke. Aber daß es irgendwie doch abgestempelt sein mußte, das blieb. Und so blieb das Autoritätsprinzip auch bei denen, die nicht mehr an die römische Autorität glaubten. Und ohne daß man an Rom, an die römische Autorität selber glaubt, ist dieses Fortleben des römischen Autoritätsprinzipes die Seelenverfassung des heutigen Universitätslebens. Es ist die Seelenverfassung auch in protestantischen Ländern. Die katholische Kirche kämpft eben nur für ihre Autorität mit Ausschluß alles Geistigen weiter, verleumdet alles, was über ihre dialektisch-juristische Denkweise hinausragt, verleumdet alles, was sich nicht in das soziale Autoritätsprinzip einfügen lassen will. Man muß nur verstehen, wie tief das hineingekraftet hat in die Seelenverfassung derjenigen Menschen, die dann im Heraufkommen der modernen Zivilisation lebten. Bei den meisten ging ja gerade dadurch ein SichStellen zu dem Inhalt der Wahrheit verloren, und das gab dann letzten Endes die große Verwirrung, das furchtbare Chaos, innerhalb dessen wir jetzt leben.
[ 14 ] Nun aber leben wir zugleich in einer Zeit, in welcher sich wieder vorbereitet ein Schauen. Geisteswissenschaft will ja vorbereiten auf dieses Schauen, das die Menschheit wiederum ergreifen muß. Nicht das alte instinktive Schauen, sondern ein Schauen, das auf volles Bewußtsein gebaut ist. Theologieprofessoren und andere kämpfen gegen dieses Schauen. Sie verwechseln es mit dem alten gnostischen Schauen; sie reden allerlei Dinge, die sie selber nicht verstehen, gegen dieses moderne Schauen. Aber dieses moderne Schauen zieht herauf als eine Notwendigkeit, von der die Menschheit ergriffen werden muß. Und in dieses Schauen kann nun wiederum ein wirkliches Erfassen des Mysteriums von Golgatha hineinleuchten.
[ 15 ] So daß der Gang der Christus-Vorstellung eigentlich dieser ist: Das Mysterium von Golgatha geschieht in einer Zeit, in der noch Reste alten Hellsehens vorhanden waren. Die Menschen können es gerade noch verstehen. Sie legen dieses Verständnis in die Evangelien hinein. Das Christentum wandert nach Westen, wird vom Römertum mit dialektischem Geiste aufgenommen. Es wird immer weniger und weniger verstanden. Man redet in Worten von dem Mysterium von Golgatha, man redet in Worten, die bloße Worte bleiben, so daß die Gläubigen auch zufrieden sind, wenn sie in der Kirche sind und der Priester in einer ihnen unverständlichen Sprache die Worte sagt. Denn es kommt ihnen nicht darauf an, die Sache zu verstehen, es kommt ihnen höchstens darauf an, in der allgemeinen Atmosphäre zu leben, die hinweist auf das Mysterium von Golgatha. Und es geht verloren der wirkliche Zusammenhang der Menschen mit dem Mysterium von Golgatha. Immer mehr geht er verloren. In einer bestimmten Zeit des Mittelalters beginnt man zu diskutieren über die Bedeutung eines Symbols, in das sich die fortdauernde Benachrichtigung vom Mysterium von Golgatha gekleidet hat. Man beginnt zu diskutieren zum Beispiel über die Bedeutung des Abendmahls. Aber in dem Moment, wo man über etwas zu diskutieren anfängt, versteht man es ja schon nicht mehr. Dasjenige, was in der Entwickelung der Menschheit lebt, das lebt als Erlebnis. Solange man es als Erlebnis hat, so lange disputiert man nicht. Als der Abendmahlsstreit im Mittelalter auftrat, da war schon der letzte, der allerletzte Rest des Verständnisses für das Abendmahl