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The Rudolf Steiner Archive

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Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit
und dem Physischen des Menschen
Die Suche nach der neuen Isis,
der göttlichen Sophia
GA 202

28 November 1920, Dornach

Dritter Vortrag

[ 1 ] Wenn wir noch einmal zurückblicken auf das, was wir gestern und vorgestern besprochen haben, so muß sich uns ein intimeres Verhältnis des Menschen zum umliegenden Weltenall enthüllen. Und wir haben den physischen Leib des Menschen nach der Kopforganisation, der rhythmischen Organisation, der Stoffwechselorganisation auf den ganzen Kosmos beziehen können; wir haben auch den seelischen Menschen und den geistigen Menschen auf den ganzen Kosmos beziehen können. Was Ihnen da erscheinen kann als das Verhältnis des Menschen zum Kosmos, als das ganze Drinnenstehen des Menschen in der Welt, das mußte in alten Zeiten anders angesehen werden, als es jetzt angesehen werden muß und als es wird immer mehr und mehr angesehen werden müssen, je weiter die Menschheit der Zukunft entgegenschreitet. Wir haben es ja oftmals erwähnt, wie in alten Zeiten ausgebreitet war über die Menschheit eine instinktive Urweisheit; eine Weisheit, die sich der Mensch nicht innerlich erarbeitet hat, sondern die er, man möchte sagen, wie halb im Traume in sich aufgehen gefühlt hat. Sie ward ihm gegeben, und er hatte eigentlich nichts zu tun, als seine seelischen Aufnahmeorgane zu öffnen und das, was ihm als Göttergeschenk aus dem Kosmos kam, entgegenzunehmen.

[ 2 ] Da der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist, so mußte auch dieser instinktiven Urweisheit das Gesamtverhältnis des Menschen gewissermaßen als ein dreifaches erscheinen. Indem der Mensch seine Aufmerksamkeit mehr zuwandte demjenigen, dem er angehörte vor seiner Geburt und das als ein Geistiges hereinleuchtete in die Zeit zwischen Geburt und Tod, das im wesentlichen dasjenige ist, was in der Ausbreitung des Kosmos erscheint, sprach der Mensch davon, daß es Schönheit ist, was sich ihm da zeigt; der Kosmos in Schönheit, und der Mensch in bezug auf seine Kopforganisation, in bezug auf seine Vorstellungsorganisation, in bezug auf sein Wachsein herausgeboren aus dieser Welt der Schönheit. So hat es der Urmensch empfunden, daß es gütige geistige Wesenheiten waren, welche sich offenbarten um ihn herum; denn der Urmensch sah ja nicht die Naturerscheinungen so trocken und nüchtern, wie wir sie sehen in der heutigen Zeit, wenn wir uns nur dem gewöhnlichen Bewußtsein hingeben. Der Urmensch sah überall sich offenbarende Geistigkeit und sich offenbarendes Seelisches. Das enthüllte sich ihm. Und diesen Kosmos, der die Offenbarung war des Geistigen und Seelischen und der sich seinem instinktiven Bewußtsein enthüllte wie in mächtigen Traumesbildern, den nannte der Mensch der Urzeit den Kosmos in Schönheit.

[ 3 ] Dann fühlte sich der Mensch gewissermaßen stehend auf seinem Planeten. Er fühlte sich verbunden mit seinem Planeten. Aus ihm kamen ihm die Nahrungsmittel, auf ihm hatte er seinen Standort. Er fühlte gewissermaßen seine Kraft, die ihn körperlich durchdrang, die sich in der Seele offenbarte als Wille, die ihn stärkte aus dem Schlafeszustand heraus. Er fühlte diese Kraft wiederum als die Gabe gütiger göttlichgeistiger Wesenheiten und nannte das Stärke. Der Planet in Stärke durchkraftet mich —, so etwa empfand der Urmensch dasjenige, was er allerdings nicht in scharf modulierten Worten zum Ausdruck bringen konnte.

