Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit
und dem Physischen des Menschen
Die Suche nach der neuen Isis,
der göttlichen Sophia
GA 202
19 Dezember 1920, Dornach
Zwölfter Vortrag
[ 1 ] Der Mensch steht da in der Welt auf der einen Seite als ein Betrachtender, auf der anderen Seite als ein Handelnder, zwischen drinnen steht er mit seinem Fühlen. Er ist auf der einen Seite mit seinem Fühlen hingegeben an dasjenige, was sich seiner Betrachtung ergibt, auf der anderen Seite ist er mit seinem Fühlen wiederum beteiligt an seinem Handeln. Man braucht ja nur darüber nachzudenken, wie der Mensch befriedigt oder unbefriedigt sein kann von dem, was ihm als Handelnder gelingt oder nicht gelingt; man braucht nur daran zu denken, wie schließlich alles Handeln begleitet ist von Gefühlsimpulsen, und man wird sehen, daß in der Tat unser gefühlsmäßiges Wesen verbindet die beiden entgegengesetzten Pole: das betrachtende Element in uns und das handelnde Element in uns. Nur dadurch, daß wir betrachtende Wesen sind, werden wir im vollsten Sinne des Wortes eigentlich Mensch. Sie brauchen sich nur zu überlegen, wie alles, was Ihnen schließlich das Bewußtsein gibt, daß Sie Mensch sind, damit zusammenhängt, daß Sie die Welt, die Sie umgibt, in der Sie leben, innerlich gewissermaßen abbilden können, betrachten können. Zu denken, daß wir die Welt nicht betrachten können, würde bedeuten, daß wir unser ganzes Menschsein von uns abtun müssen. Als handelnde Menschen stehen wir drinnen im sozialen Leben. Und im Grunde genommen hat alles das, was wir zwischen Geburt und Tod vollbringen, eine gewisse soziale Bedeutung.
[ 2 ] Nun wissen Sie, daß, insofern wir betrachtende Wesen sind, in uns der Gedanke lebt, insofern wir handelnde Wesen sind, also auch insofern wir soziale Wesen sind, in uns der Wille lebt. Es ist aber nicht so in der menschlichen Natur, wie es überhaupt in der Wirklichkeit nicht so ist, daß man verstandesmäßig die Dinge nebeneinanderstellen kann, sondern, was wirksam ist im Sein, das kann man nach der einen oder anderen Seite charakterisieren; die Dinge fließen ineinander, die Kräfte der Welt fließen ineinander. Wir können uns denkend vorstellen, daß wir ein Gedankenwesen sind, wir können uns denkend auch vorstellen, daß wir ein Willenswesen sind. Aber auch wenn wir kontemplativ, bei völliger äußerer Ruhe in Gedanken leben, so ist der Wille in uns dennoch fortwährend tätig. Und wiederum, wenn wir Handelnde sind, so ist in uns der Gedanke tätig. Es ist undenkbar, daß irgend etwas als Handlung von uns ausgeht, daß irgend etwas in das soziale Leben auch überspringe, ohne daß wir uns gedanklich mit dem, was so geschieht, identifizieren. In allem Willensartigen lebt das Gedankenartige, in allem Gedanklichen lebt das Willensartige. Und es ist durchaus notwendig, daß man gerade über die hier in Frage kommenden Dinge sich klar werde, wenn man jene Brücke, von der ich hier jetzt schon so oft gesprochen habe, im Ernste bauen will, die Brücke zwischen der moralisch-geistigen Weltordnung und der physisch-natürlichen Ordnung.
