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The Rudolf Steiner Archive

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Die Verantwortung des Menschen für die Weltentwickelung
durch seinen geistigen Zusammenhang
mit dem Erdplaneten und der Sternenwelt
GA 203

27 Februar 1921, Stuttgart

Dreizehnter Vortrag

[ 1 ] Die Zeiten, in denen wir leben, sind so ernst, daß es nicht angeht, irgendwie gegenwärtig an persönliche Verhältnisse zu denken. Und so gestatten Sie, daß ich nur mit einigen Worten kurz Ihrer verehrten Vorsitzenden den herzlichsten Dank für ihre lieben Worte ausspreche, und daß ich gleich übergehe zu dem, was ich glaube, Ihnen zu sagen zu haben, nachdem wir uns ja längere Zeit hier in Holland nicht gesehen haben.

[ 2 ] Die Zeitverhältnisse, in denen wir leben, sind viel ernster, als die meisten Menschen der Gegenwart in ihr Bewußtsein aufgenommen haben. Diese Zeitverhältnisse dürfen wir ja hier von denjenigen Gesichtspunkten aus besprechen, die uns ein langjähriges Studium der anthroposophischen Geisteswissenschaft an die Hand gibt. Wir wissen, daß wir in einer Zeitepoche leben, welche in ihrer besonderen Eigenart im 15. Jahrhundert begonnen hat. Damals hat sie langsam ihre Eigentümlichkeiten zu entwickeln begonnen. Und diejenigen, welche als in die geistigen Verhältnisse der Menschheitsentwickelung Eingeweihte diese Entwickelung überschauen können, wissen, daß die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts einen besonderen Tiefstand der menschlichen Entwickelung bedeutet innerhalb der neuzeitlichen, insbesondere der europäischen Zivilisation. Und dieser Tiefstand, den wir charakterisieren können als das Heraufkommen eines besonderen Einschlages von Egoismus in alle Glieder der zivilisierten Menschheit, eines Egoismus, wie er vorher nicht da war, diese Welle einer besonderen Entwickelung hat dann ihre furchtbaren Ausläufer hereingeschickt in das 20. Jahrhundert, und diese Ausläufer halten gegenwärtig durchaus noch die Menschheit in ihrem Bann.

[ 3 ] Wenn ich sage: Eine Welle von Egoismus ist heraufgezogen in der ganzen modernen Zivilisation —, so spreche ich nicht im trivialen Sinn von dem, was man gewöhnlich Egoismus nennt, sondern ich spreche in dem Sinn von Egoismus, wie wir es im Laufe dieser heutigen Vormittagsbetrachtung noch ein wenig durchschauen wollen, und wie es klar ist demjenigen, der eben in die eigentlichen Geheimnisse der neueren Menschheitsentwickelung eingeweiht ist.

[ 4 ] Wir kennen ja die Glieder der menschlichen Natur. Wir wissen, daß seit langer Zeit die seelischen Glieder der menschlichen Natur in einer besonderen Umgestaltung, in einer besonderen Entwickelung begriffen sind. Wir wissen, daß, wenn wir in uralte Zeiten der Menschheitsentwickelung zurückgehen, wir dann innerhalb einer uralten indischen Entwickelung es zu tun haben mit einer besondern Formung des menschlichen Ätherleibes, daß dann aber beginnt eine besondere Formung des Astralleibes, und daß eine gewisse mittlere Entwickelung stattgefunden hat während jenes Zeitraumes der europäischen Entwickelung, die etwa um das Jahr 747 vor Christus im Süden Europas begonnen hat, und die ihren Abschluß gefunden hat eben im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts. Damals hat jene Epoche menschlicher Entwickelung begonnen, in der wir noch heute drinnenstehen. 747 vor dem Mysterium von Golgatha beginnt diejenige Entwickelungsphase der Menschheit, in der namentlich die sogenannte Verstandes- oder Gemütsseele sich entfaltete. Und alles dasjenige, was die Menschheit heute noch schätzt als griechische Kultur, hat sich dadurch entwickelt, daß gerade in dieser Zeit die Verstandes- oder Gemütsseele in ihrer höchsten Entwickelung war. Allerdings, während sich die ganz wunderbare griechische Kultur entwickelte, war das, was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen, in aufsteigender Entwickelung. Es war noch nicht an seinem Höhepunkt angekommen. Denn solche Höhepunkte sind immer für die Menschheitsentwickelung in gewisser Weise auch Prüfungszeiten. Die Griechen hatten zu ihrer Entwickelung die Jugendfrische, könnte man sagen, der Verstandes- oder Gemütsseele durchzumachen. Und aus dieser Jugendfrische eines noch nicht vom Egoismus durchdrungenen Verstandes, aus dieser Jugendfrische des menschlichen Gemütes heraus ist dann die ja auch von der Nachwelt so bewunderte griechische Zivilisation entstanden. Das Lateinertum, das Römertum hat dann schon etwas übernommen von diesem Verstandesseelencharakter, was in absteigender, in dekadenter Entwickelung war. Wer ein tieferes Verständnis hat für dasjenige, was in der Römerkultur lebte, der weiß, daß der Verstand da schon in seine Kulmination kommt. Da geht es mit dem Verstande zu einem Höhepunkte hinauf. Daher haben die Römer so abstrakte Begriffe ausgebildet, haben dasjenige ausgebildet, was es für das ganze alte Morgenland noch nicht gab, was es in dem Sinne, wie wir es in Europa kennen, auch für das Griechentum nicht gegeben hat: die Römer haben die Rechtsbegriffe, die juristischen Begriffe ausgebildet. Man betrachtet heute die Welt außerordentlich äußerlich; und man betrachtet dasjenige, was wir über das Jus, über das Recht denken, was eigentlich erst aus der römischen Verstandesseele herauskommt, als etwas, was auch schon im alten Morgenland, etwa bei Hammurabi und dergleichen vorhanden gewesen wäre. Das ist aber nicht der Fall. Sowohl der Dekalog, die Zehn Gebote, wie auch dasjenige, was in anderen Dokumenten aus jener Zeit vorhanden ist, war im Grunde genommen etwas ganz anderes als dasjenige, was unsere modernen Rechtsbegriffe sind. Die sind etwas Abstraktes, etwas, was der menschlichen Seele nicht mehr ganz nahe ist. Und alles das, was in dieser Weise Verstandesentwickelung ist, hat seinen Höhepunkt erreicht innerhalb der europäischen Zivilisation in einem Zeitalter, das eigentlich äußerlich geschichtlich wenig studiert wird, das aber für den, der die menschliche Entwickelung im geistigen Sinne betrachten will, außerordentlich wichtig und bedeutsam ist.