[ 4 ] So fühlte er sich gewissermaßen mitten drinnenstehend in dem, was sich gestaltete in seinem Haupte, verbildlichte in seinen Vorstellungen, durchleuchtete in seinem wachenden Bewußtsein. Und er fühlte sich stehend auf dem Planeten in bezug auf das, was als Kraft lebte in seinen Gliedmaßen, eine Kraft, von der er fühlte, daß sie sich ihm aus dem Planeten heraus mitteilte. Er sagte sich: Dasselbe, was im Stein als Kraft wirkt, wenn er zu Erde fällt, was ein Loch schlägt, wenn der Stein auffällt, das lebt in meinen Beinen, wenn ich schreite. Das verbindet mich durch meine Beine mit dem Erdenplaneten als meine Stärke. Das lebt auch in meinen Armen, wenn ich arbeite, das durchdringt meine Muskelkraft.—Und er fühlte sich drinnenstehend zwischen Schönheit und Stärke, und fühlte sich die Aufgabe zuerteilt, im Rhythmus den Ausgleich zu bewirken zwischen dem Oben, der Schönheit, und dem Unten, der Stärke, in der Weisheit. Und wiederum fühlte er sich getragen, indem er diesen Ausgleich zu bewirken hatte zwischen der Schönheit und der Stärke, von den geistigen Wesenheiten, die die Träger der Weisheit waren, die ihn mit Weisheit durchleuchteten.

[ 5 ] So fühlte der Mensch das, was ihm der Kosmos gab, als Schönheit, Weisheit und Stärke. Schönheit, Weisheit und Stärke war dem Urmenschen aus dem weithin leuchtenden Mysterienunterrichte heraus das, wodurch er sich mit dem ganzen Weltenall verbunden fühlte, wodurch er sich selber durchkraftet fühlte. Gewissermaßen das Äußere, das ihn umgab, das Innere, das er in sich verspürte, und den Ausgleich von beiden, er fühlte das als Schönheit, Weisheit, Stärke.

[ 6 ] In den verschiedenen geheimen Vereinigungen ist dann geblieben, was als Schlagworte Weisheit, Schönheit, Stärke fortfigurierte, wobei sich manchmal recht deutlich zeigt, wie eigentlich nur die Worte geblieben sind, wie das tiefere Verständnis fehlt. Denn eine Zeit ist angebrochen für die Menschheit, welche dieses Erfühlen und dieses Wissen, wenn es auch instinktives Wissen ist, von unseren Zusammenhängen mit dem Kosmos mehr in die Finsternis hinuntergedrängt hat. Der Mensch lebte gewissermaßen in untergeordneten Vorstellungen, in untergeordneten Empfindungen. Er trieb die Impulse seines Willens aus untergeordneten Elementen seines eigenen Wesens heraus. Er vergaß, was er einstmals erfühlte in Schönheit, Weisheit und Stärke, denn er sollte ein freies Wesen werden. Da mußte eine Zentralkraft gewissermaßen aus seinem inneren Chaos hervorgehen, dem sich nicht enthüllte, was lichtvoll und kraftvoll sich enthüllte dem Urmenschen. Aber die neuere Menschheit wird nicht vorwärtskommen, wenn sie nicht aus dem Inneren wieder auferstehen läßt, was einstmals aus dem Weltenall sich geoffenbart hat als Schönheit, Weisheit und Stärke. Von außen wird sich der Menschheit, solange sie Erdenmenschheit ist, der Kosmos nicht wieder von selbst in Schönheit offenbaren. Diese Zeiten sind die Zeiten der instinktiven Urweisheit. Diese Zeiten sind vergangene Zeiten. Diese Zeiten sind nicht diejenigen, in denen der freie Mensch sich entfaltet hat, sondern in denen der Mensch sich nur entfalten konnte, der gewissermaßen getrieben wurde in Unfreiheit, in Instinkten. Diese Zeiten werden nicht wiederkommen, sondern aus dem eigenen Inneren heraus muß der Mensch wieder auferstehen lassen, was ihm so von außen zugekommen ist an Weisheit, Schönheit und Stärke.