verlorengegangen, da bemächtigte sich schon das dialektische Spiel dieses Abendmahles. Und so entwickelte sich das neuere Menschheitsleben herauf, bis das Bibelverbot nicht mehr gelten konnte. Theoretisch ist allen Katholiken heute noch verboten, die Bibel zu lesen. Nur jener Auszug der Bibel, der zubereitet wird, wie wenn die Evangelien eine Einheit wären, ist ihnen theoretisch gestattet zu lesen. Es ist den Katholiken noch heute streng verboten, sich mit den vier Evangelien zu befassen, denn selbstverständlich, in dem Augenblicke, wo man in den modernen Geist die vier Evangelien hereinbekommt, wo man sie so liest, wie man eine Darstellung des äußeren physischen Planes liest, in dem Augenblicke zerflattern die Evangelien. Es ist unverantwortlich, wenn Leute, die das ganz gut wissen, die auch erlebt haben, wie im Laufe des 19. Jahrhunderts eben unter der Philologisiererei der Theologie die Evangelien zerflattert sind, wenn die sich erfrechen — man kann es nicht anders bezeichnen —, von der Anthroposophie zu sagen, daß sie die Evangelien in einer willkürlichen Weise auslege, daß sie allerlei hineinlege in die Evangelien. Diese Leute wissen, daß der Zusammenhang mit dem Mysterium von Golgatha verloren wird, wenn die Evangelien nicht im spirituellen Sinne verstanden werden. Man erlebt es, wie sich alle die Leute aufs Podium stellen vom Standpunkte katholischer oder protestantischer Theologie aus und immer wieder und wiederum davon schwätzen, daß Anthroposophie in die Evangelien etwas hineinlege, während sie ganz genau wissen: Wenn nichts von geistiger Auffassung in die Evangelien hineingelegt wird, so müssen die Evangelien die christliche Seelenverfassung vom Grunde aus zerstören. Würden die Menschen nur ein wenig besser darauf hinschauen, wie es den meisten von denen, die solches Zeug schwätzen über die Anthroposophie, im Grunde genommen nur darauf ankommt, in bequemster Weise ihr Amt weiter zu verwalten, so zu verwalten, wie sie es gelernt haben in ihrer Jugend, würden die Menschen wissen, daß in diesen Theologen nicht ein eigentliches Wahrheitsgefühl lebt, sondern nur die Furcht, es könnte ihnen ihre bequeme Art, die Dinge aufzufassen, verlorengehen, dann würde man schon viel weiterkommen im Ablehnen derlei Frohnmeyers und ähnlicher Leute, die eben durchaus nicht mehr von dem geringsten Funken irgendeines Wahrheitssinnes durchzogen sind.
[ 16 ] Was heute zu retten ist, das ist das Mysterium von Golgatha selbst. Und vorbereitet darauf muß werden, daß dieses Mysterium von Golgatha der menschlichen Imagination wiederum erscheine. Denn dem Intellekt kann es nicht erscheinen. Der Intellekt kann es nur auflösen. Der Intellekt kann es nur durch seine Philologiekünste aus der Welt schaffen, oder er kann es durch eine tyrannische Autorität im jesuitischen Sinne für diejenigen erhalten, die nicht nach Wahrheit, sondern nur nach einem bequemen Leben streben. Für solche aber, die nach Wahrheit streben, geht heute der Weg der Imagination, das heißt, dem bewußten Schauen der geistigen Welten entgegen. Da handelt es sich darum, daß man von dem Gesichtspunkte dieses bewußten Schauens der geistigen Welten auch das ganze Menschheitswesen wiederum aufzufassen in der Lage ist. Da handelt es sich vor allen Dingen darum, daß das ganze Menschenerziehen und Menschenunterrichten von diesem Gesichtspunkte aus geschieht.