[ 3 ] Denken Sie sich einmal, Sie lebten im Sinne der gewöhnlichen Wissenschaften für eine Weile rein nachdenklich, Sie regten sich gar nicht, Sie sähen ganz ab von allem Handeln, Sie lebten eben ein Vorstellungsleben. Sie müssen sich aber klar sein, daß dann in diesem Vorstellungsleben Wille tätig ist, Wille, der allerdings dann in Ihrem Inneren sich betätigt, der im Bereiche des Vorstellens seine Kräfte ausbreitet. Gerade wenn wir so den denkenden Menschen betrachten, wie er fortwährend den Willen hineinstrahlt in seine Gedanken, dann muß uns eigentlich eines gegenüber dem wirklichen Leben auffallen. Die Gedanken, die wir also fassen, wenn wir sie alle durchgehen — wir werden immer finden, daß sie an irgend etwas anknüpfen, was in unserer Umgebung, was unter unseren Erlebnissen ist. Wir haben zwischen Geburt und Tod gewissermaßen keine anderen Gedanken als diejenigen, die uns das Leben bringt. Ist unsere Erfahrung reich, so haben wir auch einen reichen Gedankeninhalt; ist unsere Erfahrung arm, so haben wir einen armen Gedankeninhalt. Der Gedankeninhalt ist gewissermaßen unser innerliches Schicksal. Aber innerhalb dieses Denk-Erlebens ist eines ganz uns eigen: Die Art und Weise, wie wir die Gedanken verknüpfen und voneinander lösen, die Art und Weise, wie wir innerlich die Gedanken verarbeiten, wie wir urteilen, wie wir Schlüsse ziehen, wie wir uns überhaupt im Gedankenleben orientieren, das ist unser, ist uns eigen. Der Wille in unserem Gedankenleben ist unser eigener.
[ 4 ] Wenn wir auf dieses Gedankenleben hinblicken, so müssen wir uns gerade bei einer sorgfältigen Selbstprüfung sagen, und Sie werden schon sehen, daß das so bei einer sorgfältigen Selbstprüfung ist: Die Gedanken kommen uns von außen ihrem Inhalte nach, die Bearbeitung der Gedanken, die geht von uns aus. — Wir sind daher im Grunde genommen in bezug auf unsere Gedankenwelt ganz abhängig von dem, was wir erleben können durch die Geburt, in die wir schicksalsmäßig versetzt sind, durch die Erlebnisse, die uns werden können. Aber in dasjenige, was uns da von der Außenwelt kommt, tragen wir hinein gerade durch den Willen, der aus der Seelentiefe ausstrahlt, unser Eigenes. Es ist für die Erfüllung dessen, was Selbsterkenntnis von uns Menschen will, im hohen Grade bedeutsam, wenn wir auseinanderhalten, wie auf der einen Seite uns von der Umwelt der Gedankeninhalt kommt, wie auf der anderen Seite aus unserem Inneren in die Gedankenwelt einstrahlt die Kraft des Willens, die von innen kommt.
[ 5 ] Wie wird man eigentlich innerlich immer geistiger und geistiger? Man wird nicht dadurch geistiger, daß man möglichst viele Gedanken aus der Umwelt aufnimmt, denn diese Gedanken geben ja doch nur, ich möchte sagen, die Außenwelt, die eine sinnlich-physische ist, in Bildern wieder. Dadurch, daß man möglichst den Sensationen des Lebens nachläuft, dadurch wird man nicht geistiger. Geistiger wird man durch die innere willensgemäße Arbeit innerhalb der Gedanken. Daher besteht auch Meditieren darinnen, daß man sich nicht einem beliebigen Gedankenspiel hingibt, sondern daß man wenige, leicht überschaubare, leicht prüfbare Gedanken in den Mittelpunkt seines Bewußtseins rückt, aber mit einem starken Willen diese Gedanken in den Mittelpunkt seines Bewußtseins rückt. Und je stärker, je intensiver dieses innere Willensstrahlen wird in dem Elemente, wo eben die Gedanken sind, desto geistiger werden wir. Wenn wir Gedanken von der äußeren physisch-sinnlichen Welt aufnehmen — und wir können ja nur solche aufnehmen zwischen Geburt und Tod —, dann werden wir dadurch, wie Sie leicht einsehen können, unfrei, denn wir werden hingegeben an die Zusammenhänge der äußeren Welt; wir müssen dann so denken, wie es uns die äußere Welt vorschreibt, insofern wir nur den Gedankeninhalt ins Auge fassen; erst in der inneren Verarbeitung werden wir frei.
