Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit
und dem Physischen des Menschen
Die Suche nach der neuen Isis,
der göttlichen Sophia
GA 202

26 November 1920, Dornach

Erster Vortrag

[ 1 ] Ich habe oft davon gesprochen, wie sich bereits in der menschlichen Gestalt der menschliche Gesamtlebensvorgang ausdrückt. Wer das Haupt, den Kopf des Menschen in der richtigen Weise verstehen kann, der kann erkennen, wie die besondere Bildung, die besondere Gestaltung des Kopfes ein Ergebnis ist von früheren Lebenszusammenhängen, die der Mensch durchgemacht hat, bevor er zu dem gegenwärtigen Erdendasein herabgestiegen ist. Und wenn man ins Auge faßt, was die Gliedmaßenorganisation des Menschen ist, selbstverständlich diese Gliedmaßenorganisation räumlich nach innen fortgesetzt in diejenigen Organe hinein, mit denen die Gliedmaßen örtlich zusammenhängen, dann hat man in dieser Organisation dasjenige, was nach gewissen Metamorphosen, nach gewissen Umbildungen zugrunde liegen wird dem, was menschliche Hauptesbildung sein wird in der Zukunft, die über den Tod hinausliegt. Damit ist aber zu gleicher Zeit auf einen kosmischen Zusammenhang des Menschen hingewiesen. So wie wir den Menschen gegenwärtig vor uns haben, können wir allerdings sagen, daß seine besondere Hauptgestaltung, seine Kopfgestaltung eine Metamorphose ist seiner früheren Gliedmaßenleibgestaltung; aber daß der Mensch überhaupt eine solche Hauptesgestaltung hat, wie er sie eben an sich trägt, das rührt von dem her, was der Mensch kosmisch durchgemacht hat, bevor er die irdische Welt betreten hat. Die Kopfgestaltung, sie ist im wesentlichen ein Ergebnis der Saturn-, Sonnen- und Mondentwickelung, und dasjenige, was Gliedmaßenmensch ist, ist wiederum der Ausgangspunkt für Jupiter-, Venus- und VulkanentwickeJung. Nur das, was der Brustmensch ist, was im Wesen des gegenwärtigen rhythmischen Systems liegt, ist eigentlich Erdenmensch. So daß wir folgendes sagen können: Was wir im menschlichen Kopf zunächst vor uns haben, das ist herausgebildet aus den drei vorhergehenden, der Erde vorangehenden planetarischen Verkörperungen. Was den heutigen Gliedmaßen zugrunde liegt, ist Ausgangspunkt für die folgenden planetarischen Verkörperungen der Erde. Und indem der Mensch durchgeht durch das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, macht er in einer gewissen Weise wiederum auf geistige Art durch, was er während der Saturn-, Sonnen- und Mondenzeit durchgemacht hat. Er bildet seinen Erdorganismus zurück zu dem Saturn-, Sonnen- und Mondorganismus. Und ebenso wird dasjenige, was auf der Erde als Gliedmaßenorganismus ausgebildet wird, weiter ins Physische hineinorganisiert, umorganisiert während der Jupiter-, Venus und Vulkanverkörperung der Erde.

[ 2 ] Diese Dinge haben also einen menschlich-irdischen Aspekt und einen kosmischen Aspekt. Wir können daher auch die menschliche Hauptesbildung so betrachten, daß wir die Beziehung der menschlichen Wesenheit zum Kosmos ins Auge fassen. Nun liegt allerdings der menschlichen Betrachtung zunächst etwas ferner, was sich während der Saturn- und Sonnenentwickelung zugetragen hat. Es ist dies, was sich da zugetragen hat, weniger noch von irdischem Gesichtspunkte aus zu beurteilen. Dagegen intensiv beurteilen kann man dasjenige, was sich während der alten Mondenentwickelung abgespielt hat, denn das wiederholt sich in einer gewissen Beziehung in den Tatsachen, die sich abspielen zwischen der Erde und dem Monde, dem gegenwärtigen Monde. Daher kann man auch die Beziehung des menschlichen Hauptes zu dem studieren, was sich abspielt zwischen der Erde und dem Monde. Und man kommt auf gewisse Geheimnisse der Menschenbildung dadurch, daß man diese Tatsachen ins Auge faßt. Das kann auf folgende Art geschehen.

[ 3 ] Denken Sie sich einmal schematisch, der Mensch steht auf der Erde; also er befindet sich nicht im Mittelpunkt der Erde, sondern vom Mittelpunkt um den Erdradius entfernt. Und wenn wir dieses schematisch als das menschliche Haupt (siehe Zeichnung Seite 15) auffassen, so können wir sagen: Es bewegt sich wie um die Erde herum, so auch um das menschliche Haupt herum der Mond. Schematisch gezeichnet, selbstverständlich nicht in den Größenverhältnissen, das würde sich schlecht ausnehmen.

