Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Anthroposophy as Cosmosophy I
GA 207

23 September 1921, Dornach

Translate the original German text into any language:

Erster Vortrag

Lecture I

[ 1 ] Ich werde am Sonntag in dem Vortrage, den ich dann zu halten habe, Ihnen hier an dieser Stelle eine Übersicht geben über das, was sich durch den Stuttgarter Kongreß und sonst auf dem Gebiete der anthroposophischen Bewegung innerhalb Deutschlands in den letzten Wochen zugetragen hat. Heute wollen wir einiges durchsprechen, was sich an mancherlei anschließt, was wir hier schon betrachtet haben, und wodurch wir den Zusammenhang herstellen können zwischen den folgenden Tagen und demjenigen, was wir hier behandelt haben, bevor ich nach Deutschland abgereist bin.

[ 1 ] Not translated

[ 2 ] Wenn ein orientalischer Weiser alter Zeit — wir müßten, um dasjenige zu betrachten, was ich hier sagen will, allerdings in sehr alte Zeiten der orientalischen Kultur zurückgehen —, wenn ein solcher orientalischer Weiser, der eingeweiht war in die Mysterien des alten Morgenlandes, seinen Blick wenden würde auf die heutige abendländische, die westliche Zivilisation überhaupt, so würde er, diese Zivilisation beurteilend, vielleicht zu den Angehörigen dieser westlichen Zivilisation sagen: Ihr lebt eigentlich ganz von der Furcht. Eure ganze Seelenverfassung ist von der Furcht beherrscht. Alles, was ihr tut, aber auch alles, was ihr empfindet, ist durchtränkt in den wichtigsten Augenblicken des Lebens und in seinen Auswirkungen durch die Furcht, und da die Furcht außerordentlich verwandt ist mit dem Haß, so spielt der Haß eine große Rolle in eurer ganzen Zivilisation.

[ 2 ] If an Oriental sage of ancient times—we must return to very ancient times of Oriental culture if we are to consider what I wish to say here—one who had been initiated into the mysteries of the ancient East, were to turn his gaze on modern Western civilization, he might say to its representatives, “You are really living entirely in fear; your whole mood of soul is governed by fear. Everything you do, but also everything you feel, is saturated with fear and its reverberations in the most important moments of life. Since fear is closely related to hatred, hatred plays a great role in your entire civilization.”

[ 3 ] Verstehen wir uns recht, meine lieben Freunde. Ich meine, so würde, wenn er heute wiederum mit demselben Bildungsgrad, mit derselben Seelenverfassung unter den westlichen Menschen stehen würde, ein Weiser der alten orientalischen Kulturwelt sprechen, und er würde bemerklich machen, wenn er auf diese Dinge zu reden käme, daß allerdings in seinen Zeiten und auf seinem Territorium aus ganz anderen Untergründen heraus die Zivilisation begründet worden ist. Er würde wahrscheinlich sagen: Zu meinen Zeiten spielte die Furcht im Zivilisationsleben eigentlich keine Rolle. Zu meiner Zeit — wenn es sich darum handelte, eine Weltanschauung herauszutragen in die Welt und daraus Tat und soziales Leben zu machen — spielte die Hauptsache die Lust, die sich steigern konnte zur völligen Hingabe an die Welt, die sich steigern konnte zur Liebe.

[ 3 ] Let us make this quite clear. I mean that a sage of the ancient Eastern civilization would speak in this way if he stood again today among Western people with the same standard of education, the same mood of soul, as those of his ancient time. He would make it plain that in his time and his country, civilization was founded on a completely different basis.He would probably say, “In my day, fear played no part in civilized life. Whenever we were to promulgate a world conception, allowing action and social life to spring from it, the main thing was joy—joy that could be enhanced to the point of a complete giving of oneself to the world, that then could be enhanced to love.”

[ 4 ] Das würde er so empfinden, und dadurch würde er von seinem Standpunkte aus hinweisen, wenn er richtig verstanden würde, auf allerwichtigste Ingredienzien, auf allerwichtigste Impulse in dem heutigen Zivilisationsleben. Und verstünden wir es, ihn in richtiger Weise zu hören, dann würde uns dadurch vieles gegeben sein, was wir eigentlich brauchen, um den Punkt zu finden, von dem ausgegangen werden muß in der Erfassung des Lebens der Gegenwart.

[ 4 ] This is how he would experience it, and he would indicate as a result (if he were rightly understood) what were from his point of view the most important ingredients, the most important impulses, of modern civilization. If we knew how to listen to him in the right way, we would gain much that we really need to know in order to find a starting point for trying to get a grip on modern life.

[ 5 ] Im Grunde ist es doch so, daß drüben in Asien, wenn auch starke europäische Einflüsse in das religiöse, in das ästhetische, in das wissenschaftliche, in das soziale Leben aufgenommen worden sind, der Nachklang herrscht der alten Zivilisation. Diese alte Zivilisation ist ja in Dekadenz, im Niedergange, und wenn der alte orientalische Weise sagt: Die Liebe war die Grundkraft der alten orientalischen Zivilisation —, so muß allerdings gesagt werden: Davon ist ja in der Gegenwart unmittelbar wenig zu bemerken. Aber wer zu sehen vermag, sieht selbst in den Niedergangserscheinungen der asiatischen Kultur durchaus diesen Einschlag eines ursprünglichen Elementes der Lust, der Freude, der Liebe an der Welt und zur Welt.

[ 5 ] Actually, an echo of the ancient civilization still prevails in Asia, though strong European influences have been absorbed into its religious, aesthetic, scientific, and social life. This ancient civilization is in decline, and when the ancient Oriental sage says, “Love was the fundamental force of the ancient Oriental civilization,” then certainly it must be admitted that but little of this love can be traced directly in the present. One who is able to discern it, however, can see even now, in the phenomena of decline of the Asiatic culture, the penetration of this primeval element of joy, of delight in the world and love for the world.

[ 6 ] Es gab im Oriente wenig von dem in alten Zeiten, was dann von den Menschen gefordert worden ist, seit ihnen erklungen ist das Wort, das am radikalsten zum Vorschein kam durch den griechischen Spruch: «Erkenne dich selbst!» Dieses «Erkenne dich selbst!», es trat eigentlich erst in der Zeit, als die ältere griechische Kulturentwickelung da war, in das menschliche geschichtliche Leben ein. Die umfassende, lichtvolle altorientalische Weltanschauung, sie war noch nicht durchdrungen von einer solchen Art von Menschenerkenntnis; sie war überhaupt nicht eigentlich darauf gerichtet, den Blick nach dem Inneren des Menschen zu wenden. Der Mensch ist ja in dieser Beziehung abhängig von den Verhältnissen, die in seiner Umwelt herrschen. Die altorientalische Kultur wurde einfach begründet unter einer anderen Wirkung des Sonnenlichtes auf die Erde, unter einer anderen Einwirkung der irdischen Verhältnisse selbst als die spätere westliche Kultur. Der innere Blick des Menschen wurde im alten Oriente, man möchte sagen, gefangengenommen von dem, was den Menschen als Welt umgab, und er hatte besondere Veranlassung, sich mit seinem ganzen Inneren hinzugeben an die Welt. Welterkenntnis war es, was in der alten orientalischen Weisheit und in der Auffassung der Welt durch diese altorientalische Weisheit blühte. Und auch in dem, was im alten Oriente in den Mysterien selbst lebte — Sie können das entnehmen aus alledem, was seit vielen Jahren nach dieser Richtung zu Ihnen gesprochen worden ist —, war nicht enthalten eine eigentliche Befolgung der Forderung «Erkenne dich selbst!». Richte den Blick in die Welt, versuche, an dich herankommen zu lassen, was in den Tiefen der Welterscheinungen verborgen ist! — das würde man viel eher als eine Forderung der altorientalischen Kultur aufstellen können. Aber genötigt wurden die Mysterienlehrer und Mysterienschüler, den Blick nach dem Inneren des Menschen zu lenken, als die asiatische Zivilisation sich mehr nach dem Westen hin ausbreitete. Schon als die Mysterienkolonien in Ägypten durch Nordafrika hindurch begründet wurden, aber namentlich als dann die Mysterien mehr nach dem Westen hin — eine besondere Stätte war ja das alte Irland — in Mysterienkolonien sich entfalteten, da trat an die Mysterienlehrer und die Mysterienschüler, die von Asien herüberkamen, einfach durch die geographischen Verhältnisse des Westens und damit durch die ganz andere elementarische Ausgestaltung der westlichen Welt die Notwendigkeit heran nach der Selbsterkenntnis des Menschen, nach einer wirklichen Innenschau. Und durch das, was sich diese Mysterienschüler in Asien schon erobert hatten an äußerer Welterkenntnis, an Erkenntnis der geistigen Tatsachen und Wesenheiten, die der äußeren Welt zugrunde liegen, einfach dadurch konnten sie nunmehr tief eindringen in dasjenige, was eigentlich im Inneren des Menschen vorhanden ist.