[ 6 ] Nun gibt es eine Möglichkeit, ganz frei zu werden, frei zu werden in seinem inneren Leben, wenn man den Gedankeninhalt, insofern er von außen kommt, möglichst ausschließt, immer mehr und mehr ausschließt, und das Willenselement, das im Urteilen, im Schlüsseziehen unsere Gedanken durchstrahlt, in besondere Regsamkeit versetzt. Dadurch aber wird unser Denken in denjenigen Zustand versetzt, den ich in meiner «Philosophie der Freiheit» genannt habe das reine Denken. Wir denken, aber im Denken lebt nur Wille. Ich habe das besonders scharf betont in der Neuauflage der «Philosophie der Freiheit» 1918. Dasjenige, was da in uns lebt, lebt in der Sphäre des Denkens. Aber wenn es reines Denken geworden ist, ist es eigentlich ebensogut als reiner Wille anzusprechen. So daß wir aufsteigen dazu, uns vom Denken zum Willen zu erheben, wenn wir innerlich frei werden, daß wir gewissermaßen unser Denken so reif machen, daß es ganz und gar durchstrahlt wird vom Willen, nicht mehr von außen aufnimmt, sondern eben im Willen lebt. Gerade dadurch aber, daß wir immer mehr und mehr den Willen im Denken stärken, bereiten wir uns vor für das, was ich in der «Philosophie der Freiheit» die moralische Phantasie genannt habe, was aber aufsteigt zu den moralischen Intuitionen, die dann unseren gedankegewordenen Willen oder willegewordenen Gedanken durchstrahlen, durchsetzen. Auf diese Weise heben wir uns heraus aus der physisch-sinnlichen Notwendigkeit, durchstrahlen uns mit dem, was uns eigen ist und bereiten uns vor für die moralische Intuition. Und auf solchen moralischen Intuitionen beruht doch alles das, was den Menschen von der geistigen Welt aus zunächst erfüllen kann. Es lebt also auf dasjenige, was Freiheit ist, dann, wenn wir gerade in unserem Denken immer mächtiger und mächtiger werden lassen den Willen.
[ 7 ] Betrachten wir den Menschen von dem anderen Pol aus, von dem Willenspol. Der Wille, wann tritt er durch unser Handeln uns besonders klar vor das Seelenauge? Nun, wenn wir niesen, so tun wir ja auch etwas sozusagen, aber wir werden nicht in der Lage sein, uns einen besonderen Willensimpuls dabei zuzuschreiben, wenn wir niesen. Wenn wir sprechen, dann tun wir schon etwas, wo in einer gewissen Weise der Wille drinnen liegt. Aber bedenken Sie nur einmal, wie im Sprechen Willentliches und Unwillentliches, Willensgemäßes und Unwillensgemäßes ineinanderlaufen! Sie müssen sprechen lernen und müssen es gerade so lernen, daß Sie nicht mehr jedes einzelne Wort willensgemäß formen müssen, daß gewissermaßen etwas Instinktives hineinkommt in das Sprechen. Für das gewöhnliche Leben ist es wenigstens so, und im Grunde genommen ist es so gerade für diejenigen Menschen, die wenig nach Geistigkeit streben. Schwätzer, die gewissermaßen fortwährend ihren Mund offen haben müssen, um das oder jenes zu sagen, in das nicht viel Gedankliches hineingesandt wird, die lassen den anderen merken — sie selber merken es allerdings nicht —, wieviel Instinktives, Unwillensgemäßes im Sprechen liegt. Aber je mehr wir aus unserem Organischen herausgehen und übergehen zur Tätigkeit, die vom Organischen gewissermaßen losgelöst ist, desto mehr tragen wir in unser Handeln die Gedanken hinein. Das Niesen steckt noch ganz im Organischen drinnen, das Sprechen steckt zum großen Teil im Organischen drinnen, das Gehen schon sehr wenig, dasjenige, was wir mit den Händen vollziehen, auch sehr wenig. Und so geht es allmählich über in immer mehr und mehr vom Organischen in uns losgelöste Handlungen. Diese Handlungen, die verfolgen wir mit unseren Gedanken, wenn wir auch nicht wissen, wie der Wille in diese Handlungen hineinschießt. Und wenn wir nicht gerade Nachtwandler sind und in diesem Zustande uns betätigen, dann werden unsere Handlungen stets von unseren Gedanken begleitet sein. Wir tragen in unser Handeln die Gedanken hinein, und je mehr sich unser Handeln ausbildet, desto mehr tragen wir die Gedanken in unser Handeln hinein.
[ 8 ] Sie sehen, wir werden immer innerlicher und innerlicher, indem wir unsere Eigenkraft als Wille in das Denken hineinschicken, das Denken gewissermaßen ganz vom Willen durchstrahlen lassen. Wir bringen den Willen in das Denken hinein und gelangen dadurch zur Freiheit. Wir gelangen dazu, indem wir immer mehr und mehr unser Handeln ausbilden, in dieses Handeln die Gedanken hineinzutragen. Wir durchstrahlen unser Handeln, das ja aus unserem Willen hervorgeht, mit unseren Gedanken. Auf der einen Seite, nach innen, leben wir ein Gedankenleben; das durchstrahlen wir mit dem Willen und finden so die Freiheit. Auf der anderen Seite, nach außen, fließen unsere Handlungen von uns aus dem Willen heraus; wir durchsetzen sie mit unseren Gedanken.