[ 4 ] Nehmen Sie nun einmal an, der Mond stünde hier und sei Vollmond, so strahlt das von der Sonne zurückgeworfene Licht, wie man immer sagt, dem Menschen zu. Es wirkt also das Sonnenlicht auf den Menschen. Ich bemerke, wenn ich vom Menschen spreche, meine ich jetzt immer das menschliche Haupt. Auf der entgegengesetzten Seite sei Neumond. Kein Licht trifft den Menschen; der Mensch ist gewissermaßen von dieser Seite her sich selbst überlassen. Er ist weniger in Anspruch genommen durch die äußeren Lichtreize, die auf ihn ausgeübt werden. Er ist daher mehr seiner inneren Entwickelung überlassen. Und wenn Sie hier das erste Viertel, hier das letzte Viertel setzen, zunehmender, abnehmender Mond, so haben Sie immer weniger Lichtreize von beiden Seiten her auf den Menschen ausgeübt als von seiten des Vollmondes, und mehr Reize als von seiten des Neumondes. Außerdem durchläuft ja der Mond, indem er diese Bahn um die Erde beschreibt, den Tierkreis. Dadurch wird das Licht noch in besonderer Weise bestimmt und, ich möchte sagen, differenziert; denn das Mondlicht ist ein anderes, wenn es von einem Orte kommt, hinter dem, sagen wir, der Widder steht, ein anderes, wenn es von einem Orte kommt, hinter dem die Jungfrau steht. Das Mondlicht wird als solches differenziert, je nachdem der Mond an diesem oder jenem Tierkreisbilde vorübergeht.

[ 5 ] Denken Sie sich nun, was ich hier schematisch gezeichnet habe, in der richtigen Zeitlage der menschlichen Entwickelung, das heißt, denken Sie sich, durch irgendwelche Vorgänge setze sich fest in einem mütterlichen Leibe der Geistkeim des Menschen, der zunächst herüberkommt aus der Entwickelung zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Während dieser Zeit wirkt der Mond auf den Keim. Dann haben Sie, zunächst durch die Wirkung des Mondes, natürlich im Zusammenhange mit den anderen Weltenkörpern, vom Kosmos hereinbewirkt die Konfiguration des menschlichen Kopfes im mütterlichen Leibe. Die Konfiguration des menschlichen Kopfes geschieht durchaus vom Monde her.

[ 6 ] Nun werden Sie sagen, und mit Recht: Es ist doch nicht immer anzunehmen, daß just der Vollmond sein Licht auf die Augen oder die Nase strahlt, und daß just auf den Hinterkopf, dessen innere Entwickelung sich überlassen sein soll, nicht der Außenwelt, daß da just diese Stelle dem Neumonde gegenübersteht. Gewiß, das braucht auch nicht unbedingt der Fall zu sein; im wesentlichen ist es schon so, daß irgendwo dem Antlitz gegenüber der Vollmond tätig ist, und irgendwo dem Hinterkopf gegenüber der Neumond tätig ist. Das Kind hat auch eine besondere Stellung im mütterlichen Leibe, und die ist durchaus nach dem Kosmos hin orientiert. Indem nun aber der Mond etwas mehr oder weniger, ich möchte sagen, schief strahlt nach demjenigen Teil des Keimes, der Antlitz werden soll, je nachdem wird der Mensch mit diesen oder jenen inneren Fähigkeiten, soferne diese vom Haupt abhängen, begabt werden. Er wird anders begabt, physisch begabt, wenn zum Beispiel das helle Mondlicht nach seinem Munde hinstrahlt, als wenn es nach seinen Augen hinstrahlt. Das hängt mit den menschlichen Begabungen zusammen, soferne sie vom Kosmos abhängig sind. Aber das Wesentliche, was wir heute ins Auge fassen wollen, ist, daß während der Embryonalentwickelung des Menschen die Einflüsse, die im wesentlichen von dem Monde ausgehen, dasjenige sind, was den menschlichen Keim formt, der von der Kopfesbildung ausgeht, denn das erste, was sich konfiguriert vom Menschen, ist der Kopf. Und das geht vom Monde aus, also von demjenigen, was als alte Mondenbewegung und Wirksamkeit vom alten Monde und überhaupt von den vorangehenden Verkörperungen unserer Erde zurückgeblieben ist. Da sehen Sie den kosmischen Zusammenhang des menschlichen Hauptes mit der Außenwelt. Sie sehen, wie der Mensch während der Embryonalentwickelung in diejenigen kosmischen Zusammenhänge eingespannt ist, für die im wesentlichen der Mond mit seiner Wirksamkeit den Ton angibt. Die Sache geschieht aber so, daß ja der Mond die Bewegung macht, also eigentlich das Haupt umläuft. Er umläuft es zehnmal, während der Mensch die Embryonalentwickelung durchmacht. Es ist also so, daß zunächst der Mond vorüberläuft, das menschliche Antlitz bildet, dann es in Ruhe läßt, es auswachsen läßt. Während der Zeit bewegt er sich rückwärts herum. Nachdem eine Zeitlang die Gesichtsbildung geschlafen hat, erscheint der Mond wiederum, frischt sie auf. Das macht er so zehnmal. Und während dieser zehn Mondmonate wird rhythmisch aus dem Kosmos heraus das menschliche Haupt geformt. So daß wir ein Zehnmal-achtundzwanzig-Tage-Verweilen haben des Menschen im Mutterleibe unter dem Einfluß der durch den Mond vermittelten kosmischen Kräfte.