[ 17 ] Wir wissen, das Kind lebt bis zu seinem siebenten Jahre, bis zum Zahnwechsel, in der Nachahmung. Die Nachahmung ist im Grunde genommen nichts anderes als ein Weiterleben dessen, was in ganz anderer Form vor der Geburt oder Empfängnis in der geistigen Welt vorhanden war, wo das Untertauchen des einen Wesens in das andere vorhanden ist; das drückt sich dann in der Nachahmung des Kindes gegenüber seiner Menschenumgebung als Nachklang des geistigen Erlebens aus. Dann kommt vom siebenten Lebensjahre, vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, das Bedürfnis des Kindes nach Autorität. Gerade dasjenige, was heute nur noch in der Nachahmung des Kindes lebt, das lebte in einer gewissen Weise durch den ganzen Menschen hindurch innerhalb der alten orientalischen Struktur. Diejenigen Menschen, die aus den Mysterien heraus wirkten, wirkten mit einer so starken Kraft, daß ihnen die anderen Menschen folgten, wie das Kind den Erwachsenen folgt, die in seiner Umgebung sind. Dann kam das Prinzip der Autorität. Und jetzt wächst der Mensch heraus aus dem Prinzip der Autorität. Er wächst hinein in das Prinzip, welches nach der Geschlechtsreife im Menschen sich andeutet, allerdings in persönlich-individueller Weise, anders als in bezug auf die ganze Menschheitsentwickelung. Heute lebt der Mensch einer Zeit entgegen, wo es notwendig wird, in ihm auszubilden dasjenige, was nicht von selbst ausgebildet werden kann. Das Kind kommt als Nachahmer zur Welt. Im alten orientalischen sozialen Leben kam es auch schon als Nachahmer zur Welt. Aber das, was bei ihm als Nachahmungsprinzip lebte, das blieb auch in die Autoritätszeit, in die Urteilszeit hinein noch immer wirksam in bezug auf die sozialen Angelegenheiten, auch in bezug auf alles das, was religiöses Leben war. Das Autoritätsprinzip machte sich im alten Orient nur geltend in bezug auf dasjenige, was nächste Umwelt war. Die großen Angelegenheiten des Lebens blieben in der Form des kindlichen Erlebens stehen.
[ 18 ] Dann kamen diese großen Angelegenheiten des Lebens in die Zeiten des Mittelalters hinein. Das Autoritätsprinzip herrschte. Jetzt macht sich zuerst geltend das Heraustreten aus dem Autoritätsprinzip, das Prinzip des eigenen Urteils macht sich geltend. Was für die Angelegenheiten des religiösen, des künstlerischen, überhaupt des über das unmittelbare Elementar-Natürliche hinausgehenden menschlichen Lebens im alten Orient entfaltet wurde, man konnte es im Kinde aufsuchen, das es durch das Blut hereintrug aus den geistigen Welten in diese physische Welt. Als das Autoritätsprinzip herrschte, brauchte man ja nur auf etwas zu bauen, was sich mit einer gewissen Notwendigkeit aus dem noch ganz unbewußsten ätherischen Leib herausentwickelt. Jetzt, wo auftritt das Prinzip des freien Urteils, da tritt für Pädagogik und Didaktik eine neue große Verantwortung auf. Da tritt das auf, daß man in dem werdenden Kinde hinzuschauen hat auf das, was herauskommen wird. Wenn das Kind das fünfzehnte Lebensjahr erreicht, dann wird in ihm der astralische Leib geboren. Dasjenige wird in ihm geboren, was hereinträgt in die Welt, jetzt nicht in unbewußter Weise, sondern in immer mehr und mehr bewußter Weise die Erlebnisse der geistigen Welt.
[ 19 ] Die Zeit rückt heran, wo wir bei aller Erziehung und allem Unterricht zu sehen haben, was aus dem Kinde herauswächst, wenn es im vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahre steht. Das war für alle alten Zeiten von keiner so großen Wichtigkeit, denn das ist verknüpft mit dem, was frei im Menschen lebt, was der Mensch sich nicht durch Geburt mitbringt, was er auch nicht durch Autorität empfangen kann, was er wirklich aus sich selber herausholen muß. Und daß er es auf rechte Weise aus sich herausholt, dafür hat man zu sorgen, indem man in der richtigen Weise das Kind heranerzieht und heranunterrichtet bis zum vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahre, damit es dann in diesem vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahr in der richtigen Weise den astralischen Leib entwickeln kann. Erziehung und Unterricht bekommen eine ganz neue Bedeutung in dieser neueren Zeit, und ohne die Zusammenhänge des Menschen mit der geistigen Welt zu durchschauen, sollte eigentlich nicht mehr unterrichtet werden. Das ist der Kampf, der heraufzieht.