[ 9 ] Aber wodurch werden denn unsere Handlungen immer ausgebildeter? Wodurch, wenn wir den allerdings anzufechtenden Ausdruck gebrauchen wollen, kommen wir denn zu einem immer vollkommeneren Handeln? — Wir kommen zu einem immer vollkommeneren Handeln eigentlich dadurch, daß wir diejenige Kraft in uns ausbilden, die man nicht anders nennen kann als Hingabe an die Außenwelt. Je mehr unsere Hingabe an die Außenwelt wächst, desto mehr regt uns diese Außenwelt an zum Handeln. Dadurch aber gerade, daß wir den Weg finden, um hingegeben zu sein an die Außenwelt, gelangen wir dazu, dasjenige, was in unserem Handeln liegt, mit Gedanken zu durchdringen. Was ist Hingabe an die Außenwelt? Hingabe an die Außenwelt, die uns durchdringt, die unser Handeln mit den Gedanken durchdringt, ist nichts anderes als Liebe.
[ 10 ] Geradeso wie wir zur Freiheit kommen durch die Durchstrahlung des Gedankenlebens mit dem Willen, so kommen wir zur Liebe durch die Durchsetzung des Willenslebens mit Gedanken. Wir entwickeln in unserem Handeln Liebe dadurch, daß wir die Gedanken hineinstrahlen lassen in das Willensgemäße; wir entwickeln in unserem Denken Freiheit dadurch, daß wir das Willensgemäße hineinstrahlen lassen in die Gedanken. Und da wir als Mensch eine Ganzheit, eine Totalität sind, so wird, wenn wir dazu kommen, in dem Gedankenleben die Freiheit und in dem Willensleben die Liebe zu finden, in unserem Handeln die Freiheit, in unserem Denken die Liebe mitwirken. Sie durchstrahlen einander, und wir vollziehen ein Handeln, ein gedankenvolles Handeln in Liebe, ein willensdurchsetztes Denken, aus dem wiederum das Handlungsgemäße in Freiheit entspringt.
[ 11 ] Sie sehen, wie im Menschen die zwei größten Ideale zusammenwachsen, Freiheit und Liebe. Und Freiheit und Liebe sind auch dasjenige, was eben der Mensch, indem er dasteht in der Welt, in sich so verwirklichen kann, daß gewissermaßen das eine mit dem anderen sich gerade durch den Menschen für die Welt verbindet.
[ 12 ] Man wird nun fragen müssen: Wodurch ist denn das Ideal, das höchste, in diesem willensdurchstrahlten Gedankenleben zu erreichen? Ja, wenn das Gedankenleben etwas wäre, das materielle Vorgänge darstellte, dann könnte das eigentlich gar nie eintreten, daß der Wille ganz in die Sphäre der Gedanken gewissermaßen hineinträte und in der Sphäre des Gedankens das Willensmäßige immer mehr und mehr Platz griffe. Stellen Sie sich vor, da wären materielle Vorgänge — der Wille könnte in diese materiellen Vorgänge höchstens organisierend hineinstrahlen. Nur dann kann der Wille wirksam sein, wenn das Gedankenleben als solches keine äußere physische Realität hat, wenn das Gedankenleben etwas ist, was der äußeren physischen Realität bar ist. Was muß es also sein?