[ 5 ] Das markante Jahr, auf das man da hinweisen kann als für die europäische Entwickelung in ganz besonderer Weise wichtig, ist das Jahr 333 nach dem Mysterium von Golgatha. 333 nach dem Mysterium von Golgatha ist die Mitte des vierten nachatlantischen Zeitraumes. Es ist derjenige Zeitpunkt, in dem eine fluktuierende Welterkenntnis und eine fluktuierende Menschheitserkenntnis zu gleicher Zeit in Europa lebte. Nichts von einer eindringlichen Welterkenntnis, wie die Griechen sie noch hatten; nichts auch von einem ordentlichen Erfassen des Inneren ist vorhanden, dafür aber ein Schwanken der Menschen bald hin zu der Sehnsucht nach großen Welterkenntnissen, bald hin zu der Sehnsucht nach Eigenerkenntnis, nach Selbsterkenntnis. Die Menschenseele der europäischen Völker hat ja viel durchgemacht gerade in diesem vierten nachatlantischen Zeitraum. Das Römertum schickte sich dazumal an zu seinem Untergang. Es überließ dann nur seine Sprache, es überließ sein gewissermaßen wertvolles Kultur-Hauptmaterial der europäischen Menschheit. Und so lebte dann die Menschheit durch die zweite Hälfte dieses vierten nachatlantischen Zeitraumes bis in das 15. Jahrhundert herein, in dem der unsrige begonnen hat.

[ 6 ] Wir haben von dem vorhergehenden Zeitraum, in dem die meisten Menschen von uns ein oder mehrere Erdenleben durchgemacht haben, in irgendeiner Weise — teilweise durch physische Vererbung, namentlich aber dadurch, daß wir die vorher inkarnierten Seelen waren — in unseren fünften nachatlantischen Zeitraum das Erbe dieses vierten nachatlantischen Zeitraumes hereingetragen und dieses Erbe angetreten. In allem, was heute unsere Zivilisation ist, lebt dieses Erbe des vierten nachatlantischen Zeitraumes.

[ 7 ] Wir haben den Verstand, das Denken in die Bewußtseinsseele hereingearbeitet. Das bedeutet viel. Die Bewußtseinsseele, die den Menschen zur eigentlichen Durchdringung, zum eigentlichen Verständnis seines Ich bringt, hat sich im Beginn dieses fünften Zeitraumes zunächst des Denkens, des Vorstellungslebens, des Intellektes bemächtigt. Die Menschheit ist gescheit, ist klug geworden, aber klug innerhalb der Bewußtseinsseele. Das ist in der Menschheitsentwickelung die Ausarbeitung des Egoismus bis zum feinsten Raffinement. Diese Zeit des Egoismus dürfen wir nicht bloß schelten, wir dürfen uns nicht bloß kritisierend über sie hermachen, sondern wir müssen dieses Zeitalter des Egoismus, trotzdem es so viele Versuchungen bringt, trotzdem es den Menschen in so große seelische und auch äußerliche Gefahren bringt, als dasjenige anerkennen, in dem das Ich-Bewußtsein in seiner besonderen Schärfe auftritt. Dadurch wird es den Menschen möglich, ein richtiges Gefühl der Freiheit in sich aufzunehmen. Dieses Gefühl von der Freiheit, das haben wir in unseren früheren Inkarnationen, in den früheren Epochen der Menschheitsentwickelung alle nicht gehabt. Wir mußten durch den Egoismus, der so viele Versuchungen darbietet, durchgehen, um zu der Sehnsucht nach Freiheit zu kommen, wie sie nur die moderne Menschheit hat. Und das gehört zu den wichtigsten anthroposophischen Erkenntnissen, daß wir wissen: wir mußten etwas aufnehmen, um eine wichtige Etappe der Menschheitsentwickelung zu übersteigen, die Etappe zur Freiheitsentwickelung. Aber wir müssen uns eben gerade deshalb bewußt sein, daß dieses Überschreiten mit vielen Versuchungen, mit vielen Gefahren in seelisch-geistiger und auch in leiblicher Beziehung für die Menschheit verknüpft ist. Und anthroposophisch orientierte Erkenntnis muß uns die Möglichkeit bringen, das Freiheitsgefühl voll aufzunehmen, aber zu gleicher Zeit es zu veredeln, es zu durchdringen wiederum mit einer geistigen Welterkenntnis, welche trotz des reifen vorhandenen Ich-Gefühls, des reifen vorhandenen IchBewußtseins doch die Menschheit dazu bringt, Aufgaben zu lösen, die nicht bloß Aufgaben des Egoismus, sondern Aufgaben der ganzen Menschheitsentwickelung, ja der ganzen Erdenentwickelung, der ganzen Weltentwickelung sind.

[ 8 ] In dieser Beziehung stehen wir heute vor einem großen Wendepunkte in der ganzen neueren Zivilisation. Es ist einmal eine Zeit der Prüfungen da. Vor den Menschen stehen große Aufgaben. Aber das Erkennen dieser Aufgaben ist außerordentlich schwierig, und es ist noch dadurch erschwert, daß wir eben durch das Zeitalter des großen Egoismus durchgegangen sind.