[ 6 ] In those ancient times there was in the Orient little of what afterward has been required of man since the thought resounded that found its most radical expression in the Greek saying, “Know thyself!” This “Know thyself” actually entered human historical life only in the ancient Greek culture. The ancient Eastern world conception, comprehensive and light-filled, was not yet permeated by this kind of human knowledge; it was in no way oriented toward directing man's gaze into his own being. In this respect the human being is dependent on the conditions prevailing in his environment. The ancient Oriental culture was founded under a different effect of sunlight on the earth, and its earthly conditions were also different from those of the later Western culture. In the ancient East, man's inner gaze was captured, one could say, by all that surrounds the human being as the world, and he had a special Inducement for giving over his entire inner being to the world. It was cosmic knowledge that blossomed in the ancient Oriental wisdom and in the view of the world that owed its origin to this wisdom. Even in the mysteries themselves—you can infer this from all you have been hearing for many years—in all that lived in the mysteries of the East there was no actual adherence to the challenge, “Know thyself!” On the contrary—“Turn your gaze outward toward the world and try to let that approach you which is hidden in the depths of cosmic phenomena!”—that is how the challenge of the ancient Oriental culture would have been expressed. The teachers and pupils of the mysteries were compelled, however, to turn their gaze to the inner being of man when the Asiatic civilization began to spread westward. As soon, indeed, as mystery colonies were founded in Egypt and in North Africa, but particularly when the mysteries began to develop their colonies still further to the West—a special center was ancient Ireland—then the teachers and pupils of the mysteries coming over from Asia were faced, simply by virtue of the geographical conditions of the Western world and its entirely different elemental configuration, with the necessity of cultivating self-knowledge and a true inner vision. Simply because these mystery pupils, when still in Asia, had acquired knowledge of the outer world—knowledge of the spiritual facts and beings lying behind the outer world—simply through this, they were now able to penetrate deeply into all that actually exists in man's innermost being.

[ 7 ] Man hätte das in Asien drüben gar nicht beobachten können. Es würde gewissermaßen der nach innen gerichtete Blick gelähmt worden sein. Aber mit dem, was man durch den nach außen gerichteten Blick, der in die geistige Welt hineindrang, mitbrachte nach den westlichen Mysterienkolonien, konnte man nun hineinschauen in das menschliche Innere. Und eigentlich nur die stärksten Seelen konnten wirklich, man möchte sagen, zunächst aushalten, was da im menschlichen Inneren zu erblicken war. Menschliche innere Wesenheit kam eigentlich zunächst zum Bewußtsein der Menschheit in diesen vom Oriente ausgehenden und in westlichen Gebieten begründeten Mysterienkolonien. Man merkt eigentlich, was diese Selbsterkenntnis des Menschen für einen Eindruck machte auf diese orientalischen Mysterienlehrer und Mysterienschüler, wenn man ein Wort wiederholt, das immer wieder von den Lehrern, die schon diesen Blick nach dem Inneren des Menschen gehabt hatten, an die Schüler gerichtet worden ist und durch das ihnen klargemacht werden sollte, in welcher Art von Seelenverfassung menschliche Selbsterkenntnis eigentlich aufzufassen ist.

[ 7 ] In Asia all this could not have been observed at all. The inward-turning gaze would have been paralyzed, so to speak. By means of all that was brought from the East to the Western mystery colonies, however, man's gaze having long been directed outward so as to penetrate into the spiritual worlds, was now enabled to penetrate into man's inner being. It was actually only the strongest souls who could endure what they perceived. Man's inner being actually first came to the consciousness of humanity in these mystery colonies transported from the Orient and founded in Western regions. One can indeed realize what an impression was produced by this self-knowledge on the teachers and pupils of the Oriental mysteries if we repeat a saying that was addressed to the pupils over and over again by the teachers who had already cultivated that vision of man's inner being, a saying that was to make clear to them in what kind of mood of soul this self-knowledge was actually to be approached.

[ 8 ] Das Wort, das ich meine, wird viel zitiert. Es wurde aber nur mit seinem vollen Gewichte in den älteren Mysterienkolonien Ägyptens, Nordafrikas, Irlands ausgesprochen zur Vorbereitung für den Schüler, zur Beachtung für den Eingeweihten überhaupt gegenüber den innermenschlichen Erlebnissen. Das Wort, das da ausgesprochen wurde, das ist: Keiner, der nicht eingeweiht ist in die heiligen Mysterien, sollte die Geheimnisse des Menscheninneren erfahren, denn vor einem Uneingeweihten diese Geheimnisse auszusprechen, ist unstatthaft; es macht sich dann der Mund sündhaft, der diese Geheimnisse ausspricht, und es wird sündhaft das Ohr, das diese Geheimnisse hört!

[ 8 ] The saying to which I am referring is frequently quoted. In its full weight it was uttered only in the more ancient mystery colonies of Egypt, North Africa, and Ireland as a preparation for the pupil and as a reminder for every initiate regarding the experiences of man's inner being. The saying runs thus, “No one who is not initiated in the sacred mysteries should discover the secrets of man's inner being; to utter these secrets in the presence of a non-initiate is forbidden; the mouth uttering these secrets lays the burden of sin upon itself, and the ear burdens itself with sin when it hearkens to those secrets.”

[ 9 ] Oftmals ist dieses Wort ausgesprochen worden aus innerem Erleben heraus, aus dem, was eben ein durch orientalische Weisheit vorbereiteter Mensch erfahren konnte, wenn er durch die irdischen Verhältnisse des Westens zur Menschenerkenntnis vordrang. Der Tradition nach hat sich dieses Wort erhalten, und heute wird es — allerdings in seinem innersten Wesen unverstanden — in den Geheimorden und Geheimgesellschaften des Westens, die aber nach außen hin eigentlich einen großen Einfluß haben, immer wiederholt. Aber es wird eben aus der Tradition heraus wiederholt. Es wird nicht mit dem nötigen Gewichte ausgesprochen, denn man weiß eigentlich nicht, was man damit sagen soll. ‚Aber auch jetzt ist es durchaus so, daß in den Geheimorden des Westens, von denen ich oftmals gerade an dieser Stätte gesprochen habe, dieses Wort wie eine Devise gebraucht wird: Es gibt Geheimnisse über das menschliche Innere, die dürfen nur innerhalb der Geheimgesellschaften dem Menschen mitgeteilt werden, denn es ist sonst eben sündhaft der Mund, der sie ausspricht, sündhaft das Ohr, das sie hört.

[ 9 ] Time and again this saying was uttered from the inner experience that an individual, prepared by Oriental wisdom, was able to attain when he penetrated, by virtue of the earthly conditions of the West, to knowledge of the human being. Tradition has preserved this saying, and today it is still repeated—without any understanding of its innermost nature—in the secret orders and secret societies of the West that outwardly still have a great influence. It is repeated only from tradition, however. It is not uttered with the necessary weight, for those who say it do not really know what it signifies. Even in our time, however, this saying is used as a kind of motto in the secret orders of the West: “There are secrets concerning man's inner being that can be transmitted to people only within the secret societies, for otherwise the mouth uttering them is sinful, and the ear hearing them is likewise sinful.”