[ 20 ] Gewissermaßen noch aus instinktiven Untergründen hat sich geltend gemacht dasjenige, was sich dann in der idealistischen Philosophie Mitteleuropas an die Oberfläche des menschlichen Bewußtseins drängte: das Ich-Gefühl, das ja im Grunde bei Fichte, Schelling und Hegel nur zu tun hatte mit dem, was der Mensch erlebt zwischen Geburt und Tod, das nichts zu tun hatte mit dem, was überphysisch-menschlich ist. Ich habe gestern gesagt, der mitteleuropäische Mensch war abgeschlossen durch das Türkentum, durch das Element Peters des Großen von dem, was orientalisch war, aber es lebte als Erbschaft dasjenige fort, was ihm noch so vorschwebte als eine Offenbarung, die eigentlich nur im alten Orient verstanden wurde aus dem alten Hellsehen heraus, die noch ihre Nachklänge hat in dem asiatisch empfindenden Russentum, in dem noch nicht europäisierten Russentum. Offenbarung lebt im Grunde genommen, wenn auch ganz dekadent, heute noch immer in Asien drüben. Da ist noch Sinn für Offenbarung vorhanden. Das intellektualistische Element, das rein dialektische Element ist das westliche Element, das heute nur für das wirtschaftliche Leben ausgebildet ist. Zwischen diesen beiden Elementen, dem ganz noch auf das Irdisch-Wirtschaftliche beschränkten westlichen Intellektualismus, der menschlichen Vernünftigkeit, die sich nur mit der äußeren Erfahrung beschäftigen will, und der orientalischen Offenbarung, war immer das mitteleuropäische Element eingeklemmt. Und immer drohender und drohender zogen sich die Wolken zusammen, indem im Grunde genommen nur eine Art rhythmischer Ausgleich vorhanden war zwischen Offenbarung und Vernünftigkeit. Was bei den großen Scholastikern des Mittelalters versucht wird auseinanderzuhalten, vernünftiges Begreifen der äußeren Sinneswelt und übersinnliche Offenbarung, das schlug aber immer mehr ineinander, als die neuere Zeit heraufzog. Und wir sehen dieses Ineinanderschlagen insbesondere in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wo die mitteleuropäisch-idealistische Philosophie geboren wird, wir sehen dann, wie das Westlertum übergreift in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie gewissermaßen ganz Europa bis nach Rußland hinein anglisiert wird, und wie das äußere Zeichen für einen tief inneren Vorgang, den die Menschheit gegenwärtig nur noch nicht begreifen will, wie das äußere Zeichen für diesen inneren Vorgang das Zermalmtsein, das auf dem Bodenliegen des Mitteleuropäischen in der Gegenwart ist. Alles, was da zwischen Westen und Osten eingeklemmt ist, liegt auf dem Boden, ist zermalmt, weiß überhaupt nicht, was es mit sich anfangen soll, lebt in Konvulsionen, redet von allerlei, wodurch man irgendwie weiterkommen will, redet aber im Grunde genommen nur von lauter Nullitäten. Bis in die Einzelheiten drückt sich das aus. Ein ungeheures Unvermögen des Wirtschaftens mit den alten Verhältnissen zeigt sich. Was tut man? Man preßt entweder aus dem Alten heraus, was noch drinnen ist, durch eine furchtbare Steuerschraube, oder man füllt dasjenige, was fehlt, durch wertloses Notendrucken an, indem man in einer Woche Milliarden von Noten druckt. Und wenn es vielleicht auch nur ein Symbolum ist, einzelnen Leuten steht doch vor der Seele: dieses dekadente Festhalten an der Offenbarung im Osten, die Nullität der Mitte und das nur noch im Wirtschaftlichen steckende Vernünftigsein des Westens. Und sie reden wie von einer Zukunftsperspektive — als ob das Mittlere gar nicht da wäre — von dem großen Kampfe, der zwischen Japan und Amerika in Aussicht steht. Das stellen sich die Leute natürlich bloß physisch vor. Das bedeutet auch etwas ungeheuer Tiefes. Und wenn dasjenige, was real ist als Dekadentes im Osten, was noch nicht Geborenes im Westen ist, wenn das aufeinanderstößt mit Ignorierung der Mitte, dann sozusagen versinkt das Ich-Gefühl, das namentlich in der Mitte zum Ausdruck gekommen ist, in jenem Chaos, das durch das Zerquetschen