[ 9 ] Wir schlafen vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Das ist richtig. Wir sind da in einem Zustand herabgedämpften Bewußtseins. Wohl die meisten von Ihnen kennen den Schlaf durch die negative Art, wie er sich ankündigt, eben dadurch, daß das Bewußtsein herabgedämpft ist. Aber nicht in derselben Weise beurteilen die Menschen die Zeit des Wachseins. Diese Zeit des Wachseins, die Zeit vom Aufwachen bis zum Einschlafen, die war eigentlich anders noch für den vierten nachatlantischen Zeitraum. Die Menschen glauben ja heute, daß sie so wachen, wie auch, sagen wir, um die Zeit des Mysteriums von Golgatha die Menschen gewacht haben. Das ist nicht der Fall. Die ganze Seelenverfassung war eine andere. Die Menschen wachten dazumal anders. Sie hatten ein viel stärkeres Bewußtsein von ihrem Leibe. Sehen Sie, der heutige Mensch weiß ja im Grunde genommen von den leiblichen Vorgängen außerordentlich wenig. Die Griechen, allerdings nicht die Griechen der späteren Zeit, aber die Griechen der vorsokratischen oder vorplatonischen Zeit wußten von den Vorgängen des eigenen Leibes noch außerordentlich viel. Der wirklich gebildete Grieche sah zum Beispiel zur Sonne auf. Er empfing von der Sonne das Licht. Er empfing damit ein Gefühl, daß er etwas Ätherisches einsaugte, daß er selber in seinem Inneren das Licht fortgeleitet erhielte. Und wenn er dachte, dann sagte er: Das Licht, die Sonne denkt in mir. Das war für den Griechen der vorsokratischen Zeit noch ein reales Gefühl. Er dachte nicht so abstrakt über das Denken, wie wir heute abstrakt über das Denken denken. Er dachte: Die Sonne denkt in mir; sie läßt ihr Licht durch mich aufsaugen; das Licht, das da draußen die Dinge bescheint, das da draußen die Dinge sichtbar macht, das wirkt in mir, indem es sich gewissermaßen in sich selber zurückspiegelt so, daß in mir die Gedanken aufkeimen. — Die Gedanken, die in ihm waren, waren dem Griechen Sonnenlicht. Sie waren ihm zu gleicher Zeit dasjenige, was in ihm lebte dank der Wirkung göttlich-geistiger Wesenheiten im Makrokosmos. Sie waren ihm zu gleicher Zeit dasjenige, was ihn eigentlich über seine gewöhnliche Menschenwürde zu dem Göttlichen hinaufhob. Der Mensch empfand sich über das Irdische hinausgehoben, wenn er so das Sonnenlicht in sich als Denken erlebte. — Und wenn der besonders gebildete Grieche aß, so betrachtete er zwar das Essen, womit er dasjenige aufnahm, was nicht die Sonne direkt gibt, sondern was aus der Erde kommt, als eine Lebensnotwendigkeit, aber er fühlte sich zu gleicher Zeit verwandelt in die Speisen, die durch seinen Mund, durch seine Speiseröhre, durch die übrigen Verdauungsorgane er selbst wurden. Er fühlte sich eins mit diesen Speisen, wie er sich eins fühlte mit dem Sonnenlicht. Und er fühlte die Schwere der Erde, indem er verdaute. Er fühlte sich gewissermaßen wie die ja von ihm noch nicht hochgeschätzte, sondern etwas scheu beobachtete Schlange, welche sich der Erde entwindet, welche aber, wenn sie gegessen hat, das Verdauen in einer ganz besonders sichtbaren Weise besorgt. So fühlte der Grieche dasjenige, was in seinem Leibe vorging, sei es dasjenige, was er als das helle Sonnenlicht, das in ihm dachte, empfand, sei es, daß er dasjenige, was ihn an das Irdische kettete, das Speiseaufnehmen, in sich erlebte. Er fühlte durch die innige Verbindung des Verstandes mit dem eigenen Leibe dasjenige, was in ihm auch als physischer Mensch lebte, auf eine besonders energische Art. Das können Sie auch aus folgendem entnehmen.

[ 10 ] Wenn wir heute in der gewöhnlichen Weise Menschen malen, wie es Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt innerhalb der jetzigen Generation zahlreiche Maler gemacht haben, so lügen wir ja eigentlich. Wir sehen die Menschen von außen an und glauben, daß wir da irgend etwas hervorbringen von dem, was wir erleben. Es ist ja gar nicht wahr, daß wir das erleben können. Wir könnten es nur erleben, wenn wir heraufzaubern könnten in uns die Art und Weise, wie sich der Mensch mit der ganzen Natur durchfühlte, so wie es bei den Griechen der Fall war. Dieses müssen wir ja erst wiederum lernen auf einem ganz anderen Wege, als es die Griechen gehabt haben. Wir haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts abstrakt-theoretisch eine solche innere Seelenverfassung erlangt, die uns nicht mehr unseren Leib wirklich durchleben läßt, sondern die in Vorstellungen lebt, welche unanschaulich sind, weil wir das Denken für die Egoität erobert haben, für das Ich. Dessen müssen wir uns bewußt sein. Und wir müssen uns bewußt werden, daß wir wiederum Geistigkeit aufnehmen müssen aus anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, damit die Egoität mit etwas angefüllt werden könne, damit wiederum dasjenige in unser Leben komme, jetzt auf eine andere Art, was in uns wirklich ist, was die Griechen unmittelbar elementar erlebt haben, was aber nicht hat fortdauern können. Denn schließlich, wenn der Grieche ging, so ging er mit einer Naturnotwendigkeit, ähnlich wie wenn der Blitzstrahl durch die Wolken zuckt, wie wenn der Donner rollt. Er kannte nichts von Freiheit. Er kannte den Menschen. Er wußte sogar mehr über den Menschen, als man heute meint. Er wußte zum Beispiel noch Worte zu geben, die deutlich zeigen, daß der Mensch etwas wußte von dem Zusammenhang zwischen Geistig-Seelischem und Physisch-Leiblichem. Die griechischen Worte, oder diejenigen Worte, die vom Griechen geblieben sind, sind heute noch viel bezeichnender als diejenigen, die aus unserer nichts mehr erkennenden therapeutischen oder pathologischen Anschauung kommen. Hypochondrie zum Beispiel ist Unterleibsknorpeligkeit. Das ist etwas, was die Griechen aus ihrer vollen Erkenntnis, wie die Knorpeligkeit in einem gewissen Teile des Leibes durch das Schaffen des SeelischGeistigen ist bei solchen Menschen, die hypochondrisch sind, als Namen gegeben haben. Diese Namen bedeuten viel mehr, als die heutigen Menschen ahnen, und als irgendwie die heutige Medizin aus ihrem abstrakten Denken heraus gewinnen kann, wenn sie auch experimentiert, seziert und so weiter. All die Dinge, die Realitäten sind, die uns wieder durchschauen lassen die Welt, müssen wir ja erst wiederum aufnehmen. Das aber ist die Aufgabe geisteswissenschaftlicher Vertiefung, daß wir wiederum zu Wirklichkeiten, zu Realitäten kommen.