[ 7 ] Das, was da geschieht, was ist es denn eigentlich? Nun, der Mensch kommt zunächst als geistig-seelisches Wesen bei derjenigen Persönlichkeit, die er sich aus dem Weltenall als seine Mutter wählt, an. Und nunmehr übernimmt der Mond seine Hauptesbildung. Würde der Mensch zwölf Monate im mütterlichen Leibe verweilen, zwölf Mondenmonate, so würde sich eine ganz abgeschlossene Kreisbildung ergeben. Er verweilt nicht diese zwölf Monate, sondern nur zehn Mondmonate dort. Daher bleibt noch von seiner Entwickelung etwas offen. Damit beschäftigt sich nun alles das, was einwirkt aus dem Kosmos nach der Geburt. Vor der Geburt wirken zehn Zwölftel der kosmischen Kräfte auf die menschliche Hauptesbildung, die übrigen zwei Zwölftel werden der außermütterlichen Bildung überlassen. Aber es beginnt auch schon diese außermütterliche Bildung während der Embryonalzeit. Außer den kosmischen Kräften wirken auf den Menschen noch andere Kräfte, und die gehen jetzt im wesentlichen von der Erde selbst aus. Die wirken nicht auf das Haupt, sondern die wirken auf den Gliedmaßenmenschen. Wenn Sie sich hier die Erde vorstellen und, schematisch gezeichnet, das als den Gliedmaßenmenschen, so sind dieKräfte, welche in diesen Gliedmaßen mit ihrer Fortsetzung nach innen spielen, im wesentlichen irdisch-tellurische. In den Armen und Händen, in den Beinen und Füßen spielen die Kräfte der Erde. Nach innen setzt sich dieses Spiel so fort, daß es zum Stoffwechsel wird. Aber was im Inneren Stoffwechsel ist, ist im Äußeren Kraftwechsel. Wenn Sie die Arme bewegen, wenn Sie die Beine bewegen, so ist die Bewegung nicht etwas so Einfaches, sondern das hat auch mit den Kräften der Erde zu tun. Sie haben immer, wenn Sie die Beine bewegen im Gehen, die Schwerkraft der Erde zu überwinden, und das, was entsteht, ist eine Resultierende zwischen den im Inneren spielenden Kräften und den Kräften der Schwere.

[ 8 ] Während beim Stoffwechsel das, was im Inneren des Menschen arbeitet, eben einen Wechselzustand eingeht mit den chemischen Eigenschaften der Erdsubstanz, geht das, was als Kraft in den Armen und Beinen ist, einen Kraftwechsel ein mit den Kräften der Erde. Was da ausgebildet wird, das hängt nun zusammen mit anderen Zeitverhältnissen als das, was im mütterlichen Leibe vor sich geht. Im mütterlichen Leibe haben wir zehnmal achtundzwanzig Tage, also zehn Monde. Da liegt zugrunde der Tageslauf in einer gewissen Anzahl, der Tageslauf zweihundertachtzigmal. Wir haben es im wesentlichen mit dem Tageslauf zu tun. Bei der Ausbildung des Gliedmaßenmenschen haben wir es mit dem zu tun, was wir als den Jahreslauf bezeichnen können. Daher sehen wir auch, wie die menschlichen Gliedmaßen, in der ersten Zeit der Entwickelung allerdings mitgroßer Geschwindigkeit, dann aber immer langsamer und langsamer voll ausgebildet werden. Eigentlich braucht der Mensch achtundzwanzig Jahre, wovon die letzten sieben Jahre allerdings nicht mehr so sichtbar als die bis zum einundzwanzigsten Jahre sind, um außer dem mütterlichen Leibe — aber es beginnt schon im mütterlichen Leibe — den Gliedmaßenmenschen auszubilden.