[ 7 ] Das, was da aufgenommen, ich möchte sagen, eingesogen worden ist als Kraft der Schönheit aus dem Weltenall, das hat der Mensch gewissermaßen in sich aufgenommen in alten, in uralten Erdenleben. In den mittleren Erdenleben, die dann gefolgt sind, die wir durchgemacht haben in der ägyptischen, in der griechischen, in der modernen Zeit, in diesen Erdenleben war das eingesogen, aber es trat nicht vor das menschliche Bewußtsein. Jetzt ist die Menschheit reif, das aus dem Bewußtsein herauszuholen, und es wird herausgeholt. Was eingesogen worden ist als Kraft der Schönheit, das wird wieder erstehen aus dem Menscheninneren, und Geisteswissenschaft ist die Anleitung dazu, wie es entstehen soll aus dem menschlichen Inneren. Das wird entstehen von innen heraus durch die Imagination. Und alles das, was nun bewußt durch die Imagination in der Geisteswissenschaft vermittelt wird, das ist nichts anderes als das wieder auferstandene Leben der Schönheit, wie es vorhanden war innerhalb der Urweisheit. Und das, was der Mensch in sich erlebt hat im Erfühlen der Kraft seines Planeten, in dem aber beschlossen war alles das, was Kraft des Kosmos war, nur daß es zentriert war im Planeten oder zentriert ist im Planeten, alles das, es muß wieder auferstehen, indem der Mensch es aus dem Inneren heraus begreift durch die Erkenntnis der Intuition. Schönheit, aus dem Weltenall herausgesogen, wird Imagination für die Menschheitszukunft von der Gegenwart an. Stärke wird Intuition, durch eigene freie Menschenkraft ergriffen, und Weisheit wird Inspiration.

[ 8 ] So hat der Mensch ein Zeitalter verlassen, in dem ihm von außen Schönheit, Weisheit, Stärke geworden ist. Ich möchte sagen, nur nachplappernd sind diese Schlagworte von Weisheit, Schönheit, Stärke in gewissen Geheimgesellschaften, in Freimaurerorden und so weiter, ohne das innere Verständnis weiter fortgepflegt worden. Würde man die Sache innerlich verstehen, so würde man wissen, daß das alte Überlieferungen sind, die wieder aufleben müssen als Imagination, als Inspiration, als Intuition. Es ist daher eine ziemlich untergeordnete Weisheit, wenn allerlei Mitglieder dieser oder jener Orden kommen und eine Ähnlichkeit finden zwischen dem, was in der Geisteswissenschaft auftritt und demjenigen, was sie als ihre Tradition haben, die sie zumeist nicht verstehen. In der Geisteswissenschaft wird der Zusammenhang aus der Geist-Erkenntnis selbst herausgehoben.

[ 9 ] Ein uraltes Zeitalter also haben die Menschen verlassen, in dem sich ihnen die Geheimnisse des Weltenalls offenbarten in Schönheit, Weisheit, Stärke. Einem Zeitalter müssen die Menschen entgegengehen, in dem sich ihnen die Geheimnisse des Weltalls offenbaren aus der Imagination, Inspiration und Intuition derer heraus, die zu diesen Erkenntniskräften kommen wollen oder sollen und die sie auf irgendeine Weise erreichen können. Verstehen kann dasjenige, was aus der Inspiration, Intuition, Imagination heraus geholt wird, heute schon ein jeder, wenn er nur will.

[ 10 ] Nun war aber das alte Zeitalter ausgesetzt einer gewissen Gefahr. Und diese Gefahr, möchte ich sagen, trat am stärksten herauf so etwa gegen das Ende des 2. vorchristlichen Jahrtausends in der damals zivilisierten Welt, über Ägypten, Vorderasien, Indien und so weiter. Die Gefahr war diese, daß man nicht in der richtigen Weise empfing, was sich aus dem Weltenall her, ich möchte sagen, durch Gnade wie von selbst dem Menschen offenbarte, der es nur in seinem Erkenntnisinstinkt zu empfangen hatte. Man konnte dieser Gefahr in der folgenden Weise unterliegen.

