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The Rudolf Steiner Archive

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Die Verantwortung des Menschen für die Weltentwickelung
durch seinen geistigen Zusammenhang
mit dem Erdplaneten und der Sternenwelt
GA 203

29 Januar 1921, Stuttgart

Achter Vortrag

[ 1 ] Aus den verschiedensten Betrachtungen, die wir angestellt haben, kann Ihnen hervorgehen, daß, wenn auch vielleicht äußerlich nicht bemerkbar, doch ein inniger Zusammenhang besteht zwischen einem Wesen, dem Hauptwesen, das einen Planetenweltenkörper bewohnt in einer gewissen Zeit, und diesem Weltenkörper selbst. Man kann von den verschiedensten Gesichtspunkten aus diesen Zusammenhang zwischen dem Menschen und dem ganzen Erdenleben — könnten wir auch sagen — und alldem, was dazu gehört, betrachten. Wir wollen heute von einem einzelnen Gesichtspunkte aus die Sache ins Auge fassen, um uns von da aus wiederum über das eigentliche Wesen des Menschen Vorstellungen zu bilden.

[ 2 ] Wir wissen ja, daß der Mensch sein Erdenleben absolviert in aufeinanderfolgenden Verkörperungen. Diese aufeinanderfolgenden Verkörperungen bringen ihn in einen innigeren Zusammenhang mit dem eigentlichen Planeten Erde als diejenigen Zeiten, welche zwischen dem Tod und einer neuen Geburt liegen. Die Zeiten, die der Mensch zubringt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, sind für ihn Zeiten eines mehr geistigen Daseins. Er ist in solchen Zeiten der Erde selber mehr entrückt als in den Zeiten zwischen der Geburt und dem Tode.

[ 3 ] Der Erde mehr entrückt sein, oder mit der Erde in einem innigeren Zusammenhange stehen, bedeutet aber jeweils immer auch, in einem gewissen Verhältnis zu stehen zu anderen Wesen. Denn was wir äußerlich sinnlich wahrnehmbare Weltengebiete nennen, das ist schließlich nur der Ausdruck für gewisse Zusammenhänge zwischen geistigen Wesen. Mag zunächst für den physischen Anblick unsere Erde so aussehen, wie die Geologen sie sich vorstellen: daß sie gewissermaßen nur ein Gesteinszusammenhang ist, von einer Lufthülle umgeben —, so ist das doch im Grunde genommen nur der äußere Schein. Was eigentlich da erscheint als dieser Gesteinszusammenhang, das ist doch nur die Leiblichkeit für gewisse geistige Wesenheiten. Und wiederum: Das, was uns erscheint außerhalb der Erde, was uns erscheint so außerhalb der Erde, daß es auf diese Erde herabglänzt als Sternenwelt, auch das ist wiederum so, wie es uns erscheint, nur der äußerliche sinnliche Ausdruck für einen gewissen Zusammenhang von geistigen Wesenheiten, von Hierarchien. Durch dasjenige, was uns als die schwere Erde erscheint, was uns vorzugsweise dadurch nahetritt, daß es gewissermaßen der feste Untergrund ist, auf dem wir unser Leben zwischen Geburt und Tod entwickeln, was uns also als die sinnliche äußere Erde erscheint, durch das entwickeln wir vorzugsweise unser Leben zwischen der Geburt und dem Tode. Durch alles dasjenige, was uns aus dem Weltenraume hereinscheint, was uns als Sternenwelt erglänzt, womit wir so wenig Zusammenhang zu haben scheinen, mit dem haben wir mehr einen Zusammenhang zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Man kann schon sagen, daß es mehr ist als ein Bild, daß es eine Realität von tiefer Bedeutung ist, wenn man sagt: Der Mensch steigt aus Sternenwelten zur physischen Geburt herab, um da sein Dasein zwischen der Geburt und dem Tode zu vollbringen. — Nur dürfen wir uns nicht vorstellen, daß die Gestalt, die wir als den Schein des Weltenalls, den Schein des Kosmos haben, wenn wir hier auf der Erde reden von der Sternenwelt, daß dies auch der Anblick ist, der sich darlebt für unser übersinnliches Schauen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Da bietet sich eben das, was äußerlich dem auf der Erde lebenden Menschen als Sternenwelt erscheint, in seiner inneren Wesenheit, in seiner Geistwesenheit dar. Wir haben es mit dem Inneren dessen zu tun, was für unser irdisches Dasein hier Äußeres ist. Im Grunde müssen wir uns sagen: Sowohl wenn wir gewissermaßen hinunterblicken auf die Erde, wie wenn wir hinaufblicken zum Kosmos, haben wir es für den sinnlichen Anblick immer mit einer Art von Scheingebilden zu tun und kommen zur Wahrheit nur, wenn wir zurückgehen zu den Wesenheiten, die diesem Schein mit den verschiedenen Graden des kosmischen Selbstbewußtseins zugrunde liegen.