[ 9 ] So wie zusammenhängt, was Kopfmensch ist, mit der Vergangenheit und die Entwickelung jetzt stattfinden kann, weil das Verhältnis des Mondes zur Erde diese Vergangenheit von Saturn-, Sonnen- und Mondentwickelung wiederholt, so hängt das, was zunächst der Gliedmaßenmensch ist, mit der Erde zusammen, aber mit dem, was eigentlich in der Erdenbildung Vorbereitung zum Jupiter-, Venus- und Vulkanzustand ist. Deshalb kann der Mensch eigentlich sein Haupt nicht so unmittelbar auf der Erde ausbilden. Die Erde ist ohnmächtig gegenüber der Bildung des menschlichen Hauptes. Nur dadurch, daß der Mensch die Kräfte sich mitbringt von vor der Geburt, vor der Empfängnis, und dann im mütterlichen Leibe beschützt wird vor der äußeren Erdenumgebung, der Kosmos durch den Mond auf ihn wirkt, dadurch kann dieser Kopf als eine höhere Metamorphose des Gliedmaßenmenschen der vorigen Inkarnation entstehen. Und der Gliedmaßenmensch, der unter dem Einfluß der Erde entsteht, kann nicht fertig werden durch die Erdbildung. Er kann es nicht zum Kopfe bringen. Der Mensch kann nicht während der Erdenentwickelung, was er können wird während der Venusentwickelung. Wie der Hirsch sein Geweih abwirft, wird er seinen Kopf verlieren; er wird aus seinem übrigen Menschen einen anderen Kopf entwickeln. Allerdings ein beneidenswerter Zustand dieses Venusmenschen! Aber es ist so, daß das etwas ist, was als zukünftiger Zustand durchaus vor dem Menschen erscheint in der geistigen Anschauung. Ja, die Dinge der Wirklichkeit nehmen sich gegenüber den beschränkten Erdendingen grotesk aus, aber das, was Wirklichkeit ist, geht über dasjenige hinaus, was dem beschränkten Erdenverstand zunächst zugänglich ist. Man muß ernst machen damit, daß man innerhalb der bloßen Erdenbeobachtung eben nur einen Teil der Wirklichkeit erhalten kann, daß man eigentlich vom Menschen nichts weiß, wenn man nur die Erdenverhältnisse beobachtet.

[ 10 ] So haben wir im Menschen ein kosmisches Wesen, das allerdings zunächst der Hauptsache nach im mütterlichen Leibe äußerlich herangebildet wird, und ein Erdenwesen, das unter dem Einfluß der Erdenverhältnisse gebildet wird, konfiguriert, differenziert wird, indem scheinbar die Sonne herumgeht um die Erde und dabei wiederum die Sternbilder des Tierkreises passiert. Wenn Sie dasjenige, was wir so besprochen haben, ins Auge fassen, haben Sie eigentlich im Menschen zwei einander entgegengesetzte Zustände: einen kosmischen Zustand, kosmische Wesenheit, und eine Erdenwesenheit. Die kosmische Wesenheit wirkt eigentlich so, daß der Mensch zunächst aus dem Kosmos heraus einen ganz runden Kopf kriegen würde. Nur dadurch, daß ihn einmal das Sonnenlicht durch den Mond anschaut, wird das Antlitz gebildet, dadurch, daß sich das Sonnenlicht abwendet, wird die Grundlage geschaffen für den Hinterkopf. Es wird differenziert, was sich kugelförmig aus dem Kosmos heraus bildet. Wenn der gute Mond nicht wäre und den menschlichen Kopf konfigurieren würde, würde der Mensch als ganz unkonfigurierte Kugel geboren werden. Und andererseits, weil die Mutter auf der Erde ist, wirkt die Erde. Daß der Mensch nicht bloß einen Kopf embryonal entwickelt, rührt davon her, daß die Erde schon während der Hauptesbildung wirkt. Aber sie wirkt so, daß der Mensch, wenn er bloß der Erde unterliegen würde, wenn nicht die kosmische Einwirkung da wäre, er eine Säule werden würde. Der Mensch ist eigentlich eingeschlossen, eingeklemmt zwischen dem Säulewerden, Radiuswerden von der Erde aus und dem Kugelwerden vom Kosmos aus. Der Bildung des Menschen liegt in der Tat Kreis und Radius zugrunde.