[ 10 ] Man muß ja sagen: So, wie sich die Zeiten entwickelt haben, so lernen manche Menschen — nicht der mitteleuropäischen, aber der westlichen Länder — in ihren Geheimgesellschaften mancherlei, was als Tradition sich aus alten Weisheitsforschungen erhalten hat. Es wird unverstanden aufgenommen, obwohl es eigentlich vielfach als ein Impuls ins Handeln hineindringt. Es war ja durchaus so, daß in den neueren Jahrhunderten, eigentlich schon seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, die Konstitution des Menschen eine solche wurde, die wiederum unmöglich machte, diese Dinge in ihrer ursprünglichen Gestalt zu sehen. Man konnte sie nur intellektuell aufnehmen. Man konnte Begriffe davon bekommen, aber man konnte nicht zu dem eigentlichen Erleben vordringen. Nur Ahnungen haben einzelne Menschen gehabt. Durch Ahnungen allerdings sind dann manche Menschen in jene Regionen des Erlebens eingedrungen, um die es sich da handelt. Und solche Menschen haben manchmal sonderbare äußere Lebensformen angenommen, wie zum Beispiel Lord Bulwer, der den «Zanoni» geschrieben hat. So wie er in seinen späteren Lebensjahren geworden ist, das ist ja nur zu begreifen, wenn man weiß, wie er zunächst die Tradition der menschlichen Selbsterkenntnis aufgenommen hat, wie er aber durchaus durch seine besondere individuelle Konstitution fähig war, schon in gewisse Mysterien einzudringen. Dadurch aber entfernte er sich von der Naturgemäßheit des Lebens. Gerade an ihm kann man sehen, wie der Mensch dem Leben gegenüber sich dann verhält, wenn er im Inneren eben diese andersgeartete geistige Welt nicht bloß in Begriffen aufnimmt, sondern in die ganze Seelenverfassung, eben in das innere Erleben. Man muß dann manches anders beurteilen, als es nach dem Maßstabe der gewöhnlichen Philisterei geschehen kann. Es ist ja natürlich etwas Ungeheuerliches, wenn Bulwer herumgezogen ist so, daß er mit einer gewissen Emphase seine inneren Erlebnisse ausgesprochen hat, dann aber bei sich hatte eine jüngere weibliche Gestalt, die ein harfenartiges Instrument spielte, und immer dieses Spiel des harfenartigen Instrumentes zwischen den einzelnen Passagen seiner Rede brauchte. Er erschien da oder dort in den Gesellschaften, in denen es ja sonst formell ganz philisterhaft herging; er erschien aber niemals allein. Da erschien er in seiner etwas absonderlichen Tracht, setzte sich, und vor seinen Knien saß dann gewissermaßen sein Harfenmädchen, und wenn er sprach, dann sprach er einige Sätze, dann wiederum spielte das Mädchen, dann setzte er fort, dann spielte das Mädchen wieder. So stellte er etwas in einem höheren Sinne Kokettes — so muß man es zunächst aussprechen — in die gewöhnliche Welt des menschlichen Philisteriums hinein, jenes Philisteriums, in das die Menschheit ja immer mehr hineinwuchs, besonders seit der Mitte des 15. Jahrhunderts.

[ 10 ] One must say that, as time has evolved, many people—not in Central Europe but in Western lands—learn in their secret societies what has been handed down as tradition from the researches of the ancient wisdom. It is received without understanding, although as an impulse it actually often flows into action. In more recent centuries, actually since the middle of the fifteenth century, the human constitution has become such as to make it impossible to see these things in their original form; they could be absorbed only intellectually. One could receive concepts about them, but one could not attain a true experience of them. Individuals had only some intimations of it. Many people could penetrate into this realm of experience through such intimations. Such people have sometimes adopted strange forms of outer life, as, for instance, Bulwer Lytton, who wrote Zanoni.1 Edward George Earl Bulwer-Lytton, 1803–1873. What he became in his later life can be grasped only if one knows how he received, to begin with, the tradition of self-knowledge, but how, by virtue of his particular, individual constitution, he was also able to penetrate into certain mysteries. He thereby became estranged from the natural ways of life. Precisely in him it is possible to see what a man's attitude toward life becomes when he admits into his inner experience this “foreign” spiritual world, not merely into his concepts but into his whole mood of soul. Many facts must then be judged by other than conventional standards. It appeared, of course, quite outlandish when Bulwer traveled about, speaking of his inner experiences with a certain emphasis, while a young woman who accompanied him played a harp-like instrument, for he always needed to have this harp-music in between the passages of his talk. Here and there he appeared in gatherings where everything else went on in a completely formal, conventional way. He would enter in his rather eccentric garb and sit down, with his harp-maiden seated in front of his knees. He would speak a few sentences; then the harp-maiden would play; then he would continue his talk, and the maiden would play again. Something coquettish, in a higher sense of the word—one cannot help characterizing it in this way at first—was thus introduced into the ordinary world where pedantic human convention has made such increasing inroads, particularly since the middle of the fifteenth century.

[ 11 ] Es weiß die Menschheit von dem Grade der Philistrosität, in den sie hineingewachsen ist, nicht viel, und immer weniger weiß sie davon, weil diese ein Naturgemäßes wird. Man sieht nur das als vernünftig an, wie man sich nun eben jetzt «benimmt». Aber die Dinge im Leben hängen zusammen, und die moderne Trockenheit und Schläfrigkeit, die moderne Art, von Mensch zu Mensch sich zu verhalten, gehört als Folge zu der intellektualistischen Entwickelung der letzten Jahrhunderte. Beide Dinge gehören zusammen. Solch ein Mensch wie Bulwer paßt da natürlich an sich nicht hinein. Man kann es sich ja durchaus als ein Mögliches vorstellen, daß die älteren Menschen in der Welt herumgehen und von den jüngeren mit einer angenehmen Musik begleitet werden. Man muß nur den Abstand der einen Seelenverfassung von der anderen im richtigen Lichte sehen, dann wird einem so etwas doch auch im richtigen Lichte erscheinen können. Aber es war bei Bulwer so, weil in ihm etwas aufleuchtete, was so unmittelbar nicht da sein konnte in der modernen intellektualistischen Zeit, sondern nur als Tradition.

[ 11 ] Humanity has little idea of the degree of conventionalism into which it has grown; people have less and less idea of it simply because it comes to seem natural. One sees something as reasonable only insofar as it is in line with what is “done.” Things in life, however, are all interconnected, and the dryness and indolence of modern times, the relationship human beings now have to one another, belongs to the intellectual development of the last few centuries. The two things belong together. A man such as Bulwer Lytton, of course, did not fit into such a development; one can quite well picture to oneself people of more ancient times traveling about in the world accompanied by a younger person with some pleasant music. The disparity between one attitude of soul and another need only be seen in the right light; then such a thing can be understood. With Bulwer Lytton, however, something lit up in him that no longer could exist directly in the modern intellectual age but only as tradition.