[ 11 ] In diesen vierten nachatlantischen Zeitraum, in dem die Menschen gewissermaßen das durchmachten, was physische Selbsterkenntnis war, was ein Durchschauen des Menschlich-Leiblichen war, gerade in diese Zest — annähernd ins erste Drittel hinein — fällt das größte Ereignis der Erdenentwickelung, das Mysterium von Golgatha. Wie ist die Zeit beschaffen, in die das Mysterium von Golgatha hineinfällt? Je weiter wir zurückgehen, desto mehr finden wir in den alten Zeiten, in der griechischen Zeit, in der ägyptisch-chaldäischen, in der persischen, in der altindischen Zeit, ein solch unmittelbares Erkennen der ganzen menschlichen Wesenheit. Dieses Erkennen der ganzen menschlichen Wesenheit verschwindet dann. Die letzten Reste davon sind vorhanden in der Zeit, als das Mysterium von Golgatha eintrat. Es war noch etwas von instinktivem, altem Menschheitserkennen da. Zum Beispiel diejenigen Persönlichkeiten, die uns beschrieben werden in den Evangelien als die Apostel oder als die Jünger des Herrn, hatten noch etwas von alten Erkenntnissen, aber durchaus instinktiv, nicht klar in ihren Seelen lebend. Auch andere hatten noch solche Erkenntnisse. Es waren solche Erkenntnisse in jener Zeit vielfach in der Dekadenz, aber sie waren noch da. Sie waren absterbend, verglimmend, aber es war doch noch so viel geblieben für jene Zeiten von den alten Erkenntnissen, daß eine große Anzahl von Menschen noch nach diesen alten Erkenntnissen das Mysterium von Golgatha begreifen konnte; namentlich als hineingestellt wurde in die Zeitentwickelung der durch göttliche Mächte eingeweihte Apostel Paulus, der ja selber ansichtig wurde der geistigen Welt. Durch alles das wurden die Zeitbedingungen geschaffen, aus denen heraus das Mysterium von Golgatha noch in einer gewissen ursprünglichen, instinktiven Weise begriffen werden konnte. Viele Menschen waren schon in einer späteren Entwickelungsphase drinnen. Namentlich die gebildeten Griechen und die gebildeten Römer hatten schon viel zu abstrakte Begriffe, um das Mysterium von Golgatha wirklich zu begreifen. Aber gewisse Menschen hatten sich die letzten Reste alter, hellsichtiger Erkenntnis und namentlich hellsichtiger Traditionen erhalten, und die begriffen noch, daß da wirklich eine außerirdische Macht, der Christus, sich verbunden hat mit einem irdischen Menschen, dem Jesus von Nazareth. Das Jahr 333 war gewissermaßen das Jahr, in dem die letzten Nachzügler derjenigen da waren, die innerhalb Europas das Mysterium von Golgatha wirklich verstanden; aber nicht verstanden etwa mit unserer anthroposophischen Geisteswissenschaft — die war natürlich dazumal noch nicht da —, sondern mit den Resten der alten Erkenntnis, desjenigen, was von der Gnosis zurückgeblieben war und dergleichen. Es war noch eine gewisse Geist-Erkenntnis da. Uraltes, menschliches Erbgut lebte in den menschlichen Seelen. Mit dem konnten sie das Mysterium von Golgatha begreifen.

[ 12 ] Was ist geblieben von diesem Mysterium von Golgatha? Verstandesmäßige Traditionen. Alte Gnosis wurde zur Theologie, zum bloß logischen Begreifen des Göttlichen. Theo-Logie; bloßes logisches Begreifen, nicht mehr Anschauen des Göttlichen.

[ 13 ] Und immer mehr und mehr kam seit dem Jahre 333 in die Dekadenz das unmittelbare Anschauen des Mysteriums von Golgatha, bis das verhängnisvolle 9. Jahrhundert eintrat, wo auf dem achten allgemeinen ökumenischen Konzil zu Konstantinopel im Jahre 869 das Dogma erlassen wurde, der Mensch bestünde nicht aus Leib, Seele und Geist, sondern es sei Pflicht des Christen anzuerkennen, daß der Mensch nur aus Leib und Seele bestehe, und die Seele einige geistige Eigenschaften habe. Dazumal wurde die Trichotomie, wie man es nannte — die einzig und allein mögliche Menschenerkenntnis, daß der Mensch aus Leib, Seele und Geist bestehe — dogmatisch abgeschafft, und es wurde befohlen, als rechtgläubig anzuerkennen das Dogma, daß der Mensch nur aus Leib und Seele bestehe. Die modernen Philosophen geben vielfach vor, sie gingen von einer voraussetzungslosen Erkenntnis aus, und sie reden von dem Leib auf der einen Seite, von der Seele auf der anderen Seite. Sie reden vom Geiste höchstens in einer sehr phrasenhaften Weise, denn sie kennen ihn ja nicht. Sie würden ihn erst erkennen, wenn sie anthroposophische Geisteswissenschaft anerkennen würden. Diese «voraussetzungslose Philosophie», die heute vielfach gelehrt wird, was ist sie denn? Sie ist das Ergebnis des Dogma vom achten ökumenischen Konzil im Jahre 869. Und während die großen Philosophen unserer Zeit deklamieren, daß sie voraussetzungslose Wissenschaft treiben, prägen sie eigentlich nichts anderes als in neuere Formen dasjenige, was das achte ökumenische Konzil der Christenheit als Dogma vorgeschrieben hat.

[ 14 ] Das muß man durchschauen. Man muß sich völlig klar sein darüber, daß schon die Hinweisung auf den Geist innerhalb des Entstehens der modernen Zivilisation noch in der zweiten Hälfte des vierten nachatlantischen Zeitraumes als gefährlich angesehen worden ist. Wir stehen heute vor der Verpflichtung, wiederum die Menschheit hinzuweisen auf den Geist, der durch eine lange Zeit der europäischen Zivilisation geradezu für den Teufel erklärt worden ist. Und geblieben sind nach dem Jahre 333 im Grunde genommen nur Traditionen der alten christologischen Erkenntnis. Traditionen!