[ 11 ] Daß der Mensch keine Säule wird, daß er vor allen Dingen nicht geboren wird mit zusammengewachsenen Füßen und zusammengewachsenen Händen, das rührt davon her, daß ja ein Jahreslauf da ist, daß Winter und Sommer geistig einwirken, was auf verschiedene kosmische Beziehungen der Erde und ihrer Umgebung hinweist. Die Differenzierung, die auftritt zwischen Winter und Sommer, ist ähnlich wie die zwischen Vollmond und Neumond. Wie Voll- und Neumond in ihrer Verschiedenheit Antlitz und Hinterkopf bedingen, so bedingen diejenigen kosmischen Kräfte, die in Winter und Sommer, Frühling und Herbst ausgedrückt sind, daß unsere Gliedmaßen konfiguriert sind, daß wir zwei Beine haben und nicht eine Säule sind. So daß wir im Haupt nicht ganz kosmisch sind, sondern, ich möchte sagen, ein Kosmisches, das irdisch gemildert ist, und daß wir in bezug auf unsere Gliedmaßen nicht ganz irdisch sind, sondern ein Irdisches, das kosmisch gemildert ist. Der Jahreslauf der Erde ist ja kosmisch bedingt. Wir haben also eine kosmische Wesenheit, irdisch beeinflußt, und eine irdische Wesenheit, kosmisch beeinflußt. Wären wir nicht als kosmische Wesen irdisch beeinflußt, so wären wir als Mensch eine Kugel; wären wir nicht als Gliedmaßenmensch, als irdischer Mensch kosmisch beeinflußt, so wären wir eine Säule.

[ 12 ] Dieses Zusammenwirken von Kosmischem und Irdischem, das ist es, was in unserer menschlichen Form sich ausdrückt. Niemand versteht die menschliche Form, der sie nicht begreifen will aus dem Zusammenwirken der Erde mit dem Kosmos. Es ist ganz wunderbar, wie der Mensch ein Ausdruck ist des ganzen Weltalls, wie er ein Ausdruck ist der Sternenwelt, die sich in seiner Gestalt überall ausdrückt, und wie er zu gleicher Zeit mit dieser Gestalt ein Abbild ist derjenigen Kräfte, die aus der Erde herausströmen und die ihn bedingen. Denken Sie sich einmal die irdische Wesenheit des Menschen unbeeinflußt von der kosmischen Wesenheit. Wir tragen sie so nicht in uns, die irdische Wesenheit, aber sie wirkt in uns, sie ist gleichsam das Zugrundeliegende, das, was aus dem Mittelpunkt der Erde herausstrahlt, was vom Mittelpunkt der Erde heraus erkraftet. Was in unserer menschlichen Kraft erscheint, in unserer menschlichen Kraft auch als Wille wirkt, das nannte man seit alten Zeiten mit einem Worte, das man deutsch aussprechen könnte die «Stärke» oder die «Kraft». Was uns aus dem Kosmos heraus bildet, was wir also durch den Kreis uns vorstellen müssen, was unserer Hauptesbildung hauptsächlich zugrunde liegt, aber nicht zum Ausdrucke kommt, weil es irdisch gemildert ist, nannte man seit alten Zeiten die «Schönheit». Und so sehen Sie, daß im großen aufgefaßt diejenigen Dinge, die im Menschen wirken, auch eine Art über das Physische und über das Moralische hinausgehenden Wert haben, einen Wert, der beides zusammenfaßt, Physisches und Moralisches. Denn die Stärke, die von der Erde ausgeht, die als Kraft in uns wirkt, ist zu gleicher Zeit moralische Kraft und physische Muskelkraft. Diejenige Schönheit, die uns umstrahlt, die unserem Haupte zugrunde liegt, sie ist das, was in unserem Haupte als die Schönheit der Gedanken erscheint, sowohl in physischer Beziehung wie auch in sittlich-moralischer Beziehung.

[ 13 ] Zwischen dem, was wir sind als irdische Wesen, gemildert durch das Kosmische, was wir sind als kosmisches Wesen, gemildert durch das Irdische, zwischen beidem liegt der Rumpfesmensch. Was ist dieser Rumpfesmensch? Er ist im wesentlichen der rhythmische Mensch, der fortwährend das Kosmische nach dem Irdischen hinunterpendeln läßt und das Irdische nach dem Kosmischen heraufpendeln läßt. Wir haben eine fortwährende Kreisströmung in uns, die das, was in den Gliedmaßen liegt, auf dem Umwege durch das Atmen in den Kopf und das, was im Kopfe ist, auf dem Umwege durch das Atmen in die Gliedmaßen führt, so daß ein fortwährender Wellengang, ein Hin- und Herwellen zwischen Kopf und Gliedmaßen entsteht. Was diesen Wellenschlag vermittelt, ist dasjenige, was wir in unserem rhythmischen System, im Lungen- und Herzsystem, im Blutkreislauf in uns haben. Was wird der Blutkreislauf daher sein? Er ist etwas, was eingespannt ist zwischen dem Geradlinigen und dem Kreis, konfiguriert durch Tierkreis, durch Planeten. Was da wirkt, ist so, daß vom Kopfe aus eine Kraft webt, die fortwährend unser Blut kreisförmig leiten will, und von den Gliedmaßen aus fortwährend eine Kraft geht, die unser Blut geradlinig leiten will. Und aus dem Zusammenwirken der Kräfte das fortwährende Umkreis-werden-Wollen der gesamten Blutzirkulation, und die fortwährend zur Geraden werden wollenden Kräfte — daraus entsteht der besondere Blutkreislauf, von der Atmung angeregt, in uns. Dieses rhythmische System vermittelt Kosmisches und Irdisches innerhalb des Menschen, so daß im Menschen ein Band gewoben wird zwischen dem Kosmischen, der Schönheit, und der Erde, der Stärke. Und dieses Band, das da gewoben wird, das im Rumpfesmenschen ist, wird im wesentlichen, geistig-seelisch aufgefaßt, seit alten Zeiten « Weisheit» genannt.