[ 4 ] Schein also ist es, möchte ich sagen, ob man hinauf-, ob man hinuntersieht. Die Wahrheit, die Wesenheit liegt hinter diesem Schein. Daß aber der Schein sich uns oben und unten zeigt, das hängt damit zusammen, daß unserem Leben zwischen der Geburt und dem Tode auf der einen Seite und auch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt auf der anderen Seite stets die Möglichkeit droht, aus der Bahn des Vollmenschlichen herauszukommen. Sowohl hier auf der Erde zwischen Geburt und Tod können wir zu verwandt werden dieser Erde, können gewissermaßen in uns den Trieb, den Instinkt entfalten, den Erdenmächten zu verwandt zu werden, wie wir auch zwischen dem Tod und einer neuen Geburt den Trieb entfalten können, den kosmischen Mächten außerhalb der Erde zu verwandt zu werden. Denn hier auf der Erde stehen wir zu nahe dem äußeren bildhaften Ausdruck, dem in sinnliche Materialität sich hüllenden Wesen; hier stehen wir gewissermaßen der inneren Geistigkeit entfremdet da. Wenn wir uns entwickeln zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, stehen wir voll drinnen in der Geistigkeit, erleben wir die Geistigkeit mit, und da droht uns wiederum die Möglichkeit, in dieser Geistigkeit zu versinken, in dieser Geistigkeit uns aufzulösen. Während wir hier auf der Erde der Möglichkeit ausgesetzt sind, im physischen Dasein zu verhärten, sind wir zwischen dem Tod und einer neuen Geburt der Möglichkeit ausgesetzt, im geistigen Dasein zu ertrinken.

[ 5 ] Diese beiden Möglichkeiten rühren davon her, daß neben jenen Mächten, die man anführt, wenn man von der normalen Ordnung der Hierarchien spricht, andere Wesen da sind. Wie sich die elementaren Wesenheiten finden in den drei Reichen der Natur, wie sich dann der Mensch findet, wie sich die höheren Hierarchien finden, von denen man, wenn man von diesen Wesenheiten spricht, im Sinne echter Geisteswissenschaft sagt, daß sie so da sind nach ihren «kosmischen Zeiten», sind neben diesen Wesenheiten andere da, die gewissermaßen zur Unzeit ihr Wesen entfalten. Es sind die luziferischen und ahrimanischen Wesenheiten, von denen wir oft gesprochen haben, und von denen Sie sich ja schon die Vorstellung gebildet haben werden, daß die luziferischen Wesenheiten wesentlich solche sind, die eigentlich so, wie sie jetzt sich darleben, in einem früheren kosmischen Zeitraum gelebt haben sollten. Dagegen sind die ahrimanischen Wesenheiten solche, die so, wie sie jetzt sich darleben, in einem späteren kosmischen Zeitraum leben sollten. Verspätete kosmische Wesenheiten sind die luziferischen Wesenheiten, verfrühte kosmische Wesenheiten sind die ahrimanischen Wesenheiten. Die luziferischen Wesenheiten haben es verschmäht, die Zeit gewissermaßen mitzumachen, die ihnen vorgesetzt war; sie sind nicht dazu gekommen, weil sie es verschmäht haben, die Entwickelung voll mitzumachen. So enthüllen sie sich heute, wenn sie sich offenbaren, als auf früherer Stufe des Daseins zurückgeblieben.

[ 6 ] Die ahrimanischen Wesenheiten können es, wenn wir uns so ausdrücken wollen, nicht erwarten, zu einem späteren Zeitpunkte der kosmischen Entwickelung das zu werden, was in ihnen veranlagt ist. Sie wollen es schon jetzt sein. Daher verhärten sie in dem gegenwärtigen Dasein und zeigen sich uns jetzt in der Gestalt, in der sie eigentlich erst in späterer Entwickelung des kosmischen Lebens ankommen sollten.

[ 7 ] Wenn man hinausblickt in die Weiten des Kosmos, und es zeigt sich einem, ich möchte sagen, das Ensemble der Sterne; was ist dieser An blick? Warum haben wir diesen Anblick? — Wir haben diesen besonderen Anblick, den Anblick der Milchstraße, den Anblick des sonst bestirnten Himmels aus dem Grunde, weil er die Offenbarung ist des luziferischen Wesens der Welt. Was uns gewissermaßen leuchtend, strahlend umgibt, ist die Offenbarung des luziferischen Wesens der Welt, es ist dasjenige, was jetzt so ist, wie es ist, weil es auf einer früheren Stufe seines Daseins zurückgeblieben ist. Und wenn wir über den Erdboden gehen, den starren Erdboden, dann hat dieser starre Erdboden seine Starrheit, seine Härte aus dem Grunde, weil in ihm gewissermaßen zusammengeballt sind die ahrimanischen Wesenheiten, jene Wesenheiten, welche diejenige Stufe, die sie sich jetzt künstlich zulegen, eigentlich erst in einem späteren Zeitpunkte ihrer Entwickelung haben sollten.