[ 15 ] Für dasjenige, was künstlerisch ist, sieht man leichter ein, wie es Tradition geblieben ist. Sehen Sie sich zum Beispiel noch an die Bilder von Cimabue, da werden Sie sehen, daß da eine Welt lebte, die sogleich, indem sie bei Giotto auftaucht, eine andere wird. In Cimabue lebt noch etwas, wie es in Dante zum Beispiel auch noch lebte, was die späteren Menschen gar nicht mehr erleben. Aber dieses Drinnenstehen in der geistigen Welt, was bei Cimabue noch vorhanden war, hörte später auf. Später ist es eine Verlogenheit, wenn man einen Goldhintergrund macht. Für Cimabue war das noch eine Selbstverständlichkeit. Und sehen Sie sich die russische Ikone an, das ist nicht irgend etwas, was nach einem Modell gemacht wird, sondern das ist etwas, wo noch alte Traditionen leben; Traditionen von einem Hellsehen, das zur Zeit des Mysteriums von Golgatha noch vorhanden war und der Menschheit das Mysterium von Golgatha verständlich machte. Dann kamen die Zeiten, in denen durch äußere Machtmittel die Traditionen aufrechterhalten wurden. Und dann kam die Zeit des 19. Jahrhunderts, wo die gewöhnliche Seelenregsamkeit, die so große, bedeutsame Früchte in Naturwissenschaft und Technik gebracht hat, auch auf die Theologie angewendet wurde. Was ist aber in der Theologie daraus geworden? Aus dem Christus Jesus, aus der Verkörperung einer außerirdischen Wesenheit wurde «der schlichte Mann aus Nazareth»; zwar der vorzüglichste Mensch, aber eben nicht der Träger einer überirdischen Wesenheit. Naturalismus wurde die Theologie. Je menschlicher die modernen Theologen den Jesus von Nazareth auffassen, je weniger sie Christologie zu treiben veranlaßt sind, desto mehr lieben sie das. Sie möchten sich auch in der Theologie nur erheben bis zu der Beschreibung des Menschen Jesus von Nazareth, nicht bis zum Erfassen des Christus als einer überirdischen Wesenheit, die gewohnt hat in dem Menschen Jesus von Nazareth.

[ 16 ] Wer heute in die Weltenereignisse vom Geiste aus etwas eingeweiht ist, muß manches anders sehen, als die Menschen es nach äußerlichen Beurteilungen sehen. Jenes Mitteleuropa, das solch tragisches Schicksal heute erlebt, hat ja auch unter manchem anderen, was zu besprechen nicht hierher gehört, es ausgehalten, einen Adolf Harnack als einen großen Gelehrten anzusehen; jenen Menschen, der es zuwege gebracht hat, zu sagen, der Sohn gehöre nicht in das Evangelium, sondern nur der Vater, und das Evangelium solle man so verstehen, daß man nur von dem Menschen Jesus von Nazareth spreche und von dem, was dieser Mensch gelehrt habe über den Vatergott. Abgesetzt sollte werden durch die Harnacksche Theologie das Aufblicken zu der Geistigkeit des Christus. Harnacksche "Theologie in Mitteleuropa bedeutete in Wahrheit Abschwören des Christentums, Verleugnen des Christentums, bedeutete das Aufrichten derjenigen Weltanschauung, die ausdrücklich erklärt: Wir wollen nichts mehr wissen von der Geistigkeit des Christus. Das ist das Bedeutsame, welches gekommen ist über die neuere Menschheit, daß über die lebenswichtigsten Begriffe die verkehrtesten Anschauungen da sind.

[ 17 ] Und so weiß die Menschheit heute, was Schlafen ist vom Einschlafen bis zum Aufwachen, aber sie ist gewöhnlich nicht aufmerksam, was das andere Schlafen ist vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wenn wir im Alltag herumgehen und über die wichtigsten Dinge uns Illusionen, Träumen hingeben. Die neuere Menschheit schläft nicht nur, wenn sie in der Nacht im Bette liegt — das ist sogar noch das bessere Schlafen —, die neuere Menschheit schläft im Gebiete ihres Egoismus, wenn sie sich einsperrt in ihr Inneres, wenn sie den menschlichen Leib nicht kennenlernt, wenn sie aber auch nicht zu geistiger Selbsterkenntnis vorschreiten will. Es ist eine andere Art des Schlafens als in der Zeit, die zugebracht wird vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Um das zu verstehen, müssen wir allerdings einmal hinschauen auf die Natur des Einschlafens und des Schlafens vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Was geschieht denn da eigentlich mit dem Menschen? Warum ist es so für die Anschauung des modernen Menschenverstandes, als ob Schlafen in der Seelenverfassung für den jetzigen Menschen dasselbe wäre wie für den alten Griechen? Der Grieche wachte nicht so, der Ägypter erst recht nicht, wie der heutige Mensch wacht, und er schlief auch nicht so. Wir müssen für jedes Zeitalter gerade diese Seelenverfassung im besonderen kennenlernen. Wenn des Menschen Seele, also Ich und Astralleib sich loslösen im Schlafe vom physischen Leib und Ätherleib, die dann im Bette liegen bleiben, wo ist die Seele, also Ich und Astralleib, dann in der Schlafenszeit?