[ 13 ] Nun, Sie werden sich klarmachen können, was es sein muß, wenn Sie von einem Bilde ausgehen. Wenn Sie hier einen Spiegel haben und hier einen Gegenstand, der Gegenstand im Spiegel sich spiegelt, dann können Sie hinter den Spiegel gehen, Sie finden nichts. Sie haben eben ein Bild. Solches Bilddasein haben unsere Gedanken. Wodurch haben sie ein solches Bilddasein? Nun, Sie brauchen sich nur zu erinnern, was ich Ihnen über das Gedankenleben gesagt habe. Es ist ja eigentlich als solches gar nicht im gegenwärtigen Augenblick Realität. Das Gedankenleben strahlt herein aus unserem Vorgeburtlichen, oder sagen wir aus dem Dasein vor der Empfängnis. Das Gedankenleben hat seine Realität zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und geradeso wie hier der Gegenstand vor dem Spiegel steht und aus dem Spiegel nur Bilder kommen, so ist dasjenige, was wir als Gedankenleben entwickeln, im Grunde genommen ganz real durchlebt zwischen dem Tode und der neuen Geburt und strahlt nur herein in dieses Leben, das wir seit der Geburt vollbringen. Als denkende Wesen haben wir in uns nur eine Spiegelbild-Realität. Dadurch kann die andere Realität, die gerade aus unserem Stoffwechsel, wie Sie wissen, aufstrahlt, die bloße Spiegelbild-Realität des Gedankenlebens durchdringen. Man sieht am klarsten, wenn man überhaupt unbefangenes Denken entfalten will, was heute in dieser Beziehung allerdings sehr selten ist, daß das Gedankenleben ein Spiegelbilddasein hat, wenn man das reinste Gedankenleben ins Auge faßt, das mathematische. Dieses mathematische Gedankenleben fließt ganz aus unserem Inneren herauf. Aber es hat nur ein Spiegeldasein. Sie können allerdings durch die Mathematik alle äußeren Gegenstände bestimmen; aber die mathematischen Gedanken selber sind eben nur Gedanken und sie haben bloß ein Bilddasein. Sie sind etwas, was nicht aus irgendeiner äußeren Realität gewonnen ist.
[ 14 ] Abstraktlinge wie Kant gebrauchen auch ein abstraktes Wort. Sie sagen: Die mathematischen Vorstellungen sind a priori. — A priori, das heißt: bevor etwas anderes da ist. Aber warum sind mathematische Vorstellungen a priori? Weil sie hereinstrahlen aus dem vorgeburtlichen beziehungsweise vor der Empfängnis liegenden Dasein; das macht ihre Apriorität aus. Und daß sie uns für unser Bewußtsein als real erscheinen, das rührt davon her, daß sie vom Willen durchstrahlt sind. Diese Durchstrahlung des Willens macht sie real. Bedenken Sie einmal, wie abstrakt das moderne Denken geworden ist, indem es abstrakte Worte gebraucht für etwas, was man seiner Realität nach eben nicht durchschaut. Daß wir uns die Mathematik mitbringen aus unserem vorgeburtlichen Dasein, das spürte gewissermaßen ein Kant und nannte deshalb die mathematischen Urteile a priori. Aber mit a priori ist weiter nichts gesagt, denn es ist auf keine Realität hingedeutet, es ist auf etwas bloß Formales hingedeutet.
[ 15 ] Alte Traditionen sprechen gerade hier bei dem, was Gedankenleben ist, was in seinem Bilddasein angewiesen ist, vom Willen durchstrahlt zu werden, um zur Realität zu werden — alte Vorstellungen sprechen hier von Schein (siehe Zeichnung Seite 209).
[ 16 ] Sehen wir uns den anderen Pol des Menschen an, wo die Gedanken nach dem Willensmäßigen hinstrahlen, wo in Liebe die Dinge vollbracht werden: da prallt gewissermaßen unser Bewußtsein an der Realität ab. Sie können nicht hineinschauen in jenes Reich der Finsternis — für das Bewußtsein das Reich der Finsternis —, wo der Wille sich entfaltet, indem Sie auch nur Ihren Arm erheben oder Ihren Kopf drehen, wenn Sie nicht zu übersinnlichen Vorstellungen greifen. Sie bewegen Ihren Arm; aber was da Kompliziertes vorgeht, das bleibt dem gewöhnlichen Bewußtsein geradeso unbewußt wie die Dinge des tiefen Schlafes, der traumlos ist. Wir sehen unseren Arm an, wir sehen, wie unsere Hand greifen kann. Das alles ist, weil wir die Sache mit Vorstellungen, mit Gedanken durchsetzen. Aber die Gedanken selber, die in unserem Bewußtsein sind, sie bleiben auch hier Schein. Das Reale aber ist es, in dem wir leben, und das nicht ins gewöhnliche Bewußtsein heraufstrahlt. Alte Traditionen sprachen hier von Gewalt, weil dasjenige, in dem wir als Realität leben, zwar von dem Gedanken durchsetzt wird, aber der Gedanke doch in einer gewissen Weise in dem Leben zwischen Geburt und Tod davon abgeprallt ist (siehe Zeichnung).