[ 8 ] Daher liegt auch die Möglichkeit vor, daß wir, indem wir uns so der Sinneswelt hingeben, durch den Anblick des Himmelsaspektes uns immer luziferischer und luziferischer machen. Also, wenn wir im Leben zwischen der Geburt und dem Tode diese Neigung haben, uns dem Anblick des Himmelsaspektes hinzugeben, so bedeutet das eigentlich nichts Unmittelbares, nichts Direktes, es bedeutet das etwas, was uns als ein Instinkt bleibt aus unserer Zeit, die wir zugebracht haben vor der Geburt oder vor der Empfängnis in geistigen Welten, wo wir mit den Sternen gelebt haben. Da sind wir eine zu starke Verwandtschaft eingegangen mit den kosmischen Welten. Da sind wir zu ähnlich geworden diesen kosmischen Welten, und daher ist uns geblieben aus diesen Welten die Neigung, die ja als keine besonders starke Neigung in der Menschheit auftritt, im sinnlichen Anblick der Sternenwelten besonders aufzugehen. Wir entwickeln diese Neigung, wenn wir durch unser Karma — das wir uns ja allerdings immer zuziehen zwischen der Geburt und dem Tode — die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt zu stark verschlafen, wenn wir zu wenig Neigung entwickeln, dort ein volles Bewußtsein zu haben.

[ 9 ] Das andere dagegen, das Aufgehen in das Leben des Irdischen, das ist es, was wir direkt hier zwischen der Geburt und dem Tode entwickeln. Das ist die eigentliche ahrimanische Möglichkeit in dem Leben des Menschen. Die luziferische Möglichkeit hängt also eigentlich zusammen mit demjenigen, was wir uns zulegen durch unsere Verwandtschaft mit der Schein-Geisteswelt; und die ahrimanische Verwandtschaft, die wir uns zulegen, rührt davon her, daß wir eine zu große Neigung entwickeln zwischen der Geburt und dem Tode zu dem, was uns als sinnliche äußere Welt umgibt. Wenn wir zu stark hineinwachsen in dieses Irdische, wenn wir gewissermaßen so stark in diesem Irdischen aufwachsen, daß wir über dem Aufwachsen im Irdischen keine Hinlenkung unserer Seelenverfassung nach dem Übersinnlichen haben, dann treten in uns die ahrimanischen Verwandtschaften auf.

[ 10 ] Nun hat das alles eine tiefere Bedeutung für die ganze Entwickelung der menschlichen Wesenheit. Wir können dadurch, daß wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt gewissermaßen versinken in der geistigen Welt, und durch das, was wir dann werden, wenn wir hier nicht das richtige Gleichgewicht finden zwischen geistiger und materieller Welt, dadurch also, daß wir eine zu starke Verwandtschaft entwickeln mit dem Außerirdischen, wir können, indem sich solche Dinge immer mehr und mehr summieren und wir in dieser Inkarnation nicht das entsprechende Gleichgewicht finden zwischen dem Geistigen und dem Materiellen, allmählich zu einem Erdendasein kommen — und jetzt in diesem Zeitalter sind solche Dinge überhaupt in der Entscheidung —, unter Umständen schon in der nächsten Inkarnation zu einem solchen Erdendasein kommen, in welchem wir gewissermaßen nicht altern können. Das ist die eine Möglichkeit, die uns als eine gewisse Gefahr bevorstehen kann: das Nicht-Altern-Können. Wir können wiedergeboren werden, und die luziferischen Mächte können uns gewissermaßen zurückhalten auf der Kindheitsstufe; sie können über uns etwas verhängen, so daß wir nicht reif werden. Diejenigen Menschen, die sich allzusehr einer gewissen Schwärmerei, einer nebulosen Mystik hingeben, die eine gewisse Abneigung haben vor einem straffen konturierten Denken, welche es verschmähen, sich klare Vorstellungen zu machen über die Welt, auch diejenigen Menschen, welche es verschmähen, innerlichen Seelenfleiß, innerliche Regsamkeit der Seele zu entwickeln, diejenigen Menschen also, die mehr oder weniger dahinträumen, die setzen sich der Gefahr aus, in der nächsten Inkarnation nicht altern zu können, kindlich im schlimmen Sinne des Wortes zu bleiben. Es ist ein luziferischer Einschlag, der auf diese Weise in die Menschheit hineinkommen wird. Dadurch würden diese Menschen in der nächsten Inkarnation nicht voll in das irdische Leben untertauchen. Sie würden gewissermaßen aus der geistigen Welt sich nicht genügend herausbegeben, um in das irdische Leben einzutreten. Die luziferischen Mächte, welche einmal eine Verbindung eingegangen haben mit unserer Erde, die haben das Bestreben, in dem Menschen solche Instinkte zu entfachen, daß die Erdenentwikkelung des Menschen einmal ankommt bei dieser Stufe, auf der die Menschen Kinder bleiben, auf der die Menschen nicht altern. Die luziferischen Mächte möchten es geradezu dahin bringen, daß einmal auf der Erde keine Greise herumgehen, sondern Menschen, die in einem gewissen Jugendwahn ihr Leben zubringen. Dadurch würden diese luziferischen Mächte die Erde dahin bringen, immer mehr und mehr als ganzer Planet ein Leib zu werden und auch eine gemeinsame Seele zu haben, in der die einzelnen Seelen verschwimmen. Eine gemeinsame Seelenhaftigkeit der Erde und eine gemeinsame Leibhaftigkeit der Erde, das ist es, was Luzifer für die Entwickelung der Menschheit anstrebt, gewissermaßen ein großes organisches Wesen aus der Erde zu machen mit einer gemeinsamen Seele, in der die einzelnen Seelen ihre Individualität verlieren.