[ 18 ] Mit solch äußeren Beschreibungen, daß da eine Wolke sich äußerlich erhebt über dem physischen Leibe — was ja durchaus für die äußerliche, für die ganz äußerliche Hellsichtigkeit eine Tatsache ist —, ist es aber nicht getan. Man muß auf das Innere sehen. Man muß auf das sehen, was die Seele wirklich zwischen dem Einschlafen und Aufwachen erlebt. Beim heutigen Menschen erlebt die Seele zwischen dem Einschlafen und Aufwachen diejenigen Erlebnisse, welche wiederum durchlebt werden von den noch nicht auf der Erde verkörperten Seelen. Also nehmen wir ein Ereignis, das gerade jetzt, in diesem Augenblick, bevor ich mit dem Vortrage angefangen habe, an mich herangetreten ist: Einem Anthroposophen ist ein Töchterchen geboren worden. Es war vor einem Jahr in der geistigen Welt und hat seit dem Jahr den Versuch gemacht, herunterzusteigen in die physische Welt. Es war also in der geistigen Welt die ganzen früheren Jahrzehnte, die wir schon älter sind als dieses Mädchen, das geboren worden ist. Während wir nun jeweils geschlafen haben, lebten wir tatsächlich vom Einschlafen bis zum Aufwachen auch in der Welt, diedieses Mädchen vor der Empfängnis beziehungsweise vor der Geburt durchlebt hat. Das ist auch unsere Welt. Die noch nicht verkörperten Seelen erleben etwas; mit denen leben wir im fünften nachatlantischen Zeitalter beim Schlafen zusammen und in allen Ereignissen, die ähnlich sind denjenigen, die solche Seelen in der geistigen Welt erleben. — Dagegen leben wir mit demjenigen, was wir beim Wachen verschlafen, vom Aufwachen bis zum Einschlafen, in den Erbschaften des alten irdischen Lebens. Was zurückgeblieben ist vom Indertum, vom Persertum, vom Ägyptertum, was aber auf der Erde erlebt worden ist geistig, mit dem leben wir ganz zusammengekrampft egoistisch in unserem Inneren, weil wir es ja in unsere Inkarnation hereintragen. Mit dem leben wir bei Tage, die Gegenwart verschlafend — denn die hat sehr viele geistig erfaßbare Ereignisse —, aber uns zusammenkrampfend mit den Vorstellungen, die wir von früher haben, die wir sogar in unserer Sprache hartnäckig festhalten, denn die Sprache enthält vielfach für uns kristallisiertes altes Weisheitsgut. Wir opponieren dagegen, dieses alte Weisheitsgut irgendwie auf unsere Seelen wirken zu lassen. Wir reden heute zum Beispiel vom Messer und von der Schere, und wir bedenken meistens nicht, wenn wir das Schneiden der Schere ins Auge fassen, daß da dem Wort das Scheren zugrunde liegt, das Sie hier an jedem Coiffeurladen angeschrieben finden. Und beim Messer, da liegt eine moralische Vorstellung zugrunde; das hängt mit dem Maß zusammen, mit dem Zumessen. Das Messer war dasjenige, womit man dem anderen die Gabe zugeschnitten, zugemessen hatte. Die Dinge, die in den Worten kristallisiert sind, die sind altes Geistesleben. Die Worte gebrauchen wir heute gedankenlos, die Dinge aber ruhen in den Tiefen unseres Wesens. Wenn die Sprache sich aus uns entringt, dann ist es so, daß wir da miterleben alte Erdenzeiten. Vom Aufwachen bis zum Einschlafen erleben wir geistig alte Erdenzeiten, auch schlafend; und vom Einschlafen bis zum Aufwachen erleben wir diejenigen Ereignisse, die zum Herabsteigen der Seelen ins irdische Leben weisen.

[ 19 ] Sehen Sie, das sind Realitäten, das sind Wirklichkeiten. Diese Wirklichkeiten muß sich eine neuere Menschheit wohl einprägen, wenn sie nicht durchaus nur mit den Niedergangskräften sich bekanntmachen will, sondern auch mit den Aufgangskräften. Es wäre viel besser, wenn eine größere Anzahl von Menschen des Abends vor dem Einschlafen etwas anderes machen würde, als was heute die Menschen machen. Denken Sie nur einmal, was das Letzte bei vielen Menschen ist, wenn sie abends schlafen gehen. Für die heutige Menschheit wäre es richtig zu sagen: Ich möchte hineingehen in diejenige Welt, in der Aufgangskräfte sind, in der die Kräfte erlebt werden, welche die Seelen hier in die irdische Welt herunterführen; in der diese Kräfte geistig erlebt werden. Zukunftskräfte erlebt der Mensch heute zwischen Einschlafen und Aufwachen. Und er sollte daher eine gewisse Begierde entwickeln nach denjenigen Lehren, die von der geistigen Welt reden, die ein Bewußtsein darüber entwickeln, was durchlebt wird von den Seelen, wenn sie in einem ähnlichen Zustande sind, aber bewußt, wie die Seelen sonst zwischen Einschlafen und Aufwachen. Da heraus, aus dieser Welt muß kommen dasjenige, was die großen Impulse gibt, um die Zivilisation weiterzubringen, um die Zivilisation wiederum zu heilen. Da heraus müssen die geistigen, die staatlichen und auch die sozial-wirtschaftlichen Impulse kommen, welche als Heilkräfte unserer Zivilisation sich entfalten müssen. Denn in unserer Zeit müssen wir wieder gewinnen die Möglichkeit, das Mysterium von Golgatha spirituell-geistig aufzufassen.