[ 11 ] Sie müssen sich eine Vorstellung machen, was es heißt, daß sich in der den Menschen umgebenden Natur nicht nur das offenbarte, was dem nüchternen heutigen Bewußtsein als Natur erscheint und als Naturgesetze entgegentritt, sondern daß sich grandiose Schönheit, das heißt, schöner Schein in mächtigen, bildhaften Offenbarungen geistiger Wesen, die aus jeder Quelle, aus jeder Wolke, aus allem herausblickten, offenbarte. Es war insbesondere in dieser Zeit, gegen das Ende des 2. Jahrtausends der vorchristlichen Zeitrechnung, nicht so wie in noch älteren Zeiten, wo natürlich das alles auch da war; aber es war, ich möchte sagen, selbstverständlicher da. In dieser Zeit mußte der Mensch dieser Gnade sich dadurch teilhaftig machen, daß er selber etwas dazu tat. Er mußte es nicht auf die Weise tun, wie wir jetzt aus dem vollen Bewußtsein heraus eine höhere geistige Entwickelung suchen, aber er konnte — und es war das sogar ein recht zweifelhaftes Können — Gelüste entwickeln nach diesem Geistigen, das in der Natur sich offenbarte, er konnte seine Bedürfniskräfte, seine Triebkräfte anfeuern; dann enthüllte sich ihm gewissermaßen aus der Natur heraus das Geistige. Und in diesem Anfeuern der Triebkräfte, der Bedürfniskräfte lag eine starke luziferische Gabe.

[ 12 ] Die meisten von Ihnen wissen ja, wie selbstverständlich in der alten atlantischen Zeit das Erscheinen der elementaren Wesenheiten für den Menschen war. Aber dieses Erscheinen klingt auch für das Hellsehen der nachatlantischen Zeit noch fort. Es verlor sich aber nach und nach, und dann wußte es der Mensch, konnte es in einer gewissen Weise auch hervorzaubern aus den Naturerscheinungen durch seine Bedürfniskräfte. Das war die luziferische Gefahr, die sich ergab. Der Mensch konnte sich gewissermaßen aufrütteln, anfeuern, um Geistiges mit sich zu vereinigen. Aber diese Art der Aufrüttelung war etwas Luziferisches in ihm. Daher war die Welt der damaligen Kultur und Zivilisation gegen das Ende des 2. Jahrtausends der vorchristlichen Zeitrechnung stark luziferisch durchseucht. Wir haben ja bei anderen Gelegenheiten auf diese luziferische Durchseuchung von anderen Gesichtspunkten aus hingedeutet; ich habe sie auf ihre anderen Ursachen zurückgeführt; aber jetzt wollen wir sie einmal von dem in diesen drei Vorträgen angenommenen Standpunkte aus betrachten.

[ 13 ] Dieser damaligen luziferischen Durchseuchung der Welt steht eine andere gegenüber, eine ahrimanische. Und diese ahrimanische Durchseuchung, sie ist gegenwärtig im Anzuge, mit einer riesig starken Kraft im Anzuge. Es ist ja ganz furchtbar, wie der zivilisierte Mensch der Gegenwart schläft gegenüber dem, was sich eigentlich entwickelt. Bedenken Sie nur einmal, wie sich in der neuesten Zeit die mechanischen Kräfte, die Maschinenkräfte entwickelt haben. Ich habe davon schon einmal von anderen Gesichtspunkten aus gesprochen. Es ist gar nicht so lange her, da mußten die Menschen durch ihre Muskelkräfte dasjenige tun, was sie in gewisser Beziehung in der neuesten Zeit den Maschinen überlassen können, an die sie nur tippen. Dem, was sich da in den Maschinen abspielt, dem liegen die Kräfte zugrunde, die der Mensch aus der Erde herausbringt, indem er die Kohle fördert. Die Kohle liefert die Kraft, die dann in unseren Maschinen arbeitet.