[ 11 ] Wenn Sie sich erinnern, daß ja das, wie ich öfters dargelegt habe, worauf es ankommt in der Erdenentwickelung, nicht im mineralischen, nicht im pflanzlichen, nicht im tierischen Reiche liegt, die ja alle im Grunde genommen Abfälle der Entwickelung sind, sondern daß das, worauf es ankommt, sich eigentlich abspielt innerhalb der Grenzen der menschlichen Haut, und daß innerhalb der Organisation des Menschen die Kräfte liegen, die die Entwickelungskräfte unseres Planeten sind, dann werden Sie begreifen, daß das, was zuletzt aus der Erde wird, nicht ersehen werden kann, wenn wir uns physikalische Vorstellungen bilden; diese physikalischen Vorstellungen haben nur ein eng begrenztes Interesse für uns. Vorstellungen, was aus der Erde werden kann, bekommen wir nur, wenn wir die menschliche Wesenheit selber kennen. Diese menschliche Wesenheit kann aber eine Verbindung, eine Kräfteverwandtschaft eingehen mit der luziferischen Macht, welche sich mit der Erde verbunden hat, und dann kann die Erde gewissermaßen zu wenig individualisierte Wesen tragen; sie kann mehr ein Gesamtrwesen, ein unbestimmtes Gesamtwesen werden mit einer gemeinsamen Seelenhaftigkeit. Das ist es, was die luziferischen Mächte anstreben. Wenn Sie das Bild nehmen, das manche nebulosen Mystiker sich von einem ihnen wünschenswerten Zukunftszustande machen, den sie immer so schildern, daß sie aufgehen wollen im All, den sie so schildern, daß sie höchstens verschwinden wollen in irgendeinem pantheistischen Ganzen, dann werden Sie in solchem Sinne schon etwas wahrnehmen von dem, wie in manchen Menschenseelen dieser luziferische Hang lebt.

[ 12 ] Das andere ist, daß auch ahrimanische Wesenheiten mit unserer Erde eine Verbindung eingegangen haben. Sie haben die entgegengesetzte Tendenz, Sie wirken vor allen Dingen durch diejenigen Kräfte, die unseren Organismus wie an sich heranziehen zwischen der Geburt und dem Tode, die unseren Organismus ganz und gar durchsetzen mit Geistigkeit, das heißt, immer mehr und mehr uns intellektualistisch machen, immer mehr und mehr uns vom Verstande durchziehen. Denn von der Verbindung der Seele mit dem physischen Leib hängt unsere wache Intelligenz ja ab, und wenn sie hypertrophiert, wenn sie zu stark wird, dann werden wir dem physischen Dasein zu ähnlich, dann verlieren wir auch das Gleichgewicht. Dann tritt diejenige Neigung auf, welche den Menschen verhindert, in der richtigen Weise in der Zukunft abzuwechseln zwischen Erdenleben und geistigem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.