[ 20 ] Sehen Sie, was ist denn das Wesentliche — oder sagen wir ein Wesentliches, denn es gibt ja natürlich unzählig viel Wesentliches — im Mysterium von Golgatha? Ein Gott, eine überirdische Wesenheit ist heruntergestiegen, hat Wohnung genommen im Jesus von Nazareth. Eine Eigenschaft solcher Wesenheiten ist die, daß sie nicht sterben können. Alle diejenigen Wesenheiten, die Sie beschrieben finden in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» als die Wesenheiten der höheren Hierarchien, der Angeloi, Archangeloi und so weiter bis hinauf zu den höchsten, den Seraphinen und Cherubinen und so weiter, sie sterben nicht in demselben Sinn; Sie können das nachlesen, wie ihr Lebensschicksal ist; sie sterben nicht in einer solchen Weise, wie die Menschen sterben. Was hat der Christus, der aus diesen höheren Hierarchien hervorgegangen ist, auf sich genommen? Er stirbt in einem Menschenleibe. Das, sehen Sie, ist sein bedeutungsvollster Übergang zur Wirksamkeit innerhalb der Erdenmenschheit. Er starb in einem Menschenleibe. Er hat dasjenige Erlebnis des Sterbens durchgemacht, das andere Götter, die mit der Erde verbunden sind, nicht durchmachen. Das hat man noch einigermaßen verstanden bis zum Jahre 333, das müssen wir wieder lernen zu verstehen. Wir müssen wieder lernen zu verstehen, daß in der Tat eine außerirdische Wesenheit das Erlebnis des Sterbens mitgemacht hat und dadurch aufgegangen ist in der Erdenentwickelung, mit uns lebt in der Erdenentwickelung. Aber wir müssen die große Bescheidenheit entwickeln, zu erkennen, daß ja diese Wesenheit natürlich weit über dem, was menschliche Seelenverfassung erleben kann, steht. Diese Wesenheit ist herabgestiegen aus Welten, wo nicht gestorben wird. Wer sind die dienenden Wesen für diese Christus-Wesenheit? Es sind nicht alle zu demselben Opfer gekommen; es sind nicht alle auf die Erde herabgestiegen und gestorben. Wesenheiten, angefangen von der Hierarchie der Angeloi bis hinauf in die höheren Hierarchien dienen dem Christus, der sich mit der Erdenentwickelung vereinigt hat. Aber wir entdecken sie nicht, wenn wir uns nicht aufschwingen zur überirdischen Erkenntnis der höheren Hierarchien. Dasjenige, was zu dem Christus führt, muß aus der Erkenntnis geistiger Welten gesucht werden. Wir brauchen zuerst Geisteswissenschaft, damit wir zur Christus-Erkenntnis wiederum kommen können. Denn der Christus ist auf der Erde, aber das, was ihn umgibt, das ist in der Welt der höheren Hierarchien. Und es war die große Versuchung der Menschheit in der neueren Zeit, daß sie die neuere Naturwissenschaft mit ihren großen Triumphen durchmachte, daß sie die Anerkenntnis der bloßen äußeren Naturkräfte in sich aufgenommen hat. Aber hinter all diesen Naturkräften leben die geistigen Wesenheiten. Das ist schon richtig, was die neuere Naturwissenschaft sagt, aber hinter diesen Naturkräften leben lenkend und leitend die geistigen Wesenheiten, die dienen dem Christus. Der Christus ist in alledem, was Erdenentwickelung ist. Überirdische Wesen dienen ihm, aber überirdische Wesen werden nur durch Geisteswissenschaft erkannt. Deshalb hat auch Geisteswissenschaft gegenüber der Erneuerung des Christentums eine unbegrenzt bedeutsame Aufgabe. Sie sehen daraus, daß wir heute diese Geisteswissenschaft nicht so betreiben können, daß wir sie nur als persönliche Angelegenheit betrachten. Diese Geisteswissenschaft ist heute eine Angelegenheit der ganzen zivilisierten Menschheit. Und deshalb war es durchaus eine innere Notwendigkeit, daß von Anfang an innerhalb des Kreises, der dann den Namen «Anthroposophische Gesellschaft» erhalten hat, die Geisteswissenschaft in einer anderen Weise getrieben worden ist, als etwa in der Theosophischen Gesellschaft. Die Theosophische Gesellschaft hatte von Anfang an in ihrer ganzen Konstitution etwas Sektiererisches, etwas was rechnete mit dem Egoismus der neueren Zeit. Der Anthroposophie war die Aufgabe zugefallen, mit dem modernen Bewußtsein zu rechnen; mit demjenigen zu rechnen, was sonst äußere Kultur der Menschheit ist, und da hineinzutragen die Ergebnisse des geistigen Anschauens. Alle kleineren Streitigkeiten und Katzbalgereien kommen demgegenüber gar nicht in Betracht. Das Wesentliche war, daß von mir rein erhalten werden mußte jene geistige Bewegung, die mit der gesamten modernen Wissenschaft rechnet. Dabei kommt es mir nicht darauf an, ob der eine oder der andere dieses oder jenes anerkennt. Möge die ganze Welt heute noch schimpfen, möge die ganze Welt nur in negativer Weise kritisieren, darauf kommt es nicht an, sondern darauf kommt es an, daß in Wirklichkeit dasjenige, was von mir als Geisteswissenschaft vertreten wird, in vollem Einklange steht mit der modernen wissenschaftlichen Gesinnung und dem modernen moralischen Gewissen. — Ich mußte vorangehen lassen die «Philosophie der Freiheit», die Verkündigung des Karma. Ich habe es oftmals mit tiefem Herzeleid in dem Kreise der Theosophen hören müssen, daß sie gesagt haben: Wenn den oder jenen ein Leid trifft, oder wenn der oder jener sozial ein geplagtes Wesen einer niedrigeren Klasse oder Kaste ist, so ist das eben in seinem Karma, das hat er eben so verdient. — Das war eine Ausdeutung der Karmaidee, wie die egoistischen Menschen des 19. oder 20. Jahrhunderts sie brauchten. Diese Menschen bedachten nicht, daß wir ja nicht nur in diesem gegenwärtigen Erdenleben leben, sondern daß wir auch in künftigen leben werden. Und wir haben heute nicht immer zurückzuschauen auf dasjenige, was wir in vergangenen Erdenleben hatten, sondern wir haben auch zu bedenken, daß wir in kommenden Erdenleben auf das als etwas erstes zurückzublicken haben werden, was wir jetzt erleben. Freiheit ist mit der Karmaidee in vollem Einklange, nur daß alles dasjenige, was im Kontobuch des Lebens auftritt, in einem karmischen Zusammenhang steht.

[ 21 ] Wenn ich das Lebensschicksal seinen Aktiva und Passiva nach addiere, und nachher die Differenz bilde, so bekomme ich eine Lebensbilanz, aber deshalb sind die einzelnen Zahlen nicht einer Naturnotwendigkeit unterworfen, ebensowenig wie die einzelnen Zahlen des kaufmännischen Kontobuches vom Fleiße und dergleichen abhängen, und zuletzt sich doch mit Notwendigkeit eine Bilanz ergibt. So ist im Lebenskarma Freiheit absolut vereinbar mit der Karmaidee. Wir dürfen uns nicht der Bequemlichkeit eines Fatalismus hingeben, wenn wir die Karmaidee als etwas voll Berechtigtes hinstellen. Ebenso muß Geisteswissenschaft mit dem modernen Gewissen, mit der moralischen Gesinnung der modernen Menschheit in vollem Einklang stehen. Und deshalb trat auch in der Zeit, in welcher gewissermaßen die Katastrophe eintrat für alles dasjenige, was seelisch, geistig und physisch der Egoismus der modernen Menschheit verschuldet hat, die Notwendigkeitheran, in einem großen Umfange mit Geisteswissenschaft zu wirken.