[ 14 ] Die Schönheit des Kosmos in den Menschen hineinprojiziert ist die Weisheit, die in seinen Gedanken lebt. Aber auch die sittliche Kraft, die auf dem Umwege durch das Gemüt von der Stärke der Erde herrührt, wird zur sittlichen Weisheit. Im Menschen begegnen sich irdische und kosmische Weisheit im rhythmischen System. Der Mensch ist ein Ausdruck des ganzen Kosmos, und man kann, wenn man will, diese Konfiguration des Menschen verstehen. Man kann gewissermaßen hineinschauen in die Geheimnisse des Weltenalls, insofern der Mensch aus diesen Geheimnissen heraus gestaltet wird. Ja, man sieht auch — wir haben ja schon von anderen Gesichtspunkten aus nach diesem Punkte hinsehen können — einen gewissen Zusammenhang im irdischen Leben selbst. Nehmen Sie das, was als kosmische Schönheit auf dem Umwege durch das Haupt in den Menschen hineinwirkt, so haben Sie den Beitrag des Weiblichen; nehmen Sie das, was von irdischer Stärke in dem Menschen auftritt, so haben Sie den Beitrag des Männlichen, und Sie können sagen: Im Befruchtungsakt vollzieht sich ein Einigen zwischen dem Kosmischen und dem Terrestrischen. Man kann nicht in das hineinschauen, was Aufgabe des Menschen auf der Erde ist, wenn man nicht in diese besondere Konfiguration des Menschen hineinsieht. Denn wir sehen ja, daß das, was sich als Haupt bildet, sich dadurch bildet, daß eigentlich die Erdenkräfte zunächst gar nicht wirken können auf den Menschen, daß er sein Vorgeburtliches hineinbringt in das Irdische, und daß im Mutterleibe das Außerirdische auf dem Umwege des Mondes menschengestaltend wirkt. Von der Erde wirkt die Stärke oder die Kraft. Sie bildet den Gliedmaßenmenschen. Sie kann ihn nicht bis zu Ende führen, er muß durch den Tod gehen. Die Kräfte, die im Gliedmaßenmenschen liegen, müssen sich vergeistigen, verseelen. Dann gehen sie im Außerirdischen weiter zwischen Tod und neuer Geburt und gestalten sich zunächst geistig-seelisch zur Hauptesbildung um. Auf der Erde hat auf sie dasjenige gewirkt, was sie nicht zu Ende bringen kann, weil aus den menschlichen Gliedmaßen erst das Haupt hervorgehen wird, wenn Jupiter- und Venusbildung vorhanden sein wird. Was also auf der Erde wirkt, das bedingt nicht den Menschen von der Geburt bis zum Tode. Was vorher auf Saturn, Sonne, Mond gewirkt hat, das ist jetzt geistig geworden und muß geistig ausgebildet werden vor der neuen Geburt; und das, was durch den Tod geht, muß wiederum vergeistigt werden, dann kann die Zukunft von der Vergangenheit aufgenommen werden, und dann kann der menschliche Gliedmaßenorganismus wiederum Haupt werden. Man kann also sagen: Der Mensch stirbt, damit er in der geistigen Welt die Fähigkeit erlangt, jene Gestalt, teilweise irdisch gemildert, zum Ausdruck zu bringen, die zum Ausdruck gebracht werden kann vermöge dessen, daß er Saturn-, Sonnen- und Mondenzustand durchgemacht hat. Hier auf Erden kann er als Gliedmaßenmensch nur durchmachen, was sein rhythmisches System ausbildet, das ist irdisches Wesen. Aber in seinen Gliedmaßen bildet er die Zukunft vor. Sie können nicht zu Ende kommen, der Mensch muß sterben und wiederum zurückkehren zum Kopfe, der zunächst vorgebildet ist im Vorirdischen. So hängt die menschliche Gestalt zusammen mit den wiederholten Erdenleben. Weil der Mensch physisch geboren ist als ein Wesen, das sich aus Saturn-, Sonnen- und Mondenzustand herausgebildet hat, weil der Mensch, indem er aus der geistigen Welt die Anlagen bekommt, wiederum dasjenige zum Ausdruck zu bringen hat in der Kugelgestalt, was er als Saturn-, Sonnen- und Mondzustand durchgemacht hat, bekommt er ein Haupt auf der Erde, das ihn fortwährend tötet, weil es nicht irdisch ist.