[ 13 ] Das ist es, was in Ahrimans Streben liegt, den Menschen gewissermaßen abzuhalten davon, in der richtigen Weise in der folgenden Erdenzeit durch Erdenleben und überirdische Leben zu gehen. Ahriman möchte den Menschen abhalten, künftige Inkarnationen durchzumachen. Er möchte ihn schon jetzt in dieser Inkarnation so machen, daß er alles durchlebt, was er auf der Erde durchleben kann. Man kann das nur intellektuell, man kann das nicht vollmenschlich. Aber es gibt allerdings die Möglichkeit, daß der Mensch so gescheit werde, daß er sich in seiner Gescheitheit Vorstellungen machen kann von alledem, was es noch auf der Erde geben kann. Es ist ja das auch ein Ideal, das manche Menschen haben, so recht in ihren Verstand hereinzubekommen eine Vorstellung von dem, was es noch alles auf der Erde geben kann. Aber man kann nicht die Erlebnisse, die man noch in künftigen Leben haben wird, hereinbekommen; man kann nur die Bilder, die intellektuellen Bilder, die sich dann verhärten im physischen Leib, in dieses Leben hereinbekommen. Und dann bekommt man eine tiefe Abneigung, künftige Inkarnationen mitzumachen. Dann sieht man geradezu eine Art von Seligkeit darin, nicht mehr auf der Erde erscheinen zu wollen.

[ 14 ] Mit den dekadenten Morgenländern — ich habe Ihnen ja öfters dargestellt, wie die morgenländische Kultur in die Dekadenz gekommen ist — kann insbesondere Ahriman diese Abirrung erzeugen. Während die Morgenländer allerdings im Inneren mehr beherrscht sind von luziferischen Mächten, kann sich Ahriman an ihre Wesenheit heranbegeben und kann ihnen gerade dadurch, daß sie von luziferischen Mächten eingenommen sind, die Neigung einpflanzen, in einer bestimmten Inkarnation mit dem irdischen Leben abschließen zu wollen, nicht mehr innerhalb eines physischen Leibes erscheinen zu wollen. Dann kann sogar von gewissen Lehrern der Menschheit, die im Dienste Ahrimans wirken, als ein Ideal aufgestellt werden, daß der Mensch anstreben soll, in einer bestimmten Inkarnation, bevor die Erde selber an ihr Ziel gelangt ist, mit dem Erdendasein abzuschließen und nicht mehr ein physisches Dasein betreten zu müssen.

[ 15 ] Unter all den Dingen, welche auftreten in gewissen theosophischen Lehren, die sklavisch dem heutigen dekadenten Morgenlande entlehnt sind, tritt das auf, was ja niemals irgendwie in unsere anthroposophische Anschauung übernommen worden ist, daß es sogar ein besonderer Vollkommenheitsgrad des Menschen sei, wenn man nicht mehr im irdischen Leben erscheinen soll. Das ist eine ahrimanische Anwandlung. Durch diese ahrimanische Anwandlung wird ja im Grunde genommen auch etwas Furchtbares erzeugt. Durch diese ahrimanische Anwandlung könnte die Erde dahin kommen, nun nicht ein einheitlicher großer Organismus mit einer einheitlichen Seelenhaftigkeit zu werden, wozu sie Luzifer machen will, sondern die Erde könnte dahin kommen, gerade sich zu überindividualisieren. Die Menschen würden einmal ankommen bei einer Stufe ahrimanischer Entwickelung, auf der sie zwar sterben würden; aber das Furchtbare würde sich ereignen, daß die Menschen, nachdem sie gestorben sind, möglichst erdenähnlich würden, möglichst an der Erde kleben blieben, so daß die Erde selber nur zu einem Ausdruck der einzelnen individuellen Menschen würde. Es würde gewissermaßen die Erde eineKolonie sein der einzelnen individuellen Menschenseelen.

[ 16 ] Das ist etwas, was Ahriman mit der Erde anstrebt: die Erde ganz und gar zum Ausdrucke dieser Intellektualität zu machen, sie ganz zu intellektualisieren. Heute muß die Menschheit durchaus einsehen, daß das Erdenschicksal vom Menschenwillen selber abhängt. Die Erde wird dasjenige sein, was der Mensch aus ihr macht. Die Erde wird nicht dasjenige sein, was physikalische Kräfte aus ihr machen. Diese physikalischen Kräfte werden abfallen, werden keine Bedeutung haben für die Erdenzukunft. Die Erde wird das sein, was der Mensch aus dieser Erde macht.

[ 17 ] Wir leben gewissermaßen in einer entscheidungsvollen Stunde der Erdenentwickelung, in der die Menschen sich dreierlei sagen können. Das eine ist, in nebuloser Mystik, in Träumeret, im physisch-sinnlichen Befangensein und Eingenommensein, also im Dahinbrüten — und das Leben in der Sinnlichkeit ist ja auch nur ein Dahinbrüten — zu leben, in einem schläfrigen Zustande, in dem man nicht in klaren Begriffen das Leben mitmacht. Das ist das eine, was gewissermaßen Neigung der Menschen werden kann.