[ 12 ] Aber kennenlernen muß man wiederum, was Menschenerkenntnis war.in den Mysterienkolonien, auf die ich hingewiesen habe. Der gewöhnliche Mensch der heutigen Zeit sieht um sich herum die Welt durch die äußeren physischen Sinneseindrücke. Er kombiniert das, was er sieht, mit seinem Verstande. Und er sieht dann auch in sein Inneres hinein. Im Grunde genommen ist das die Welt, die der Mensch überschaut, und aus der heraus er auch handelt. Die Sinneseindrücke, die er von außen empfängt, das, was er aus diesen Sinneseindrücken als Vorstellungen entwickelt, das, was dann von diesen Vorstellungen nach dem Inneren hinein durch Gefühlsimpulse, Willensimpulse umgewandelt wird und was dann wiederum als Erinnerungen des Lebens zurückstrahlt in das Bewußtsein, das ist der Inhalt der Seelenverfassung, der Inhalt des Lebens, in dem der Mensch in der Gegenwart webt, aus dem heraus er handelt. Der Mensch der Gegenwart fragt eigentlich höchstens mit falscher Mystik: Was ist da eigentlich in dem Inneren drinnen? Was ergibt sich der Selbsterkenntnis? — Indem er eine solche Frage aufwirft, will er sich die Antwort geben aus seinem gewöhnlichen Bewußtsein heraus. Aber aus diesem gewöhnlichen Bewußtsein kommt nichts anderes, als was eigentlich aus den äußeren Sinneseindrücken entstanden und durch Gefühl und Wille umgewandelt ist. Die Reflexe, die Spiegelbilder des äußeren Lebens findet man, wenn man auf die Weise des gewöhnlichen Bewußtseins nach dem Inneren hineinschaut. Und wenn auch die äußeren Eindrücke durch Gefühl und Wille umgewandelt sind — der Mensch weiß ja nicht, wie Gefühl und Wille eigentlich wirken, und so sieht er sehr häufig das, was er da in seinem Inneren sieht, weil es umgewandelt ist, nicht an als das Spiegelbild der äußeren Welt, sondern als eine besondere Verkündigung einer göttlichen Welt, einer ewigen Welt und dergleichen. Das ist es aber nicht. Es ist das, was dem gewöhnlichen Bewußtsein für den heutigen Menschen als Selbsterkenntnis erscheint, nur die umgewandelte Außenwelt, die aus seinem eigenen Inneren in sein Bewußtsein hinein sich spiegelt. Würde der Mensch in sein Inneres wirklich hineinschauen wollen, dann müßte er — ich habe das Bild schon öfter hier gebraucht — das, was der innere Spiegel ist, zerbrechen.

[ 12 ] One must, however, recover the knowledge of the human being that lived in the mystery colonies of which I have spoken. The ordinary human being today is aware of the world around him by means of his outer, physical sense impressions. What he sees, he orders and arranges with his intellect. Then he looks also into his own inner being .Basically this is the world that man surveys and out of which he acts. The sense impressions received from outside, the mental images developed from these sense impressions, these mental images as they penetrate within, becoming trans-formed by impulses of feeling and of will, together with everything that is reflected back into consciousness as memories—here we have what forms the content of the soul, the content of life in which modern man weaves and out of which he acts. At most modern man is led by a kind of false mysticism to ask, “What is actually within my inner being? What does self-knowledge yield?” In raising such questions he wishes to find the answer in his ordinary consciousness. This ordinary consciousness, however, only emerges from what actually originated in outer sense impressions and has been transformed by feeling and will. One finds only the reflections, the mirror-images, of outer life when looking in to one's inner being with ordinary consciousness; and although the outer impressions are transformed by feeling and will,man still does not know how feeling and will actually work. For this reason he often fails to recognize what he sees in his inner being as a transformed mirror-image of the outer world and takes it, perhaps, as a special message from the divine, eternal world. This is not the case, however. What appears to the ordinary consciousness of modern man as self-knowledge is only the transformed outer world, which is reflected out of man's inner being into his consciousness.

[ 13 ] Unser Inneres ist ja wirklich wie ein Spiegel. Wir schauen die Außen welt an. Hier sind die äußeren Sinneseindrücke. Daran knüpfen wir Vorstellungen. Dann werden diese Vorstellungen von dem Inneren gespiegelt. Wir kommen, indem wir nach dem Inneren hineinschauen, nur zu diesem Spiegel im Inneren (siehe Zeichnung Seite 20, rot). Wir sehen das, was in dem Erinnerungsspiegel zurückgeworfen wird (rote Pfeile). Wir können mit diesem gewöhnlichen Bewußtsein geradesowenig in das Innere des Menschen hineinschauen, wie man, ohne ihn zu zerbrechen, hinter den Spiegel schauen kann.

[ 13 ] If man really wished to look into his inner being, he would be obliged—I have often used this image—to break the inner mirror. Our inner being is indeed like a mirror.We gaze on the outer world. Here are the outer sense impressions. We link mental images to them. These mental images are then reflected by our inner being. By looking into our inner being we arrive only at this mirror (see drawing below, red). We see what is reflected in this memory mirror (red arrows). We are just as unable to gaze into man's inner being with ordinary consciousness as we are to look behind a mirror without breaking it.

[ 14 ] Das aber war gerade bewirkt worden durch die Vorbereitung im alten orientalischen Weisheitswesen, daß diese Lehrer und Schüler der nach dem Westen hin getragenen Mysterienkolonien scharf hinter die Erinnerungen in das Innere des Menschen hineinschauen konnten. Und aus dem heraus, was sie da erblickten, sprachen sie diese Worte, die darauf hindeuteten, daß sie eigentlich begreiflich machen wollten, wie man, insbesondere in jenen alten Zeiten, gut vorbereitet sein mußte, wenn man den Blick in dieses Innere des Menschen richten wollte.

[ 14 ] This, however, is precisely what was brought about in the preparatory stage of the ancient path of Oriental wisdom: the teachers and pupils of the mystery centers that came to the West could penetrate directly through the memories into the inner being of man.Out of what they discovered they afterward spoke those words that actually were meant to convey that one had to be well prepared—above all in those ancient times—if one wished to direct one's gaze to the inner being of man.

[ 15 ] Was sieht man denn da im Inneren des Menschen? Da sieht man, wie da allerdings von der Kraft des Wahrnehmens und Denkens, die sich entwickelt vor dem Erinnerungsspiegel, etwas hineindringt bis unter den Erinnerungsspiegel. Die Gedanken dringen unter diesen Erinnerungsspiegel hinunter und wirken in dem menschlichen Ätherleib, in demjenigen Teil des menschlichen Ätherleibes, der dem Wachstum, der aber auch der Entstehung der Willenskräfte zugrunde liegt. Indem wir hinausblicken in den sonnendurchhellten Raum, indem wir überblicken alles das, was uns aus den Sinneseindrücken kommt, strahlt etwas in unser Inneres, das ja allerdings auf der einen Seite zu den Erinnerungsvorstellungen wird, das aber doch durchsickert durch den Erinnerungsspiegel; was uns ebenso durchdringt, wie uns durchdringen, sagen wir, die Vorgänge der Ernährung, des Wachstums und so weiter. Die Gedankenkräfte durchdringen ja zunächst den Ätherleib, und dieser von den Gedankenkräften durchdrungene Ätherleib, der wirkt in einer ganz besonderen Weise nun auf den physischen Leib. Da entsteht im physischen Leib eine vollständige Umwandelung des materiellen Daseins, das im physischen Leib des Menschen ist. In der Außenwelt wird Materie nirgends vollständig zerstört. Daher sprechen die neuere Philosophie und Naturwissenschaft für die Außenwelt von der Erhaltung der Materie. Aber dieses Gesetz der Erhaltung der Materie gilt nur für die Außenwelt. Im Inneren des Menschen wird Materie vollständig zurückverwandelt in das Nichts. Vollständig wird die Materie da in ihrem Wesen zerstört. Unsere Menschennatur beruht gerade darauf, daß wir in der Lage sind, tiefer als die Erinnerung in ihr gespiegelt wird, die Materie in das Chaos zurückzuwerfen, die Materie vollständig zu zerstören.

[ 15 ] What, then, does one behold within the human being? There, one sees how something of the power of perceiving and thinking, which is developed in front of the memory-mirror, penetrates below this memory-mirror. Thoughts penetrate below this memory-mirror and work into the human etheric body, into that part of the etheric body that forms the basis of growth but is also the origin of the forces of will. In looking out into the sunlit-space and surveying all that we receive through our sense impressions, there radiates into our inner being something that on the one hand becomes memory images but that also trickles through the memory-mirror, permeating it just as the processes of growth, nutrition, and so on permeate us. The thought-forces first permeate the etheric body, and the etheric body, permeated in this way by the thought-forces, works in quite a special way on the physical body. Thereupon a complete transformation arises of the material existence that is within the physical body of man. In the outer world, matter is nowhere completely destroyed. This is why modern philosophy and science speak of the conservation of matter, but this law of the conservation of matter is valid only for the outer world. Within the human being, matter is completely dissolved into nothingness. The very essence of matter is fully destroyed. It is precisely upon this fact that our human nature is based: upon being able to throw back matter into chaos, to destroy matter utterly,within that sphere that lies deeper than memory.