[ 17 ] Zwischen beiden drinnen liegt der Ausgleich, liegt dasjenige, was den Willen, der gewissermaßen nach dem Haupte strahlt, die Gedanken, die sozusagen mit dem Herzen, in unserem Handeln in Liebe erfühlt werden, was diese beiden miteinander verbindet: das gefühlsmäßige Leben, das sowohl nach dem Willensmäßigen hinzielen kann, wie nach dem Gedanken hinzielen kann. Wir leben in einem Elemente im gewöhnlichen Bewußtsein, wodurch wir auf der einen Seite dasjenige erfassen, was in unserem zur Freiheit hinneigenden, willensdurchsetzten Denken zum Ausdruck kommt, auf der anderen Seite, wo wir versuchen, immer gedankenvoller dasjenige zu haben, was in unser Handeln übergeht. Und was die Verbindungsbrücke zwischen beiden bildet, das nannte man von alten Zeiten her die Weisheit (siehe Zeichnung).
[ 18 ] Goethe hat in seinem Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lili ein den drei Königen, dem goldenden König, dem silbernen König, dem ehernen König, hingewiesen auf diese alten Traditionen. Wir haben ja auch schon von anderen Gesichtspunkten aus gezeigt, wie wiederum aufleben müssen, aber in einer ganz anderen Form, diese drei Elemente, auf die eine alte, instinktive Erkenntnis hinweisen konnte, und die nur wieder aufleben können, wenn der Mensch die Erkenntnisse der Imagination, der Intuition, der Inspiration aufnimmt.
[ 19 ] Was aber geht denn eigentlich vor, indem der Mensch sein Gedankenleben entwickelt? Eine Realität wird zum Schein. Das ist sehr wichtig, daß man sich darüber klar werde. Wir tragen unser Haupt, das in seiner Verknöcherung und in seiner Neigung zum Verknöchern bildhaft ja schon äußerlich das Erstorbene gegenüber der anderen, frischen Körperorganisation zeigt. Wir tragen in unserem Haupte zwischen Geburt und Tod dasjenige, was aus einer Vorzeit, wo es Realität war, hereinragt als Schein, und wir durchstrahlen von unserem übrigen Organismus den Schein mit dem realen Elemente, das aus unserem Stoffwechsel kommt, mit dem realen Elemente des Willens. Da haben wir eine Keimbildung, die zunächst in unserem Menschentum abläuft, die aber eine kosmische Bedeutung hat. Denken Sie sich, ein Mensch ist geboren in irgendeinem Jahre, vorher war er in der geistigen Welt; er geht aus der geistigen Welt heraus, indem dasjenige, was da als Gedanke Realität war, in ihm zum Schein wird, und er überführt in diesen Schein die Willenstätigkeit, die aus einer ganz anderen Richtung herkommt, die aus seinem übrigen, nichthauptlichen Organismus aufsteigt. Das ist dasjenige, wodurch die in den Schein ersterbende Vergangenheit wiederum angeregt wird durch das, was im Willen erstrahlt, zur Realität der Zukunft.
[ 20 ] Verstehen wir recht: Was geschieht, wenn der Mensch sich zum reinen, das heißt, willensdurchstrahlten Denken erhebt? In ihm entwickelt sich auf Grundlage dessen, was der Schein aufgelöst hat der Vergangenheit —, durch die Befruchtung mit dem Willen, der aus seiner Ichheit aufsteigt, eine neue Realität in die Zukunft hin. Er ist der Träger des Keimes in die Zukunft. Der Mutterboden gewissermaßen sind die realen Gedanken der Vergangenheit, und in diesen Mutterboden wird versenkt dasjenige, was aus dem Individuellen kommt, und der Keim wird in die Zukunft geschickt zum zukünftigen Leben.