[ 18 ] Das zweite, was Neigung der Menschen werden kann, ist, sich ganz zu durchdringen mit Intellekt und Verstand, gewissermaßen alles zusammenzuraffen, was der Verstand nur zusammenraffen kann, überall das zu verachten, was Poesie und Phantasieprodukte ausgießt über das irdische Dasein, überall nur hinzusehen auf das Mechanische, auf das pedantisch Perückenhafte. Die Menschen stehen heute vor der Entscheidung, entweder geistige Wollüstlinge zu werden, die ganz und gar in ihrem eigenen Dasein untergehen — denn ob man untergeht im eigenen Dasein durch nebulose Mystik oder wüste Sinnlichkeit, ist einerlei, denn das sind im Grunde genommen nur zwei Seiten einer und derselben Sache —, oder aber über alles nüchtern nachzudenken, alles zu schematisieren, alles einzugliedern und einzuteilen. Das sind die zwei Möglichkeiten.

[ 19 ] Die dritte Möglichkeit ist, den Ausgleich, das Äquilibrium zwischen den beiden zu suchen. Von dem Äquilibrium kann man nicht in einer so bestimmten Weise sprechen, wie von dem einen oder von dem anderen Extrem. Das Aquilibrium muß dadurch angestrebt werden, daß man beides in der entsprechenden Weise, ich möchte sagen, zur Rechten und zur Linken hat und weder von dem einen noch von dem anderen zu stark angezogen wird, sondern durch beides im Gleichgewicht des Lebens hindurchgeht, das eine durch das andere geregelt sein läßt, das eine durch das andere geordnet sein läßt.

[ 20 ] Diese kosmische Entscheidungsstunde steht heute vor der menschlichen Seele. Der Mensch kann sich entscheiden, entweder den luziferischen Verlockungen zu folgen und die Erde nicht fertig werden zu lassen, die Erde sein zu lassen, wie der alte Mond war, die Erde, ich möchte sagen, zur Karikatur zu machen von dem alten Monde, sie zu etwas werden zu lassen wie einen großen Organismus, der eine individualisierte träumerische Seele hat, in der die Menschenseelen enthalten sind wie in einem gemeinsamen Nirwana, oder aber sich zu überintellektualisieren, überindividualisieren, die Gemeinsamkeit der Erde aufzugeben, nichts Gemeinsames haben zu wollen, sondern den Leib zu sklerotisieren, zu verknöchern, indem man zuviel Verstand in diesen Leib hineingießt. Der Mensch kann sich entscheiden, ob er den Leib zum Schwamm macht durch nebulose Mystik und Sinnlichkeit oder aber zum Stein, durch Überintellektualität, Überverselbständigung. Und die heutige Menschheit macht Miene, nicht das Gleichgewicht haben zu wollen zwischen beiden, sondern das eine oder das andere haben zu wollen.

[ 21 ] Wir sehen auf der einen Seite immer mehr und mehr die westlichen Instinkte sich entfalten, die auf Intellektualismus und Verselbständigung, auf Pedantismus hinauslaufen, die alles so beurteilen wollen, daß der Mensch eben zu stark hineindrängt den Intellektualismus in die Leiblichkeit. Wir sehen auf der anderen Seite vom Osten her die andere Gefahr drohen, daß die Menschen ihren Leib durchfeuern, verbrennen. Wir sehen das in den Anschauungen des dekadenten Morgenlandes und wir sehen es in den Entwickelungen im Osten Europas, in den furchtbaren sozialen Bestrebungen, die dort auftreten und die nur der andere Aspekt sind. Es ist schon einmal heute die Entscheidungsstunde über die Menschheit gekommen. Die Menschheit muß sich heute entschließen, das Äquilibrium zu finden. Und man kann das, was eigentlich der Menschheit heute als Aufgabe gestellt ist, nur erkennen aus den Tiefen geisteswissenschaftlicher Erkenntnis heraus. Man muß sich aneignen diejenigen Begriffe, die einen aufmerksam machen können, was für Entwickelungsmöglichkeiten nach der einen und nach der anderen Seite für die Menschheit vorliegen. Auf der einen Seite haben wir das Aufgehen in Nirwana, das ja schon eine «heilige Lehre des Orients» geworden ist, aber weit entfernt ist von der alten Auslegung des Nirwana, das eigentlich ein Anstreben des Äquilibrium aus dem alten Hellsehen heraus war. Was sich der dekadente Orientale heute noch immer unter dem Nirwana vorstellt, ist die verluziferisierte Welt. Was auf der anderen Seite immer mehr und mehr aus den westlichen Bestrebungen herauskommt, aus den Bestrebungen, die aus der modernen Zivilisation sich herausentwickeln, insofern diese moderne Zivilisation sich nicht durchdringt mit geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, das ist die Vermechanisierung der Welt, ist immer mehr und mehr das Streben, die Vorgänge des menschlichen Daseins mechanisch zu machen. Ahrimanisierung auf der einen, Luziferisierung auf der anderen Seite.