[ 16 ] Das war es, worauf der Mysterienschüler gewiesen wurde, der vom Oriente in die Mysterienkolonien namentlich Irlands und des Westens überhaupt geführt worden ist: In deinem Inneren, unter dem Erinnerungsvermögen, da trägst du als Mensch etwas in dir, was auf Zerstörung ausgeht, und hättest du das nicht in dir, so hättest du dein Denken nicht entwickeln können, denn du mußt dein Denken dadurch entwickeln, daß die Denkkräfte den Ätherleib durchdringen. Aber ein Ätherleib, der von den Gedankenkräften durchdrungen wird, wirkt auf den physischen Leib so, daß er dessen Materie in das Chaos zurückwirft, zerstört.

[ 16 ] This is what was pointed out to the mystery pupils who were led from the East into the mystery colonies of the West, especially Ireland. “In your inner being, below the capacity for memory, you bear within you something that works destructively, and without it you could not have developed your thinking, for you must develop thinking by permeating the etheric body with thought-forces. An etheric body that is permeated with thought-forces, however, works on the physical body in such a way as to throw its matter back into chaos and to destroy it.”

[ 17 ] Wenn der Mensch daher mit derselben Gesinnung, mit der er bis zur Erinnerung vordringt, sich einläßt auf dieses menschliche Innere, dann tritt er ein in die Region, wo das Menschenwesen zerstören will, wo das Menschenwesen auslöschen will, was da ist. Wir alle tragen unter unserem Erinnerungsspiegel, gerade zum Behufe der Entwickelung des menschlichen gedankenvollen Ich, die Zerstörungswut, die Auflösungswut der Materie gegenüber. Es gibt keine menschliche Selbsterkenntnis, die nicht auf dieses innere menschliche Faktum in aller Intensität hinweist.

[ 17 ] If, therefore, a person ventures into this inner being of man with the same attitude with which he penetrates as far as memory, he enters a realm where the being of man wants to destroy, to extinguish, what is there. For the purpose of developing the human, thought-filled “I” or ego, we all bear within us, below the memory-mirror, a fury of destruction, a fury of dissolution, in relation to matter. There is no self-knowledge that does not point with the greatest intensity toward this inner human fact.

[ 18 ] Daher muß derjenige, welcher hingewiesen werden soll auf diesen im Inneren des Menschen befindlichen Zerstörungsherd, Interesse haben an der Entwickelung des Geistes. Er muß sich mit aller Intensität sagen können: Der Geist muß bestehen, und um des Bestandes des Geistes willen darf das Materielle ausgelöscht werden. — Erst nachdem zur Menschheit jahrelang wiederum von den Interessen gesprochen wird, die mit dem geisteswissenschaftlichen Forschen zusammenhängen, kann aufmerksam gemacht werden auf das, was sich eigentlich im Inneren des Menschen befindet. Aber es muß auch heute darauf aufmerksam gemacht werden, denn ohne das würde sich der Mensch immer für etwas anderes halten, als er gerade innerhalb der westlichen Zivilisation ist. Der Mensch ist innerhalb der westlichen Zivilisation die Umhüllung eines Zerstörungsherdes, und eigentlich können die Niedergangskräfte in die Aufgangskräfte nur übergeführt werden, wenn der Mensch sich bewußt wird, daß er die Umhüllung eines Zerstörungsherdes ist.

[ 18 ] For this reason, whoever has had to learn of the presence of this source of destruction2 “Source of destruction,” Zerstoerungsherd; -herd suggests a furnace or oven as well as a source. in the inner being of man must take an interest in the evolution of the spirit. With all intensity he must be able to say to himself: spirit must exist and, for the sake of the continuance of the spirit, matter should be extinguished. It is only after humanity has been spoken to for many years about the interests connected with spiritual scientific investigation that attention can be drawn to what actually exists within the human being. Today we must do so, however, for otherwise man would consider himself to be something different from what he really is within Western civilization. Within Western civilization man is the sheath for a source of destruction, and actually the forces of decline can be trans-formed into forces of ascent only if man becomes conscious of this, that he is the sheath for a source of destruction.

[ 19 ] Was würde geschehen, wenn der Mensch durch Geisteswissenschaft nicht auf dieses Bewußtsein hingeführt würde? Nun, wir sehen bereits in der Entwickelung der heutigen Zeit, was geschehen würde. Das, was gewissermaßen isoliert, abgesondert im Menschen ist und nur im Menschen wirken sollte, diese einzige Stelle haben sollte, wo Materie in ihr Chaos zurückgeworfen wird, das dringt heraus, das dringt in die äußeren menschlichen Instinkte. Das wird überhaupt westliche und Erdenzivilisation werden. Das zeigt sich in alledem, was an zerstörungswütigen Kräften heute zum Beispiel im Osten Europas und so weiter auftritt. Das ist die aus dem Inneren in das Äußere hineingeworfene Zerstörungswut, und der Mensch kann sich in der Zukunft gegenüber dem, was da eigentlich in seinen Instinkt übergeht, nur zurechtfinden durch etwas, was in ihm sein muß, wenn wiederum wirkliche Menschenerkenntnis eintritt, wenn wir wiederum aufmerksam gemacht werden auf diesen menschlichen Zerstörungsherd im Inneren, der aber da sein muß um der Entwickelung des menschlichen Denkens willen. Denn jene Stärke des Denkens, die der Mensch haben muß, damit der Mensch seine der heutigen Zeit angemessene Weltanschauung haben kann, diese Stärke des Denkens, die da vor dem Erinnerungsspiegel sein muß, die bewirkt die Fortsetzung des Denkens in den Ätherleib hinein, und dieser vom Denken durchdrungene Ätherleib, der wirkt eben in dieser Weise zerstörend auf den physischen Leib. Es ist einmal in dem modernen Menschen des Westens dieser Zerstörungsherd. Die Erkenntnis macht nur darauf aufmerksam. Und viel schlimmer ist es, wenn der Herd da ist, ohne daß der Mensch mit seinem Bewußtsein darauf hinweisen kann, als wenn der Mensch mit vollem Bewußtsein von diesem Zerstörungsherd Kenntnis nimmt und sich von diesem Gesichtspunkte aus in die moderne Zivilisationsentwickelung hineinbegibt.

[ 19 ] What would happen if man were not to be led by spiritual science out of this consciousness? Already in the evolution of our time we can see what would happen. What is isolated, separated, as it were, in the human being, and should work only within him, at the single spot within where matter is thrown back into chaos, now breaks out and penetrates outer human instincts. That is what will happen to Western civilization, yes, and to the civilization of the whole earth. This is shown by all the destructive forces appearing today—in Eastern Europe, for instance. It is a fury of destruction thrust out of the inner being of man into the outer world, and in the future man will be able to find his bearings regarding what actually flows into his instincts only when a true knowledge of the human being once again prevails, when we become aware once more of the human source of destruction within, which must be there, however, for the sake of the evolution of human thinking. This strength of thinking that man must have in order that he may have a world conception in keeping with our time, this strength of thinking which must be there in front of the memory-mirror, brings about the continuation of thinking into the etheric body, and the etheric body thus permeated by thinking works destructively upon the physical body. This source of destruction within modern Western man is a fact, and knowledge merely draws attention to it. If the source of destruction is there without man being able to bring it to consciousness, it is much worse than if man takes full cognizance of this source of destruction and from this stand-point enters into the evolution of modern civilization.