[ 15 ] Diese Dinge, die sich im menschlichen wiederholten Erdenleben ausdrücken, sind innig zusammenhängend mit dem, was kosmische Entwickelung ist. Es ist nicht so, daß diese Dinge, die wir heute berührt haben und die wir morgen und übermorgen weiter ausführen wollen, vom Menschen nicht eingesehen werden können. Sie können schon eingesehen werden. Erforscht müssen sie werden durch die Geisteswissenschaft; einsehen kann sie jeder, der seinen gesunden Ideenzusammenhang einfach wirken läßt. Aber man hört doch immer wieder und wiederum, daß der Mensch nicht die Dinge der Geisteswissenschaft unmittelbar einsehen könne. Wenn man sagt: Ja, der Geistesforscher gibt mir diese Dinge, ich kann sie nicht selber einsehen — sagt man im Grunde genommen nichts anderes, als wenn man sagen würde, nachdem man sein Abiturientenexamen gemacht hat, man könne keine Differentialrechnung lösen. Alle Menschen können lernen, was Geisteswissenschaft sagt, wie alle Menschen im Prinzip lernen können, Differentialgleichungen zu lösen; nur ist das letztere schwieriger als das erstere. Es ist nicht so, daß dergleichen Ausreden gelten können, man sei nicht hellsehend, sei nicht Hellseher und sehe deshalb die Dinge nicht ein. Ebensowenig wie man nicht heilsehend zu sein braucht, um Differentialgleichungen zu lösen, ebensowenig braucht man hellsehend zu sein, um solche kosmischen Zusammenhänge mit der Außenwelt zu durchschauen. Man braucht nur die gesunden Begriffe mitzubringen. Aber es ist auch das Entgegengesetzte von dem der Fall, was sehr häufig von den Leuten gesagt wird. Es wird gesagt von dem einen: der hat die, der andere hat jene Weltanschauung, und man kennt sich nicht aus, welche die richtige ist. — Wenn man konsequent ist und alles verfolgt, alles zusammennimmt, was gesagt worden ist, ist alles eindeutig und nicht vieldeutig. Sie können sich nicht streiten über Schönheit, Weisheit und Kraft und deren Bedeutung. Alles ist eindeutig. Daß in unserer Kopfbildung ein Peripherisches, daß in unserem übrigen Menschen das Stärkeelement in Radiusgestalt enthalten ist, diese Dinge sind eindeutig. Da kann man nicht auf dieses oder jenes kommen. Über diese Dinge kann man nicht herumreden; in diesen Dingen kommt man zu ganz bestimmten Ergebnissen. In dieser Tatsache liegt in der Gegenwart das Schwierige in der Ausbreitung der Geisteswissenschaft als solcher, denn heute ist es ja so, daß sich da oder dort dieser oder jener Verein auch einmal über Anthroposophie oder Dreigliederung, die ja nur ein soziales Ergebnis der Geisteswissenschaft ist, Vorträge halten läßt. Die Leute hören es einmal an, nachher hören sie wieder anderes an, und nachher wieder etwas anderes; zu einer wirklichen inneren Entschlußkraft, zu Entscheidungen wollen sie nicht kommen. Sie nehmen das, was Geisteswissenschaft ist, als etwas, was neben anderen Dingen stehen kann. Das geht gegenüber der Geisteswissenschaft nicht. Die anderen Weltanschauungen, die in der Gegenwart auftreten, die können sich das gefallen lassen. Die eine ist ein bißchen besser, die andere schlechter. Man kann sagen: Man hört sich alle diese Dinge an, man nippt da oder dort. — Gegenüber Geisteswissenschaft geht das nicht. Da muß man sich entscheiden, denn die geht bis in die Fundamente. Da ist wirklich dieses starke Anspannen des Willens nötig, das zu Entscheidungen führt, das sich nicht neben anderes hinstellt, sondern das bis in die Fundamente gehen will. Bis in die Fundamente gehen kann man nicht, wenn man nur hin und her pendelt von einer Weltanschauung zur anderen, überall nur nippt. Geisteswissenschaft fordert ein energisches Durchgreifen. Daher hat Geisteswissenschaft gegen sich den Geist der Zeit, sie hat gegen sich alle Schlappheit und alle Schwächen der Zeit, denn sie fordert helle Geistesstärke, und die will man nicht in der Gegenwart; sie stört einen, ist einem unbequem.