[ 22 ] Wenn fortgesetzt werden würde, was ich ja das letzte Mal von einem gewissen Gesichtspunkte aus als das chaotische, unorientierte Leben der letzten Zeiten bezeichnet habe, dann würde unzweifelhaft eintreten die Ahrimanisierung der Menschheit. Diese Ahrimanisierung kann nur hintangehalten werden, wenn in das überintellektuelle Leben, in das überindividualisierte, ganz von Egoismen durchzogene Dasein der Menschen die Anschauung von der geistigen Welt hineingebracht wird. Wir brauchen überall diese Anschauung von der geistigen Welt. Wir haben vor allen Dingen nötig, daß in die einzelnen Wissenschaften diese geistigen Impulse hineinkommen, sonst wird es nach und nach dahin kommen, daß die einzelnen Wissenschaften wie eine abstrakte Autorität über der Menschheit walten, und daß die Menschheit ganz und gar von diesen einzelnen Wissenschaften, die sie mit autoritativer Gewalt umklammern, ahrimanisiert wird. Insbesondere in der heutigen Zeit, in der die sozialen Lebensrätsel so heranschlagen an die menschliche Entwickelung, ist es wichtig, den Blick aufzuheben zu dem, was darstellt den Zusammenhang des Menschen mit seinem planetarischen Leben.

[ 23 ] Verkümmert ist innerhalb der alten Bekenntnisse nach den verschiedensten Seiten hin, was menschliche Vorstellungen sind über den Zusammenhang des menschlichen Wesens mit der geistigen Welt. Verkümmert zu einem bloßen abstrakten Verstandesbekenntnis droht zum Beispiel das evangelische Bekenntnis zu werden, verkümmert zu einem äußeren Machtprinzip ist das römische Bekenntnis. Das sind ja nur andere Ausdrücke für dasjenige, was an den Menschen versuchend herantritt. Nötig ist aber, daß der Mensch seine innerliche Orientierung findet, daß er einen innerlichen Impuls erlangt, um den Blick frei zu haben, hinaus zu dem, was ihn verbindet mit seinem Planeten und durch seinen Planeten mit dem ganzen Kosmos. Der Mensch muß wiederum fühlen: Geologie ist nicht Erdenkunde. Der Anblick eines Gesteinskolosses, auf dem Wasserozeane sind und der von Luft umgeben ist, das ist nicht die Erde, und was uns umgibt als Milchstraße und Sonnen, das ist nicht das Weltenall. Das Weltenall sind unten ahrimanische, oben luziferische Wesenheiten, die durch den äußeren Sinnenschein erscheinen, und Wesenheiten der normalen Hierarchien, zu denen sich der Mensch aufschwingt, wenn er durch beide Sinnenscheine hindurch auf die Wahrheit kommt; denn die eigentlichen Wesenheiten erscheinen nicht im äußeren Sinnenschein, sie offenbaren sich nur durch diesen äußeren Sinnenschein hindurch.

[ 24 ] Das muß der Mensch der Gegenwart erkennen: Ich kann schauen auf die Erde. Bin ich in der Lage, mir zu deuten, was mir auf der Erde unten erscheint als Ausfluß von geistigen Wesenheiten, dann nehme ich dasjenige wahr, was in Cherubimen, Seraphimen, Thronen lebt. Bin ich aber nicht imstande, mir dasjenige, was auf der Erde lebt, geistig vorzustellen, gebe ich mich der Illusion dessen hin, was von der Erde mir sinnlich erscheint, dann bleibe ich Geologe, dann kann ich mich nicht aufschwingen zum Geosophen, dann verahrimanisiert mein Wesen. Und blicke ich hinauf zu den Sternenwelten und bilde mir nur Vorstellungen über dasjenige, was ich sinnlich schaue, dann verluziferisiere ich. Bin ich imstande, durch das, was mir im äußeren Schein erscheint, das Geistige zu deuten, bin ich imstande mir zu sagen: Ja, mir erscheinen Sterne, mir erscheint eine Milchstraße, mir erscheinen Sonnen, sie künden mir an Kyriotetes, Exusiai, Dynamis — Weisheiten, Mächte, Gewalten —, dann finde ich das Äquilibrium.