[ 20 ] Was die Schüler, die von diesen Geheimnissen zuerst gehört haben in diesen Mysterienkolonien, von denen ich gesprochen habe, zuerst befallen hat, war Furcht. Die haben sie gründlich kennengelernt. Gründlich kennengelernt haben sie die Empfindung, daß in das menschliche Innere hineinzuschauen — nicht unehrlich im Sinne einer nebulosen Mystik, sondern ehrlich hineinzuschauen —, Furcht einflößen muß, furchterregend ist. Und diese Furcht, sie wurde bei den alten Mysterienschülern des Westens nur dadurch vertrieben, daß man diese Schüler auf das ganze Gewicht der Tatsachen hingewiesen hat. Dann haben sie das, was da als Furcht entstehen muß, durch das Bewußtsein überwunden.

[ 20 ] When the pupils of these mystery colonies, of which I have spoken, first heard of these secrets, their immediate response was fear. This fear they learned to know thoroughly. They became thoroughly acquainted with the sensation that a penetration into man's inner being—not frivolously in the sense of a nebulous mysticism but undertaken in all sincerity—must instill fear. This fear felt by the ancient mystery pupils of the West was overcome only by disclosing to them the whole significance of the facts. Then they were able to conquer through consciousness what had to arise in them as fear.

[ 21 ] Als dann die intellektualistische Zeit heraufkam, da wurde diese Furcht unbewußt, und als solche unbewußte Furcht wirkt sie weiter. In allen möglichen Maskierungen wirkt sie im äußeren Leben. Es war aber einfach angemessen der modernen Zeit, in das menschliche Innere hineinzuschauen. «Erkenne dich selbst!», wurde eine richtige Forderung. Die Mysterienschüler wurden geradezu durch das Heraufrufen der Furcht, auf das dann die Überwindung dieser Furcht folgen konnte, in der richtigen Weise auf die Selbsterkenntnis gewiesen. Die intellektualistische Zeit trübte den Blick für das, was im menschlichen Inneren ist; aber sie konnte nicht die Furcht fortschaffen. Und so kam es, daß der Mensch selbst bis zu dem Grade unter dem Eindrucke dieser unbewußten Furcht stand und steht, daß er sagte und sagt: Es gibt überhaupt nichts im Menschen, was hinausliegt über Geburt und Tod. Er fürchtet sich, tiefer hinunterzuschauen als in dieses Erinnerungsleben, in dieses gewöhnliche Gedankenleben, das ja seine Gesetzmäßigkeit nur zwischen Geburt und Tod hat. Er fürchtet sich, hinunterzublicken in das eigentliche Ewige der Menschenseele, und aus dieser Furcht heraus begründet er die Lehre: Es gibt überhaupt nichts als dieses Leben zwischen Geburt und Tod. — Der moderne Materialismus ist aus der Furcht entstanden, ohne daß er im geringsten eine Ahnung davon hat. Ein Furcht- und Angstprodukt selbst ist diese moderne materialistische Weltanschauung.

[ 21 ] When the age of intellectualism set in, this same fear became unconscious, and as unconscious fear it is still active. Under all kinds of masks it works into outer life. It is suited to the modern age, however, to penetrate into man's inner being. “Know thyself” has become a rightful demand. It was by a deliberate calling forth of fear, followed by an overcoming of this fear, that the mystery pupils were directed to self-knowledge in the right way. The age of intellectualism dulled the sight of what lay in man's inner being, but it was unable to do away with the fear. It thus came about that man was and still is under the influence of this unconscious fear to the degree of saying, “There is nothing at all in the human being that transcends birth and death.” He is afraid of penetrating deeper than this life of memory, this ordinary life of thought, which maintains its legitimacy, after all, only between birth and death. He is afraid to look down into what is actually eternal in the human soul, and from this fear he postulates the doctrine that there is nothing at all outside this life between birth and death. Modern materialism has arisen out of fear, without having the least intimation of this. The modern materialistic world conception is a product of fear and anxiety.

[ 22 ] So lebt diese Furcht in den äußeren Handlungen der Menschen, in der sozialen Gestaltung, im geschichtlichen Werden seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, so lebt sie insbesondere im 19. Jahrhundert in der materialistischen Weltanschauung. Warum wurden die Leute Materialisten, das heißt, wollten nur gelten lassen das Äußere, im materiellen Dasein Gegebene? Weil sie sich fürchteten, in die Untergründe des Menschen hinunterzusteigen.

[ 22 ] This fear thus lives on in the outer actions of human beings, in the social structure, in the course of history since the middle of the fifteenth century, and especially in the nineteenth century materialistic world conception. Why did these people become materialists, that is, why would they admit only the outer, that which is given in material existence? Because they were afraid to descend into the depths of the human being.

[ 23 ] Das hätte aus seiner Erkenntnis heraus der alte orientalische Weise ausdrücken wollen, indem er gesagt hätte: Ihr Abendländer der Gegenwart lebt ja ganz aus der Furcht heraus. Ihr begründet eure sozialen Ordnungen aus der Furcht heraus, ihr treibt eure Künste aus der Furcht heraus. Ihr habt eure materialistische Weltanschauung aus der Furcht heraus geboren. Ihr und die Nachfolger derjenigen, wenn sie auch in die Dekadenz gekommen sind, die einstmals zu meiner Zeit die altorientalische Weltanschauung begründet haben, ihr und diese Menschen Asiens, ihr werdet euch niemals verstehen können, denn bei den Asiaten ist doch schließlich alles aus der Liebe entsprungen; bei euch entsteht alles aus der Furcht, die mit dem Haß verwandt ist.

[ 23 ] This is what the ancient Oriental sage would have wished to express from his knowledge by saying, “You modern Westerners live entirely steeped in fear. You establish your social order upon fear; you create your arts out of fear; your materialistic world conception has been born from fear. You and the successors of those who in my time established the ancient Oriental world conception, although they have come into decadence now—you and these people of Asia will never understand one another, because with the Asiatic people, after all, everything sprang ultimately from love; with you everything originates in fear mixed with hate.”

[ 24 ] Gewiß, solches klingt radikal, aber ich versuche es eben dadurch vorzubringen, daß ich es gerade einem altorientalischen Weisen in den Mund lege. Man wird vielleicht glauben, daß er so sprechen könnte, wenn er wieder aufstehen würde, während man vielleicht den Menschen der Gegenwart für närrisch ansehen würde, wenn er so radikal diese Dinge hinstellen würde. Aber lernen kann man doch gerade aus der radikalen Charakterisierung dieser Dinge, was wir heute für den gesunden Fortgang der Zivilisation eben lernen müssen. Die Menschheit wird wieder wissen müssen, daß das, was gerade die höchste Errungenschaft der neueren Zeit bildet, das verstandesmäßige Denken, gar nicht da sein könnte, wenn nicht das Vorstellungsleben im Inneren aus einem Zerstörungsherd aufstiege, den man erkennen muß, damit man ihn im Inneren hält, damit er nicht in die äußeren Instinkte übergeht und zu sozialen Impulsen werde.

[ 24 ] This certainly sounds radical, so I prefer to try to bring the facts before you as an utterance from the lips of an ancient Oriental sage. It will perhaps be believed that such a one could speak in this way were he to return, whereas a modern person might be considered foolish if he put these things so radically! From such a radical characterization of these things, however, we can learn what we really must learn today for the healthy progress of civilization. Humanity will have to know again that rational thinking, which is the highest attainment of modern times, could not have come into existence if the life of ideas did not arise from a source of destruction. This source must be recognized, so that it may be kept safely within and not pass over into outer instincts and thence become a social impulse.