[ 16 ] Der Mensch hat durchaus einmal in der Urzeit aus einem instinktiven Wissen heraus über diese Dinge Gesichtspunkte gehabt, und die alten Schriften, mit denen sich unsere Gelehrsamkeit befaßt, die sie aber nicht versteht, enthalten überall Hinweise darauf, daß in dieser Weisheit durchaus so etwas vorhanden war wie diese Beziehungen des Menschen zum Kosmos. Dann ist diese Weisheit verlorengegangen. Der Mensch wurde zurückgeworfen in das Chaos. Aber aus diesem Chaos muß er sich durch seine eigenen Willenskräfte retten, er muß aus diesem Chaos bewußt seinen Zusammenhang mit dem Kosmos wiederfinden. Und man kann ihn finden. Ich sagte am Anfange der heutigen Betrachtung, man verstehe das Haupt nicht, wenn man es nicht als ein Ergebnis des Kosmos ansehen kann; man versteht den Gliedmaßenmenschen nicht, wenn man ihn nicht ansehen kann als Ergebnis der irdischen Bildung. Und der Ausgleich zwischen beiden ist der Brustmensch, der rhythmische Organismus, der fortwährend die Gerade kreisförmig und den Kreis geradlinig machen will. Wo Sie die Blutbahn ins Auge fassen wollen, will die Gerade entstehen, aber auch den Kreis zur Geraden umformen; wie die Blutbahn entsteht, das hängt zusammen mit den Sternbewegungen und so weiter. Die Form hängt mit der Sternkonstellation, die Bewegung mit planetarischen Bewegungen zusammen. Das ist auch schon erwähnt worden von anderen Gesichtspunkten aus. Aber was wird im menschlichen Gemüte, wenn man solche Erkenntnis aufnimmt? Man kann ja nicht anders, als sagen: Diese Erkenntnisse sind für den, der sie in sich aufnimmt, so durchsichtig wie die mathematischen Wahrheiten. — Mathematische Wahrheiten sind gewiß durchsichtig, aber nicht für jeden fünfzehnjährigen Knaben. Aber diese Dinge sind durchsichtig wie die Mathematik.

[ 17 ] Auf der anderen Seite sind sie so einschneidend in dasjenige, was der Mensch fühlen und empfinden kann. Es entsteht aus dieser Weisheit ein Gefühl des Göttlichen. Nur ein Wissen, das an der Oberfläche bleibt, kann irreligiös sein; ein Wissen, das bis in die Tiefen geht, kann nicht irreligiös sein. Sieht man wieder auf den Zusammenhang des Menschen mit dem Kosmos, bemerkt man vor allen Dingen in dem uns einhüllenden Sternenhimmel die Schönheit als einen Abdruck geistiger Entität, dann kommt man dazu, die Schönheit der Dinge wiederum einzuprägen in die Kunst. Dann lebt in der Kunst nicht bloß die äußere Natur, wie sie sinnlich geschaut wird. Dann wird tatsächlich das erreicht durch eine solche, zu den Fundamenten gehende Wissenschaft, wie es Geisteswissenschaft ist, es wird das erreicht, was ich im ersten einleitenden Eröffnungsvortrag zu unseren Kursen gesagt habe: Gesucht wird hier am Goetheanum die Einheit von Wissenschaft, Kunst und Religion.

[ 18 ] Wie sagt doch derjenige, nach dem das Goetheanum seinen Namen hat:

Wer Wissenschaft und Kunst besitzt,
Hat auch Religion,
Wer jene beiden nicht besitzt,
Der habe Religion.

[ 19 ] Das heißt, von außen! Aber von innen hat sie derjenige, der Wissenschaft und Kunst aus den Fundamenten heraus besitzt — das ist Goethesche Gesinnung.

[ 20 ] Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat auch Religion —, daher dürfen diejenigen, welche in der angedeuteten Art die Einheit von Religion, Kunst und Wissenschaft anstreben, die Institution, an der sie sie anstreben, wahrhaftig «Goetheanum» nennen. Aber auch da ist das Einsehen desjenigen, was so begründet hier auftritt, eben, wie es scheint, keine Aufgabe für die Oberflächlichkeit unserer Zeit, die alles nur von oben herab, alles nippend betrachtet. Geisteswissenschaft fordert Entscheidungen. Entscheidungen sind nötig, weil dieser Geist in die Tiefen der Welt eindringen will. Deshalb muß das auch begriffen werden aus den Tiefen des menschlichen Herzens heraus.