[ 21 ] Und auf der anderen Seite entwickelt der Mensch, indem er seine Handlungen, sein Willensgemäßes mit Gedanken durchsetzt, dasjenige, was er in Liebe vollbringt. Es löst sich von ihm los. Unsere Handlungen bleiben nicht bei uns. Sie werden Weltgeschehen; wenn sie von Liebe durchsetzt sind, dann geht die Liebe mit ihnen. Eine egoistische Handlung ist kosmisch etwas anderes als eine liebedurchsetzte Handlung. Indem wir aus dem Schein durch die Befruchtung des Willens dasjenige entwickeln, was aus unserem Inneren hervorgeht, trifft das, was da gewissermaßen aus unserem Kopfe fortströmt in die Welt, auf unsere gedankendurchsetzten Handlungen auf. Geradeso wie wenn eine Pflanze sich entwickelt, in ihrer Blüte der Keim ist, den außen das Licht der Sonne treffen muß, den außen die Luft treffen muß und so weiter, dem etwas entgegenkommen muß aus dem Kosmos, damit er wachsen kann, so muß dasjenige, was durch die Freiheit entwickelt wird, durch die entgegenkommende, in den Handlungen lebende Liebe ein Wachstumselement finden (siehe Zeichnung Seite 209).
[ 22 ] So steht der Mensch tatsächlich drinnen in dem Weltenwerden, und was innerhalb seiner Haut geschieht, und was aus seiner Haut ausfließt als Handlungen, das hat nicht bloß eine Bedeutung an ihm, das ist Weltgeschehen. Er ist hineingestellt in das kosmische, in das Weltgeschehen. Indem dasjenige, was in der Vorzeit real war, zum Schein im Menschen wird, löst sich fortwährend Realität auf, und indem dieser Schein wiederum befruchtet wird durch den Willen, entsteht neue Realität. Da haben Sie, ich möchte sagen, wie geistig zu greifen dasjenige, was wir auch von anderen Gesichtspunkten heraus gesagt haben: Es gibt keine Konstanz des Stoffes. Der verwandelt . sich in Schein, und der Schein wird vom Willen des Menschen wiederum in die Realität erhoben. Ein Truggebilde ist es, was als das Gesetz der Erhaltung des Stoffes und der Kraft in die physikalische Weltanschauung gebracht ist, weil man eben nur das natürliche Weltbild ansieht. In Wahrheit vergeht fortwährend Stoff, indem er sich in Schein verwandelt, und Neues entsteht, indem gerade durch das, was zunächst als höchstes Gebilde des Kosmos vor uns steht, durch den Menschen, der Schein wiederum in Sein verwandelt wird.
[ 23 ] An dem anderen Pol können wir es auch sehen, nur ist dieses Sehen nicht so leicht wie das andere, denn die Vorgänge, die schließlich zur Freiheit führen, sind im Grunde genommen für ein unbefangenes Denken wirklich zu durchschauen; aber um hier richtig zu sehen, dazu gehört schon einige geisteswissenschaftliche Entwickelung. Denn zunächst prallt das gewöhnliche Bewußtsein an der Gewalt ab. Es durchsetzt ja allerdings dasjenige, was an der Gewalt, an der Kraft sich auslebt, mit Gedanken; aber das gewöhnliche Bewußtsein sieht nicht, daß geradeso wie hier immer mehr und mehr Wille, Urteilsschluß in die Gedankenwelt hineinkommt, daß, wenn wir die Gedanken in das Willensmäßige hineinbringen, wenn wir eben immer mehr und mehr die Gewalt ausrotten, wir immer mehr dasjenige, was bloß Gewalt ist, durchdringen mit dem Lichte des Gedankens. Da, an dem einen Pol des Menschen, sieht man die Überwindung des Stoffes, da, an dem anderen Pol, sieht man die Neuerstehung des Stoffes.
[ 24 ] Wir wissen ja, ich habe es wenigstens andeutungsweise ausgeführt in meinem Buche «Von Seelenrätseln», daß der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist: als Nerven-Sinnesmensch Träger des Gedankenlebens, des Wahrnehmungslebens, als rhythmischer Mensch — Atmung, Blutzirkulation — Träger des Gefühlslebens, als Stoffwechselmensch Träger des Willenslebens. Aber wie entfaltet sich denn, wenn der Wille immer mehr und mehr in Liebe entwickelt wird, im Menschen der Stoffwechsel? Indem der Mensch ein Handelnder ist, so, daß eigentlich der Stoff fortwährend überwunden wird. Und was entfaltet sich im Menschen, indem er sich als freies Wesen in das reine Denken, das aber eigentlich willensmäßiger Natur ist, hineinentwickelt? Es entsteht der Stoff. Wir sehen hinein in Stoffentstehung. Wir tragen selbst in uns dasjenige, was den Stoff entstehen macht: unseren Kopf; und wir tragen in uns das, was den Stoff vernichtet, wo wir es sehen können, wie der Stoff vernichtet wird: unseren Gliedmaßen-, unseren Stoffwechselorganismus.