[ 25 ] Man kann da schon tief in die Zusammenhänge des Lebens der neueren Zeit hineinsehen, wenn man diese Dinge überschaut. Die Welt also, die sich als ein solcher Zerstörungsherd ankündigt, sie liegt im Inneren jenseits des Erinnerungsspiegels. Aber das Leben des gegenwärtigen Menschen verläuft zwischen demjenigen, was dieser Erinnerungsspiegel gibt, und dem äußeren Sinneswahrnehmen. Und ebensowenig wie der Mensch hinunterblicken kann in sein eigenes Inneres bis jenseits des Erinnerungsspiegels, ebensowenig kann er das durchstoßen, was sich da außen ausbreitet als Sinneswahrnehmungen. Er dichtet eine materielle atomistische Welt hinzu, die eben eine phantastische Welt ist, weil er nicht durchstoßen kann durch diese Sinnesvorstellungen.

[ 25 ] One can really penetrate deeply into the connections of modern life by looking at things in this way. The world that manifests as a source of destruction lies within, beyond the memory-mirror. The life of modern man, however, takes its course between the memory-mirror and the outer sense perceptions. Just as little as the human being, when he looks into his inner being, is able to see beyond the memory-mirror, so far is he from being able to penetrate through all that is spread out before him as sense perception; he cannot see beyond it. He adds to it a material, atomistic world,which is indeed a fantastic world, because he cannot penetrate through the sensory mental images.

[ 26 ] Aber der Mensch ist nicht fremd dieser Welt jenseits der äußeren Sinnesvorstellungen. Er dringt jede Nacht zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in diese Welt hinein. Wenn Sie schlafen, sind Sie in dieser Welt drinnen. Was Sie da erleben, das ist jenseits der Sinnesvorstellungen, nicht die von den Phantasten der Naturwissenschaft aufgestellte atomistische Welt. Aber was da jenseits der Sinnessphäre ist, das erlebte wiederum gerade der altorientalische Weise in seinen Mysterien. Das aber kann man nur erleben, wenn man Hingabe hat an die Welt, wenn man den Drang und den Trieb hat, sich ganz hinzugeben an die Welt. Da muß Liebe in der Erkenntnis walten, wenn man hinter die Sinneseindrücke kommen will.

[ 26 ] Man is no stranger, however, to this world beyond the outer, sensory mental images. Every night between falling asleep and awakening he penetrates this world. When you sleep, you dwell within this world. What you experience there beyond the sensory mental images is not the atomistic world conjectured by the visionaries of natural science. What lies beyond the sphere of the senses was actually experienced by the ancient Oriental sage in his mysteries. One can experience it, however, only when one has devotion for the world, when one has the desire and the urge to surrender oneself entirely to the world. Love must hold sway in cognition if one wishes to penetrate beyond the sense impression. It was this love in cognition that prevailed especially in the ancient Oriental civilization.

[ 27 ] Diese Liebe in der Erkenntnis hatte insbesondere die alte orientalische Zivilisation. Und warum muß man diese Hingabe haben? Man muß diese Hingabe haben, weil, wenn man mit dem gewöhnlichen menschlichen Ich hineinkommen wollte in die Welt jenseits der Sinne, man Schaden nehmen würde. Man muß sein Ich, wie man es gewöhnlich hat, aufgeben, wenn man in diese Welt jenseits der Sinne eindringen will. Dieses Ich, wodurch entsteht es? Dadurch, daß das Menschenwesen in ein Chaos der Zerstörung eintauchen kann, bildet sich dieses Ich. Dieses Ich muß gestählt und erhärtet werden in derjenigen Welt, die im Inneren des Menschen als die Welt eines Zerstörungsherdes ist. Mit diesem Ich kann man nicht jenseits der Sphäre der äußeren Sinneswelt leben.

[ 27 ] Why must one have this devotion? One must have this devotion because, if one sought to enter the world beyond the senses with one's ordinary human I, one would be harmed. The I, as experienced in ordinary life, must be given up if one wishes to penetrate into the world beyond the senses. How does this I originate? This I is formed by the human being's capacity to plunge into the chaos of destruction. This I must be forged and hardened in that world lying within man as a source of destruction. With this I one cannot live beyond the sphere of the outer sense world.

[ 28 ] Stellen wir uns schematisch den Zerstörungsherd im Inneren des Menschen vor (siehe Zeichnung, rot). Er ist über den ganzen menschlichen Organismus ausgebreitet. Was ich da schildere, ist intensiv, nicht extensiv aufzufassen, aber ich werde es schematisch zeichnen. Da ist der Zerstörungsherd, da ist die menschliche Hülle. Wenn das, was im Inneren ist, über die ganze Welt verbreitet würde, was würde in der Welt leben durch den Menschen? Das Böse! Das Böse ist nichts anderes, als das nach außen geworfene, im Inneren des Menschen notwendige Chaos. Und in diesem Chaos, in dem, was im Menschen sein muß, aber auch in ihm bleiben muß als ein Herd des Bösen, in dem muß das menschliche Ich, die menschliche Egoität erhärtet werden. Diese menschliche Egoität kann nicht jenseits der menschlichen Sinnessphäre in der Außenwelt leben. Daher verschwindet das Ich-Bewußtsein im Schlafe, und wenn es auftritt in den Träumen, so erscheint es sich oftmals fremd oder geschwächt. Das Ich, das da in dem Herd des Bösen im Inneren eigentlich erhärtet wird, das kann da nicht hinein jenseits der Sphäre der Sinneserscheinungen. Daher die Anschauung des altorientalischen Weisen, daß man nur durch Hingabe, durch Liebe, durch Aufgabe des Ich da eindringen kann, und daß, wenn man ganz eindringt, man nicht lebt in einer Welt des Vana, des Webens in dem Gewohnten, sondern in der Welt, wo dieses gewohnte Dasein verweht ist, Nirvana ist. Auf diese Auffassung des Nirvana, des höchstgesteigerten Hingebens des Ich, wie es im Schlafe vorhanden ist, wie es in vollbewußter Erkenntnis vorhanden war für die Schüler der altorientalischen Zivilisation, würde anspielen solch ein altorientalischer Weiser, wie ich ihn sprechend hypothetisch vor Ihre Seele hingestellt habe. Und er würde eben sagen: Bei euch ist alles, weil ihr die Egoität ausbilden mußtet, auf die Furcht gegründet. Bei uns, weil wir die Egoität unterdrücken mußten, war alles auf Liebe gegründet. Bei euch spricht das Ich, das sich geltend machen will. Bei uns sprach das Nirvana, indem das Ich sich in die ganze Welt liebend ausgoß.

[ 28 ] Let us picture to ourselves the source of destruction in whole human organism. What I am portraying is to be understood intensively, not extensively, but I would like to sketch it for you. Here is the source of destruction, here the human sheath. If what is inside were to spread out over the whole world, what would then live in the world through man? Evil! Evil is nothing but the chaos thrust outside, the chaos that is necessary in man's inner being. In this chaos,which must be within man, this necessary source of evil in man, the human I, the human egoity, must be forged. This human egoity cannot live beyond the sphere of the human senses in the outer world. That is why the I-consciousness disappears in sleep, and when it figures in dreams it often appears as though estranged or weakened. The I, which is actually forged in the source of evil, cannot pass beyond the sphere of the sense phenomena. Hence to the perception of the ancient Oriental sage it was clear that one can go further only through devotion, through love, through a surrender of the I—and that on penetrating fully into this further region one is no longer in a world of Vana, of the weaving in the habitual, but rather in the world of Nirvana, where this habitual existence is dispersed. This interpretation of Nirvana, of the sublimest surrender of the I, as it exists in sleep, as it existed in fully conscious cognition for the pupils of the ancient Oriental civilization—it is this Nirvana that would be alluded to by an ancient Oriental such as the one I introduced to you hypothetically. He would say, “With you, since you had to cultivate the egoity, everything is founded on fear. With us, who had to suppress the ego, everything was founded on love. With you, there speaks the I that desires to assert itself. With us, Nirvana spoke, while the I flowed out lovingly into the entire world.”