[ 14 ] Wenn nun der Mensch es dahin bringt, daß neben ihm eine Maschine arbeitet, so ist das ja so, daß er das, was er früher selber tun mußte, gewissermaßen an die Maschine ausliefert. Die Maschine tut es. Neben ihm steht die Maschine und verrichtet die Arbeit, die er vorher selber verrichten mußte. Man mißt, was da die Maschine erarbeitet, nach Pferdekräften, und wenn man im großen messen will, so mißt man, was man erarbeitet innerhalb eines gewissen Territoriums, nach der Kraft, die ein Pferd in einem Jahre aufbringt, wenn es seine tägliche Arbeitszeit verrichtet. Nun nehmen Sie das Folgende: 1870 — man kann das aus der Kohlenförderung berechnen — haben innerhalb Deutschlands — ich wähle ausdrücklich das Kriegsjahr, ganz absichtlich — gearbeitet sechs ganze und sieben Zehntel Millionen Pferdekraftjahre. Das heißt, außer dem, was die Menschen gearbeitet haben, haben die Maschinen sechs ganze und sieben Zehntel Millionen Pferdekraftjahre gearbeitet. Das ist also eine Kraft, die aus den Maschinen selber heraus gearbeitet worden ist. 1912 wurden in demselben Deutschland durch die Maschinenkraft 79 Millionen Pferdekraftjahre gearbeitet!

[ 15 ] Da Deutschland fast 79 Millionen Einwohner hat, arbeitet also neben jedem Menschen ein Pferd das ganze Jahr hindurch. Und bedenken Sie die Zunahme von 6,7 Millionen Pferdekraftjahren zu 79 Millionen Pferdekraftjahren innerhalb weniger Jahrzehnte!

[ 16 ] Und betrachten Sie jetzt diese Verhältnisse in bezug auf den Ausbruch der furchtbaren Kriegskatastrophe. In demselben Jahre 1912 konnten Frankreich, Rußland, Belgien zusammen 35 Millionen Pferdekraftjahre aufbringen; Großbritannien 98 Millionen Pferdekraftjahre. Im wesentlichen wurde ja der Krieg im Jahre 1870 durch Menschen ausgetragen, denn man konnte nicht viel mobil machen von den mechanischen Kräften. Es waren ja in Deutschland erst 6,7 Millionen Pferdekraftjahre da. In den wenigen Dezennien war es anders geworden. Sie wissen, in diesem Kriege haben ja im wesentlichen die Maschinen gegeneinander gearbeitet. Was an den Fronten sich gegenübertrat, stammte aus den Maschinen heraus, so daß eigentlich zur Front geführt wurden die Pferdekraftjahre der Mechanismen.

[ 17 ] Nun war allerdings die Sache so, daß Großbritannien erst im Laufe längerer Zeit seine 98 Millionen Pferdekraftjahre mobil machen konnte. Aber dann standen zusammen in demjenigen, was aus der mechanischen Kraft dieser Reiche kam, 133 Millionen Pferdekraftjahre gegen 79 Millionen Pferdekraftjahre von Deutschland; etwa 92 Millionen Pferdekraftjahre würde man herausbekommen, wenn man noch Österreich hinzuzählte. Nun wurde dadurch zunächst etwas ausgeglichen, daß eben, wie gesagt, Großbritannien seine Pferdekraftjahre nicht so schnell umwandeln konnte von der Landbearbeitung zur Front hin. Es standen in dieser furchtbaren Kriegskatastrophe einander gegenüber wirklich nicht etwa die Weisheiten der Generäle — die gaben gewisse Richtungen. allerdings an —, aber das Wesentliche, was sich gegenüberstand, waren die mechanischen Kräfte, die aufeinanderprallten in den Fronten, und die nicht abhingen von den Generälen, sondern die abhingen von den Erfindungen, die vorher der Mensch aus seiner Naturwissenschaft heraus gemacht hatte.

[ 18 ] Und was mußte denn gewissermaßen mit eiserner Notwendigkeit schicksalsmäßig geschehen? Nehmen wir an, daß jetzt noch an die Front geschickt wurden die Pferdekraftjahre der Vereinigten Staaten von Amerika mit 139 Millionen Pferdekraftjahren.