[ 22 ] Wäre es denn ehrlich und redlich gewesen, immerzu zu predigen, Geisteswissenschaft sei da, um der Menschheit zu helfen, und dann keine sozialen Anschauungen zu haben in den Zeiten, in denen die sozialen Forderungen so dringend geworden sind wie heute? Soll die Menschenliebe nicht fortschreiten zu sozialer Erkenntnis? Sollen wir bloß bei dem phrasenhaften Deklamieren über Menschenliebe bleiben? Sollen wir nicht vielmehr fortschreiten zu realen sozialen Impulsen? Sehen Sie dieses Fortschreiten zu realen sozialen Impulsen als ein Ergebnis, als Grunderkenntnis der Geisteswissenschaft an, als ein Ergebnis desjenigen, was ich Ihnen heute über Wachen und Schlafen, über schlafendes Wachen und das Aufwecken des Schlafens durch die Geisteswissenschaft gesagt habe; sehen Sie es als ein Ergebnis derjenigen Erkenntnis an, die Ihnen sagt: die dienenden Geister des Christus, sie werden uns erst klar, wenn wir in die geistige Welt hinaufschauen, dadurch wird uns auch erst — durch Geisteswissenschaft — das Mysterium von Golgatha in einem der heutigen Menschheit entsprechenden Sinne wiederum klar; — sehen Sie es als ein Ergebnis alles dessen an, daß Geisteswissenschaft heute nicht innerhalb von irgendwelchen sektiererischen Logen oder Zweigen stehenbleiben darf, sondern daß wir sie hinaustragen müssen so gut wir können, jeder nach dem Maße, wie er an seinem Platze steht. In Dornach durfte nicht bloß eine sektiererische Stätte geschaffen werden, sondern es mußte eine solche Stätte geschaffen werden, wo alle Wissenschaften, das ganze tätige Leben, das soziale Leben, das künstlerische Leben befruchtet werden kann. Eine Angelegenheit der breiten Menschheitsmassen muß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft werden, trotzdem wir ihr wichtigstes, dasjenige, was uns eigentlich dann so recht zu Herzen geht, was uns die Kräfte im Inneren aufleben läßt, eben in dem engeren Kreise unserer Zweige betreiben. Da sollen wir uns die Kräfte sammeln, um eine gewisse höhere Erkenntnis, die wir zuerst aufnehmen in diesen Zweigen, heranbilden zu können. Diese Erkenntnis muß aber herangebildet werden. Denn wir leben heute in einem Zeitalter, in dem die Menschen eigentlich nicht wissen, was sie wollen, weil sie das wichtigste im Leben verschlafen, in dem sie aber alle ein Wiedererkennen des Geistes wollen. Das müssen wir als die Pioniere, möchte ich sagen, der geistigen Erneuerung, als Anthroposophen, in unserem tiefsten Herzen fühlen.

[ 23 ] Deshalb wünsche ich auch so recht von Herzen, daß innerhalb der Zweige auch von Holland lebe ein solch ernstes, fleißiges und emsiges Studieren desjenigen, was aus geistigen Welten an Erkenntnissen gegeben werden kann in unserer Bewegung. Ich wünsche ein recht fleißiges Studieren innerhalb der Zweige. Aber ich wünsche, daß es nicht bleibe bei der Tätigkeit innerhalb der Zweige, daß dasjenige, was in den Zweigen getrieben wird, nur der Ausgangspunkt sein möge eines Heraustretens unter alle Menschen, eines jeden in seiner Weise, damit diejenigen Sehnsuchten, die heute in der ganzen Menschheit leben, gerade durch die anthroposophisch orientierte Geistesanschauung befriedigt werden können. Das ist es auch, warum wir verstehen sollten, worin diese Sehnsuchten der modernen Menschheit bestehen. Glauben wir nicht, materialistisch zu werden, indem wir die Materie durchgeistigen. Seien wir uns klar darüber, daß ein großes Unglück vor der Menschheit steht, wenn man es nicht in der rechten Weise erkennt, um es abzuwenden.

[ 24 ] Das achte ökumenische Konzil im Jahre 869 hat aus der Menschheit das Hinblicken auf den Geist ausgetrieben. Diejenigen, die so recht materialistisch gesinnt sind, möchten die nächste Etappe vorbereiten; sie möchten vorbereiten, auch die Seele abzuschaffen, und es zu einer allgemeinen dogmatischen Erkenntnis des modernen und zukünftigen Lebens machen, daß der Mensch überhaupt nur Leib sei. Und auf Mittel sinnen gewisse teuflische Eingeweihte, wie man — jetzt nicht durch seelische Einflüsse, sondern durch Ingredienzien, durch gewisse Säfte, die man der Natur entnimmt — materialistisch erziehen, materialistisch den Menschen überhaupt zubereiten könne als Leib. Mehr mit anderen Grundsätzen, als denjenigen der Waldorfschule — die spirituelle Proteste sind gegen den modernen Materialismus —, sinnen andere Menschen die experimentelle Psychologie aus, die heute allerlei Experimente macht, um die Fähigkeiten zu prüfen. Das ist nur die Vorstufe desjenigen, was man eigentlich will. Man will nicht mehr mit seelischen Mitteln das Kind erziehen, sondern mit äußerlich materiellen Mitteln, damit die Fähigkeiten in leiblicher Beziehung sich entwickeln. Wir kommen zur Automatisierung des Menschen, wenn wir uns nicht im rechten Zeitpunkt besinnen darauf, daß nicht der Weg gemacht werden darf, zu dem abgeschafften Geiste auch noch die Seele abzuschaffen, sondern daß der Weg umgekehrt gemacht werden muß, wie er seit dem achten ökumenischen Konzil gegangen worden ist; daß der Weg gemacht werden muß, den Geist wiederum zu finden, und das, was von ihm wiederum gefunden werden kann, in der Menschheit, in allen Zweigen des menschlichen, praktischen Lebens zu pflegen.

[ 25 ] Das möchte ich, nachdem wir uns wiederum nach längerer Zeit haben sehen dürfen, in Ihre lieben Seelen, in Ihre Herzen gelegt haben. Pflegen Sie Geisteswissenschaft erstens als eine Herzensangelegenheit, so wie sie der einzelne Mensch pflegen muß heute, um selber vorwärtszukommen. Pflegen Sie dann dasjenige, was Sie selber so in sich aufgenommen haben, indem Sie es in die Menschheit hineintragen auf allen Gebieten des Lebens. Dann werden Sie allmählich den Weg finden, um innerhalb der heutigen schweren, ernsten Prüfungszeit der Menschheit das Rechte, ein jeder an seinem Platze, zu tun.