[ 25 ] Das heißt den Menschen in seiner Ganzheit betrachten. Wir sehen, wie dasjenige, was sonst nur innerhalb des menschlichen Bewußstseins zumeist in Abstraktionen aufgefaßt wird, wie das als reales Element sich am Weltenwerden beteiligt; und wie das, was im Weltenwerden darinnensteht und woran das gewöhnliche Bewußtsein so haftet, daß es sich gar nicht etwas anderes vorstellen kann, als daß es eine Realität ist, wie das bis in die Null hinein aufgelöst wird. Das ist eben eine Realität für das gewöhnliche Bewußtsein, und wenn es schon nicht geht mit den äußeren Realitäten, so müssen es wenigstens die Atome sein, die starre Realitäten sind. Und weil man nicht mit seinen Gedanken loskommen kann von diesen starren Realitäten, so läßt man sie einfach durcheinandermischen, einmal so, einmal so. Das eine Mal wird es Wasserstoff, das andere Mal Sauerstoff, sie sind anders gruppiert, eben weil man nicht anders kann, als das, was man einmal in Gedanken festgehalten hat, auch festgehalten zu denken in der Realität.
[ 26 ] Es ist nichts anderes als eine Gedankenschwäche, der sich der Mensch hingibt, wenn er starre, ewige Atome annimmt. Was sich uns aus dem Wirklichkeitsdenken ergibt, das ist, daß fortwährend aufgelöst wird bis in die Null hinein das Stoffliche. Nur weil, wenn Stoff vergeht, fortwährend neuer Stoff entsteht, redet der Mensch von einer Konstanz des Stoffes. Er gibt sich demselben Irrtum hin, dem er sich hingeben würde, sagen wir, wenn eine Anzahl von Dokumenten in ein Haus hineingetragen, drinnen abgeschrieben. würden, aber als solche verbrannt würden, und die Abschriften wieder herauskommen, und er, weil er dasselbe herauskommen sieht, was hineingetragen ist, denken würde, es sei dasselbe. In Wirklichkeit sind die alten verbrannt worden und neue sind geschrieben worden. So ist es auch mit dem Werden in der Welt, und es ist wichtig, daß man bis zu diesem Punkte mit seinem Erkennen vordringt. Denn da, wo im Menschen Stoff vergeht, zum Scheine wird und neuer Stoff entsteht, da sitzt die Möglichkeit der Freiheit und da sitzt die Möglichkeit der Liebe. Und Freiheit und Liebe gehören zusammen, wie ich schon in meiner «Philosophie der Freiheit» angedeutet habe.
[ 27 ] Derjenige, der durch irgendeine Weltanschauung von der Unvergänglichkeit des Stoffes redet, der vertilgt sowohl die Freiheit nach der einen Seite wie die völlig ausgebildete Liebe nach der anderen Seite. Denn nur dadurch, daß im Menschen Vergangenes ganz vergeht, zum Scheine wird und Zukünftiges neu entsteht, ganz Keim ist, entsteht in ihm sowohl das Gefühl der Liebe, die Hingabe ist an etwas, wozu man nicht gestoßen wird durch das Vergangene, als auch die Freiheit, die ein Handeln ist aus dem, was nicht vorbedingt ist. Freiheit und Liebe sind in Wirklichkeit nur begreifbar für geisteswissenschaftliche Weltanschauung, nicht für eine andere. Wer sich hineingelebt hat in dasjenige, was als Weltenbild im Laufe der letzten Jahrhunderte heraufgekommen ist, der wird auch ermessen können, welche Schwierigkeiten zu überwinden sind gegenüber dem gewohnheitsmäßigen Denken der neueren Menschheit, um mit diesem unbefangenen geisteswissenschaftlichen Denken durchzudringen. Denn es sind in dem modernen naturwissenschaftlichen Weltbilde sozusagen gar keine Anhaltspunkte da, um so weit zu kommen, daß man Freiheit und Liebe wirklich begreifen kann.
[ 28 ] Wie sich nun verhalten müssen gegenüber einer wirklich fortschreitenden geisteswissenschaftlichen Entwickelung der Menschheit auf der einen Seite das naturwissenschaftliche Weltbild, auf der anderen Seite die alten traditionellen Weltenbilder, davon wollen wir dann ein anderes Mal sprechen.