[ 19 ] Sie sehen, durch dasjenige, was der Mensch in wenigen Jahrzehnten an Maschinenkraft hergestellt hatte, war ganz abgesehen von der Genialität der Generäle, das Schicksal der Welt vorbestimmt. Gegen dieses Schicksal der Welt, gegen diese Notwendigkeit, wo an den Fronten einfach die Ergebnisse der mechanischen Kräfte aufeinanderprallten, war nichts zu machen.

[ 20 ] Ja, was liegt denn da eigentlich vor? Der Mensch hat aus seinem Denken heraus die Mechanismen konstruiert. Indem er sie konstruiert hatte, hatte er seinen Verstand, seinen aus der Naturwissenschaft heraus gewonnenen Verstand, in die Mechanismen hineingelegt. Es war gewissermaßen aus seinem Kopfe davongelaufen der Verstand und war zu den Pferdekraftjahren in seiner Umgebung geworden. Die arbeiteten jetzt, davongelaufen, selbst. Mit welch rasender Schnelligkeit dieses Schaffen einer Welt, die unmenschlich-außermenschlich ist, in den letzten Jahrzehnten durch Menschen geschehen ist, von dem macht sich ja der schlafende zivilisierte Mensch der Gegenwart nicht leicht eine Vorstellung.

[ 21 ] Jener Mensch, auf den ich Sie hingewiesen habe, am Ende des 2. Jahrtausends der vorchristlichen Zeit, der hatte die luziferische Verseuchung um sich; die geistigen Wesenheiten, für die er seine Bedürfnisse entwickelte und die außerhalb seiner aus der Natur ihm erschienen. Wenn das ein Naturobjekt ist, erschien darin das geistige Wesen (es wird gezeichnet). Jetzt läßt der Mensch einströmen in die Materie seinen Geist, in Mechanismen. Der wird da drinnen so, daß zum Beispiel in Deutschland jeder Mensch noch ein Pferd neben sich aus dem menschlichen Verstande heraus geschaffen hat, das nun neben ihm arbeitet, das kein Pferd war, sondern das Maschinenkraft war. Das ist abgesondert vom Menschen, wie einstmals diese Elementarwesenheiten abgesondert waren vom Menschen, nur in anderem Sinne. Die waren so abgesondert, daß der Mensch seine luziferische Kraft darauf wenden mußte. Jetzt wendet er seine ahrimanische Kraft darauf. Jetzt verahrimanisiert er es, mechanisiert es. Wir leben im Zeitalter der ahrimanischen Verseuchung. Die Menschen merken gar nicht, daß sie eigentlich zurücktreten aus der Welt, und daß sie ihren Verstand der Welt einverleiben und neben sich eine Welt, die selbständig wird, schaffen. Und das große, ich möchte sagen, teuflische Experiment ist ausgeführt worden seit dem Jahre 1914; daß die eine ahrimanische Wesenheit gegen die andere ahrimanische Wesenheit im Grunde genommen den Ausschlag gegeben hat. Wir haben es mit einem ahrimanischen Kampfe fast über die ganze Erde zu tun gehabt. Den ahrimanischen Charakter hat er angenommen dadurch, daß der Mensch eben in dem Mechanismus, der ihn umgibt, eine neue ahrimanische Welt geschaffen hat. Und es ist eine neue ahrimanische Welt. Wenn Sie auf die Zahlen sehen: Von 6,7 Millionen auf 79 Millionen Pferdekraftjahre in wenigen Jahrzehnten ist die außermenschliche mechanische Kraft gestiegen das Verhältnis ist in den übrigen Ländern dasselbe —, wie rasch ist der Ahriman gewachsen in den letzten Jahrzehnten!

[ 22 ] Darf da nicht die Frage entstehen, ob der Mensch ganz verlieren soll, was in seinen Willen gestellt ist, was in seine Initiativkraft gestellt ist? Die Frage kann gestellt werden, ob denn der Mensch immer mehr und mehr der Illusion entgegengeführt werden soll, er mache die Dinge, während in Wahrheit die ahrimanischen Kräfte, die man nach Pferdekraftjahren berechnen kann, gegeneinander arbeiten? Denjenigen, der die Welt überschaut, interessiert nur vom moralischen Standpunkte aus etwa Foch und Ludendorff und Haig. Vom Standpunkte der vollen Realität interessieren ihn diejenigen Kräfte, die aus der Kohle kommen und die an den Fronten aufeinanderprallen, die aus den mechanischen Werkstätten an die Fronten geführt werden, je nach den Erfindungskräften der vorherigen Jahre, und die zu einem einfachen Rechenexempel machen, was geschehen muß.