[ 25 ] Es handelt sich nicht darum, daß wir von kosmischen Wesenheiten reden als etwas Besserem, als die irdischen Wesenheiten sind, sondern es handelt sich darum, daß wir überall durch den Sinnenschein durchdringen zu der wahrhaften Wesenhaftigkeit, zu jener Wesenhaftigkeit, mit der wir als Menschen eigentlich zusammenhängen. Der Sinnenschein als solcher trügt uns nicht. Wenn wir den Sinnenschein in der richtigen Weise uns deuten, dann sind die geistigen Wesenheiten da, dann haben wir sie. Der Sinnenschein als solcher ist nicht trügerisch, nur unsere Anschauung vom Sinnenschein kann trügerisch sein — durch unsere zu starke Verwandtschaft mit dem Irdischen zwischen Geburt und Tod auf der einen Seite, durch unsere zu starke Verwandtschaft auf der anderen Seite mit dem Außerirdischen, während wir es durchschreiten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt.

[ 26 ] Von solchen Vorstellungen erfährt der Mensch ja heute kaum irgend etwas, wenn er nur auf das hinsieht, was sich allmählich innerhalb unserer Zivilisation herausgebildet hat. Daß das einmal anders war, das hat diese Zivilisation, ich möchte sagen, ganz und gar vergessen. Die Menschen lesen ja heute sogar mit einer gewissen Gier, was über Naturdinge im 12., 13. Jahrhundert geschrieben worden ist, aber sie lesen es nicht vernünftig genug. Wenn sie es vernünftig läsen, so würden sie sehen, daß die Zeit, in der man so dachte, wie man jetzt denkt, eigentlich erst ein paar Jahrhunderte alt ist, daß man anders gedacht hat über die Dinge der äußeren Welt noch im 11., 12., 13. Jahrhundert, selbst noch im 14. Jahrhundert; daß man im Stein nicht den Stein, in der Erde nicht die Erde gesehen hat, sondern den Leib von Göttlich-Geistigem. Und in den Sternen hat man schon gar nicht gesehen das, was man heute sieht, sondern die Offenbarung des Göttlich-Geistigen. Es ist erst in den letzten Jahrhunderten so geworden, daß der Mensch lediglich eine Geologie und eine Kosmologie hat, aber nicht eine Geosophie und Kosmosophie! Unter der Kosmologie würde er verluziferisieren, unter der Geologie würde er verahrimanisieren, wenn er sich nicht zum Äquilibrium rettete durch eine Geosophie und durch eine Kosmosophie. Denn im Grunde genommen gibt, weil der Mensch aus dem ganzen Weltenall herausgeboren ist, das alles zusammen erst die Anthroposophie. Die Anthroposophie besteht aus diesen einzelnen Sophien, aus Kosmosophie, Geosophie und so weiter. Wir verstehen den Menschen nur richtig, wenn wir ihn in einen geistigen Zusammenhang zu bringen wissen mit dem Weltenall. Dann werden wir ihn nicht einseitig nur in seiner Verwandtschaft mit dem Lichte aufsuchen, was ein Frönen gegenüber den luziferischen Gewalten wäre, werden ihn auch nicht einseitig bloß nach der Verwandtschaft mit der Schwere aufsuchen, was ein Frönen gegenüber den ahrimanischen Mächten wäre, sondern wir werden versuchen, in seinen Willen hinein den Impuls zu gießen, der ihn befähigt, das Äquilibrium zwischen Licht und Schwere, zwischen der Hinneigung zum Irdischen und der Hinneigung zum Luziferischen in sich aufzunehmen. Der Mensch muß zu diesem Gleichgewicht kommen, und er kann nur dazu kommen, indem er wiederum Übersinnliches zu seinen sinnlichen Begriffen dazubekommt.

[ 27 ] Nun noch etwas ganz Paradoxes: Nehmen Sie einmal das vor die Seele, wovon jetzt gesagt worden ist, daß der Mensch es wissen muß, damit er eine Entscheidung treffen kann in diesem Weltenalter; nehmen Sie an, daß der Mensch eigentlich reden müßte von der möglichen Ahrimanisierung oder Luziferisierung der Welt. Nehmen Sie also das vor Ihre Seele hin, daß dieses eine wichtige Angelegenheit der Menschheit ist, und dann nehmen Sie das, was Sie heute in der gebräuchlichen Literatur lesen, was Ihnen aus den Hörsälen und aus den sonstigen Bildungsanstalten herausdringt als das geistige Leben, und betrachten Sie den großen Abstand, so werden Sie sehen, was notwendig ist, damit die Menschen aus dem heutigen Leben heraus, aus der Dekadenz heraus zu demjenigen kommen, was dringend nötig ist. Ernstes Arbeiten auf geistigem Gebiete, das ist es, was dringend nötig ist. Das kann man nur, wenn man sich entschließt, solche Begriffe ernst zu nehmen, wie diejenigen sind, von denen wir heute auch wiederum gesprochen haben. Morgen wollen wir davon weiter reden.