vom Osten und vom Westen entsteht. Das Denken über das Ich ist ja verschwunden mit der mitteleuropäisch-idealistischen Philosophie. Es ist seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr da. Auch dasjenige, was man aus den Konvulsionen heraus als Staatsgebilde hat schaffen wollen, es liegt heute am Boden. Unmögliche Staatsgebilde erheben sich, wie die Tschechoslowakei, die ganz gewiß auf die Dauer nicht leben und nicht sterben kann. Diese unmöglichen Gebilde können sich nur erheben dadurch, daß Friede geschlossen wird von Leuten des Westens, die keine Ahnung davon haben, welches die Lebensbedingungen der Mitte sind. Man hört sich in Zürich irgend jemanden an, der von Paris kommt und der die Einheit des slowakischen mit dem tschechischen Elemente in einer geistreichen Form, wie man sagt, den Leuten vortradiert. Man ist erstaunt über das, was solch ein Professor verkündigt über die Prädestination der Tschechoslowakei, weil man keine Ahnung hat, welches die Lebensbedingungen im Osten sind, weil man eben auch nicht weiß, daß, was da entsteht, nur das zerquetschende Element ist, der zusammenstoßende Osten und Westen. Die Leute verhüllen sich noch die Augen, um nicht zu sehen, wie sich die äußeren Symptome ankündigen. Sie wollen nicht glauben, wie in diesem Mitteleuropa selbst solche Szenen sich abspielen — allerdings gegenwärtig noch stark nach Osten vorgeschoben —, daß die Reste derjenigen Menschen, die die Träger des Krieges waren, jetzt als Offiziere, die nicht mehr eine Rechtfertigung haben innerhalb der gegenwärtigen Verhältnisse, da oder dort erscheinen, unschuldige Frauen nackt vor sich tanzen lassen und ihnen dann das Bajonett in den Bauch stoßen und es im Bauche umdrehen, Szenen, wie sie durchaus befohlen werden von Menschen, die nebenher tapfer im Kriege gefochten haben.
[ 21 ] Vor allen diesen Dingen verhüllt die geblendete Menschheit des Westens, die Frieden schließt über Dinge, von denen sie nichts versteht, die Augen. Sie sieht nicht, wie sich Bedeutsames ankündigt in dem, was da eigentlich vor sich geht. Und die Leute leben zum großen Teile so fort, als ob eigentlich gar nichts in der Welt geschähe. So wird etwas, man möchte sagen, in die vollständigste Enge des Bewußtseins hineingetrieben. Dasjenige, was einmal hervorgebracht hat solche idealistische Höhe, solche Ideen, wie man sie bei Goethe, Fichte, bei Schelling, bei Hegel findet, das ist in Wirklichkeit im öffentlichen Leben nicht mehr da. Und wenn es sich geltend machen will wie hier im Goetheanum, dann verleumdet man es, dann tritt überall verleumderisches Lumpentum auf, um es als etwas hinzustellen, wovon es vorgibt, daß es etwas davon verstünde und es verurteilen müsse. In die Nullität hinein entwickelt sich etwas, was vor einem Jahrhunderte noch leuchtendes Geistesleben war. Und darüber ballen sich zusammen die Wolken aus dem Osten und aus dem Westen.
[ 22 ] Und was bedeutet das, was in den nächsten Jahrzehnten in der furchtbarsten Weise zum Ausdrucke kommen muß, was bedeutet es? Es ist von der einen Seite die Aufforderung, festzustehen auf dem Boden, der das neue Geistesleben gebären will, und auf der anderen Seite ist es das Wetterleuchten dessen, was seit längerer Zeit unter uns besprochen wird, das Herannahen des Christus in der Form, in der er wird geschaut werden müssen vom 20. Jahrhunderte an. Denn ehe dieses Jahrhunderts Mitte verflossen sein wird, wird der Christus geschaut werden müssen. Aber vorher muß alles das, was Rest des Alten ist, in die Nullität hineingetrieben sein, müssen sich die Wolken zusammenballen. Der Mensch muß finden seine volle Freiheit aus der Nullität heraus. Und das neue Anschauen muß sich gebären aus dieser Nullität heraus. Der Mensch muß seine ganze Kraft aus dem Nichts heraus finden. Nur ihn dazu vorbereiten möchte die Geisteswissenschaft. Das ist etwas, wovon man nicht sagen darf, daß sie es will, sondern daß sie es wollen muß.