[ 23 ] Somit ist das Ahrimanischwerden der Welt ein einfaches Rechenexempel, um zu wissen, was geschehen muß. Und wie steht der Mensch daneben? Er kann ja als der Dumme daneben stehen, dem zuletzt seine Maschinen entgegenlaufen, wenn er noch etwas kompliziertere Kombinationen von Kräften findet.

[ 24 ] Diese Ahrimanisierung ist das moderne Gegenstück zu der Luziferisierung der Welt, von der ich vorhin gesprochen habe. Das ist es, worauf man hinschauen muß. Denn ist das nicht vielleicht das Alleralleranschaulichste, um die Notwendigkeit zu beweisen, daß der Mensch jetzt aus dem Inneren heraus schaffen muß? Diese Ahrimanisierung werden wir nicht aufhalten, sollen wir auch nicht aufhalten, sonst würden wir vor jeder neuen Mechanisierung stehen wie das Nürnberger Ärztekollegium 1839 oder wie der Berliner Postmeister vor dem Bau der Eisenbahn, der sagte: Da wollen die Leute von Berlin bis Potsdam eine Eisenbahn fahren lassen — ich lasse doch jede Woche zweimal Postwagen hinausfahren, und es sitzt kein Mensch drinnen! — Aufhalten kann man die Mechanisierung nicht, denn die Kultur muß in diesem Sinne gehen. Die Kultur verlangt die Ahrimanisierung. Aber ihr muß an die Seite gestellt werden, was nun aus dem menschlichen Inneren heraus arbeitet, was aus dem menschlichen Inneren wiederum Weisheit, Schönheit, Kraft, also Stärke schöpft in der Imagination, in der Intuition, in der Inspiration. Denn die Welten, die da aufgehen werden, die werden des Menschen Welten sein, es werden solche sein, die im Geiste, in der Seele vor uns stehen, während draußen die ahrimanischen Maschinenkräfte ablaufen. Und diese Mächte, die da aus der Imagination, aus der Inspiration, aus der Intuition aufsteigen, die werden die Macht haben, zu dirigieren, was sonst den Menschen überwältigen müßte um ihn herum aus dem rasenden Tempo der Ahrimanisierung heraus. Was aus der geistigen Welt, aus Imagination, aus Inspiration, Intuition kommt, das ist stärker als alle Pferdekraftjahre, die noch aus der Mechanisierung der Welt ersprießen können. Aber überwältigen würden den Menschen die mechanisierenden Kräfte, wenn er für sie nicht das Gegengewicht finden würde in dem, was er finden kann aus den Offenbarungen der geistigen Welt heraus, die er erstreben muß.

[ 25 ] Es ist nicht irgendeine Erfindung, irgendein abstraktes Ideal, irgendein Schlagwort, was mit der Geisteswissenschaft auftritt und was nach der Erkenntnis der Imagination, Inspiration, Intuition strebt, sondern es ist etwas, was in seiner Notwendigkeit handgreiflich abgelesen werden kann von dem Gang der Menschheitsentwickelung. Und man muß hinweisen darauf, daß der Mensch überwältigt werden würde durch das Außermenschliche, das er selbst geschaffen hat in einer ahrimanisierten Welt in errechenbaren Pferdekräften. Als dem Menschen von außen zukam, was ihm Weisheit, Schönheit und Stärke gab, da hatte er noch nicht um sich die ahrimanisierte Welt, da konnte er es in Gnade aufnehmen, oder durch Gnade aufnehmen, und er hatte auf der Erde, was er höchstens durch die Kraft des Feuers oder durch die einfachsten mechanischen Werkzeuge, die nicht viel hinzutaten zu seiner eigenen Kraft, sich dazu erarbeitete. Und ungefähr erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben wir eine neue Welt, ich möchte sagen, eine mächtige neue geologische Schichte die Erde bedeckend. Zu all den Schichten, Diluvium, Alluvium, kommt hinzu die ahrimanische Schichte der mechanisierten Kräfte, welche wie eine Kruste über die Erde sich bildet. Also aus den Tiefen steigt auf, was den Menschen überwältigt, wenn der Mensch sich nicht hineinstellt in die äußere Welt mit jener Welt, die ihm aus dem Geiste, das heißt aus Imagination, Intuition, Inspiration heraus kommt.