[ 29 ] Faßt man diese Dinge in Begriffe, so sind sie da in einer gewissen Weise konserviert, aber sie leben in der Welt der Menschheit als Empfindungen, als Gefühle fluktuierend, und sie durchdringen das menschliche Dasein. Und in solchen Gefühlen und Empfindungen machen sie das aus, was auf der einen Seite heute im Oriente, was auf der anderen Seite im Okzident lebt. Im Okzident haben die Menschen ein Blut, haben die Menschen einen Lymphsaft, der durchtränkt ist von der Egoität, die erhärtet ist in dem inneren Herde des Bösen. Im Orient haben die Menschen ein Blut, eine Lymphe, in denen die Nachklänge leben des Nirvanasehnens.

[ 29 ] One can formulate these matters in concepts, and they are then preserved in a certain way, but for humanity they live as sensations, as feelings, fluctuating and permeating human existence. Such feelings and sensations constitute what lives today on the one hand in the Orient and on the other in the West. In the West, human beings have a blood, they have a lymph, that is saturated by egoity forged in the inner source of evil. In the Orient, human beings have a blood, a lymph, in which lives an echo of the longing for Nirvana.

[ 30 ] In ihrem Bewußtsein gehen die Menschen des Orients und des Okzidents im groben heutigen Vorstellen über diese Dinge hinweg, denn das Vorstellen des Intellekts hat etwas Grobes. Das Vorstellen des Intellekts drängt darnach, irgendwie dem lebendigen Organismus Blut abzuzapfen, es zum Präparat zu machen, das dann unter die Lupe zu nehmen und dann anzuschauen, da sich Vorstellungen zu machen. Die Vorstellungen, die man dadurch bekommt, sie sind schon für das gewöhnliche Erleben unendlich grob. Das ist es, was man da auf diese Weise überhaupt sagen kann. Glauben Sie, daß das die feinnuancierten Unterschiede zwischen den Menschen trifft, die, sich benachbart, hier nebeneinander sitzen? Das Mikroskop gibt natürlich nur grobe Begriffe von Blut, von Lymphe. Feinnuancierte Unterschiede sind schon vorhanden unter den Menschen, die aus denselben Milieuverhältnissen heraus entstanden sind. Aber diese Nuancierungen sind natürlich in intensivster Weise vorhanden zwischen den Menschen des Orients und des Okzidents, was heute der Verstand ja nur ganz grob vorstellen kann.

[ 30 ] Both in the East and in the West these things escape the crude intellectual concepts of our time. Intellectual understanding strives somehow to draw the blood from the living organism, put it on a slide, place it under a microscope, look at it, and then form ideas about it. The ideas thus arrived at are infinitely crude, even from the point of view of ordinary experience. This is all that can be said. Do you believe that this method touches the subtly graded distinctions between the people who sit here next to one another? The microscope naturally gives only crude concepts about the blood, about the lymph. Subtle shades of difference are to be found even among people who have come from the same milieu. These nuances, however, naturally exist much more intensely between human beings of the East and those of the West, although only a crude picture of them can be gained by the modern intellect.

[ 31 ] So lebt es in den Leibern der Menschen Asiens, Europas und Amerikas und wie sie sich zueinander verhalten, so lebt es im äußeren sozialen Leben sich aus. Mit jenem groben Verstande, der in den letzten Jahrhunderten dazu dienlich war, die äußere Natur zu erkennen, werden wir die Anforderungen des neueren sozialen Lebens nicht bezwingen können, werden wir insbesondere nicht den Ausgleich finden können zwischen dem Orient und dem Okzident. Aber der muß gefunden werden.

[ 31 ] All this thus lives in the bodies of the human being from Asia, Europe, and America, and in their relation to one another in outer social life. With the crude intellect that has been applied in the last few centuries to the investigation of outer nature, we shall not be able to tackle the demands of modern social life; above all we shall not be able to find the balance between East and West, though this balance must be found.

[ 32 ] Im Spätherbst gehen die Menschen zur Washingtoner Konferenz, und da soll über dasjenige verhandelt werden, was, ich möchte sagen, aus einer instinktiven Genialität heraus der General Smuts, der Südafrikaminister Englands, gesagt hat: Es ist einmal die Entwickelung der neueren Menschheit dadurch charakterisiert, daß der Ausgangspunkt der Kulturinteressen, der bisher in der Nordsee und im Atlantischen Ozean war, übertragen wird nach dem Stillen Ozean. Aus der Kultur der um die Nordsee herum liegenden Gebiete, die sich allmählich im Westen ausgedehnt hat, wird eine Weltkultur. Der Schwerpunkt dieser Weltkultur wird aus der Nordsee nach dem Stillen Ozean fortgetragen.

[ 32 ] In the late autumn of this year (1921) people will be going to the Washington Conference,3 Washington Conference, a disarmament conference held from November 1921 to February 1922. and discussions will take place there about matters that were summed up by General Smuts,4 Jan Christiaan Smuts, 1870–1950. England's Minister of South Africa, with, I would say, an instinctive genius. The evolution of modern humanity, he said, is characterized by the fact that the starting point for cultural interests, which has hitherto been in the regions bordering the North Sea and the Atlantic Ocean, is now moving to the Pacific. The culture of the regions situated around the North Sea has gradually spread throughout the West and will become a world culture. The center of gravity of this world culture will be transferred from the North Sea to the Pacific.

[ 33 ] Vor dieser Veränderung steht die Menschheit. Aber die Menschen reden heute noch so, daß dieses Reden aus den alten groben Begriffen heraus erfolgt und kein Wesenhaftes getroffen wird, das aber getroffen werden muß, wenn wir wirklich vorwärtskommen wollen. Die Zeichen der Zeit stehen bedrohlich und bedeutsam vor uns und sagen uns: Bisher brauchte man nur ein eingeschränktes Vertrauen zwischen Menschen, die sich eigentlich alle voreinander im geheimen fürchteten. Diese Furcht maskierte sich nur in allerlei andere Gefühle. Aber nunmehr brauchen wir eine Seelenverfassung, die eine Weltkultur wird umspannen können. Wir brauchen ein Vertrauen, das die Gegensätze zwischen Orient und Okzident ausgleichen kann. Da eröffnen sich bedeutsame Perspektiven; die brauchen wir. Die Menschen glauben heute nur über wirtschaftliche Fragen verhandeln zu dürfen, über die Stellung, die Japan im Stillen Ozean haben wird, über die Art und Weise, wie man China wird gestalten müssen, damit ein offenes Tor für alle übrigen kommerziellen, Handel treibenden Völker der Erde geschaffen werde und so weiter.

[ 33 ] Humanity stands face to face with this change. People still talk, however, in such a way that their speech emerges out of the old, crude concepts, and nothing essential is reached—although it must be reached if we are really to move forward. The signs of the times stand with menacing significance before us, and they say to us: until now only a limited trust has been needed between human beings, who in fact were all secretly afraid of one another. This fear was masked under all sorts of other feelings. Now, however, we need an attitude of soul that will be able to embrace a world culture. We need a trust that will be able to bring into balance the contrasts of East and West. Here a significant perspective opens up, which we need. People today believe that economic problems can be handled quite on their own account—the future position of Japan in the Pacific, or how to provide all the trading peoples on earth with free access to the Chinese market, and so on.

[ 34 ] Meine lieben Freunde, diese Fragen werden auf keiner Konferenz der Erde entschieden, bevor den Menschen nicht bewußt wird, daß zum Wirtschaften Vertrauen von einem Menschen zum anderen gehört. Und dieses Vertrauen, es wird in der Zukunft nur auf geistige Art errungen werden können. Die äußere Kultur wird die geistige Vertiefung brauchen. Ich wollte heute auf das, was in dieser Richtung hier oftmals geltend gemacht worden ist, wiederum von einer anderen Seite hindeuten. Wir werden morgen in diesem Sinne dann weiter sprechen.

[ 34 ] These problems, however,will not be settled at any conference until people become aware that all economic activities and relations presuppose the trust of one human being in another. In the future this trust can be attained only in a spiritual way. Outer culture will be in need of spiritual deepening. I wished today to look from a different viewpoint at matters we have discussed often before. Tomorrow we shall speak further in this way.