[ 26 ] Es sind wahrhaftig starke Impulse aus der Erkenntnis des Weltenganges heraus, welche hinweisen auf die Notwendigkeit geisteswissenschaftlicher Kultur und Zivilisation. Es sind heute schon errechenbare Notwendigkeiten. Denn, ist es nicht furchtbar, daß neben dem Menschen mit so rasender Eile diese, sagen wir, übergeologische Schichte heraufzieht wie eine neue Erdkruste, und daß viele Menschen heute noch so denken, wie gedacht worden ist, als zum Beispiel in Deutschland nur 6,7 Millionen Pferdekraftjahre produziert wurden durch die Mechanisierung? Denken denn die Leute daran, woher der Gang der Welt eigentlich durchkraftet wird? Ist man im Bilde, was in Wirklichkeit geschieht? Man ist es nicht, sonst würde man aus der Erkenntnis dessen, was geschieht, wirklich die Notwendigkeit ersehen, eine neue Form zu finden für die Durchtränkung des Menschen mit dem, was abgelaufene Zeiten Schönheit, Weisheit, Stärke genannt haben, und was wir nach dem Gang, den die menschliche Persönlichkeit nehmen muß, um es zu erlangen, Imagination, Inspiration, Intuition nennen müssen.

[ 27 ] Wir blicken also hinein in eine Welt ahrimanischer Durchseuchung. Ich habe schon öfter gesagt: Ich möchte nicht leichtsinnig das Wort «Übergangszeit» gebrauchen, denn im Grunde ist jede Zeit eine Übergangszeit; aber eine Zeit, in der sich etwas so Besonderes wie der Ahrimanismus so rasend schnell entwickelt hat, wie seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, solch eine Zeit ist nicht immer da. Und die für einen großen Teil von Mitteleuropa unmittelbar vorangehende Biedermeierzeit, die ist wahrhaftig nicht zu vergleichen mit demjenigen, was in den letzten Jahrzehnten sich eigentlich in Wirklichkeit zugetragen hat. Man muß schon die ganze Schwere empfinden dieser neuzeitlichen Ereignisse. Und man muß folgendes empfinden.

[ 28 ] Wenn man hinschaut auf solch ein Ereignis, wie es sich 1870/71 in Mitteleuropa als Kriegsereignis abgespielt hat: man konnte es überdenken, man konnte nachkommen mit seinen Gedanken. Aber sehen Sie sich doch nur einmal an, wie die Menschen noch immer in derselben Weise versuchen, sich die Vorgänge der letzten Jahre zu vergegenwärtigen! Sie denken ja noch immer so, wie man gedacht hat, als in Deutschland nur 6,7 Millionen Pferdekraftjahre vorhanden waren! Man begreift gar nicht, daß man anders denken muß, wenn 79 Millionen Pferdekraftjahre außer dem Menschen arbeiten! Das erfordert, daß ganz anderes Denken Platz greift. Ohne daß man sich zur Geisteswissenschaft wendet, lösen sich die Rätsel, die aus diesen Ereignissen heraus kommen, eben durchaus nicht. Wenn der Mensch um sich herum durch die äußere Wissenschaft die Welt mechanisiert, dann muß er um so mehr aus seinem Inneren heraus eine innere Wissenschaft, die wiederum Weisheit ist, erstehen lassen. Die wird die Kraft haben, das zu dirigieren, was ihn sonst überwältigen würde.